Die Astronomie auf der Straße (1892/17)

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Textdaten
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Autor: Carl Julius Cranz
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Titel: Die Astronomie auf der Straße
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 535
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Astronomie auf der Straße.[1]

Das Stück Himmel, welches unser heutiges Theilkärtchen herausgreift, ist verhältnißmäßig arm an Sternen erster Größe.

Es erscheint hier wieder der uns schon bekannte Arktur, die Spica und die Wega, sowie das Sternbild der nördlichen Krone. Die Linie, welche die Sterne 2 und 7 des Großen Bären miteinander in Verbindung setzt, führt ziemlich genau auf Gemma, den Hauptstern in der Krone; dieselbe Linie giebt in ihrer weiteren Verlängerung die Richtung nach dem Antares, einem Sterne etwa erster Größe im Sternbild des Skorpions; der Name dieses Sternes („Gegen-Ares“) rührt von seiner rothen Farbe her, welche an diejenige des Planeten Mars oder Ares erinnert. Noch eine Reihe von Sternbildern befindet sich in dieser Gegend des Himmels, z. B. Herkules, Ophiachus, Schlange u. a.; sie mögen aber hier außer Betracht gelassen werden. Denn wer sich an der Hand dieser Kärtchen mit den wichtigsten Sterne und Sterngruppen bekannt gemacht hat, wird von da aus leicht selbst mit Hilfe einer einheitlichen ausführlicheren Sternkarte das Fehlende zu ergänzen imstande sein. Die schon früher erwähnte Wega wird am besten durch die Verbindungslinie der Sterne 3 und 4 des großen Bären aufgefunden; wie man sieht, liegt sie etwas links von derselben ab.

Was die Kennzeichnung der einzelnen Sterne als solcher „erster“, „zweiter“, „dritter“ etc. Größe anlangt, so ist der Laie nur zu sehr geneigt, diesen Bezeichnungen der Sternkarten einen größeren Werth beizulegen, als ihnen in Wahrheit zukommt. Die Einordnung der Sterne in die verschiedenen Größenklassen ist ziemlich unbestimmter Natur und beruht zum Theile aus verhältnißmäßig oberflächlicher Schätzung der Helligkeit die meisten der gangbaren Himmelskarten lassen noch Reste der von Ptolemäus gegebenen Eintheilung der Sterne in die einzelnen Klassen erkennen; und die neueren wissenschaftlichen Methoden der Helligkeitsbestimmung liefern keineswegs vollkommen übereinstimmende Ergebnisse, auch sind manche Sterne wie z. B. Beteigeuze von wechselndem Glanze.

Die Bestimmung der Helligkeitsverhältnisse von Sternen verschiedener Größe ist in diesem und dem vorigen Jahrhundert auf mannigfache Weise unternommen worden. Wilhelm Herschel befolgte das Verfahren der Begleichung, das den meisten Lichtmessern überhaupt zu Grunde liegt: zwei Spiegelteleskope von ganz gleicher Beschaffenheit stellte er so auf, daß jedes derselben das Licht von einem bestimmten Sterne, einem helleren (A) und einem weniger hellen (B) auffing, und daß zugleich der Beobachter sich in sehr kurzer Zeit von der Augenöffnung des einen Fernrohrs zu der des anderen begeben konnte, durch Einschieben von kreisförmigen Oeffnungen mit verschiedenem Durchmesser wurde sodann nach und nach das Bild des helleren Sternes A so lange verringert, bis das abgeschwächte Licht des Sternes A dem ungeschwächten Lichte des anderen Sternes B gleich erschien. Andere Apparate wurden u. a. von John Herschel, Arago, Steinheil und besonders von Zöllner konstruiert, welch letzterer die sogenannte Polarisation des Lichts in Nicolschen Prismen benutzte.

Um einige Zahlen anzugeben, so fand Seidl mittels des Steinheilschen Photometers folgende Verhältniswahlen für die Helligkeit verschiedener Sterne: giebt man der Wega die Zahl 100, so hat Sirius 513, Rigel 130, Arktur 84, Capella 83, Procyou 71, Spica 49, Atair 40, Aldebaran 36, Regulus 34 etc.

Die Sternbilder, d. h. die Umrißzeichnungen der Gestalten, welche den Sterngruppen ihre Namen geliehen haben, wurden aus gutem Grunde in die Kärtchen nicht aufgenommen; dem Anfänger in Sachen der Himmelskunde möchten dieselben zur Orientierung herzlich wenig nützen.

Nicht uninteressant ist es im übrigen, auf die Geschichte der Zusammenfassung einzelner Sterngruppen zu Sternbildern einen kurzen Blick zu werfen. Nach Gretschel dürften die beiden ältesten Urkunden über Sternbilder eine im Britischen Museum zu London aufbewahrte assyrische Keilinschrift und die Bibel sein; jene Keilinschrift sagt von dem Weltschöpfer. „Der Sterne Erscheinung ordnete er an in Gestalt von Thieren. Das Jahr zu bestimmen durch die Beobachtung ihrer Konstellationen, ordnete er zwölf Monate von Sternen in drei Reihen, von dem Tage, da das Jahr beginnt, bis zum Schlusse.“

Und das Buch Hiob erwähnt die Namen des Orion, der Pleiaden und der Hyaden, woraus folgen würde, daß schon Jahrhunderte vor Christus in Arabien Sternbilder entworfen und benannt wurden; allerdings mögen die alexandrinischen Uebersetzer der sogenannten „Septuaginta“ später gebrauchte Namen an Stelle anderer gesetzt haben. Inwieweit die griechische Bezeichnung der Sternbilder mit derjenigen der Assyrer und Aegypter zusammenhängt, dürfte nicht leicht zu ermitteln sein. Nach einer späteren Legende hat der Centaur Chiron, der Lehrer des Jason und des Achilles, den Himmel zum Gebrauch der Argonanten in verschiedene Gruppen oder Sternbilder getheilt; Hesiod erwähnt die Plejaden, den Arktur, Orion, Sirius, ferner Homer, bei Gelegenheit der Beschreibung des Achilleschen Schilds (Ilias XVIII, 483 u. f.), die Plejaden, Hyaden, den Orion und den Großen Bären, der „allein nicht in das Meer hinabtauche“, woraus meist geschlossen wird, daß um die Zeit Homers die Griechen die Sternbilder des Kleinen Bären, des Cepheus und des Drachen noch nicht kannten.

Im 22. Buche der Ilias wird Achilles, wie er von fern den Troern erscheint, mit dem aufsteigeuden Orion verglichen, der Unheil und sengende Hitze den unglückseligen Menschen bringt, und im 5. Buche der Odyssee (Vers 268 bis 277) lenkt Odysseus sein Schiff nach den Sternbildern:

„Fahrwind sandte sie dann, unschädliches laues Gesäusels.
Freudig spannt’ im Winde die schwellenden Segel Odysseus,
Selbst dann saß er am Ruder, und steuerte kunstverständig
Ueber die Flut. Nie deckte der Schlaf ihm die wachsamen Augen,
Auf die Pleiaden gewandt, und den spät gesenkten Bootes,
Auch die Bärin, die sonst der Himmelswagen genannt wird,
Welche sich dort umdreht, und stets den Orion bemerket,
Und sie allein niemals in Okeanos Bad sich hinabtaucht.
Denn ihm befahl dieß Zeichen die herrliche Göttin Kalypso,
Daß er das Meer durchschiffte, zur linken Hand sie behaltend.“

Den Kleinen Bären soll Thales, den Widder und den Schützen hundert Jahre später Kleostratus von Tenedos eingeführt haben. Arago hält es für wahrscheinlich, daß die Bilder des Thierkreises als Abbildungen der zwölf ägyptischen Gottheiten, welche den zwölf Monaten des Jahres vorstanden, zu betrachten seien; danach war der Widder dem Ammon geweiht, der Stier stellte den Gott oder den Stier Apis vor, die unzertrennbaren Gottheiten Horus und Harpokrates entsprachen den Zwillingen etc. Ihre endgültige Festsetzung scheinen die Sternbilder zwischen dem 4. und 2. Jahrhundert v. Chr. erhalten zu haben, ihrer 48 zählt Ptolemäus in seinem „Almagest“ auf, und diese 48 wurden von den Arabern fast unverändert übernommen. Einige wenige neue Bezeichnungen sind Schöpfungen des vorigen oder unseres Jahrhunderts; so geht auf Bode zurück das „Herschelsche Teleskop“, die „Buchdruckerwerkstatt“, die „Elektrisiermaschine“, das „Log“ und die „Logleine“; da und dort wurde wohl auch der Versuch gemacht, den ganzen Sternhimmel mit neuen Sternbildernamen zu versehen, wie z. B. der Jenaer Professor Weigel einen „heraldischen“ Himmel konstruieren wollte. Aber solche Anläufe fanden stets die gebührende Zurückweisung.

Dr. C. Cranz.
  1. Vergl. Nr. 7 dieses Jahrgangs.