Die Bestimmung des Menschen

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Johann Gottfried Herder
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Bestimmung des Menschen
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter (Sechste Sammlung) S. 65-68
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1797
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Gotha
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
De Zerstreute Blätter VI (Herder) 120.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[65]

 Die Bestimmung des Menschen.

     Als die Königinn der Dinge,
Reich an unerschöpftem Reiz,
Wesen schuf, war nichts ihr zu geringe;
Sie begabete mit mildem Geiz:

5
Denn das Füllhorn aller Trefflichkeiten

War in ihrer Mutterhand.
Und sie paarte, was an Lieblichkeiten,
Wechselnd auch, zusammen je bestand.


[66]

     Einen Schmuck von tausend Farben

10
Webte sie um Florens Brust;

Neuverjünget, wenn die Schwestern starben,
Treten Schwestern auf mit Siegeslust.
In ein Chor von tausend süßen Liedern
Theilte sich ihr mächtger Klang,

15
Der auf bunten schwebenden Gefiedern

Disharmonisch-schön zum Himmel drang.

     Stärke, Klugheit, sanfte Triebe,
Schönheit in jedweder Art,
Und in tausend der Gestalten Liebe

20
Ward umhergegossen ungespart.

Endlich trat sie in sich selbst und senkte
Tief sich in ihr Mutterherz:
„Meinem Liebling, wie wenn ich ihm schenkte
Aller meiner Kinder Lust und Schmerz?“


[67]
25
     Und sie sann. Auf Einem Wege

Ward aus Allem Sympathie.
„Ferne, sprach sie, sei von ihm die Träge!
Seine Lust sei ewigsüße Müh.
Angebohren werd’ ihm nichts; gebohren

30
Werd’ in ihm ein ewger Trieb.

Und auch jedes Glück, durch Schuld verlohren,
Werd’ ihm tausendfach durch Reue lieb.

     Nur in Andern sei sein Leben;
Wirksamkeit sein schönster Lohn.

35
Enkel, die ihm Dank und Ehre geben,

Lohnen ihn für seiner Brüder Hohn.
So vereint durch alle Folgezeiten
Strebe seine süße Müh;
Neugestärkt durch Widerwärtigkeiten

40
Steige mehr und mehr umfaßend sie.

[68]

     Auch im Kleinsten werd’ ums Ganze
Ewig dies Geschlecht verdient;
Nur am Ziel im schönsten Abendglanze
Hängt der Kranz, der für den Menschen grünt.

45
Für die Leidenden, die ihn umringen,

Weih’ ich ihn der Menschlichkeit,
Und sein Herz, wenn Seufzer auf ihn dringen,
Zum Altare der Barmherzigkeit.“ –

     Mutterköniginn! das schwächste Wesen,

50
Das man einzeln nur beweint,

Hast du dir im Ganzen auserlesen
Und gesammt durch Lieb’ und Noth vereint.
Deinen Sinn fürs Größere und Größte,
Und dein Mutterherz, Natur,

55
Gabst du uns. Das Beßere und Beste

Weckt uns stets und lebt im Ganzen nur.