Die Gartenlaube (1854)/Heft 37

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1854
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 37. 1854.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 11/2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 121/2 Ngr. zu beziehen.

Klementine.
(Fortsetzung.)

„Der insolente Mensch!“ rief sie zornig aus, indem sie das Magazin betrat, dessen Glasthür die Aussicht auf die Straße bot. „Bei jeder Gelegenheit verfolgt er mich mit seinen beleidigenden Anträgen. Ich wette, daß der Brief, den ich gestern erhielt, von ihm kommt! Aber ich werde mich hüten, ihn zu lesen, denn das wäre ein Verrath an meinem Fritz, den ich von ganzem Herzen liebe. Und daß er mich wiederliebt, darf ich nicht bezweifeln. Warum putzt er sich so, warum verwendet er seinen ganzen Verdienst auf schöne Kleider? Ach, ich mache es ja eben so, um ihm zu gefallen, und hätte ich schönere Sachen, ich würde sie stets tragen. Wahrhaftig, Fritz sieht nicht aus wie ein Tapezierer, er gleicht einem jungen Kaufmanne, der in einem Comptoir arbeitet. Wo er nur so lange bleibt? Der Vetter hat Recht, auf ihn böse zu sein, und ich möchte jedesmal mit ihm zanken, wenn er so lange ausbleibt. Aber ich kann es nicht, sobald er mir die Hand reicht und mich anlächelt, ist mein Zorn verschwunden.“

Sie trat an das Fenster und sah die Straße hinab.

„Dort kommt er endlich!“ flüsterte sie freudig erschreckt. „Er trägt den neuen Talmamantel, von dem er mir gesagt hat. Wahrlich, ein Kaufmann kann nicht stattlicher aussehen. Man möchte glauben, er sei für die eleganten Kleider geschaffen. Ach, und wie schön der Hut auf dem braunen Lockenkopfe aussieht. Gerechter Gott, was ist das? Er grüßt und starrt dem Wagen nach – da kommt ein anderer angefahren – Fritz, treten Sie bei Seite! Wie sich die Pferde bäumen! Fritz, um Gotteswillen –!“

Doris wandte sich ab und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, als ob sie das schreckliche Schauspiel nicht länger mit ansehen könne.

Da ließ sich auf der Straße ein lautes Lachen vernehmen, und eine Stimme rief: „Fahrt nur zu, ich komme nicht unter Euere Pferde! Ueber diese ängstlichen Menschen!“

Gleich darauf ward die Thüre geöffnet und Fritz trat ein.

Zitternd wandte sich die erschreckte Doris dem Eintretenden zu.

„Ach, da sind Sie ja, und ich glaubte – –“

„Was?“ fragte Fritz, indem er seinen Arm um ihre schlanke Taille legte, und ihr freundlich in das Gesicht sah.

„Daß Sie unter die Räder gekommen wären.“

„Thörichte Furcht, meine liebe Doris! Das wäre Schade um meinen neuen Mantel gewesen! Nun, wie steht er mir! Wie gefalle ich Ihnen?“ fragte Fritz, indem er sich in Positur warf.

„Vortrefflich!“ rief Doris, der bei diesem Anblicke aller Schreck vergangen war. Ach, wenn Sie Vetter Thaddäus sieht.“

„Warum?“

„Damit sich sein Zorn über Ihr langes Ausbleiben legt.“

„Ob der Alte zornig ist oder nicht, das kümmert mich wenig! Jetzt ist es Mittag, und ich als Werkführer und Zeichner habe zwei Stunden Zeit zum Essen. Diese Musestunden werde ich zum Lesen eines Romans verwenden.“

„Wie, jetzt wollen Sie lesen?“

„Ein anständiger Mann, mein Fräulein, findet mehr Genuß an einer geistigen Speise, als an einer wohlbesetzten Tafel. Ein guter Roman ist für mich ein Leckerbissen. Man schöpft aus ihm Lebensklugheit, Anstand, Sitte und schöne Redensarten, die man bei vorkommenden Gelegenheiten anwenden kann. Ach, und vorzüglich die französischen modernen Sachen! Wie elegant, wie galant und pikant! Lesen Sie französische Romane, Doris, und Sie werden eine vollkommene Dame.“

In diesem Augenblicke ließ sich der Ton einer Klingel vernehmen.

„Der Vetter!“ sagte Doris. „Ich will zu ihm gehen.“

Sie entfernte sich.

„Und ich,“ flüsterte Fritz, „werde meine geborgten Kleider ablegen; Herr Thaddäus möchte doch nicht ganz damit einverstanden sein, daß ich den Stutzer spiele. Ach, diesen Morgen bin ich mit ihr unter den Linden spazieren gegangen! Welch ein reizendes, liebenswürdiges Mädchen! Und dieses Glück verdanke ich diesem Talmamantel, meinem Anstande und meiner geistreichen Unterhaltung. Wüßte sie, daß ich ein Tapezierer wäre, sie würde sich hüten, mit mir zu sprechen. Ich bin so glücklich, so selig, daß mir der Appetit zum Essen vergangen ist. Wie die Offiziere nach mir herüberschielten, man sah den Neid und die Mißgunst in ihren Blicken. So weit habe ich es gebracht, daß ich mit den Gardeoffizieren rivalisire! Ich schlage sie alle aus dem Felde, ich muß siegen!“

Während dieses Monologs hatte Fritz einen von den prachtvollen Kleidersecretairs geöffnet, die eleganten Kleider, die er abgelegt, hineingehangen, und die Thüre wieder verschlossen. Dann zog er seinen Arbeitsrock an, band eine grüne wollene Schürze vor, holte aus deren Tasche ein Buch, setzte sich auf einen Stuhl neben dem Fenster und begann zu lesen. So traf ihn die zurückkehrende Doris. Leise trat sie neben seinen Stuhl und flüsterte ihm in’s Ohr:

„Herr Fritz!“

„Was giebt’s?“ fragte der junge Mann ohne aufzusehen.

.Man hat mir einen Brief geschrieben.“

„Einen Liebesbrief?“

[430] „Ich glaube.“

„Viel Glück!“ antwortete Fritz gleichgültig.

Das arme Mädchen schwieg traurig einen Augenblick still; dann faßte sie Muth, und fragte: „Sind Sie nicht neugierig zu wissen, von wem er kommt?“

„Nun?“

„Von einem großen Herrn.“

„Das ist romantisch!“ rief Fritz aufsehend. „Wer ist dieser große Herr?“

„Nun, mein lieber Fritz, Ihnen habe ich nichts zu verbergen – ich glaube, der Briefschreiber ist der alte Junker von Below.“

„Den kenne ich! Doris, nehmen Sie sich in Acht! Der Junker ist ein zweiter Don Juan, ein wahrer Lovelace, wie der herrliche Paul de Kock sagt. Bei dem Rauschen eines Frauenkleides bebt er zusammen, und ein hübsches Mädchengesicht läßt ihn zu Mitteln seine Zuflucht nehmen, die elegant, aber fürchterlich sind. Hüten Sie sich, Doris, der Junker ist das Unglück aller hübschen Mädchen.“

„Fritz, ich versichere Sie, daß ich den Mann nicht leiden mag, obgleich er stets mit mir freundlich ist. Ich empfinde ein Grauen“ –

„Gut gesagt, ein Grauen empfinden! Der Ausdruck ist schön! Doris, es giebt Erscheinungen im menschlichen Leben, die – –“

Der Redner ward durch das Oeffnen der Glasthür unterbrochen. Eine Gestalt erschien, die völlig geeignet war, die Empfindung zu erwecken, von der Fritz soeben mit Enthusiasmus sprach. Ein langer, trockner Mensch trat herein, dessen überglastes Gesicht einen tiefen, eisigen Gedanken aussprach. Der Blick seines großen braunen Auges unter schwarzen buschigen Brauen war voll kalter Ironie und grenzenloser Anmaßung. Sein langes, von unzähligen Runzeln durchzogenes Gesicht war bleifarbig, und als er den Hut abnahm, zeigte sich ein haarloser, viereckiger Schädel. Einige flache graue Haarbüschel fielen von beiden Schläfen herab auf den Kragen seines einfachen blauen, bis an den Hals zugeknöpften Rocks, in dessen Knopfloche ein Ordensband von so ungewissen Farben sich befand, daß es selbst der feinste Kenner nicht unterschieden haben würde. Hätte das Gesicht nicht das wunderbare Gepräge von kalter Verachtung und tiefer Philosophie getragen, man würde den herrlichsten Don Ouixote-Kopf vor sich gehabt haben. Sein Körperbau war schlank und knochig, und ließ auf eine für sein Aussehen ungewöhnliche Kraft schließen. Der Hut, den er in der feinen weißen Hand hielt, war ziemlich neu, wie sein schlichter Rock.

Doris war erschreckt hinter Fritz zurückgetreten, der sich erhoben hatte, und den seltsamen Fremden mit fragenden Blicken ansah.

„Wo ist der Herr dieses Magazins?“ fragte eine schöne, volltönende Baßstimme.

In demselben Augenblicke öffnete sich die Thür des Comptoirs, und Herr Thaddäus erschien.

„Er steht vor Ihnen,“ sagte Fritz, auf seinen Prinzipal deutend.

„Mein Herr,“ sagte der Fremde, „Sie sind beauftragt, die alten Möbel des verstorbenen Barons von Below in Empfang zu nehmen, und dafür neue zu liefern?“

„Ja, mein Herr,“ antwortete der Tapezierer. „So eben hat mich der Bruder des Verstorbenen verlassen, nachdem er mit mir das Geschäft geordnet.“

„Ich weiß es. Sie werden natürlich, da Sie Geschäftsmann sind, die Sachen wieder verkaufen?“

„Allerdings, aber, mein Herr, der Handel sollte noch ein Geheimniß bleiben, und Sie wissen schon jetzt davon?“ fragte Herr Thaddäus verwundert.

Der Fremde blieb kalt und ruhig wie zuvor.

„Fürchten Sie nicht, daß man Ihnen eine Indiskretion zur Last legt,“ antwortete er. „Ich erfuhr das Geheimniß – da Sie es einmal so nennen – früher als Sie. Pietät für den Todten veranlaßt mich, seine Geräthe anzukaufen, und damit mir ein anderer Käufer nicht vorgreift, entbiete ich mich jetzt, Ihnen den Preis zu zahlen, den Sie fordern werden. Die einzige Bedingung dabei ist, daß die Sachen bleiben, wie sie sind. Jede Neuerung, auch die kleinste, würde ihren Werth für mich beeinträchtigen. Es liegt in Ihrem Geschäftsinteresse, daß unser Handel dem Junker verschwiegen bleibe. Sind Sie geneigt?“

„Ich sehe keinen Grund, der mich abhielte. Da ich aber noch nicht im Besitze der Sachen bin –“

„Ganz recht; ich fordere nichts als die Zusage, daß ich die Vorhand bei dem Verkaufe habe.“

„Diese sichere ich Ihnen zu.“

„So nehmen Sie hundert Thaler als Angeld!“

Der Fremde holte ein Portefeuille hervor, und legte die genannte Summe in Banknoten auf einen Tisch.

„Wenn werde ich wieder anfragen können?“

„Morgen!“ antwortete der Geschäftsmann.

„Also morgen!“

„Und mit wem habe ich die Ehre –?“

„Mein Name thut nichts zur Sache, da ich bei Empfang der Möbel baar bezahle.“

Der Käufer grüßte und verließ das Magazin. Herr Thaddäus, ein mehr als sparsamer Mann, prüfte hastig die Banknoten, und eilte in sein Comptoir, um sie in einem eisernen, feuerfesten Geldschranke zu verschließen. Die arme Doris, die gern noch mit Fritz geplaudert hätte, mußte ihn begleiten. Fritz wollte seinen Platz wieder einnehmen, als er ein Papier am Boden erblickte.

Er hob es auf – es war ein offener Brief mit der Adresse: „Herrn Julian, durch Frau Hammerschmidt in der Z…straße.“

„Diesen Brief hat der romantische Fremde verloren,“ dachte Fritz. „Aber da fällt mir ein, daß Frau Hammerschmidt in der Z…straße meine Lieferantin ist, die mir die eleganten Kleider gegen einen guten Miethzins verleiht – die Alte treibt mancherlei Geschäfte, sie steht auch mit diesem Manne in Verbindung. Müßte ich jetzt nicht in dem Magazine bleiben, ich würde sogleich zu ihr gehen, und den Brief zurückgeben.“

Fritz war ein zu eifriger Leser, als daß er es sich hätte versagen können, den Inhalt des Briefes zu erfahren. Er sah noch einmal in die Straße hinaus, ob der Fremde nicht zurückkehrte, dann las er folgende Zeilen:

„Erwarten Sie mich diesen Abend nicht, Großmutter ist nicht davon abzubringen, den Ball bei dem Kommerzienrathe zu besuchen, und ich muß sie begleiten, wenn ich sie nicht empfindlich kränken will. Sie wissen ja, daß mir eine Stunde bei Ihnen lieber ist, als eine ganze Nacht in der glänzendsten Gesellschaft. Morgen Abend halb acht Uhr sehen Sie mich wieder. Für heute muß ich der Großmutter folgen, damit unser Geheimniß nicht verrathen werde.                Ihre Klementine.“

„Klementine – Großmutter?“ fragte sich Fritz bestürzt, indem er die Hand an die Stirn legte. „Und dann diese Handschrift, die mir so bekannt vorkommt?“

Hastig zog er eine kleine Schreibtafel aus der Tasche seiner Weste, holte ein sorgfältig zusammengelegtes Papier hervor, und verglich die Zeilen desselben mit denen des Briefes.

„Ich bin verloren!“ rief er pathetisch aus. „Dieselbe Klementine hat diesen Brief geschrieben! Morgen Abend halb acht Uhr bin ich bei Mutter Hammerschmidt, und treffe ich meinen Nebenbuhler, so jage ich ihm eine Kugel durch den Kopf! Die reizende Klementine kann nur mich lieben, und ich habe ein Recht, ihre Liebe zu fordern.“

Fritz warf sich auf einen Stuhl, und begann zu lesen, um auf andere Gedanken zu kommen.

IV.

Es schlug neun Uhr, als der Junker mit seinem Neffen Ernst in den Saal des Kommerzienraths trat. Der Onkel trug seine Civilkleider, der Neffe die Uniform seines Regiments. Beide wurden von dem Hausherrn freundlich empfangen. Dann trennten sie sich, um in der glänzenden Menge bekannte Personen zu begrüßen. Eine rauschende Ballmusik begann bei Hunderten von Wachskerzen, die den glänzenden Saal taghell beleuchteten. Die Paare ordneten sich, und traten zur Eröffnungspolonaise an, die von einem leichtfüßigen Tanzmeister, der damals in der Mode war, geführt ward. Die Töne des Orchesters leiteten eine jener übermüthigen Banquiers-Fêten ein, die keinen andern Zweck haben, als den bürgerlichen Reichthum vor dem Adel glänzen zu lassen, und den Vorurtheilen Hohn zu sprechen, denen sich der Geldmann bei dem Junkerthume ausgesetzt wähnt. Nur wenig Jahre waren seit der letzten verhängnißvollen Revolution verflossen und schon tanzten Liberalismus und frommer Conservatismus nach den Rhythmen [431] einer untergegangenen Nation. Beide reichten sich brüderlich die Hände, und hielten mit fröhlichen Gesichtern gleichen Schritt. Das Gold des Banquiers hatte alle Gesinnungen unter dem Mantel des Vergnügens vereinigt.

Ernst stand in der Nähe der Eingangsthür und betrachtete sinnend die glänzenden Wogen. Da rauschte an ihm ein Paar vorüber, dessen Anblick ihn aus seinem Brüten emporriß. Es waren Klementine und der lange Junker. Sie war in Weiß gekleidet, einfach und edel, und das braune Haar schmückten dieselben Marabouts, bei deren Ankauf er ein versteckter Zeuge gewesen. Ueberraschte ihn Klementine’s Anwesenheit auf dem Balle, so setzte ihn die Miene des Onkels in Erstaunen, mit der er seine reizende Tänzerin an ihm vorüberführte. Ein höhnendes triumphirendes Lächeln umspielte seine schmalen Lippen, und die blitzenden Blicke seiner kleinen Augen schienen zu fragen: begreifst Du nun, warum Du mich zum Balle begleitet hast?

Welche Betrachtungen drängten sich dem unglücklichen, eifersüchtigen Offizier auf! Mit einem Blicke sah er Klementine in jener einsamen Straße, in dem Modemagazine, unter den Linden an der Seite des jungen Mannes, der die Großmutter allein nach Hause schicken wollte, und hier an der Hand des Junkers, der ihn gleichsam gezwungen hatte, ihn zu begleiten.

Die Polonaise war zu Ende, und die Damen saßen an ihren Plätzen. Da sah Ernst, wie der Junker die Großmutter im Gespräche langsam durch den Saal führte, und mit ihr in einem Seitenzimmer verschwand, Klementine saß allein auf einem prachtvollen Sessel, und fächelte mit dem Fächer ihr glühendes Angesicht. Sie hatte ihn gesehen, er grüßte, und wie von ihren magnetischen Blicken angezogen, trat er zu ihr, und ließ sich auf dem Sessel nieder, den die Großmutter verlassen hatte. Lächelnd reichte sie ihm ihre kleine, mit zarten Handschuhen bekleidete Hand.

„Ein seltenes Glück!“ flüsterte sie mit der ihr eigenen Anmuth und Lieblichkeit.

„Ich kann nicht glauben, daß Sie mich vermissen, Klementine!“ flüsterte Ernst mit vor Aufregung bebender Stimme.

„Schon wieder Präsumtionen!“ rief sie ein wenig verletzt. „Nur Geheimnisse lassen Annahmen zu, und ich – –“

„Sie haben keine Geheimnisse?“ fragte Ernst in einem bittern Tone.

Klementine hob mit reizender Koketterie ihr Köpfchen empor.

„Ich müßte lächerlich erscheinen, wenn ich hier dieselben Betheuerungen wiederholte, die ich schon so oft Ihnen ausgesprochen habe. Es besitzt allerdings jedes junge Mädchen kleine Geheimnisse – –“

„Und die Mittheilung eines Geheimnisses setzt eine Freundschaft voraus, die ich vielleicht nicht verdiene. Doch, gleichviel, Klementine, haben Sie Geheimnisse, so können sie nur unschuldig und ehrwürdig sein, und Niemand hat das Recht, darüber zu spötteln.“

„So sind die Männer!“ flüsterte sie mit einem Seufzer, und indem sie auf Ernst einen schmerzlichen Blick sandte. „Ueberall wittern sie Geheimnisse, der kleinste, unscheinbare Anlaß erregt ihnen Argwohn, und jeder Schritt eines armen Mädchens wird ihrer Kritik unterworfen. Wenn Sie mich mit den gewöhnlichen Männeraugen betrachten, Ernst, so müßte ich von Ihrem Herzen eine sehr schlechte Meinung fassen.“

„Klementine, Sie fordern, daß ich eine Ausnahme mache, und gerade ich?“

„Wenn ich weniger als ein unbedingtes Vertrauen von Ihnen erwartete, müßte ich Sie nie geachtet haben. Selbst der Versuch einer Rechtfertigung würde eine Anklage begründen, die ich nicht verdiene.“

„Und dennoch, Klementine, zerreißt ein furchtbarer Zweifel mein Herz!“

„Was wollen Sie sagen?“ fragte sie verletzt.

„Ich bitte um ein Wort der Aufklärung!“

„Mein Herr, Sie haben mich nie verstanden, sonst würden Sie mich nicht beleidigen!“

„Ich verstehe Sie nur zu gut, Klementine, und deshalb bewundere ich Sie!“

„Das ist viel!“ flüsterte sie mit bebenden Lippen.

Der junge Mann bereuete, daß er so weit gegangen war, und dennoch erlaubte ihm das furchtbare Gefühl der Eifersucht nicht, umzukehren. Beobachtet von den Ballgästen, mußte er verhindern, daß seine Mienen den Zustand seines Innern verriethen; er neigte sich zu ihr und fragte leise:

„Sie waren gestern Abend in einem Hause der Z…straße? zu Fuß – allein –?“

„Warum nennen Sie diese Straße?“ fragte sie, und ihre Aufregung schien plötzlich verschwunden zu sein. Ihre reine kindliche Stimme ließ nicht die geringste Bewegung ahnen, sie erröthete nicht und das himmlische Auge sah ihn ruhig an, als ob es ihm den Vorwurf ersparen wollte, den diese so eben ausgesprochene Frage verdiente.

„Sie waren nicht dort, Klementine?“ fragte er verwirrt weiter, als sie schwieg. „Ein Fiacre nahm Sie nicht auf und brachte Sie nicht nach dem Modemagazine, wo Sie die Federn kauften, die in Ihrem Haare prangen?“

„Ich bin den ganzen Abend in meinem Zimmer gewesen.“

„Wie?“

„Und Alles, was Sie sonst erzählen, ist mir völlig fremd.“

Diese Worte sprach sie so ruhig und mit so offener Stirn, daß sie das Gepräge der reinsten Wahrheit trugen. Dann setzte sie mit einer unbeschreiblichen Grazie ihren Fächer in Bewegung, und fächelte sich Luft zu. Ernst hätte sein Leben darum gegeben, wenn es ihm möglich gewesen wäre, in diesem Augenblicke in ihr Herz zu sehen. Klementine war entweder eine Heilige, die er schwer gekränkt hatte, oder sie war eine Heuchlerin, die größte Virtuosin in der Verstellungskunst.

„In diesem Falle muß jene Dame eine wunderbare Ähnlichkeit mit Ihnen haben,“ flüsterte er.

„Mein Herr,“ antwortete sie mit jener kalten Artigkeit, die bei jungen Damen zu einer reizenden Impertinenz wird, „mein Herr, ich will zu Ihrer Ehre nicht glauben, daß Sie den Frauen Abends nachschleichen, um ihre Geheimnisse zu erspähen.“

In diesem Augenblicke kam der Junker und Klementine’s Großmutter zurück. Ernst erhob sich und räumte der alten Dame seinen Platz ein. Das Orchester begann einen lieblichen Walzer, der lange Junker lud Klementine zum Tanzen ein, sie nahm die Einladung lächelnd an, und das ungleiche Paar schwebte durch den Saal. Die Großmutter unterhielt sich mit der Kommerzienräthin, die Klementine’s Platz eingenommen hatte.

Ernst warf sich auf einen Polster der nächsten Nische. Die verschiedenartigsten Gedanken durchkreuzten seinen Kopf, der wie im Fieber brannte. Seine Leidenschaft für das junge Mädchen wuchs mit den Hindernissen, die sie selbst ihm entgegenstellte. Was sollte er nach diesem Gespräche von Klementine halten? Er wußte nicht, ob er sie verdammen oder freisprechen sollte. Sie lebte in seinen Gedanken und in seinem Herzen, er fand sie reizender in dem ungewissen Lichte des sie umgebenden Argwohns, als in dem Heiligenscheine der Tugend, die sie zu seinem Ideale gemacht hatte. Da weckte ihn plötzlich der Junker aus seinem tiefen Nachsinnen.

„Vetter, Du bist wahrlich zu einem Balle nicht disponirt!“ rief er lachend. „Anstatt Dir eine schöne Tänzerin zu wählen, liegst Du träumend in einer einsamen Ecke des glänzenden Saals. Komm mit mir in das Büffet, der Champagner des Banquiers ist vortrefflich! Eine Flasche wird hinreichen, um Dich für die Nachricht empfänglich zu machen, die ich Dir mitzutheilen habe.“

„Was ist es?“ fragte Ernst. „Wen betrifft es – Sie oder mich?“

„Mich, Vetter, mich!“

„Jedenfalls ist es etwas Angenehmes?“

„Und für meine Freunde etwas Ueberraschendes, Ungeheures.“

„Kommen Sie zur Sache.“

„Dieser Abend hat über meine Zukunft entschieden.“

„Wie?“

„Ich verheirathe mich.“

„So nehmen Sie meinem Glückwunsch.“

„Danke!“

„Und wer ist die Glückliche?“

„Du kennst sie, Vetter! Errathe!“

„Frau von Falk?“

Der Junker brach in ein lautes Lachen aus, dann rief er spöttisch: „Dein Scharfsinn ist enorm, Vetter! Du verdientest eine Anstellung bei der geheimen Polizei!“

Verlegen schwieg Ernst, denn er erinnerte sich des kalten Vorwurfs, den ihm Klementine gemacht hatte.

[432] „Nun,“ fuhr der Junker fort, „kannst Du keine bessere Wahl für mich treffen?“

„Nein!“

„Dann erlaube mir, daß ich Deine irrigen Ansichten berichtige. Nicht die Großmutter, sondern die Enkelin wird meine Frau.“

„Klementine?“ fuhr Ernst empor.

„Klementine von Falk, die reizendste Dame Berlins. Ist sie auch arm – was thut’s? Ich besitze Geld, und sie bringt mir Schönheit, Jugend, Geist und einen alten, untadelhaften Adel. Mehr kann ein Mann als Entschädigung für seine Freiheit nicht fordern. In vierzehn Tagen ist die Verlobung, und wiederum in vierzehn Tagen die Hochzeit. Ich glaube, besser kann ich das Vermögen meines Bruders nicht anwenden, denn Klementine ist seine Pathe, die er stets liebte und auszeichnete. Vetter, Du bist mein Gast zur Verlobung und Hochzeit!“

Der Junker entfernte sich, und schloß sich den beiden Damen an, die langsam durch den Saal gingen.

„Was ist das? Was ist das?“ dachte Ernst, indem er beide Hände an seinen heißen Kopf legte. „Die Zuschrift der alten Dame, die sich des reichen Erben versichern will, ist jetzt erklärt. Der arme Neffe muß dem reichen Onkel weichen. Aber Klementine – willigt sie in den Tausch? Nach den Vorfällen dieses Abends muß ich es annehmen. Sie ist keiner wahren Liebe fähig, sie strebt nur nach Reichthum. Ihr Wunsch ist erfüllt, denn der Junker besitzt ein großes Vermögen. Wie aber lassen sich in diesem Falle ihre geheimnißvollen Gänge erklären? Was führte sie in das elende Haus jener abgelegenen Straße? Warum zeigt sie sich öffentlich mit dem jungen Manne, von dem sie abhängig zu sein scheint? Welch ein Labyrinth von Intriguen!“

Ernst’s Gedanken verwirrten sich. Bald ward er von einer heißen Wuth gefoltert und er schwur, das Geheimste dieser Intriguen zu ergründen – bald hätte er weinen mögen über den Fall des armen Mädchens. Aber immer beherrschte seine leidenschaftliche Liebe die wechselnd aufkeimenden Gefühle. Den Engel hatte er verloren, und den göttlichsten der Dämonen hatte er wieder gefunden. Er verurtheilte Klementine wie eine Sünderin, aber er liebte sie wie eine Heilige.

Das Zeichen zur Tafel ward gegeben. Die Gäste verschwanden nach und nach in dem angrenzenden Saale, in dem sich die Tafelmusik vernehmen ließ. Ernst wollte den Ausgang gewinnen, um nach Hause zu gehen, aber der langsame Strom der Gäste zwang ihn, hinter einem Pfeiler stehen zu bleiben. Da erschien auch Klementine an dem Arme des strahlenden Bräutigams.

„Morgen Abend führe ich Sie in die Oper,“ sagte er galant. „Musik und Dekorationen sind magnifique!“

„Ich gebe es zu,“ antwortete Klementine, „aber ich muß danken.“

„Lieben Sie die Oper nicht?“

„Nein!“

„So führe ich Sie in das französische Lustspiel.“

„Ich bin für morgen Abend versagt – eine Freundin – –“

Die folgenden Worte konnte Ernst nicht mehr verstehen. Er hatte genug gehört. Wie betäubt verließ er das Haus des Banquiers. Noch eine Stunde irrte er durch die kalten Straßen, dann betrat er seine Wohnung. Ein Fieber schüttelte ihn, daß er sein Bett suchen mußte. Er wachte noch, als die Karosse des Junkers gegen Morgen den glücklichen Bräutigam heimbrachte. Gegen Mittag ließ er sein Entlassungsgesuch abgehen.


V.

Der Abend war dunkel, und ein kalter Wind peitschte die ersten Schneeflocken durch die Luft. Kaum hatte es sieben geschlagen, als Ernst, in einen Mantel gehüllt, die Z…straße betrat und vor dem uns bekannten Hause auf- und abzugehen begann. Die letzten Worte, die er von Klementine auf dem Balle gehört, hatten ihm zu dem Argwohn Veranlassung gegeben, daß sie heute ihren geheimnißvollen Besuch wiederholen würde. Seine Eifersucht brachte diesen Besuch mit dem jungen Manne in Verbindung, der ihm vorgestern an der Gitterthür des Ganges entschlüpft war.

Der arme Ernst, von Zweifel und banger Hoffnung gefoltert, dachte nicht an das Herabwürdigende seiner Lage und seines Beginnens.

„Wird sie kommen,“ fragte er sich, „da sie weiß, daß ich das Ziel ihres Ganges kenne? Oder wird sie die Zusammenkunft mit dem unbekannten Galan an einen andern Ort verlegt haben?“

Die Antwort auf die zweite Frage sollte er bald erhalten. Kaum hatte er zehn Minuten das alte finstere Haus betrachtet, als er Schritte auf dem Pflaster hörte. Er wandte sich und in dem Lichtkreise der zehn Schritte entfernten Laterne ward ein Mann in einem kurzen Mantel sichtbar.

„Er kommt, nun wird auch sie nicht ausbleiben!“ dachte Ernst.

Schnell trat er in den finstern Gang und lauschte. Sein Herz schlug rasch und fieberhaft. Die Schritte kamen näher, und der Mann trat in den Gang. Es war dasselbe Gesicht, das er bereits gesehen hatte, die von der Treppe her leuchtende Lampe zeigte deutlich seine Züge. Es bedarf wohl kaum einer Erwähnung, daß der Eintretende kein anderer war als Fritz, der junge Tapezierer. Als er die Gestalt in dem großen Mantel erblickte, blieb er bestürzt stehen.

„Mein Herr,“ sagte Ernst halb laut, „wir treffen uns heute zum zweiten Male an diesem Orte. Vorgestern wichen Sie mir durch die Flucht aus – ich hoffe, Sie werden jetzt den Muth haben, mir Rede zu stehen.“

„Mein Herr,“ fragte Fritz, „mit welchem Rechte versperren Sie mir den Weg?“

„Mit dem Rechte, das mir die Erhaltung der Ehre einer Dame giebt, die binnen Kurzem in meine Familie eintritt. Es gilt, ein Geheimniß zu entdecken, das Sie, wie ich Grund habe zu vermuthen, kennen.“

„Lieber Herr,“ sagte der erstaunte Fritz, „Ihre Vermuthung ist falsch, denn auch ich bin gekommen, ein Geheimniß zu entdecken.“

„Wie?“

„Ich suche einen gewissen Herrn Julian. Sind Sie es vielleicht?“

„Und wenn ich es wäre?“

„Dann habe ich Ihnen einen Brief zurückzugeben –“

„Einen Brief? Wie kommt er in Ihre Hände?“

„Ein seltsamer Unbekannter hat ihn verloren, und ich habe ihn gefunden.“

Es giebt wenig Leidenschaften, die nicht endlich unredlich werden. Ernst beschloß, sich für den auszugeben, für den er gehalten ward. Fritz sah den schönen jungen Mann mit dem braunen Barte ängstlich an, er zweifelte keinen Augenblick, daß er Julian, seinen Nebenbuhler vor sich habe, dem Klementine ein Rendezvous versprochen. Von seiner Eifersucht hatte er vorgestern einen Beweis erhalten, und da er heute nicht so leicht entspringen konnte, beschloß er, den Verdacht von sich abzuwälzen, als stelle er Klementine nach.

„Ich bitte, geben Sie mir den Brief,“ sagte Ernst.

Der Tapezierer überreichte ihn mit leise bebender Hand, was dem Offizier nicht entging.

„Wenn Sie ihn als den Ihrigen erkennen,“ fügte er hinzu, „so habe ich als ehrlicher Mann meine Pflicht gethan.“

„Und ich werde Ihnen danken, sobald ich mich davon überzeugt habe.“

Ernst eilte zu der Lampe, und las den mit „Klementine“ unterzeichneten und mit der Adresse „Julian“ bezeichneten Brief.

Fritz sah, wie das Papier in den Händen des Lesers zitterte, wie er mit den Blicken die Zeilen verschlang, und wie das von der Luft geröthete Gesicht plötzlich bleich ward.

„Das sind ihre Schriftzüge!“ murmelte er, indem er das Papier konvulsivisch zusammendrückte und zu sich steckte.

Dann trat er rasch zu Fritz zurück.

„Sie haben den Brief gefunden, mein Herr?“

„Wie ich bereits gesagt. Da die Adresse sehr genau ist, wollte ich ihn durch Frau Hammerschmidt, die hier wohnt, dem rechtmäßigen Besitzer zurückgeben lassen.“

„Gehen wir zu der Frau, daß sie ihn besorge.“

„Wie, Sie sind nicht Herr Julian?“ fragte Fritz verwundert.

„Ich will Sie nicht belügen – nein! Doch auch Sie mögen als Ehrenmann offen und wahr meine Fragen beantworten.“

(Fortsetzung folgt.)
[433]
Ein Besuch bei Friedrich Gerstäcker.
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Friedrich Gerstäcker.

Friedrich Gerstäcker, der Weltumsegler und beliebte Erzähler, ist eine der merkwürdigsten und interessantesten Persönlichkeiten in unserer an ungewöhnlichen Charakteren so armen Zeit. Die Leser werden uns also gern zu ihm begleiten.

Wir treten in ein ziemlich großes Zimmer. Vom Sopha erhebt sich eine junge Frau von zartem Bau und mittelgroßer Gestalt mit klugen Augen, feinen Zügen und einem Munde, der sehr deutlich Charakterfestigkeit und Entschlossenheit verräth. Sie legt ein englisches Buch, in dem sie gelesen, aus der Hand, während sie den Gruß des bekannten Besuchers erwiedert. Vor ihr auf einem großen prächtigen Tigerfell, das als Teppich dient, – eine Jagdbeute des Hausherrn aus Java – spielen, freundschaftlich über einander kollernd, ein kräftiger Knabe von etwa sechs Jahren und Booz, ein gutmüthiger Neufundländer. Auf einem Tischchen fallen als Nippes allerlei niedliche und seltsame chinesische und japanische Arbeiten in das Auge, nebst Korallen, Muscheln etc.

Nach einiger Zeit öffnet uns die Gattin des Reisenden freundlich die Thür selbst des Nebenzimmers, das halb wie das Studirzimmer eines Gelehrten, halb wie ein Kuriositäten-Cabinet aussieht.

An einem großen eleganten Schreibtisch, auf dem die musterhafteste Ordnung herrscht, sitzt rasch schreibend ein Mann in türkischem Schlafrock. Aber sogleich springt er auf und nicht blos der Mund, auch die Augen sagen uns ein herzliches Willkommen. Er ist 38 Jahre alt, von mittlerer Größe, kräftigem Knochenbau und sehnigen Gliedern; sein Kopf mit dem schwarzen vollen Bart und dem buschigen Haar, mit den blitzenden kecken Augen, und dem festgeschlossenen Mund überzeugt uns auf den ersten Blick, daß wir vor einem Manne stehen, dem kein Wagniß zu kühn und kein Unternehmen zu schwer ist, während zugleich ein Zug um den Mund und ein Blick des Auges sagen, wie gern und herzlich er lacht.

Doch sehen wir uns in dem Zimmer um. Da über dem Büchergestell, das vorzugsweise Reisewerke enthält, hängt „der [434] vollständige Anzug“ einer tahitischen Schönen, nämlich ein Halsband von rothen erbsgroßen Früchten neben einem kleinen chinesischen Puppentheater und dem Schädel des Tigers, dessen Fell wir schon sahen. Dann bemerken wir ein paar schöne Büchsen und daneben chinesische Puppen und Pfeifen, Tomahawks mit schöner Schnitzarbeit, chinesische Holzschnittbilder, einen Bomarang aus Australien, d. h. ein Instrument, das man von dem Gegenstande, den man treffen will, hinwegwerfen muß, weil es mit ungeheurer Wucht zurück springt; Bogen und Pfeile mannigfacher Art, Gläser mit Schlangen und ein Gläschen mit Goldstaub aus Californien; ein Ding, das aussieht wie ein Stück eines zerbrochenen Stacketes, das aber ein musikalisches Instrument der Malaien ist, mit dem sie einen Heidenlärm machen. Es besteht nämlich aus hohlen Bambusstäben, die zu sechs etwa, eine Hand breit von einander, an einander befestigt sind. In den Höhlungen befindet sich eine Art Knöppel, und wenn man das Ding schüttelt, giebt es einen lauten Ton. Die dicken und langen Stäbe vertreten den Baß, die kleinern, schmälern geben höhere Töne. Unter all den vielen andern Seltenheiten ist auch ein Paar Glacéhandschuhe aufgehangen und auf einem Tischchen liegt eine Zitter.

„Diese zwei Glacéhandschuhe sind die einzigen, die ich in meinem Leben getragen habe,“ berichtet Gerstäcker lächelnd, „und zu der Zitter da habe ich der Königin Pomare in Tahiti und deren ganzem Hofe deutsche Lieder vorgesungen. Aber zu etwas Anderem!“

„Ich weiß, daß Sie das Gegentheil von andern Reisenden sind und so wenig als möglich von Ihren Fahrten sprechen, aber diesmal kommen Sie nicht los. Zweierlei müssen Sie mir sagen.“

„Nun?“

„Was war für Sie auf allen Ihren Wanderungen das Merkwürdigste oder das Auffallendste?“

„Das Merkwürdigste?" antwortete der Reisende sinnend, aber schnell setzte er hinzu: „einer Dame, mit der ich kürzlich sprach, war das Unbegreiflichste bei meinen Reisen, woher ich immer – weiße Strümpfe bekommen habe; ich hätte doch unmöglich so viel mitnehmen können. Mir waren das Merkwürdigste und Komischste – die deutschen Schneider. Wohin ich auch gekommen bin, in Californien, auf den Inseln der Südsee, in Australien, auf Java, überall habe ich einen Deutschen gefunden, der – Schneider war, und irgend etwas Närrisches an sich hatte. Ich könnte ein ganzes Buch über diese komischen Schneider schreiben. – Und das Zweite?“

„Sie haben einen gar großen Theil der Erde gesehen, sagen Sie mir, wo ist sie am Schönsten?“

„O schön sind die Inseln der Südsee mit den Palmenwäldern, mit dem herrlichen Himmel darüber, mit der klaren Fluth umher, in welcher die Koralle ihre Zaubergrotten baut, noch schöner aber ist Java mit den grünen Bergen und der unbeschreiblichen Pracht und Ueppigkeit der Vegetation, aber –“

„Doch ein aber?“

„Es ist ewig grün und ewig gleich schön; es wird bald langweilig. Ueber einen Frühlingstag in Deutschland, wenn es wieder grünt, wenn die Vögel im Walde singen, geht in der Welt nichts. Wenn später auch der Winter kommt, wir haben doch immer die Hoffnung auf neuen Frühling.“

„Und Ihre Reiselust ist nun gestillt?“

„Vollständig.“

„Sie kann auch wiederkommen, wie der Frühling.“

„Ich fühle doch, daß ich Strapazen bestanden habe, namentlich die Fußpartie 300 Stunden weit durch die Wildniß von Australien, wo man Abends kein Wirthshaus zum Einkehren findet, sondern das Abendbrot erst schießen, am Feuer braten und sich dann, in die wollene Decke gewickelt, unter freiem Himmel hinlegen muß, hat gewirkt. Sehen Sie da“ – er bog den Kopf vor und deutete auf eine Stelle, wo der Haarwald sich zu lichten beginnt – „ich fange doch wenigstens an, mir eine kleine Platte stehen zu lassen.“

„Ich glaube doch nicht, daß Sie nun bis an Ihr Ende in Deutschland still sitzen.“

„Nun – zum Spaß einmal in einem Sommer eine Spazierfahrt mit einem Wallfischjäger in das Nordmeer will ich nicht verreden, obgleich ich genug gesehen habe. Wenn ich einmal recht ordentlich träume, sollten Sie den Wirwarr von Bildern und Gesichtern aus Deutschland, Amerika, Australien, Oceanien und Asien untereinander sehen können, die dann an mir vorüber ziehen!“

Das Gespräch wendete sich auf andere Dinge, und als ich mich verabschieden wollte, sagte er:

„Warten Sie noch einen Augenblick, ich gehe mit.“

Er warf den Schlafrock ab, zog den grauen Paletot an und nahm den breitkrämpigen runden Hut.

„Ich muß nach einer Familie sehen, die recht in Noth ist. Wir können aber helfen – Sie geben monatlich etwas, ich laufe zu andern Bekannten, die müssen auch geben; da bringen wir ein Sümmchen zusammen und die Leute brauchen wenigstens nicht zu hungern. Mir schmeckt kein Bissen, wenn ich weiß, daß Andere darben ohne Schuld. Jeder von uns kann noch einen Thaler entbehren, und wer’s nicht kann, nun, der braucht nur ein paar Töpfchen Bier weniger zu trinken.“

Sein Herz ist also so weich, wie sein Muth stark und sein Blick in’s Leben scharf. Aber wie wurde er, was er ist?

Friedrich Gerstäcker (geboren 1816 in Hamburg) ist der Sohn des ehemals sehr gefeierten Tenoristen Gerstäcker, Er verlor aber den Vater sehr früh, verlebte seine Jugend meist in Braunschweig und kam dann nach Cassel in die Lehre zu einem Kaufmann. Das sagte aber seinem unruhigen Geist nicht zu und er erlernte die Oeconomie zu Döben bei Grimma, Nach drei Jahren widerstand er der Wanderlust nicht länger und schiffte hinüber nach Amerika. In New-York schon begegnete ihm was vielen Einwanderern auch geschieht, ein freundlicher Landsmann brachte ihn um all sein Geld und er stand nun mittellos in der fremden Welt. Aber schon damals, wie seitdem immer, lautete sein Spruch: „Hilf dir selber, so wird dir Gott helfen.“

Er schämte sich keiner Arbeit und verrichtete die verschiedenartigsten, um sich den Unterhalt zu erwerben: er machte Pappschachteln zu den Pillen, die ein Anderer in gleicher Lage fabrizirte; er arbeitete auf dem Felde; er war Heizer auf einem der Dampfschiffe, die den Mississippi befahren und hätte einmal beinahe das Leben verloren, als er in den Dampfkessel kriechen mußte, um ihn zu reinigen, ehe er frisch voll Wasser gepumpt wurde zum neuen Heizen, denn man hatte ihn vergessen, schloß die Oeffnung des Kessels und fing bereits an Wasser einzulassen, als es ihm zufällig gelang sich bemerklich zu machen; er schnitt Rohr (zum Beziehen der Stühle u. s. w.) am Ufer des Mississippi, wobei er in glühender Sonnenhitze bis über den Gürtel im Wasser stehen mußte, während gar häufig Schlangen und anderes Geziefer um ihn herum wimmelte, worauf er das Rohr noch an die Haltestellen der Dampfer zu schaffen hatte und öfters von dem dort unvermeidlichen Fieber befallen wurde; er war Schnappsverkäufer bei einem immer betrunkenen Wirth tief im Westen, übernahm auch eine Zeit lang ein Hotel in St. Louis, und drei ganze Jahre lang zog er endlich als Jäger quer durch die Vereinigten Staaten, hauptsächlich aber in Arkansas in den Urwäldern umher, bald allein, bald mit einem gutmüthigen Wilden, bald mit verwetterten alten Jägern. Er schoß da Bäre, Hirsche, Jaguars u. s. w., natürlich nicht des Fleisches wegen, sondern um die Häute und Felle zu erhalten, die auf der Stelle gegerbt werden mußten, um sie später zu verkaufen. Gewiß hat der Gedanke viel Verlockendes, völlig frei, nur auf sich selbst bauend, mit der Büchse durch die Wälder und über die weiten Prairien zu schweifen; „aber,“ sagte der kühne Wanderer an einem regnigten Herbsttage einmal, „denken Sie sich, Sie sollen z. B. sechs Wochen lang, bei fortwährendem Regen, nur im Rosenthale (bei Leipzig) campiren und in die Decke gewickelt unter einer Eiche schlafen, wo nicht einmal gelegentliche Besuche eines Bären u. s. w. zu fürchten sind.“

Auch erwachte nach sechsjährigem Wandern in Amerika die Sehnsucht nach der Heimath unwiderstehlich in ihm. Er kam zurück und schrieb seine „Streif- und Jagdzüge,“ in denen er sein abenteuerliches Leben mit frischen Farben, wenn auch mit noch etwas ungeübter Hand beschrieb. Das Buch fand Beifall und der Jäger begann einzelnes Erlebtes ausführlicher zu schildern; er ließ sich in Leipzig nieder und hier entstanden seine zahlreichen Erzählungen, wie seine beiden so viel gelesenen Romane: „die Regulatoren“ und die „Flußpiraten.“ So unermüdlich er sonst die Büchse geführt hatte, so ausdauernd saß er nun am Schreibtisch. Nur gelegentlich erwachte die alte Wanderlust, aber man hielt sie für gänzlich beruhiget, als er sich verheirathete und einen eigenen Hausstand gründete.

[435] Da drang die Kunde aus Californien herüber, daß man sich dort nur zu bücken brauche, um Klumpen Goldes aufzuheben, und daß die Goldjäger aus allen Weltgegenden nach dem Wunderlande strömten, Gleichzeitig zog der Revolutionssturm über Europa, die Literatur trat in den Hintergrund und Gerstäcker war es auch überdrüßig, immer und immer von Amerika zu erzählen.

„Ich gehe nach Californien!“ sagte er mir eines Tages aufgeregt. „Wissen Sie was dort das Beste ist?“

„Etwas anderes als das Gold?“

„Ah, Gold ist nur Chimäre.“

„Nun?“

„Abenteurer, Nichtsnutze und Lumpen strömen aus allen Welttheilen dort zusammen. Da giebt’s Charaktere! Da laufen die Romanhelden zu Tausenden umher; da lassen sich Studien machen! Und vielleicht giebt’s von da Gelegenheit weiter. In Deutschland ist am Ende für Schriftsteller lange nichts mehr zu hoffen; ich „belege“ eine hübsche kleine Insel in der Südsee, komme dann wieder und hole die Meinigen und die Freunde dahin ab.“

„Und das Geld?“

„Das findet sich.“

Es fand sich, Die Cotta’sche Buchhandlung, die schon manchen Reisenden im Interesse der Allgemeinen Zeitung ausgesandt hat, war bereit auch Gerstäcker in gleicher Weise zu unterstützen. Im deutschen Parlamente zu Frankfurt verhandelte man über Auswanderung, ohne recht zu wissen, wohin dieselbe zu leiten sei. Das Reichsministerium billigte also gern den Plan, von Gerstäcker sich Berichte über die Länder und Gegenden senden zu lassen, wohin die deutsche Auswanderung mit bestem Erfolg zu leiten sein dürfte und gab bereitwillig im Voraus Beiträge zu den Reisekosten.

Im März 1849 nahm Gerstäcker Abschied und von Bremen ging er mit einem Schiffe ab, das direkt nach Californien segeln sollte. Die Fahrt war glücklich, aber langweilig: unser Reisender faßte also, als das Schiff in Buenos Ayres anlegte, den tollkühnen Entschluß, während dieses die langwierige Fahrt um das Cap Horn herum mache, quer über ganz Südamerika zu reisen und das Schiff in Valparaiso wieder zu besteigen. Alle erklärten das Unternehmen, namentlich die Wanderung über die Cordilleren im Winter, für unmöglich, aber für Gerstäcker giebt es kein „Unmöglich.“ Er ließ sein Schiff absegeln, stellte sich in seinem Reiseanzuge dem Dictator Rosas und dessen Tochter Manuelita vor, einigte sich mit dem Courrier, welcher monatlich die Reise nach Valparaiso zu machen hat und fort ging es zu Pferd „in sausendem Galopp“ über die Pampas, vierzehn Tage lang, auf wiederholt gewechselten Pferden täglich und stets im Galopp, dann über die schneebedeckten Cordilleren unter haarsträubenden Gefahren, jede Minute fast dem Tode ausgesetzt, und glücklich langte er in Valparaiso an. „mit völlig durchgerittenen Hosen“ aber „ohne Wolf,“ während man sich an der Beschreibung der Tour einen Wolf lesen kann, Er hat sich in Valparaiso in dem Anzuge daguerreotypiren lassen, in welchem er den entsetzlichen Ritt machte, mit dem breiten südamerikanischen Hute und dem Poncho (Mantel) und das Bild gleicht allerdings so ziemlich dem „Abällino.“

Ueberstanden war die Landreise, aber sein Schiff hatte auch Valparaiso – bereits verlassen und alle seine Habseligkeiten mitgenommen. Da stand er, in keineswegs salonmäßigem Anzuge, so daß er den Mantel nie ablegen durfte, und ohne Geld, da er natürlich nur das Nothdürftigste mitgenommen hatte. Aber er fand Leute, die sich seiner annahmen und auch bald ein anderes Schiff, mit dem er die Fahrt nach Californien fortsetzen konnte.

Was er dort gesucht, fand er in reichem Maße; das Publikum wird sich überzeugen, wenn einmal sein californischer Roman erscheint, aber mit dem Golde, das er auch suchte, da er einmal im Goldlande war, hatte er kein Glück. Zwar stand er mehrere Monate lang halbe Tage halbnackt, mit großen Wasserstiefeln, im Wasser und schaufelte und siebte, aber es ist mit dem Goldsuchen eben wie mit der Lotterie. Einer bekommt das große Loos, Einige erhalten ansehnliche Gewinne, Andere fallen durch. Gerstäcker verdiente bei dem Goldsuchen, mit schwerer Arbeit, knapp den Unterhalt, gab dies Geschäft also bald auf und da das aus Europa erwartete Geld zufällig lange ausblieb, mußte er in anderer Weise sich durchzubringen suchen. Er griff zunächst wieder zur Büchse und zog umher, um Wild zu schießen und dies an die Goldwäscher zu verkaufen; aber das Wild ist ziemlich selten dort und es gehörten lange Märsche dazu, ehe einmal eine Beute zu erlangen war und wie diese dann viele Stunden weit zurückzubringen? Da nahm er die Axt und begann Bäume zu fällen und zu zerhacken für die Feuer der Goldsucher. Das lohnte besser, aber er hatte leider das Unglück, dabei einmal mit der Axt sich gewaltig in den Fuß zu hauen, Er konnte nicht gehen; vierzehn Tage lang lag er so allein in einem kleinen leichten Zelte und war auf die Gutmüthigkeit zweier Goldsucher angewiesen, die einen Tag nach dem andern Abends nach der Arbeit zu ihm kamen und ihm Wasser und etwas zu essen brachten.

Nach fast einjährigem Aufenthalte in Californien erhielt er endlich die Mittel, die Reise fortzusetzen. Er fuhr mit einem Wallfischjäger nach der Südsee, besuchte die Sandwich-Inseln, Tahiti u. s. w. und die Schilderung, die er davon giebt, gehört zu dem Schönsten, das er geschrieben hat.

Von da schiffte er nach Australien, wo man unterdeß auch Gold gefunden hatte. Es lockte ihn aber nicht, noch einmal auch darnach zu suchen, dagegen unternahm er hier die Wanderung, von der er oben sprach. Er wollte den Murray hinaufschiffen, obwohl alle ihm abredeten. Da es kein Boot zu dem Unternehmen gab, nahm er wiederum selbst die Axt, fällte einen Baum und hieb sich daraus ein Fahrzeug, etwa in der Form eines Backtroges. Auf diesem gebrechlichen Dinge begann er die Fahrt in Gesellschaft eines blutjungen deutschen Handwerksburschen; aber er mußte den ihm hinderlichen Gesellschafter bald aussetzen und die Fahrt selbst aufgeben, da der Fluß zwar sehr breit, aber oft lange Strecken so seicht war, daß er sich genöthigt sah, an dem Ufer hinzugehen und dabei sein Boot zu tragen. Er ließ es endlich stehen und setzte die Reise zu Fuße fort durch öde Wildnisse und der Gefahr ausgesetzt, von den da umherziehenden schmuzigen, boshaften Wilden gelegentlich erschlagen zu werden.

Aber er kam an das Ziel und seine kühne Wanderung machte in Sidney so großes Aufsehen, daß die Zeitungen dort alle davon sprachen und die fabelhaftesten Dinge erzählten,

Von Australien schiffte er nach Java und diese herrliche Insel, die er nach allen Richtungen durchstreifte, erregte sein wie aller Reisenden Entzücken. Nur eines trübte seine Freude da – es war ihm nicht möglich, ein Nashorn schießen zu können, welche Mühe er sich auch gab. Den Tiger, dessen Fell sein Zimmer schmückt, erlegte er auf einer Jagdpartie dort.

Von Java endlich segelte er direkt nach Hamburg, denn die Sehnsucht nach den Seinen war mächtig erwacht und im Juni 1852 kam er frisch und wohlbehalten, von den Freunden jubelnd begrüßt, zurück.

Bald saß er da wieder anhaltend am Schreibtisch. Er schrieb in wenigen Monaten seine „Reisen“ in fünf Bänden, und gleichzeitig in drei Bänden in englischer Sprache, die er so gewandt wie die Muttersprache gebraucht; auch ist bereits eine andere Frucht seiner Weltfahrten erschienen, sein Roman „Tahiti“ in vier Bänden, in welchem er namentlich den Conflict der Cultur mit der sinnlichen Natur der Eingebornen, der christlichen Religion mit dem Heidenthum, der Bestrebungen der protestantischen englischen und der französischen katholischen Missionäre u. s. w. sehr anziehend schildert.

Sein Skizzenbuch ist aber noch gar reich und er wird selbst bei fortdauerndem Fleiße und langem Leben kaum im Stande sein, Alles, was er für das deutsche Publikum gesammelt hat, mitzutheilen.

Fragen die Leser nun, wie es ihm möglich geworden ist, leicht zu ertragen. was er ertragen hat, so antworte ich: sein rüstiger Körper bequemt sich leicht allen Anforderungen, die an ihn gemacht werden, es wird ihm nie zu kalt und nie zu warm; er ist bewundernswürdig mäßig und begnügt sich mit dem, was eben zu haben ist; er hat keine Leidenschaft, deren Nichtbefriedigung ihm lästig werden könnte, er raucht und schnupft nicht, er besuchte nie regelmäßig das Wirthshaus, er fand nie Lust an Kartenspiel etc. Der einzigen Leidenschaft, die er besitzt, der Lust an Schießen und Jagen, konnte er dagegen stets recht con amore sich hingeben.

Um sie jetzt mit mehr Genuß befriedigen zu können, hat er [436] Leipzig in diesen Tagen verlassen, um seine Wohnung in dem reizenden Rosenau bei Coburg zu nehmen. Manche Leute wollen wissen, der verehrte Herzog von Gotha, der sich für den Vielgewanderten interessirt, werde noch einen Hofmann aus ihm machen, aber ich glaube es nicht, denn – und das ist noch eine Eigenthümlichkeit Gerstäcker’s – er haßt fast so sehr wie jede Unredlichkeit – den Frack, und ist stolz darauf, dies häßliche Kleidungsstück nie getragen zu haben.



Die Halbinsel Krimm.


Nachdem die Welt Sebastopol in- und auswendig kennen gelernt hat, ist es nicht mehr als billig, uns einmal die ganze Halbinsel anzusehen, als deren äußerster russischer Halt im schwarzen Meere es oft beschrieben ward. Die Halbinsel Krimm ist auch ohne Krieg, ohne Engländer, Franzosen und Russen in Soldatenuniform interessant genug. Sie war einst der Hauptsitz des großen tartarischen Mongolenreichs, das unter Temudschin oder Dschingis Khan zu Anfange des 13. und besonders unter Timur Tamerlan im Anfange des 15. Jahrhunderts Europa in Schrecken setzte, nachdem es ganz Asien unterworfen und die erobernden Fanatiker der Lehren Muhamed’s zurück- und niedergeworfen hatte. Spuren dieses alten Reiches und Volkes finden sich noch in ganzen Ländern und Stämmen Asiens, ganz besonders in der Krimm. Diese Halbinsel ist in ihrer eigenthümlichen geographischen Lage südlich von der ungeheuern Steppe, die von Ungarn bis China reicht, ganz besonders geeignet zur Entwickelung nomadischer Kraft. Von dem schwarzen und asow’schen Meere rings umgeben, hängt sie mit dem asiatischen Festlande blos durch die schmale Landzunge von Perekop zusammen, Und der Weg daher war noch eine bessere Festung gegen äußerliche Angriffe, als die beiden Meere, er war und ist zum Theil noch unwirthliche Steppe. Beinahe zwei Drittel der Insel vom Lande her sind Senkung von den Gebirgen der Südküste am schwarzen Meere und nur ein Fünftel davon durch künstliche Colonisation Deutscher, Griechen und Bulgaren der wilden Steppe für den Ackerbau und die Cultur gewonnen. Es war besonders die aus Deutschland auf den russischen Kaiserthron gestiegene Katharina II., welche durch Aufmunterung und Belohnung deutscher Auswanderung nach der Krimm die dortige Kornkammer der Natur zu verwerthen suchte. Die Krimm war ihr Liebling. Sie wollte das herrliche Stück Land zu einem russischen Italien erheben und suchte sich selbst durch persönliche Inspection von dem Fortgange ihrer Krimm-Cultur-Pläne zu überzeugen.

Die eigentliche Herrlichkeit der Krimm drängt sich nach der gebirgigen Südküste hin, zwischen Sebastopol und Kaffa oder Theudosia, welche durch eine 40 Meilen lange Dampfschiffverkehrslinie in Verbindung stehen und von Sebastopol landeinwärts nach Simferopol, in deren Mitte sich die alte Mongolenhauptstadt Baktschi Seria in ihrer ganzen Eigenthümlichkeit erhalten hat. Die ungeheuere Fruchtbarkeit des Bodens hier unter einem italienischen Klima drückte dem Leben und den Sitten der alten tartarisch-mongolischen Bewohner eine merkwürdige Ländlichkeit und Natur-Aesthetik auf. Noch heute nisten die Tartaren wie Schwalben an den Felsmauern, aber umgrünt und umblüht von einer Naturfülle, welche durch künstliche Unterstützung zur Schönheit wird. In ihrer Nationalität, die einst ganz Asien beherrschte, haben sie sich vollkommen unabhängig gegen die russischen Eroberer und die deutschen, griechischen und bulgarischen Kolonisten erhalten. So gering auch der Rest dieser einst herrschenden Raçe erscheint, sie können doch bei einer etwaigen politischen Veränderung der Krimm sehr bedeutend werden. Sie haben ihre alte blutige Geschichte nicht vergessen, sind freisinnige Muhamedaner (ohne den kirchlichen und gesellschaftlichen Zwang bei den Türken) und im Uebrigen derb, muthig, brav, von natürlichem Edelmuth, gastfrei und offen in Haus und Herz. Die Tartarendörfer kleben in großen Mengen zwischen den Bergen an der Küste des schwarzen Meeres zwischen den Städten Balaklava, Baidar und weiter herum von Sebastopol nach Kaffa herum: Alupka, Yalta, Aluchta, Kurusen, Uskute, Sudak und Koze und auf der Landseite nach den Thälern herunter um Baktschi Seria, Simferopol und Karasu Bazar. Deutsche Bauern findet man besonders nördlich von Sebastopol an vier Flüssen, Alma, Bulganak u. s. w. bis nach den Städten Sarabus (am Salghirfluss) und Eupatoria oder Koslov an der Kalamita Bay den Donaumündungen gegenüber. Weiter landeinwärts in nördlicher Richtung hört Cultur- und Menschenleben oft auf 6 bis 20 Meilen ganz auf. Nur die Landstraße von Eupatoria bis Jukur, wo sie mit der Hauptlandstraße, welche die ganze Insel von Perekop und dem armenischen Bazar in der Landenge über Simferopol und Baktschi Seria bis Sebastopol durchschneidet, ist mit einigen Städten und vielen kleinen schmutzigen Dörfern und Kneipen von Russen bevölkert, noch mehr natürlich die Hauptlandstraße deren Hauptstationen zwischen Jukur und Simderopol ziemlich gedeihliche Städte sein sollen. Es sind besonders drei: Trek Album. Aibar und Diurman. Auf der Ostseite am asow’schen Meere stellt sich jenseits gähnender Steppen zuerst wieder etwas Kultur und Stadtleben nach den Mündungen der Flüsse Salghir und Karasu ein. An deren Zusammenflüsse liegt Tokur, weiterhin Schakut, dann die Festung Arabat am Eingange zu der ungeheuern, schmalen Landzunge von Arabat, welche den „faulen See“ fast ganz vom asow’schen Meere trennt. Der sich weithin nach dem Kaukasus hinstreckende Zipfel der Insel, der zwischen dem asow’schen und schwarzen Meere, der Krimm und Cirkassien die Meerenge von Kertsch bildet, ist ganz eben und wird als ein immerwährender Garten geschildert, zwischen denen sich sechs bis sieben Städte und eine Menge Dörfer eines wahren paradiesischen Lebens erfreuen sollen. Gewiß weiß es wohl kein „Europäer,“ da die Krimm erst durch den Krieg wieder Interesse bekam und unseres Wissens keiner der vielen deutschen, englischen und französischen Reisenden, die Bücher von ihren Fahrten machen, dieses russische Paradies, diesen Mittelpunkt der seebadenden russischen Aristokratie, zum Gegenstande seiner Studien gemacht. Das Werk des Engländers Oliphant, die einzige Originalquelle neuen Styls, beschränkt sich blos auf Sebastopol und die Umgegend.

In geschichtlicher Beziehung bemerken wir nur noch, daß die Krimm nach Verfall des großen Mongolenreiches zu Anfang des funfzehnten Jahrhunderts dem türkischen Reiche bis 1474 tributpflichtig war. Die Krimm-Tartaren machten sich mehreremals frei. so daß sich Rußland öfter einmischte, um sie zu ihrer Unterthanenpflicht gegen den Sultan zurückzubringen. So nahm es dieselbe im Jahre 1783 ein, übergab sie 1784 der Türkei und bekam sie ohne Vorbehalt im Jahre 1791 mit Zustimmung aller europäischen Großmächte, von denen Einige behaupten, daß sie, trotz der englisch-französischen Expedition, dieselbe dem Eigenthümer auch jetzt nicht wieder nehmen wollen.

Das Leben und die Dörfer der Tartaren würden für Buch-Reisende sehr interessanten Stoff liefern. Am Häufigsten findet man solche Dörfer an die obersten Terrassen von Bergen angeklebt. Die Moscheen erheben sich aus dichtem Baumwerk, meist Wallnußbäumen. Die Häuser legen sich unmittelbar an Felsenwände an, deren höchster Rücken mit den flachen Dächern eine Linie bildet. Diese Dächer sind die eigentliche Wohnung. Unten in der fensterlosen Höhle schläft man blos. Oben auf dem Dache zwischen den Kronen von Maulbeer-, Feigen- und Wallnußbäumen, welche die Hütte umgeben, empfängt der Tartar seine Gäste, hier trocknet er seine Wäsche, sein Getreide, seine Früchte. Fremde bekommen den besten Platz und werden ungemein höflich und herzlich behandelt und in den bessern Häusern (d. h. auf den Dächern) so zudringlich mit Thee tractirt, daß es sehr übel genommen wird, wenn man nicht wenigstens 15-20 Tassen leert. Ein Engländer, der sehr lange in Kasan dieser Tartarengastfreundschaft ausgesetzt war, mußte förmliche Medizin brauchen, um den Wirkungen starken, heißen Thees in Portionen von 20 Tassen täglich drei, vier bis fünf Mal bei 28 bis 30 Grad Reaumur entgegenzuarbeiten,

Einige der alten Adelsfamilien, deren Vorfahren unter Dschingis-Khan schlagen halfen, besitzen noch ungemein große Ländereien, von deren Einkünften sie füglich leben und sich mit allem möglichen europäischen und orientalischen Luxus zugleich umgeben haben. Ihre Gastfreundschaft gegen Fremde wird als wahrhaft [437] großartig und glänzend geschildert, so daß der Tourist hier eben so wohlfeile, als ergiebige Tage haben würde. Mit dieser Gastfreundschaft hängt eine allseitige Offenheit der Herzen und Häuser zusammen. Letztere sind blos des Nachts durch hölzerne Bretter geschlossen, am Tage aber mit allem Familienleben und Beschäftigungen im Innern ganz offen gegen die Straße, die alle sehr eng sind in der Tartarenhauptstadt Baktschi Seria, so daß sie sich in jeder Beziehung von den langen, weiten Straßen und geschlossenen Häusern russischer Städte als ganz charakteristisch unterscheidet. Sie haben keine Geheimnisse vor der Welt. Den Häusern entsprechen die Herzen. Jeder, der da kommt, ist willkommen in Wort und That. Baktschi Seria ist ganz tartarisch geblieben. Die russische Regierung hat es für gut gehalten, ihnen ihre häusliche and sociale Eigenthümlichkeit zu lassen. Außer einigen russischen Beamten, deutschen Malern und Schmieden aus der Zigeunerraçe ist Alles tartarisch. Trotz ihrer breiten Backenknochen, schiefen Augen und gelblichen Farbe sind sie ein schöner, nobler Menschenschlag, dessen Stolz und Männlichkeit noch durch malerische Tracht gehoben wird. Dies malerische Element tritt besonders am weiblichen Geschlechte hervor, das durchaus nicht so verschlossen und niedrig gehalten wird, wie bei den rechtgläubigen Muselmanns. Der Tartar hält sich in der Regel auch blos eine Frau. Das Malerisch-Schöne in Tracht, Haltung, Bewegung und Volksleben zeichnet überhaupt mehrere orientalische Volksklassen ganz vortheilhaft vor unserer westlichen Civilisation aus. Wir hängen ein schönes Gemälde an die Wand, todt auf Leinwand. Das serbische, wallachische, tartarische Mädchen ist dieses Kunstwerk in voller, frischer Lebendigkeit, von Fleisch und Blut, mit natürlichen Blumen im üppig wallenden Haar, mit bunten Bändern und Farben in kleidsamer Tracht und künstlerischer Grazie in ihren feurigen Tänzen aus Instinkt, aus naivem, eingeborenem Schönheitsgefühl. Unter solchen Umständen braucht man keine Schönheit in Oel auf Leinwand an der Wand. Wir brauchen sie freilich um so nöthiger um uns her, da die Kunst, das Schöne in und an uns fehlt. Mit unserm schwarzen Leibrocke, unserm schwarzen Hute und weißen Vatermördern passen wir weder als Gäste auf den Olymp, noch zu olympischen Spielen. Unsere Damen in Seide bis auf die Zehen und mit der Wespentaille können höchstens vornehm rauschen mit dem eigenthümlichen Gesäusel der Seide und auf dünnen Sohlen schweben.

Die Südküste und Städte der Krimm daselbst sind das Italien, die Badeörter des vornehmen Rußland. Die Engländer sahen sie sogar dies Jahr durch Fernröhre am Gestade sitzen und lachen, und Kinder spielen mit Muscheln und Steinen, als wüßten sie ganz sicher, daß ihnen Engländer und Franzosen nichts Ernstliches thun wollen. – Viele russische Adelige haben hier ihre Sommerresidenzen zwischen Weinbergen, blühenden Oliven, Orangen und Pommeranzen, schwertragenden Feigen und Citronen. Die Bergkette, welche hier im Angesichte des schwarzen Meeres sich oft bis 4000 Fuß und ganz grade wie eine Wand erhebt, schützt diese Städte und Paläste und die Vegetation gegen alle Nord- und Ostwinde, so daß Sonne und Südwind hier das Land zu dem machen, „wo die Citronen blühn und im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn.“ Es wird hier namentlich ein feuriger, madeiraartiger Wein und selbst Champagner gewonnen und reichlich getrunken, wie denn überhaupt die russischen Starosten hier ungeheure Summen verschwenden sollen, um sich während ihrer Badesaison für ihr Leben im Innern Rußlands möglichst zu entschädigen. Neben den Sommerresidenzen und den Städten erheben sich stolze, prächtige Häuser, in denen sich für Geld alle möglichen Vergnügungen und Ausschweifungen mit orientalischer Pracht und Ueppigkeit bieten.

Von Baktschi Seria ist noch der prächtige, alte Palast des ehemaligen Khans zu erwähnen, mit einem kostbaren Begräbnißplatze voller marmorner Denkmäler, und rührender, oft hochpoetischer Inschriften, welche die Ruhestätten der alten Herrscher und Eroberer bezeichnen. Ein Nachkomme des alten Herrscherhauses lebt noch und wird als ein sehr weiser, gelehrter Herr geschildert, „der die Städte vieler Menschen gesehen und ihren Sinn erkannt,“ wie Homer von Odysseus singt.

Von allen Ortschaften der Krimm ist Sebastopol der ungemüthlichste. Weit um die Stadt her sind alle Bäume niedergehauen, damit sie keinem nahenden Feinde Schutz gewähren, und überall Mauern und Wälle und Burgen von weichen Kalksteinen errichtet, welche gerade durch ihre Weichheit dem Werke der Kanonen am Härtesten trotzen können, da sie die Kugeln in ihrer Kraft allseitig lähmen, während harte Gegenstände dies nur in gerader Linie können. So viel man hörte, war die Expedition der englisch-französischen Flotte auch nicht auf Sebastopol direkt, sondern auf Balaklava mit einem guten Hafen, wo die reizende Südküste beginnt, abgesehen. Balaklava steht mit Sebastopol durch eine Landstraße zwischen Gebirgen in Verbindung.

Diese Notizen über die Krimm sollen blos als vorläufige gelten. Vielleicht bekommen wir bald genauere, die unter Anderm auch die Namen, die man an verschiedenen Orten noch sehr abweichend geschrieben und gedruckt findet, mehr feststellen werden. Die hier gebrauchte Schreibweise schließt sich an die englische an.




Aus der Menschenheimath.
Briefe des Schulmeisters emerit. Johannes Frisch an seinen ehemaligen Schüler.
Sechsundzwanzigster Brief.
Das Mikroskop in der Haushaltung.
2. Wolle und Seide.


Um uns zu kleiden, vereinigen sich mit der Baumwollenstaude und dem Lein zwei Thiere, die Seidenraupe und das Schaaf; also Thierreich und Pflanzenreich tragen wenigstens für die europäische Menschheit so ziemlich gleich viel bei, deren Blöße zu decken.

Die Zweckmäßigkeitsgläubigen, welche so anmaßend sind, überall die Natur im Dienste der Menschheit arbeiten zu lassen, finden eine willkommene Nahrung ihres Glaubens durch die Seide. Warum, wozu ist denn den Insekten ihre so wunderbare Verwandlung eigen? Nun, wozu denn anders, als um „den Herrn der Schöpfung“ in Sammet und Seide zu kleiden! Denn kröche der kleine Schmetterling wie das Hühnchen gleich fertig aus dem Ei, so gäb’ es keine Seide. – Freilich denken diese Zweckmäßigkeitstheoretiker daran nicht, daß uns die Geologie und die Versteinerungskunde lehren, daß die Insektenwelt viele Jahrtausende früher auf der Schaubühne des Lebens erschien, als der Mensch. Innere gesetzmäßige Nothwendigkeit gestaltete das Insektenleben gerade so wie es ist, und wir dürfen kaum hoffen, über diesen Nothwendigkeitszusammenhang etwas zu ergründen. Es ist so, wie es ist, und wir machen dabei den Gewinn der Seide. Das sei uns vorläufig genug. Ich sage vorläufig, damit Du nicht etwa glaubest, ich wolle der Wissenschaft hier ihr Forschungsrecht beschränken.

Wenn die Baumwolle und der Flachs aus jenen oft über zolllangen, aber doch immer noch verhältnißmäßig kurz zu nennenden feinen fadenförmigen Zellen besteht, welche wir im Gespinnst tausendfach an- und nebeneinander legen, so ist der Coconfaden eben ein einziger Faden von über 1000 Fuß Länge. Das allein schon bedingt zwei wichtige Eigenschaften des Seidengarns vor dem Flachs- und Baumwollengarne: seinen Glanz und seine Festigkeit. In einem fußlangen Faden Nähseide hast Du vielleicht nur einige wenige Enden der zahlreichen einzelnen Coconfäden, an denen er zusammengedreht ist; in einem gleich langen Flachs- oder Baumwollenfaden dagegen würden wir Tausende von Enden, die der einzelnen Zellen, finden. Du begreifst, wie hierdurch die Seide glänzender und fester sein muß. Ein Faden aus hundert Drähten zusammen angesetzt muß, wenn diese hundert Drähte ununterbrochene Fasern sind, nothwendig viel fester sein, als wenn diese Drähte vielfältig an einander angefügte kurze Fasern sind. Darauf beruht, um diesen freilich kaum nöthigen Beweis einzuschalten,

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Die Gartenlaube (1854) b 438.jpg

die Haltbarkeit des Spinnenfadens, daß er bei aller seiner Feinheit dennoch mehr als tausenddrähtig ist.

Unter dem Mikroskop erscheint der einzelne Coconfaden, deren mehrere Hunderte zu einem Nähseidenfaden erforderlich sind, ganz schlicht, einfach und durchsichtig, überall ziemlich gleich stark und ohne irgend welche Quer- und Längslinien, wie wir sie bei Flachs und Baumwolle fanden. Mein gezeichnetes mikroskopisches Sehfeld zeigt Dir dies (S) deutlich. Du bemerkst aber rechts an dem zweiten Faden eine knieartige Einbiegung. Diese und ähnliche plötzliche Verbreiterungen des Coconfadens rühren davon her, daß die spinnende Raupe den eben ausgelassenen noch weichen Faden an diesen Punkten an dem bereits gesponnenen anheftete, wobei diese Stellen sich etwas abplatteten.

Du siehst, daß nichts leichter ist, als den Seidenfaden mit dem Mikroskop zu erkennen und beigemischte Verfälschungen davon zu unterscheiden. Sie sind eben so gerade, wie die Flachsfasern, an denen wir aber die Querlinien und die durchscheinenden Grenzlinien des innern Zellenraumes fanden[1]; sie sind aber viel gerader als die platteren, oft schraubenförmig gedrehten Baumwollenfasern. Würde uns hier das Mikroskop in Zweifel lassen, so dürften wir nur bei der Chemie anfragen. Salpetersäure löst in wenigen Augenblicken die Seide vollkommen in einen braunen Brei auf, während sie auf Flachs und Baumwolle fast keine sichtbare Wirkung äußert. Auf diese Weise lassen sich verfälschte Seidenstoffe sofort erkennen.

Wir wenden uns von dem Stoffe des Luxus zu dem Stoff des soliden Bedürfnisses. Sieh, wie sonderbar die Wollfaser unter dem Mikroskop aussieht. Eine Menge unregelmäßige, wellenförmige Querlinien bedecken dieselbe und deuten Dir von selbst an, daß sie mit dem Wachsthum der Wollenfaser, oder richtiger des Wollenhaars, in Zusammenhang stehen; denn diese Linien bezeichnen das stufenweise Heraustreten des wachsenden Wollhaares aus der Haut des Schaafes. Da kann natürlich vor dem Richterstuhle des Mikroskops kein Betrug bestehen; er wird unnachsichtig aufgedeckt.

Ich habe zu dem, was hier das Mikroskop Deinem Auge zeigt, nichts weiter hinzuzufügen. Es kam mir ja blos darauf an, Dir die Bedeutung des Mikroskops in der Unterscheidung unserer vier wichtigsten Gespinnststoffe zu zeigen, und da reicht eben für die Wolle ein einziger Blick aus.

Vielleicht vermissest Du den Hanf, den jetzt überhaupt, Dank sei es der Ostsee-Blokade, von aller Welt vermißten. Ich habe ihn aber unerwähnt gelassen, weil er als Gewebestoff von geringer Bedeutung ist. Du wirst ohnehin leicht errathen, daß er, als Bastfaser, dem Flachs fast ganz gleich sein müsse, was er auch ist. Das Mikroskop hat Mühe, beide sicher zu unterscheiden. Gelingt es, mehrere Enden von Hanffaserzellen unter dem Mikroskope zu sehen, so findet man daran meist eine gablige oder dreizackige Theilung, welche die Flachsfaser nie hat.

Ein andermal sehen wir uns vielleicht noch weiter mit dem Mikroskop in den Angelegenheiten und kleinen Verlegenheiten der Haushaltung um.




Für Mädchen und Frauen.
Nr. 2. Der Frauenschutz in Dresden.

Schon vor dem Ausbruch der französischen Revolution schrieb Hermes ein Buch, „Für Aeltern und Ehelustige“ betitelt, welches den wichtigen Punkt der Mädchenerziehung bespricht. Heyne sagt in Bezug darauf in einem Briefe an seine Tochter, Therese Forster[WS 1], nachmalige Therese Huber, ihm scheine die Beantwortung der Frage ganz leicht: „Vermindere man den Luxus, den Aufwand, die Unwirthlichkeit in allen Ständen,“ und dem Uebel sei abgeholfen. – Ueber ein halbes Jahrhundert ist seitdem an uns vorübergegangen, Krieg und Frieden haben abwechselnd die Welt beunruhigt und bewegt, das Alte ist neu, das Neue alt geworden, die Wogen des Lebens sind über manchem Haupte zusammengeschlagen, rastlos haben die Menschen ihren Zielen nachgejagt, Erwerb und Genuß hat hier, hat dort als Aushängeschild gedient; aber der eine wichtige Punkt, die sittlichere Gestaltung unserer socialen Verhältnisse, scheint kein Hauptmoment in diesem allgemeinen Treiben und Drängen gewesen zu sein. Wohin wir blicken, können wir in Bezug hierauf nur sagen: es ist Alles schon einmal dagewesen; wohin wir blicken, sehen wir Unheil weissagend den Wurm nagen, der das Gebäude unseres Familienlebens zu unterminiren droht, und dieser Wurm heißt Genußsucht.

Wenn Heyne im Jahr 1789 seine Tochter darauf hinweisen konnte, daß nur eine Verminderung der Bedürfnisse im Stande sei, dem wachsenden Uebel zu steuern; was würde der gelehrte Herr sagen, wenn er jetzt einen Blick werfen könnte in unsere häuslichen Einrichtungen und in das Tagewerk unserer Frauenwelt!!

Forster[WS 2] schreibt um eben die Zeit an seinen Schwiegervater: „Es wird von Jahrzehend zu Jahrzehend schwerer und unmöglicher, eine Frau zu ernähren, wes Standes man sei, und wie dem abzuhelfen, sehe ich nicht ein.“

Seitdem, – wie viel schwerer ist es nicht seitdem geworden? – Bald fast unmöglich!

Blickt man hinein in unser Familienleben, mit dem hellen Auge, das auch in einem Lächeln die Thräne erspäht, so gewahrt man die Sorge auf der Schwelle, und dahinter die Angst derselben zu entfliehen, so findet man die Freude auf Straßen und Märkten gesucht, und von dem schönen, innigen Mit- und Ineinanderleben, dem gegenseitigen Verstehen und Ergänzen, den stillen Familienabenden so wenig! – Wo aber ist das Glück, wenn das eigene Haus es nicht bietet! Wo sollen wir es suchen, wo finden? – „Der eigene Herd ist Goldes werth,“ so hieß es einst, als die Menschen noch mit dem Herzen für einander lebten, und der moderne Egoismus, der Kultus des Ich noch nicht alle Bande gelockert, noch nicht jede Beziehung in eine bloße Chimäre umgewandelt hatte, die nicht den äußern Verhältnissen förderlich.

Man sagt, daß Dresden achthundert Vergnügungsorte habe, die täglich mit Ehelosen und Verehelichten angefüllt. In andern Städten mag es nicht weniger glänzend damit stehen, in Süddeutschland [439] besonders ist kaum die Rede davon, daß ein Mann seinen Abend sonst wo zubringe. Wohin führt das? Gewiß nicht zu schönerer Gesittung; denn diese gewinnt der Mann nur in seinem Verkehr mit den Frauen, das gesteht sogar Julian Schmidt ein, so wenig er den Frauen sonst auch zugesteht, die Wichtigkeit ihrer Stellung in der Gesellschaft durch ihren Einfluß auf die Männer, durch jenes „Erlaubt ist was sich ziemt“, räumt er als unbestritten ein.

Was ist geschehen, um diesem sich mehrenden Verfall des Familienlebens und der Abneigung einen eigenen häuslichen Herd zu gründen, zu steuern? Wir glauben sehr, sehr wenig.

Weder die Emancipationsideen, noch sonstige wohlmeinende Absichten in Bezug auf Frauenbildung haben diesen Weg geführt; weder eines Karl Fröbel Mädchenuniversität, noch Friedrich Fröbel’s Kindergarten, weder Bornemann’sche Erzieherinnen-Bildungs-Institute, noch sonstige weibliche Pädagogik wird dahin führen, ein genügsames Geschlecht zu erziehen, so lange eitle Mütter eitle Töchter bilden, so lange Kinderbälle und Putz und Tand und Gefallsucht dem ernsten Streben entgenstehen, ein Leben zu führen, dessen Basis die Pflicht ist, dessen Glück auf der Erfüllung derselben beruht, dessen Freuden in dem eigenen Schaffen und Leisten, in dem Sorgen und Lieben besteht.

Eine Tochter soll unter den Augen ihrer Mutter heranwachsen, das heißt, wenn diese einigermaßen vernünftig ist, ihrem Kinde als Vorbild zu dienen; fühlt sie sich dazu unbefähigt, so hätte sie freilich weiser gehandelt, unvermählt zu bleiben, und muß nun aus der Noth eine Tugend machen, und ihre Tochter fremden Händen anvertrauen. Die Erziehungsinstitute sind daher nothwendige Uebel, die so lange geduldet werden, so lange es Mütter giebt, welche so unglücklich sind, der Welt bekennen zu müssen, daß sie ihrem Berufe nicht nachkommen können.

Die meisten unserer jetzigen Mädcheninstitute sind von Frauen gegründet, die nicht eigentlich Neigung auf diese Bahn führte, sondern mangelnde Existenzmittel, die also die Sache um des Erwerbes willen betreiben. Diese können daher auch nicht jenen sittlichen Ernst dabei geltend machen, der der wichtigste Theil bei aller Mädchenbildung ist (schon darum, weil die menschliche Gesellschaft in dem Bezug so hohe Ansprüche an sie macht), sie huldigen dem Scheine und fördern den Schein. Auf solchem Wege werden wir nicht dahin gelangen, dem „Luxus, dem Aufwand und der Unwirthlichkeit“ zu steuern, über die Professor Heyne in Göttingen im Jahre 1789 eine so bittere Klage erhebt, gegenüber einer Tochter, die das Muster einer Frau war, was Geistesbildung, Adel der Gesinnung und Häuslichkeit betraf – Eigenschaften, die sie nicht in einer Schule, sondern in dem engen Kreise eines beschränkten Familienlebens erworben, das ihr wenige Lehrer, wenigen Unterricht, aber einen gebildeten Umgang und eine Auswahl guter Bücher gewährte.

Ein gebildeter Umgang und gute Bücher! Wie wenigen unserer jungen Mädchen wird dieser Vortheil gewährt. Aber – kehren wir von dem, was das Haus bieten sollte, zu den Instituten zurück, mit denen wir uns für Jetzt beschäftigen wollen. – Wir haben sie ein nothwendiges Uebel genannt, und von einem Uebel wählt man das kleinste, sobald eine Wahl bleibt. Die Aeltern wollen ihre Tochter einer Pension übergeben, ihre Vermögensumstände erlauben es ihnen kaum, sie müssen sich einschränken, um ihrem Kinde diesen Vortheil zu sichern, sie müssen ein Opfer bringen, und bei sich selbst zu Rath gehen, wie groß dasselbe den Umständen nach sein kann, sein darf. Sie fassen also zunächst die pecuniäre Seite in das Auge und erkundigen sich nach den Preisen der verschiedenen Erziehungsinstitute, und den Vortheilen, die diese dafür gewähren. Die Summe, die auf dem Prospektus angegeben, ist meistens nicht bedeutend, aber am Schluß des Jahres findet man dieselbe durch tausend unberechnenbare Kleinigkeiten, durch Tanzlehrer, Gesangstunden, und so manches für nöthig Erachtete dermaßen gewachsen, daß der Vater seufzend die um das Doppelte gesteigerten Zahlen betrachtet. Dies ist nur zu häufig der Fall. Und wie könnte es anders sein? Die Ansprüche an ein Institut sind sonderbar gestiegen, fremde Sprachen sind unerläßlich, Talente aller Art sollen gebildet, Lehrer und Professoren in jedem Fache vorhanden sein, und Alles nur, um diesen Mädchen gleichsam wie im Fluge einen Anstrich ungemeiner Gelehrsamkeit anzuhauchen. Was bleibt der Vorsteherin übrig, als, um diesen Ansprüchen zu genügen, die Kosten nicht zu scheuen, ihrer Anstalt die glänzende Außenseite zu geben, die besticht, den Aeltern lange Rechnungen zu schreiben, und angstvoll zu überrechnen, ob bei solchem Aufwand auch noch eine hinreichende Summe erübrigt werde, ihr Alter sorgenlos zu machen. Wer kann es ihr verdenken, daß sie am Ende eines mühevollen Lebens dem Mangel nicht Preis gegeben sein möchte? Der Staat hat Pensionen aller Art, nur für solche Dienste hat er keine.

Sehr viele Aeltern finden es daher unmöglich, ihren Töchtern diesen Vortheil zu gönnen, sehr viele auch senden dieselben nach vollendeter häuslicher Erziehung auf ein Jahr in eine Pension, um damit gleichsam das Werk zu krönen, eine Wohlthat, die ihren fraglichen Werth hat, denn die Bildung eines Menschen ist kein Werk eines Augenblicks, sie kann nicht ohne Plan, nicht ohne geeignete Vorschule gedeihen. Um solchen weniger begüterten Aeltern zu Hülfe zu kommen, und auch um eine zweckmäßigere Mädchenerziehung anzubahnen, unternahm es Fräulein Amalie Marschner, vor vielleicht zehn Jahren, ein Institut in Dresden zu gründen, das den Namen „Frauenschutz“ führt. Hier sollte neben dem Schönen auch das Nützliche gelehrt werden, hier sollte das Mädchen lernen, daß die rechte Bildung darin bestehe, die nächsten Pflichten recht zu üben, und ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft zu werden; hier auch sollte die Anstalt selbst der Zweck der Anstalt sein, und kein Gewinn der Gründerin zu Gute kommen und an den Hülfsquellen derselben zehren.

Das Unternehmen war lobenswerth, es war die That eines edelen Gemüthes und sie entsprach ihrer Absicht, indem sie einer bedeutenden Anzahl von Mädchen unbemittelter Aeltern Aufnahme gewährt. Die Einrichtung ist einfach, die Nahrung einfach, aber gesund und nahrhaft; der Unterricht wird gut geleitet, Talente werden gebildet, daneben aber lernen die Mädchen Schneidern und Weißnähen und manche kleine häusliche Arbeit. Das ist vortrefflich der Idee nach und wird in der Ausführung gewiß die erfreulichen Resultate liefern, sobald das Ganze noch mehr reift und vorschreitet. – Dann dürfen wir hoffen, auch an andern Orten Anstalten der Art emporwachsen zu sehen. – Was der Organisation derselben bis jetzt mangelt, ist: – ein Haupt. – Viele Köche verderben den Brei. – Eine Autorität muß gelten, muß die unfehlbare sein. – Diese Autorität fehlt. Fräulein Marschner leitet nur noch von Ferne das Ganze, sie überwacht aber nicht das Einzelne mehr, sie wohnt nicht in der Anstalt, um zu jeder Minute mit eigenen Augen zu schauen und zu entscheiden. – Dann auch stellt die Anwesenheit eines Hauptes weit mehr die Idee einer Familie her, der Mittelpunkt fehlt sonst, um den sich ein Kreis bilde, es ist nicht einmal eine Republik, es ist eine Oligarchie, die aus zwölf Gouvernanten besteht. Das taugt nichts. Diese gerade bedürfen wahrlich eines tüchtigen Präsidenten, eines Cromwell mit Feuer und Schwert.

Dann auch muß das Einfache in der Erziehung das Schöne nicht ausschließen. Der Cultus alles Schönen ist der Cultus, der der Frau zugehört. – Sie muß verschönern wollen, wohin ihr Auge nur blickt. – In den einfachsten Räumen können Blumen gezogen werden, können Bilder hängen, kann eine ausgewählte Bibliothek aufgestellt sein. Zimmer ohne solchen Zubehör sind traurige Wüsten, in diese versetze man die Jugend nie. Das Auge gewöhnt sich, der Sinn bildet sich auch unmerklich. – Eben so ist es mit dem Anzug. – Die Vorsteherin leuchte hierin den Mädchen vor. – Von einer Ersparniß an Wäsche darf nie die Rede sein. – Der weiße Kragen, die Aermelchen, das muß stets angelegt werden, nicht für die Straße, sondern für das Haus. Das Haar schön gemacht, ein einfaches Kattunkleid, recht sauber, recht nett gemacht, die hübsche Wäsche, und ein Mädchen ist so schön gekleidet, wie sie sein kann. Hände, Zähne und Füße dürfen dabei nicht vergessen werden, vor Allem aber darf sie nie denken, daß ihr für das Haus die geringste Nachlässigkeit gestattet sei; denn gerade das Haus ist ja die Welt der Frau und ihre eigentliche Heimath. Diesen Luxus darf sie sich gewähren, kann sie sich gewähren, denn er ist zu allen Zeiten das Produkt ihres Fleißes und ihrer Mühe; er muß eine Lebensnothwendigkeit für sie sein, es muß sich ihr Sinn gerade in diesen kleinen Dingen aussprechen. Es ist das größte Mißverständniß, wenn man ein Mädchen abhalten will in diesem Punkte sorgsam zu sein, ja ihr wohl gar Eitelkeit vorwirft, wo man ihr von einem Gebote der Selbstachtung reden sollte. Gerade die Kunst muß man sie lehren, ohne Aufwand, ohne große Mittel, eine gewisse Zierlichkeit [440] und Eleganz um sich zu verbreiten, die sowohl in der Hütte, wie in einem Palaste ihren Platz findet. – Bauete man ein Haus, das die Bestimmung eines Mädcheninstitutes hätte, so sollte man Jeder ein Stübchen einrichten, wie die Zelle einer Nonne, so klein, so groß es sei, ein Bettchen, ein Stühlchen, ein Fensterchen, darauf der Rosenstock, davor das Tischchen mit ihrem Gebetbuche, und ihren kleinen Niedlichkeiten. Damit wäre ihr die Freude an etwas Eigenem gegeben, damit hätte sie das Plätzchen gewonnen, wo sie sich heimisch fühlte, wo sie ungesehen die Thräne weinen könnte, die in einzelnen Momenten das Herz eines Kindes drücken muß, das zum ersten Male dem sichern Hort des Familienkreises entrissen ist. – Und wer könnte wünschen, daß dem nicht so wäre? – Wer könnte begehren, daß ein Mädchen sich wohl und heimisch fühlte in einer Anstalt, wo es sie nirgends an die stille Heimath mahnt, wo sie die Gespielinnen ihrer Jugend entbehrt, wo ihr alles fremd, kalt und neu entgegen tritt und sie sich an kein Herz mit Vertrauen zu schließen wagt? – Welcher Vater würde wünschen, daß seine Tochter ihn hier nicht vermisse, und das Aelternhaus gern einbüße? – Bis jetzt haben unsere Mädcheninstitute große Schlafsäle, welche allerdings der Räumlichkeit zu gut kommen; der sittlichen Bildung aber keine Förderung gewähren. Auch der „Frauenschutz“ macht von dieser Regel keine Ausnahme und wollte er es, so würde die Localität, so wie sie ist, es nicht gestatten. – Wir müssen das also hingehen lassen, aber andere Institute nach diesem wirklich vortrefflichen Muster einer zweckmäßigeren Erziehung für das weibliche Geschlecht bilden, so legen wir die Bitte ein: daß man diesen Punkt berücksichtige und daneben in das Auge fasse, bei der größten Einfachheit der Einrichtung überall zum Guten das Schöne zu fügen und dies als unerläßliche Bedingung einer Mädchenerziehung und einer Frauenexistenz aufzustellen.

„Und füget zum Guten
Den Glanz und den Schimmer,
Und ruhet nimmer.“

Amely Boelte. 




Blätter und Blüthen

Espartero und O’Donnell. Die beiden ersten Häupter der Revolution in Spanien haben weder körperlich noch geistig die geringste Aehnlichkeit mit einander. Espartero (um unsere bereits gegebene Lebensskizze zu ergänzen) fällt sogleich durch seinen festen Blick unter stark markirten Augenbrauen, der alle Männer von großer Geisteskraft auszeichnet, als ein überlegener Charakter auf. Dazu kömmt die stets geschlossene Lippe und die Breite seines Kinns. Dies sind die Symbole seiner Energie und Ausdauer, wenn er sich einmal zu Etwas entschlossen hat. Er ist mittlerer Größe, über 60 Jahre alt, doch dem Ansehen nach kaum 50, von hoher Stirn, feurig in seinem dunkeln Blick und dabei leicht zu einem Lächeln zu bringen, welches den Charakter von Offenheit und Güte deutlich aufleuchten läßt. Seinen Thaten und Verdiensten nach ist er wirklich der erste unter allen lebenden Spaniern. Er ist ein guter Kamerad für die Soldaten. Sehr oft in seinem Leben mußte sein und seiner Frau Vermögen herhalten, um fehlende Bedürfnisse für seine Truppen zu befriedigen. Daher kam es, daß er viel ärmer war, als er seine höchste militärische Stellung aufgab, wie vorher, ein Lob, das schon durch seine Seltenheit Respect einflößt. Sein Vermögen verdankt er hauptsächlich seiner Frau, der Tochter eines reichen Kaufmanns und Banquiers. Sie hielt mit ihrer Unterschrift nie zurück, wenn es galt, Opfer für die Leute zu bringen, deren Oberhaupt ihr Gatte war. Er selbst hatte von Hause aus nichts als sein Schwert, das leider in Spanien das Hauptsymbol der Ehre und die mächtigste Waffe zum Emporsteigen geworden. Seine niedere Herkunft und armen Verwandten verläugnete er nie. Davon gab er während seiner Regentschaft einmal den überraschendsten Beweis. Zu einer großen Soireée in Buena-Vista wurden sein Onkel und zwei Cousinen angesagt. Er stellte den Ersteren auch richtig als Eisenbahnbeamten aus la Mancha und letztere als Kleidermacherinnen, Schneidermamsells vor, wie es heißt, nicht ohne geheimen demokratischen Stolz, daß er von so niederer Herkunft so hoch gestiegen, ohne sich seiner Verwandten zu schämen. Freilich giebt dies Alles und sein ganzes Leben noch keine gegründete Hoffnung, daß er seiner jetzigen Stellung gewachsen sei, die unendlich schwieriger ist, als seine Regentschaft, die er nicht ohne Beweise von Schwäche aus den Händen gab. Im Uebrigen aber bleibt eines Menschen Vergangenheit immer das Hauptelement, aus dem man Schlüsse auf seine Zukunft ziehen darf.

O’Donnell’s Leben und Charakter sieht viel anders und ziemlich gemein aus. Er ist ein Abkömmling der irländischen Familie O’Donnell, welche sich vor langer Zeit in Spanien niederließ und dort ein Rolle spielte. Der Vater des jetzigen Revolutionärs war Direktor der Artillerie unter Ferdinand VII. Er hatte vier Söhne, die er alle in einflußreiche Stellungen zu bringen wußte. Der Revolutionär, der vierte, war der einzige, der nach Ferdinand’s VII. Tode in die Dienste Isabella’s überging. Als tüchtiger Soldat und streng in Disciplin, wie sein Vater, der größte Feind aller liberalen Ideen, konnte er nur steigen. Von seiner militärischen Grausamkeit wissen besonders die baskischen Provinzen zu erzählen. Als Christine ihre Wirthschaft als Königin aufgeben mußte, war er General-Lieutenant und Graf von Luceno mit dem Ober-Commando über die Central-Armee. Nach Espartero’s Triumphe 1840 wanderte er nach Paris aus, wo er mit Christine wirthschaftete. Im Jahre 1841 überfiel er Pampeluna, das er im Namen Christine’s durch Bestechung in seine Gewalt bekam und behauptete. Zugleich versuchten die Generäle Concha und Diego Léon, Madrid und die junge Königin gefangen zu nehmen. Der damalige Lieutenant Dulce (neuerdings sein Genosse) verhinderte dies mit seinen Hellebardiers, die den Palast bewachten, so daß der beabsichtigte Sturz Espartero’s mißlang. Im Jahre 1846 finden wir O’Donnell als Gouverneur von Cuba. Von diesem ergiebigen Posten wurde er vor der üblichen Zeit (3 Jahren) durch Marschall Narvaez, damals Minister-Präsidenten, abgerufen. Diese Schmach verzieh er dem Narvaez nie. Um sich zu rächen, bildete er eine Opposition gegen den Minister-Präsidenten so widerwärtiger und unerträglicher Art, daß er seine Entlassung einreichen mußte. Dessen ungeachtet finden wir O’Donnell zwei Jahre später als Mitglied einer parlamentarischen Partei, welche Narvaez zu ihrem Führer gewählt hatte und den Minister Murillo zwang, den constitutionellen Grundsatz anzunehmen: „Die Königin regiert, aber herrscht nicht.“ Der frühere erbitterte Absolutist war jetzt ein Constitutioneller der linken Seite, und der frühere Feind Espartero’s machte jetzt eine Revolution mit Messina und Dulce, den intimsten Freunden Espartero’s, eine Revolution, die durchaus zum Triumphe der von ihm zeitlebens bekämpften Principien und seines Feindes ausschlug. Sonach scheint O’Donnell eigentliche Grundsätze nicht zu hegen. Haß, Ehrgeiz, Gewinnsucht sind die Mächte, die ihn gelegentlich bestimmen. Man hat Grund anzunehmen, daß seine moralische Entrüstung über die jetzige Regierung von dem Gelde stammte, welches England im Interesse Espartero’s geschickt haben sollte. Was auch aus der Revolution werden mag, an O’Donnell’s Verlust kann sie nur gewinnen.




Neue Art Bärenfang. In der franz. Bergstadt Superbognerre, unweit Luchon, begaben sich neulich eine ziemliche Heerde Jäger um zehn Uhr Abends auf die Jagd, geführt von einem Arzte, der versprochen hatte, Goliath, den Schrecken der Umgegend (einen riesengroßen Bär), todt oder lebendig in die Stadt zu bringen. Sie sahen gar nicht wie Jäger aus, da sie nur mit eisernen Stangen und großen wollenen Decken bewaffnet waren. Der Zweck derselben ward einigen Mitgliedern der Gesellschaft erst bekannt, als sie ihre Dienste gethan. Mit den eisernen Stangen schloß man die Oeffnung der bekannten Höhle Braun’s, worin er des Nachts regelmäßig zu logiren pflegte, und da er fest schlief, setzte er auch den wollenen Decken, welche über die eisernen Stangen gezogen wurden, um die Höhle möglichst luftdicht zu verschließen, keinen Widerstand entgegen. Nachdem dies geschehen, ließ Dr. Peyot seine Waffe durch eine Oeffnung in die Höhle spazieren und wirken, Chloroform. Er war nach kurzer Zeit der Wirkung so gewiß, daß er Stangen und Decken wegnehmen ließ, und mit einer Laterne zu Goliath hineintrat, der sich nun ruhig beleuchten ließ, ohne in seinem fürchterlichen Schnarchen irgend nachzulassen. Auch hatte er nichts dagegen, als man ihn band und auf eine Tragbahre zog, und selbst, als er im Triumph durch die mitternächtlichen Straßen getragen ward, merkte er noch nichts von der Veränderung, die nun auf Lebenszeit mit ihm vorging. Schlafend und schnarchend ward er in einem Käfig untergebracht, wo er am folgenden Morgen sich lange brummend und bäumend umsah, ehe er sich entschließen konnte, sich in sein Schicksal zu ergeben. Doch sehr wild that er auch nicht, da der listige Doctor, der ihn im Schlafe seiner Freiheit beraubt, seine neuen Fesseln mit den Rosenketten der Liebe verband. Goliath Braun, bisher ein Junggeselle der Wildniß, fand in seinem Käfig ein Weibchen vor, welches Hirten mehrere Monate vorher eingefangen hatten. Goliath fand Wohlgefallen an seiner neuen Lebensgefährtin, er behandelte sie mit aller möglichen Zärtlichkeit, ißt und trinkt regelmäßig, legt sich frühzeitig zur Ruhe und steht spät wieder auf, so daß er allgemein als das Muster eines braven Philisters geachtet wird, der sich auch ohne Freiheit würdig zu benehmen weiß.


  1. Siehe Nr. 33 der Gartenlaube.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Therese Foster
  2. Vorlage: Foster