Der Scharfrichter auf der Coblenzer Straße

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Autor: Heinrich Pröhle
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Titel: Der Scharfrichter auf der Coblenzer Straße
Untertitel:
aus: Rheinlands schönste Sagen und Geschichten, S. 128–132
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1886
Verlag: Tonger & Greven
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Erscheinungsort: Berlin
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans eines Exemplares der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung Berlin, Signatur 19 H 104 auf Commons; E-Text nach Deutsche Märchen und Sagen
Kurzbeschreibung:
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[128]
Der Scharfrichter auf der Coblenzer Straße.

Am 12. August 1752 spazierte ein rheinischer Scharfrichter auf der nach Coblenz führenden Straße. Da traf er plötzlich mit einem Trupp Leute zusammen, von denen sich jeder das Gesicht geschwärzt hatte. Sie umringten ihn und warfen ihn zu Boden. Alsdann knieten ihm zwei der Schwarzen auf den Leib und machten Miene, ihm mit einem dicken Tuche die Augen zu verbinden, dagegen er mit Händen und Füßen sich gewehrt und gestrampelt hat.

Endlich sprach ein Dritter: „Fritz, was machst Du für dumme Streiche! Laß uns gewähren, daß wir Dir die Augen verbinden. Dir soll nichts Übles geschehen. Dagegen kannst Du ein gutes Stück Geld verdienen, so Du thust, wie ich Dich heiße.“

Der Scharfrichter kannte nun doch wohl die Stimme dessen, der die Ansprache an ihn gehalten hatte. Das flößte ihm einiges Vertrauen ein, und ohnehin, was sollte er thun? Es waren sechs oder sieben handfeste Kerle, die ihn zu Boden geworfen hatten und umringten. Auch erinnerte er sich recht gut, daß er weit und breit keine Menschenseele außer diesen Burschen gesehen hatte, ehe sie ihn zu Boden warfen – wer sollte ihm also beistehen?

Er ließ sich die Augen verbinden, und so wurde er fortgeschoben und [129] fortgeschleppt. Es schien ihm aber, als kämen sie tief in einen Wald hinein, denn der Weg wurde etwas rauh, und man stolperte hin und wieder über eine Wurzel.

Endlich traf man mit einer Kutsche zusammen.

Der Scharfrichter hörte, wie sie stille hielt, und gleich darauf wurde er hineingeschoben.

Neben ihm nahmen mehrere Männer platz, der Scharfrichter bekam einige Rippenstöße und glaubte sogar zu fühlen, daß er mit Flintenkolben gestoßen würde.

Die Fahrt dauerte sehr lange. Zuweilen wurde auf kurze Zeit angehalten, wobei mehrmals neue Pferde vorgespannt wurden.

Öfters schlief der Scharfrichter vor Erschöpfung ein. Endlich aber wurde er aufgeweckt mit den Worten: „Gott sei Dank, da sind wir! Nun mach Dich auf die Beine, Fritz!“

Dem Scharfrichter wurde die Binde abgenommen. Er glaubte erst wieder aufzuleben, als er den grünen Rasen betrat und die Sonne zwischen den Eichen durchblicken sah.

Am Abende war er auf der Straße nach Coblenz niedergeworfen worden, und als die Nacht hereingebrochen war, mochte die Kutsche herangekommen sein. So war er also die ganze Nacht hindurch gefahren, und nun stand die Morgensonne am Himmel.

Die Pferde wurden ausgespannt, und die Gesellschaft lagerte sich im Kreise zu einem Frühmahle. Der Scharfrichter ließ sich das dargebotene kalte Fleisch vortrefflich schmecken. Ganz besonders aber sprachen alle dem trefflichen Weine zu, welcher ihnen eingeschenkt wurde.

Der Scharfrichter war am meisten zum Trinken genötigt worden, und zu ihm sprach endlich der Anführer der nächtlichen Fahrt, der ihm schon auf dem Wege nach Coblenz zugesprochen hatte: „Fritz, nun will ich Dir auch sagen, weshalb wir Dich hierher geschleppt haben. Du sollst einen Verbrecher vornehmen Standes, welcher nicht gut öffentlich bestraft werden kann, einen Kopf kürzer machen.“

„Was?“ rief der Scharfrichter, „ich weiß, was ich thun darf und was ich unterlassen muß. Mit solchen Dingen müßt Ihr mir vom Halse bleiben. Haltet Ihr mich denn für einen Mörder?“

[130] „Keineswegs“, antwortete sein Führer. „Du hörst ja, daß der Übelthäter[1] Hals und Kopf verwirkt hat.“

Dabei schenkte der Redner dem Scharfrichter von einem Getränke ein, das wie Feuer durch seine Adern rann. Der Scharfrichter trank den Krug noch zweimal leer, dann fuhr der Redner fort: „Es ist ein Galgenstrick, aber er ist für den Galgen zu angesehen. Drum sollst Du hier mit ihm thun, was Deines Amtes ist.“

„Ich habe kein Schwert bei mir“, sagte der Scharfrichter jetzt.

„Siehe hier, für ein Schwert ist gesorgt ,“ antwortete der Anführer nun.

Einer der Anwesenden sprang an den Wagen und holte ein Strohbündel von der Decke herunter. Er löste einige Stricke und ein Schwert in einer kostbaren Scheide kam zum Vorschein.

Das Schwert wurde dem Scharfrichter gereicht, und dieser, ohne zu wissen was er that, zog es aus der Scheide. Es war ganz leicht und dabei so scharf geschliffen, daß der Scharfrichter sich wohl getraut hätte, damit eine Feder, die in der Luft flog, in zwei Hälften zu teilen.

„Siehe,“ sprach sein Verführer, „das soll Dein sein und zehn Konventionsthaler mit der Mutter Gottes auf dem halben Monde dazu. Nun willige ein oder ich schieße Dich nieder.“

Dabei zog der Mann eine Pistole hervor und hielt sie dem Scharfrichter vor die Augen.

„Ja oder Nein will ich hören,“ rief der Verführer und zog den Hahn der Pistole auf. „Ja!“ sprach der Scharfrichter, und der Andere steckte die Pistole wieder ein.

In diesem Augenblicke hörte man Peitschen knallen. „Da sind sie,“ sagte der Eine der Anwesenden. Wirklich bog ein zweiter Wagen um die Waldecke.

Von dem Tritte dieses zweiten Wagens wurde zuerst ein schwerer Klotz abgelöst. Diesen stellte man mitten auf die Wiese und bedeckte ihn mit einem schwarzen Tuche.

Nun wurde der Wagen von außen mit einem Schlüssel aufgeschlossen. Ein hübscher junger Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren, mit einem seidenen Schlafrocke angethan, wurde herausgehoben. Des Gehens [131] war er nicht mehr mächtig, und so wurde er dem Blocke in der Mitte der Wiese zugeschleift.

„Thut Eure Schuldigkeit, Meister Fritz,“ hörte der Scharfrichter nun rufen, und zugleich wurde ein Dutzend Pistolen oder Büchsen auf ihn gerichtet. Mit schlotternden Knieen begab sich der Scharfrichter zu dem armen Sünder. Er zog ihm den Schlafrock aus, nahm ihm die Perrücke vom Kopfe und schlug ihm den Hemdskragen zurück.

Jetzt sprach der arme Sünder zu Fritz: „Nehmt diese Uhr von mir zum Andenken. Ich hoffe nicht, daß Ihr mich fehlen werdet.“

Die Uhr war schwer von Golde.

Nun zog der Scharfrichter seine Mütze ab und betete ein Vaterunser.

Alle Anwesenden, auch der Delinquent, thaten dasselbe.

Der Scharfrichter zögerte noch einen Augenblick, aber schon rief es von allen Seiten: „Vorwärts! Wir haben Eile!“

Schon wieder waren die Mündungen der Pistolen und Büchsen auf Fritz gerichtet.

Dieser untersuchte den Schlafrock nach einem Taschentuche. Er fand es und band dem armen Sünder die Hände damit auf dem Rücken zusammen. Hierauf ließ er ihn vor dem Blocke niederknieen.

Er brauchte ihm nicht zu sagen, daß der Kopf auf den Block gelegt werden solle. Gleichsam als würde derselbe dem vornehmen jungen Herrn zu schwer, ließ dieser das Haupt von selbst auf den Klotz fallen.

Der Scharfrichter zog jetzt wieder das Schwert aus der Scheide, prüfte nochmals die Schneide mit dem Finger und legte die stumpfe Seite der Klinge auf den Hals des Delinquenten, um die Stelle zu suchen, wo der Kopf vom Rumpfe getrennt werden müsse.

Da ertönte der Ruf: „Halt, keiner muckse sich!“

Der Scharfrichter stand wie versteinert und getraute sich nicht, das Schwert vom Halse des Delinquenten wegzuziehen. Es lag wohl eine Viertelstunde so, da schlüpfte endlich ein schwarzer schmächtiger Mann aus dem Wagen hervor, aus welchem früher der Delinquent herausgehoben war. Er winkte dem Scharfrichter, daß er das Schwert einstecken solle. Auch zog er eine Schrift hervor und las sie ab.

In dieser Schrift war von dem Markgrafen von Brandenburg-Onolzburg [132] die Rede, gegen welchen sich ein gewisser Herr von …dorf vielfältig vergangen haben sollte. Dieser Missethäter – unser Delinquent – sollte verurteilt sein, den Kopf und die rechte Hand zu verlieren. Aus Gnaden, hieß es in der Schrift, habe der Herr Markgraf dieses Urteil jedoch in lebenslängliche Haft auf der Freusburg umgewandelt.

Während der Vorlesung dieses Schriftstückes hatte der zu ewigem Gefängnis Begnadigte den Kopf langsam wieder vom Blocke emporgehoben. Das Aufstehen war ihm jedoch unmöglich. Fritz mußte ihn mit zwei anderen Männern anfassen und nach dem Wagen tragen.

Jetzt wurden dem Scharfrichter die zehn Konventionsthaler gereicht. Auch wurde ihm gesagt, daß er das sauer verdiente Schwert in seinem Wagen finden würde. Zugleich wurde ihm aber angekündigt, daß er sich wieder die Augen verbinden lassen und auf dieselbe Weise, wie er den Hinweg zurückgelegt hatte, nach seiner Heimat zurückkehren müsse.

Der Scharfrichter legte diesmal den ganzen Weg in seinem Wagen zurück. Die Fahrt dauerte vier Stunden. Als er ausgestiegen und seinen Augen die Binde abgenommen war, hatte er nur noch wenige Minuten zu gehen. Jedoch war über den gräßlichen Vorfall der Tag hingegangen. In seinem Wohnorte lag alles in tiefem Schlafe, als er dort wieder einzog. Nur seine eigene Familie war durch die Sorge wegen seines Ausbleibens noch wach erhalten worden.

Das Schwert, welches der Scharfrichter in seinem Wagen gefunden hatte, ist noch vorhanden.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Üebelthäter