Kritikerbosheiten

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Titel: Kritikerbosheiten
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aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 580
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[580] Kritikerbosheiten. Heine und Börne, die klassischen Theaterkritiker – Lessing kommt hier nicht in Betracht, denn er hat seine Aufgabe ernster genommen – haben das Vorbild für Kritiker abgegeben, die sich gelegentlich in kleinen Bosheiten gefallen. Eine der empfindlichsten Recensionen leistete einmal M. G. Saphir, indem er in der „Theater-Zeitung“ über das Gastspiel eines an drei Abenden angetretenen stimmlosen Tenoristen Namens Hahn die Bibelstelle: „Und als der Hahn zum dritten Mal krähte, ging Petrus hinaus und weinte bitterlich“ abdrucken ließ. – Ein anderer, späterer Kritiker schrieb über eine durch fürstliche Gunst an einem Hoftheater festgehaltene, weder schöne noch kunsttüchtige Tänzerin: „Man sagte, Fanny Elsler tanze Hegel, und ich behaupte, Fräulein ** tanzt Schopenhauer – sie lehrt Einen die Weiber hassen.“ – Nicht minder ungalant sprach sich ein Berliner Recensent über die seiner Zeit engagirt gewesene, von hoher Stelle protegirte Tänzerin Soldanski aus, indem er folgende Meinung abgab: „Fräulein Soldanski soll tanzki, muß tanzki, kann aber nicht tanzki.“

Von einem Liebhaber, der bei seinem Debut durchfiel, schrieb ein Kritiker: „Der Debütant scheint trotzdem sehr viel Gluck in der Liebe zu haben, denn er hat namenloses Unglück im Spiel.“ – Derselbe Schauspieler war es, der einen witzigen Kollegen jenes Beurtheilers zu der Bemerkung verleitete, der junge Künstler habe Arme, die „so lang wie die Reue“ seien, und er laufe den Abend über damit herum, „als suche er mit nassen Händen ein Handtuch.“ Einer unabsichtlichen Bosheit sieht es gleich, wenn ein Theaterkritiker von einer Darstellerin der Maria Stuart einmal schrieb: „Wir hatten bisher geglaubt, daß diese Rolle Jugend und Schönheit erfordere; die Maria Stuart von gestern Abend hat uns belehrt, daß man einen Erfolg haben kann, ohne das Eine oder das Andere zu besitzen.“

Von einer Bühnenkünstlerin, die ihre besseren Tage längst hinter sich hatte und durchaus nicht zurücktreten wollte, schrieb ein Berliner Kritiker einmal: „Frau F. ist schließlich nicht mehr jung, wenn man bedenkt, daß es Friedrich der Große war, der gesagt hat: ‚Die F. – ja, die war einmal sehr schön.‘“

Eine nicht mehr in dem der Rolle angemessenen jugendlichen Alter stehende Darstellerin der „Rosine“ mußte von einem Opernrecensenten die Bemerkung hinnehmen: „Ich möchte diese Rosine wohl als Traube gekannt haben;“ – und ein später sehr berühmt gewordener Sänger hat nach dem Urtheil eines viel genannten Kritikers den „Don Juan“ am Berliner Opernhause „krähirt“ (anstatt krëirt). Man weiß, daß die wenigsten Menschen der Versuchung widerstehen können, einen „Witz“ zu unterdrücken: warum soll ein Kritiker diesen Heroismus besitzen, und mußte sich nicht der große Giacomo Meyerbeer gefallen lassen, von Heine „Maestro Fiascomo“ genannt zu werden?