Dido

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Vergil
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Dido
Untertitel: Aus dem vierten Buch der Aeneide.
aus: Neue Thalia. 1792–93.
1792, Erster Band,
S. 131–172
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1792
Verlag: Göschen
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: Friedrich Schiller
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: UB Bielefeld bzw. Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[131]
I.
Dido.

Viertes Buch der Aeneide.


1.

Längst aber krank vom Pfeil des Liebesgottes, nährt
die Königinn ein Feu’r, das heimlich sie verzehrt,
mit immer wachsender Begier umranken
des theuren Gastes Bild die trunkenen Gedanken,

5
des Volkes Glanz, des Führers Heldenmut,

Sein Anblick, seine Worte brannten
tief in ihr Herz, noch nie gefühlte Kämpfe bannten
den süßen Schlaf aus dem empörten Blut.

[132]
2.

Kaum zog Aurorens Hand die feuchte Schattenhülle

10
vom Horizont hinweg, als ihres Busens Fülle

ins gleichgestimmte Herz der Schwester überwallt.
Ach! welche Zweifel sinds, die schlaflos mich durchbohren!
Geliebte! welch ein Gast zog ein zu unsern Thoren!
Wie edel! welche männliche Gestalt!

15
Wie groß sein Muth! Sein Arm wie tapfer im Gefechte!

Gewiß stammt er aus göttlichem Geschlechte!

3.

Durch welche Prüfung ließ das Schicksal ihn nicht gehn!
Gemeine Seelen wird das feige Herz verklagen.
Du hörtest, welche Schlachten er geschlagen!

20
Ja könnte Liebe je in dieser Brust erstehn,

seit mein Sichäus in das Grab gestiegen,
und wäre mein Entschluß, mein Abscheu zu besiegen
vor Hymens Fackel – soll ich dirs gestehn?
Dem einzgen Manne könnt ich unterliegen.

[133]
4.

25
Ja Anna, ohne Rückhalt soll vor dir

das Herz der Schwester sich entfalten.
Seitdem ein Brudermord Sichäus mir
entriß, für den des Busens erste Seufzer wallten,
seit meiner Flucht war dieß der erste Mann,

30
der meinem Herzen Neigung abgewann,

der erste, sag ich dir, der mich zum Wanken brachte,
neu ist die Glut erwacht, die einst mich selig machte.

5.

Doch eher schlinge Tellus mich hinab,
mich schleudre Jovis Blitz hinunter zu den Schatten,

35
zu des Avernus bleichen Schatten,

hinunter in das ewig finstre Grab,
eh daß ich deine heiligen Gesetze,
Schamhaftigkeit, und meinen Eid verletze.
Er nahm mein Herz dahin. Ihm wars zuerst geweiht.

40
Sein bleibts in alle Ewigkeit.

[134]
6.

Sie sprichts, und ihren Schoß bethauen milde Zähren.
O! über alles mir geliebte, gibt
die Schwester ihr zurück. Allein und ungeliebt
willst du verblühn, den Wurm des Kummers ewig nähren?

45
Die Wonne, die aus süßen Kindern lacht,

Cytherens Freuden dir versagen?
Nach solchen Opfern, meinst du, fragen
die Todten in des Abgrunds Nacht?

7.

Und seys! hat denn der vielen Freyer einer

50
dein kummerkrankes Herz zur Liebe je geneigt?

Von allen kriegerischen Fürsten keiner,
die Afrika in seinem Schooß gezeugt.
Selbst der, vor dem die Libyer erbeben,
den Tyrus längst gehaßt – selbst Jarbas konnt es nicht;

55
und einer Neigung willst du widerstreben,

für die dein Herz so mächtig spricht?

[135]
8.

Vergaßest du, wo du dich eingewohnet,
daß ohne Zaum hier der Numider jagt,
der unbezwungne Getuler hier thronet,

60
die Syrte dort die Landung dir versagt;

hier unwirthbare Wüsten dich umgrausen,
dort der Barzäer wilde Völker hausen,
der Bruder selbst, deß Habsucht du entflohn,
und Tyrus Waffen dich von Osten her bedrohn?

9.

65
Glaub mir, die Götter, die dich lieben,

Lucina selber wars, die an Karthagos Strand
die Schiffe dieser Fremdlinge getrieben.
Welch eine Stadt seh ich durch dieses Eheband,
welch einen Thron, o Schwester, sich erheben!

70
Zu welchen strahlenvollen Höhn

wird der Karthager Nahme schweben,
wenn solche Helden uns zur Seite stehn!

[136]
10.

Versöhne du nur erst der Götter Zorngericht
durch frischer Opfer Blut. Die Fremdlinge zu angeln

75
laß an gefälliger Bewirthung nichts ermangeln,

an Gründen, sie zu fesseln, fehlt es nicht.
Seht die zerbrochnen Schiff! Seht, wie die Nebel rauchen,
die See noch stürmt, Orion Regen zieht! —
So wußte die zur Glut den Funken aufzuhauchen,

80
die Hoffnung tritt herbey und das Erröthen flieht.


11.

Jetzt fragt sie das Geschick an blutigen Altären.
Dir Phöbus, der das künftige enthüllt,
dir, Städtegründende Demeter, quillt
zweyjährger Rinder Blut, dir Bromius, zu Ehren,

85
vor allen Juno dir, der Ehen Schützerin.

Vor dem Altar sieht man die schönste aller Frauen,
den Becher in der Hand, Karthagos Königinn,
des weißen Rindes Haupt mit heilger Fluth bethauen.

[137]
12.

Bald geht sie vor der Götter Angesicht

90
an den noch dampfenden Altären auf und nieder,

beschenkt die schon Beschenkten wieder,
und forscht, was rauchend noch das Eingeweide spricht.
Bethörtes Sehervolk! Befreyen
Gebet und Opfer wohl das schwerbefangne Herz?

95
Am innern Mark zehrt der verhehlte Schmerz

und spottet eurer Träumereyen.

13.

Der Flammen unheilbare Pein
treibt sie, Karthagos Stadt im Wahnsinn zu durcheilen.
So flieht die Hindinn, die in Kretas Hayn

100
mit zwecklos abgeschoßnen Pfeilen

der ferne Jäger traf. In ihrem Fleisch das Rohr
des Todes, das der Feind verlor,
bethaut sie die durcheilten Felder
mit ihrem Blut und Diktys finstre Wälder.

[138]
14.

105
Jetzt führt sie durch Karthago ihren Gast,

zeigt pralend ihm der Mauern stolze Last
und läßt vor seinem Blick die Größe Sidons prangen.
Ein flüchtiges Gespräch wird schüchtern angefangen,
schnell reißt die Furcht es wieder ab. Kaum bricht

110
der Abend ein, so winkt das Mahl; sie fodert

von Trojens Fall aufs neu von ihm Bericht,
und nährt die Glut, die in dem Herzen lodert.

15.

Trennt endlich sie der strenge Ruf der Nacht,
und winkt der Sterne bleichend Licht zum Schlummer,

115
so nährt sie einsam ihren Kummer,

und sein verlaßnes Polster wird bewacht.
Abwesend hört sie ihn, verschlingt sie seine Züge,
herzt in Askan des teuren Vaters Bild,
ob sie vielleicht die Leidenschaft betrüge,

120
die glühend ihren Busen füllt.

[139]
16.

Der Thürme hochgeführte Lasten
erlahmen bald in ihrem muntern Lauf.
Kein Wall, kein Giebel steigt mehr auf,
und tausend fleiß'ge Hände rasten.

125
Der Jugend müß'ger Arm entwöhnt sich von dem Speer,

im Hafen tönt kein Hammer mehr,
und unvollendet trauert das Gerüste,
das pralend schon die Wolken küßte.

17.

Als Zevs Gemahlin sie von Liebesflammen brennen,

130
und selbst des Rufes Stimme trotzen sah,

begann sie so zur schönen Cypria:
Glorwürdiges – man muß bekennen!
habt ihr vollbracht, du und dein wackrer Sohn!
mit reichem Raub zieht ihr davon!

135
Ein wahres Heldenwerk, ein Weib zu überlisten!

Werth, daß zwey Götter sich mit ihrer Allmacht rüsten!

[140]
18.

So scheint es doch, man habe meinen Sitzen
und meiner Puner Treu nicht sonderlich getraut?
Doch wo das Ziel? Wozu in Kämpfen uns erhitzen?

140
Laß Friede sein, und Dido werde Braut.

Du hasts erreicht: Sie liebt. Sie rast von Liebesflammen.
Seys denn. Sie werde dieses Phrygers Magd.
Dir sey der Tyrer Volk zum Mitgift zugesagt.
Wir beyde schützen es zusammen.

19.

145
Cytherens Blick durchdrang der Rede listgen Sinn,

das Reich Italiens, den Teukriern entrissen,
in Libyens Grenzen einzuschließen,
und schlau erwidert ihr der Schönheit Königinn:
Wer wäre Thor genug, mit deiner Macht zu streiten,

150
und dein Erbieten feindlich zu verschmähn?

Nur müßte, was durch uns geschehn,
das Glück zum guten Ende leiten.

[141]
20.

Zu wenig bin ich selbst mit dem Geschick vertraut,
doch wird es Jupiter gestatten,

155
daß der Trojaner an den Tyrer baut,

daß beyde Völker sich in Eins zusammen gatten,
in Eine Nation vereint durch ewgen Bund?
Du, seine Gattinn, magst dich bittend an ihn wenden,
Neig ihn durch deinen hochberedten Mund.

160
Ich will das übrige vollenden.


21.

Darüber laß Saturnien gewähren,
giebt ihr des Himmels Königinn zurück.
Doch, wie dieß dringende Geschäft mit Glück
zu enden sey, laß mich vor allem dich belehren.

165
Sobald der erste Morgen tagt,

und Titans Strahlen kaum die junge Welt bescheinen,
führt in den nächstgelegnen Haynen
die Liebestrunkene den Teukrer auf die Jagd.

[142]
22.

Wenn das Geschwader nun auf flügelschnellen Rossen

170
dahinschwebt, mit dem Garn das Wildgeheg umzäunt,

send' ich von oben her, vermengt mit schwarzen Schlossen,
ein Ungewitter ab; der ganze Himmel scheint
im Wolkenbruch herabgeflossen,
durch die zerrißnen Lüfte kracht

175
mein Donnerhorn, und undurchsichtge Nacht

trennt von dem Fürstenpaar die fliehenden Genossen.

23.

In Einer Grotte wird alsdann die Königinn
mit dem Trojaner sich zusammen finden,
dort werd ich gegenwärtig seyn, und, bin

180
ich deiner nur gewiß, auf ewig sie verbinden.

Dort kröne Hymen ihrer Herzen Bund! –
Ihr winkt Cythere zu mit hochzufriednen Blicken,
ein Lächeln schimmert um der Göttin Mund,
daß ihrs geglückt die Feindinn zu berücken.

[143]
24.

185
Indeß war Eos leuchtendes Gespann

aus blauer Wogen Schoos gestiegen.
Beym ersten Gruß der Göttinn fliegen
Karthagos Pforten auf, es fluten Roß und Mann
in munterm Schwarm laut lermend durch die Felder,

190
das weite Garn, den Jagdspieß in der Hand,

kommt der Maßylier im Flug daher gerannt,
es schnaubt der Doggen Spürkraft durch die Wälder.

25.

Am Eingang des Palastes harrt
der Königinn, die noch am Putztisch säumet,

195
der Puner Fürstenschaar, und an den Stufen scharrt,

in Gold und Purpur prächtig aufgezäumet,
das stolze Roß der edlen Jägerinn,
und knirrscht voll Ungeduld in die beschäumten Zügel.
Auf tun sich endlich des Palastes Flügel,

200
umringt von Volk, erscheint Karthagos Königinn.

[144]
26.

Ein tyrisch Oberkleid, geschmückt
mit buntem Saum, umfließt die schönen Glieder,
durch ihre Locken ist ein goldnes Netz gestrickt,
vom Rücken schwankt der volle Köcher nieder,

205
von goldnem Haken wird der Purpur aufgeknüpft.

Ihr folgt der Phryger Schaar; mit kindschem Jubel hüpft
Askan voraus, und alle zu verdunkeln
sieht man Aeneen selbst im mittlern Reyhen funkeln.

27.

So wenn Apoll zu Delos heimschem Heerd

210
von seinem Wintersitz am Xanthus wiederkehrt –

da lebt Gesang und Tanz! die festlichen Altäre
umjauchzt der Agathyrsen bunte Schaar,
der Kreter, der Dryopen Heere.
Er selbst, den zarten Zweig des Lorbeers in dem Haar,

215
durch dessen Wellen sich ein goldnes Band gezogen,

steigt von des Cynthus Höh'n, und ihn umrauscht der Bogen.

[145]
28.

So majestätisch zog Aeneas jetzt heran.
Kaum hatte man der Berge Höhn erstiegen.
Kaum aufgescheucht das Wild auf unwegsamer Bahn,

220
so werfen Gemsen sich und wilde Ziegen

im Sprung vom steilen Fels, und vom Gebirge fliegen
durch der Gefilde weiten Plan
der Hirsche scheue Heerden, von den Woogen
des aufgerührten Staubs den Blicken bald entzogen.

29.

225
Den raschen Renner tummelt ab und auf

Askan im tiefen Tal, mit kindischem Vergnügen,
bemüht, in vogelschnellem Lauf
jetzt diesen, jenen dann wetteifernd zu besiegen.
Wie feurig lechzt sein junger Muth

230
zu treffen auf des Ebers Wuth,

und einmal doch in diesem scheuen Haufen
auf einen Löwen anzulaufen!

[146]
30.

Indessen kracht des Himmels ganzer Plan
von fürchterlichen Donnerschlägen.

235
Auf schwarzen Flügeln bringt ein heulender Orkan

geborstner Wolken Flut, des Hagels finstern Regen.
Erschrocken fliehen auf zerstreuten Wegen
die Punier, die Teukrer mit Askan,
in Klüften sich, in Höhlen einzuschließen,

240
indem von Bergen schon sich Wetterbäche gießen.


31.

In Einer Felsenkluft, Elisa, findest du
mit dem Trojaner Fürsten dich zusammen,
dem Bräutigam führt Juno selbst dich zu,
und Mutter Tellus winkt. Der Horizont in Flammen

245
bezeigt den unglückselgen Liebesbund,

statt Hochzeitsfackeln leuchten dir die Blitze,
und heulend stimmt der Oreaden Mund
dein Brautlied an auf hoher Felsenspitze.

[147]
32.

Der Fürstinn Glück entfloh mit diesem Tag.

250
Nichts kann aus ihrem Taumel sie erwecken,

nicht das verklagende Gerücht vermag
aus ihrer Trunkenheit die Rasende zu schrecken.
Jetzt kein Gedanke mehr, in scheuer Heimlichkeit,
des Herzens Glut der Neugier zu entrücken,

255
der Ehe heilger Nahme wird entweiht,

die Schuld der Leidenschaft zu schmücken.

33.

Alsbald macht das Gerücht sich auf,
die große Post durch Libyen zu tragen.
Wer kennt sie nicht? Die Kräfte schöpft im Lauf,

260
der Wesen flüchtigstes, die schnellste aller Plagen.

Klein zwar für Furcht kriecht sie aus des Erfinders Schooß,
ein Wink – und sie ist riesengroß,
berührt den Staub mit ihrer Sole,
mit ihrem Haupt des Himmels Pole.

[148]
34.

265
Das ungeheure Kind gebahr einst Tellus Wuth,

zu rächen am Olymp den Untergang der Brüder,
die jüngste Schwester der Gigantenbrut,
behend im Lauf, mit flüchtigem Gefieder.
Groß, scheußlich, fürchterlich! Soviel es Federn trägt,

270
mit soviel Ohren kann es um sich lauschen,

durch soviel Augen siehts, so viele Rachen reckt
es auf, mit soviel Zungen kann es rauschen.

35.

Winkt Hekate die laute Welt zur Ruh,
so fliegt es brausend zwischen Erd und Himmel,

275
kein Schlummer schließt sein Auge zu.

Am Tage suchts der Städte rauschendes Getümmel,
da pflanzt es horchend sich auf hoher Thürme Thron,
und schreckt die Welt mit seinem Donnerton,
so eifrig, Lästerung und Lügen fest zu halten,

280
als aufgelegt, die Wahrheit zu entfalten.

[149]
36.

Jetzt brannt’ es schadenfroh, die mannichfachsten Sagen,
(wahr oder falsch, gleichviel!) durch Libyen zu streun.
Ein trojischer Aeneas soll gekommen seyn,
der schönen Dido Hand im Raub, davon zu tragen,

285
zerfließen soll in üppigen Gelagen

die lange Winterzeit dem schwelgerischen Paar,
vergessen hier, sein Reich zu schirmen vor Gefahr,
dort, neue Kronen zu erjagen.

37.

Zu Jarbas nimmt das Unthier seinen Lauf,

290
weckt in des Königs Brust die alten Liebesflammen,

und thürmt des Zornes Donnerwolken auf.
Es rühmt sich dieser Fürst von Ammon abzustammen
dem die entführte Garamantis ihn gebahr;
des Stifters hohe Abkunft zu bezeigen

295
sieht man in seinem Reich unzählge Tempel steigen,

und hundertfach erhebt sich Zevs Altar.

[150]
38.

Des Vaters hoher Gottheit leuchtet
ein ewig waches Feur, von Priestern angefacht.
Stets ist des Gottes Heerd von Opferblut befeuchtet,

300
indem das Heiligthum von bunten Kränzen lacht.

Hier war’s, wo jetzt durchdonnert vom Gerüchte
und überwältigt von des Zornes Last,
der Fürst sich niederwarf vor Ammons Angesichte,
und flehend so zum Himmel ras’t;

39.

305
Das duldest du, ruft er, mit allen deinen Blitzen,

allmächtger Zevs, den Libyen verehrt?
Dem wir auf prächtgen Polstersitzen
beim frohen Mahl der Traube Blut versprützen?
So ists ein Irrlicht nur, was durch die Wolken fährt?

310
So zittern wir umsonst vor deinem Donnerkeule?

So ists ein leerer Schall, ein nichtiges Geheule,
was unser bebend Ohr dort oben rauschen hört?

[151]
40.

Ein flüchtig Weib, bedrängt, ein Obdach nur zu finden
erscheint in meinem Reich. Auf halb geschenktem Strand

315
gelingts ihr endlich eine Stadt zu gründen,

die Ufer geb ich ihr zum Ackerland,
schenk’ ihr großmüthig alle Fürstenrechte,
erröthe nicht, um ihre Hand zu freyn –
Umsonst! Ein Flüchtling kommt aus trojischem Geschlechte,

320
den nimmt sie auf, deß Sklavinn will sie seyn.


41.

Und dieser Weiberheld mit seiner Knabenschaar,
herausgeschmückt mit seiner lyd’schen Mütze,
unwiderstehlich durch sein salbentriefend Haar,
genießt nun seines Raubs in ihrem Fürstensitze.

325
Und wir, die mit verschwenderischer Hand

das Fleisch der Rinder dir geschlachtet,
gefürchtet über Meer und Land,
wir werden ungestraft verachtet!

[152]
42.

Erhörung findet er vor Ammons Angesicht.

330
Der blickt nach Tyrus Stadt, wo reich durch ihre Herzen

der Schmähsucht Pfeil die Liebenden verschmerzen,
winkt dann vor seinen Thron Cyllenius und spricht:
Wohlan mein Sohn! Laß dich die Winde niederschwingen
zu dem Dardanier, der in Karthago säumt,

335
und den verheißnen Thron im Arm der Luft verträumt,

und eile, mein Gebot zu seinem Ohr zu bringen.

43.

Nicht, wie man jetzt ihn überrascht, verhieß
ihn seine Mutter mir, die liebliche Cythere,
nicht daß er schwelgen sollt’ in Tyrus Stadt, entriß

340
sie zweymal ihn der Myrmidonen Speere.

Das kriegerische Land, der Reiche künftges Grab,
Italien sollt er regieren,
verherrlichen den Stamm, der ihm den Ursprung gab,
und die bezwungne Welt in Sklavenketten führen.

[153]
44.

345
Kann solcher Größe Glanz sein Herz nicht mehr beleben,

will er für eignen Ruhm den Arm nicht mehr erheben,
warum mißgönnt er seinem Sohn
unväterlich der Römer Thron?
Was ist sein Zweck? was hält in Tyrus ihn vergraben,

350
wo ein verjährter Haß den Untergang ihm droht?

Er segle fort. Er segle, will ich haben,
das ist mein ernstliches Gebot.

45.

Er sprichts, und was der große Vater ihm befohlen,
läßt jener schleunig in Erfüllung gehn.

355
Erst knüpft er an den Fuß die goldnen Flügelsohlen,

die reißend mit des Sturmes Wehn
ihn hoch weg führen über Thal und Höhn;
faßt dann den Stab, der einwiegt und erwecket,
der die Verstorbnen führt zu Lethes stillen See’n,

360
zurückbringt, und das Aug mit Todesnacht bedecket.

[154]
46.

Mit diesem Stab gebeut er dem Orkan,
durchschwimmt der Wolken Meer und lenkt der Stürme Wagen.
Jetzt langt er bey der Stirn des rauhen Atlas an,
und sieht im Fluge schon die schweren Schultern ragen,

365
die des Olympus Bürde tragen.

In der Gewölke schwarzem Küssen ruht
sein fichtenstarres Haupt, jetzt von des Hagels Wuth
gepeitscht, jetzt von der Winde Grimm geschlagen.

47.

Die Achseln deckt ein ewger Schnee. Es starrt

370
von tausendjährgem Eis umfangen,

des Greisen schauervoller Bart,
und Wetterbäche waschen seine Wangen.
Hier hält Merkur zuerst die raschen Flügel an,
und ruht in sanftem Fall auf dem beeißten Zacken,

375
wirft dann von des Gebirges Nacken

mit ganzem Leib sich in den Ocean.

[155]
48.

So schwebt in tief gesenktem Bogen
um fischbewohnter Klippen Rand
die Möwe längs dem Meeresstrand,

380
und netzt den niedern Fittig in den Wogen.

So kam jetzt zwischen Meer und Land
durch Libyens gethürmten Sand
vom mütterlichen Ahn Merkurius geflogen,
und brach mit schnellem Flug der Winde Widerstand.

49.

385
Kaum weilt sein Flügelfuß in Tyrus nächsten Gauen,

so stellt Aeneas sich ihm dar, bemüht,
die Mauren zu erneun und Thürme zu erbauen.
Ein Schwerdt, mit Jaspis reich bezogen, glüht
an seinem Gurt, hell flammt um seine Lenden

390
ein Oberkleid, mit Purpurblut getränkt,

von der Geliebten ihm geschenkt,
und reich mit Gold durchwirkt von ihren eignen Händen.

[156]
50.

Schnell tritt der Gott ihn an. So, ruft er, Weiberknecht!
So überrascht man dich! Du baust Karthagos Veste,

395
du gründest zierliche Palläste,

und dein Beruf, dein auf dich hoffendes Geschlecht,
weg sind sie, weg aus deiner Seele?
Merk auf! Ich bringe dir Befehle
vom Herrscher des Olymps, von jener furchtbarn Macht,

400
vor der der Himmel bebt, des Erdballs Achse kracht.


51.

Von welcher Hoffnung Zauberseilen
läßt sich dein müß’ger Fuß in Libyen verweilen?
Reizt dich des Ruhmes lorbeervolle Bahn
nicht mehr, willst du für eignen Glanz nichts wagen,

405
warum soll dein aufblühender Askan

der Größe, die ihm winkt, entsagen?
Warum das Scepter sich entrissen sehn,
das ihm beschieden ist auf des Janikuls Höhn?

[157]
52.

Kaum schweigt der Gott, so ist er schon den Blicken

410
der Sterblichen in dünne Luft entrückt.

Mit schweigendem Entsetzen blickt
Aeneas nach, ihm schauerts durch den Rücken,
die Locken stehn bergan, im Munde stirbt der Laut.
Durchdonnert von dem göttlichen Befehle

415
beschließt er schnelle Flucht, und mit entschloßner Seele

entsagt er seiner theuren Braut.

53.

Ach, aber wo der Muth, die Flucht ihr anzukünden?
Wo die Beredsamkeit ein liebeflammend Herz
zu heilen von der Trennung Schmerz?

420
Wo auch den Eingang nur zu dieser Botschaft finden?

Nach allen Mitteln wird gespäht
und von Entwurfe zu Entwurfe schwanken
die stürmischwogenden Gedanken,
bis endlich der Entschluß bey diesem stille steht.

[158]
54.

425
Still soll Kloanth mit Mnestheus und Sergest die Schaaren

am Strand versammeln, sie bewaffnen, flott
die Schiffe machen, doch den Zweck nicht offenbaren.
Indeß die Glückliche selbst einem Gott
nicht glauben wird, daß solche Bande können reißen,

430
will er, die nahe Flucht ihr zu gestehn,

der Augenblicke günstigsten erspähn! –
Mit Lust vollstrecken die, was sie der Fürst geheissen.

55.

Doch bald errieth – Wer täuscht der Liebe Seherblick?
ihr ahndungsvoller Geist das drohende Geschick.

435
Den Schlag, der später erst sie treffen soll, beschleunigt

ihr fürchtend Herz, im Schooß der Ruhe selbst gepeinigt.
Derselbe Mund, der so geschäftig war,
das Glück der Liebenden den Völkern zu berichten,
entdeckt ihr, daß der Trojer Schaar

440
sich fertig macht, die Anker schnell zu lichten.

[159]
56.

So taumelt, wenn der Ruf der Orgyen erschallt
die Maenas auf, wenn durch ihr glühendes Gehirne
die nahe Gottheit braußt, und von Cythärons Stirne
das nächtliche Geheul der Schwestern wiederhallt.

445
So schweifte Dido nun durch Tyrus ganze Weite

im Wahnsinn ihrer Qual, bis sie erschöpft im Streite
des Stolzes und der Leidenschaft
mit diesen Worten den Trojaner straft:

57.

Verräther! ruft sie aus. Du hoffst noch zu verhehlen,

450
was deine Brust doch zu beschließen fähig war?

Du willst dich heimlich aus Carthago stehlen?
Dich hält die Liebe nicht, Barbar,
Die Treue nicht, die du mir einst geschworen?
Die Unschuld nicht, die ich durch dich verloren?

455
Dich hält mein Tod – dich hält der Sterbeblick

des Opfers, das du würgtest, nicht zurück.

[160]
58.

Im Winter selbst willst du die Segel spannen,
willst dem Orkan zum Trotz von dannen?
Und ach! wohin? Nach einem fremden Strand!

460
zu Völkern, dir noch unbekannt?

Wie? Wäre nun dein Troja nicht gefallen,
wärs noch das Land der väterlichen Hallen,
dem du durchs wilde Meer entgegen ziehst!
Unmensch! Und ich bins, die du fliehst!

59.

465
Bey dieser Thränenfluth! Bey deiner Manneshand!

weil ich an dich doch alles schon verloren,
bey unsrer Liebe frisch geflochtnem Band.
bey Hymens jungen Freuden sey beschworen!
Empfiengst du Gutes je aus meiner Hand,

470
hat jemals Wonne dir geblüht in meinen Armen,

Laß dich erbitten. Bleib. O, hab Erbarmen
mit meinem Volk, mit dem verlornen Land!

[161]
60.

Um deinetwillen haßt mich der Numide,
um deinetwillen sind die Tyrier mir gram,

475
um deinetwillen floh der Unschuld stolzer Friede

auf ewig mich mit der entweihten Schaam.
Mein Ruf ist mir geraubt, die schönste meiner Kronen,
der meinen Nahmen schon an die Gestirne schrieb.
Mein Gast reist ab – mit Tod mich abzulohnen!

480
Gast! das ists alles, was mir von dem Gatten blieb.


61.

Wozu das traur’ge Leben mir noch fristen?
bis Jarbas mich in seine Ketten zwingt?
bis sich der Bruder zeigt, mein Tyrus zu verwüsten?
Ja! Läge nur, wenn dich die Flucht von dannen bringt,

485
ein Sohn von dir an meinen Mutterbrüsten!

Säh ich dein Bild, in einem Sohn verjüngt,
in einem theuren Julus mich umspielen,
getröstet würd ich sein, nicht ganz getäuscht mich fühlen!

[162]
62.

Sie schweigt und Zevs Gebot getreu, bezwingt

490
mit weggekehrtem Blick der Teukrier die Quaalen,

mit denen still die Heldenseele ringt.
Nie, rief er jetzt, werd ich mit Undank dir bezahlen,
was dein beredter Mund mir in Erinnrung bringt.
Nie wird Elisens Bild aus meiner Seele schwinden,

495
so lange Lebensglut durch meine Adern dringt,

der Geist noch nicht verlernt hat, zu empfinden.

63.

Jetzt wen’ge Worte nur. Nicht heimlich wie ein Dieb,
o glaub das nicht, wollt ich aus deinem Reich mich stehlen.
Wann maßt ich je mich an, mit dir mich zu vermählen?

500
Wars Hymens Fackel, die an deinen Strand mich trieb?

Wär mirs vergönnt, mein Schicksal mir zu wählen,
was von der Heimat mir nur irgend übrig blieb,
mein Troja sucht ich auf, die Reste meiner Theuern,
mit frischer Hand den Thron der Väter zu erneuern.

[163]
64.

505
Jetzt heißt Apolls Orakel nach dem Strand

des herrlichen Italiens mich eilen.
Dort ist mein Hymen, dort mein Vaterland!
Kann dich, die Tyrerinn, Karthagos Strand, verweilen,
den du erst kurz zum Eigentum gemacht –

510
warum in aller Welt wirds Teukriern verdacht,

sich in Ausonien nach Hütten umzuschauen?
Auch uns stehts frey, uns auswärts anzubauen.

65.

Nie breitet um die stille Welt
die Nacht ihr thauiges Gewand, nie sticken

515
die goldnen Sterne des Olympus Zelt,

daß nicht Anchisens Geist, Entrüstung in den Blicken,
im Traumgesicht sich mahnend vor mich stellt.
Mich straft ein jeder Blick, der auf den Knaben fällt,
daß ich durch Zögern ihn von einem Thron entferne,

520
der sein ist durch die Gunst der Sterne.

[164]
66.

Und jetzt gebeut der Götterbote mir
das nehmliche, vom Herrn des Himmels selbst gesendet.
Bey meinem Leben, Fürstinn, schwör ichs dir,
bei meines Sohnes Haupt! Kein Wahn hat mich geblendet.

525
Ich selbst sah ihn – bei hellem Sonnenlicht –

in diese Mauren ziehn. Ich hörte seine Stimme.
Drum quäl uns beyde nicht mir undankbarem Grimme;
nicht freye Wahl entfernt mich, sondern Pflicht.

67.

Längst hatte sie, indem er sprach, den Rücken

530
ihm zugekehrt, und schaute wild um sich,

dann mißt sie schweigend ihn mit großen Blicken.
Jetzt reißt der Zorn sie fort. „Verräter! ruft sie, dich,
dich hätte Cypria, die Göttinn sanfter Lüste,
dich Dardanus gezeugt? – In grausenvoller Wüste

535
schuf Caukasus aus rauhen Felsen dich,

und Tigermütter reichten dir die Brüste.

[165]
68.

Denn was verberg ich mirs? Brauchts höheren Beweis?
Hat Einen Seufzer nur mein Jammer ihm entrissen?
Mein Schmerz nur Einmal aufgethaut das Eis

540
in seinem Blick? Erschüttert sein Gewissen?

Floß eine Thräne nur, sein Leid mir zu gestehn?
O, was empört mich mehr? Sein Undank? Diese Kälte?
Gerechte Götter! Nein, von eurem hohen Zelte
könnt ihr dieß nicht gelassen sehn!

69.

545
Trau einer Menschen! Nakt las ich an meinem Strande

ihn auf, des Elends Raub, des Todes Beute, wies
ihm einen Wohnplatz an in meinem Lande,
entriß dem Tode sein Gefolge, ließ
der Flotte Trümmer sammeln – O, mich bringts von Sinnen!

550
Nun kommt ein Götterspruch! Nun spricht Apoll!

Nun schickt Chronion selbst von des Olympus Zinnen
Befehle nieder, gräßlich, schauervoll!

[166]
70.

O freilich! das bekümmert die dort oben!
Das stört sie auf in ihrer goldnen Ruh!

555
Doch seys wies sey! Ich schenke dir die Proben.

Geh immer. Steure frisch dem Tiberstrome zu.
Noch leben Götter, die den Meineid rächen.
Auf sie vertraut mein Herz. Geh. Ueberlasse dich
den Wellen nur. Ich weiß, du denkst an mich,

560
wenn zwischen Klippen deine Schiffe brechen.


71.

Abwesend eil ich dir in schwarzen Flammen nach,
und schrecklich soll, wenn dieses Leibes Bande
des Todes kalte Hand zerbrach,
mein Geist dich jagen über Meer und Lande.

565
Bezahlen sollst du mir, entsetzlich, fürchterlich!

Ich hör es noch, wenn man mich längst begraben,
im Reich der Schatten will ich mich
an dieser Freudenbotschaft laben.

[167]
72.

Hier bricht sie ab, entreißt in schneller Flucht,

570
sich zürnend des Trojaners Blicken,

der noch verlegen säumt, und fruchtlos Worte sucht,
des Kummers Größe auszudrücken.
Besiegt von ihrem schweren Harm,
sinkt sie in ihrer Dienerinnen Arm,

575
die auf ein Marmorbett sie niederlegen,

und den erschöpften Leib auf weichen Kissen pflegen.

73.

Wie feurig auch der Menschliche sich sehnt,
durch sanfter Worte Kraft die Leidende zu heilen,
wie mancher Seufzer auch den Heldenbusen dehnt,

580
der Wink des Himmels heißt ihn eilen,

und Amors Stimme weicht dem göttlichen Geheiß.
Er fliegt zum Strand, wo der geschäftge Fleiß
der Seinen brennt, die Schiffe flott zu machen,
schon tanzen auf der Flut die wohlverpichten Nachen.

[168]
74.

585
Noch ungezimmert bringen sie den Baum,

(so ernstlich gilts) noch grün die Ruder hergetragen,
es lebt von Menschen, die zum Ufer jagen,
vom Hafen bis zur Stadt der ganze Zwischenraum.
So wenn geschäftiger Ameisen Schaaren,

590
dem kargen Winter Nahrung aufzusparen,

den Waizenberg zu plündern glühn,
und mit dem Raube dann in ihre Löcher fliehn.

75.

Der schwarze Trupp durchzieht die Schollen,
bemüht, die Beute fortzurollen,

595
auf schmalem Weg, durch Gras und Kraut,

stemmt dort, die schweren Körner zu bewegen,
sich mit den Schultern kräftiglich entgegen;
dem dritten ist die Aussicht anvertraut,
der spornt das Heer und straft die Trägen,

600
lebendig ists auf allen Wegen.

[169]
76.

Wie war bey diesem Anblick dir zu Muth,
Elisa? welche Seufzer schicktest
du zum Olymp, als du des Eifers Glut
von deiner hohen Burg am Meeresstrand erblicktest?

605
Vor deinem Angesicht die ganze Wasserwelt

erzittern sahst von rauen Schifferkehlen?
Grausame Leidenschaft! Auf welche Proben stellt
dein Eigensinn der Menschen Seelen!

77.

Aufs neue wird der Thränen Macht

610
erprobt, aufs neu das stolze Herz den Siegen

der Leidenschaft zum Opfer dargebracht.
Wie sollte sie, eh alle Mittel trügen,
hinuntereilen in des Grabes Nacht?
Sieh, Anna, ruft sie aus, wie sie zum Hafen fliegen!

615
Wie's wimmelt an dem Strand! Sieh! Sieh! die Schiffe sind

bekränzt! die Segel rufen schon dem Wind!

[170]
78.

Hätt ich zu diesem Schlage mich versehen,
so hätte, ihn zu überstehen,
mir auch gewiß die Fassung nicht gefehlt.

620
Drum noch dieß Einzige. Dir schenkt er sein Vertrauen.

Dir noch allein. Du darfst in seine Seele schauen,
nie hat er eine Regung dir verhehlt.
Du weißt des Herzens weiche Seiten auszuspähen,
drum geh, den stolzen Feind noch einmal anzuflehen.

79.

625
Sag ihm, nie hab ich mich an Aulis Strand

verschworen mit dem Feind, sein Ilium zu schleifen,
nie Schiffe mitgesandt, die Veste anzugreifen,
des Vaters Asche nie aus ihrer Gruft entwandt.
Warum schließt er sein Ohr hartherzig meiner Bitte?

630
Er warte doch, bis ein geneigter Wind ihm weht.

Er wage doch die Fahrt nicht in des Winters Mitte.
Dieß sey der letzte Dienst, um den ihn Dido fleht.

[171]
80.

Nicht jenes alte Band will ich erneuern,
das er zerriß, nicht hinderlich ihm seyn,

635
nach seinem theuren Latium zu steuern.

Um Aufschub bitt ich ihn allein,
um etwas Frist, den Sturm des Busens zu bezähmen,
gelaßner zu verschmerzen diesen Schlag.
Noch diesen Dienst laß in das Grab mich nehmen,

640
der deiner Liebe Maaß an mir vollenden mag.


81.

So fleht die Elende. Der Schwester heiße Zähren
bringt Anna vor sein Ohr. Umsonst, die Götter wehren,
sein leicht gerührtes Herz verschließt des Schicksals Macht.
So, wenn den hundertjährgen Eichstamm umzureißen,

645
die Alpenstürme wüthend sich befleißen,

und brausend ihn umwehn. Bis an den Wipfel kracht
der Stamm, sie fassen heulend seine Glieder,
und von den Zweigen rauscht ein grüner Regen nieder.

[172]
82.

Er selbst hängt zwischen Klippen fest, so weit

650
sein Wipfel aufwärts in den Himmel dräut,

so tief dringt seine Wurzel in die Hölle.
So ward von fremdem Flehn, noch mehr von eignem Schmerz
zerrissen jetzt des Helden Herz,
doch der Entschluss behauptet seine Stelle.

655
Wie sehr das weiche Herz von Mitgefühlen glüht,

die Thräne fließt umsonst, und kalt bleibt sein Gemüth.