Die Edda (Simrock 1876)/Ältere Edda/Hŷmiskvidha

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
<<< Hŷmiskvidha >>>
Die Sage von Hymir
aus: Die Edda (Simrock 1876)
Seite: {{{SEITE}}}
von: [[{{{AUTOR}}}]]
Zusammenfassung: 8. Lied der Göttersagen in der „Älteren Edda“
Anmerkung: {{{ANMERKUNG}}}
Bild
[[Bild:{{{BILD}}}|250px]]
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
[[Index:{{{INDEX}}}|Wikisource-Indexseite]]
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[66]
8. Hŷmiskvidha.
Die Sage von Hymir.
1
Einst nahmen die Walgötter   die erwaideten Thiere

Zu schlemmen gesonnen   noch ungesättigt:
Sie schüttelten Stäbe,   besahen das Opferblut,
Und fanden, Ögirn   fehle der Braukeßel.

2
Saß der Felswohner   froh wie ein Kind,

Doch ähnlich eher   der dunkeln Abkunft.
Ihm in die Augen   sah Odhins Sohn:
„Gieb alsbald   den Göttern Trank.“

3
Der Ungestüme   schuf Angst dem Riesen;

Doch rasch erdachte der   Rach an den Göttern:
Er ersuchte Sifs Gatten:   „Schaff mir den Keßel,
So brau ich alsbald   das Bier euch darin.“

4
Den mochten nicht   die mächtigen Götter

Irgendwo finden,   die Fürsten des Himmels,
Bis Tyr dem Hlorridi   getreulich sagte,
Ihm allein,   Auskunft und Rath:

5
„Im Osten wohnt   der Eliwagar5

Der hundweise Hymir   an des Himmels Ende.
Einen Keßel hat   mein kraftreicher Vater,
Ein räumig Gefäß,   einer Raste tief.“

6
Meinst du, den Saftsieder   sollten wir haben? –

„Mit List gelingt es   ihn zu erlangen.“
Sie fuhren schleunig   denselben Tag
Von Asgard hin   zu des Übeln Haus.

[67]
7
Selbst stallt’ er die Böcke,   die stattlich gehörnten;

Sie eilten zur Halle,   die Hymir bewohnte.
Der Sohn fand die Ahne,   die er ungern sah;
Sie hatte der Häupter   neunmal hundert.

8
Eine andre kam   allgolden hervor,

Weißbrauig, und brachte   das Bier dem Sohn.

9
„Verwandte der Riesen,   ich will euch beide,

Ihr kühnen Männer,   unter Keßeln bergen.
Manches Mal   ist mein Geselle
Gästen gram   und grimmen Muthes.“

10
Der übel Gesinnte   spät Abends kam,

Der hartmuthge Hymir,   heim von der Jagd.
Er ging in den Saal,   die Gletscher dröhnten;
Ihm war, als er kam,   der Kinnwald gefroren.

11
„Heil dir, Hymir,   sei hohen Muths:

Der Sohn ist gekommen   in deinen Saal,
Den wir erwartet   von langem Wege.
Ihm folgt hieher   der Freund der Menschen,
Unser Widersacher,   Weor genannt.

12
„Du siehst sie sitzen   an des Saales Ende;

So bangen sie,   daß die Säule sie birgt.“
Die Säule zersprang   von des Riesen Sehe,
Und entzweigebrochen   sah man den Balken.

13
Acht Keßel fielen,   und einer nur,

Ein hart gehämmerter,   kam heil herab.
Vorgingen die Gäste;   der graue Riese
Faßt’ ins Auge   den Feind sich scharf.

14
Wenig Gutes sagte   der Geist ihm voraus,

Als der Troldenbetrüber   in den Vorsaal trat.
Da sah man Stiere   drei geschlachtet,
Die alsbald zu braten   gebot der Riese.

[68]
15
Man ließ um den Kopf   sie kürzen beide

Und setzte sie   zum Sieden ans Feuer.
Sifs Gemahl,   eh er schlafen ging,
Zwei Ochsen Hymirs   verzehrt’ er allein.

16
Da schien dem grauen   Gesellen Hrungnirs

Hlorridis Malzeit   so mäßig nicht:
„Nun müßen wir drei   uns morgen Abend
Mit des Waidwerks Gewinn   selber bewirthen.“

17
Bereit war Weor   ins Waßer zu rudern,

Wenn der kühne Jötun   den Köder gäbe.
„Geh hin zur Heerde,   wenn du das Herz hast,
Zerschmettrer des Berggeschlechts,   und suche den Köder.

18
„Ich weiß gewiss,   dir wird nicht schwer

Die Lockspeise   vom Stier zu erlangen.“
Zum Walde wandte   sich Weor alsbald:
Da fand er stehen   allschwarzen Stier.

19
Der Thursentödter,   abbrach er dem Thiere

Der beiden Hörner   erhabnen Sitz.
„Im Schaffen scheinst du   schlimmer um Vieles,
Lenker der Kiele,   als in bequemer Ruh.“

20
Da bat der Böcke   Gebieter den Affengott,

Ferner in die Flut   das Seeross zu führen.
Aber der Jötun   gab ihm zur Antwort,
Ihn lüste wenig   noch länger zu rudern.

21
Da hob am Hamen   Hymir der starke

Zwei Wallfische   aus den Wellen allein.
Am Steuer inzwischen   Odhins Erzeugter,
Festigte listig   ein Fischseil Weor.

22
An die Angel steckte   der Irdischen Gönner

Als Köder den Stierkopf   zum Kampf mit dem Wurm.
Gähnend haschte   der gottverhaßte
Erdumgürter34. 48   nach solcher Atzung.

[69]
23
Tapfer zog   Thôr der gewaltige

Den schimmernden Giftwurm   zum Schiffsrand auf.
Das häßliche Haupt   mit dem Hammer traf er,
Das felsenfeste,   dem Freunde des Wolfs.

24
Felsen krachten,   Klüfte heulten,

Die alte Erde   fuhr ächzend zusammen:
Da senkte sich   in die See der Fisch.

25
Nicht geheuer wars   auf der Heimkehr dem Riesen:

Der starke Hymir   verstummte ganz;
Wider den Wind nur   wandt’ er das Ruder:

26
„Willst du die Hälfte   haben der Arbeit:

Entweder die Wallfische   zur Wohnung tragen,
Oder das Boot   fest binden am Ufer?“

27
Hlorridi ging   und ergriff am Steven,

Ohn erst auszuschöpfen   das Schiff erfaßt’ er
Allein mit Rudern   und Schöpfgeräth;
Trug auch die Fische   des Thursen heim
In das keßelgleiche   Berggeklüft.

28
Aber der Jötun,   wie immer trotzig,

Mit Thôr um die Stärke   stritt er aufs Neu:
Der Macht ermangle   der Mann, wie er rudre,
Könn er dort   den Kelch nicht zerbrechen.

29
Als der dem Hlorridi   zu Händen kam,

Zerstückt’ er den starrenden   Stein damit:
Sitzend schleudert’ er   durch Säulen den Kelch;
In Hymirs Hand   doch kehrt’ er heil.

30
Aber die freundliche   Frille lehrt’ ihn

Wohl wichtgen Rath;   sie wust ihn allein:
„Wirf ihn an Hymirs Haupt:   härter ist das
Dem kostmüden Jötun   als ein Kelch mag sein.“

31
Der Böcke Gebieter   bog die Kniee

Mit aller Asenkraft   angethan:
Heil dem Hünen   blieb der Helmsitz;
Doch brach alsbald   der Becher entzwei.

[70]
32
„Die liebste Lust   verloren weiß ich,

Da mir der Kelch   vor den Knieen liegt.
Oft sagt’ ich ein Wort;   nicht wieder sag ichs
Von heut an je;   zu heiß ist der Trank!

33
„Noch mögt ihr versuchen   ob ihr Macht habt,

Aus der Halle hinaus   zu heben die Kufe.“
Zwei Mal ihn zu rücken   mühte sich Tyr:
Des Keßels Wucht   stand unbewegt.

34
Aber Modis Vater   erfaßt’ ihn am Rand,

Stieg vom Estrich   in den untern Saal.
Aufs Haupt den Hafen   hob sich Sifs Gemahl;
An den Knöcheln klirrten ihm   die Keßelringe.

35
Sie fuhren lange   eh lüstern ward

Odhins Sohn   sich umzuschauen:
Da sah er aus Höhlen   mit Hymir von Osten
Volk ihm folgen   vielgehauptet.

36
Da harrt’ er und hob   den Hafen von den Schultern,

Schwang den mordlichen   Miölnir entgegen
Und fällte sie all,   die Felsungetüme,
Die ihn anliefen   in Hymirs Geleit.

37
[Sie fuhren nicht lange,   so lag am Boden

Von Hlorridis Böcken   halbtodt der eine.
Scheu vor den Strängen   schleppt’ er den Fuß:
Das hatte der listige   Loki verschuldet.

38
Doch hörtet ihr wohl   (wer hat davon

Der Gottesgelehrten   ganze Kunde?),
Welche Buß er empfing   von dem Bergbewohner:
Den Schaden zu sühnen   gab er der Söhne zwei.]

39
Kraftgerüstet   kam er zum Göttermal

Und hatte den Hafen,   den Hymir beseßen.
Daraus sollen trinken   die seligen Götter
Äl in Ögirs Haus   jede Leinernte.

Anmerkungen (Wikisource)

Siehe auch Anmerkungen des Übersetzers zu diesem Lied