Die Ausgrabungen in Pompeji in alter und neuer Zeit

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Autor: Woldemar Kaden
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Titel: Die Ausgrabungen in Pompeji in alter und neuer Zeit
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aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 619–620
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die neuen Ausgrabungen in Pompeji.

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Ausgrabungen in Pompeij in früherer Zeit.
Nach einem Gemälde von E. Sain.

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Die Ausgrabungen in Pompeji in alter und neuer Zeit.
Von Woldemar Kaden.
(Mit den Bildern S. 613 und 617.)

An einem lichtvollen Frühlingstage, dem 7. April 1769, durchwanderten die graustaubigen Schuttmassen des jüngst in erst einigen Teilen abgedeckten Pompeji König Ferdinand von Neapel, seine Gemahlin Maria Karoline und deren Bruder Josef, Kaiser Josef II. Sie waren gekommen, angeregt durch das lebhafte Interesse, das der geistreiche Kaiser an dieser neuerstehenden alten Welt bekundet hatte, um die Ausgrabungen zu sehen.

Diese wurden, nachdem einige Tage vorher auf Anordnung des allmächtigen Ministers Tanucci die Zahl der Arbeiter vermehrt worden war, in den vier Zimmern eines Wohnhauses im Theaterviertel vorgenommen und förderten zur Freude des Kaisers eine Menge der köstlichsten Gegenstände antiker Kunst zu Tage.

Er erhob nun laut und dringend seine Stimme zu eifrigerem Betriebe des Werkes und fragte, wieviel Arbeiter dabei angestellt seien. Es waren dreißig. Dreißig? Und er machte seinem Schwager Vorwürfe, wie er erlauben könne, daß ein solches Weltwerk so nachlässig betrieben werde. Das sei eine Arbeit, welche 3000 Mann erfordere, und ihre Förderung werde dem Königreich Neapel zu hoher Ehre gereichen.

Da er zu den Gebäuden kam, die man nach damaligem Brauch aufgedeckt, ausgeplündert und wieder verschüttet hatte, erneuerte er seine Vorwürfe, und der König entschuldigte sich sehr verlegen damit, daß solches unter der Regierung seines Vaters, vor etwa zwanzig Jahren geschehen sei, als man noch keine Kunde davon hatte, daß hier eine Stadt zu Tage trete. Seit sechs Jahren wisse man dies und seit dieser Zeit lasse man die Gebäude aufgedeckt.

In der That hatte das klassische Aschenbrödel Pompeji unter Weizenäckern, Wiesen und Weinbergen ungestört bis ins 18. Jahrhundert hinein schlummern können, bis diese grüne Decke durch einen Zufall gehoben ward. Das war 1748 gewesen. Darauf hatten unberufene Hände begonnen, die Schlafende ihrer Kostbarkeiten und Schmucksachen zu berauben. Doch dies wüste Schatzgraben hatte sich auf die Dauer so wenig lohnend erwiesen, daß von 1750 bis 1754 niemand mehr grub. 1756 waren vier Arbeiter beschäftigt unter der Aufsicht eines Caporale. 1762 fand unser Winckelmann acht Arbeiter thätig, zwei Jahre später dreißig, es waren Galeerensklaven und Sklaven aus Tunis.

Josef hatte bei seinem Besuche den traurigen Schlendrian stark gerügt und feierliche Zusage auf Abstellung erhalten. Da jedoch vorauszusetzen war, daß er seinen Besuch nie wiederholen werde, so blieb seine Kritik ohne Wirkung. Bald auch hatten die Bourbonen, als die Glut des großen Pariser Brandes anfing, ihr Reich zu bedrohen, anderes zu thun, als alte Städte auszugraben.

Erst zu Napoleons und Murats Zeit kam neues Leben in die Ruinen. Da waren 1813 sogar bis gegen siebenhundert Arbeiter bei den Ausgrabungen beschäftigt.

Die Königin Karoline Murat, die sich durch Geist und Charakter sowie durch ihre Liebe zu Kunst und Wissenschaften auszeichnende Schwester Napoleons, brachte den Ausgrabungen das lebhafteste Interesse entgegen und spendete dafür aus ihrer Privatkasse 200 Dukaten monatlich. Ihrem Antriebe und ihrer Unterstützung ist das Zustandekommen eines der großartigsten Werke über Pompeji zu verdanken: Mazois’ „Die Ruinen von Pompeji“. Zur Drucklegung dieses Werkes, dessen erster Band 1812 bei Didot in Paris erschien, hatte Karoline 15000 Franken hergegeben.

Die auferstehende Stadt verlor ihre Gönnerin nach der Erschießung Murats. Die Bourbonen kamen wieder und die alte Oede kehrte in Pompeji ein. So waren die dreißiger und vierziger Jahre Feier-, d. h. Ruhejahre für die Stadt, und die Summe von etwa 30000 Mark, die für die Nachgrabungen ausgeworfen war, wurde in den Taschen der Beamten begraben. Um den Schein zu wahren, nahm man für billigsten Tagelohn die Frauen und Mädchen der armen Nachbarschaft in Dienst, wo es dann in den sonst so schweigsamen Ruinen der Totenstadt recht laut und lustig zugegangen sein mag. Das waren die Nachkomminnen der griechisch-römischen Frauen, die einst die Gegend bewohnten. Mit klassisch gebildeten Augen schaute der glückliche Maler E. Sain sie an, dem wir das Bild auf S. 617 verdanken, das Original hängt im Pariser Luxembourg-Museum. Ihm erschienen diese Arbeiterinnen wie aus jenen Zeiten Erstandene, er sah über Staub, Schmutz und Lumpen hinweg und zauberte leichte schlanke Grazien, wie sie auf den farbigen Wänden der vornehmen Häuser Pompejis im Bild schweben, auf die Leinwand.

Mit diesen überall ans Licht tretenden blühenden Gestalten begann die Stadt sich aufs neue zu beleben, Tausende von Kunstkennern und Künstlern ergötzten sich an ihnen, und dem Altertumsforscher hob sich der Schleier von manchem Geheimnis. Die reizenden Menschengestalten begeisterten schon Schiller zu den Versen:

„Lebt es im Abgrund auch? Wohnt unter den Larven verborgen
Noch ein neues Geschlecht? Kehrt das entfloh’ne zurück?“

Und Gregorovius baut im Geiste die alte Stadt wieder auf, durchwandelt ihre Straßen und betritt über den gefälligen Schmuck des musivisch erglänzenden Bodens das matt durch Ampeln erhellte Gemach:

„Rings auf rötlicher Wand, wie im Luftraum, glänzen Figuren …
Ueber dem dunklern Grund holdschwebend in wallenden Schleiern,
Welche das seid’ne Gelock zum Spiel hinwerfen dem Winde,
Aufwärts blickend, als ob gen Himmel die Seligen flögen …“

Diese zu Tausenden aufgedeckten Wandgemälde sind die wichtigsten Dokumente der auf uns gekommenen antiken Malerei. Die Feinheit der Farbengebung, gleichzeitig die Freude an der Farbe, die Wahrheit der Vorwürfe und Motive, die verfeinerte Ausführung sind staunenswert, trotzdem die Ausführenden meist nur Handwerker waren. Ebenso staunenswert ist die große Dauerhaftigkeit ihrer Arbeiten. 1800 Jahre haben sie unter der feuchten Asche geruht, und nun muß man sehen, wenn solch ein Bild bloßgelegt wird, wie taufrisch und unversehrt es aus Licht kommt, gerade als wenn der Maler eben den letzten Pinselstrich daran gethan hätte.

Aber Sonnenlicht und Regen lassen die Farben gar bald verbleichen.

Wie viele Bilder sind derart dahingeschwunden! Viele aber, gegen [620] elfhundert, sind im Museum von Neapel untergebracht und erfreuen den Beschauer durch die Mannigfaltigkeit der Motive aus dem Tier- und Pflanzenreich, aus dem vielgestaltigen antiken Menschenleben und aus der alten locker liebenswürdigen, ganz besonders lebendig gemachten Götterwelt.

Ebenbürtig zur Seite stehen den gemalten Bildern die farbenfesten Mosaiken, unter denen die Königin aller Mosaiken, die im Jahre 1831 in der prachtvollen Casa del Fauno aufgefundene "Alexanderschlacht“ weltberühmt geworden ist. Goethe hat sie noch in Nachbildung sehen können und darüber in heller Begeisterung geschrieben: "Mit- und Nachwelt werden nicht hinreichen, solches Wunder der Kunst richtig zu kommentieren, und wir genötigt sein, nach aufklärender Betrachtung und Untersuchung immer wieder zur einfachen reinen Bewunderung zurückzukehren.“

Mit diesem epochemachenden Schatzfunde, über den sofort eine Menge Schriftwerke in die Welt hinausflatterte, wurde das Interesse für die Stadt neu entflammt, und unter lebendiger großer Teilnahme entstand 1855 das für uns Deutsche wichtigste, schöne Overbecksche Buch „Pompeji und seine Ruinen.“

Aber erst mit dem Jahre 1860, mit dem neuen Königreich Italien wird die Gegenwart und die Zukunft der Stadt vollständig gesichert. Sie erhält in dem fachkundigen und werkthätigen Professor Fiorelli einen ausgezeichneten Gouverneur, der sofort ein Merkbuch, d. i. ein „Tagebuch der Ausgrabungen“ anlegte. Fiorelli, nun auch gestorben, war der eigentliche Märchenprinz, der nicht bloß Dornröschen, sondern auch ihr eingeschlafenes Gefolge aufweckte.

Da liegen sie, Männer, Weiber, Kinder, Hühnchen und Hunde, genau in der Stellung, in der sie vor über 1800 Jahren an jenem großen Sterbetage sich zum Einschlafen zurecht legten. Man sieht es wohl, sie thaten es nicht gern: unwillig, aber resigniert stiegen sie zum Hades hinab. Das Verfahren, diese interessanten Leichen wie Gipsfiguren zu erhalten, ist Fiorellis geniale Erfindung. Die Körper der unter dem Aschenschlamme begrabenen Pompejaner welkten und verfielen, ließen aber ihren Abdruck in der rings um sie her festgedeckten harten Masse, die nun eine richtige Form bildete. So eine feste Höhlung hört der mit Hacke und Schaufel arbeitende Gräber durch Erfahrung heraus, denn der Ton der Asche ist ein ganz anderer, sobald sie nicht durchaus kompakt ist. Jetzt wird mit äußerster Vorsicht tiefer gegangen, man sucht Löcher zu machen in die Kruste, welche die Höhlung umschließt, holt mit langen Zangen alles heraus, was sich im Grunde der Höhle findet, und gießt sie nun mit flüssigem Gips aus, genau wie der Gipsfigurenhändler seine Formen füllt. Ist der Gips trocken, so räumt man die Aschehülle weg und der längst weggeschwundene Körper erscheint in unheimlichem weißem Auferstehungsleibe. In dem kleinen Museum Pompejis sind diese antiken Toten zu sehen. Rührend ist das Bild eines jungen Mädchens, dessen schönen Körper man gern ins wirkliche Leben zurückrufen möchte. Schaurig ist der versteinerte Todeskampf des von seinem Herrn vergessenen Kettenhundes.

Fiorelli aber that weit mehr. Sein eigentliches großes Werk ist die Einteilung der Stadt, die innerhalb der sie umfassenden Ringmauer in neun Segmente (Abteilungen) und zwei Dekumanen (Hauptstraßen), die nach den Thoren verlaufen, zerfällt. Er nannte diese Stücke Regionen und zerlegte diese Regionen wiederum in „Insulae“, Inseln oder Häusergruppen, die durch angrenzende Gäßchen „isoliert“ wurden.

So wurde die Topographie der alten Stadt wiederhergestellt und der Besucher von heute kann sich darin zurechtfinden wie nur je ein pompejanischer Stadtwächter zur Zeit des Kaisers Augustus. Die Namen der Häuser sind freilich meist willkürlich gegeben, nur die ursprünglichen Bezeichnungen der städtischen Gebäude und der Tempel scheinen endlich festzustehen. So zeigt man uns den Jupitertempel, den Apollotempel, den Tempel der Fortuna Augusta, der Isis und des Herkules, dann die uralte Basilika, das Pantheon, die Curien, das Zollhaus, die Theater u. a. Aber das Haus des tragischen Poeten, das Haus des Centauren, des Kastor und Pollux, des Adonis, Meleagros, des Vesonius Primus, das Zum Bären, Zum Anker hatten zur Zeit, da die Stadt noch lebte, wohl andere Namen. Zunächst taufte man sie nach den in ihnen gefundenen Bildern und Mosaiken, dann nach Inschriften, aber auch nach fürstlichen und berühmten Persönlichkeiten, die bei der Ausgrabung zufällig zugegen waren.

Bei der Einweihung des Hauses, das wohl als das schönste, vornehmste und regelrechteste aller bezeichnet werden kann und das zur Feier der silbernen Hochzeit des italienischen Königspaares, April 1893, ausgegraben wurde, war das deutsche Kaiserpaar zugegen. Viele herrliche Dinge kamen dabei zu Tage. Ueberhaupt sind die letzten Jahre reich an interessanten Funden in Bronze und Terracotta. In einem der zuletzt aufgedeckten Häuser fand man ein weites Zimmer mit Tonnengewölbe, die Wände mit Marmortafeln bekleidet, unendlich graziösen Mosaikfußboden. Ein zierlicher Wasserbrunnen wird aus einer mit Muscheln eingelegten Nische gebildet, das Sammelbecken ist bemalt mit Zwerg- oder Pygmäenfiguren. Das Ganze war ein Nympheum, eine den Nymphen geweihte Springquelle. Zahlreiche ganz reizende Lucernen oder Lämpchen, einige darunter mit der Jupiterbüste, mit Jupiter und seinem die Flügel ausbreitenden Adler in grüner Emaille. Auf einem benachbarten Felde fand man, zu einer Gruppe zusammengedrängt, eine Anzahl von Frauenskeletten die mit dem prächtigsten Geschmeide, Ketten und Spangen in Gold, geschmückt waren. Diese Unglücklichen hatten sich augenscheinlich in ein nahes Bauernhaus retten wollen und waren auf dem Wege in Feuer und Dampf umgekommen. Verschiedene neue Körperformen konnten den alten zugefügt werden. 1889 grub man eine neue Badeanstalt und eine Turnhalle aus. In demselben Jahre, am 30. Dezember, verkündete der gegenwärtige Direktor der Ausgrabungen, M. Ruggieri, eine wichtige Entdeckung: sein Bericht war begleitet von einem Briefe des Professors der Botanik, F. Pasquale, denn die Sache schlug in sein Fach. Es war auf der Böschung in der Nähe des Stabianer Thors gegraben worden, dabei waren die Arbeiter auf die Spur von Abdrücken der Asche dreier menschlicher Körper (zweier Männer und einer Frau) sowie auf den Abdruck eines Baumes gekommen. Wie gewöhnlich hatte man die Höhlen mit Gips ausgefüllt und auf diese Weise vier vorzügliche Abgüsse erhalten. Deren wichtigster war der Baum. Deutlich konnten seine Blätter im Gipse studiert und erkannt werden, die Blätter und die Früchte, Beeren. Man hatte es mit einem laurus nobilis, einem Lorbeerbaum zu thun, dessen Früchte hier im Süden im Spätherbst zur Reife kommen. Form und Größe der Beeren, oder richtiger Steinfrüchte, bewiesen diese Reife ganz augenscheinlich, und so war mit einem Male die Ansicht derer bestätigt worden, welche, im Gegensatz zu denen, die Pompeji im August untergehen ließen, den Untergang der Stadt in den November versetzt hatten.

Der Untergang Pompejis hat demnach im November des Jahres 79 stattgefunden.

Die Ausgrabungen werden fortgesetzt. Auch sie haben ihre Technik. Die Erdarbeiten erfordern die größte Umsicht. Gleichzeitig müssen alle Kammern eines Gebäudes in gleichen Schichten abgegraben werden. Wollte man eine Kammer allein bis zum Grunde bloßlegen, so würde die Masse der die beachbarten Räume füllenden Lapilli und Aschengemenge die Wände eindrücken, wie es im Anfange der Ausgrabungen stets geschah. Auch in den lockeren Lapilli muß sehr vorsichtig vorgegangen werden, denn zumeist bergen sie Gegenstände aus Terracotta, Bronze oder Glas. Wie manches köstliche Stück ist in früheren[WS 1] Zeiten der rücksichtslosen Hacke zum Opfer gefallen!

Die Arbeiter, wie sie unser Bild auf S. 613 in voller Realistik vorführt, sind stets überwacht von einem Werkführer für den technischen Teil. Für den administrativen Teil ist eine Guardia in Uniform gestellt, auch mehrere Wächter, wenn die Arbeiter an verschiedenen Stellen graben. Aber auch die Guardien haben ihre Aufseher, die dem Staate für jeden Fund verantwortlich sind.

Sie führen Buch über jeden Fund, der mit fortlaufender Nummer unter Angabe des Stoffes, der Maße, der Beschreibung seiner Form und werden allwöchentlich der Direktion in Neapel eingesandt, und allmonatlich veröffentlicht das Ministerium eine Uebersicht des neuerdings Gefundenen.

Das Hauptsächlichste ist wohl bis heute ausgegraben, mancher Schatz mag aber in Zukunft noch gehoben werden, wenn es dem Alten, der einst in toller Laune die Herrlichkeiten unter seiner glühenden Asche begrub, dem immer bedrohlich über die Stadt hinausragenden Vesuv, über Nacht nicht einmal wieder einfällt, das nun so schön zu Tage Liegende aufs neue zu verschütten.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: füheren