Die Eroberung des Brotes/Der anarchistische Kommunismus

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Textdaten
Autor: Pjotr Alexejewitsch Kropotkin
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Titel: Der anarchistische Kommunismus
Untertitel:
aus: Die Eroberung des Brotes, S. 19–27
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1919
Verlag: Der Syndikalist
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer: Bernhard Kampffmeyer
Originaltitel: La conquête du pain. Paris 1892
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Cornell-USA* = Commons
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[19]

DER ANARCHISTISCHE KOMMUNISMUS

I.[Bearbeiten]

Jede Gesellschaft, welche mit dem Privateigentum gebrochen hat, wird nach unserer Meinung gezwungen sein, sich in anarchistisch-kommunistischer Form zu organisieren. Die Anarchie führt zum Kommunismus, und der Kommunismus zur Anarchie; das Eine wie das Andere ist nur der Ausdruck einer in den modernen Gesellschaften vorherrschenden Tendenz: des Strebens nach der Gleichheit.

Es gab eine Zeit, wo eine Bauernfamilie das Getreide, welches sie gebaut, die Wollkleider, die sie in ihrer Hütte gewebt, vielleicht als Früchte ihrer eigenen Arbeit betrachten konnte. Aber selbst damals war diese Anschauung nicht ganz zutreffend. Es gab damals Straßen und Brücken, – Produkte gemeinschaftlicher Arbeit; Ländereien, wo ehemals Sümpfe waren, die man durch Kollektivarbeit ausgetrocknet hatte; Gemeindewiesen, von Hecken umschlossen, an deren Pflege alle mitwirkten. Eine Verbesserung in den Webinstrumenten oder im Färbungsverfahren der Wollstoffe kam Allen zugute; in dieser Epoche schon konnte eine Bauernfamilie nur unter der Bedingung existieren, daß sie bei tausend Gelegenheiten Schutz am Dorfe oder an der Kommune fand.

Aber heute, bei einem Zustand der Industrie, wo alles eng verwachsen und verschlungen ist, wo jeder Produktionszweig sich aller anderen bedienen muß, ist das Bestreben, den Produkten einen individualistischen Ursprung beizumessen, etwas Anmaßendes und absolut Unhaltbares. Wenn die Textilindustrie oder die Metallwarenbranche in den zivilisierten Ländern eine erstaunliche Vervollkommnung erfahren haben, so verdanken sie es der gleichzeitigen Entwicklung von tausend anderen großen wie kleinen Industrien; sie verdanken es der Ausbreitung des Eisenbahnnetzes, der transatlantischen Schiffahrt, der Geschicklichkeit von Millionen von Arbeitern, einem gewissen Grade allgemeiner Kultur in der ganzen Arbeiterklasse, kurz, den gesamten Arbeitsleistungen der Welt.

Die Italiener, welche beim Durchstich des Suezkanals an der Cholera starben, oder an der Gicht im Gotthardtunnel, ebenso die Amerikaner, welche scharenweise im Geschützregen dahinsanken – im Kriege für die Abschaffung der Sklaverei –, haben zur Entwicklung [20] der Baumwollenindustrie in England und Frankreich beigetragen, und zwar in dem gleichen Maße, als jene Mädchen, welche in den Manufakturen von Manchester und Rouen verkümmern, oder jener Ingenieur, welcher (infolge des schmerzlichen Eindrucks, den das Bild einer solchen Arbeiterin in ihm hinterlassen) auf irgendeine Vervollkommnung der Webeinstrumente gekommen ist.

Wie will man den Teil abschätzen, welcher von den Reichtümern‚ an deren Aufhäufung wir alle mitarbeiten, auf Jeden entfällt?

*

Wenn wir uns der Produktion gegenüber auf einen allgemeinen vergleichenden Standpunkt stellen, so können wir uns nicht der Meinung der Kollektivisten anschließen, daß eine Entschädigung nach der Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden ein Ideal oder auch nur ein Schritt dem Ideal zu ist. Wir wollen hier nicht darüber diskutieren, ob sich in der gegenwärtigen Gesellschaft der Tauschwert der Waren wirklich nach der in ihnen enthaltenen Arbeitsmenge bemißt, – was Smith und Ricardo behauptet haben und was Marx von ihnen übernommen hat; es genügt mir, unter Vorbehalt, später noch einmal darauf zurückzukommen, hier zu konstatieren, daß das kollektivistische Ideal uns unausführbar erscheint in einer Gesellschaft, welche die Produktionsmittel als ein Allen überkommenes Erbe ansieht. Basiert man eine Gesellschaft auf diesem letzteren Prinzip, so wird man sich auch gezwungen sehen, zu gleicher Zeit das ganze Lohnsystem aufzugeben.

*

Wir sind der Ueberzeugung, daß der gemilderte Individualismus des kollektivistischen Systems unvereinbar ist mit jenem partiellen Kommunismus, den es in Gestalt des Gemeineigentums am Grund und Boden und an Arbeitsinstrumenten aufweist. Eine neue Produktionsform bedingt auch eine neue Verteilungsform der Produkte. Eine neue Produktionsweise kann ebensowenig, als sie sich der alten politischen Organisationsform anpassen konnte, die alte Konsumtionsform beibehalten.

Das Lohnsystem hat seinen Ursprung in der persönlichen Aneignung des Grund und Bodens und der Arbeitsinstrumente durch einige Wenige. Es war dies eine notwendige Bedingung für die Entwicklung der kapitalistischen Produktion; das Lohnsystem wird mit dieser verschwinden, selbst wenn man es unter der Form der „Arbeitsbons“ wird vermummen wollen. Der Gemeinbesitz an den Arbeitsinstrumenten führt notwendig zum gemeinschaftlichen Genuß der aus gemeinsamer Arbeit stammenden Produkte.

*

Wir behaupten außerdem, daß der Kommunismus nicht allein wünschenswert ist, sondern auch, daß die gegenwärtigen Gesellschaften, begründet auf dem Individualismus, gezwungen sind, sich ständig dem Kommunismus zu nähern.

Die Entwicklung des Individualismus während der letzten drei Jahrhunderte erklärt sich hauptsächlich aus den Bemühungen des Menschen, sich gegen die Macht des Staates und des Kapitals zu [21] schützen. Er hatte einen Augenblick geglaubt, und diejenigen, welche seine Ideen predigten, gleichfalls, daß er sich ganz vom Staate und der Gesellschaft befreien könnte. „Mittels Geldes“, sagte er, „kann ich alles, dessen ich bedarf, kaufen.“ Aber das Individuum ist fehl gegangen, und die moderne Geschichte führt es zu der Erkenntnis zurück, daß es ohne das Zusammenwirken Aller nichts vermag, selbst mit seinen Geldspinden voller Gold.

In der Tat: neben dem individualistischen Zuge konstatieren wir in der ganzen modernen Geschichte die Tendenz, einerseits zu erhalten, was von dem partiellen Kommunismus des Altertums übrig geblieben ist, und andererseits das kommunistische Prinzip in tausend und aber tausend Kundgebungen des Lebens wieder zur Geltung zu bringen.

Als es den Kommunen des 10., 11. und 12. Jahrhunderts geglückt war, sich von den weltlichen oder kirchlichen Herren zu emanzipieren, gaben sie sofort dem Prinzip der gemeinschaftlichen Arbeit und des gemeinschaftlichen Genusses eine große Ausdehnung.

Die Stadt – nicht die Privatleute – betrachtete die Schiffe und entsendete die Karawanen für den fernen Handel, ihr Ertrag kam Allen und nicht einzelnen Individuen zu Gute. Die Stadt kaufte auch die Lebensmittel für ihre Bewohner. Die Spuren dieser Institutionen haben sich bis zum 19. Jahrhundert erhalten und die Völker bewahren ihnen noch heute in ihren Legenden ein frommes Andenken.

*

Dies alles ist verschwunden. Aber die Landgemeinde kämpft noch heute für die Aufrechterhaltung der letzten Ueberbleibsel des Kommunismus, und dies stets mit Erfolg, wenn nicht der Staat sein gewichtiges Schwert in die Wagschale wirft.

Zu gleicher Zeit entstehen unter tausend verschiedenen Gesichtspunkten neue Organisationen, basiert auf diesem selben Prinzip: „Jedem nach seinen Bedürfnissen“, denn ohne eine gewisse Dosis Kommunismus können die gegenwärtigen Gesellschaften nicht existieren. Trotz der engherzigen egoistischen Richtung, welche der Geist durch die Warenproduktion erhalten hat, offenbart sich die kommunistische Tendenz alle Augenblicke und bürgert sich in unseren Beziehungen unter allen möglichen Formen ein.

Die Brücke, für deren Passage einst von den Passanten ein Zoll bezahlt wurde, ist öffentliches Eigentum geworden. Eine Bezahlung für die Benutzung der gepflasterten Landstraßen, die ehemals nach Meilen bemessen wurde, besteht nur noch im Orient. Die Museen, die jedem offen stehenden Bibliotheken, die unentgeltlichen Schulen, die Speisungen der Kinder auf Gemeindekosten, die öffentlichen Parks und Gärten, die gepflasterten und erleuchteten Straßen, Jedermann unentgeltlich zugänglich, die Wasserleitung mit der allgemeinen Tendenz, die Bezahlung nicht nach der konsumierten Quantität zu berechnen – alle diese und noch viele andere Institutionen sind gegründet auf dem Prinzip: „Nehmet so viel, als ihr bedürft.“

Die Eisenbahnen, die Pferdebahnen führen schon monatliche oder jährliche Abonnementsbillets ein, ohne der Anzahl der Fahrten Rechnung [22] zu tragen; und eine ganze Nation – Ungarn – hat auf seinem Eisenbahnnetz den Zonentarif eingeführt, nach welchem die Zurücklegung einer Strecke von 500 oder 1000 Kilometer den gleichen Preis kostet. Von hier ist es nicht weit mehr zum Einheitspreis, wie er im Postdienst durchgeführt ist. In allen diesen modernen Errungenschaften und tausend anderen liegt die Tendenz vor, die Konsumtion nicht zu bemessen. Jener will 1000 Kilometer zurücklegen, ein anderer nur 500. Dieses sind persönliche Bedürfnisse, und es ist kein Grund dafür vorhanden, den einen zweimal so viel als den andren bezahlen zu lassen, weil das Bedürfnis ein doppelt so großes war. Alle die Phänomene zeigen sich schon in unseren heutigen individualistischen Gesellschaften.

*

Es liegt unstreitbar, so schwach sie auch noch sein mag[WS 1], die Tendenz vor, die menschlichen Bedürfnisse von der Größe der Dienste, welche der Mensch der Gesellschaft geleistet hat oder leisten wird, unabhängig zu machen. Man gelangt dahin, die Gesellschaft als ein Ganzes zu betrachten, von dem jeder Teil so intim mit dem anderen verknüpft ist, daß der einem Individuum erwiesene Dienst ein Allen erwiesener Dienst ist.

Wenn ihr in eine öffentliche Bibliothek – nicht die Nationalbibliothek von Paris, sondern, sagen wir, in die Londons oder Berlins – eintretet, so fragt der Bibliothekar euch nicht, welche Dienste ihr der Gesellschaft geleistet, um euch je nach erfolgter Antwort das eine oder die fünfzig erbetenen Bücher zu geben; und nötigenfalls unterstützt er euch auch, wenn ihr die gewünschten Bücher im Katalog nicht zu finden versteht. Wenn man ein für alle gleichmäßig bemessenes Eintrittsgeld erlegt – und sehr häufig ist es eine Steuer in Form einer Arbeitsleistung, die man jetzt vorsieht –, macht die wissenschaftliche Gesellschaft ihre Museen, ihre Gärten, ihre Bibliothek, ihre Laboratorien, ihre jährlichen Feste usw. einem jeden ihrer Mitglieder zugänglich, sei dies ein Darwin oder ein einfacher Amateur.

Wenn ihr in Petersburg einer Erfindung nachgehen wollt, geht ihr in eine besondere Werkstatt, wo man euch einen Platz, einen Werktisch, eine Drehbank, alle notwendigen Werkzeuge, alle Meßinstrumente, vorausgesetzt, daß ihr sie zu handhaben versteht, anweist; – dort läßt man euch arbeiten, so lange es euch gefällt. Eure Idee vereint euch mit Kameraden verschiedener Berufe, wenn ihr es nicht vorzieht allein zu arbeiten, erfindet die Flugmaschine oder erfindet sie nicht – das ist eure Sache. Eine Idee leitet euch – das genügt.

Fragt ferner die Bemannung eines Rettungsbootes die Matrosen eines sinkenden Schiffes nach ihren Namen? Sie schifft sich ein, wagt ihr Leben in den wütenden Wogen; sie ertrinkt auch zuweilen, um denen das Leben zu retten, welche sie nicht einmal kennt. – Und warum sollte sie sie kennen? „Man bedarf unserer Dienste; es sind menschliche Wesen dort; das genügt, ihr Recht auf unsere Hilfe sieht fest. – Retten wir sie!“

Das ist die Tendenz, und zwar eine Tendenz eminent kommunistischer Art, welche sich überall geltend macht, unter allen möglichen [23] Formen, selbst im Schoße unserer heutigen Gesellschaften, welche den Individualismus predigen.

Und wenn morgen eine der großen Städte, sonst so egoistisch gesinnt, von irgend einem Unglück heimgesucht wird – einer Belagerung zum Beispiel –, so wird dieselbe Stadt beschließen, daß die Bedürfnisse, welche zuerst befriedigt werden müssen, die der Kinder und der Greise sind, und zwar ohne sich zu informieren, welche Dienste sie der Gesellschaft erwiesen haben oder erweisen werden; und es gilt zuerst die Kämpfer zu ernähren und für sie Sorge zu tragen – unabhängig von der Tapferkeit oder der Klugheit, die ein jeder noch beweisen soll, und Tausende von Männer und Frauen werden in Selbstverleugnung wetteifern um die Verwundeten zu pflegen.

*

Die Tendenz zum Kommunismus existiert. Sie verschärft sich mit dem Augenblicke, wo die gebieterischsten Bedürfnisse eines jeden befriedigt sind, und zwar nach Maßgabe, als die Produktionskraft des Menschen wächst; sie verschärft sich noch mit jedem Male, wo eine große Idee sich an die Stelle der kleinlichen Sorgen des täglichen Lebens setzt.

Wie kann man also zweifeln, daß an dem Tage, wo die Produktionsmittel sich im Besitze der Gesamtheit befinden werden, wo die Arbeit eine gemeinschaftliche sein wird, wo die Arbeit, den Ehrenplatz in der Gesellschaft einnehmend, produktiver sein wird, als es die Bedürfnisse Aller erfordern, – wie kann man daran zweifeln, daß an jenem Tage diese Tendenz ihre Wirkungssphäre, – schon heute so mächtig – nicht so weit ausdehnen sollte, daß sie zum Fundament des gesamten sozialen Lebens wird?

Nach diesen Anzeichen und obendrein in Erwägung der praktischen Seite der Expropriation, die uns in den folgenden Kapiteln beschäftigen wird, halten wir es für unsere erste Aufgabe, – nachdem die Revolution die Macht, welche das heutige System schützt, gebrochen hat – sofort den Kommunismus zu verwirklichen.

Doch unser Kommunismus ist nicht derjenige der Phalansterien, noch derjenige der autoritären deutschen Theoretiker. Er ist der anarchistische Kommunismus, der Kommunismus ohne Regierung – derjenige freier Menschen. Er ist die Vereinigung der beiden von der Menschheit seit Alters her verfolgten Ziele: der ökonomischen Freiheit und der politischen Freiheit.

II.[Bearbeiten]

Indem wir „die Anarchie“ als Ideal politischer Organisation annehmen, formulieren wir gleichfalls nur eine zweite ausgesprochene Tendenz der Menschheit. Jedesmal, wenn es der Entwicklungsgang der europäischen Gesellschaften erlaubt hat, schüttelten diese das Joch der Autorität ab und arbeiteten ein System aus, das auf den Prinzipien der individuellen Freiheit basiert war. Und wir sehen in der Geschichte, daß die Perioden, in welchen infolge partieller oder allgemeiner Empörungen die Regierungen erschüttert waren, die Epochen eines [24] schnellen Fortschritts auf ökonomischem, wie intellektuellem Gebiete waren.

Bald ist es die Befreiung der Kommunen, deren Errungenschaften – die Frucht der freien Arbeit freier Assoziationen – niemals wieder übertroffen worden sind; bald sind es die Bauernkriege, deren Folge die Reformation war und welche das Papsttum in Gefahr brachten; bald ist es jene Gesellschaft – frei für einen Augenblick –, welche auf der andren Seite des Atlantischen Ozeans von Männern, die des alten Europas müde waren, geschaffen wurde.

Und wenn wir die augenblickliche Entwicklung der zivilisierten Nationen beobachten, so sehen wir, wie sich in nicht mißzuverstehender Weise eine Bewegung entfaltet, die nicht mit Unrecht beschuldigt wird, die Wirkungssphäre der Regierung beschränken und dem Individuum mehr und mehr Spielraum schaffen zu wollen. Darin dokumentiert sich die gegenwärtige Evolution, allerdings noch durch eine Unmasse von Institutionen und ererbten Vorurteilen eingezwängt; wie alle Evolutionen, wartet auch sie nur auf die Revolution, um das alte hinderliche Gemäuer zu stürzen, um einen freien Aufschwung in der neuen Gesellschaft zu nehmen.

*

Nachdem man lange Zeit vergeblich danach gestrebt hat, das unlösliche Problem zu lösen: das Problem, sich eine Regierung zu schaffen, „welche das Individuum zum Gehorsam zwingen könne, ohne jemals selbst der Gesellschaft ungehorsam zu werden“, sucht die Menschheit sich von jeder Art Regierung zu befreien und ihren Organisationsbedürfnissen auf dem Wege der freien Vereinbarung zwischen den Individuen und den Gruppen mit gleichen Zielen zu genügen. Die Unabhängigkeit der kleinsten territorialen Einheit wird ein dringendes Bedürfnis; das gemeinsame Uebereinkommen ersetzt das Gesetz und regelt – über die territorialen Grenzen hinaus – die Sonderinteressen mit Rücksicht auf ein allgemeines Ziel.

Alles, was man ehemals als Funktion des Staates angesehen hat, wird ihm heute streitig gemacht; man einigt sich viel leichter und besser ohne seine Einmischung. Wenn man die Fortschritte, die in dieser Richtung gemacht worden sind, studiert, so kommt man zu dem Schlusse, daß die Menschheit die Tätigkeit der Regierung auf Null zu reduzieren, daß heißt, den Staat, diese Personifikation von Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Monopolbesitz, zu beseitigen bestrebt ist.

Wir können schon eine Welt sehen, in der das Individuum, nicht mehr durch Gesetze gefesselt, nur noch gesellschaftliche Neigungen haben wird. Neigungen, die in dem von einem jeden von uns gefühlten Bedürfnisse, Hülfe und Mitgefühl bei seinen Nachbarn und ein Zusammenarbeiten mit ihnen zu suchen, geboren sind.

Gewiß, die Idee einer staatslosen Gesellschaft wird eine wenigstens ebenso große Gegnerschaft finden, als die politische Oekonomie mit einer Gesellschaft, in der es kein Privateigentum geben soll. Wir alle sind in Vorurteilen von der Notwendigkeit der Vorsehungs-Funktionen des Staates großgezogen worden. Unsere ganze Erziehung, vom Unterricht in der römischen Geschichte an bis zur Einweihung [25] in den corpus juris, den man unter dem Namen „römisches Recht“ studiert, sowie die verschiedenen auf den Universitäten gelehrten Wissenschaften haben uns daran gewöhnt, an die Regierung und an die Tugenden des Vorsehungs-Staates zu glauben.

Philosophische Systeme sind ausgearbeitet und gelehrt worden, um dieses Vorurteil zu erhalten; Rechtstheorien sind zu dem gleichen Ziele aufgestellt worden. Die ganze Politik basiert auf diesem Prinzip, und jeder Politiker, von welcher Farbe er auch sei, wird stets zum Volke sagen: „Gebt mir die Macht; ich will, ich kann Euch von dem Elend befreien, welches auf Euch lastet.“

Von der Wiege bis zum Grabe stehen wir unter der Herrschaft dieses Prinzips. Oeffnet ein beliebiges Buch der Soziologie, der Jurisprudenz und ihr werdet finden, daß die Regierung, ihre Organisation, ihre Handlungen einen derartigen großen Raum einnehmen, daß wir schließlich zu dem Glauben kommen müssen, es gäbe nichts weiter auf der Welt, als Regierungen und Staatsmänner.

Der gleichen Litanei begegnen wir in allen Tonarten in der Presse. Ganze Spalten sind den Debatten der Parlamente, den Intriguen der Politiker gewidmet: das tägliche, gewaltige Leben einer Nation kommt höchstens in einigen wenigen, einen ökonomischen Gegenstand behandelnden Zeiten zur Geltung – gelegentlich eines neuen Gesetzes oder (unter „Verschiedenes“) durch Vermittlung der Polizei. Und wenn Ihr diese Journale liest, so kommt Ihr nicht auf den Gedanken, daß es außer einigen Persönlichkeiten, die alles neben sich in Schatten stellen, die man in den Himmel hebt, und die nur durch unsere Unwissenheit groß sind, noch eine unberechenbare Anzahl von Wesen, – die ganze Menschheit fast – gibt, die da leben und sterben, die Schmerzen erdulden, die arbeiten und konsumieren, denken und schaffen.

*

Wenn man sich dagegen vom Papier zum Leben selbst wendet, wenn man einen Blick auf die Gesellschaft wirft, so wird man betroffen von der unendlich geringen Rolle, welche die Regierung in Wirklichkeit spielt. Balzac hatte schon die Bemerkung gemacht, wie viele Millionen von Bauern während ihres ganzen Lebens mit dem Staate nicht in Berührung kommen, ausgenommen, daß sie an ihn drückende Steuern bezahlen müssen. Jeden Tag werden Millionen von Verträgen ohne die Intervention der Regierung abgeschlossen, und die größten derselben – diejenigen im Handel, an der Börse – werden in einer Form abgeschlossen, daß die Regierung im Falle eines Vertragsbruches nicht einmal angerufen werden kann. Sprechet mit einem Manne, der des Handels kundig ist, und er wird Euch sagen, daß die vielen Tauschakte, welche täglich zwischen den Handelstreibenden stattfinden, ein Ding der Unmöglichkeit wären, wenn sie nicht auf gegenseitigem Vertrauen basiert wären. Die Gewohnheit, sein Wort zu halten, der Wunsch, seinen Kredit nicht zu verlieren, reichen vollständig hin, um diese – wenn auch äußerst relative – Ehrenhaftigkeit, die Handelsehre, zu bewahren. Derselbe Mann, der nicht Gewissensbisse empfindet, seine Kundschaft mittels unreiner, aber mit prunkenden Etiquetten ausgestatteter Waren zu vergiften, betrachtet es als Ehrensache, [26] seinen Handelsverpflichtungen nachzukommen. Ja, wenn sich diese relative Moralität unter den gegenwärtigen Verhältnissen, unter denen die Bereicherung und abermals die Bereicherung das einzige treibende Moment ist, sich entwickeln kann – können wir da zweifeln, daß die Moralität außerordentliche Fortschritte machen wird, sobald die Aneignung fremder Arbeit nicht mehr die Basis der Gesellschaft bildet?

Ein anderer überraschender Zug, der besonders unsere Generation charakterisiert, spricht noch mehr zugunsten unserer Ideen. Es ist das ständige Umsichgreifen von Unternehmungen, die ihren Ursprung der Privatinitiative und der wunderbaren Entwicklung von freien Gruppierungen aller Art verdanken. Wir werden davon des Längeren in den Kapiteln, die der „Freien Vereinbarung“ gewidmet sind, sprechen. Es genüge uns hier, zu sagen, daß diese Gründungen so zahlreich und alltäglich sind, daß sie eigentlich das Wesen der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts ausmachen. Die Schriftsteller des Sozialismus und der bürgerlichen Politik ignorieren es freilich und ziehen es vor, uns ständig von den Funktionen der Regierung zu unterhalten. Diese freien, unendlich variierenden Organisationen sind ein so natürliches Entwicklungsprodukt, ihre Anzahl wächst so rapid, ihre Bildung vollzieht sich mit so außerordentlicher Leichtigkeit; sie sind ein so notwendiges Resultat der ständig wachsenden Bedürfnisse des zivilisierten Menschen, und sie ersetzen endlich in so vorteilhafter Weise jegliche Einmischung seitens einer Regierung, daß wir in ihnen einen immer wichtigeren Faktor des gesellschaftlichen Daseins erblicken müssen.

Wenn sie sich noch nicht über die Gesamtheit der Lebenskundgebungen ausdehnen, so liegt das daran, daß sie einem unübersteiglichen Hindernisse in dem Elend des Arbeiters, in dem Kastengeist der gegenwärtigen Gesellschaft, in dem Monopolbesitz und dem Staate begegnen. Beseitigt diese Hindernisse, und ihr werdet sie die unermeßliche Domäne der Tätigkeit der zivilisierten Menschen ausfüllen sehen.

*

Die Geschichte der letzten fünfzig Jahre hat den schlagendsten Beweis dafür geliefert, daß die repräsentative Regierung ohnmächtig ist, den Funktionen, die man ihr andichten wollte, gerecht zu werden. Man wird einst das neunzehnte Jahrhundert als das Datum der Fehlgeburt des Parlamentarismus zitieren.

Aber diese Ohnmacht wird für Jedermann, so einleuchtend die Mangel des Parlamentarismus, die fundamentalen Schwächen des repräsentativen Prinzips werden so offenkundig, daß einige Denker, welche es kritisiert haben (J. S. Mill, Lederdays), nur der allgemeinen Unzufriedenheit haben Ausdruck geben können. Man sieht mehr und mehr ein, wie absurd es ist, einige Männer zu wählen und zu diesen zu sagen: „Macht uns für alle Betätigungen unseres Lebens Gesetze, auch wenn keiner von Euch eine Ahnung von ihnen hat.“ Man beginnt zu begreifen, daß die Herrschaft der Majoritäten ein Ueberlassen aller Geschäfte eines Landes an Diejenigen bedeutet, welche die Majoritäten für sich zu gewinnen wissen, d. h. an „die Kröten des Sumpfes“ in [27] der Kammer und in den Kreisversammlungen, mit einem Wort an Diejenigen, welche keine Meinung haben. Die Menschheit sucht und findet neue Wege.

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Der internationale Postverein, die Vereinigung der Eisenbahnen, die wissenschaftlichen Gesellschaften liefern uns ein Beispiel für die Lösung, die man auf dem Wege der freien Vereinbarung an Stelle des Gesetzes gefunden hat.

Wenn heute die über alle vier Windrichtungen des Erdballs verstreuten Gruppen sich zu irgend einem gemeinsamen Ziel organisieren wollen, so ernennen sie nicht mehr ein internationales Parlament von Deputierten mit unumschränkter Vollmacht, zu denen man sagt: „Beschließet Gesetze, wir gehorchen“. Nein, wenn man sich heute nicht direkt oder auf dem Wege der Korrespondenz verständigen kann, so schickt man sachverständige Delegierte zum Verhandeln und sagt diesen: „Versucht Euch über diese oder jene Frage zu einigen und kommt dann zurück – aber nicht mit einem Gesetze in der Tasche, sondern mit einem Verständigungsvorschlag, den wir dann annehmen werden oder nicht.“

In dieser Weise handeln die großen industriellen Kompagnien, die wissenschaftlichen Gesellschaften, die Vereinigungen aller Art, die sich heute schon über ganz Europa und die Vereinigten Staaten verbreiten. Und in gleicher Weise wird eine befreite Gesellschaft handeln müssen. Um die Expropriation durchzuführen, wird es ihr absolut unmöglich sein, sich nach dem Prinzip der parlamentarischen Repräsentation zu organisieren. Eine auf der Leibeigenschaft begründete Gesellschaft konnte sich mit der Monarchie abfinden, eine auf dem Lohnsystem und der Ausbeutung der Massen durch die Kapitalbesitzer basierte Gesellschaft konnte sich dem Parlamentarismus anpassen. Aber eine freie Gesellschaft, eine Gesellschaft, die in Besitz des Allen zukommenden Erbes tritt, muß in der freien Gruppierung, in der freien Föderation der Gruppen eine neue Organisation finden, eine Organisation, die der neuen ökonomischen Phase der Geschichte entspricht.

Jeder ökonomischen Phase entspricht eine politische Phase, und es wird unmöglich sein, an dem Eigentum zu rütteln, ohne zugleich einen neuen Modus des politischen Lebens zu finden.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: mga