Die Gartenlaube (1854)/Heft 44

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1854
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[521]

No. 44. 1854.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 11/2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 121/2 Ngr. zu beziehen.

Kopf und Herz.
(Schluß.)


„Susanne, mir scheint, daß mein Kopfputz nicht ganz in Ordnung ist – die Locken sind zu nachlässig geformt.“

Sie warf sich in einen Sessel, und die erstaunte Kammerfrau, die an dem Haarputze durchaus keine Unordnung sah, ließ noch einmal das glänzende, volle Haar durch ihre Finger gleiten. Dann mußte sie eine goldene Nadel darin befestigen. Franziska erhob sich und warf einen Blick in den Spiegel.

„Wie steht mir dieses dunkle Kleid, Susanne?“ fragte sie.

„Es ist zwar einfach, gnädiges Fräulein, aber eben deshalb steht es Ihnen vortrefflich.“

„Gut, so gieb mir einen leichten Shawl.“

Franziska war reizend. Die von der innern Aufregung erzeugte Röthe der Wangen hob die Schönheit ihres Gesichts. Das große blaue Auge schwamm in einem matten Glanze. Der leichte Shawl von dunkelblauer Seide lag nachlässig auf den vollen, runden Schultern, ohne die feine, elastische Taille zu verdecken. Den zarten Fuß schlossen schwarze Atlasstiefelchen mit kleinen Absätzen ein, so daß ihre leichten Schritte fest und keck erklangen. Indem sie den kostbaren Fächer ergriff und den letzten Blick in den Spiegel warf, fragte sie sich unwillkürlich: „Ob er wohl wirklich jener Marianne den Vorzug geben kann? Ob ihn mein Vermögen oder meine Person anzieht?“

Sie erschrak selbst vor dem Eindrucke, den Walther’s Kommen auf ihr ganzen Wesen ausgeübt hatte; aber zu stolz, den wahren Grund ihrer großen Erregtheit anzuerkennen, beschloß sie, um jeden Preis Gleichgültigkeit zu zeigen, um die erlittene Zurücksetzung zu rächen. Wie andre lebende Wesen, so trägt auch die Liebe den Instinkt der Erhaltung in sich selbst. Nicht aus Eitelkeit wünschte Franziska jetzt, daß ihre Toilette nach dem Geschmacke Walther’s sei, sondern um ihn völlig zu besiegen und für immer an sich zu fesseln. Sie fühlte, daß der entscheidendste Augenblick für ihr Leben bevorstand. Sie entließ die Kammerfrau und öffnete sich selbst die Thür des Boudoirs.


VII.

Walther, einfach, aber höchst elegant gekleidet, ging in dem Saale auf und ab, als Franziska eintrat. Nachdem er sich verbeugt, trat er zu ihr und drückte ceremoniell einen Kuß auf ihre Hand. Franziska hatte einen andern Empfang erwartet; aber obgleich Walther nur kalte Artigkeit zeigte, so glaubte sie dennoch ein leises Zittern seiner Hand bemerkt zu haben. Diese Wahrnahme stellte sogleich ihr Betragen fest, und sie setzte voraus, daß Walther zu viel auf ihre Liebe zu ihm bauete, als sich ohne Weiteres reuig zu ihren Füßen niederzuwerfen, und um Verzeihung zu flehen. Mit stolzer Eleganz deutete sie auf einen Sessel, nachdem sie selbst sich niedergelassen. Schweigend erwartete sie von Walther die Einleitung des Gesprächs. Es ist dies eine weibliche Schlauheit, die auch den einfachsten Frauen eigen zu sein pflegt, wenn es sich um die Ergründung eines Herzensgeheimnisses handelt. Und wer hat nicht überhaupt die scheinbare Fassung der Frauen in dem Augenblicke bewundert, wo sie für die geheimen Schätze ihrer Liebe zittern? Wer hat nicht schon Gelegenheit gehabt, ihre Leichtigkeit, ihre Ruhe und Geistesfreiheit in den größten Verlegenheiten des Lebens zu beobachten? Franziska war in diesem Augenblicke stark genug, ihre Leidenschaftlichkeit zu bekämpfen und mit ruhigem Scharfsinne die Logik bei der kritischen Frage anzuwenden, die stets ein Herzensgeheimniß des Mannes eröffnet, der schwach genug ist, ein Weib seiner Ausforschung unterwerfen zu wollen. Und in dieser Absicht war Walther wirklich gekommen, nicht ahnend, daß er sich auf ein gefährliches Unternehmen eingelassen hatte. Sein zärtliches Verhältniß zu Franziska war bisher der Art gewesen, daß er kaum Ansprüche, viel weniger denn Rechte daraus herleiten konnte. Daß er sich von dem armen Fräulein geliebt wußte, war seine ganze Erkenntniß, und ob sich diese Liebe geändert oder nicht, war sein Forschen, von dessen günstigem Resultate die Realisirung eines Planes abhing.

„Ehe ich Ihnen den eigentlichen Zweck meines Besuchs mittheile,“ begann er, „erlauben Sie mir, der Herrin von Adersheim meinen Glückwunsch abzustatten.“

Franziska neigte mit stolzer Nachlässigkeit das lockenumwallte Haupt. Mit einem feinen ironischen Lächeln, wobei sich der ganze Schmelz ihrer Perlenzähne zeigte, antwortete sie: „Die Herrin von Adersheim nimmt diesen Glückwunsch an, mein Herr, obgleich er etwas spät kommt, denn die unvermuthete Erbschaftsgeschichte ist schon so alt, daß man nicht mehr darüber spricht. Und gönnen Sie mir wirklich ein Glück, das ich vielleicht in den Augen gewisser Leute kaum verdiene, so empfangen Sie meinen Dank.“

„Unter Bedingungen soll ich Ihren Dank empfangen!“ sagte Walther ruhig. „Dies läßt mich annehmen, daß Sie in meine Aufrichtigkeit Zweifel setzen. In diesem Falle beklage ich Ihre Unkenntniß mit meinem Charakter, der in jenen Zeiten, wo ein bloßes Zusammensein uns glücklich machte, nicht selten offen und klar vor Ihnen gelegen hat. Außerdem müssen Sie in dem Umstande, daß ich spät komme, meine Uneigennützigkeit erblicken.“

„Das klingt paradox, Herr von Linden.“

„Wie?“

[522] „Die arme Franziska verließen Sie gegen Sitte und Anstand, im freien Felde; sie hoffte vergebens, daß ihr Kavalier sie wieder aufsuchen würde – heute bin ich die Herrin von Adersheim!“ fügte sie mit einer schlecht verhehlten Impertinenz hinzu.

„Daran zweifelt man nicht mehr,“ sagte Walther, ohne seine Ruhe zu verlieren. „Mein Besuch gilt nicht der reichen Dame, sondern derselben Franziska, die sich nicht ohne Grund über ein Versehen beklagt, das wir Beide begangen haben. Auf diesen Punkt werde ich später zurückkommen, und mich zu rechtfertigen suchen. Können Sie annehmen, Franziska, daß dieser kleine Streit zwischen uns nicht stattgefunden hat?“ fragte der junge Mann in einem Tone, der fast innig klang.

Ein Wonneschauer durchbebte Franziska.

„Er kehrt zurück!“ dachte sie. „Ich will die Sehne des Bogens nicht zu sehr anspannen. Sie wünschen es,“ sagte sie laut, und indem sie ihren Fächer mit einer unbeschreiblichen Grazie in Bewegung setzte – „was haben Sie der armen Franziska zu sagen?“

Aus Walther’s Augen blitzte ein Freudenstrahl, welcher der beobachtenden Franziska nicht entging. Hätte sie der ihr eigene Takt nicht abgehalten, sie würde der ersten Regung des Herzens gefolgt sein und ihm die Hand zur Versöhnung geboten haben. Mit großer Mühe erhielt sie ihre Fassung aufrecht.

„Das durfte ich erwarten!“ rief Walther. „Sie sehen, ich kenne Sie besser, als Sie mich kennen. Und nun wende ich mich getrost mit der Bitte an Franziska, bei der Herrin von Adersheim eine Fürsprecherin sein zu wollen.“

„Was fordern Sie?“ fragte sie verwundert.

„Franziska, Sie haben eine Schwester – vergessen Sie die Tochter des Onkels nicht, der Sie mit Glücksgütern überschüttet hat. Sie erfüllen eine Pflicht der Dankbarkeit gegen den Verstorbenen - -“

„Mein Herr! Mein Herr!“ hauchte sie mit erstickter Stimme, und indem sie sich rasch erhob. „Sie, Sie wagen es, mich daran zu erinnern? Das ist viel – mehr als ich ertragen kann!“ fügte sie bebend hinzu.

Sie mußte sich an der Lehne des Sessels halten, denn der Boden schwankte unter ihren Füßen. Ihr Himmel war zerstört, ihre Hoffnungen waren vernichtet. Walther, der Mann, den sie leidenschaftlich liebte, verwendete sich bei ihr für das Mädchen, auf das sie allen Grund hatte, eifersüchtig zu sein. Und das mußte er nach dem Vorgefallenen ahnen. In seiner Forderung lag eine doppelte Demonstration: sie erklärte unumwunden seine Neigung, und folglich auch den Bruch mit der ersten Geliebten. Trotz der furchtbaren Erschütterung flüsterte ihr die Stimme der Eifersucht die niederschmetternden Worte zu: „seine Liebe muß wahr und uneigennützig sein, denn sie bleibt bei dem armen Mädchen.“ Franziska’s Zustand läßt sich nicht beschreiben. Alle Furien, die zur Qual einer Menschenbrust erschaffen sind, schwangen ihre brennenden Geißeln. Doch nur einige Augenblicke bebte sie unter den Qualen des Herzens, dann erwachte der Stolz mit überwiegender Gewalt, und der aufbrausende Kopf übertönte das Gemüth.

Walther hatte diese Wirkung seiner Worte nicht erwartet. Bestürzt stammelte er einige Worte der Beruhigung.

„Sie haben viel auf die arme Franziska gebaut,“ sagte sie mit einem bitter schmerzlichen Lächeln; „aber mehr noch auf das Ansehen, dessen Sie bei ihr zu genießen wähnen. Mein Herr, in beiden Punkten haben Sie sich arg getäuscht – die arme Franziska existirt für Sie nicht mehr, und die reiche Erbin besitzt Urtheil genug, um ohne Empfehlung Würdigen ihre Wohlthaten zufließen zu lassen. Was die Pflicht der Dankbarkeit gegen den Verstorbenen betrifft, so erlauben Sie mir, sie in meinem Sinne zu üben. Demoiselle Marianne wird sicher meine spendende Hand nicht vermissen, wenn sie sich des Schutzes ihres wärmsten Verehrers zu erfreuen hat.“

Sie sah auf den in gebeugter Stellung stehenden Baron herab; noch nie war er ihr so schön erschienen, als in diesem Augenblicke, wo sie ihn verloren hatte. Aber sie fühlte nicht ganz den Verlust, da die Heftigkeit des Charakters und der gereizte Stolz die Regungen des Herzens beherrschten. Sie schämte sich, ihre Reizbarkeit so wenig verborgen gehalten zu haben, und deshalb nahm sie, wenn auch mit fast übermenschlicher Anstrengung, zu jener kalten Eleganz ihre Zuflucht, in deren Schimmer sie herzlos erscheinen mußte.

„Franziska,“ rief Walther, „ich beklage Ihre unglückselige Verblendung! Sie sehen Dinge, die nur das Vorurtheil geboren hat. Wenn ich mich dieser Sendung unterzog, so geschah es in Ihrem Interesse.“

„Herr Baron, ersparen Sie sich jede Rechtfertigung, denn ich habe weder den Willen noch das Recht, sie zu fordern. Meine Entrüstung galt nur dem Manne, der sich einst öffentlich als Freund an meiner Seite zeigte. Ich will zugeben, daß ich einen Theil der Schuld trage, die das von der Welt so mannigfach gedeutete Verhältniß zerstörte; aber dessen durfte ich mich wohl versichert halten, daß der Baron von Linden die Delikatesse gegen eine Dame seines Ranges nicht verletzte. Wahrlich,“ fügte sie fast unwillkürlich hinzu, „es muß ein gewaltiges Motiv vorhanden sein, das Sie[WS 1] zu einer solchen Mission bewegen konnte.“

„Es ist vorhanden, Franziska, und ich nehme keinen Anstand, es Ihnen offen mitzutheilen. Die Pflegetochter Ihres Onkels –“

„Verzeihung,“ unterbrach sie ihn mit kalter Artigkeit, „Verzeihung, Herr Baron, ich bin nicht disponirt, die Verhandlungen über das angeregte Thema fortzusetzen. Die Sorge für die reizende Marianne überlasse ich Ihnen allein, Sie kommen dann nicht in die Verlegenheit, die ohne Zweifel grenzenlose Dankbarkeit der armen, liebenswürdigen Waise mit einer andern Person theilen zu müssen.“

Wie verletzt trat Walther einen Schritt zurück.

„Franziska,“ sagte er bewegt, „ich verlasse Sie mit schwerem Herzen. Ihnen gegenüber habe ich meine Pflicht erfüllt –“

„Dieses Zeugniß kann ich Ihnen geben!“ entgegnete sie mit einer tiefen, ceremoniellen Verneigung, wobei ihre Blicke fest auf dem jungen Manne hafteten.

In Walther’s Zügen malte sich eine tiefe Rührung. Mit dem Anstande eines Kavaliers grüßte er, und verließ den Saal.

Auf dem Korridor ging Gottfried langsam auf und nieder. Als der Greis den Baron erblickte, trat er ihm hastig entgegen.

„Nun, gnädiger Herr, was haben Sie bewirkt?“ fragte er leise.

„Nichts, mein alter Freund!“

„Das ist traurig!“ sagte seufzend der Kammerdiener.

„Aber noch gebe ich die Hoffnung nicht auf.“

„Ach, wollte Gott, daß Sie sich nicht täuschten!“

„Wie Sie mir bei meinem Eintritte in den Saal sagten, sollen Sie in der Stadt bleiben?“

„Ja, gnädiger Herr.“

„Gut; so tragen Sie Sorge, daß Franziska bei diesem Entschlusse bleibt. Ihre Gegenwart ist hier sehr nothwendig. Sie kennen meine Wohnung?“

„Ja.“

„Diesen Nachmittag fünf Uhr erwarte ich Sie. Suchen Sie sich unter irgend einem Vorwande zu entfernen; aber Franziska darf das Ziel Ihres Ganges nicht ahnen.“

„Ich werde thun, was in meinen Kräften steht.“

Die beiden Männer trennten sich. Walther stieg in einen vor der Thür haltenden Fiaker – Gottfried trat in das Vorzimmer, um auf den Ruf seiner Herrin zu warten.

Nach Walther’s Entfernung war Franziska auf einen Sessel gesunken; sie ließ ihren lange verhaltenen Thränen freien Lauf. In den ersten Augenblicken des Schmerzes machte die Liebe ihre Rechte geltend, und sie weinte über den Verlust, den das Herz erlitten. Sie fühlte, daß ihr Walther Alles war. Regungslos zu Boden starrend, dachte sie über ihre Lage nach. Als der erste Schmerz an Heftigkeit verloren hatte, erwachte der Stolz, unterstützt von der Reizbarkeit, die einen Hauptzug ihres Charakters bildete. Rasch trocknete sie ihr glühendes Gesicht, denn sie schämte sich der vergossenen Thränen.

„Mein Gott, wer bin ich denn?“ flüsterte sie mit bebenden Lippen. „Ich bin Franziska von Adersheim, die Erbin eines großen Vermögens und eines alten Namens. Er verschmäht mich einer Bettlerin wegen, die sein Herz mit Mitleiden umstrickt hat – wahrlich, es wäre unter meinen Verhältnissen eine doppelte Schmach, wollte ich der Welt zeigen, daß mich eine solche Erbärmlichkeit nur berühren kann. Walther verdient nicht, daß ich ferner noch an ihn denke, er ist meiner Neigung nie würdig gewesen. Aber daß ich ihr, ihr unterliegen muß –?“

Sie ging in raschen Schritten durch den Saal. Dann zog sie eine Glocke. Gottfried trat ein.

„Alter, wo befindet sich jene Marianne –?“

[523] „Soviel ich weiß, befindet sie sich auf dem Meierhofe des alten Eckhard, ihres Verwandten,“ stammelte der Greis. „Wohin auch sollte sie sich anders wenden?“

„Meinen Wagen, ich will sogleich nach Adersheim fahren.

„Werde ich Sie begleiten?“

„Nein!“

Der Kammerdiener entfernte sich. Nach einer Viertelstunde bestieg Franziska einen glänzenden Wagen, der sie rasch nach Adersheim brachte. Eine Stunde später befand sie sich bei dem Gerichtshalter.


VIII.

Marianne befand sich noch immer in dem Hause des alten Eckhard. Statt eines Rückschreibens von der Vorsteherin des Pensionats war der junge Baron Walther von Linden gekommen und hatte eine lange Unterredung mit ihr gehabt. Der Eindruck, den dieser Besuch auf den armen Philipp ausübte, läßt sich nicht beschreiben. Der junge Landmann, der in reiner, uneigennütziger Liebe seiner Jugendgespielin zugethan war, zog den Schluß, sie stehe schon lange mit dem schönen, eleganten Baron in einem zärtlichen Verhältnisse, und aus diesem Grunde verharre sie auch darauf, ein Unterkommen in der Stadt zu suchen. Bis zum Tode niedergeschmettert, durchschlich er den ganzen Tag die Felder, denn er wollte aus Liebe zu Mariannen und seinen alten Aeltern den Zustand seines Herzens so geheim als möglich halten.

„Mag sie so glücklich werden, als sie es zu sein verdient,“ dachte er; „sie soll nie erfahren, was ich für sie empfinde, damit ihr Leben durch keine schmerzliche Erinnerung getrübt werde. Es ist ja ganz klar, sie kann mich nicht anders als den Bruder lieben.“

In der Abenddämmerung kam er nach Hause zurück. Langsam und leise schlich er unter dem erleuchteten Fenster des Zimmers vorüber, das Marianne bewohnte. Ein freudiger Schreck durchbebte seinen ganzer Körper, als er die Gestalt des jungen Mädchens durch die hellen Scheiben bemerkte; sie sprach freundlich mit seiner Mutter.

„Sie ist noch nicht abgereist!“ flüsterte er. „Vielleicht bleibt sie dennoch bei uns. Aber wie heiter sie ist?“ fügte er nach einigen Augenblicken traurig hinzu. „So habe ich sie nach dem Tode des Obersten noch nicht gesehen. Sollte der Baron Nachrichten gebracht haben, die ihren Wünschen entsprechen?“

Auf der Hausflur traf er seinen Vater, dem er wie gewöhnlich Bericht von dem Zustande der Felder abstattete. Der Greis hörte schweigend zu, und nur mit Mühe vermochte er die Besorgniß zu unterdrücken, die er um den Sohn hegte. Mit klopfendem Herzen betrat Philipp das Zimmer, nachdem die Mutter zum Abendessen gerufen hatte. Kaum hatte man sich zu Tische gesetzt, als der Gerichtsbote von dem Schlosse angemeldet ward. Marianne bebte zusammen; eine Ahnung sagte ihr, daß Franziska einen Streich gegen die Familie ausführen würde, die sich ihrer so großmüthig angenommen hatte.

„Er soll eintreten!“ sagte Vater Eckhard in seiner gewöhnlichen Ruhe. „Ihr seid’s, Kaspar!“ rief er dem alten, bärtigen Gerichtsdiener entgegen, der auf der Schwelle erschien. „Was bringt Ihr noch so spät?“

„Ich habe Ihnen eine Vorladung des Gerichts zu übergeben.“

„Eine Vorladung – hat man mich verklagt?“

„Weiß nicht!“ antwortete der Diener, indem er dem Landmann einen großen versiegelten Brief überreichte. Dann grüßte er und entfernte sich wieder.

Alle Blicke waren auf Vater Eckhard gerichtet, der das Schreiben öffnete.

„Lies Du vor,“ wandte er sich an Philipp, der ihm zur Seite saß; „meine Augen taugen nicht mehr zum Lesen bei Lichte!“

Philipp überflog mit hastigen Blicken das Schreiben. Seine Hände zitterten und sein Gesicht ward bleich.

„Gerechter Gott!“ flüsterte er bestürzt vor sich hin. „Das hätte ich nicht gedacht!“

„Was ist’s?“ fragte Marianne, die sich bebend erhoben hatte.

„Nichts, nichts – es geht nur den Vater und mich an – wir werden später darüber sprechen. Beunruhige Dich nicht, Marianne.“

„Philipp, das ist ein Unglücksschreiben!“ sagte sie mit fester Stimme. „Es ist gegen Euch, gegen meine Wohlthäter gerichtet; aber es soll mich treffen. Du darfst mir den Inhalt nicht verschweigen.

„Sage gerade heraus, was es ist!“ rief Vater Eckhard.

„Wir sind Alle bei der Sache betheiligt – Marianne darf wissen, was das Gericht von uns will.“

Marianne nahm aus Philipp’s Hand das Papier; nachdem sie es durchlesen, sagte sie mit Thränen in den Augen:

„Mehr als Euch, Ihr guten Leute, geht es mich an, und es wäre nicht gut gewesen, wenn ich es später erfahren hätte. Die Erbin von Adersheim fordert alle Grundstücke zurück, die der selige Oberst Euch zur Benutzung gegeben hat, wenn Ihr an einem bestimmten Termine nicht beweisen könnt, daß sie durch Kauf oder Schenkung Euer Eigenthum geworden sind.“

Die beiden alten Leute falteten die Hände und sahen sich, starr vor Schrecken, an. Philipp war zur Seite getreten, um seine schmerzliche Bewegung zu verbergen. Marianne allein schien ihre Fassung bewahrt zu haben. Nachdem sie das Papier noch einmal gelesen, sagte sie:

„Vater Eckhard, ehe diese unglückselige Angelegenheit geordnet ist, darf ich Euch nicht verlassen. Ich trage zwar die Schuld daran, daß Euch die neue Besitzerin von Adersheim haßt; aber glaubt mir, auch keine andere kann Euch das erhalten, was mit vollem Rechte Euer Eigenthum ist. Vater Eckhard, erlaßt mir jede weitere Erklärung und haltet Euch versichert, daß Euer und Philipp’s Glück noch nicht gefährdet ist. Franziska ist in einem unheilvollen Wahne befangen, der sie jetzt völlig beherrscht und zu unüberlegten Schritten verleitet – man wird sie aufklären und sie wird die Willensmeinung des Verstorbenen ehren. Philipp,“ rief sie mit bewegter Stimme, „ich hoffe, daß Du mir beistehen wirst.“

Diese Worte trugen nur wenig zur Beruhigung der bestürzten Familie bei. Das Abendessen war bald vorüber und man trennte sich in einer peinlichen Stimmung. Der Greis verließ heimlich das Haus und ging nach der Wohnung des Pfarrers, die er nach einer Viertelstunde erreichte. Marianne hatte mit Philipp noch eine Unterredung, von der wir nichts weiter berichten, da sich ihre weitern Folgen bald zeigen werden, als daß der junge Mann nach Beendigung derselben mit freudestrahlendem Gesichte seine Kammer betrat und kaum noch der Vorladung des Gerichtshalters gedachte. Die Worte des jungen Mädchens hatten ganz andere Gedanken, sie hatten zu viel Hoffnungen angeregt, als daß er noch Befürchtungen hegen konnte. Um zehn Uhr kehrte auch Vater Eckhard von dem Pfarrer zurück. Als er Mariannen eine gute Nacht wünschte, fügte er hinzu: „Gott wird ja wohl Alles zum Besten lenken.“

In Franziska’s Gemüth sah es ganz anders aus; sie war unzufrieden mit sich und der ganzen Welt. Obgleich sie sich vorgenommen, nachdem sie ihre Rache völlig befriedigt, sich um das ihr verhaßte Liebespaar nicht mehr zu kümmern, sollte sie dennoch dem alten Gottfried Auftrag geben, über Walther’s Leben Erkundigungen einzuziehen. Eines Tages erschien der Greis.

„Der Baron von Linden ist vorgestern auf Eckhard’s Meierei gewesen,“ berichtete er. „Der Lohnbediente, der ihn begleitet, hat es mir gesagt. Mittags ist er dort angekommen und erst Abends ist er wieder abgereist. Das hätte ich von der stillen Marianne nicht gedacht!“ fügte der Greis kopfschüttelnd hinzu.

„Was?“ fragte Franziska auffahrend.

„Man erzählt sich, daß sie mit dem Baron eine heimliche Liebschaft unterhält. Es ist wahr, sie ist leidlich gebildet, aber sie sollte nicht über ihren Stand hinausgehen, sie sollte immer bedenken, wer sie ist.“

Aus dieser Mittheilung des alten Kammerdieners glaubte Franziska schließen zu dürfen, daß sie in ihm eine ganz ergebene Person besäße. „Er redet nicht mehr zu ihren Gunsten,“ dachte sie; „während er sonst jede ihrer Handlungen zu bemänteln suchte, theilt er mir jetzt Alles unumwunden mit, was sie in meinen Augen herabsetzen muß. Die Sache macht mir Spaß!“ rief sie mit einem Lächeln, das ihr die bitterste Eifersucht erpreßt. „Wäre sie nicht das Pflegekind meines verstorbenen Onkels, ich würde ihr das Glück gönnen, die Gattin eines leichtsinnigen, bettelarmen Edelmanns zu werden. Bringe mir ferner Nachrichten über das Fortschreiten dieses merkwürdigen Verhältnisses.“

Seit dieser Nachricht war Franziska’s Leben ein höchst martervolles geworden. Sie begriff, daß Walther für sie verloren war, denn sie durfte bei seinen bekannten romantischen Gesinnungen nicht zweifeln, [524] daß er die reizende Marianne, trotz ihrer Armuth, heirathen würde. Seine Liebe zu dem verlassenen Mädchen flößte ihr eine Art Ehrfurcht ein. Dieselbe Wirkung setzte sie bei andern voraus, die ihr früheres Verhältniß zu dem jungen, liebenswürdigen Baron kannten. Welch einen Eklat mußte die Verlobung hervorbringen! Es gab nur noch wenig Augenblicke, in denen der Kopf seine Rechte geltend machte, denn die Leidenschaft des Herzens beherrschte das ganze Wesen Franziska’s. Der Reichthum allein konnte sie nicht glücklich machen. Um sich zu betäuben, stürzte sie sich in den Strudel der Freuden der großen Welt.

So empfing sie eines Tages eine Einladung zu einem Maskenballe, den der Gesandte eines auswärtigen Hofes gab. Mit großer Sehnsucht erwartete sie den Abend, von dem sie sich eine heilsame Zerstreuung versprach. In dem kostbaren Kostüme einer Griechin, eine feine schwarze Halbmaske vor dem schönen Gesichte, betrat sie den Saal, der bereits mit einer zahlreichen Maskengesellschaft angefüllt war. Sie durfte voraussetzen, daß die Eingeladenen nur den höhern Ständen angehörten, zumal da sich auch einige Prinzen des königlichen Hofes unter ihnen befanden. Daran, daß sie Walther in dieser kostspieligen Sphäre treffen würde, dachte sie nicht. Mit großer Genugthuung machte sie die Bemerkung, daß ihr Erscheinen allgemeines Aufsehen erregte. Dies konnte nur ihr vollendet schöner Wuchs und das wahrlich kostbare Kostüm hervorbringen, denn wen die Maske barg, wußte Niemand, da sie die Wahl derselben sehr geheim gehalten hatte. Sobald sie eingetreten, machte sich ein Grieche bemerkbar, der ihr auf Tritt und Schritt folgte. Die Musik begann und der elegante Verfolger forderte sie zum Tanze auf. Beide schwebten durch den Saal. Die übrigen Tänzer traten zurück, um das schöne, leicht schwebende Paar zu bewundern. Ward Franziska durch diese Ovation auch mit Stolz erfüllt, so dachte sie dennoch mit einem wehmüthigen Schmerze:

„Könnte ich mit Walther diesen Triumph theilen!“

Dann wieder regte sich in ihr der Wunsch, er möge anwesend sein, sie erkennen und sie beneiden. Der Glanz des Festes übte die gehoffte Wirkung nicht aus. Wie aus Ueberdruß ließ sie sich die Aufmerksamkeiten ihres Tänzers gefallen, der sich nach dem Rechte der Masken auch manche scherzhafte Freiheit erlaubte, um sie zu unterhalten. Man trat in eins der Seitenzimmer und hier ging die bisher stumme Unterhaltung in leise geflüsterte Worte über. Der Ballgast, dessen ganzes Gesicht von einer undurchdringlichen Maske bedeckt war, ließ sich an der Seite seiner Griechin auf einem Polster nieder.

„Kennen Sie mich denn?“ fragte Franziska, die sich über die Beharrlichkeit ihres Begleiters wunderte.

Die Maske nickte und drückte zärtlich ihre Hand.

„So nennen Sie mir meinen Namen.“

Der Grieche zog ein kleines Notizbuch hervor und schrieb auf ein Blatt desselben mit ziemlich undeutlichen Buchstaben die Worte: „Franziska von Adersheim.“

„Und wer sind Sie, mein Herr?“ fragte sie erstaunt weiter.

Er neigte sich an ihr Ohr und flüsterte ganz leise: „Ein Mann, dem Sie die heißeste Liebe eingeflößt haben!“ Und zugleich berührten seine Lippen, welche von der feinen Wachsmaske nicht bedeckt wurden, ihren schlanken Hals.

„Mein Herr,“ gab sie spöttisch zur Antwort, „Scherze dieser Art können mich nicht unterhalten.“

Der Grieche hob betheuernd drei Finger empor, wobei seine dunkeln Augen aus der Maske hervorglühten. Dann ergriff er stürmisch ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen.

„Sie irren,“ flüsterte sie erschreckt, „ich bin nicht Franziska von Adersheim!“

„Aber ich liebe Sie!“ flüsterte die Maske mit tonloser Stimme zurück.

Franziska starrte den Griechen an. Wäre er weniger leidenschaftlich gewesen, so würde sie eine Aehnlichkeit mit Walther zu erkennen geglaubt haben. In diesem Augenblicke traten zwei weibliche Masken ein. Die eine derselben stellte eine Schäferin, die andere eine Chinesin dar. Erschöpft von dem Tanze warfen sie sich auf die Polster. Ihre Aufmerksamkeit war auf das schöne Griechenpaar gerichtet, das ihnen gegenüber saß. Franziska’s Begleiter erhob sich, küßte ihr mit Galanterie die Hand und verschwand aus dem Gemache. Nun erschien ein alter Herr in einem schwarzen Domino; er trug eine schwarze Brille, die sein ehrwürdiges Gesicht unkenntlich machte. Sein weißes Haupt war unbedeckt, er trug das Baret in der Hand. Ein Diener mit Erfrischungen folgte ihm.

„Hier sind die Damen, mein Freund, präsentiren Sie!“

Die Marken ergriffen die Gläser, dann entfernte sich der Diener wieder, um gleich darauf auch für Franziska ein Glas Limonade zu bringen. Der Domino hatte sich neben den beiden Damen niedergelassen, die Franziska bis jetzt vergebens zu erkennen gesucht hatte. Unbefangen begannen sie ein Gespräch.

„Ich behaupte,“ sagte die Schäferin, „daß die Tänzerin des Prinzen keine andere als das Fräulein von Adersheim war. Sie tanzt schön, es ist wahr – aber nur sie vermag sich mit einer solchen Koketterie zu bewegen.“

„Die Türkin?“ rief spöttisch lachend die Chinesin. „Wetten wir, daß sie die Tochter vom Hause war. Um zwölf Uhr demaskirt man sich, dann werden wir sehen wer Recht hat. Ich zweifle überhaupt daran, daß die Adersheim hier ist. Wie man sagt, leidet sie an einem Gallenfieber.“

Den Händen der armen Franziska wäre fast das Glas entfallen. Sie erkannte in der Chinesin, die diese hämischen Worte gesprochen, ihre erbittertste Feindin, die alte Gräfin von Z. Um sich nicht zu verrathen, schlürfte sie hastig ihre Limonade. Wie gern hätte sie sich entfernt; aber durfte sie es wagen, ohne Aufsehen zu erregen? Sie beschloß, unter dem Schutze ihrer Maske auszuharren.

„Ich habe es immer gesagt,“ fuhr die geschwätzige Gräfin, eine echte Lästerzunge fort, „daß die übermüthige Adersheim, trotz ihrer großen Erbschaft ihr Ziel nicht erreicht. Der Baron von Linden hat sich seit einiger Zeit zurückgezogen und der Bruch ist nun vollständig. Das macht dem jungen Manne Ehre.“

„Wie man sagt, ist das Fräulein schön,“ fügte der alte Herr im Domino hinzu.

„Sie ist schön, das muß ihr der Neid lassen; aber sie ist nicht liebenswürdig. Wehe dem armen Manne, der sie zur Frau erhält und dreimal Wehe ihm, wenn er ohne Vermögen ist. Dies mag der Baron von Linden wohl eingesehen haben. Was nützen Schönheit und Reichthum, wenn die Herzensgüte fehlt? Der Baron ist ein schöner, liebenswürdiger Mann, der ohne Zweifel eine Frau bekommt, die ihn glücklich macht, wenn er auch kein Vermögen besitzt.“

„Immerhin!“ rief die Schäferin, „sie feiert heute einen neuen Triumph, denn der Prinz hat den ganzen Abend mit ihr getanzt, sie ist seine Dame gewesen. Wetten wir, daß wir sie bei der Demaskirung an seiner Seite erblicken.“

„Zwanzig Louisd’or, meine Beste! Sie werden Franziska von Adersheim eben so wenig an der Seite des Prinzen, als je wieder an dem Arme des Barons erblicken.“

„Die Wette gilt! Um zwölf Uhr wird es sich zeigen. Jetzt ist es halb zwölf –“

Nun traten noch einige Masken ein und Franziska hatte Gelegenheit, sich ohne Aufsehen zu entfernen. Thränen einer schmerzlichen Wuth perlten unter ihrer Maske hervor. Wie gern würde sie ihren ganzen Reichthum hingegeben haben, wenn es ihr möglich gewesen wäre, bei der Demaskirung an Walther’s Seite zu erscheinen. Alles, was sie am Meisten gefürchtet, war nun eingetroffen, sie war der Lächerlichkeit, dem Spotte anheimgefallen. Und dabei ward sie von einer grenzenlosen Leidenschaft zu dem Manne verzehrt, die ihr eine so schreckliche Niederlage bereitet hatte. In einer unbeschreiblichen Verfassung hatte sie ein entferntes Nebenzimmer erreicht, in dem sich keine Gäste befanden. Ihr fehlte der Muth, durch den Saal zu gehen, um den Ausgang zu gewinnen, denn sie glaubte, man müsse sie erkennen. Da kam plötzlich der Grieche wieder, er schien ihr gefolgt zu sein. Nachdem er sich verneigt, bat er flüsternd um einen Tanz. Mißtrauisch sah sie ihn einen Augenblick an, sie hielt ihn für einen Genossen der Gräfin Z. und seine freiwillige Liebeserklärung für einen Hohn. Sie war zu niedergeschmettert, als daß sich irgend eine Art von Aufregung in ihr Bahn brechen konnte.

„Mein Herr,“ flüsterte sie, „wenn ich Ihre Aufmerksamkeiten annehmen soll, so eröffnen Sie sich mir. Aus Ihrer Annäherung darf ich wohl schließen, daß ich Sie nicht zum ersten Male sehen werde, wenn Sie die Maske abnehmen.“

„O, Sie kennen mich, mein Fräulein,“ flüsterte der Grieche zurück. „Und damit Sie sehen, wie wenig ich Ihr Mißtrauen verdiene, überlasse ich es Ihnen, mir die Maske abzunehmen.

[525]
Die Gartenlaube (1854) b 525.jpg

Sultane Fatime.


Es setzt dies allerdings ein Vertrauen voraus – aber wenn Sie schon längst das Herz gehabt hätten, die eingebildete Maske zu zerstören, die das verblendete Auge der Leidenschaft bisher gesehen, Sie würden eine für uns Beide peinliche Maskerade vermieden haben.“

„Himmel, wer sind Sie?“ fragte sie zitternd.

„Franziska, hat Ihr Herz keine Antwort auf diese Frage? Wagen Sie es getrost, auf seine Einflüsterungen zu hören –“

„So kann nur ein Mann zu mir sprechen –“

„Und räumen Sie ihm das Recht dazu ein? Antworten Sie mit dem Herzen, Franziska –!“

Sie riß die Maske vom Gesicht und warf sie zu Boden. Thränen rollten über ihre Wangen.

„Ich verstehe Sie, Franziska!“ rief der Grieche. „Nun soll auch meine Maske fallen!“

Er riß die schwarze Larve ab und Walther stand vor der schluchzenden Franziska. Er küßte ihr mit Inbrunst beide Hände, dann rief er aus: „Und mit freier Stirne wiederhole ich die Betheuerung, die ich vorhin ausgesprochen!“

„Walther, Sie haben mich besser gekannt, als ich selbst. Mein Herz hat einen schweren Kampf gekämpft – Sie führen es zum Siege! Walther, ist mit der Maske jede Scheidewand gesunken?“

„O, mein Gott, es hat nie eine gegeben!“

In diesem Augenblicke gab eine Trompete das Zeichen zum Demaskiren. Franziska erbebte vor Wonne bei dem Gedanken an ihren Sieg. Zum ersten Male warf sie sich an des Geliebten Brust. Dieser küßte sie, dann führte er sie in den Saal. Der Domino mit den beiden Damen trat ihnen entgegen. Es war der Herr von Detmar, der Freund des verstorbenen Oberst; die Chinesin war die Gräfin von Z., und die Schäferin war – Marianne.

„Mein Onkel, der Herr von Detmar!“ sagte Walther. „Und hier, meine Braut!“ fügte er hinzu, Franziska vorstellend. Dann ergriff er Marianne’s Hand und flüsterte: „die beiden Freundinnen mögen berathen, wann[WS 2] unsere Verlobung proklamirt werden soll.“

Marianne verneigte sich und Thränen traten ihr in die Augen, als sie flüsterte: „Erlauben Sie mir, gnädiges Fräulein, daß ich die erste bin, die Ihnen den herzlichsten Glückwunsch abstattet.“

„Und es ist hohe Zeit,“ rief Herr von Detmar, „denn morgen reist sie mit mir nach Westphalen.“

Franziska fühlte keinen Groll mehr gegen Marianne, sie war in diesem Augenblicke so glücklich, daß sie versöhnt der verkannten Feindin die Hand reichte und mit großer Empfindung sagte:

„Ich werde es für Unversöhnlichkeit von Ihrer Seite halten, wenn Sie die Einladung zu dem Feste meines Herzens ablehnen. Sie müssen mir erlauben, daß ich die Wette bezahle, die Sie gewonnen haben.“

„Franziska,“ rief lachend die Gräfin, „ich habe in der Voraussetzung gewettet, daß ich verliere – Herr von Detmar ist mein Zeuge.“

„Gewiß, Fräulein,“ sagte der alte Herr; „mein Neffe wußte, was er Ihrem Herzen zutrauen durfte.“

[526] An dem Arme Walther’s durchschritt Franziska den Saal, die übrigen Personen folgten. Eine Stunde später brachte Walther seine Braut und Marianne nach der prachtvollen Wohnung der Erstern. Franziska war nicht minder excentrisch in ihrer Liebe, als in ihrem Hasse – sie wollte sich nicht mehr von der neu erworbenen Freundin trennen.

Mit dem Beginne des Frühjahrs sah man Maurer und Zimmerleute beschäftigt, ein stattliches Wohnhaus neben der Meierei des alten Eckhard aufführen. Philipp, in städtischen Kleidern, leitete den Bau. Noch ehe der Sommer entschwunden, war die Arbeit vollendet und Franziska erschien bei dem alten Landmann, um ihm ein Document zu überreichen.

„Hier ist die Akte,“ sagte sie, „wonach alle umliegenden Grundstücke Euer unbestreitbares Eigenthum sind. Ich sanctionire die Schenkung meines verstorbenen Onkels – aber unter einer Bedingung.“

Der Greis sah das stolze Fräulein fragend an.

„Daß Ihr nichts dagegen einzuwenden habt, wenn Marianne Euern Philipp heirathet!“ fügte sie lächelnd hinzu.

„In Gottes Namen!“ rief der Greis. „Und meine Alte wird den Bund gewiß segnen. Aber auch ich stelle die Bedingung, daß Marianne selbst - -“

In diesem Augenblicke erschienen die beiden jungen Leute Arm in Arm.

„Wollt Ihr mir Philipp geben?“ rief Marianne. „Mutter Eckhard hat schon eingewilligt.“

„O, das dachte ich mir!“ rief der Greis unter Freudenthränen. „Also hat sie doch noch die Heirath zurecht gemacht.“

„Für diesmal, Vater, war es Fräulein Franziska,“ sagte Philipp. „Sie will, daß unsere Hochzeit mit der ihrigen zugleich gefeiert werde.“

„Dazu gebe der Himmel seinen Segen!“




Das erste türkische Ehepaar.
Mit Portrait der Sultanin Fatime.

Die Hochzeit Ali Ghalib Pascha’s, Sohnes von Reschid Pascha, mit der Tochter des Sultans, Fatime, welche am 10. August dieses Jahres gefeiert ward, ist als epochemachend in der Geschichte der Reformen in der Türkei anzusehen, nicht nur, weil Ali Ghalib Pascha die intelligenteste und bedeutendste Persönlichkeit mit einer großen Zukunft am Hofe des Sultans und für die Kulturgeschichte ist, sondern auch, weil er in seiner Hochzeitsfeier das erste große Beispiel für die wirkliche Ehe, also für die Emancipation des weiblichen Geschlechts aus der Unpersönlichkeit, aus der Unsittlichkeit und Sklaverei, für eine neue, sittliche Grundlage der Gesellschaft in der Türkei gab. Bisher ist in unserm Sinne das Wort und die Sache „Familie und Ehe“ in der Türkei nicht bekannt und nicht anerkannt gewesen. Von der Gemüthlichkeit und dem Reize einer europäischen, gemischten Gesellschaft, worin die Damen so schön und anmuthig die Zügel der Unterhaltung führen und Jeden nöthigen, das Seinige dazu beizutragen, daß der Karren des laufenden Gespräches weder aus dem Geleise in den Schmutz gerathe, noch die Rosse davor ihre Flügel verlieren und sich in unedlere Thiere verwandeln, weiß man in der Türkei nichts. Es giebt blos ernste, schweigsame, gekreuzbeint kauernde und rauchende Männergesellschaften. Einen Türken zu fragen, wie sich seine Frau Gemahlin befinde, würde mindestens als die allerflegelhafteste Frechheit gelten, wenn es nicht durch blau anlaufendes „Andieluftsetzen“ gerügt würde. Die besten, intimsten Freunde wagen das nicht einmal. Niemals bekommt Einer die weiblichen Bewohner des Hauses seines Freundes zu sehen. Und wenn ein Türke in sein eigenes Haus gehen will, und er findet gelbe Schnabelschuhe vor der Thür (ein Zeichen, daß[WS 3] weiblicher Besuch da ist), kehrt er um in sein Kaffeehaus und fährt fort, sich tiefsinnig mit Nichts zu beschäftigen und starken Taback dazu zu rauchen. Man muß gestehen, das ist ein heilloser Zustand. Schon ganz oberflächlich genommen, wird jede Dame jedes Alters und jeder Mann jeder Lebensstufe schon in der Vorstellung, daß in der Türkei niemals Frauen und Mädchen Gesellschaften zieren, etwas ungemein Trostloses finden. Und bei einigem Nachdenken über die Consequenzen dieser abscheulichen Unsitte wird man nicht umhin können, die alte, bisherige Türkei tief zu bedauern und sich freuen, daß, wie auch das blutige Würfelspiel des Krieges enden möge, dieses alte Türkenthum mit seiner Entwürdigung der Frauen, deren schönste Bestimmung es ist, „himmlische Rosen in’s irdische Leben zu flechten“ ohne Gnade untergehen muß. Nicht die Feinde und Freunde von Außen werden es auflösen, sondern die jungen Türken, welche bereits nicht blos mit Messern und Gabeln essen, sondern auch mit Frauen.

Die Hochzeit Ali Ghalib Pascha’s gewinnt unter diesen Umständen nicht nur das Ansehen eines großen politischen, sondern auch eines Kultur-Ereignisses. Sie ist gleichsam die officielle, staatliche, erste Anerkennung der westlichen Civilisation, die Amalgamation der Türkei mit der Idee der neuen, historischen Völker, der letzte Stein zu dem Reformgebäude, welches der vorige und der jetzige Sultan während der letzten 15 Jahre aufgeführt haben.

Ali Ghalib Pascha ist der dritte Sohn Reschid Pascha’s und jetzt 24 Jahre alt. Von Paris aus wird er Vielen persönlich erinnerlich sein. Sein Erscheinen hat etwas Mildes, Ernstes, Würdiges und Melancholisches, dadurch eine wohlwollende, intelligente Physiognomie ungemein an Reiz gewinnt. Unstreitig ist er ein Mann, der über ein Kleines eine wichtige Rolle spielen wird. Er begleitete seinen Vater nach Frankreich, wo dieser zwei Jahre Gesandter war. Während dieser Zeit erhielt er die sorgfältigste Erziehung im westlichen Sinne unter der Leitung M. A. Berzoët’s. Mit seinen guten, natürlichen Anlagen brachte er’s während dieser kurzen Zeit zu einer ungewöhnlichen Bildung. Schon nach einem Jahre schrieb und sprach er vollkommen französisch. Später studirte er besonders das Leben und die Einrichtungen Europa’s und dessen politische Verhältnisse, so daß er nach seiner Zurückkunft nach Constantinopel als Mitglied des großen türkischen Staatsrathes ebenso energisch als sachverständig die Interessen der jetzigen, jungen Türkei vertrat.

Der Sultan glaubte seine Verdienste nicht besser ehren zu können, als dadurch, daß er ihn als Sohn in die Kaiserfamilie aufnahm.

Im Interesse unserer schönen Leserinnen fügen wir einige Notizen über die Hochzeitsfeierlichkeiten bei. Sie waren nicht so glänzend, als die Halil Pascha’s mit einer andern Sultanstochter, und weil der Krieg jetzt so viel kostet, wurden für die Prinzessin Fatime blos 60 Millionen Franks verwendet, was nach frühern kaiserlichen Brautausstattungen einen wahrhaft stiefmütterlichen Brautstaat gegeben haben soll.

Am 7. August fand der Brautzug statt. Die Braut wurde vom kaiserlichen Palast Tscheraghan über See nach dem Palta Liman-Palaste gebracht. Voran fuhren die Staatsboote mit den höchsten Staatsbeamten; es folgten 30 Boote mit je 12 Rudern, auf welchen der Brautstaat der Prinzessin zur Schau gelegt und gehangen war, Koffer und Kisten von Gold und Silber, kostbare Gewänder, Kaffeebecher mit kostbarem Edelgestein geschmückt, Tabackspfeifen (Chibuks) mit Diamanten, Service von gediegenem Silber und Gold, Kronleuchter, Vasen, Meubles mit künstlichem Schnitzwerk und eingelegten Blumen und sonstige Kleinigkeiten, wie sie bei diesen schlechten Zeiten in eine bescheidene Wirthschaft gehören. Die türkischen Damen vergaßen bei dieser Gelegenheit ihre Nasen- und Maulkörbe und guckten und drängten sich zu Tausenden nach dem Wasser und an den Gestaden umher, beinahe erblindend von dem Glanze dieser Kostbarkeiten, welche durch die heiterste Sonne der Levante nur noch blendender wurden. Die eigentlichen Brautgewänder bekam man freilich nicht zu sehen: die „Feredges,“ „Yachmacs“ und „Papuchs“ waren in goldene Gewebe gehüllt. Der Zug schloß mit 28 Booten, die alle weibliche Dienstboten der Prinzessin trugen. Keine beneidenswerthe Zugabe, wenn ich bedenke, was mir die Frauen schon Alles für tragische Geschichten, die sie mit je einem Dienstboten erlebten, zu klagen hatten.

Der Juwelenschmuck (darunter auch die Diamanten von ihrer Mutter, die in der Abschätzung des Ganzen auf sechzig Millionen [527] Franks mitbegriffen sind) wurde von dem armenischen Hofjuwelier Meguirditsch Melconian geschliffen und gefaßt, der persönlich die Desseins dazu entwarf. Am 10. August fand die Hochzeit selbst statt. Die dabei stattfindende Prozession in Constantinopel war so prächtig und lang, daß man in der Gartenlaube gar keinen Platz dafür finden würde.

Nur noch ein Wort über die junge, nach unsern Begriffen noch kindliche Braut, deren Portrait wir hier beifügen. Auch der Umstand, daß man ein Portrait von einem türkischen Gesichte geben kann, ist schon ein gewaltiges Reformzeichen. Portraits, Statuen und gemalte Menschen waren in der Türkei bisher religiös verboten. Man sagte: „male keinen Menschen, sonst verlangt er eine Seele von Dir“ (das gilt auch von vielen Bildern auf unsern Ausstellungen, die ohne Seele und Geist blos als beölte Leinwand dahängen). Was das Portrait Fatime’s betrifft, so entwarf es ein Engländer, der sie einige Male zu sehen bekam, und schickte sein Bild durch einen Franzosen, De Biller Frangueux, nach England, wo es in der hier gegebenen Form im „London Journal“ erschien. Man sieht, daß das Gesicht ein kluges, schönes, ernstes Portrait von ächt abendländischem Ausdruck ist, so daß man wohl annehmen kann, der kühne Maler habe sie im Wesentlichen getroffen. Jedenfalls hat es unter den angegebenen Verhältnissen und als erstes hierher gekommenes weibliches Portrait einer türkischen Dame mehr als ein oberflächliches Interesse.




Von der Haut des menschlichen Körpers.
Die äußere Haut.


Die äußere Oberfläche des menschlichen Körpers ist von einer weichen, aber trotzdem festen Haut überzogen, welche die allgemeine Bedeckung oder die äußere Haut, auch wohl Haut schlechtweg genannt wird. Es dient nun aber diese, aus drei über einander liegenden Schichten bestehende Bedeckung nicht etwa blos zum Schutze für die innern Theile unseres Körpers, sondern sie ist gleichzeitig auch ein Sinnesorgan, nämlich das Tastorgan, so wie sie ferner noch als ein Apparat zur Blutreinigung verwendet wird. Wir finden deshalb in der Haut sehr zahlreiche Empfindungsnerven und Blutgefäße, sowie eine große Menge von Drüschen, von denen die einen Schweiß, die andern Hauttalg absondern, abgesehen von den vielen Säckchen, in denen die Haare wurzeln. Nicht an allen Theilen des Körpers besitzt aber die Haut ganz dieselben Eigenschaften, denn an manchen Stellen ist sie dick, an andern dünn; hier ist sie reich an Schweißdrüsen, an Haaren oder Talgdrüsen, dort enthält sie wenig von solchen Organen; diese Hautparthie hat eine sehr große Empfindlichkeit, jene dagegen ist in weit geringerm Grade empfindlich. Außerdem zeigt die Haut auch bei verschiedenen Personen und Nationen noch manche Verschiedenheiten, doch sind diese, bis auf die Farbe, ohne große Bedeutung. – Unter den drei Hautschichten, von denen eine jede anders als die andere gebaut ist, hat die mittlere (die Lederhaut) die größte Wichtigkeit, denn sie bildet die eigentliche Grundlage der allgemeinen Bedeckung und enthält alle für die Hautthätigkeit unentbehrlichen Organe, während die obere (die Oberhaut) und untere Schicht (die Fetthaut) hauptsächlich nur zum Schutze der mittlern vorhanden sind. Die Produkte der Lederhaut sind: Haare, Nägel, Oberhaut, Schweiß, Hautdunst und Hauttalg.

Die Lederhaut (d), die mittelste der drei Hautschichten, ist eine derbe, etwas elastische und vorzugsweise aus Zell- oder Bindegewebe gebildete, sehr gefäß- und nervenreiche, röthliche Haut, welche in ihrer tiefern Portion (Netzschicht) lockerer, in der oberen dagegen dichter gewebt und hier mit zahlreichen Wärzchen besetzt ist (deshalb Wärzchenschicht). Diese an der Oberfläche der Lederhaut hervorspringenden Haut- oder Gefühls-Wärzchen (e) stellen kleine, kegel- oder warzenförmige Erhabenheiten dar, welche hinsichtlich ihrer Form, Anzahl und Stellung an den verschiedenen Körperstellen große Verschiedenheiten zeigen. Am zahlreichsten finden sie sich in der Handfläche und Fußsohle, an den Finger- und Zehenspitzen; hier haben sie auch die größte Länge. Dem Bindegewebe, dessen netzförmig verwebte Bündel die Grundlage der Lederhaut bilden, sind stets noch elastische Fasern, sowie an manchen Stellen glatte Muskelfasern beigemischt, auch finden sich in den Räumen der Netzschicht zahlreiche Fettzellen eingelagert. Die zahlreichen Blutgefäße der Lederhaut verbreiten sich von der untern nach der obern Schicht, umspinnen die Fettzellen und Haarbälge, die Schweiß- und Talgdrüsen und dringen endlich in die Wärzchen ein, wo sie Schlingen bilden. Auch sehr zahlreiche Lymphgefäße besitzt die Lederhaut und von Nerven enthält diese eine solche Menge, daß sie als das nervenreichste und deshalb empfindlichste Gebilde des menschlichen Körpers bezeichnet werden kann. Diese Nerven verbreiten sich vorzugsweise in der obern Hautschicht und bilden in den Wärzchen (in denen Manche noch besondere Tastkörperchen entdeckt zu haben glauben) Endschlingen, um dadurch die Haut zum Tasten zu befähigen. – In chemischer Beziehung zeigt die Lederhaut dieselben Eigenschaften wie das Zellgewebe, sie löst sich nämlich in kochendem Wasser zu Leim auf; sie fault schwer und nach Zusatz von Gerbsäure haltenden Pflanzenstoffen (d. i. die Bereitung von Leder durch Gerben) gar nicht.

Die Oberhaut, Epidermis (a b c), welche überall die freie Oberfläche der Lederhaut mit ihren Vertiefungen und Erhabenheiten überkleidet, ist ganz gefäß- und nervenlos und nur aus Zellen gebildet. Sie besteht aus zwei, ziemlich scharf von einander getrennten Schichten, von denen die unterste, jüngste, unmittelbar an die Lederhaut, von deren Blutgefäßen sie erzeugt wird, stößt und Schleimschicht (b) genannt wird, während die obere und ältere die Hornschicht (a) heißt. Die erstere besteht nur aus kleinen, mit Flüssigkeit prall gefüllten rundlichen oder länglichen, nach der Hornschicht zu glatt und eckig werdenden, kernhaltigen Bläschen (Epidermiszellen); die letztere wird aus Schichten vier-, fünf- bis sechseckiger Hornplättchen zusammengesetzt, welche allmälig durch das Plattwerden und Verhornen der Epidermiszellen entstanden sind. Die obersten, ältesten Plättchen der Hornschicht stoßen sich fortwährend los und so können dann die jüngern untern immerfort nachrücken. Bei Verbrennungen und der Anwendung spanischen Fliegenpflasters erhebt sich die Oberhaut in Gestalt von Blasen, die mit Flüssigkeit erfüllt sind; entfernt man diese Blasen, so liegt die Lederhaut bloß. Bei manchen Hautkrankheiten, besonders beim Scharlach und bei den Masern, stößt sich die Oberhaut in größern oder kleinern Stückchen los und manche Thiere (Schlangen, Raupen) werfen periodisch ihre ganze Oberhaut ab. – Die Färbung der Haut (Teint) hat ihren Sitz vorzugsweise in der Oberhaut und hauptsächlich in der Schleimschicht (c), wo der Farbestoff in den Zellen um den Kern herum lagert. Beim Weißen ist die Hornschicht durchscheinend und farblos oder schwach gelblich, die Schleimschicht gelblich oder bräunlich, an einzelnen Stellen aber auch schwärzlichbraun. Bei farbigen Menschenstämmen ist es ebenfalls nur die Oberhaut, welche gefärbt ist, während die Lederhaut sich ganz wie bei weißen Menschen verhält; nur ist der Farbstoff hier viel dunkler und ausgebreiteter. – Die Dicke der Oberhaut ist an verschiedenen Körperstellen sehr verschieden, was besonders von der wechselnden Stärke der Hornschicht abhängt; am dicksten ist sie an der Fußsohle (3/4–11/3‴) und Hohlhand (1/31/2‴), am dünnsten am Kinn, Wange, Stirn und Augenlide (1/251/50‴). – Die Oberhaut ist weich, biegsam, wenig elastisch, sehr fest und schwer durchdringlich, so daß die Hornschicht tropfbare Flüssigkeiten (die nicht chemisch auf ihr Gewebe einwirken, wie Mineralsäuren und ätzende Alkalien) durchaus nicht durch sich hindurchdringen läßt, wohl aber dunstförmige und sich leichter verflüchtigende Substanzen (Alcohol, Aether, Essigsäure, Ammoniak) aufnimmt oder abgiebt (Hautdunst). Der hauptsächlichste Nutzen der Epidermis ist deshalb auch, daß sie der äußern, an Papillen, Nerven und Gefäßen reichen Schicht der Lederhaut als schützender Ueberzug dient und zugleich den Durchtritt von Flüssigkeit (von außen und innen), von Luft, Wärme und Kälte, vielleicht auch von elektrischen Strömungen verhindert.

Die Fetthaut, das fetthaltige Unterhautzellgewebe [528] (f), welche eine Art von Polster für die Lederhaut bildet und diese locker oder fest mit den unterliegenden Theilen verbindet, besteht aus weichem Bindegewebe, in dessen Maschenräumeu eine größere oder geringere Anzahl von Fettzellen eingelagert ist. An den verschiedenen Stellen des Körpers ist die Fetthaut von verschiedener Dicke und von größerem oder geringerem Fettgehalte. An einzelnen Stellen, wie am Kinn und Ellenbogen, enthalten größere Maschenräume des Unterhautzellgewebes eine klebrige helle Flüssigkeit, welche die Haut (wie ein Luft- oder Wasserkissen) vor stärkerm Druck schützen soll. Dergleichen Räume heißen Hautschleimbeutel. – Der Nutzen der Fetthaut ist insofern kein unbedeutender, als sie nicht blos der Lederhaut und den unter dieser liegenden Organen als weiches Polster (als Schutz vor Stoß und Druck) dient, sondern auch als schlechter Wärmeleiter die innere Körperwärme zusammenhält und die äußere Kälte abhält, abgesehen noch davon, daß sie durch Ausfüllen der Vertiefungen an der Oberfläche des Körpers, die Form desselben voller, runder und schöner macht.

Die Gartenlaube (1854) b 528.jpg

Die äußere Haut (senkrecht durchschnitten und bedeutend vergrößert): a. Hornschicht und b. Schleimschicht der Oberhaut, c. Farbeschicht in der Schleimschicht. d. Lederhaut. e. Tastwärzchen. f. Fetthaut. g. Schweißdrüse. h. Schweißkanal. i. Schweißporen, k. Haarbalg. l. Haar. m. Haarkeim. n. Haarzwiebel, o. Haarwurzel. p. Talgdrüse.

Zwischen dem Gewebe der Lederhaut befinden sich nun noch Apparate zur Bereitung der Haare, des Schweißes und den Talges, nämlich Haarbälge, Schweiß- und Talgdrüsen. – Die Haarbälge oder Haarsäckchen (k), welche so ziemlich über die ganze Haut verbreitet sind, stellen lange flaschenförmige, die Haarwurzel umschließende Säckchen dar, auf deren Boden ein warzenförmiges, sehr gefäßreiches Hügelchen emporsteht, welches der Haarkeim oder die Haarpapille (m) heißt. Von dieser Papille wird der Haarstoff abgesetzt, der anfangs und unten in flüssiger Form, später und nach oben hin in Zellen-, Faser- und Schüppchenform das Haar bildet. Der unterste, weichste und mit einer Aushöhlung auf dem Haarkeime aufsitzende Theil der Haarwurzel führt den Namen der Haarzwiebel (n). Da diese Haarbälge noch lange fortbestehen, auch wenn die Haare daraus verloren gegangen sind, so läßt sich das Wiederwachsen von Haaren auf kahlen Stellen durch Erregung der Absonderungsthätigkeit des Haarkeimes erzielen. – Die Talgdrüsen (p) sind kleine, weißliche, entweder einfache oder zusammengesetzte, länglich-birnförmige oder traubenförmige Schläuche, welche sich fast überall in der Haut, besonders an behaarten Stellen finden und den Hauttalg oder die Hautschmiere absondern. Viele derselben münden in Haarbälge oder haben doch mit denselben eine gemeinsame Oeffnung auf der Haut (deshalb auch Haarbalgdrüsen genannt). Im Allgemeinen sitzen diese Drüsen dicht an den Haarbälgen in den obern Schichten der Lederhaut; zieht sich diese bei Einwirkung der Kälte um die gefüllten Drüschen zusammen, so ragen sie wie Knötchen auf der Haut hervor und bilden die sogenannte Gänsehaut. Der zellenreiche Hauttalg ist sehr fetthaltig und wird zum Einsalben der Haut und Haare verwendet, vorzüglich an solchen Stellen, wo die Haut häufig der Feuchtigkeit ausgesetzt ist. – Die Schweißdrüsen (g) sind einfache, aus einem zarten, mehr oder weniger gewundenen Gange bestehende und den Schweiß absondernde Drüsen, welche, bis auf äußerst wenige Stellen, in der ganzen Haut vorkommen und sich mit feinen Oeffnungen (Schweißporen i), an der Oberfläche derselben ausmünden. Das unterste Stück jeder Schweißdrüse heißt der Drüsenknäuel (g) oder die eigentliche Drüse und stellt ein rundlichen, aus vielfachen Windungen eines einzigen Ganges bestehendes Körperchen dar, welches seine Lage in der tieferen Schicht der Lederhaut, bald etwas höher, bald etwas tiefer (seltener im Unterhautzellgewebe), umgeben von Fett und lockerem Bindegewebe, neben oder unter den Haarbälgen hat. Nach oben tritt nun dem Drüsenknäuel der Schweißkanal (h) als Ausführungsgang hervor; dieser läuft, anfangs leicht geschlängelt, senkrecht durch die Lederhaut in die Höhe, um sich zwischen den Hautpapillen in die Oberhaut einzusenken und hier mit (zwei bis sechs) spiraligen Windungen (korkzieherförmig) bis zur Oberfläche der Haut zu dringen, wo er sich dann ausmündet (Schweißporen i). Ueber drei Millionen solcher Schweißdrüsen sind in der menschlichen Haut eingebettet und zwar kommen auf 1 Quadratzoll an der Fußsohle 2685, am Halse 1303, an der Stirn 1258, an Brust und Bauch 1136, am Nacken blos 417.

Ein wichtigen Ausscheidungsorgan ist die Haut vorzüglich deshalb, weil sie durch ihre Ausdünstungen das Blut von einigen unnützen Stoffen befreit. Außerdem erzeugt sie ja auch noch den Hauttalg, die Oberhaut, die Haare und Nägel. – Die Hautausdünstung, welche hinsichtlich ihrer Menge und Beschaffenheit nach Race, Alter, Geschlecht und individueller Körperbeschaffenheit sehr verschieden und selbst bei ein und demselben Menschen nicht zu allen Zeiten und an allen Stellen seines Körpers immer dieselbe ist, erscheint in zwei Formen, nämlich als unsichtbare, dunstförmige und als tropfbarflüssige oder Schweiß. – Der Hautdunst, jedenfalls die wichtigere Hautabsonderung, steigt ununterbrochen zu jeder Zeit von der Oberfläche der Haut auf, wird vorzugsweise von den Gefäßen der Hautoberfläche abgeschieden und besteht zum allergrößten Theile aus Wasser, den noch gasförmige und flüchtige Stoffe (Ammoniak, Essigsäure, Buttersäure, Kohlensäure und Stickstoffgas), sowie riechende Materien beigemischt sind. Die Riechstoffe rühren wahrscheinlich zum Theil vom Ammoniak und der Buttersäure, zum Theil von genossenen riechenden Nahrungsmitteln (Zwiebeln, Knoblauch, Spargel, Rettig, Senf, Gewürzen etc.), zum Theil von eigenthümlichen, noch unbekannten Riechstoffen her. Die Menge dieser Stoffe variirt sehr bedeutend; nach vegetabilischer Kost wird mehr Kohlensäure, nach Fleischnahrung mehr Stickstoffgas entweichen. – Der Schweiß, das Produkt der Schweißdrüsen, erscheint nur zu einzelnen Zeiten, in kleineren Tröpfchen oder in größeren, durch Zusammenfließen der Tröpfchen gebildeten Tropfen, über die ganze Oberfläche der Haut ausgebreitet oder nur an einzelnen Körperstellen. Durch das Erscheinen den Schweißes wird im Allgemeinen eine stärkere Hautausdünstung angedeutet. Die Bestandtheile des Schweißes, der natürlich vorzugsweise aus Wasser besteht (in dem Kochsalz und Ammoniaksalze am Reichlichsten vorhanden), sind größtentheils dieselben, welche sich auch im Hautdunste und im Harne vorfinden, und es können deshalb auch die Nieren die Funktion der Haut recht gut theilweise übernehmen. Trotzdem scheint das Zurückbleiben der Stoffe im Blute, welche durch die Hautausdünstung aus demselben entfernt werden sollen, doch zum Krankwerden zu führen.

– Die Hautausdünstung folgt theils den allgemeinen physikalischen Gesetzen der Verdunstung, theils ist sie von lebendigen Thätigkeiten im Innern des Körpers abhängig. Sie geht reichlicher vor sich bei warmer Haut, bei Trockenheit, Wärme und Bewegung der Atmosphäre, so wie bei tiefem Barometerstande, während sie durch Kälte der Haut, bei feuchter, kalter und ruhender Luft, so wie bei hohem Barometerstande verringert wird. Alles, was den Zufluß des Blutes zur Haut vermehrt und den Durchfluß desselben beschleunigt, bedingt Steigerung der Hautausdünstung. Hierher gehören ebensowohl Reize, welche die Haut selbst treffen, als auch solche, welche die Cirkulation beschleunigen. Bei der Mannigfaltigkeit der auf die Vermehrung oder Verminderung der Hautausdünstung einwirkenden Verhältnisse ist es natürlich, daß die absolute Quantität dieser Ausscheidung häufigen und bedeutenden Schwankungen [529] unterworfen ist, zumal da sich die Absonderung der Haut, der Nieren und Lungen, wenigstens hinsichtlich der Wassermengen, gegenseitig vertreten und ergänzen können. Unter normalen Verhältnissen läßt sich die Menge des durch die Haut verdunstenden Wassers auf 31 Unzen in 24 Stunden anschlagen; sie beträgt ungefähr eben so viel, als die Nieren in gleicher Zeit liefern und etwa das Doppelte der von den Lungen in 24 Stunden ausgehauchten Wassermenge. Die Kohlensäure, welche die Haut ausdünstet, wird zu 1/25 bis 1/50 der von den Lungen abgesonderten Kohlensäure geschätzt. – Der Nutzen, welchen die Hautausdünstung dem Körper bringt, ist zunächst der, daß die Wasserverdunstung auf der Haut die im Uebermaaße und über das Bedürfniß erzeugte Wärme des Körpers bindet und dessen Temperatur regulirt. Von viel größerer Wichtigkeit für den menschlichen Organismus, als die verhältnißmäßig geringe Abkühlung der Körperoberfläche und des in ihr rinnenden Blutes, ist jedoch die durch die Hautausdünstung beschaffte Ausscheidung der oben genannten Stoffe aus dem Blute, wodurch diese gereinigt und so zur Ernährung des Körpers tauglicher gemacht wird.

Als Aufsaugungsorgan ist die Haut, obschon in derem Innern der zahlreichen Blutgefäße und Saugadern wegen eine sehr lebhafte Aufsaugung stattfindet, doch nicht von so großer Wichtigkeit, als man gewöhnlich glaubt, denn es ist durch die Hornschicht der Oberhaut und durch die Einölung derselben mit Hauttalg den flüssigen und luftförmigen Stoffen äußerst schwer gemacht, von außen in die Haut einzudringen. Nur durch die Schweißporen, sowie durch die Oeffnungen der Talgdrüsen und Haarbälge dürften Stoffe, besonders mit Hülfe von Druck bei Waschungen und Einreibungen, aufgenommen werden können. Es behaupten allerdings Einige, daß auch durch die Hornschicht hindurch Wasserdunst, Gase und flüchtige Stoffe dringen könnten, doch ist dies unwahrscheinlich. Dagegen nimmt die Haut nach Entfernung der Oberhaut sehr leicht Stoffe in sich auf.

(Ueber die Pflege der Haut später.)
(B.) 




Wanderungen in der Krim.
Geschichte des Landes. – Eupatoria. – Sebastopol. – Balaklava. – Inkermann. – Tartaren und tartarische Dörfer. – Die Hauptstadt Baktschi-Sarai. – Der Palast des Khan. – Eine Stadt mit ehrlichen Juden. – Simferopol, die Hauptstadt der Russen. – Der vergrabene Schatz Salomons. – Eine wunderbare Treppe.

Die Halbinsel Krim, welche von dem schmalen Streifen von Perekop ziemlich viereckig in das schwarze Meer hinaushängt, ist etwa so groß wie Sachsen, Hannover, Würtemberg und Baden zusammen genommen und zerfällt in zwei ganz verschiedene Theile, die Steppe, welche drei Viertheile bedeckt und die russische Schweiz oder die Südküste, ein reizendes Gebirgsland.

Das Land hat seit uralter Zeit eine ziemlich hervorragende Rolle in der Geschichte gespielt und namentlich ist der südliche und östliche Theil reich an historischen Erinnerungen. Noch ehe die Griechen Colonien in Tauris, wie sie die Halbinsel nannten, anlegten, ließen sie Iphigenie dort als Priesterin der Diana dienen, dann bauten sie die Städte Chersonesus und Penticapäum (später Bosporus, jetzt Kertsch), Theodosia (jetzt Kaffa), Cytäa, Nymphäum (jetzt Apuk), Lampas und andere. Um das fünfte Jahrhundert vor Christus erhob sich das Reich der Könige vom Bosporus, unter denen am Glänzendsten hervorragt der große Römerfeind Mithridates. Vom fünften Jahrhundert nach Christus an wurde die Krim von Barbarenhorden überströmt, die einander wechselnd verdrängten, von den Gothen und Hunnen, von den Avaren und Chazaren, endlich von den Mongolen und Tartaren unter Tschingis Khan, dessen Nachkommen die Khane oder Fürsten der Krim waren, bis das Land von den Russen erobert wurde und dessen Volk heute noch die Mehrzahl der Bewohner ausmacht. Eine glänzende Rolle spielte auch zwei Jahrhunderte hindurch, von 1270 an, das mächtige Genua in der Krim. Es erhielt die Erlaubniß, an der Stelle des zerstörten Theodosia eine Stadt zu bauen, die Kaffa genannt wurde, Waarenniederlagen da zu errichten und Handel zu treiben. Nicht zufrieden damit, legten die Genuesen an der ganzen Süd- und Westküste mehr oder minder bedeutende Niederlassungen an und heute noch sieht man Trümmer ihrer Festen bei Sebastopol, Balaklava und auf der Insel Toman.

Wenn man, wie die verbündeten Engländer und Franzosen auf ihrem Zuge zur Zerstörung Sebastopols, die Krim bei Koslof oder Eupatoria betritt, so findet man sich in seinen Erwartungen sehr getäuscht, denn die Stadt, nach Baktschi-Sarai die am meisten charakteristische Tartarenstadt, ist eine der langweiligsten, die es geben kann. Sie liegt in baum- und waldloser dürrer Gegend mit engen schmutzigen Straßen und gleich einem Regiment Soldaten längst dem Ufer aufgestellten Windmühlen. Vor der Eroberung durch die Russen war sie eine der wichtigsten auf der Halbinsel und zählte über 20,000 Einwohner, jetzt kaum 7000, die mit Ausnahme der russischen Beamten und vielleicht 1200 Juden sämmtlich Tartaren sind. Unter diesen ist die mongolische Gesichtsbildung vorherrschend; kleine, schiefstehende Augen, vortretende Backenknochen und plumpe Gesichter unterscheiden die Steppentartaren von den schönern Bewohnern des Gebirgstheils, die mehr Aehnlichkeit mit den Türken haben. So groß und tief die Bai ist und so guten Ankergrund sie hat, ist sie doch allen Winden ausgesetzt, mit Ausnahme der Nordwinde und der Handel darum sehr unbedeutend.

Von da an steigt das Land allmälig zu Bergen an, die bei Sebastopol weiße Kreidehöhen sind.

Sebastopol, das in der letzten Zeit so oft beschrieben worden ist, daß wir wohl unterlassen können, mehr von ihm zu sagen, liegt mitten unter den interessantesten Alterthümern der Krim. Die Bai ist die, welche der alte Geograph Strabo unter dem Namen Ktenos beschrieb und die Tartaren nannten die kleine Stadt, welche sie vor der Ankunft der Russen da bewohnten, Atschiar (die alte), welchen Namen Katharina II. in den pomphaften „Sebastopol“ verwandelte (was NB. Sebastōpol auszusprechen ist). Der Landstrich bis zu dem Thal von Inkerman auf der einen und dem Meerbusen von Balaklava auf der andern Seite ist der, welchen Strabo unter dem Namen des herakleotischen Chersonesus beschreibt. Hier standen die berühmten Städte Chersonesus, Eupatorium und Pontus Symbolorum. Vor einem halben Jahrhunderte noch sah man prachtvolle Ruinen, z. B. Thore und Thürme; jetzt ist kein Stein mehr auf dem andern, kaum noch eine Spur, als hätten die Russen sich Mühe gegeben, nicht blos die Nationalität des besiegten Volkes zu vernichten, sondern auch jede Spur einer frühern Herrschaft. Am westlichen Ende der „Südküste“ oder der russischen Schweiz steht ein Kloster, dem heiligen Georg geweiht, d. h. eine Menge kleiner Häuser und Kirchen, die an dem obern Rande des hier etwa 400 Fuß hohen Meeresufers aufgebaut sind. Von diesen Häusern, die genau an der Stelle stehen sollen, wo sonst der Tempel der Diana stand, geht es steil zu einem Brunnen und dann im Schatten von Bäumen zu dem Ufer herunter. Rechts springt die Küste weit in das Meer hinaus; das ist das Cap Parthenon (das Vorgebirge der Jungfrau) und hier haben wir denn den Schauplatz zu dem Schauspiel „Iphigenie auf Tauris,“ der also für alle Zeiten geweiht ist durch die Poesie.

Etwa neun Werst von dem Kloster liegt Balaklava, eine Stadt, die aus den frühesten Zeiten her bekannt ist. In der Bucht sammelten sich in uralter Zeit griechische Seeräuber, entweder um die gemachte Beute zu theilen oder zu neuen Unternehmungen sich zu rüsten und sie nannten sie Symbolos (den Hafen der Vereinigung). Die Römer machten daraus Portus Symbolorum und die Italiener Cembala. Das Bala soll ein verdorbenes bella (schön) sein. Die Bai zieht sich wie ein Haken in das Land hinein, ist tief, klippenlos, ohne Sandbänke am Eingange und gegen alle Winde geschützt. Die Berge und Felsen sind wohl fünf Mal so hoch als die bei Sebastopol und da sich die Bai hinter dieselben zurückzieht, so liegen die Schiffe in ihr völlig versteckt.

Die Stadt Balaklava sieht ganz verödet aus und hat fast gar keinen Handel und keine Gewerbe. Die engen Straßen, das Pflaster und die veraltete Form der Häuser könnten den Gedanken erregen, man betrachte hier eine Stadt, die tausend Jahre in der Erde gelegen habe und nun erst wieder ausgegraben sei. Daß sie alt ist, weiß man, wahrscheinlich hat sie aber auch die Form behalten, die ihr die erste griechische Colonie gab. Die [530] Ruinen sind bedeutend: große noch stehende Thürme, Mauern und halbe Kirchen. Von der Höhe herab hat man eine reizende Aussicht auf das Meer, wovon man in der Stadt gar nichts merkt, weil sie sich weit hinein verkriecht an die Bai. Diese ist durch zwei Fischsorten berühmt, Kaphat und Natuch und an Fischen überhaupt so reich, daß sie bisweilen von ihnen wimmelt. Wenn es draußen stürmt, kommen auch ganze Schaaren von Delphinen in den sichern Hafen, wo sie dann von den Leuten geschossen werden.

Die Bewohner von Balaklava sind fast ausschließlich Griechen, deren Ehrlichkeit nicht gar groß sein soll. Sie sind Abkömmlinge kecker Seeräuber aus Morea, welche der russischen Regierung bei dem Kriege geqen die Türkei unter der Regierung der Kaiserin Katharina II. wichtige Dienste leisteten und zur Belohnung dafür hier Land angewiesen erhielten.

Der Weg von der Stadt aus geht ziemlich steil hinauf zu den Bergen, die das schöne Baidarthal begrenzen, welches für das reizendste in der Krim gilt.

Ehe wir weiter nach Süden wandern, machen wir einen Ausflug nach Inkerman, einem Städtchen, an das sich jetzt der äußerste Flügel der Franzosen lehnt, um die Grotten, Ruinen und Höhlen daselbst zu besichtigen. Man findet hier buchstäblich eine unterirdische Stadt, welche in dem Felsengebirge ausgehauen ist, das die beiden Seiten des Thales begleitet. Man sieht so Häuser und Kirchen, Klöster mit langen Gängen und Zellen, Grabmäler und Befestigungen mit Zinnen und Thürmen. Abgesehen von dem Interesse, welches diese merkwürdige Menschenarbeit gewährt, ist das Thal Inkerman mit dem kleinen Flusse auch malerisch angenehm, freilich ganz verödet. Büffel, Schafe und Ziegen sind die alleinigen Bewohner und sie flüchten sich immer bald in den kühlen Schatten der Aushöhlungen, um sich der brennenden Sonnenhitze zu entziehen, oder ihren Durst aus den Steingräbern zu stillen, die jetzt als Viehtränken dienen. Ziegen sammeln sich um die Altäre und Schafe lagern in den Kirchen, in welchen sonst Gesänge der Mönche widerhallten. Kröten, Schlangen, Taranteln und andere Geschöpfe, die keines Menschen Freund sind, haben hier ihren ungestörten Aufenthalt, aber sie sind nicht das Einzige, was der Reisende zu fürchten hat, denn die Luft in dem Thale von Inkerman ist durch die pestilenzialischen Sümpfe so verdorben, daß man sicherlich nach einigermaßen längerem Verweilen die nachtheiligsten Einwirkungen fühlt.

Auch in den Felsen der Bai von Balaklava finden sich ähnliche Aushöhlungen, nur sind sie besser erhalten und innen mit farbigem marmorharten Stuc bekleidet, so daß sie sofort bewohnt werden könnten.

Von Inkerman wandern wir auf der Straße nach Baktschi-Sarai und Simferopol, wo Menzikow die anrückenden Verstärkungen erwartet. Auf dem Wege sehen wir die Leute auf den Feldern arbeiten. Ein Tartarendorf hat ein seltsames Aussehen, denn es gleicht ziemlich einem Kaninchenbau, da die Häuser an den Bergen hängen oder in denselben eingegraben sind. Da sie nur ein Stockwerk haben und die flachen Dächer mit dem Erdboden gleich fortlaufen, so kann man gelegentlich auf die Dächer einer Häuserreihe kommen, ehe man es sich versieht. Das Innere dieser Häuser ist eben so originell. Männer und Weiber sitzen da in ächt statischer Art am Boden und rauchen aus langen Pfeifen Tabak und Kinder mit roth gefärbten Haaren, Augenbrauen und Nägeln – tartarische Schönheit! – treiben sich meist ohne alle Kleidung umher und ihre Köpfe sind gewöhnlich mit einer Menge Münzen und Amuletten behängen, welche vor Zauberei schützen sollen.

Auch begegnet man wohl gelegentlich reichen karaitischen Juden in ihrer eigenthümlichen glänzenden Tracht und – deutschen Landleuten, Colonisten aus Schwaben, die ganz die alte schwäbische Kleidung beibehalten haben, nicht zu vergessen die Zigeuner, welche in der Krim ziemlich zahlreich sind und als Diebe, Gaukler und Musikanten umherziehen.

Die Dörfer sehen im Allgemeinen freundlich aus, da sie fast ohne Ausnahme an einem fließenden Wasser liegen, das in dem dürren Lande zur Bewässerung durchaus nöthig ist. Eichen, Buchen, Kirsch-, Aepfel- und Birnbäume ziehen sich an den Bergen, ja auch an Felsen hin; Gärten, Wiesen und Felder wechseln mit Wäldchen von Maulbeer-, Granatäpfel-, Aprikosen- und Nußbäumen ab, deren laubreiche Kronen dem Ganzen das Aussehen üppiger Fruchtbarkeit geben. Namentlich die Nußbäume sind Lieblinge der Tartaren und da sie hier zu einer ungeheuern Größe emporwachsen, so findet man sie häufig über die niedern Hütten hinwegragend und dieselben mit ihrem Schatten bedeckend. Da die Tartaren sich zum Islam bekennen, so findet man in jedem Dorfe eine kleine Moschee, von deren unscheinbarem Minaret herab die Gläubigen zum Gebete gerufen werden. Die Tartaren sind aufrichtig fromm und führen die Vorschriften ihres Glaubens getreulich aus, denn sie sind freundlich, gastfrei und ehrlich. Da die einfachen Formen des Islams sich für ein Hirtenvolk, das die Tartaren sind, ganz besonders eignet, so sind denn auch alle Versuche der russischen Missionäre, sie zum Christenthum zu bekehren, gescheitert. Dies erklärt sich freilich überdies auch aus dem tiefen Hasse gegen die Russen, der ihnen nicht gerade zu verdenken ist, wenn man sich erinnert, mit welcher Grausamkeit das arme Volk von Potemkin und dessen Helfershelfern behandelt wurde.

Obwohl die Stadt Baktschi-Sarai von ihrer Pracht viel verloren hat, und nur ein Dritttheil der Zerstörung der Eroberer entging, so ist diese ehemalige Hauptstadt der Tartaren-Khane noch immer interessant genug, zumal sie die einzige Stadt in der Krim ist, welche von Katharina II. das Vorrecht erhielt, nur von Tartaren bewohnt zu werden und sich der Nationalcharakter da am Meisten erhalten hat.

Die Lage ist schön am Dschorok Su und den steilen Wänden des Gebirges; Gebäude, Sitten und Lebensweise der Bewohner sind völlig orientalisch; man sieht Bazar-, Moscheen mit Minarets, Kiosks, Begräbnißplätze mit Wäldern von Cypressen, Terrassen, Gärten und Weinpflanzungen, zahlreiche Brunnen und viele fließende krystallklare Quellen. Die Straßen sind freilich nach der Sitte des Orients eng und schlecht gepflastert, und da fast alle Arbeiten auf der Straße betrieben werden, da die Stadt auch der Stapelplatz für die Früchte, Tabak, Flachs, Getreide des umliegenden Landes ist, so werden die Straßen häufig buchstäblich versperrt.

Der Palast des Khan ist unbestritten das glänzendste Gebäude in der Krim und man darf es der russischen Regierung nachrühmen, daß bei den vorgenommenen Ausbesserungen daran der ursprüngliche Charakter bis auf die Farben der Malereien erhalten worden ist. Auch das Mobiliar ist geblieben. Dieser Palast erscheint wie eine Schöpfung orientalischer Erzähler und er läßt sich nur mit der Alhambra in Spanien vergleichen. Man sieht noch den Harem mit den Gärten und Bädern, den thurmförmigen Kiosk, den Audienzsaal mit der vergitterten Galerie, auf welcher die Lieblingsfrauen des Khan ungesehn die glänzende Versammlung des Adels und der Krieger betrachten durften. Jetzt freilich ist er ein großes Grab; kein Fußtritt hallt in den vergoldeten Sälen außer dem des Schließers und der wenigen Fremden, die sich darin herumführen lassen.

Die Vorstädte von Baktschi-Sarai dehnen sich ziemlich weit aus, untermischt mit Kiosks, Villen, Mühlen und Gärten und die Zahl der Moscheen mit ihren Domen und Minarets und dem Walde von kleinen Thürmen – alle Schornsteine sind so gebaut – alles trägt bei das Bild reizend zu machen.

Wie die Einwohner heute noch jammernd erzählen, war Baktschi-Sarai vor der Eroberung eine wahrhaft prachtvolle Stadt. Die Russen übten allerdings muthwillige Barbarei dabei aus, denn sie plünderten nicht nur die Einwohner, sondern zerstörten sogar die Gräber, weil sie Schätze darin zu finden hofften und rissen ganze Straßen nieder. Einer der prächtigsten Landsitze des Khans, der ein wahres Wunderwerk gewesen sein soll, verschwand ganz von der Erde wie eine von Griechen bewohnte Vorstadt mit 600 Häusern.

Von Baktschi-Sarai aus kann man einige interessante Ausflüge machen, z. B. nach Tschufut Kale, d. h. dem Schlosse der Ungläubigen. Ehe man dasselbe erreicht, erblickt man das Kloster Maria Himmelfahrt, das an einem ungeheuern Felsen hängt. Der seltsame Bau soll das Werk verfolgter Christen aus den ersten Jahrhunderten sein. Die Zellen der Mönche, die Gänge, das Refektorium und die Kirche, alles ist in den Felsen gehauen und so eine uneinnehmbare Feste geworden, denn der Zugang ist eine ebenfalls in den Felsen gehauene Treppe, die auf eine Zugbrücke führt. Ist diese aufgezogen, so bleibt der Zugang unmöglich. Die Kirche ist von den Russen wieder hergestellt und es wird nach Jahrhunderten jetzt von Neuem Gottesdienst darin gehalten.

Eine halbe Stunde weiterhin liegt das ähnliche Tschufut Kale, eine Feste auf dem Gipfel eines einzelnen Felsens derselben Kette. [531] Der Weg hinauf ist äußerst beschwerlich. Da sie von hohen massiven, meist aus den Felsen gehauenen Mauern umgeben ist und nur zwei Thore hat, so können die Bewohner, sobald sie wollen, jeden etwa versuchten Angriff abweisen. Wann und zu welcher Zeit diese merkwürdige Feste erbaut worden ist, weiß man nicht, jetzt enthält sie etwa 300 Häuser in sehr engen Straßen. Der Boden ist der harte Fels. Die Bewohner sind ohne Ausnahme Juden von der karaitischen Sekte. Sie zeichnen sich durch ihren moralischen Charakter, namentlich durch ihre sprüchwörtliche Ehrlichkeit aus und erfreuen sich vieler Vorrechte. Von der Stadt führt eine steile Treppe hinunter in das sogenannte Thal Josaphat, eine Felsenschlucht, welche der Begräbnißort ist und einem von Bäumen beschatteten Spaziergange gleicht.

Noch zwei ähnliche Wunderbauten giebt es hier, Mangup Kale, auf einem sehr hohen, völlig steilen, einzeln stehenden Felsen mit großen Festungswerken, Wachtthürmen, alles in Stein gehauen und von einer Ausdehnung, daß mehrere Tausend Mann da Zuflucht finden könnten. Auch hier weiß man nicht, wer die Erbauer waren, die Genuesen scheinen aber die Feste einmal in Besitz gehabt zu haben. Bis zum Gipfel hinauf ist mit unermeßlicher Arbeit eine glatte Straße angelegt, die jetzt verfällt. Aehnlich, doch nicht so bedeutend, ist die Feste Tscherkeß-Kerman.

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Balaklava (das alte Chersonesus).

So gelangen wir endlich nach Simferopol, der russischen Hauptstadt der Krim, die ziemlich malerisch liegt und den Tschatir-Dagh in der Nähe (eine Tagereise entfernt) hat. Die Stadt hieß sonst bei den Tartaren Akmetschet (die weiße Moschee). Alterthümer und geschichtliche Erinnerungen sucht man vergebens hier, denn die Stadt wurde erst 1500 von Ibrahim Bei gegründet, der den Platz vom Khan zur Belohnung für einen glücklichen Einfall in Rußland erhielt. Der Salgir, ein rasches Flüßchen, fließt mitten hindurch. Die von den Russen gebaute neue Stadt ist von der alten tartarischen ganz getrennt und regelrecht angelegt mit breiten und geraden Straßen. In der Mitte befindet sich ein großer freier Platz, an welchem das Regierungsgebäude, die Kasernen und eine schöne Kirche stehen. Die von den Tartaren bewohnte Altstadt mit den seit Jahrhunderten verfallenen Mauern hat eine griechische und eine armenische Kirche, mehrere Moscheen, und viele Brunnen; die Straßen sind eng, krumm, schmutzig und die Häuser im asiatischen Geschmack gebaut. So hat man hier in einer Stadt Asien und Europa dicht neben einander. Der Weg nach dem Tschatir-Dagh, dem höchsten Berge der Krim, sonst Mons Trapezus genannt, führt von Simferopol an dem Salgir in einer wohlangebauten malerischen Landschaft hin, voll schattiger Thäler, Dörfer und Landgüter. Namentlich wird viel Tabak hier gebaut. Unterwegs trifft man ziemlich wohlerhaltene Ruinen, welche Esri-Serai (der alte Palast) genannt werden. Die Tartaren sagen, es sei ein angefangener, aber nicht vollendeter Palast des Khan, andere meinen, es möge eine Feste der Genuesen da gestanden haben. In der Nähe giebt es auch die berühmten Höhlen von Kisil Kohs, die mit den im Harz verglichen werden und vielleicht noch ausgedehnter sind. Die Stalaktiten[WS 4] in denselben bilden die wunderlichsten Formen, und eine Beleuchtung mit Fackeln, welche die Führer meist veranstalten, giebt ein unbeschreibliches Bild. Auch ein kleiner See befindet sich darin, und an vielen Theilen der Wände giebt es einen schwarzen Lehm, aus welchem die Tartaren treffliche Pfeifenköpfe verfertigen.

Wenn man die Tartaren nach diesen merkwürdigen Höhlen fragt, so erhält man die Antwort: „Die hat der König Salomo graben lassen.“ – Der König Salomo? Zu welchem Zwecke? - „Um seine Schätze zu verstecken. Er hatte tausend Weiber und diese und die Schätze vertrugen sich nicht gut zusammen.“ Die Weiber wollten fortwährend davon haben und um nicht immer die Bitten abschlagen zu müssen, kam der weise Salomo auf den Gedanken, die Schätze hierherbringen zu lassen.“ – Konnte er denn in seinem eigenen Lande keinen passenden Ort finden? Warum wählte er einen so weit entfernten Platz? – „Entfernt? Wißt Ihr nicht, daß er einen Ring besaß, den er nur zu drehen brauchte, um sich dahin versetzt zu sehen, wohin er sich wünschte?“ – Da er aber so viele Schätze hatte, so mußte er den Weg doch viele Tausendmal machen? – „Wollt Ihr weiser sein als der weise Salomo?“

Der Tschatir Dagh selbst mag 800 Klafter hoch sein. Die Aussicht von seinem Gipfel herab ist eine sehr weite; man überblickt den ganzen nördlichen Theil der Halbinsel nach dem Azow’schen Meere zu und einen Theil von diesem selbst, aber diese Strecke ist einförmig und die malerische Südküste von einer vorliegenden Bergkette verdeckt. Am höchsten Gipfel sieht man heute noch die Oeffnung, welche auf Befehl des Fürsten Potemkin gemacht wurde, als er alle Berge der Südküste bei Gelegenheit des Besuches der Kaiserin Katharina beleuchten ließ, eine der großartigsten Illuminationen, die man vielleicht jemals versucht hat.

Auf dem Rückwege nach der Küste wenden wir uns durch [532] das reizende Baidarthal, welches überall für eine sehr schöne Gegend gelten würde und das im Sommer von vielen vornehmen Russen besucht zu werden pflegt. Es gehört zum größten Theile der Familie Mordwinow und ist ein großes, regelmäßiges ovales Becken, rund umher, selbst nach dem Meere zu, von Bergen eingeschlossen, von denen aus man alle Schönheiten desselben mit einem Male erblicken kann. Da das herrliche Thal gegen die kalten Winterwinde geschützt ist und von zahlreichen Quellen bewässert wird, so gedeihen auch die Erzeugnisse der südlichen Klimate vortrefflich. Hier giebt es die schönsten Eichen und das üppigste Getreide der Krim. Bleibt man in einem Dorfe zur Nacht, so findet man die freundlichste Aufnahme, man mag Jude, Türke oder Christ sein, denn die liebenswürdigste Eigenschaft der Tartaren ist ihre Gastfreundschaft. Seit uralter Zeit befindet sich in jeder Stadt und jedem Dorfe der Krim eine Art Gasthaus, Oda, das für die Fremden bestimmt ist, und in dem Wanderer Nachtlager, Feuer und Erfrischungen unentgeltlich erhalten. Bezahlung wird nie verlangt, doch erwartet man von den Wohlhabenden ein kleines Geschenk.

Zur Küste herunter führt eine berühmte Passage, Merdwen oder die Scala genannt. Sie gehört zu den Wundern der Krim, welche jeder Reisende gesehen haben muß. Die Küste bildet eine senkrechte Felsenwand, so daß man bei ihrem Anblicke nicht begreift, wie man an derselben hinauf oder hinunterkommen soll. Es hat sich aber doch an einer Stelle, wo zwei Felsen aneinanderstoßen und einen Winkel bilden, ein schmaler Weg gefunden. Welche Schwierigkeiten die Herstellung dieses Pfades gehabt haben mag, wird man sich vorstellen können, wenn man erfährt, daß ein Theil desselben, der etwa 800 Schritte lang ist, 40 Zickzackwindungen über einander hat. Wann und von wem dieser Wunderweg angelegt wurde, ist völlig unbekannt; Manche behaupten, der Handelsgeist der alten Griechen allein habe solche Schwierigkeiten überwinden können. Zu beiden Seiten fallen ganz glatte Felsenwände ohne Absätze oder Risse lothrecht hinunter, und man reitet zwischen denselben wie auf einer Wendeltreppe oder gar wie in der Luft. Die tartarischen Pferde sind aber so sicher auf den Beinen, daß sie auch diesen Weg ohne Schwierigkeit zurücklegen. Kleine Sträucher, die in der Nähe des Weges in den Felsen wurzeln, dienen allein als eine Art Geländer. Die Aussicht von dieser Treppe ist sehr interessant, denn man überblickt das schwarze Meer unten und einen ziemlichen Theil der Südküste, wo die großen Güter mit den reizenden Villen und stolzen Schlössern der vornehmen Russen in reizenden Gärten und Rebenpflanzungen liegen.

Zunächst führt der Weg nach Alupka, wo der Fürst Woronzow ein Schloß besitzt.

(Schluß folgt.)

An unsere Leser.

So eben ist bei dem Verleger der Gartenlaube erschienen:

Das Buch
vom
gesunden und kranken Menschen
von
Dr. Carl Ernst Bock.
Professor der pathologischen Anatomie zu Leipzig.
1. Abtheilung:
Mit 25 feinen Abbildungen, broch. 25 Ngr.

Der Verfasser des vorliegenden Werkchens, – welcher auch die in der Gartenlaube über den Bau, den Gesundheits- und Krankheitszustand des menschlichen Körpers handelnden Aufsätze verfaßte und dessen Ansicht es ist, daß die Arzneikunst und die Aerzte weit mehr zur Verhütung als zur Heilung von Krankheiten beitragen können, – wünscht durch dieses Buch die Verbreitung vernünftiger Ansichten über die naturgemäße Pflege des gesunden und kranken Menschenkörpers zu fördern. Dieser Wunsch, ein Ergebniß reicher und trauriger Erfahrungen in der Kinderstube, am Krankenbette und Zeichentische, ist gewiß gerechtfertigt, wenn man die jetzige unverständige und naturwidrige Behandlung des menschlichen Körpers in allen seinen Lebensaltern beobachtet und wenn man die abergläubischen, man könnte sagen blödsinnigen Ansichten über Krankheiten und Heilkräfte anhören muß. – Wer die Menschen unserer Tage, vorzugsweise aber die Frauen, hinsichtlich ihrer körperlichen Beschaffenheit einer genaueren Betrachtung unterwirft, wird wahrnehmen, daß sich dieselben in einem betrübenden Zustande befinden. Oder wären nicht hinreichende Beweise dafür: die fortwährend und überall hörbaren Klagen über Unwohlsein (über Brust- und Unterleibsbeschwerden, Verdauungs- und Nervenschwäche, Hypochonderie und Hysterie, Scropheln, Hämorrhoiden, Gicht u. dgl.); der von Jahr zu Jahr steigende Besuch altbekannter und neuentdeckter Bäder; die wachsende Zahl der Charlatane und Geheimmittel, der Kaltwasser- und Heilanstalten; die Untauglichkeit eines sehr großen Theiles der männlichen Jugend zum Soldatendienste; die Unfähigkeit der meisten Mütter zum Säugen ihrer Kinder: die Abneigung der Jünglinge und Männer gegen Beschäftigungen, welche Willenskraft und Ausdauer erfordern, dagegen deren große Vorliebe für geistige und körperliche Ruhe.

Forscht man nach der nächsten Ursache dieses körperlichen Verfalles, so ergiebt sich als solche eine naturwidrige Behandlung des Körpers durch Aeltern, Lehrer und durch eigene Willkür. Die Folgen derselben zeigen sich im Allgemeinen als verzögerte und unvollständige Entwickelung den Körpers im Jünglingsalter bei frühreifem (sogenanntem) Verstande, als vorzeitiges Altern in den Mannesjahren und als frühzeitiges Blöd- und Kindischwerden im höhern Alter. Diese falsche Behandlung mit ihren Folgen geht nun aber aus der Unkenntniß des menschlichen Körpers und dem aus dieser Unkenntniß erwachsenden blinden Glauben an eine übernatürliche Heilmacht der Aerzte und Arzneien hervor. Wären die Mütter mit der auf Physiologie gegründeten Pflege des kindlichen Körpers vertraut, so würde die Gesundheit der meisten Menschen nicht schon von Geburt an, oft nur aus reiner Zärtlichkeit der Aeltern, untergraben werden. Hätten die Lehrer die gehörige Einsicht in den Bau und die Function der menschlichen Organe, so würden sie den Geist, welchen sie zu bilden und zu vervollkommnen haben, nicht vom Körper trennen und dem menschlichen Verstande durch Vernachlässigung der Pflichten gegen den Körper die Stufe der Ausbildung versperren, welche zu erreichen er von Natur befähigt ist. Verstände der Erwachsene die Naturgesetze, denen sein Körper in gesunden und kranken Zeiten unbedingt gehorcht, dann würde er nicht durch unsinnige Eingriffe in dieselben seine Gesundheit vergeuden, seine Constitution zerrütten und gegen seine Krankheit gesetzwidrig zu Felde ziehen. Nur in einer auf Kenntniß gegründeten naturgemäßen Behandlung des gesunden und kranken Körpers besteht das Heilmittel gegen den körperlichen und geistigen Verfall der Menschheit; Arzt ist jeder vernünftige Mensch, Unmündige aber können von Aeltern und Lehrern Schutz ihrer Gesundheit verlangen.

Das vorliegende Werkchen giebt in dieser ersten Abtheilung eine Beschreibung des Baues des menschlichen Körpers und der Verrichtungen seiner einzelnen Organe, stets mit Rücksicht auf die wissenswerthen, chemischen, physikalischen und Krankheits-Verhältnisse. Durch 25 feine Holzschnitte wird hoffentlich das Verständniß des Beschriebenen erleichtert. – Die zweite Abtheilung, welche gegen Weihnachten erscheint, wird lehren, wie durch die richtige Pflege der einzelnen Organe des menschlichen Körpers derselbe vor Krankheit geschützt werden kann und wie man bei Krankheitserscheinungen am naturgemäßesten zu verfahren hat. Ein vollständiges Inhaltsverzeichniß soll übrigens dieses Werkchen zum Rathgeber in allen auf die Gesundheit bezüglichen Verhältnissen machen.
Bock. 
In allen soliden Buchhandlungen Deutschlands vorräthig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: sie
  2. Vorlage: wenn
  3. Vorlage: das
  4. Vorlage: Staaktiten