Der dicke Bildschnitzer

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Textdaten
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Autor: Karl Eduard von Bülow
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Titel: Der dicke Bildschnitzer
Untertitel:
aus: Fliegende Blätter, Band 1, Nr. 7, S. 49–53 und Nr. 8, S. 57–60
Herausgeber: Kaspar Braun, Friedrich Schneider
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1845
Verlag: Braun & Schneider
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Erscheinungsort: München
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Quelle: MDZ München, Commons
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[49]
Der dicke Bildschnitzer.
(Aus Bülows Novellenbuch.)


Eines Sonntags Abends im Jahre vierzehnhundert neun versammelte sich eine Gesellschaft junger Leute zum Nachtessen bei dem Edlen Tomaso de Pecori in Florenz, einem großen Freunde der Kurzweil und Geselligkeit. Und als man über dies und jenes plaudernd nach Tische um das Feuer herumstand, sagte Einer aus der Gesellschaft: Was meint ihr, daß Manetto Ammanatini heute nicht gekommen ist? Wir haben ihm zugeredet, was wir konnten, er war nicht von der Stelle zu bringen.

Dieser Manetto, ein junger Bildschnitzer, hatte seine Werkstatt auf dem Platze San Giovanni, und galt für den geschicktesten Meister in Verfertigung ausgelegter Holzarbeiten. Er war ein aufgeweckter possirlicher Mensch, eher arglos als schlau von Natur, und wegen seiner ziemlich starken und großen Körpergestalt, in der erwähnten von ihm häufig besuchten Gesellschaft fröhlicher lebenslustiger Leute, vorzugsweise der Dicke genannt.

An diesem Abende hielten ihn entweder Geschäfte, oder Grillen, oder Anderes ab, und er hatte sich trotz aller Bitten nicht entschließen wollen, mit den Gesellen zu gehen.


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Indem sie sich nun darüber besprachen und sich die Ursache nicht erklären konnten, aus der er zurückgeblieben war, kamen sie endlich überein, es möge nichts Anderes als Grillenfängerei von ihm gewesen seyn. Ein wenig unwillig deshalb, sagte der Sprecher von vorhin: Wir sollten ihm einmal einen Streich spielen, auf daß er sich nicht gewöhnte, seine Grillen an uns auszulassen. Worauf ein Anderer erwiederte: Was können wir ihm anhaben? Lassen wir ihm nicht etwa die Zeche wo bezahlen, oder treiben einen ähnlichen Spaß mit ihm?

Es war unter dieser munteren Tischgesellschaft Einer, Namens Filippo di Ser Brunellesco, um seiner Kunst willen allbekannt. Dieser ging vertraut mit dem Dicken um, und kannte ihn genau. Wie er also jetzt ein wenig still nachgedacht, und bei sich erwogen hatte, daß der Dicke von sehr schwachem [50] Verstande sei, brach er in die Worte aus: Hört, lieben Freunde, wenn ihr Lust habt, so denke ich, wir könnten eine allerliebste Posse mit dem Dicken spielen, die uns gewiß den größten Spaß abwürfe. Käme es auf mich an, so machten wir ihm weiß, er sei aus sich selber heraus verwandelt, und nicht mehr der Dicke, sondern ein Anderer. Hierauf wendeten zwar die Andern ein, daß dies unmöglich auszuführen sei; Filippo wußte ihnen aber seine Meinung so annehmlich zu machen, stellte ihnen die Verstandesschwäche des Dicken so augenfällig dar, daß sie zuletzt nicht mehr an Ausführbarkeit des Planes zweifelten. Sie verständigten sich, wie einer nach dem andern den Dicken in dem Glauben bestärken solle, daß er ein gewisser Matteo sei, der auch zu der Gesellschaft gehörte, und die Sache nahm am nächstfolgenden Abende ihren Anfang dergestalt: Filippo di Ser Brunellesco, bekannter, wie gesagt, mit dem Dicken, als die Uebrigen, trat zu der Stunde, da die Handwerker ihre Läden zuzuschließen pflegten, in den Laden des Dicken ein, und schwatzte eine lange Weile mit ihm, bis verabredetermaßen ein kleiner Knabe eilig gelaufen kam, und fragte: Kommt hier nicht zuweilen Filippo di Ser Brunellesco her, und ist er vielleicht da? Filippo trat auf ihn zu, sagte, er wäre der Mann, und fragte das Kind, was es begehre? Der Knabe erwiederte: Ach! geht doch ja so schnell als ihr könnt nach Hause; es hat eure Mutter vor zwei Stunden der Schlag gerührt, und sie ist halb todt. Kommt aber ja recht bald. Filippo stellte sich an, heftig zu erschrecken, rief: Gott steh' mir bei, schüttelte dem Dicken die Hand, und nahm hastig von ihm Abschied. Der Dicke sagte theilnehmend: Ich will mit dir gehen, im Falle du meiner bedarfst. Das sind Fälle, in denen man seine Freunde nicht schonen muß. Filippo bedankte sich und sprach: Ich nehme dich nicht mit, aber wenn mir dein Beistand fehlt, so schicke ich nach dir. Er ging, und schlug anscheinend den Weg nach seiner Wohnung ein; als er aber eine Strecke entfernt war, bog er um, und begab sich zu des Dicken Hause, das der Kirche Santa Reparata gegenüber lag. Er öffnete, bekannt mit solchen Dingen, mit einem kleinen Messer, das er bei sich trug, die Thüre, und schob innen den Riegel vor, so daß Niemand hinein gelangen konnte.

Der Dicke hatte seine Mutter bei sich, die dieser Tage nach Polverosa gegangen war, wo sie ein Gütchen besaß, um da ihre Wäsche zu waschen und zu trocknen, und er erwartete sie alle Tage zurück. Er machte seine Werkstatt zu, ging seiner Gewohnheit nach einige Mal auf dem Platze San Giovanni auf und ab, den Kopf mit Gedanken an Filippo und dessen kranke Mutter erfüllt, und sagte bei sich selbst, nachdem ein Uhr des Nachts vorüber war: Nun bedarf der Filippo meiner doch nicht mehr, da er nicht zu mir schickt. Er beschloß also, nach Hause zu gehen. Und als er vor seiner Thüre, zu der man zwei Stufen in die Höhe trat, angelangt war, und wie sonst aufschließen wollte, versuchte er es mehrere Male, und merkte endlich, da es nicht ging, daß von innen der Riegel vor sei. Er klopfte an, und rief: Wer ist denn oben? Mach auf! – der Meinung, daß wohl seine Mutter vom Dorfe zurückgekommen sei, und aus Vorsicht den Riegel vorgeschoben habe. Filippo drinnen trat an den Treppenhals, und rief, des Dicken Stimme nachahmend: wer ist unten? Worauf der Dicke entgegnete: Mach' auf! – Filippo, als halte er den Pochenden für den Matteo, von dem schon die Rede war, rief, gleichwie der Dicke hinab: Ach, Matteo! geh' mit Gott, ich bin heute nicht aufgelegt, eben war Filippo di Ser Brunellesco in meiner Werkstätte bei mir, und ward abgeholt, weil seine Mutter seit ein paar Stunden schon auf den Tod krank liegt. Das hat mich für den ganzen Abend betrübt gemacht. Und nach innen gewendet, fügte er hinzu: Monna Giovanna, so hieß des Dicken Mutter, macht, daß ich zu essen bekomme. Es ist gar zu arg; vor zwei Tagen solltet ihr schon wieder da seyn, und heute kommt ihr nun so spät. Er schalt noch einige Worte so verdrossen hin, und ahmte des Dicken Stimme immer dabei nach.

Wie der Dicke drin so schreien hörte, und es ihm doch seine eigene Stimme schien, sagte er: Was heißt denn das? Kommt es mir doch vor, als sei der da oben ich, der da sagt, daß Filippo in seiner Werkstatt gewesen, als er zu seiner erkrankten Mutter gerufen ward! Und über dies schwatzt er ja mit Monna Giovanna. Bin ich bei Sinnen, oder wie ist mir? Er trat die beiden Stufen wieder hinab, ein wenig zurück, um zu dem Fenster hinauf zu rufen.

Da kam alsbald der Bildhauer Donato di Niccolo di Benetto Bardi, Donatello benannt, ein großer Freund des Dicken, hinzu; und wie er so in der Dämmerung vorüberging, sagte er: Guten Abend, Matteo; suchst du den Dicken? Der ging eben in's Haus hinein. Nach diesen Worten hatte er sich schon entfernt.

War aber der Dicke vorher voll Verwunderung, so stand er nun, wie er hörte, daß Donatello ihn Matteo nannte, ganz verblüfft, und ging wieder auf den San Giovanniplatz, indem er zu sich sagte: Ich will so lange hier stehen, bis Jemand vorbeigeht, der mich kennt, und mir sagen kann, wer ich eigentlich bin. Zu dem so halb von Sinnen Dastehenden kamen, nach Abrede, vier Diener des Handelsgerichtes, nebst einem Notar, und mit ihnen ein Gläubiger jenes Matteo, für den der Dicke schon auf dem besten [51] Wege war, sich zu halten. Der Gläubiger trat dicht zum Dicken heran, und sagte zu dem Notar und den Bewaffneten: Führt den Matteo hier weg, er ist mein Schuldner. Zum Dicken aber: Siehst du wohl, ich bin dir so lange auf den Fersen gefolgt, bis ich dich doch erwischt habe. Die Gerichtsdiener und der Notar nahmen den Beklagten fest und schickten sich an, ihn hinwegzuführen. Der Dicke aber sagte zu dem, der ihn greifen ließ: Was habe ich mit dir zu schaffen, der du Gewalt gegen mich brauchst? Heiß den Leuten mich loslassen: Du nimmst mich für einen Andern, ich bin nicht der, für den du mich halten magst, und du begehst schweres Unrecht, daß du mir solche Schande anthuest. Ich habe nichts mit dir gemein. Ich bin der dicke Tischler und nicht der Matteo, und weiß nicht, was für ein Matteo ich seyn soll. Hiermit wollte er anfangen, sich zu widersetzen, da er sehr stark und kräftig war; die Häscher fielen ihm aber rasch in die Arme und hielten ihn. Der Gläubiger trat vor ihm hin, sah ihm scharf in's Auge und sagte: Wie! du hättest nichts mit mir zu thun? So, so, und ich sollte den Matteo, meinen Schuldner, nicht kennen, und nicht wissen, wie der dicke Tischler aussieht? Du stehst in meinem Schuldbuche, und ich habe Urtheil gegen dich schon ein Jahr lang, trotz deiner Schliche, bei mir. Du thust wohl daran, schlechter Mensch, zu sagen, daß du nicht der Matteo seist. Aber ich will dich schon lehren, daß es besser ist, du bezahlst mich, als daß du dich zu einen Andern machst. Führt ihn immer fort: wir wollen sehen, ob er es wirklich ist. Unter heftigem Gezänk ward der Dicke auf das Handelsgericht geführt. Und weil es fast schon Zeit des Abendessens war, so trafen sie weder unterwegs noch an Ort und Stelle Jemand an, der ihn kannte.


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Im Gerichtshause schrieb der Notar scheinbar einen Verhaftsbefehl auf des Matteo Namen ein. Der Dicke ward in's Gefängniß gebracht, und wie er hineintrat, drängten sich die anderen Gefangenen, die den Lärm bei seiner Ankunft vernommen hatten, und ihn öfter Matteo nennen hörten, ohne ihn zu kennen, um ihn herum, und riefen ihm zu: „Guten Abend, Matteo, was gibt's denn mit dir?“ Der von dem einen wie von dem anderen Matteo genannte Dicke meinte also ziemlich gewiß Matteo zu seyn, und erwiederte die Begrüßung ganz verwirrt: Ich bin da einem, der mich hat setzen lassen, eine Summe Geld schuldig; aber morgen bei guter Zeit komme ich los. Die Gefangenen entgegneten: Du siehst, wir sind eben beim Abendbrode; iß mit uns, du kannst deßwegen morgen früh immer wieder gehen. Bedenke aber wohl, daß man hier jedesmal länger bleibt als man bleiben will. Der Dicke speiste mit den Gefangenen, und nach der Mahlzeit räumte ihm einer den schmalen Rand seines Lagers ein, indem er sagte: Matteo, richte dich für heute Nacht ein, so gut du kannst. Kommst du morgen früh los, so ist es gut für dich, wo nicht, so bringt man dir wohl aus deinem Hause ein Bett hieher. Der Dicke dankte und legte sich nieder, um zu schlafen, während in seinem Kopfe folgende Gedanken aufstiegen: Was will ich machen, wenn ich einmal aus dem Dicken der Matteo geworden bin? Und das kommt mir jetzt ziemlich ausgemacht vor, nach allen den Beweisen, die ich habe. Schicke ich nach Hause zu meiner Mutter, und der Dicke ist da, so machen sie sich lustig über mich und werden sagen, daß ich verrückt geworden sei. Und auf der andern Seite dünkt es mir doch immer noch, daß ich der Dicke bin. Unter solchem Selbstgespräche,[WS 1] bald seiner Sache gewiß, daß er Matteo, bald wieder der Dicke sei, blieb er bis Morgens wach, ohne ein Auge zuzuthun. Und als er in der Frühe aufgestanden war, und an dem kleinen Fensterchen des Gefängnisses stand, in der Erwartung, von da irgend eines vorübergehenden Menschen habhaft zu werden, der ihn kenne, kam ein junger Mann Namens Giovanni di Messer Francesco Rucellai auf das Handelsgericht, der auch zu der Gesellschaft gehörte, und an der Abendmahlzeit, so wie an der spaßhaften Verschwörung Theil genommen hatte. Er war ein genauer Bekannter des Dicken, der eben den Rahmen zu einem Madonnenbilde für ihn fertigte, und brachte noch vorigen Tages, um ihn anzutreiben, eine lange Weile in seiner Werkstatt zu, bis der Dicke versprochen hatte, ihm die Schilderei in vier Tagen fertig zu liefern. Wie nun Giovanni in das Gerichtshaus getreten war, steckte der Dicke seinen Kopf durch das Gitterfenster des Kerkers, der sich zur ebenen Erde befand, in die Flur, und sah und lächelte ihn freundlich an. Giovanni sah ihn wieder an, als hätte er ihn noch niemals gesehen, und sprach: „Was lachst du guter Freund?“ Der Dicke, dem es vorkam, er werde von jenem nicht erkannt, antwortete: „O! ich lache über weiter nichts; sagt mir, kennt ihr nicht Einen, den man den Dicken nennt, der gleich dort hinten am San [52] Giovanniplatz wohnt, und ausgelegte Arbeit macht?“ Wie! ob ich ihn kenne! sagte Giovanni, ja wohl, er ist mein guter Freund, und ich werde bald wegen einer kleinen Arbeit, die er mir macht, zu ihm gehen. Der Dicke fuhr fort: Ach! thut mir doch den Gefallen, da ihr einmal zu ihm geht, und sagt ihm, es sitze einer seiner Freunde im Handelsgerichte, er möge doch ihm zu Lieb' im Vorbeigehen einmal mit hier zusprechen. Giovanni, der ihm fortwährend starr in's Gesicht sah, und nur mit Mühe das Lachen verhielt, sagte: Recht gerne will ich das thun; worauf er sich entfernte und an seine Geschäfte ging.


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Der Dicke blieb allein am Gefängnißgitter stehen und sagte bei sich selbst: Nun kann ich sicher seyn, daß ich nicht mehr der Dicke, sondern Matteo geworden bin. Verwünschtes Schicksal! Wollte ich den Leuten etwas von meinem Unfalle sagen, sie glaubten gar noch, ich sei närrisch geworden, und die Kinder liefen mir auf der Gasse nach. Und sage ich nichts, so fallen noch hundert Mißverständnisse wie gestern Abend vor, da man mich gefangen setzte. Ich mag thun was ich will, es geht mir schlecht. Wir wollen aber doch sehen, ob der Dicke nicht kommt. Und wenn er kommt, so erzähle ich es ihm, und werde ja hören, was er sagt. Er wartete, in dem Wahne, der Dicke solle kommen, eine lange Zeit, und machte endlich, da er nicht kam, einem Andern am Fenster Platz. Dann setzte er sich, und sah bald den Fußboden, bald die Wand, mit gefalteten Händen an. Es war dieser Tage auch ein Rechtsgelehrter in der Haft, ein sehr braver Mann, dessen Namen wir aus Achtung vor ihm verschweigen wollen, der zwar den Dicken nicht kannte, doch da er ihn so schwermüthig sitzen sah, und sich einbildete, er sei um seine Schuld betrübt, ihn ein wenig zu trösten gedachte, indem er sprach: Nun Matteo, du bist ja so trübselig, als wenn es dir an Leib und Leben ginge, und deine Schuld ist doch, wie du selber meintest, klein. Man muß sich nicht im Unglück niederdrücken lassen. Warum schickest du nicht nach einem deiner Freunde oder Verwandten aus, und suchst deinen Gläubiger zu bezahlen, oder dich mit ihm zu verständigen, damit du auf freie Füße kommest und den Muth nicht ganz und gar verlierst. – Wie sich der Dicke so wohlmeinend und freundlich trösten hörte, entschloß er sich, dem Fremden seine Noth zu klagen. Er zog ihn in einen Winkel des Gefängnisses, und hub an: Obgleich ihr mich nicht kennt, mein lieber Herr, kenne ich euch doch wohl, und weiß, daß ihr ein braver Mann seid. Ich will euch also den Grund gestehen, weßwegen ich so schwermüthig bin. Ihr sollt nicht glauben, daß eine kleine Schuld mir solches Leid erregt. Es ist etwas Anderes. Und er erzählte ihm seine Lage, und jeden Umstand, der sich bisher mit ihm zugetragen hatte, vom Anfange bis zu Ende weinerlich, und bat sich zweierlei von ihm aus: daß er erstens mit Niemand von seinem Unfall spreche, und ihm dann irgend einen guten Rath, oder Hilfe in seiner Noth ertheile. Er setzte hinzu: Ich weiß, daß ihr erfahren in den Wissenschaften seid, und belesen in vielen Autoren und alten Historien, in denen mannigfache Ereignisse beschrieben sind. Fandet ihr niemal eine Geschichte darin, die der meinigen gleicht? Als der wackre Mann diese Rede vernommen und still bei sich erwogen hatte, meinte er, es könne mit dem Guten nur zweierlei Bewandtniß haben, entweder sei er verstandeskrank, oder man treibe seinen Spott mit ihm. Er entgegnete also schnell: er habe vielerlei der Art gelesen, wie nämlich aus einem Menschen ein anderer ward, und dieß möge denn gerade kein so neuer Fall seyn. Der Dicke antwortete: Sagt aber, wenn ich der Matteo geworden bin, wo ist dann der alte Matteo hin? Der Rechtsgelehrte: Nothwendigerweise muß der Dicke aus ihm geworden seyn. Worauf abermals der Dicke sagte: Recht sehr wohl, könnte ich ihn nur einmal, meine Neugier zu stillen, sehen!

Unter solchen Betrachtungen verging der Tag. Um die Vesperzeit kamen zwei Brüder Matteo's in das Gerichtshaus, und fragten den anwesenden Notar, ob nicht ein Bruder von ihnen, Namens Matteo, hier gefangen sitze, und wie groß die Summe sei, die er schulde; sie wollten ihn aus seiner Haft befreien. Der Notar, der als genauer Freund des Tomaso Pecori um den ganzen Handel wußte, bejahte die erste Frage, blätterte aufmerksam in seinem Buche herum, und sagte, er ist der, und der Summe halber auf des und des Antrag hier. Gut, erwiederten sie, wir wollen ihm ein paar Worte sagen, alsdann schaffen wir das Geld herbei. Und auf das Gefängniß zugehend, sagten sie zu Einem, der am Fenster stand: Sage doch dem Matteo drinnen, es wären seine Brüder hier, um ihn zu befreien, er solle einen Augenblick herantreten. Der Gefangene richtete seinen Auftrag aus, und der Dicke kam an das Gitter und grüßte sie, worauf der ältere der beiden Brüder ihn solchergestalt anredete: Matteo, du weißt, wir haben dich schon unzählige Mal ermahnt, von dem schlechten Lebenswandel abzulassen, den du seither geführt hast, du weißt, wir haben dir immer gesagt: Du geräthst tagtäglich in Schulden, heute bei dem, morgen bei dem, und bezahlst keinen [53] Menschen je. Was du heute nicht verspielst, bringst du morgen liederlicher Weise durch, so daß du nie einen rothen Heller in deinem Beutel hast. Nun haben sie dich aber gar eingesteckt! Du weißt, wie wir uns behelfen müssen, und ob wir immerdar im Stande sind, für dich Schulden zu bezahlen, der du mit deinem Saus und Braus die Zeit her einen wahren Schatz durchgebracht hast. Wir sagen dir, wenn es nicht um unserer Ehre willen wäre, und weil uns unsere Mutter keine Ruhe läßt, wir ließen dich diesmal eine Weile zappeln, damit du wo möglich in dich gingest. Wir wollen uns jetzt noch einmal deiner annehmen und für dich bezahlen; doch wenn du wieder so tief hineingeräthst, so sollst du länger drin stecken bleiben, als dir lieb seyn mag, das merke dir. Damit uns Niemand bei hellem Tage mit dir herausschleichen sieht, so werden wir heute Abend, um das Ave-Maria, dich abzuholen, kommen, wann wenig Menschen auf der Straße sind; denn es soll nicht Jedermann Zeuge unseres Elendes seyn, und wir mögen nicht noch mehr Schande deinetwegen auf uns laden. Der Dicke gab ihnen gute Worte, und versprach hoch und theuer, er wolle in Zukunft ein ganz anderes Leben führen, als er bisher gethan habe, und sich hüten, wieder so liederlich zu seyn, und ihnen solche Schande ins Haus zu bringen. Er beschwor sie um Gotteswillen, sie möchten ihn ja abholen, wenn die Stunde gekommen sei. Sie versprachen es und gingen hinweg, und er zog sich wieder in seine Ecke zurück, wo er gegen den Richter sich äußerte: Es kommt immer besser mit mir. Eben waren zwei Brüder des Matteo, jenes Matteo, mit dem man mich verwechselt, hier, und haben mit mir gesprochen und mir gesagt, um's Ave-Maria kämen sie wieder und holten mich ab. Und fügte er kläglich hinzu: Wie soll es nun werden, wenn ich hier weggeführt worden bin? Wo soll ich hin? In mein Haus kann ich nicht gut wieder, denn ist der Dicke drinnen, was soll ich sagen, will ich nicht für einen Narren ausgeschrieen werden? Und ganz gewiß muß der Dicke drin seyn, meine Mutter hätte mich ja suchen lassen, wär' er's nicht; so aber sieht sie ihn gewiß vor sich und wird ihren Irrthum nicht gewahr. Der Rechtsgelehrte verbiß sich das Lachen, und hatte über den Dicken unendlichen Spaß. Er sagte: Lauf ja nicht zum Dicken hin; geh nur mit denen, die sich für deine Brüder ausgeben; du wirst bald sehen, wohin sie dich führen, und was weiter mit dir geschieht.

[57]
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Während sie noch zusammen sprachen, kam der Abend heran, die Brüder kehrten zurück, stellten sich an, als bezahlten sie den Gläubiger und das Gericht, und der Notar stand von seinem Sitze auf, nahm die Schlüssel des Gefängnisses, ging hinein und fragte: Welcher ist Matteo hier? Der Dicke drängte sich vor, und rief: Hier bin ich, Herr. Der Notar sah ihn an und sagte: Diese deine Brüder haben deine Schuld bezahlt, du bist frei. Er machte die Thüre des Gefängnisses auf und fügte hinzu: Geh' deines Wegs. Der Dicke ging heraus, wo es schon ziemlich Nacht war, und entfernte sich mit den beiden Brüdern, die nahe bei Santa Felicità wohnten, unfern davon, wo man nach San Giorgio hinauf geht. Zu Hause angelangt, traten sie mit dem Dicken in ein Zimmer zur ebenen Erde und sagten ihm: Bleib hier, bis es Zeit zum Abendessen ist. Gleich als sollte ihn seine Mutter nicht sehen, um sich nicht zu betrüben. Der eine setzte sich mit ihm ans Feuer, an einen gedeckten Tisch, der andere ging zu dem Pfarrer von Santa Felicità, einer ehrlichen Haut, und sagte ihm: Ich komme zu euch, im Vertrauen, mein lieber Herr, so wie ein Nachbar zum andern kommt. Ihr müßt wissen, daß wir drei Brüder sind, davon einer Matteo heißt. Der ward nun gestern, einer gewissen Schuld wegen, auf das Handelsgericht gesetzt, und hat sich die Verhaftung so zu Gemüthe gezogen, daß er fast von Sinnen gekommen zu seyn scheint, obgleich er sich nur eine einzige fixe Idee merken läßt; denn er scheint uns in allen Stücken der alte Matteo noch wie vor, außer in einem einzigen, und zwar darin, daß er sich in den Kopf gesetzt hat, aus [58] dem Matteo ein anderer Mensch geworden zu seyn. Habt ihr jemals eine tollere Geschichte gehört? Er sagt geradezu, daß er ein gewißer dicker Bildner sei, der seine Werkstätte dicht hinter San Giovanni und sein Haus bei Santa Maria del Fiore hat. Die Dummheit können wir ihm mit aller Gewalt nicht aus dem Kopfe ziehen. Wir haben ihn nun aus dem Gefängnisse befreit und nach Hause geführt, wo er für sich in einer Stube sitzt, damit er seine Narrheiten nicht weiter unter die Leute bringen kann; denn ihr wißt wohl, wer einmal aus diesem Horne geblasen hat, mag hernach den schönsten Verstand von der Welt zeigen, so viel er will, er wird immer gefoppt. Wir wollten euch also bitten, aus Erbarmen mit nach unserm Hause zu kommen und zu versuchen, ob ihr ihm vielleicht seine Einbildungen aus dem Sinne bringt. Wir würden euch zeitlebens dafür dankbar sein. Der dienstfertige Priester erwiederte, er wolle sehr gern kommen, und wenn er mit dem Kranken gesprochen habe, bald sehen, was noch in der Sache zu hoffen stehe. Er werde ihm so viel und auf so eindringliche Art zureden, daß er wo möglich wieder zur Vernunft zu bringen sei.

Er machte sich mit dem Bittsteller sofort nach dem Hause der Brüder auf den Weg, und wie er daselbst angelangt war, trat er in die Stube, worinnen der Dicke ganz in seinen Gedanken vertieft saß. Der Dicke stand beim Anblick des Priesters auf, der zu ihm sagte: Guten Abend, Matteo. Der Dicke erwiederte: Guten Abend und gute Zeit, was wollt ihr von mir? Worauf der Priester weiter redete: Ich bin gekommen, um ein wenig bei dir zu bleiben. Er nahm einen Stuhl, setzte sich und sagte: Setz dich an meine Seite her und laß ein paar Worte mit dir reden. Der Dicke setzte sich ihm gehorsam zur Seite nieder, und der Priester fuhr fort: Ich bin hieher gekommen Matteo, weil ich mir habe eine Sache erzählen lassen, die mir ganz und gar mißfällt. Wie ich nämlich höre, hatte man dich dieser Tage Schulden halber auf das Handelsgericht gesetzt, und nun will verlauten: du seist darüber in solche Schwermuth gefallen, daß du drauf und dran, ein Narr zu werden, bist. Unter andern Albernheiten, die man dir Schuld gibt, sollst du denn auch der Grille fröhnen, daß du behauptest, du seist nicht mehr der Matteo, sondern durchaus ein Anderer, der der Dicke heißt und seines Gewerbes ein Bildner ist. Du bist ganz gewiß sehr zu tadeln, mein Freund, daß du, um einer kleinen Widerwärtigkeit willen, einen so großen Schmerz in deinem Herzen empfindest, der dich in den Verdacht bringt, nicht recht bei dir zu sein, und daß du, was dir nicht eben zur Ehre gereicht, durch deine übertriebene Hartnäckigkeit dich zum Gespötte der Menschen machst. In Wahrheit, Matteo, ich wünsche sehr, du ließest davon ab, und bitte dich, daß du mir, aus Liebe zu mir, versprichst, von diesem Augenblick an deine Narrheit aufzugeben, und dich zu befleißigen, nach wie vor an deine Arbeit zu gehen, wie es einem rechtschaffenen Manne geziemt, und wie alle andre Menschen thun. Diese deine Brüder würden sich recht innig darüber freuen. Erführe die Welt, daß du von Sinnen gewesen bist, man würde dich immer für verrückt halten, wärest du nachher auch der Allervernünftigste, und du bliebest so und so ein verlorener Mensch. Bedenke dieß daher wohl, entschließe dich, ein Mensch und keine Bestie zu sein, und schüttle die Albernheiten von dir ab. Was schiert es dich, ein Dicker oder kein Dicker zu sein? Folge meinem guten Rathe. der ich dein Bestes will. Er sah ihn freundlich bei diesen Worten in's Gesicht und klopfte ihm mit der Hand auf die Schulter. Der Dicke hatte schweigend den liebevollen Ermahnungen des Priesters zugehört, dessen eindringliche Rede ihn bewog, nicht im geringsten mehr zu zweifeln, daß er Matteo sei. Er erwiederte ohne anzustehen, daß er entschlossen sei, von Allem, was man ihm gerathen habe, so viel zu thun, als seine Kräfte gestatteten, weil er sich gern überzeugen und einreden wolle, man habe ihm das Alles nur um seines Besten willen gesagt. Und er versprach, er wolle sich von Stunde an auf das ernstlichste bestreben, nie wieder zu meinen, daß er ein Anderer als Matteo sei, der er denn wohl auch in der That sein müsse, habe sich nicht alle Welt vor ihm auf den Kopf gestellt. Er verlange, wenn es irgend möglich sei, nur eine Gunst, und zwar keine andere, als daß ihm erlaubt werde, mit jenem Dicken zu sprechen, um seinen Irrthum einzusehen. Der Priester entgegnete: Dieß könnte deinem Zustande nur nachtheilig sein, und ich sehe leider, daß du dir die Narrheiten noch nicht aus dem Sinne geschlagen hast. Was kann es dir helfen, wenn du mit dem Dicken sprichst? Was hast du mit dem Dicken zu thun? Je mehr du von dem Dicken sprichst und mit je mehr Menschen, desto mehr machst du deine Dummheit selber bekannt, und desto schlimmer und gefährlicher wird es mit dir. Er sagte ihm noch so viele Dinge, daß er ihn endlich beschwichtigte, und der Dicke sich zufrieden gab, den Dicken nicht zu sehen. Der Priester nahm Abschied, und erzählte den Brüdern, die sich vorher bei seiner Ankunft entfernt hatten, den ganzen Hergang des Gesprächs, und die Zusicherungen, die der Dicke gethan habe, worauf er von ihnen in seine Kirche ging.

Mittlerweile, während der Priester den Dicken vernahm, war Filippo di Ser Brunellesco heimlich herbei geschlichen und hatte sich von den Brüdern, in einem entfernten Zimmer, unter vielem Gelächter, wieder erzählen lassen: wie der Dicke aus dem Gefängniß gebracht worden war, was [59] sie ihm unterwegs gesagt hatten, und so fort. Und wie sie sich beim vollen Becher Weines dergestalt belustigten, sagte er zu ihnen: Seht zu, daß, während ihr mit ihm zu Abend eßt, ihr ihm entweder im Weine oder auf andere Art dieß unversehens beibringen könnt. Es ist ein Opiumpulver, auf das er so fest einschlafen muß, daß er es nicht fühlen würde, prügeltet ihr ihn Stundenlang. Gegen fünf Uhr frage ich wieder nach, und wir besorgen dann das Uebrige.

Die Brüder gingen in das untere Zimmer zum Dicken zurück, aßen mit ihm zu Nacht, als schon drei Uhr vorüber war, und brachten ihm so geschickt den Schlaftrunk bei, daß der bald vom Schlaf überwältigte Dicke die Augen unwillkührlich schloß. Die Beiden sagten zu ihm: Matteo, du scheinst ja vor Müdigkeit umfallen zu wollen? Nun, du hast vorige Nacht wohl wenig schlafen können. Sie schwiegen und erwarteten, was er sagen werde, worauf der Dicke sprach: Ich gestehe euch, daß ich in meinem Leben noch nicht so schlaftrunken gewesen bin; es könnte nicht ärger seyn, hätte ich einen Monat lang kein Bett gesehen. Wie er sich zu entkleiden anfing, war er kaum im Stande, Schuh und Strümpfe auszuziehen und sich niederzulegen, denn er fiel alsbald in tiefen Schlaf und schnarchte wie ein Ratz.


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Zur verabredeten Stunde kam Filippo di Ser Brunellesco mit sechs seiner Gefährten zurück, und ging mit ihnen und Matteo's Brüdern in das Zimmer, worin der Dicke lag. Wie sie ihn im festen Schlaf hörten und sahen, nahmen sie ihn auf, luden ihn mit sammt seinen Kleidern in einen Korb, und trugen ihn in sein immer noch ganz leer stehendes Haus, worin zufälliger Weise seine Mutter noch nicht vom Lande zurückgekehrt war. Sie trugen ihn bis zu seinem Bette, legten ihn da hinein, und seine Kleider, wohin er sie gewöhnlich that, wann er schlafen ging, ihn selbst aber kehrten sie mit dem Kopfe dahin, wo er sonst mit den Füßen lag. So wie dieß geschehen war, nahmen sie den an der Wand an einem Haken hängenden Schlüsselbund, begaben sich nach der Werkstätte, schlossen die Thüre auf und traten ein, nahmen alles Handwerksgeräth einzeln vom rechten Ort und warfen es an einen anderen. Die Hobeleisen rissen sie entweder vom Hobel ab, oder drehten den Rücken nach unten, die Schneide nach oben hin; die Hämmer machten sie von den Griffen los und schleuderten das Eisen in eine Ecke, das Holz in die andere; dasselbe geschah mit den Beilen, und auf diese Art kehrten sie im ganzen Laden das Unterste zu oberst um, so daß der Teufel darin gehaust zu haben schien. Sie schlossen darauf die Thüre ordentlich wieder zu, trugen die Schlüssel in die Stube des Dicken zurück, machten auch die Thüre des Hauses zu, und gingen ein Jeder heim, um auszuschlafen. Betäubt von dem Opium schlief der Dicke die ganze Nacht, ohne sich zu rühren. Des anderen Morgens, um die Zeit des Avemaria in Santa Maria del Fiore, hörte die Wirkung des Trankes auf, und er erwachte, als es schon heller Tag war, über das Anschlagen der Glocke. Er öffnete die Augen, warf einen dämmernden Blick über die Stube, erkannte, daß er in seinem eigenen Hause war, rief sich alle ihm kürzlich widerfahrenen Dinge ins Gedächtniß zurück und verfiel in das höchste Erstaunen. Er erinnerte sich, wo er sich am vergangenen Abende niedergelegt hatte und wo er sich damals befand, und mit einem Male war er von Zweifeln bestürmt. Hatte er jenes geträumt, oder träumte er jetzt? Bald schien ihm das eine wahr zu sein, bald das andere. Nach einem herzlichen Stoßseufzer sagte er: Gott helfe mir! sprang aus dem Bette, kleidete sich in der Geschwindigkeit an, raffte die Schlüssel zur Werkstatt auf und rannte dahin. Wie er aufgeschlossen hat, sieht er mit vor Erstaunen offenem Munde die überall herrschende Unordnung. Kein Geräth an rechter Stelle, Alles halb zerbrochen oder verschoben umher gestreut. Und während er instinktmäßig anfängt, es wieder zusammenzulesen und an Ort und Stelle zu thun, kommen die beiden Brüder des Matteo hinzu, und sagen, als sie ihn so beschäftigt sehen, indem sie sich stellten, als kennten sie ihn nicht: Guten Tag, Meister. Der Dicke wendete sich nach ihnen um, veränderte ein wenig die Farbe, als er sie erkannte und sprach: Guten Tag und gutes Jahr; was sucht ihr bei mir? Der eine antwortete: Ich will es dir sagen. Wir haben einen Bruder, der Matteo heißt, und dem es vor einigen Tagen geschah, daß er aus Betrübniß über eine kleine Verhaftnahme den Verstand verlor. Unter andern Faseleien begeht er nun auch die, daß er nicht mehr Matteo, sondern der Meister dieser Werkstätte sein will, der, wie es scheint, den Beinamen der Dicke haben muß. Wir ermahnten ihn viele Male umsonst, sich wieder zu besinnen, und holten in unserer Rathlosigkeit [60] gestern Abend den Priester unserer Gemeinde, einen wohlhabenden Mann, hinzu, dem er auch versprach, sich den Sparren aus dem Kopfe zu ziehen. Er aß zu Nacht mit dem besten Appetite, und legte sich in unserer Gegenwart zu Bett, läuft aber diesen Morgen, wie sich dessen Niemand versieht, aus dem Hause, wir wissen nicht, wohin. Wir sind deshalb hieher gekommen, um zu sehen, ob er sich vielleicht zu dir verstiegen hat oder ob du etwas von ihm weißt. Dem Dicken ging es, derweil wie jener sprach, wie ein Rad im Kopfe herum, und er wendete sich mit den Worten zu ihm: Ich verstehe nicht, was ihr da sagt, und weiß nicht, was das für Possen sind. Matteo ist nicht hieher gekommen und begeht eine große Schurkerei, wenn er sich für mich ausgibt. Bei meiner Seele! treffe ich einmal mit ihm zusammen, so büße ich meine Lust an ihm und will wohl sehen, ob ich er bin oder ob er ich ist. Was zum Henker ist das für ein Spuck die zwei Tage her! Mit diesen Worten ergriff er zornerfüllt seinen Mantel, warf die Thüre des Ladens hinter sich zu und stürmte unter heftigen Drohungen nach Santa Maria del Fiore zu. Die Brüder machten sich eilig davon und der Dicke ging in die Kirche, in der er, wie ein Löwe, innerlich über Alles was ihm begegnet war ergrimmt, auf und niederschritt. Nach einer guten Weile trat ein junger Mann in die Kirche, sein ehemaliger Freund, der mit ihm zusammen vordem bei Meister Pellegrino in Terna das Schreiner-Handwerk erlernte, vor Jahren aber schon nach Ungarn auswanderte, wo er unlängst mit Hilfe eines andern Florentiners, des Io Spano zubenannten, von Sigismund, dem Sohne des Königs Karl von Böhmen, als Generalkapitain seines Heeres angestellten Filippo Scolari sein Glück gemacht hatte, der als ein wohlwollender Herr allen seinen irgend tüchtigen und betriebsamen Landsleuten Schutz und Zuflucht verlieh. Es kam nun jener dem Dicken befreundete Mann gerade damals nach seiner Vaterstadt Florenz, um zu sehen, ob er einen Meister seines Handwerks bereden könne, zu Beendigung vieler von ihm übernommener Arbeiten mitzugehen. Er hatte auch schon öfter, wiewohl erfolglos, den Dicken selbst für seine Absicht zu gewinnen versucht, und ihm dargethan, sie würden in Ungarn Beide in wenig Jahren reiche Leute seyn. Wie der Dicke ihn jetzt auf sich zukommen sah, entschloß er sich auf der Stelle in seinen Vorschlag zu willigen. Er trat zu ihm und sprach: Du hast mir oftmal zugeredet, ich möge mit dir in die Fremde wandern, und ich habe immer nicht gewollt. Ein Zufall, der mir gegenwärtig widerfahren ist, auch daß ich oft mit meiner Mutter uneins bin, bestimmt mich auf einmal, dich zu begleiten, wofern du mich noch willst. Verlorst du also nicht die Lust zu mir, so mache ich mich schon morgen auf den Weg; denn es könnte mir wohl was dazwischen kommen, bliebe ich länger hier.

Der junge Mann erwiederte, der Entschluß sei ihm sehr gewünscht; am andern Morgen erlaubten ihm zwar seine Geschäfte noch nicht fortzugehen, er möge indeß aufbrechen wenn er wolle, und ihn nur in Bologna erwarten, wo er in wenigen Tagen gewiß bei ihm sei. Der Dicke war es zufrieden; sie verständigten sich über Alles, und der Dicke ging in seine Werkstatt zurück, wo er sein nothwendiges Handwerkszeug, und einige Kleinigkeiten, die er fortbringen konnte, so wie etwas baares Geld nahm und zusammen packte. Nach diesem begab er sich in die Vorstadt San Lorenzo, miethete bis Bologna einen Gaul, auf den er seine Habe lud, bestieg ihn selber und trat seinen Weg an, indem er einen Brief an seine Mutter zurückließ, worin er ihr sagte, er sei nach Ungarn gegangen, und schenke ihr, was noch in der Werkstätte vorhanden bliebe, zu ihrem Unterhalt.


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Auf diese Art wanderte der Dicke von Florenz aus, erwartete in Bologna seinen Freund, und reiste mit ihm nach Ungarn, wo ihre gemeinsamen Geschäfte so gut von Statten gingen, daß sie durch des genannten Spano Gunst, der sie zu seinen Kriegwerkmeistern machte, in wenig Jahren reich geworden waren, in den Verhältnissen ihres Standes. Der Dicke ward Meister Mannetto von Florenz genannt, und kam in der Folgezeit öftere Male in seine Vaterstadt. Befragte ihn Filippo di Ser Brunellesco um seine Auswanderung, so erzählte er ihm gemeinehin diese Novelle, und gab sie als Grund dazu an.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Im Original: „Selbstgegespräche“.