Das Jubelfest der thüringer Glasindustrie

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Autor: Ernst Tiedt
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Titel: Das Jubelfest der thüringer Glasindustrie
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 621, 622, 625
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: 300jähriges Jubiläum der Glashütte Lauscha
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Das Jubelfest der thüringer Glasindustrie.

Von Ernst Tiedt. Mit Abbildungen von Hans W. Schmidt.
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Die Malerei. Glashütte von 1597. Die Familien Müller und Greiner.
[Abbildung nicht gemeinfrei, Hans Wilhelm Schmidt (1859–1950)]

Es giebt im grünen Thüringerlande gar viele Orte, die nicht nur durch landschaftliche Reize, sondern auch durch die Eigenart und den Gewerbfleiß ihrer Bewohner auf den Besucher anziehend wirken. Ein derartiger Landstrich ist auch das Meininger Oberland, in dem die Spielwarenindustrie zu hoher Blüte gelangt ist, und in ihm ragt wieder Lauscha ganz besonders hervor. Das stattliche Dorf blickt auf eine ruhmvolle, weil arbeitsreiche Vergangenheit zurück; in ihm stand einst die Wiege der thüringer Glaswarenindustrie.

Vor dreihundert Jahren war es, als zwei aus ihrer Heimat vertriebene Protestanten, Christoph Müller aus Böhmen und Hans Greiner aus Schwaben, in den stillen Thälern des Meininger Oberlandes Zuflucht suchten. Glasbläser von Beruf, wollten sie in der neuen Heimat

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Die Lauscha. Herzog Casimir. Graf Pappenheim.
Bilder vom Feldzuge.
[Abbildung nicht gemeinfrei, Hans Wilhelm Schmidt (1859–1950)]

ihr Kunsthandwerk ausüben. Auf einem Gebiet, das dem Grafen Pappenheim gehörte, gründeten sie im Jahre 1595 ihre erste Hütte, aber sie gerieten in Streitigkeiten mit dem Grafen und sahen sich genötigt, weiter zu ziehen. Von dem Herzog Johann Casimir in Coburg erlangten sie am 10. Januar 1597 in einem „Erbbrief“ das Privilegium zum Anbau an der Lauscha und gründeten nun den Ort, der in der Geschichte der thüringer Industrie so berühmt werden sollte.

Ein trefflicher Kenner Thüringens, Dr. Friedrich Hofmann, hat bereits im Jahre 1883 in einem anziehenden Artikel das thüringer Spielwarenland in der „Gartenlaube“ geschildert und dabei auch Lauschas ausführlich gedacht. Er wies darauf hin, wie das Gewerbe der Vorfahren sich auf Enkel und Urenkel forterbte und von diesen im Laufe der Zeiten vervollkommnet wurde. Zu den altbekannten Glasgegenständen, die in Lauscha hergestellt wurden, kamen neue hinzu, welche die thüringer Meister ersannen. So erfreuen sich die Lauschaer Glasmärbel, die buntfarbigen Glaskugeln, mit denen die Jugend so gern spielt, großer Beliebtheit, ferner ist Lauscha berühmt durch die zuerst von L. Müller-Uri hergestellten künstlichen Menschenaugen und in jüngster Zeit wird namentlich der bunte glitzernde Schmuck fabriziert, der alljährlich auf dem Weihnachtsbaum in deutschen Häusern prangt. Es sind zumeist noch immer die Nachkommen der ersten Einwanderer, die hier die Glasindustrie betreiben. In Lauscha wohnen fast lauter Greiner und Müller, die, um sich von ihren Anverwandten zu unterscheiden, ihren Familiennamen besondere Abstammungs- oder Scherzanhängsel beifügen.

Seit dem Jahre 1886 ist Lauscha durch Weiterbau der Strecke Coburg-Sonneberg endlich in den Eisenbahnverkehr einbezogen worden. Auf steiler Steigung erreicht das Dampfroß den 640 m über dem Meere gelegenen Ort. Kurz zuvor, rechts von der Bahnlinie erhebt sich der steile Lauschenstein (vgl. Abbildung S. 625), auf dem sich eine Schutzhütte befindet. ES lohnt sich, ihn zu besteigen, denn von seiner Spitze erhält man einen Ueberblick über Lauschas Umgebung; da schauen wir in einen wildromantischen Thalkessel, der ringsum von düstern Tannenwäldern umstanden ist; Waldesfrieden überall, wohin das Auge blickt. Die Aussicht erinnert sehr an den berühmten Ausblick, der sich vom Trippstein bei Schwarzburg dem Wanderer bietet.

In einem Waldthale ist auch Lauscha selbst gelegen. Wie ist aber das Dorf im Laufe der Zeiten stattlich gewachsen. Es zählt an 4000 Einwohner und das Thal wird ihm schier zu eng, denn sogar die Bergwände sind schon dicht mit Häusern besetzt.Es ist ein malerisches Bild, dessen Wirkung [622] noch durch die eigenthümliche Bauart erhöht wird; denn die Häuser sind meist aus Holz gebaut und mit Schiefer verkleidet. Ein Beispiel reicherer Ausführung, wobei dunkle und helle Platten in gefälliger Musterung miteinander abwechseln, finden wir auf unserem unteren Bilde (S. 625) in dem stattlichen Hause rechts.

Dicht davor steht auch die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes, die alte Dorfglashütte, gewöhnlich nur „die Hütt“ genannt. Wir gewinnen

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Aus den lebenden Bildern: Die Uebergabe der Gründungsurkunde an Greiner und Müller durch Herzog Johann Casimir.
[Abbildung nicht gemeinfrei, Hans Wilhelm Schmidt (1859–1950)]

hier sogleich einen Einblick in die gewerbefleißige Thätigkeit der Einwohner. Vor der Hütte sind Arbeiter mit Röhrenziehen beschäftigt. Der eine aus der Hütte heraustretende bläst den sogenannten Glasposten auf, weiter sehen wir, wie ein anderer Arbeiter den Glasposten mit dem Hefteisen aufnimmt, worauf dann beide Arbeiter, wie im Vordergrunde, rückwärts auseinanderlaufen, die Röhren bis zu 50 m lang ausziehend, eine Arbeit, die durchaus nicht so einfach und leicht ist, wie es scheint. Die Röhren wandern dann in die Hand der Glasbläser, meist Hausarbeiter, welche nun an der Stichflamme der Gebläselampe mit staunenswerter Geschicklichkeit die tausend verschiedenen Gegenstände anfertigen, die von Lauscha aus in alle Welt gehen. Ferner werden in der Glashütte die bekannten Glasmärbel angefertigt, indem man von einem entsprechend vorbereiteten Glasstrange, während er noch glüht, mit einem scherenartigen Instrument, welches auf der einen Seite mit einer halbkugeligen Form, auf der andere Seite mit einem Messer versehen ist, die einzelnen Stücke gleichzeitig abschneidet und rundet.

In dem untenstehenden Bilde ist die zweite Glashütte des Ortes, der Firma Elias Greiner Vetters Sohn gehörig, wiedergegeben. Dieselbe ist im Gegensatz zu der Dorfglashütte, wo noch in althergebrachter Weise der Ofen direct befeuert wird, mit der den Anforderungen der Neuzeit mehr entsprechenden und rationelleren Gasfeuerung eingerichtet. Eine dritte Hütte, die längere Zeit außer Betrieb war, befindet sich zur Zeit im Umbau.

Am 10. Januar waren dreihundert Jahre seit der Begründung der Glashütte in Lauscha verflossen. Die rauhe Winterzeit erschien jedoch zur Abhaltung einer Jubiläumsfeier nicht geeignet und man verlegte das Fest auf den 8. August.

Schon am Sonnabend, dem 7. August, fand eine Vorfeier statt, wobei in einer Reihe von lebenden Bildern die Gründung des Ortes und

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Die Greinersche Glashütte.
[Abbildung nicht gemeinfrei, Hans Wilhelm Schmidt (1859–1950)]

die Weiterentwicklung seiner Industrie veranschaulicht wurde. Derselben ging ein Vorspiel voraus. Greiner und Müller legen sich, auf der Suche nach einer neuen Heimat, ermüdet im Walde zur Ruhe. Da erscheint ihnen im Traume die Lauscha, fordert sie auf, sich in ihrem Gebiet niederzulassen, und enthüllt ihnen die erfreuliche Zukunft. Das erste von den lebenden Bildern, das von unserem Zeichner wiedergegeben wurde, zeigt die Uebergabe der Gründungsurkunde an Greiner und Müller durch den Herzog Casimir. Im Hintergrunde steht Graf Pappenheim, sich voll Unwillen wegwendend.

Am Morgen de Sonntags, des eigentlichen Haupttages, wurde zunächst durch den Ortspfarrer Erl auf dem Festplatze ein feierlicher Feldgottesdienst abgehalten, dessen Weihe die erhebenden Vorträge des gutgeschulten erweiterten Kirchenchors noch erhöhten.

Die Festlichkeiten des Nachmittags begannen mit dem großen historischen Festumzug durch den Ort. Unsere Vignetten auf Seite 621 geben einige der malerischen Gruppen wieder. Voran ritt ein Herold, es folgten Graf Pappenheim mit Begleitern, Herzog Casimir mit Jagdgefolge, Greiner und Müller mit ihren Familien und Arbeitern, schlanke Mädchen in thüringer Nationaltrachten, dazwischen die vier großen Festwagen und die Vereine des Ortes, einer derselben ein aus gesponnenem Glas angefertigtes Banner mit sich führend. Die vier Wagen veranschaulichten die Lauscha, von Musik und Gesang begleitet, die Gründung der Glashütte, die Kunstmalerei, endlich die Neuzeit. Besonders schön waren der zweite und der vierte Wagen, beide von Maler Anton Kune gestellt. Der zweite Wagen trug einen Glasofen mit daran beschäftigten glasblasenden Arbeitern, der vierte war mit versilbertem, vergoldetem und buntfarbigem Glas, Röhren, Kugeln und Spiegeln, reich doch geschmackvoll ausgestattet, den Mittelpunkt des glänzenden Schmuckes bildete ein prächtiger Weihnachtsbaum. Es befanden sich ferner auf dem Wagen mehrere Frauengestalten; die beiden vorderen knieenden stellten Poesie und Fortuna vor, hinter ihnen stand eine reich mit Perlen aller Art geschmückte Frau, das Sinnbild der Perlenfabrikation. Als Verherrlichung der Kunstglasindustrie Lauschas befand sich daneben eine andere Gestalt mit lang herabwallendem silberschimmerndem Haar, auf der Brust einen Zweig aus Glas gefertigter Rosen, in der Hand ein kunstvolles Zierglas. Hintenauf hockte Knecht Ruprecht, aus wohlgefüllten Säcken seine Sachen austeilend.

Sämtliche in dem Festzuge sowie zu den lebenden Bildern benutzten Kostüme waren durchaus dem Charakter der betreffenden Zeit entsprechend und in zuvorkommendster Weise von dem allverehrten Landsherrn, dem Herzog Georg, aus den reichen Beständen seines berühmten Meininger Hoftheaters zur Verfügung gestellt worden.

Nachdem der Zug auf dem Festplatz angekommen war, konnte der Ortsvorstand einen Jubiläumsgruß des Herzogs verlesen, worin der Wunsch ausgesprochen war, daß der Ort sich durch die Regsamkeit und Thatkraft seiner Bewohner mehr und mehr entfalten und bis in die späteren Zeiten durch seinen Gewerbefleiß hervorleuchten möge. Nun sollte das Festspiel beginnen, das denselben Vorwurf, wie die lebenden Bilder nur in mehr allegorischer Art behandelt, da strömte unendlicher Regen herab und bereitete dem schönen Fest ein vorzeitiges Ende. Auch die für den Abend geplante Illumination des Ortes, die bei der bereits geschilderten terassenartigen Lage der Häuser übereinander ein besonders prächtiges Bild zu bieten versprach, konnte unter diesen Umständen nicht zur vollen Geltung kommen.

Im Anschluß an das Jubelfest wurde einen Ausstellung der Glas- und Porzellanindustrie Lauschaas veranstaltet. Alten Gläsern, mit Emailfarben bemalt, kunstvoll geschliffenen Bechern und Pokalen, standen gegenüber die Erzeugnisse der Neuzeit: aus Glas geblasene Tiere, Blumen und Früchte, Spielzeug, Perlen, Glasgespinste, Märbel aus Porzellan und Glas, physikalische Instrumente, künstliche Augen für Menschen und Tiere, Christbaumschmuck und zahlreiche Porzellanmalereien von einfacheren Ausführungen für Pfeifenköpfe bis zu kunstvollen Plattengemälden. Die Ausstellung bildete eine wichtige Ergänzung zur Geschichte der Industrie des Ortes sowohl wie der Thüringens und Deutschlands überhaupt und war von einer Vollständigkeit, wie sie wohl so bald nicht wieder erreicht werden dürfte.

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Die Pflanzstätte der thüringer Glasindustrie.
Nach einer Originalzeichnung von Hans W. Schmidt.
Blick auf Lauscha. Unterlauscha mit dem Lauschenstein. Die Dorfglashütte.
[Abbildung nicht gemeinfrei, Hans Wilhelm Schmidt (1859–1950)]