Die Gartenlaube (1858)/Heft 28

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1858
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[401]

No. 28. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Der erste Fall im neuen Amte.
Vom Verfasser der „neuen deutschen Zeitbilder.“
(Fortsetzung.)

Ich hatte unterdeß den Fremden nicht aus den Augen gelassen. Ich hatte eine auffallende Unruhe an ihm bemerkt, die er vergebens zu verbergen suchte. Um sie zu verbergen, hatte er von seinem Bier getrunken. Aber er hatte unwillkürlich rasch das Glas hinuntergestürzt, das noch beinahe ganz voll gewesen. Nach einigen Augenblicken stand er anscheinend ruhig und unbefangen auf.

„Was bin ich schuldig, Frau Wirthin?“

„Sie wollen noch weiter?“

„Ja, ich muß.“

„Nach Preußen zurück?“

„Ja.“

„Aber fürchten Sie sich nicht, am dunklen Abend so allein den Wald zu passiren?“

„Mir wird schon Keiner etwas thun,“ lächelte der Mann mit seinem melancholischen Blick. Das Gesicht war in dem Augenblicke nur hübsch, interessant.

Die Wirthin nannte ihm den Betrag seiner Zeche. Er bezahlte ihn. Dann nahm er seine Mütze und seinen Stock und ging.

„Gute Nacht,“ sagte er.

„Gute Nacht und gute Reise!“ erwiderte ihm die Frau.

Indem er aus der Thüre trat, sah ich ihn noch einen jener raschen, erschrockenen Blicke auf mich werfen.

Ist der Mensch wirklich ein Verbrecher? fragte ich mich. Und trägt denn auch der Criminalrichter jenes Wahrzeichen an sich, durch das der Scharfrichter dem Verbrecher so unheimlich wird? –

„Wer war der Fremde?“ fragte ich die Wirthin.

„Ich kenne ihn nicht. Er sagte, er sei von der anderen Seite.“

„Aus Preußen?“

„Ja.“

„War er schon früher hier?“

„Ich habe ihn heute zum ersten Male gesehen.“

„Kam er aus Preußen?“

„Er kam vor ungefähr einer Stunde an. Er sagte, er komme aus dem Hannoverschen, wo er Geschäfte gehabt habe.“

„Sie wissen auch nicht, woher er ist?“

„Er sagte nichts davon.“

Der Abend war sehr dunkel geworden. Der Himmel hatte nach Sonnenuntergang sich mit Wolken bezogen; die Wolken droheten mit Regen.

Die Wirthin war eine reinliche Frau. Alles im Hause sah sauber aus. Ich beschloß, die Nacht da zu bleiben. Vielleicht trug zu meinem Entschlusse bei, daß das nächste Wirthshaus eine starke halbe Stunde entfernt war, und daß ich in der Dunkelheit durch den einsamen Wald mußte, in dem es, nach den Aeußerungen der Wirthin, nicht ganz sicher zu sein schien. Ich bat die Frau um Nachtquartier und erhielt es.

Aber noch regnete es nicht. Es war eine milde, warme Luft draußen. In der großen Wirthsstube war ich, während die Frau mir das Nachtquartier besorgte, ganz allein. Ich verließ die Stube und trat vor das Haus; ich ging auf die Landstraße. Auf hannoverscher Seite kannte ich sie.

Wie mag denn die preußische Grenze hier aussehen? Ich war unmittelbar von der russischen Grenze her versetzt.

Mir stand diese russische Grenze mit ihrem ganzen abenteuerlichen, ängstigenden und drolligen Apparate vor Augen. Der schwere, gelb und grün angestrichene Schlagbaum, mit der furchtbaren eisernen Kette, die Landstraße versperrend, der tiefe Grenzgraben und der ungeheure Grenzwall dahinter, das ganze Land absperrend; jede Werst ein großes Blockhaus (Cordonhaus), voll von Grenzhusaren und Kosaken zur Bewachung der Grenze; auf dem Grenzwall die schmutzigen Kosaken mit den kleinen scharfen Augen auf den kleinen grauen Pferden unaufhörlich auf- und niedertrabend; über den Rand des Grabens und Walles fortwährend lauernde Augen und Mündungen gespannter Gewehre. Und nun, wenn man den gefährlichen fremden Gesellen mit einem blinkenden Achtgroschenstücke sich nahete, plötzlich vor Freude leuchtende Gesichter, grobe Fäuste, die sich nach den acht Groschen ausstreckten, noch gröbere Lippen, die dem Geber den Saum des Rockes küssen, und wenn sie den nicht fassen können, den Stiefel. Wie oft hatte ich mir selbst so den Uebergang über die Grenze verschafft, wenn die saumseligen russischen Behörden, mit denen ich drüben Geschäfte hatte, mich warten ließen.

So war freilich Rußland gegen Deutschland abgesperrt. Deutsche Länder gegen einander sind es freilich so noch nicht.

Auch Hannover und Preußen waren es damals nicht, obwohl das verschiedene Zollsystem der beiden Länder nicht viel – zu wünschen übrig ließ.

Zwei Grenzpfähle standen an der Landstraße, recht dicht und recht friedlich beisammen; auf dem einen ein weißes Pferd, auf dem andern ein schwarzer Adler. Die beiden Thiere hatten in der That nichts zu thun, als einander anzusehen. Das thaten sie; sie hatten es schon so viele Jahre gethan; man sah es ihnen an, wie langweilig es ihnen war. Sie theilten und theilen noch diese Langeweile mit einigen deutschen Kammern, denen auch die Zeit [402] bis zur deutschen Einigkeit zu lang wird. Sie wollen freilich nur die Einigkeit.

Ich überschritt spazierend die Grenze. Ich ging auf der Landstraße weiter. Der Abend war still, er schien auf den Regen zu warten.

Vierzig bis fünfzig Schritte jenseits der Grenze kam ich an ein kleines Gebüsch. Es war ein Vorläufer des Waldes, der bald hinter ihm begann, um sich eine volle halbe Stunde lang an der Landstraße hinzuziehen. Ich wollte an den Bäumen vorbeigehen. Auf einmal hörte ich unter ihnen das Schnauben eines Pferdes.

Zollbeamte, dachte ich, die sich nicht nach der deutschen Einigkeit sehnen, denn sie leben von der deutschen Uneinigkeit.

Ich trat hinter einen Baum an der Landstraße. Er verbarg mich nach dem Gebüsche hin, wo ich das Pferd gehört hatte. Ich bekam auch einmal ein – wenigstens gleichsam – gesetzwidriges Gelüste.

Sie sollen Dich für einen Schmuggler halten; was werden sie wohl thun?

Sie hatten mich wahrscheinlich noch nicht bemerkt. Ich wollte ein verdächtiges Geräusch machen, sie sollten mich überfallen. Aber wie ich ruhig hinter dem Baume stand, und über meinen Plan nachdachte, hörte ich in dem Gebüsche flüstern. Es war in der Gegend, wo das Pferd geschnaubt hatte.

Als ich hinhorchen wollte, war es still. Gleich darauf jedoch hörte ich Fußtritte, die sich mir naheten. Dicht an dem Baume, hinter dem ich stand, trat ein Mensch aus dem Gebüsch auf die Landstraße. Er sah mich nicht, desto genauer mußte ich ihn ansehen. Es schien mir der Fremde zu sein, den ich drüben in dem Wirthshause getroffen, der, als ich des häßlichen Reiters auf dem mageren Pferde erwähnt, unruhig geworden und bald nachher aufgebrochen war. Ich glaubte die schlanke Gestalt, den grauen Ueberrock, die blaue Mütze zu erkennen. In der Dunkelheit konnte ich es nicht mit Sicherheit, aber ich hätte darauf schwören mögen, daß ich mich nicht irrte. Er ging weiter nach Preußen hinein

Ich sah ihm noch nach, als meine Aufmerksamkeit in der entgegengesetzten Richtung in Anspruch genommen wurde.

Aus dem Gebüsch, aus dem der Fremde gekommen, sprengte ein Pferd rasch an mir vorüber, quer über die Landstraße, in ein offenes Bruch, das sich bis an die Grenze zog.

Den Reiter auf dem Pferde konnte ich im Dunkel und in der Geschwindigkeit gar nicht erkennen, aber über das große, magere Pferd blieb mir, als es an mir vorbeiflog, kein Zweifel. Es war das Pferd des häßlichen Menschen, der mich im Walde eingeholt hatte. Sein Reiter mußte also auch jetzt dieser Mensch sein. Er jagte, immer querfeldein, aber in der Richtung der Grenze.

Was hatten die beiden Menschen mit einander gehabt? An dem dunkeln Abende, in dem einsamen Gebüsch, so heimlich, beide von so unheimlichem Aeußern?

Schleichhändler konnten sie nicht wohl sein. Sie hätten dann offen auf dem hannoverschen Gebiete mit einander sprechen können. Aber der Eine, der aus dem Hannoverschen kam, hatte gar nicht einmal gewagt, sich vor den Leuten sehen zu lassen. Er hatte vorhin das Wirthshaus und die Landstraße vermieden, er vermied sie auch jetzt wieder.

Ich kehrte zu dem Wirthshause zurück, und blieb die Nacht dort. Ich hoffte, von der Wirthin noch Manches über meinen neuen Gerichtsbezirk zu erfahren; aber sie wußte nichts. Sie meinte nur, in Hannover sei es am besten. In Preußen machten sie zwar viel Wesens von sich selber, und auf dem Papiere möchten sie auch Alles besser haben; aber das sei auch eben Alles.

Am andern Morgen setzte ich meine Reise fort. Es hatte die Nacht nicht geregnet. Die Wolken hatten sich verzogen, das Wetter war wieder schön, wie am Tage vorher. Ich kam durch meist flache, aber fruchtbare, wohlhabende, angebaute Gegenden. Es war doch auch in Preußen wohl nicht ganz so, wie die hannoversche Wirthin gemeint hatte. Und wenn ich gar an die lüneburger Heide mit den Heideschnucken dachte –!

Aber Eins erfuhr ich doch.

In allen Dörfern, durch die ich kam, klagten die Leute über Zunehmen der Spitzbüberei im Lande. Die Herren am Inquisitoriate in N. möchten recht brave Leute sein, aber mit den Spitzbuben könnten sie nun einmal nicht fertig werden; die seien ihnen zu klug. Wenn die Polizei sie auch nach N. schaffe, nach einigen Wochen oder Monaten kämen sie zurück, ohne daß man ihnen habe etwas beweisen oder anhaben können. Daß dies wahr sein müsse, und woran es lag, sollte ich bald erfahren.

Ich kam des Abends in N. an.

Gleich am andern Morgen übernahm ich mein Amt.

Todte Ruinen sind interessant, oft schön, erhaben. Lebende Ruinen sind traurig, immer nur traurig. So waren meine alten Criminalräthe.

Gewiß brave Leute, auch wahrscheinlich früher tüchtige Criminalisten. Alter, Gewohnheit, Schlendrian hatten sie abgestumpft, verknöchert. Das sah ich gleich. Nur die gewöhnlichsten Sachen konnte ich ihnen überlassen. Alles Andere, Ungewöhnliche, Wichtigere mußte ich für mich, auf mich nehmen. Das sollte alsbald, noch an dem nämlichen Morgen meines Amtsantrittes, beginnen müssen.

Ich hatte kaum meine alten neuen Mitarbeiter kennen gelernt, als der Physikus des Kreises, als solcher zugleich der Gerichtsarzt, sich bei mir melden ließ; er habe mich in einer sehr dringenden Angelegenheit zu sprechen.

Ich empfing ihn sofort.

„Ich komme,“ sagte er, „in einer sehr wichtigen Angelegenheit mir Ihre Ansicht zu erbitten. Der Fleischermeister Mahler hier –“

Ich unterbrach ihn.

„Ich bitte Sie, beachten zu wollen, daß ich seit gestern Abend erst hier bin, daß Personen und Verhältnisse hier mir völlig fremd sind.“

„Ich muß also weiter ausholen. Hier wohnt der Fleischermeister Mahler; er gehört einer der achtbarsten Bürgerfamilien der Stadt an; er selbst ist ein bisher unbescholtener, allgemein geachteter Bürger; so war es bis heute, bis vielleicht vor einer Viertelstunde. Gestern nun ist seine Frau plötzlich erkrankt; heute Nacht ist sie gestorben; auf einmal hat sich heute Morgen in der Stadt das Gerücht verbreitet, Mahler habe seine Frau vergiftet. Das Gerücht ist dem Mahler selbst zu Ohren gekommen. Vor wenigen Augenblicken war er bei mir, mit dem Ersuchen, den Leichnam seiner Frau zu seciren, damit aller Welt klar werde, daß das schlechte Gerede ein falsches sei.“

Ich weiß nicht, wie es kam, mir kam unwillkürlich der Mann aus Preußen in das Gedächtniß, den ich am vorgestrigen Abende in dem Wirthshause an der hannoverschen Grenze und wahrscheinlich in dem heimlichen Gespräche mit dem unheimlichen Reiter getroffen hatte.

„Ich bin zweifelhaft,“ fuhr der Arzt fort, „wie ich diesem Ersuchen gegenüber mich zu benehmen habe.“

„Sie denken an die Feststellung des objectiven Thatbestandes?“ fragte ich.

„So ist es.“

Der Arzt war ein eben so verständiger als vorsichtiger Mann. Seine Zweifel und Bedenken waren die begründetsten.

Er sollte die Section der Leiche für seine Person allein, als keine amtliche, sondern als eine ärztliche Privathandlung vornehmen. Dennoch handelte es sich hier um ein Verbrechen, gar um ein Capitalverbrechen, dessen Existenz oder Nichtexistenz zunächst gerade durch die Section festgestellt werden sollte.

Damals galt die preußische Criminalordnung noch in ihrem vollen Umfange. Diese schrieb aber klar und bestimmt vor, daß eine Leichenöffnung zum Zweck der Feststellung des Thatbestandes einer Tödtung nur amtlich und zwar gerichtlich geschehen solle. Sie sollte unter Direction eines Richters mit Zuziehung eines Gerichtsactuarius von zwei Gerichtsärzten, dem Kreisphysikus und dem Kreischirurgus, vorgenommen und der ganze Hergang dabei sollte Schritt für Schritt, Punkt für Punkt zum gerichtlichen Protokolle verzeichnet werden. Außerdem mußte vor der Section die Leiche den Angehörigen, dem etwaigen Angeschuldigten oder Verdächtigen, oder anderen Personen, die sie kannten, vom Richter zur Anerkennung der Identität vorgezeigt werden. Fehlte an diesen durch das Gesetz vorgeschriebenen Erfordernissen etwas, so konnte, nach einer durch constante Praxis der Gerichte feststehenden Auslegung des Gesetzes, niemals auf die volle gesetzliche Strafe des Verbrechens erkannt werden, es fand vielmehr immer nur eine geringere, außerordentliche Strafe statt, wenn auch im Uebrigen der Beweis des Verbrechens auf das Klarste und Vollständigste hergestellt war. Es wurde stets angenommen, der objective Thatbestand, der Beweis, daß die Handlung des Thäters den Tod zur Folge gehabt habe, [403] könne nach der Absicht des Gesetzes vollständig, zur Anwendung der vollen Strafe, nur durch jene gerichtliche, mit allen genannten Erfordernissen versehene Leichenöffnung erbracht werden.

Die Folge für den vorliegenden Fall war klar. Nahm der Kreisphysikus die von ihm verlangte Privat-Handlung vor, und er fand wirklich Spuren oder selbst den klarsten Beweis einer stattgehabten Vergiftung, so war dennoch schon von vornherein dem ganzen weiteren Verfahren die Spitze abgebrochen; den Verbrecher konnte nie mehr die volle Strafe des Gesetzes treffen. Eine Leichenöffnung unter jenen Formalitäten ließ sich nicht reproduciren.

Aber woher denn Bedenken? fragt vielleicht mancher Leser von entschiedenem Charakter. Warum nicht sofort die gerichtliche Leichenöffnung mit allen jenen Formalitäten vorgenommen?

Allein, meine lieben, entschiedenen Leser, das ging nicht so ohne Weiteres.

Die preußische Criminalordnung war eins der besten Gesetze in Deutschland; ich scheue mich nicht, es auszusprechen, für ihre Zeit das beste deutsche Criminalgesetz, und mir auch jetzt noch lieber, als alle Criminalproceßordnungen, deren in neuester Zeit so viele in Deutschland mit und ohne Kammern berathen und erlassen sind. Sie hatte namentlich auch strenge Vorschriften zum Schutze des unbescholtenen Bürgers gegen unbegründete Anklagen und Verfolgungen. Und insbesondere verordnete sie, daß kein Act einer gerichtlichen Untersuchung vorgenommen werden solle, wenn nicht ein begründeter Verdacht vorhanden sei, daß wirklich ein Verbrechen begangen worden.

War hier ein solcher Verdacht nur irgendwie begründet?

Es lag nichts vor, als daß sich in der Stadt das Gerücht verbreitet hatte, Mahler habe seine Frau vergiftet.

„Worauf stützt sich das Gerücht?“ fragte ich den Arzt.

Er wußte es nicht, er hatte es nur von Mahler selbst gehört; dieser von seinem Schwager, dem Bruder der Verstorbenen.

„Was halten Sie von dem Gerede?“

„Ich habe kein Urtheil darüber. Ein Arzt war bei der Kranken nicht gewesen.“

„Erscheint das nicht auffallend?“

„Kaum. Die geringeren und die mittleren Classen helfen sich hier noch vielfach mit Hausmitteln.“

„Aber wenn der Tod kommt?“

„Sie wissen auch ohne den Arzt zu sterben. Zudem behauptet Mahler, er habe nach einem Arzte schicken wollen, seine Frau habe es verboten.“

„Sie halten das für glaubwürdig?“

„Die Frau war als geizig in der Stadt bekannt.“

„Hat Mahler Ihnen über Krankheit und Tod seiner Frau Mittheilungen gemacht?“

„Sie hat an Erbrechen gelitten. Er war vorgestern verreist gewesen –“

„Vorgestern?“ mußte ich ihn unwillkürlich lebhaft unterbrechen.

Der Arzt sah mich über meine lebhafte Unterbrechung verwundert an.

„Darf ich bitten, fortzufahren?“

Er fuhr fort:

„Bei seiner Rückkehr fand er sie schon krank, schon sehr schwach; er wollte sofort zum Arzte schicken, aber sie verbot es. Später ließ sie sich Rhabarber aus der Apotheke holen. Als sie den eingenommen, war es jedoch schlimmer mit ihr geworden.“

„Das Alles erzählt Mahler selbst?“

„Daß sie Rhabarber hatte holen lassen, hatte ich schon in der Apotheke gehört; und daß durch dessen Genuß ihr Zustand sich verschlimmern mußte, ist wahrscheinlich; denn ich habe die Frau gekannt, sie war schwächlich, schon lange leidend.“

„Wann ist sie gestorben?“

„Heute Nacht. Mahler hatte gestern seinem Geschäfte nachgehen müssen: er war nur wenig zu Hause gewesen. Um acht Uhr gestern Abend hatte er nochmals ausgehen müssen. Als er sie verlassen, war sie ruhig gewesen, auch dem Anscheine nach wohler. Um elf Uhr des Nachts war er zurückgekehrt Unterdeß hatte sich aber ihr Zustand wieder bedeutend verschlimmert; sie lag in den letzten Zügen und eine halbe Stunde darauf war sie schon todt.“

„Sie haben die Todte gesehen?“

„Ja.“

„Und?“

„Nach dem Mitgetheilten könnte sie, wenn vergiftet, nur in Folge einer Arsenikvergiftung gestorben sein; deren Spuren sind an dem Aeußeren der Leiche nicht zu entdecken.“

„Aber die Ausleerungen?“

„Man konnte sie mir nicht mehr vorzeigen; sie waren fortgeschafft.“

„Welche Hausgenossen hat Mahler?“

„Die Frau war geizig. Sie hatten nur ein Mädchen von dreizehn Jahren als Dienstmädchen; außerdem hatte Mahler bei seiner Rückkehr gestern eine Nichte der Verstorbenen mitgebracht.“

„Eine Nichte? Ein hübsches, junges Mädchen?“

„Sie kennen sie?“

„Ich weiß es nicht. Lassen Sie uns fortfahren. War außerdem Niemand um die Kranke gewesen?“

„Eine Nachbarin, die Wittwe Kühl, ist gestern fast den ganzen Tag im Hause gewesen, um der Kranken Handreichungen zu leisten; sie war auch bei ihrem Tode da.“

„In welchem Rufe steht die Frau?“

„Im besten.“

„Sie haben sie gesprochen?“

„Sie war vorhin bei der Leiche, als Mahler mich zu dieser führte.“

„Und?“

„Sie erzählte mir über die Krankheit, aber nichts weiter Verdächtiges. Sie bestätigte nur die Angaben Mahlers.“

„Ist jene Nichte der Frau Mahler hier bekannt?“

„Sie war schon früher im Mahler’schen Hause.“

„Und warum hatte sie dieses verlassen?“

„Ich weiß es nicht.“

„In welchem Rufe steht sie?“

„Ich habe nie etwas von ihr gehört.“

„Und Mahler selbst steht in gutem Rufe?“

„Bis heute vollkommen.“

„Und Sie wissen keinen Grund, so wie keine Quelle jenes Gerüchtes der Vergiftung?“

„Keinen.“

Wir waren mit den Thatsachen zu Ende.

Was war zu machen? Es mußte eine schnelle Entscheidung getroffen, ein sofortiger Entschluß gefaßt werden.

Ueberließ ich dem Arzte allein die Section als eine Privathandlung – und nur das war sie ohne eines jener Erfordernisse unter allen Umständen, so trug ich die Schuld, wenn ein wirklich verübtes Verbrechen der verdienten gesetzlichen Strafe entging. Als Dirigent des Criminalgerichts machte ich mich doppelt verantwortlich. Der verwahrloste Gerichtsbezirk war durch den neuen Director aus dem Regen in die Traufe gekommen.

Andererseits hatte ich zu einem amtlichen Einschreiten durchaus keine gesetzliche Befugniß. Nichts sprach für das Vorhandensein eines Verbrechens. Jeder directe Schritt, den ich that, war ein ungesetzlicher Angriff, zudem gegen einen Mann und eine Familie, deren Ruf ein völlig unbescholtener, bisher vollkommen unangerührter war. Wollte ich auch nur unter dem Scheine eines unbefangenen oder neu- oder wißbegierigen Zuschauers, dem Acte der Section beiwohnen, in der kleinen Landstadt hätte sich auf der Stelle das Gerücht eines gerichtlichen Vorgehens gegen den Fleischer Mahler wegen Vergiftung seiner Frau verbreitet, und wenn dann auch der Arzt erklärt hätte, er habe kein Gift gefunden – es bleibt immer etwas haften; ein Mensch, gegen den das Criminalgericht einmal verfahren hat, gar wegen heimlichen und daher doppelt verabscheuten und doppelt geglaubten Verbrechens der Vergiftung, ist für die Masse stets ein Gegenstand des Mißtrauens, des Verdachtes. Das Gewerbe des Mannes forderte zudem eine besondere Schonung seiner Ehre gegenüber dem Publicum.

Ich durfte nicht einschreiten; ich mußte es auf jene erste Alternative ankommen lassen. Indeß traf ich mit dem Kreisphysikus die Verabredung einer Art von Mittelweg.

Ich hätte noch einen andern Ausweg haben können; ich konnte auf die Entscheidung des Gerichtscollegiums provociren. Ich konnte, ich mußte nicht. That ich es, so war ich von wenigstens rechtlicher Verantwortlichkeit frei. Aber ich wollte mich lieber aller Verantwortlichkeit unterwerfen, als gleich zu Anfang meiner amtlichen Wirksamkeit mich von einer Majorität abhängig machen, unter deren Einfluß die Strafrechtspflege in dem Gerichtsbezirke eine verwahrloste geworden war. Ich hatte schon die besseren Gerichtscollegien kennen gelernt!

[404] Ich redete mit dem Arzte Folgendes ab:

Er sollte die Section der Leiche bis zum späten Nachmittage aufschieben. Ich wollte unterdeß nähere Erkundigung nach dem Gerüchte einziehen; das befahl mir die Criminalordnung, freilich auf dem für Mahler schonendsten Wege; ich fand den letzteren zunächst in einem Anfragen bei dem Schwager des Mahler selbst.

Lieferte diese Nachforschung mir einen Anhalt, so wurde am Abend ohne Weiteres die gerichtliche Section vorgenommen. Blieb sie ohne Resultat, so nahm der Kreisphysikus die Leichenöffnung ohne mich, aber unter Zuziehung des Kreischirurgus vor. Gegenüber dem Mahler verlangte er diese zur mehreren Beruhigung ihrer Beider. Wurde Gift in dem Körper ermittelt, so waren schon sofort bei dessen Auffinden die beiden vom Gesetze geforderten Medicinalpersonen zugegen gewesen. Um aber auch dem Erfordernisse der Anwesenheit der beiden Gerichtspersonen zu genügen, sollte in dem Momente, in welchem Gift gefunden wurde, mit jeder weiteren Operation eingehalten, Alles in dem Zustande des Augenblickes des Auffindens gelassen und nach mir geschickt werden. Ich wollte mit einem Actuarius des Criminalgerichts mich bereit halten, um sofort die gesetzliche Direction des Verfahrens von da an übernehmen zu können.

Dabei kamen wir noch über einen Umstand überein.

Nach der Criminalordnung gehörte zu den Erfordernissen der „Legalsection“ auch die Eröffnung aller drei „Haupthöhlen“ des menschlichen Körpers, der „Kopf-, Brust- und Bauchhöhle“. Dabei war zwar nicht vorgeschrieben, in welcher Reihenfolge die Oeffnung geschehen solle; ein alter Gerichtsgebrauch hielt aber jene genannte fest. Ich hatte mich schon früher an diese Ordnung nicht immer gebunden und ersuchte auch jetzt den Arzt, mit der Oeffnung der Bauchhöhle und zwar hier mit Untersuchung des Magens zu beginnen, da in diesem allem Vermuthen nach die ersten Spuren eines Giftes sich zeigen müßten.

So hatte ich in aller Weise dafür gesorgt, daß, wenn es nöthig sei, das Verfahren auf der Stelle möglichst vollständig in das gesetzliche umgewandelt werden könne.

Der Arzt ging.

Ich ließ den Schwager des Fleischers Mahler zu mir rufen. Er war gleichfalls Fleischermeister, ein stattlicher, besonnener, dem Anscheine nach etwas zurückhaltender Mann.

„Ihre Schwester, die Frau Mahler, ist gestorben?“

„Ja, Herr Director.“

„Unter verdächtigen Umständen?“

„Ich weiß das nicht, Herr Director. Weder ich, noch ein anderer Verwandter ist bei ihr gewesen.“

„Auch kein Arzt?“

„Nein.“

„Wären diese Umstände nicht schon verdächtig?“

„Ich kann das nicht sagen. Sie war nur kurze Zeit krank, und was den Arzt betrifft, so gab sie nicht gern unnützes Geld aus.“

„Mahler hat die Section der Leiche beantragt?“

„Er hat es mir selbst gesagt.“

„Was hat ihn dazu bewogen?“

„Er hat doch wohl Gewißheit über die Todesursache haben wollen.“

„Und warum dies? Zu solchen Sectionen schreitet die Familie ungern.“

Der Mann besann sich einen Augenblick.

„Herr Director,“ sagte er dann, „es war davon gesprochen, daß meine Schwester an Gift gestorben sein möge. Ich hörte das und theilte es meinem Schwager mit. Darauf entschloß er sich zu der Leichenöffnung.“

„Kam der Entschluß aus ihm selbst?“

„Ich hatte zuerst davon gesprochen.“

„Und Ihr Schwager war darauf sofort bereit?“

Der Mann besann sich erst wieder, was er sagen solle.

„Sogleich wohl nicht. Ich fand das aber auch natürlich. Es war seine Frau und Sie selbst sagten eben, man schreite nicht gern zu so etwas.“

„Sie redeten ihm also zu?“

„Ja.“

„Mußten Sie ihm viel zureden?“

„Das kann ich eben nicht sagen.“

„Wurde ein Grund jenes Gerüchtes der Vergiftung angegeben?“

„Die Frau sei so plötzlich gestorben und habe so sehr viel Erbrechen gehabt.“

„Kein anderer?“

„Kein anderer.“

„Von wem ist es Ihnen mitgetheilt?“

„Auf der Schranne heute früh, von meinen Freunden.“

„Wurde keine Person dabei als verdächtig genannt?“

„Kein Mensch.“

„Haben Sie Niemanden in Verdacht?“

„Keinen Menschen.“

„Lebte Ihre Schwester mit ihrem Manne glücklich?“

„Ich habe nie von einem Streite gehört.“

„Hatten sie Kinder?“

„Die Ehe war kinderlos.“

„Die Frau war oft kränklich?“

„Und älter, als er.“

Die paar Worte entfielen dem Manne rasch, wie unwillkürlich. Er wurde unruhig, als sie ihm entfallen waren.

„Meister,“ sagte ich zu ihm, „Sie haben noch etwas auf dem Herzen, was Sie sich scheuen, mir mitzutheilen.“

Er sah ein paar Secunden vor sich hin.

„Nein,“ sagte er dann entschlossen. „Ich weiß nichts Gewisses, und durch die Oeffnung muß sich ja finden, ob sie Gift hat.“

Ich sah ein, daß ferneres Fragen vergeblich sei, und entließ ihn deshalb.

Ich durfte auch jetzt nicht gerichtlich einschreiten.

Die Verstorbene war älter, als ihr Mann, die Ehe kinderlos. Der Schwager des Mannes hatte vielleicht nicht Alles gesagt, was er wußte; weitere Verdachtsgründe hatte ich nicht. Aber sie reichten nicht zum zehnten Theile aus, um auf sie und ein grundloses Gerücht hin gegen eine geachtete Familie das schwerste Verbrechen anzunehmen.

Es war an demselben Tage gegen sechs Uhr Abends, als der Kreisphysikus selbst wieder zu mir kam. Er war in großer Eile.

„Die Mitwirkung des Criminalgerichts wird nöthig.“

Ich begleitete ihn auf der Stelle unter Zuziehung eines Actuars und mehrerer Criminalboten. Wir gingen zu dem Hause des Fleischermeisters Mahler.

Unterwegs theilte der Arzt mir mit:

Er hatte mit dem Kreischirurgus die Besichtigung, dann die Oeffnung der Leiche begonnen. Der Verabredung gemäß hatte er zuerst den Magen untersucht. Aber schon gleich anfangs bei dessen äußerer Besichtigung hatte er an demselben solche röthliche, entzündete Stellen gefunden, daß ihm, nach Wissenschaft und Erfahrung, kein Zweifel einer metallischen Vergiftung mehr blieb. Er hatte darauf sofort eingehalten und sich entfernt, um mich herbeizurufen. Der Kreischirurgus war bei der Leiche zurückgeblieben, um darüber zu wachen, daß bis zu unserer Ankunft nichts verändert werde.

„Und Mahler?“ fragte ich.

Mahler war bei der Section ununterbrochen zugegen gewesen, und hatte den Aerzten die nothwendigen Handreichungen geleistet. Sein Benehmen war dabei ein unbefangenes gewesen.

„Aber,“ setzte der Arzt hinzu, „in dem Hintergrunde dieses Benehmens schien mir eine große Angst zu lauern. Der Blick seines Auges war nur unbefangen, wenn er sich beobachtet wußte. Glaubte er sich unbeachtet, so sprach sich jene Angst desto unverhohlener darin aus. Bei der Entdeckung des verdächtigen Zustandes des Magens verrieth ich nicht die geringste Ueberraschung und Bewegung und ich entfernte mich unter dem Vorwande, daß ich zu Hause etwas vergessen habe; gleichwohl sah er mich mit sichtlicher Unruhe gehen.“

„Sie halten den Mann also für verdächtig?“

„Nach diesem Allen, ja; aber Sie werden es ja schon selbst sehen.“

Eine Vergiftung war jetzt jedenfalls wenigstens angezeigt; eine gerichtliche Untersuchung und Feststellung des Thatbestandes war also nicht nur noch blos zulässig, sondern sogar unbedingt erforderlich, mochte der Thäter sein, wer er wollte.

(Fortsetzung folgt.)




[405]
Erinnerungen an den Kaukasus.
Von einem russischen Officier.
(Schluß.)

Am folgenden Morgen sollte die Festung Abyn erreicht werden, wozu wir nur einen kleinen Marsch, circa 15 bis 16 Werste, vorhatten. Kaum eine Werst von unserem Nachtquartiere betraten wir einen dichten Hochwald, in dem wilde Aepfel- und Birnbäume das vorherrschende Holz waren. Der Weg war so schmal, daß nur ein Wagen darauf fahren und wir nur in Abtheilungen von geringer Breite marschiren konnten. Hierdurch wurde die Colonne bedeutend länger, öftere Stockungen traten ein und so bewegten wir uns nur langsam vorwärts. Dazu kam, daß der Feind das dichte Holz zu verstärktem Angriffe benutzte und unsern Tirailleurs, die alle Noth hatten, in dem gräulichen Dickicht mit der Colonne zugleich vorwärts zu kommen, vielen Schaden zufügte. Immer heftiger knatterten die Gewehre, Verwundete wurden häufiger gebracht und obgleich Abtheilungen vom Gros nach den bedrohtesten Punkten zur Verstärkung abgingen, so wurde doch dadurch der Angriff nicht schwächer, die Zahl der Verwundeten nicht geringer. In dieser gefährlichen Situation tönte plötzlich das Signal „Halt!" klagend durch die Luft. Auf dem schlechten Wege war die Achse eines Geschützes gebrochen und wenn man auch sogleich eine andere bei der Hand hatte, da deren immer vorräthig gehalten werden, so nahm doch das Einlegen ziemlich viel der gerade jetzt höchst kostbaren Zeit in Anspruch.

Die Gartenlaube (1858) b 405.jpg

Uebergang über den Abynka.

So viel Nutzen ein Geschütz im freien Felde bringen kann, so hinderlich ist es im Walde und Gebirge. Auch uns hatte die Kanone noch nichts genützt und jetzt mußten wir noch warten, bis ihre Wiederherstellung vollendet war. Geschickt wußte der aufmerksame Feind den Stillstand zu benutzen. Mit überwiegendem Angriff drängte er unsere Tirailleurs auf der linken Seite bis nahe an das Gros. Schon fielen Leute in der Colonne, erreicht von den feindlichen Kugeln, da rief unser Oberst: „Mir nach, Kinder!“ und jubelnd stürzte sich Alles mit lautem Hurrah, das Haubajonnet auf dem Gewehre, dem Feinde entgegen. Geworfen und auf einige Zeit zerstreut, wich dieser rasch zurück, unser Zweck war erreicht, aber – die Achse hatte nahe an 50 Menschen das Leben gekostet. Bald waren wir nun am Ende des Waldes und hier winkte uns auch schon, freilich noch auf eine Entfernung von 5 bis 6 Wersten, unser Ziel, Abyn, entgegen.

Außerhalb des Waldes hörte auch das Schießen allmählich auf, wir schritten wacker aus und bald bezogen wir mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen unser Lager rings um die Werke der Festung. In dieser selbst konnten wir nicht unterkommen, da der Platz zu klein war und übrigens auch noch ein Truppencorps aus Tschernomorien, dem Lande der tschernomorischen Kosaken, erwartet wurde. Alle Verwundete jedoch wurden in dem Lazareth der Festung untergebracht, den Todten aber die ewige Wohnung bereitet.

Rasch stieg unter den fleißigen Händen der militairischen Baukünstler [406] eine aus Holz, Strauch und Stroh zusammengestellte Hütte für unsern Oberst in die Höhe, welche er mit allen ihm speciell untergebenen Officieren bezog. Ein alter schnurrbärtiger Lieutenant bereitete ein ordentliches warmes Mittagessen, zu dein Jeder eine kleine Gabe beisteuern mußte. Der Eine gab Fleisch, ein Anderer Graupen, ein Dritter Brod u. s. f., ich löste mich mit Pfeffer und Salz aus und der Oberst gab einige Flaschen Morsalewein. Zwar würde einem Gastronomen unser auf den Kohlen geröstetes Fleisch und die durch die Sorgfalt des Windes reichlich mit Asche gewürzte Suppe nicht recht gemundet haben, und auch wir würden jetzt diese Speisen nicht mit solchem Appetite genießen, als damals, wo der Marsch und die frische Luft unsern Hunger bedeutend geweckt und die heitere, lebhafte Unterhaltung den Genuß gehoben hatte. Das Diner wurde unter Scherzen beendet, man zündete die Pfeifen an und suchte sich ein möglichst angenehmes Lager zu verschaffen. Leider war dem Frost Thauwetter gefolgt, und wenn wir auch durch Stroh und sonstige Soldatenmittel uns zu helfen suchten, das Lager blieb doch immer ein ziemlich unsauberes. Ueber solche Kleinigkeiten ist jedoch der Kaukasussoldat erhaben. Hatten wir uns doch gesättigt, blieb uns doch Tabak genug und die heitere Gesellschaft guter Cameraden!

Auf diese Art verstrich uns rasch die Zeit, so daß wir uns ordentlich wunderten, als ein großer Kessel nebst allen zum Thee nöthigen Gegenständen erschien, der uns das Hereinbrechen der Nacht verkündete. Ein wenig in den Thee gegossener Rum vermehrte nur unsere Heiterkeit und bald erschallten lustige Soldatenlieder aus den rauhen Officierskehlen. So wechselten Lieder, Anekdoten und Witze bis gegen Mitternacht mit einander ab, erst dann legten wir uns zum Schlafen nieder.

Da der folgende Tag ein Ruhetag war, so behielt ich Zeit, mir die Festung zu besehen, welche 1840 einen äußerst hartnäckigen Sturm der Tscherkessen abgehalten hatte, wobei mehr als 700 Feinde in den Gräben geblieben waren. Augenzeugen berichteten mir ausführlich den Hergang und aufmerksam lauschte ich ihren Worten, nicht ahnend, daß ich im nächsten Jahre (den 26. Juli 1853) selbst eine Festung gegen dieselben Feinde vertheidigen helfen würde. Um die Mittagszeit erschienen 4–5000 tschernomorische Kosaken aus Jekaterinodar mit mehreren Kanonen und erst jetzt war unsere Expeditionsarmee vollzählig, d. h. 11,000 Mann stark mit 21 Kanonen.

Zu unserem großen Aerger sahen wir am folgenden Tage eine ziemlich dicke Schneeschicht auf der Erde liegen. Wir wußten, daß diese nicht lange liegen bleiben, sondern bald schmelzen und die Gebirgsbäche und Flüßchen bedeutend vergrößern würde, und da wir diese immer zu Fuß durchschreiten mußten, so war die Aussicht auf einen unangenehmen Marsch nur zu gewiß. Glücklicherweise war das Flüßchen bei Abyn, die Abynka, noch ziemlich seicht, wir überschritten sie und zogen in südöstlicher Richtung weiter dem Gebirge zu. Am Fuße desselben lagen mehrere Dörfer, deren Einwohner vor Kurzem großen Schaden in den Niederlassungen der tschernomorischen Kosaken angerichtet hatten. Die Razzia begann und bald schlugen die Flammen über den Dächern zusammen. Was an Vorräthen gefunden wurde, nahmen wir mit oder verdarben es, überhaupt wurde so viel verwüstet, als nur möglich war. Der Tag verging trotzdem ziemlich ruhig und, wie gewöhnlich, schlagen wir in einem Dorfe unser Nachtlager auf.

Wir mochten wohl einige Stunden geschlafen haben, als plötzlich eine heftige Salve uns weckte. Die Kugeln schlugen mitten in das Lager ein, die Trompeten und Trommeln lärmten, als sollten sie Todte erwecken, und dazwischen mischte sich das gellende Geschrei der Tscherkessen. Wie eine vom Sturm gejagte Wolke kam eine Reiterschaar auf schnaubenden Rossen gegen uns angestürmt. Hoch über dem Kopfe schwangen sie den blitzenden Säbel, unaufhaltsam jagten sie vorwärts und es schien, als würden uns im nächsten Augenblicke die Hufe ihrer Rosse zertreten. Da donnern ihnen einige gutgezielte Kartätschenladungen entgegen und bringen sie zu einem kurzen Aufenthalte. Dieser Augenblick war entscheidend, denn rasch geordnet standen unterdessen auch schon unsere Schaaren, fest aneinander gedrängt, bereit, die Salve zu geben, sobald das Commando ausgesprochen würde. Dieses erfolgt und Salve auf Salve sendet das tödtende Blei in den verwirrten Haufen. Sogleich wird die Unordnung des Feindes benutzt. Zwei Bataillone dringen mit gefälltem Bajonnet vor, die übrige Infanterie folgt feuernd zu beiden Seiten. Aber noch weichen die Tapfern nicht, ja sie setzen von Neuem an, um sich auf unsere Infanterie zu stürzen, und schon glaubt man, daß es zu einem verzweifelten Handgemenge kommen werde, da kracht es von der Seite, da stürzen Rosse und Reiter im wilden Chaos durcheinander. Eine Kanone der reitenden Artillerie brachte die großartige Wirkung hervor; sie war in Carrière angesprengt gekommen, hatte rasch abgeprotzt und sogleich ein heftiges Kartätschenfeuer eröffnet. Jetzt war auch die Ausdauer der Tscherkessen zu Ende. Hoch auf die Hinterbeine rissen die Reiter ihre Pferde, warfen sie herum und fort ging es wieder in tollem Jagen. Wie die Teufel waren ihnen die Kosaken mit ihren kleinen Pferden auf den Fersen, aber die Dunkelheit war ihr Schutz und nur wenige Gefangene wurden zurückgebracht.

Für diese Nacht war es mit dem Schlafen vorbei und wir waren deshalb recht froh, daß wir mit frühem Morgen aufbrachen. War es die Nacht über heiß zugegangen, so sollte es diesen Tag noch besser gehen. Jedes Dorf mußte von uns gestürmt werden, denn jetzt stellten sich nicht nur die Bewohner desselben, sondern auch noch die aus den bereits zerstörten Dörfern Geflohenen in großer Anzahl uns entgegen. Der alte Haß war durch unsere Verwüstungen zu hellen Flammen angefacht worden. Wir trafen überall auf den hartnäckigsten Widerstand und konnten uns nur mit äußerster Anstrengung unsern Weg bahnen. Daß solche Kämpfe Opfer kosten, ist wohl natürlich. Zwei von den Officieren unseres Regiments wurden gleich bei dem ersten Dorfe verwundet, wovon einer bald darauf seinen Geist aufgab. An einem anderen Dorfe sah ich zwei Artillerieofficiere fallen, einer mit einem Schuß durch den Kopf, der andere mit der tödtlichen Wunde in der Brust. Ich habe vergessen, wie viel uns dieser Tag an Todten und Verwundeten kostete.

Schon war der Abend angebrochen und noch hatten wir kein Nachtquartier. Wir konnten zwar recht gut auf freiem Felde übernachten, aber unsere Pferde brauchten Heu und das fand sich nur in den Dörfern. Dieses wußten die Feinde aber so gut, wie wir, und deshalb steckten sie jedes Dorf, das sie verlassen mußten, an und nahmen alle Fourage mit oder zerstörten dieselbe. Da gelang es endlich den Kosaken, ungesehen vom Feinde, durch ein Gehölz sich einem Dorfe zu nahen. Wir Scharfschützen folgten rasch im schnellsten Dauerlauf wohl eine Werst lang und alles Uebrige beeilte sich, so schnell als möglich nachzukommen. Das Dorf wurde gestürmt und die überraschten Gegner herausgeworfen, bevor sie Zeit behielten, es in Brand zu stecken. Leider war auch hierbei unser Verlust nicht unbedeutend gewesen, so daß wir traurig und verstimmt uns diesen Abend beim Oberst zusammenfanden. So Mancher fehlte heute, der gestern noch frisch und heiter an unserer Seite gesessen hatte. Auch unser Abyn’scher Koch, der sonst immer Heitere, war verwundet, und obgleich er selbst keinen Schmerzenslaut ausstieß, so zeigte das Zucken seiner Gesichtsmuskeln doch genugsam an, was für Qualen er zu dulden hatte. Eine Kugel war ihm durch beide Beine gegangen, doch erklärte der Arzt die Verwundung für keine sehr gefährliche.

Hatte der geschmolzene Schnee schon am Tage die Wege fast grundlos gemacht, so vollendete der über Nacht beginnende und ununterbrochen fortdauernde Regen das angefangene Werk. Durch und durch naß traten wir am andern Morgen unsern Weitermarsch an. Die grauen Wolken, mit welchen der Himmel bedeckt war, gaben keine Hoffnung, den Regen schwinden zu sehen; aber wie alles Schlimme auch seine gute Seite hat, so kam es auch uns nicht ungelegen, daß der Feind der Witterung wegen unsern Marsch nur wenig belästigen konnte. Die Tscherkessen führen an ihren Feuerwaffen noch durchweg die alten Feuerschlösser, bei denen der Regen leicht das Pulver naß werden läßt, und so kam es, daß nur selten ein Schuß von ihrer Seite fiel, während unsere Percussionsgewehre sie in respectvoller Entfernung hielten. Unser Weg ging heute wieder zur Abynka zurück, denn wir hatten unsern Auftrag, eine Strecke weit in das Land zu marschiren und die räuberischen Tscherkessen für ihre Verwüstungen in Tschernomorien zu züchtigen, vollständig erfüllt. Wie verändert fanden wir am Nachmittag diesen kleinen Fluß, der bei unserm ersten Ueberschreiten so unbedeutend, so seicht gewesen war! Tobend und schäumend stürzten jetzt mächtige Wassermassen dem Kuban zu. Mit jeder Minute wuchs der Strom und fast überfluthete er seine freilich nicht allzu hohen Ufer. Anfangs ging das Durchschreiten noch so ziemlich. Bis an die Brust reichte das Wasser den Infanteristen und sie [407] mußten deshalb Patronentasche und Gewehr hoch über den Kopf halten, um die Munition nicht zu verderben. Bald war jedoch der Fluß so angeschwollen, daß es dem Fußvolk nicht mehr möglich war, hindurchzukommen. Deshalb wurden jetzt die Kosaken zu Hülfe genommen. Hinter sich auf die Gruppe ihrer kräftigen, gewandten Pferde nahm jeder Kosak einen Infanteristen und führte mit erfahrener Hand das treue Thier durch die tobenden Fluthen. Glücklich hatte so die Infanterie und die Verwundeten das jenseitige Ufer erreicht, aber noch standen drüben die Geschütze und Wagen, welche man auf keinen Fall dem Feinde überlassen durfte. Auch für diese wurde Rath geschafft. An jedem Geschütz wurden die vorhandenen Ketten und Taue fest zu einem Ganzen verbunden, dessen eines Ende an dem Geschütz befestigt wurde, während das andere in der Hand der Kanoniere blieb. Diese schwammen nun mit ihren Pferden über den Fluß, hängten das Tau in die Zugseile ihrer Geschirre, trieben die Pferde an und so zogen sie Wagen und Kanonen zum jenseitigen Ufer.

Wiederum wurden die Verwundeten und Todten in Abyn untergebracht, wieder wurde um die Festung herum das Lager bezogen. Wie gar verschieden war unser heutiges Bivouac von dem letzten Male, und nicht einmal Ruhe wurde uns zu Theil, denn um Mitternacht wurde Alles geweckt, und der Weitermarsch angetreten. Es hatte sich nämlich schon in der vorigen Nacht das Gerücht verbeitet, daß die Tscherkessen, unsere Abwesenheit benutzend, Nikolajewka eingenommen, geplündert und angezündet hätten. Man denke sich unsern Schreck! Jeder von uns hatte dort sein, wenn auch noch so geringes Hab und Gut, viele Weiber und Kinder zurückgelassen. Deshalb brach man auch sogleich auf, um den Wald, in dem wir das erste Mal so manche üble Erfahrung gemacht hatten, noch bei Nacht zu passiren, Noworossisk in Eilmärschen zu erreichen und, wenn sich das Gerücht bestätigen sollte, blutige Rache an den Thätern zu nehmen. In möglichster Stille ging der Marsch fort, Niemand sprach, Keiner rauchte, ja die Lunten bei den Geschützen waren versteckt, um durch ihr Glühen die Colonne nicht zu verrathen. Wäre der Weg nicht gar zu kothig und weich gewesen, so hätte man auch die Räder der Fahrzeuge mit Stroh umwickelt gehabt, aber so war dieses theils nicht so nöthig, wie bei hartem Boden, theils auch nicht anwendbar. Glücklich waren wir durch den Wald gekommen, nur die Arriere-Garde befand sich noch darin. Die anbrechende Dämmerung verrieth jetzt dem Feinde unsern Marsch, und wüthend stürzte er sich in Massen auf diese Nachhut, um wenigstens an ihr sich für das Entkommen der Uebrigen schadlos zu halten. Man beschränkte sich nicht mehr auf Tirailleurfeuer, sondern stürmte mit blanker Waffe auf einander los. Besonders zeichneten sich hierbei die Grenadiere des vierten Bataillons aus, die durch ihre Bajonnetangriffe den Feind stets zurückwarfen, und sogar einige Gefangene machten. Das Letztere geschieht nur äußerst selten, denn die Tscherkessen sind schnellfüßig, wie ein Reh, und gewöhnlich nur den Reitern gelingt es, dann und wann Einige gefangen zu nehmen.

Wir schlugen jetzt einen andern Weg ein, der näher sein sollte, doch glaube ich, lag der Grund hierzu mehr darin, daß man nicht nochmals die verwüsteten Gegenden durchziehen, sondern lieber andre aufsuchen wollte, die den Truppen Lebensunterhalt gewähren konnten. Unsere Vorräthe waren nämlich aufgezehrt, da sie nur auf zehn Tage berechnet waren, und es hätte uns auf dem alten Wege leicht so ergehen können, wie den Franzosen auf ihrem Rückzuge aus Rußland, die in den schon durchzogenen Gegenden auch nur Kohlen und Schutthaufen statt Nahrung und Obdach fanden. Gegen Mittag hatten uns die letzten Feinde verlassen. Wir hingen die Büchsen über den Rücken und marschirten nun rasch vorwärts, so daß wir am Abend die größere Hälfte des Weges nach Noworossisk zurückgelegt hatten. Obgleich wir das Wegbleiben der Tscherkessen nur für eine Kriegslist hielten, und für die Nacht einen Angriff erwarteten, so verging doch diese ganz ruhig, ohne daß wir durch einen Schuß gestört worden wären.

Am andern Tage wurde der Marsch mit gleicher Geschwindigkeit fortgesetzt, und wenn wir an der Schlucht des Adagum die Tscherkessen abermals erwarteten, so hatten wir uns, Gott sei Dank, nochmals geirrt. Spät am Abend zogen wir in Noworossisk ein. Die erste Frage war natürlich nach Nikolajewka. „Alles wohl und unversehrt!“ war die ersehnte Antwort, die uns Allen eine Centnerlast vom Herzen nahm. Tapfer, wie vor einigen Tagen in den Feind, hieb jetzt Jeder in das Abendessen ein, denn unsere Magen waren in den letzten Tagen sehr vernachlässigt worden, da wir höchstens Hühner, und auch diese nur äußerst mager, in den Dörfern gefunden hatten.

Am 16. Januar kehrten die Truppen der Expedition wieder nach ihren verschiedenen Garnisonen zurück, um nach einigen Wochen einen ähnlichen Zug wieder zu beginnen, vor der Hand aber sich von den gehabten Strapazen etwas zu erholen.

Nun noch einige Worte über unsere Feinde und ihre Art zu kämpfen.

Die Bergvölker des Kaukasus pflegt man gewöhnlich mit dem Namen Tscherkessen zu bezeichnen, obgleich sie aus einer Menge kleiner Völkerschaften bestehen, von denen nur eine die Tscherkessen sind. In der obigen Erzählung kämpften gegen uns die Stämme der Natchòsch, Schapcùg und Abadsàch. Die Bewaffnung dieser kriegerischen Volksstämme ist so eingerichtet, daß sie sowohl zu Fuß, als zu Pferd kämpfen können, und besteht aus einer Büchse von sehr kleinem Kaliber (Erbsenrohr), einer, zwei und manchmal noch mehr Pistolen, einem Dolch und einem Säbel. Statt dieser beiden letzten Waffen sollen die am caspischen Meere wohnenden Stämme einen circa zwei Fuß langen Dolch haben. Nur selten findet man Bogen und Pfeile noch in Gebrauch. Ihre Patronen, deren sie etwa 16–20 Stück mit sich führen, bestehen aus kleinen hölzernen Röhrchen, welche das Pulver aufnehmen und durch die mit einem Fettlappen umwickelte Kugel fest zugestöpselt werden. Diese Röhrchen stecken sie in lederne Kapseln, welche von der Achsel bis zur Mitte der Brust reichen. Je nach der Breite der Brust und der Stärke der Patronen richtet sich die Anzahl derselben. Die Büchse hängt in einem Filzfutterale über die rechte Schulter auf dem Rücken, der Dolch vorn am Ledergürtel. Den Säbel, welcher weder Parirstange noch sonst eine Vorrichtung zum Schutz der Hand hat, tragen sie beim Gehen an einem schmalen Riemen über der Schulter, beim Reiten um den Leib geschnallt, jedoch immer so, daß er mit der Schärfe nach oben hängt. Derselbe befindet sich in einer hölzernen Scheide, die mit Leder überzogen ist, und in welche die Klinge mit fast dem ganzen Griffe hineinfällt. Die Pistolen stecken eine hinter dem Rücken im Gürtel, eine andere in einem ledernen Futterale, welches vorn am Gürtel an der linken Seite hängt. Führen sie noch eine dritte Pistole, so steckt diese am Sattel. Im Gefecht bedienen sie sich der Feuerwaffen, obgleich sie nur schwach mit Pulver versehen sind; selten greifen sie zur blanken Wehr. Jeden Strauch, jeden Fels, jeden Baum benutzen sie meisterhaft, um von da aus dem Feind eine unerwartete Kugel zuzusenden.

Gewöhnlich jedoch kämpfen sie zu Pferde, und dann ist ihre Gefechtsmethode die der meisten kriegerisch wilden Völkerschaften. Im stärksten Laufe ihrer vorzüglichen Rosse stürzen sie auf die Tirailleurlinie zu, schießen, ohne viel zu zielen, auf 20–35 Schritte los und suchen sich eben so schnell, wie sie gekommen, wieder den russischen Kugeln zu entziehen. Gewöhnlich kämpft Jeder nach eigenem Gutdünken, und nur höchst selten vereinigen sie sich zu einer gemeinschaftlichen Operation; wenigstens habe ich es in den Jahren 1850–1856 in den der Mündung des Kuban zunächst liegenden Theilen des Kaukasus nicht anders bemerkt. Haben sie sich aber einmal zu einem gemeinschaftlichen Unternehmen vereinigt, dann suchen sie dieses auch mit Hartnäckigkeit durchzusetzen, und wir können uns immerhin auf harte Kämpfe, oft mit den blanken Waffen, vorbereiten. Freilich vereitelt auch öfters ihre Uneinigkeit, die besonders beim Vertheilen der Beute nach einem Siege hervortritt, das Unternehmen, oder ihre Absicht wird früh von uns errathen und durch energische Gegenmaßregeln vernichtet. In beiden Fällen kehren sie ruhig in ihre Wohnungen zurück, sich, wie alle Muhamedaner, damit tröstend, daß es von dem unabwendbaren Fatum nicht anders bestimmt war. Kommt es aber doch zum Zusammentreffen, dann bereite man sich auf einen heftigen, wenn auch kurzen Kampf vor. Wie die Katzen kommen sie gewöhnlich des Nachts angeschlichen, nichts verräth ihre gefahrdrohende Nähe. Da blitzt ein Schuß durch die dunkle Nacht, gespenstergleiche Schatten springen hinter jedem Busch und Baum in die Höhe, ein gellendes Geschrei erschüttert Mark und Bein. Die Pistole in der einen Hand, den Säbel in der andern, so stürzen sie in das Lager, Schuß auf Schuß erhellt die Dunkelheit mit grellem Licht, um uns auf Augenblicke den grausamen Feind zu zeigen. Wehe uns, wenn unsere Tirailleurkette die Wüthenden nicht so lange aufzuhalten vermag, bis die Truppen im Lager einigermaßen geordnet sind! Tod oder, was viel schlimmer ist, eine Gefangenschaft, wie sie einst die Christen in den afrikanischen [408] Raubstaaten erdulden mußten, droht dann Jedem, Doch gehört ein gelungener Ueberfall zu den größten Seltenheiten. Unsere braven Soldaten verstehen sich auf diesen Krieg, ihre Reihen sind blitzschnell geschlossen, Salve auf Salve empfängt die Anstürmenden, Kartätschen rasseln in die dichten Haufen, und so schnell, wie sie gekommen, so flüchtig sind sie verschwunden, verfolgt von nachsprengenden Kosaken. Verzweifelter Widerstand gegen sichere, wenn auch schrittweise Unterwerfung, tollkühnes Ungestüm gegen unerschütterliche Ausdauer, Brand und Mord auf beiden Seiten – das ist der Krieg im Kaukasus.




Eine Ruine von Haus aus.

Das besitzhungrige Streben unserer Zeit mag mit Neid auf diejenigen Thiere blicken, welche man geborene Hausbesitzer nennen könnte, ja welche mit einem, ihrem kleinen Bedürfniß angemessenen Häuschen auf die Welt kommen, welches zusehends mit dem Insassen wächst und dabei oft einen hohen Grad von äußerem Glanz erhält, der unsere stuckverzierten Hauser weit hinter sich zurückläßt. Natürlich meine ich die Schnecken mit ihren Häusern und denke dabei auch an die Muschelthiere, deren Schalen der Sprachgebrauch nicht auch Häuser, sondern eben Schalen nennt, obgleich sie eigentlich Dasselbe wie jene sind. Diese Verschiedenheit im Sprachgebrauche hat ihren Grund wohl jedenfalls wie so Vieles in der mangelhaften Anschauung der natürlichen Dinge. Wenn eine Schnecke aus ihrem Gehäuse kriecht und es dann auf dem Rücken mit sich schleppt, so glaubt die Menge, daß dieses eben nun leer sei und bis zur Wiedereinkehr mit fortgenommen werde. Genaueres Hinsehen würde belehren, daß die oberen Umgänge des Schneckenhauses noch ganz erfüllt sind von den weichen Eingeweiden des Thieres und daß es gewissermaßen blos der Stamm des letzteren ist, was sich aus der Mündung des Gehäuses hervorstreckt. Ja der auf Unkenntniß beruhende Glaube geht noch weiter. Da man so viele leere Gehäuse herumliegen und namentlich in feuchten Waldungen so viele Schnecken ohne Gehäuse frei herumkriechen sieht, so glaubt man, die Schnecken könnten ihr Gehäuse willkürlich verlassen. Dies ist bei keiner einzigen der Fall; das Gehäuse ist vielmehr stets durch sehnige Bänder fest an das Thier geheftet, und jene frei herumkriechenden Schnecken sind so unglücklich, keine Hausbesitzer zu sein und nicht einmal zur Miethe wohnen zu können. Die Wissenschaft nennt sie Nacktschnecken.

Wie das Menschengeschlecht, seit es steinerne Häuser aufführen lernte, seine verschiedenen Baustyle hatte, so ist es ähnlich auch mit den Schnecken, indem wir nun die Muschelthiere nicht weiter berücksichtigen, da sie eine ganz andere Thierclasse bilden. Man kann unter den Schneckenhäusern für den ernsten und ehrfurchtgebietenden egyptischen wie für den schmuckvollen gothischen Baustyl Gleichnisse finden. Das Meer scheint der phantasiereichen Entfaltung der Schneckenarchitektur offenbar viel günstiger zu sein, als das Süßwasser oder das trockene Land, denn die Gehäuse der Land- und Süßwasserschnecken kann man meist schon an ihrer Einfachheit und Schmucklosigkeit von den prächtigen Seekonchylien unterscheiden, wie letztere schon durch diesen besonderen Namen vor den bescheidenen Schneckenhäusern bevorzugt werden, während beide doch von Thieren gleicher Rangordnung gebaut sind.

Neben der Auffassung der Schneckengehäuse als Wohnräume, welche der kindlichen Anschauung des Volkes so nahe liegt, kann man dieselben auch als ein äußeres Skelet auffassen, wenigstens in so fern, als dieselben fast eben so unbewußt von dem Thiere durch Kalkausscheidung gebaut werden, wie wir unser Skelet bauen. Doch paßt dieser Vergleich auf die Schneckenhäuser weit weniger, als auf die aus einzelnen Stücken gelenkig zusammengefügten harten Panzer der Krebse und Käfer.

Doch wir kommen zu unserer „Ruine von Haus aus“, eine Bezeichnung, welche auch für manches unserer pilzartig aufschießenden, vom speculativen Capital emporgezauberten Häuser gelten könnte. Freilich trifft unsere ruinenbauende Schnecke nicht der Vorwurf wie letztere.

Im Süden Europa’s und am Nordrande von Afrika, überhaupt im Küstengebiete des Mittelmeeres lebt an feuchten Mauern und unter Hecken und Büschen im modrigen Erdboden eine Schnecke, welche uns Fig. 1. in natürlicher Größe darstellt. Es ist die gestutzte Vielfraßschnecke, Bulimus decollatus. Wir sahen ihr Gehäuse (Fig. 2.) oben abgestutzt und wie abgebrochen und nicht wie gewöhnlich mit kleinen Umgängen anfangend. Jedermann würde glauben, es sei ein schadhaftes Exemplar und das Thier habe das durch das Abbrechen der Spitze entstandene Loch wieder ausgebessert. Es verhält sich aber in der That anders. Verfolgen wir den sonderbaren Ruinenbau vom Anfange bis zum Ende.

Vom Mai an legt die Schnecke 30 bis 40 kugelrunde, schneeweiße, kalkschalige Eier von der Größe eines großen Senfkornes (Fig. 3.) und verbirgt sie in kleinen Grübchen des feuchten Erdbodens. Bricht man kurz vor dem Auskriechen ein Ei auf (Fig. 4.), so findet man darin das junge Schneckenthier bereits mit einem kleinen Gehäuse versehen, welches nicht die mindeste Aehnlichkeit mit dem Mutterthiere hat. Es besteht aus 2 Umgängen und ist beinahe kugelrund (Fig. 5.).


Die Gartenlaube (1858) b 408.jpg

Die abgestutzte Vielfraßschnecke, Bulimus decollatus, und die Entwicklung ihres Gehäuses.

Fig. 1. Das Thier mit seinem Gehäuse; – Fig. 2. letzteres allein, beides in natürlicher Größe; – Fig. 3. ein Ei in nat. Gr.; – Fig. 4. ein altes, vertrocknetes, dem Auskriechen nahe gewesenes Ei aufgebrochen, um das kleine Gehäuse sichtbar zu machen, vergrößert; – Fig. 5. dieses Gehäuse in nat. Gr.; – Fig. 6. ein 6–8 Wochen altes Gehäuse; – Fig. 7. ein etwas älteres, an welchem die erste Beseitigung der Spitze bereits stattgefunden hat; – Fig. 8. vergrößerte Ansicht des Verschlusses nach erfolgter letzter Abstoßung der oberen Umgänge; – Fig. 9. Größe und Form, welche das Gehäuse haben müßte, wenn nicht die Abstoßung der oberen 9–10 Umgänge stattfände; – Fig. 10. innere Ansicht eines der Länge nach durchsägten Gehäuses (Fig. 11. stellt das abgesägte Stück dar), wodurch man die Spindelsäule als Achse des Gehäuses wahrnimmt; ein korkzieherartig gedrehtes Papierstreifchen ist in den Umgängen um die Spindelsäule geschlungen, um die Figur verständlicher zu machen.


Mit dem Eintritt in die Welt erwacht in dem jungen Schneckchen der Bautrieb; es vergrößert sein Gehäuse durch Anbau am Mundsaume, wobei die neuen Umgänge, aber anfangs nur in sehr unbedeutendem Grade, immer etwas höher und weiter werden, weil das wachsende Thierchen einen zunehmenden Raum braucht. Dem jungen Baumeister dient dabei eine ziemlich scharfe Kante als Lehre, welche die Umgänge haben und auf welcher die neuen Umgänge aufgesetzt werden. An Fig. 6. und 7. ist diese Kante mit einem Sternchen bezeichnet. Etwa 6–8 Wochen nach dem Auskriechen aus dem Ei hat das Gehäuse die Gestalt und Große von Fig. 6. erreicht und bis dahin hat das Thier das ganze Gehäuse bis hinaus in die oberste Spitze ausgefüllt, wie es bei allen Schnecken Regel ist. Nun aber wird [409] das Thier von einem unerklärlichen Drange veranlaßt, sich aus den obersten 2 oder 3 Umgängen zurückzuziehen und sie leer stehen zu lassen, indem es diesen leeren Raum durch Errichtung einer Querscheidewand abschließt, gewissermaßen vermauert.

Es ist gerade so, als wenn die Bewohner des obersten Stockes eines Hauses eine Treppe tiefer Wohnung nähmen, und dann die Treppe nach dem verlassenen obersten Stock hinter sich zumauerten. Wie ein unbewohnter Theil eines Hauses auch allmählich verfällt, so geschieht es, nur viel schneller, auch mit dem oberen Theile des Gehäuses unserer Vielfraßschnecke, aus dem sich das Thier herabgezogen hat: er verwittert und bricht ab. Fig. 7. zeigt uns ein noch lange nicht vollendetes Gehäuse, an welchem gleichwohl bereits eine Wohnungsveränderung stattgefunden hat und die obersten Umgänge abgebrochen sind. Nach einiger Zeit rückt das Thier abermals tiefer herab, vermauert wieder die verlassenen Umgänge und diese brechen wiederum ab. Dies geschieht mit jedem Gehäuse 3 bis 4 mal, und währenddem wird unten dasselbe in erweitertem Maßstabe fortgebaut, bis endlich zum Zeichen des Abschlusses des Gehäusebaues der Mündungsrand durch besonders reichliche Ablagerung von Schalensubstanz etwas verdickt und mit einer dünnen lippenartigen Wulst belegt wird (Fig. 2.) Ist dann das Gehäuse fertig, so ist es eben doch nur eine Ruine, die höchstens aus 4 oder 5 Umgängen besteht. Der letzte Abbruch ist nun an der breit abgestumpften Spitze durch die Vermauerung bezeichnet. Fig. 8. gibt uns davon ein vergrößertes Bild und es ist daran die nach Maßgabe des wendeltreppenartigen Raumes des Gehäuses spiral gedrehte Scheidewand mit einem Sternchen bezeichnet.

Unter vielen Hunderten von Exemplaren, die ich in Spanien und Frankreich lebend gesammelt und in Sammlungen gesehen habe, hatte nur eins nach Beendigung des Gehäusebaues noch 8 Umgänge oder Windungen, die übrigen nur 4 und 5, ja einige blos noch 3. Ohne dieses sonderbare freiwillige und mehrmalige Aufgeben eines Theiles des erbauten Hauses würde dieses 14 bis 15 Umgänge und Gestalt und Größe von Fig. 9. haben. Aber ein solches ist meines Wissens noch nie gefunden worden: diese Schneckenhäuser sind eben „Ruinen von Haus aus.“

E. A. Roßmäßler.




Die Frau des Dichters.
(Schluß.)


In ihrer Verzweiflung wandte sie sich an den berühmten Arzt Medicinalrath Stieglitz in Hannover, zu dem sie als nahem Anverwandten ihre Zuflucht nahm. Auf seinen Rath besuchte sie mit Heinrich das Bad Kissingen, ohne jedoch den gewünschten Erfolg zu haben. In der Rückreise begriffen, berührten sie Arolsen, wo Stieglitz geboren war und seine Mutter und Geschwister lebten, aber der Anblick der Heimath konnte ihn nicht erheitern und weckte nur trübe Erinnerungen. Die Medicin, von der sie sich Heilung versprach, wurde zum Gift für ihn; sein düsterer Geist saugte aus der sonnigsten Landschaft nur die verderblichen Dünste und schwarzen Nebel ein; er schien unrettbar den finstern Mächten verfallen.

Charlottens Muth war gebrochen; damals schien zum ersten Male der fürchterliche Entschluß in ihrer Seele dämmernd aufgestiegen zu sein, ihr Leben für den Geliebten zum Opfer zu bringen, mit ihrem eigenen Blute ihn zu erlösen.

„Der Dichter,“ sagte sie zu ihm, „ist wie eine Schlingpflanze. Mit ihm muß man in Eins verwachsen sein oder es ist keine Gegenseitigkeit. Daher kann nur der ihm Freund sein, der an seinem Schaffen und Werden entschieden Theil nimmt. Sobald dieser Freund nichts mehr von der Welt hat, wird er verkommen in sich, während der Dichter nothwendig fortschaffen, ausströmen, der Welt sich hingeben muß, nicht aber mehr dem Freunde. Meine Stellung zur Welt ist mein Leben für Dich. Darum könnte ich auch bei der tiefsten, innigsten Liebe nimmermehr mit Dir in einer Wüste allein leben, ohne zu verkommen, weil ich Dir da nichts mehr sein könnte, und das wäre das Einzige, was ich nicht ertragen würde. Dir muß ich wieder Alles sein, energisch, durchdringend. Darum kann ich ordentlich mit einem Heimweh auf Deine geistige Wiedergeburt hinblicken. Sie wird wiederkommen! gewiß, sie wird wiederkommen. Könnte ich nur, wie ich wollte, sie zu beschleunigen – und wär’ es durch einen Kaiserschnitt – aber wenn er mißlänge?!“

Ein anderes Mal äußerte sie zu Stieglitz:

„Du bist der einzige Mensch, gegen den ich ganz rückhaltlos offen bin; und dennoch hab’ ich ein Geheimniß vor Dir – es betrifft Dich selbst und wird einst vielleicht zu Deinem Besten sich entschleiern, wiewohl es etwas dunkel aussieht.“

In ihr Tagebuch schrieb sie in jener Zeit:

„Die Welt erscheint mir erst jetzt recht heiter, seit ich sie einmal ganz aufgegeben und nun darüberstehend sie betrachte und erhalte. Sie erscheint mir gleichwie im letzten schönen Abendroth, wie beim Sonnenuntergang sie verklärt daliegt.“

Vom Entschlüsse bis zur That ist jedoch noch immer ein weiter und verschlungener Weg; der keimende Gedanke bedarf der Zeit zum Reifen; er liegt mit tausend andern verborgen in der Menschenbrust, bis der Augenblick ihn an das Licht zieht, ein ungeahnter Moment ihn zur rascheren Entwickelung treibt oder für immer vernichtet. Einem Saatfeld gleicht des Menschen Geist, von der Sonne beschienen, vom Thau und Regen des Himmels genährt; nicht jedes Korn geht auf, nicht jeder Halm trägt seine Frucht.

Es kamen wohl auch Tage, wo Charlotte sich neuen Hoffnungen hingab; denn das ist das Eigenthümliche dieser Krankheit, daß sie mit dem Anscheine der Genesung spielt und Stunden der vollkommenen Gesundheit mit verzweiflungsvoller Niedergeschlagenheit abwechseln. – Auf den Rath der Aerzte und Freunde hatte Stieglitz endlich seine amtliche Stellung aufgegeben, die Großmuth des Onkels in Petersburg schützte ihn vor jedem Mangel; aber diese Veränderung entsprach nicht den davon gehegten Erwartungen. Früher wurde Stieglitz durch seine Beschäftigung aus dem Hause geführt und zerstreut, jetzt waren die Gatten auf ein fortwährendes Beisammenleben angewiesen, das für Beide nicht wohlthätig sein konnte, ihn nur noch mißmuthiger machte und Charlotte zum Anhören seiner hypochondrischen Klagen nöthigte. Ihre Gesundheit wurde immer mehr angegriffen und die Aerzte verboten ihr, zu singen, um ihre leidende Brust zu schonen. Damit wurde ihr der letzte Trost geraubt, womit sie die finsteren Geister des Hauses zu beschwören pflegte.

Es waren traurige Tage, die sie von nun an in der Gesellschaft des kranken Mannes verlebte. Am achtzehnten December hatte Stieglitz einen Traum. Es war ihm, als versinke drüben im Flusse, in dessen Nähe seine Wohnung lag, das geliebte Weib; er stürzte ihr nach, schrie und weinte; streckte seine Arme nach ihr aus, um sie den Wellen zu entreißen, aber es war zu spät und Charlotte nicht mehr zu finden. – Als er erwachte und wußte, daß er nur geträumt, überkam ihn ein eigenes Gefühl. Er mußte unwillkürlich an manche ihr entfallene Mahnung denken und beschloß fortan, durch eigene Kraft sich aufzuraffen und die theure Frau durch seine Launen und krankhaften Stimmungen nicht länger zu quälen. Die Möglichkeit ihres Verlustes wies ihn auf seine eigene Energie an und er machte sich mit dem Gedanken vertraut, in edler Resignation seine verlorene Selbstständigkeit wiederzufinden. – Sein Wesen wurde ruhiger und gehaltener. Die wohlthätige Veränderung war Charlotten nicht entgangen und als sie nach dem Grunde forschte, nahm er keinen Anstand, den Traum der Nacht ihr mitzutheilen.

„So?“ sagte sie, gedankenvoll lächelnd. „Also das kann Dir helfen? Nur so ist es recht. Ja, ja, nur aus der Tiefe des Schmerzes, nur aus der echten Resignation kommt uns die rechte, die dauernde Kraft, die hohe Ruhe des Geistes, ohne die nichts wirklich Großes geschieht. Halte nur fest an Deinem Vorsatze und sie wird Dir werden.“

So bestärkte sie sich immer mehr in dem Entschlusse; er selbst gab ihr ohne sein Wissen die tödtende Waffe in die Hand. Sein Aufraffen zu erneuter Thätigkeit war ebenfalls nur vorübergehend, bald verfiel er wieder in jenen Zustand geistiger Lähmung, der keine gedeihliche Arbeit aufkommen ließ. Trostlos schleppten sich die Tage hin; am Abend saßen Beide in selbstgewählter Einsamkeit; nur selten ließ sich einer der alten Freunde sehen, verscheucht von der melancholischen Stimmung oder abgehalten von dem egoistischen Treiben der großen Stadt. Der einförmige Schlag der Uhr, die von der Kammer hereintönte, unterbrach mit schauerlichen Takten [410] die Stille, in der sich zwei zum Glück vor Allen berechtigte Wesen in unheilbar gewordener Gemüthsverwickelung gegenübersaßen. Unheimliche Vorzeichen, woran sich der gemeine Aberglaube hält, vermehrten die Beklemmung; die Möbel krachten hin und wieder gespenstisch und die obere Platte von Charlottens Schreibebureau zerbarst einmal schreiend, daß Heinrich entsetzt zusammenfuhr, während sie mit einem erzwungenen Scherz ihn zu beruhigen suchte.

Den einmal aufgetauchten Gedanken verfolgte von nun an Charlotte mit der ihr eigenen Willensstärke. Sie fühlte die Nothwendigkeit der That, von der sie sich einzig und allein Rettung für den Unglücklichen versprechen konnte. Durch ein gewaltsames Ereigniß sollte Stieglitz aus seinem dumpfen Hinbrüten aufgerüttelt werden, sie selbst wollte sein Arzt sein, aber in ihrer eigenen krankhaften Verblendung irrte sie sich in der Wahl des Mittels; auch sie war nicht mehr gesund, nicht so zurechnungsfähig, um den richtigen Weg zu seiner Heilung einzuschlagen. Seine Verwirrung und Reizbarkeit hatte sie angesteckt und ihren klaren Verstand getrübt. Der Tod schien ihr nur noch die einzige Hülfe zu sein und zwar ihr Tod, der dem kranken Manne seine Selbstständigkeit wiedergeben, ihn zu neuem Leben erwecken sollte.

Der alte Glaube an die versöhnende Kraft des „Menschenopfers“ war unbewußt in ihrer Seele aufgestanden, ein Glaube, welcher vielleicht mit ihren früheren religiösen Schwärmereien innig zusammenhing.

In der Fülle ihrer überschwänglichen Liebe wollte sie sich selbst zum Opfer bringen; sie war nicht Mutter; kinderlos blieb all’ ihr Denken und Fühlen nur auf den einen Punkt gerichtet, kein anderer Gegenstand zog sie davon ab; ihr Leben hatte nur so lange einen Werth für sie, als sie Heinrich damit nützen konnte; sie gab es hin, da ihr Tod nach ihrer Meinung ihn allein von dem Banne der Krankheit zu befreien vermochte. Dieser Entschluß war in ihr nach und nach zur Gewißheit geworden und sie ging an die Ausführung desselben mit ruhiger Besonnenheit, mit klarem Bewußtsein, das höchstens durch die Sophistik ihrer Liebe getrübt war. Sie rechnete noch einmal im Stillen mit sich ab und prüfte ihre bisherige Handlungsweise; sie konnte sich das Zeugniß geben, nichts für Heinrich unversucht gelassen, Alles gethan zu haben, was irgend erdenkbar, und dennoch fruchtlos!

Was blieb ihr nach all’ den Anstrengungen zu thun noch übrig, als für ihn zu sterben?

So kam der neunundzwanzigste December heran; Charlotte war zur That bereit, nachdem sie sich immer mehr darin bestärkt und vorbereitet hatte. Der Abschied von der Welt konnte ihr nicht schwer fallen, da sie nach und nach die irdischen Bande leise und unmerklich abgestreift. Ihr Geist schwebte bereits in einer höheren Welt, während sie noch zerstreut mit seltsam glänzenden Augen wie ein verklärter Geist auf dieser Erde herumwandelte. Heinrich war an diesem Tage abwechselnd wohler und dann wieder tief verstimmt, wie dies in der wunderlichen Natur seines Nervenleidens lag. Nach Tische kam eine Einladung zu der Ries’schen Quartettmusik für den Abend, die auch von ihm angenommen wurde. Von diesem Augenblick an war Charlotte plötzlich ernst und still. Sie sagte ihm noch nicht, daß sie ihn auf den Abend nicht in das Concert begleiten wollte.

Gegen Abend legte sie sich ermüdet auf das Sopha, sie bat ihn, allein oder in Begleitung eines in der Nähe wohnenden Freundes zu gehen, da sie der Ruhe bedürfe.

Er versprach, deshalb zeitiger zurückzukehren.

„Nein, Heinrich!“ sagte sie eindringlich. „Du mußt das Concert aushören! Versuch’ es wieder einmal, ob Du Musik mit Ruhe anhören kannst; besonders zwinge Dich, den aufregenden Beethoven wieder zu ertragen und zu bewältigen.“

Es lag ihr Alles daran, daß er nicht vor der Zeit, die sie zur Ausführung ihrer That bedurfte, wiederkäme.

„Hörst Du,“ fügte sie hinzu, „sei ruhig, mein Heinrich! Was soll denn nun noch aus Dir werden, da Alles mit Dir geschehen, was wir heilsam glaubten? Nur Resignation kann Dir helfen. Ruhig mußt Du werden, Dich in Dir selbst zusammenfassen! Man muß erst Alles aufopfern, um den Frieden und die Erlösung zu gewinnen. Ist das nicht auch die Bedeutung von dem Opfertode des Herrn?“

Sie drückte ihm die Hand; er küßte sie auf die Stirn und ging ohne jede Ahnung ihres Entschlusses. Kein Ton, kein Blick verrieth ihm ihre innere Bewegung, als sie so für immer von ihm Abschied nahm.

Sie war allein; draußen lag die öde Winternacht auf dem einsamen Schiffbauerdamme, wo sie wohnten. Wenn sie an’s Fenster trat, erblickte sie den Mond in schneidender Klarheit, die dunkle Spree und die gegenüberliegenden eingeschneiten Gärten und Häuser. Es war hell und kalt und ein leises Frösteln mochte sie wohl beim Anblick dieser melancholischen winterlichen Umgebung beschleichen. Nur das Dienstmädchen, welches ihr sehr ergeben war, verweilte in der Nähe; sie rief es, um ihm einige Auftrage zu ertheilen. Ihm war der besonders milde und freundliche Blick der Herrin aufgefallen, die, mit der Lampe in der Hand, vor ihr stand und sie verabschiedete.

Nur zwei Stunden hatte sie noch bis zur Rückkehr ihres Mannes Zeit; sie mußte sich beeilen, da sie noch viel zu thun hatte.

Sie legte mit rührender Sorgfalt das Geld für Heinrich heraus, das sie bisher immer in Verwahrung gehabt, und einige Sachen, die er zunächst brauchen konnte; dann setzte sie sich an den Schreibtisch und schrieb, während ihre Thränen leise fielen:

„Unglücklicher konntest Du nicht werden, Vielgeliebter! Wohl aber glücklicher im wahrhaften Unglück! In dem Unglücklichsein liegt oft ein wahrer Segen, er wird sicher über Dich kommen!!! Wir litten Beide ein Leiden, Du weißt es, wie ich in mir selber litt, nie komme ein Vorwurf über Dich, Du hast mich vielgeliebt! Es wird besser mit Dir werden, viel besser jetzt, warum? ich fühle es, ohne Worte dafür zu haben. Wir werden uns einst wieder begegnen, freier, gelöster! Du aber wirst Dich noch hier herausleben und mußt Dich noch tüchtig in der Welt herumtummeln. Grüße Alle, die ich liebte und die mich wieder liebten! Bis in alle Ewigkeit!
Deine Charlotte.
„Zeige Dich nicht schwach, sei ruhig und stark und groß!“

Diesen Brief, den sie absichtlich auf einen großen Bogen von starkem Papier geschrieben hatte, damit er nicht übersehen würde, legte sie zu dem Gelde in das Pult, wo sie in glücklicheren Tagen die ihm zugedachten Ueberraschungen, neckende Notizen und schalkhafte Erinnerungen zu bergen pflegte. Ihre Handschrift war in diesen letzten Zeilen fest und zeigte nur auffallend große Buchstaben. Einige Mal mußte sie heftig geweint haben, besonders waren die Worte „in der Welt herumtummeln“ am stärksten von ihren Thränen benetzt.

Jetzt warf sie vielleicht, von dem lauernden Dämon des Wahnsinns fortgerissen, den kleinen Pelzmantel und die Boa ab, welche sie gewöhnlich trug, und schleuderte sie an die Erde, wo sie in der Mitte der Stube gefunden wurden. Sie nahm das Licht, und eilte in ihre Schlafkammer mit dem Dolch, den sie als Braut für Stieglitz gekauft hatte.

Hier mußte ihre frühere Ruhe zurückgekehrt sein, wofür die besonnene Ausführung ihres Entschlusses ein klares Zeugniß gibt. Nicht in wilder Verzweiflung, mit ernstem Bewußtsein brachte sie sich selbst zum Opfer dar.

Sie stellte das Licht auf den Nachttisch und begann sich zu entkleiden, wusch sich erst, that ein reines, weißes Nachtkleid an und bedeckte das Haupt mit einem reinen, weißen Häubchen. So angethan, legte sie sich, wie sonst zum Schlummer, jetzt zum ewigen Schlaf in ihr Bett, und senkte hier mit furchtbar sicherer Hand den Dolch in das Herz. Sie behielt noch so viel Kraft und Ruhe, den Dolch aus der Wunde herauszuziehen und neben sich zu legen; dann deckte sie die rechte Hand auf die blutige Brust, mit der linken zog sie das weiße Betttuch bis an den Hals herauf.

So erwartete sie, das Haupt ruhig in die Kissen gedrückt, den nahen Tod; kein Schrei, kein Laut verrieth ihren Schmerz; endlich jedoch konnte sie das unwillkürliche Stöhnen der röchelnden Lungen nicht mit dem Aufgebote ihrer letzten Willenskraft überwinden. Das in der anstoßenden Küche verweilende Mädchen wurde aufmerksam; es rief und die Nachbarn eilten herbei. – Als die Thür geöffnet wurde, verhauchte Charlotte ihren letzten Seufzer. Sie lag in wunderbarer Milde da, einer Schlafenden gleich, in so ruhiger Haltung, ohne jede Spur des Todeskampfes, daß die Wunde als Ursache ihres Todes selbst von dem herbeigerufenen Arzte erst später entdeckt wurde. Die Wange war noch roth, die Hände leise heruntergeglitten, kaum einige Finger krampfhaft verzogen, nur um den Mund zeichnete sich ein scharfer, trüber Zug, der die Welt anzuklagen schien.

Eine halbe Stunde später kam Heinrich, nichts ahnend, aus dem Concert; die Musik hatte ihn heiterer gestimmt als sonst; er [411] hatte sich, wie dies in seiner Natur lag, neuen Hoffnungen hingegeben, neue Lebenspläne gefaßt, die er nach seiner Gewohnheit Charlotten mitzutheilen gedachte. In einer romantisch gelegenen Bergstadt, die auch ihr immer gut gefallen, wollte er mit ihr von nun an leben und in dem Schoße der Natur für Beide Stärkung und Genesung suchen. Er war noch voll von diesen freundlichen Gedanken, die er mit dichterischer Phantasie sich unterwegs ausmalte, als er in das Zimmer trat, wo er seine Frau als Leiche fand.

Mit einem lauten Schrei stürzte er zu Boden.

Er erholte sich zwar, der furchtbare Schlag hatte ihn nicht getödtet, aber auch Charlottens schwärmerische Aussichten auf seine geistige Erhebung in Folge einer solchen Katastrophe nicht gerechtfertigt. Sie hatte sich über die Wirkungen ihres Opfertodes in Bezug auf ihn getäuscht; die von ihr erwartete Erlösung trat für ihn nicht ein. Stieglitz verließ Berlin und zog nach dem Süden, wo er in Venedig starb, ohne die Hoffnungen, welche er bei seinem ersten Auftreten als lyrischer Dichter erregt hatte, zu erfüllen.

Auf dem Sophienkirchhof in Berlin ruht unter dem schlichten Grabstein Charlotte Stieglitz, die Frau des Dichters, die aus übergroßer Liebe für ihn sich selbst den Tod gegeben hat.

Was die irdische Liebe geirrt und gefehlt, hat ihr die himmlische des milden, göttlichen Richters gewiß verziehen.

Max Ring.




Eine Seemannsfamilie.
Norddeutsches Küstenbild. Von A. v. Wickede.

Auf eine von allem regeren Verkehr abgeschnittene tiefsandige Landzunge, die sich an der norddeutschen Seeküste weit in die kurzrollenden Wellen der klaren Ostsee hineinerstreckt, wollen wir unsere Leser hier führen. Ein gar einsamer Platz, wie man solchen – außer in den entlegensten Thälern der Hochalpen – nicht leicht in ganz Deutschland wieder finden wird, ist es, auf dem eine Seemannsfamilie ihre Heimathsstätte errichtete. Fast eine Stunde weit entfernt liegt das große Stranddorf, in das diese Familie eingepfarrt ist, und viel näher wird man auch im ganzen Umkreise keine andere Wohnung finden können.

Trotz dieser Entfernung gehen im Winter die Kinder doch tagtäglich regelmäßig in die Schule des Dorfes und an Sonn- und Festtagen wird so leicht kein in der Heimath anwesendes Glied der Familie den Gottesdienst in der Kirche versäumen. Mag der Nordost auch noch so gewaltig auf dieser schmalen, ganz dem Ungestüm der Winde preisgegebenen Landzunge toben oder das dichteste Schneegestöber bis auf wenige Schritte den freien Blick versperren, deshalb versäumt weder der alte zweiundsiebzigjährige Großvater, noch das jüngste Enkelkind, ein blühendes, rothbackiges Mädchen von zehn Jahren, jemals die Kirche. Wer dieser Familie angehört, der ist gegen jede Ungunst der Witterung von frühester Kindheit an gekräftigt und wird die Verweichlichung so vieler Städter hierin kaum begreifen können. Sturmwind oder Schneegestöber, glühende Sonnenhitze oder eisige Kälte macht diesen abgehärteten Menschen hier wenig aus und sie lassen sich in ihren Gängen und Beschäftigungen durch solche Hindernisse nicht stören. Versäumt aber wirklich Jemand den sonntäglichen Gottesdienst, so liest er in der Zeit desselben sicherlich in der alten, großgedruckten Bibel mit dem abgenutzten, schwarzen Ledereinband, die schon über hundert Jahre ein hoch in Ehren gehaltenes Besitzthum der Familie war. Wahre Gottesfurcht ohne jegliche Heuchelei ist hier heimisch und die Kinder beschließen stets ihr Tagewerk mit dem lauten Beten des Abendsegens. Einen gleich frommen Sinn wird man übrigens in den meisten deutschen Seemannsfamilien sowohl an der Ost- wie Nordseeküste finden.

Nur ein schmaler Fußweg, der kaum für einen niedrigen Bauernkarren fahrbar sein dürfte, führt durch weite Tannenwaldungen aus dem Kirchdorfe zu dieser menschlichen Wohnstätte. Kaum dürfte ein fremder Wanderer – wenn überhaupt sich ein solcher jemals in diese entlegene Gegend verirren sollte – hier noch eine Ansiedelung von Menschen erwarten, so still und öde ist Alles ringsumher. Seitdem das Gehöft hier erbaut wurde, hat nie ein Wagen davor gehalten oder ein Pferdehuf den dahinführenden Pfad betreten. Was nicht auf den Schultern kräftiger Menschen hierher getragen wird, das findet seinen Platz in dem leichten, aber dabei stark gebauten Segelboote, was hier bei jeder Gelegenheit die Stelle des Wagens vertreten muß und in dessen sicherer Handhabung alle Familienglieder, gleichviel, ob Mann oder Weib, von frühster Kindheit an geübt werden. Von zwei Seiten umgibt das offene Meer die kleine Landzunge, auf der das Wohnhaus, mit dem niedrigen Viehstall daneben, erbaut wurde, während landwärts ein mit Strandhafer dünn bewachsener Dünenhügel das Ganze von den Waldungen trennt.

Glück und Zufriedenheit, wie solche in dem elegantesten Hause der glänzendsten Residenz nicht größer gefunden werden könnten, haben in diesem Gehöfte ihren Sitz aufgeschlagen. Schon das Aeußere des Wohnhauses zeigt eine gewisse Wohlhabenheit des Besitzers. Es ist zwar nur ein Stockwerk hoch, um so den heftigen Stürmen besser Widerstand leisten zu können, aber lang und ziemlich geräumig. Man sieht dem ganzen Gebäude sogleich an, daß es anfänglich kleiner war, allmählich aber, wie die Familie sich mehr vergrößerte, auch wiederholt einen neuen Anbau erhielt, um allen Gliedern derselben ein Obdach gewähren zu können. Drei Schornsteine dampfen von dem rothen Ziegeldach, das, je nach seinem Alter, sich schon in verschiedenen Färbungen zeigt, und zwei Hausthüren führen in das Innere.

Von den Söhnen dieser Familie haben drei sich bereits verheirathet und eine eigene Familie gegründet. Die alte Heimath war ihnen so an das Herz gewachsen, daß sie es vorzogen, dem Vaterhause stets einen neuen Anbau zu geben, statt sich anderswo niederzulassen.

Das ganze Wohnhaus und die Ställe daneben haben einen Anstrich von hellgrauer Farbe, während die vielen Ständer und Balken in den Wänden mit braunrothem Theer, die Thüren, Fensterrahmen und Läden aber mit grüner Oelfarbe angestrichen sind. Alljährlich zwei Mal wird dieser Anstrich, den der alte Famlienvater immer eigenhändig besorgt, regelmäßig erneuert und glänzt daher stets in den frischesten Farben, wie man überhaupt an dem ganzen Gehöfte nirgends die mindeste Spur von irgend einer Vernachlässigung oder Unordnung entdecken wird. Wie auf seinem Schiffe auf der See, so wird der tüchtige Seemann in seinem Hause auf dem Lande nirgends Unordnung und Verfall dulden. So etwas bessert er sich gewöhnlich selbst mit geschickter Hand aus, denn ein vielerfahrener Seemann pflegt fast immer dem Schiffszimmermanne die Handgriffe abgelernt zu haben, und Pinsel und Farbetopf ebenfalls geschickt zu gebrauchen.

Eine ziemlich hohe und starke Hecke von Weißdorn umgibt Haus, Garten und Hof und verleiht einigen Schutz gegen die heftigen Winde, die gar viele Tage im Jahre ihr Spiel hier treiben. Hohe Obstbäume trägt der Garten zwar nicht, denn der Boden ist für dieselben hier zu dürftig und der Wind zu heftig, aber Kohl, Kartoffeln und andere gewöhnliche Gemüse gedeihen vortrefflich in ihm und an den Seiten finden immer noch einige Blumenbeete Platz. Mit großer Sorgfalt ist dieser Garten angelegt und fruchtbare Erde aus der Ferne herbeigeholt worden, den Sandboden mehr zu verbessern. Schiffe, die Getreide nach Bordeaux bringen und dort nicht immer wieder volle Ladung bekommen können, pflegen mitunter Gartenerde als Ballast einzunehmen und nach dem heimischen Hafen zurück zu führen. Durch solche französische Erde ist theilweise auch dieser Garten auf der entlegensten Landzunge der norddeutschen Ostseeküste verbessert worden, während die Breter im Hause auf schwedischen Sägemühlen geschnitten, die Klinkersteine – mit denen der Fußboden ausgelegt und die Oefen erbaut sind – aber in holländischen Ziegeleien gebrannt wurden. Hier an diesen Seeküsten erscheint den Bewohnern das europäische Küstenland, was sie auf ihren Schiffen erreichen können, ungleich näher, als eine Binnenstadt, die vielleicht nur eine Meile landeinwärts davon liegt. Es gibt gar manche alte Schiffer, die alle Meere der Welt vielfach durchkreuzten, in ihrem ganzen Leben aber noch niemals nur einige Meilen landeinwärts gekommen sind. So auch die so eben geschilderte Familie, die es für schwieriger halten würde, mancherlei Bedürfnisse nur einige Meilen weit aus dem inneren Lande, als aus England, Holland, Frankreich und Schweden zu erhalten.

Schildern wir nun, bevor wir das Innere dieses so freundlich und behäbig aussehenden Hauses betreten, zuerst die am meisten hervortretenden Glieder der Familie, die es bewohnt. Zuerst den [412] Gründer und Patriarch des Ganzen, den alten, ehrwürdigen Schiffer. Schneeweiß ist schon sein spärliches Haar, denn an siebzig Jahre, größtentheils in schwerer Arbeit vollbracht, bleichten dasselbe. Das Gesicht, von Wind und Wetter gefärbt, zeigt unzählige Falten und Runzeln, die unter dicken, weißen Brauen schon etwas tiefliegenden, hellblauen Augen bewahrten aber noch einen scharfen und klaren Blick. Wohl an sechs Fuß hoch steht der Alte in seinen Schuhen und Brust und Arme haben eine dieser Größe entsprechende Breite und Stärke, während die Beine verhältnißmäßig viel schwächer gebaut sind. Bei allen Schiffern und Fischern, die ihr Leben größtentheils auf der Ruderbank sitzend verbrachten, sind die Arme und der Brustkasten durch die Anstrengung des Ruderns häufig im Verhältniß ungleich stärker ausgebildet, als die Beine, die nur selten angestrengt wurden. Unser alter Seemann kann auch nur noch am Krückstocke gehen und wenn er regelmäßig des Sonntags zur Kirche wandert, muß er, auf den Arm seiner jüngsten Tochter gestützt, langsam dahin schleichen. Sitzt er aber erst einmal im Boote, so weiß er die langen, schweren Schlagruder noch mit voller Kraft zu führen und bei den Fischernetzen gleich dem kräftigsten Jünglinge zu arbeiten. Eigenthümlich sieht es aus, daß dem Greise sein linkes Ohr scharf vom Kopfe abgeschnitten ist. Der Säbelhieb eines algerischen Corsaren, der das Schiff, auf dem der alte Claus damals als rüstiger Steuermann diente, entern wollte, hatte dies gethan, war aber von ihm dafür mit einer Axt sogleich zu Boden geschlagen worden.

In seiner Jugend hatte der „Großvater", so ward der Alte allgemein von allen Familiengliedern und selbst von den eigenen Söhnen genannt, ein sehr bewegtes Leben geführt, und wenn er gerade besonders guter Laune war, so liebte er es, in den langen Winterabenden hie und da Manches von seinen früheren Fahrten zu erzählen. In den westindischen Gewässern besonders hatte er lange gedient, und war mehrere Jahre erster Steuermann auf einem spanischen Kriegsschooner gewesen. Während der Napoleonischen Continentalsperre hatte er als Eigenthümer einer kleinen Schaluppe viel Schmuggelhandel getrieben, große Summen dabei verdient, freilich aber auch – wie das gewöhnlich bei solchen unregelmäßigen Geschäften zu gehen pflegt – wieder verloren. So viel war aber doch dabei übrig geblieben, daß er hier sich ein Haus erbauen und überhaupt den Grund zu einem behaglichen Wohlstand für die ganze Familie legen konnte. Seit mehreren Jahren trieb der Großvater mit Hülfe seiner Enkelsöhne nur Fischerei, und zwar nicht für den Verkauf, sondern lediglich für den eigenen Bedarf der Familie. Freilich war derselbe nicht gering, denn der Familienmitglieder gab es viele, der Appetit war stark, und frische Seefische kamen fast jeden Mittag auf den Tisch, wie sie getrocknet, geräuchert oder eingesalzen auch selten beim Abendessen oder dem zweiten Frühstück fehlten. Auch die Schweine, Katzen und Hunde der Familie verzehrten viele Fische. Nicht mit Unrecht führt diese ganze Strandgegend den Namen „das Fischland." Wer ein Freund von Schollen, frischen, geräucherten oder eingesalzenen Heringen und anderen Seefischen ist, der gehe hierher, er kann seinen Appetit darnach zur Genüge befriedigen.

Die Ehegattin des alten Familienhauptes war jetzt ein kleines, zusammengetrocknetes Mütterchen, der man es nicht ansehen konnte, daß sie einst acht starken, blühenden Kindern das Leben gegeben hatte. Stets reinlich und ordentlich gekleidet, das weiße Haar unter einer Mütze versteckt, war sie, trotz ihres hohen Alters, den ganzen Tag noch unermüdlich auf den Beinen, und erklärte besonders jedem Staub- und Schmutzflecken im Hause den Krieg. An den langen Winterabenden spann sie fleißig, und der größte Theil des Garnes zu den großen Fischernetzen der Familie war aus ihren thätigen Händen hervorgegangen. Gleich den meisten Frauen in diesen Strandgegenden war auch diese alte Hausmutter während ihres langen Lebens niemals aus der Heimath fort gewesen. Mann und Söhne hatten die ganze Erde durchmessen und es gab keinen Welttheil, in dem sie nicht einst gelandet waren, für sie selbst und alle ihre Töchter aber war eine Fahrt nach dem ungefähr fünf Meilen weit entfernten Stralsund die größte Reise, die sie jemals gemacht, und dieselbe bildete noch jetzt ein vielbesprochenes Ereigniß in ihrem einförmigen Leben.

(Schluß folgt.)


Blätter und Blüthen.

Der Nestor der Gemsjäger starb kürzlich in seinem 85. Lebensjahre in seiner Heimath, dem glarnerischen Flecken Ennenda. Es war dies Rudolf Bläsi von Schwanden, ein kühner, waghalsiger Mann, der sehr viel erzählen konnte. Er pflegte jährlich seine 30 bis 40 Gemsen zu schießen und hatte dieses gefahrvolle Gewerbe unverletzt und glücklich bis in sein 50. Lebensjahr fortgesetzt. Da aber streckte der Tod schon einmal seine Faust gegen den Abenteurer aus. Eines Tages zog er mit seinem Freunde und Gefährten Walcher das wilde Sernftthal hinauf, aus welchem zwei der rauhsten und gefährlichsten Paßwege über den Schneekamm der zerrissenen Gebirge nach dem bündnerischen Vorder-Rheinthal führen. Den einen überragt das eisbedeckte Felshorn des Tschingels. In dessen Nähe trennten sich die Jäger, indem sie Beide die unzweifelhaften Spuren eines Gemsbockes verfolgen wollten, der ihnen nicht entgehen konnte, wenn sie, wie sie verabredeten, auf der Alp Falz wieder zusammenträfen. Bläsi trifft das Thier auf seinem Wege auch an und verfolgt es eifrig, ihm von Absatz zu Absatz nachkletternd. In seiner Hitze überspringt er zuletzt auch eine tiefe, gähnende Kluft, bemerkt aber, als er sich jenseits befindet, mit Grausen, daß ihm der Rückweg abgeschnitten, indem er von dem höheren Absatz nach dem niederen gesprungen. Dicht vor ihm aber ragt eine glatte, kahle Felswand zum blauen Himmel empor. Er hält sich für verloren, sucht sich jedoch in sein Schicksal zu ergeben. Die Nacht bricht herein, ihre Schrecken aber werden durch ein starkes Gewitter erhöht, das sich neben und unter dem Unglücklichen entladet. Da der Felsabsatz zu schmal ist, um sich setzen oder legen zu können, muß er, auf seine Büchse gestützt, stehend ausharren: eine Bewegung und der bodenlose Abgrund verschlingt ihn. – Inzwischen ist sein Jagdgenosse auf dem Orte des Stelldicheins angelangt, wo er, obwohl in einer Sennhütte, die Nacht ebenfalls schlaflos, weil besorgt und bekümmert um seinen Cameraden, zubringt. Bei Taqesanbruch macht er sich, mit einem Seile versehen, auf, den vermuthlich todten Freund aufzusuchen. Bis 11 Uhr Morgens irrt er umsonst umher, da endlich bringt ihn der Zufall an den Rand jener Felswand, an welcher er den Vermißten wie angeklebt stehen sieht. Wie wird aber Bläsi zu Muthe, als er plötzlich den Freund rufen hört und ihn über seinem Haupte erblickt! Walcher läßt sofort das Seil hinab und es gelingt ihm, den Todgeweihten glücklich zu sich heranzuziehen. Allein diese Nacht hatte hingereicht, dem rüstigen Manne die Haare gänzlich zu bleichen.

Einige Jahre nach diesem Vorfalle ward es aber Bläsi, trotz der fortgesetzten Gemsjagden, in seiner Heimath zu eng und langweilig. Er wanderte nach Amerika aus und begab sich dort in den äußersten Westen der Vereinigten Staaten, wo er der Anführer einer Jagdgesellschaft ward und mannichfache Abenteuer zu bestehen hatte. Allein trotzdem und obgleich es ihm wohl erging, kehrte er schon nach einigen Jahren nach den Felsenthälern von Glarus zurück: das Heimweh litt ihn nicht mehr drüben. Da machte es ihm aber Vergungen, von seinen Jagden und Erlebnissen in den Urwäldern erzählen zu können. Der kühne Jäger mußte aber zuletzt auf einem langwierigen, schmerzensvollen Krankenlager sterben.

– d.


Wien vor hundertundzwanzig Jahren. An Gottsched schrieb einer von dessen Verehrern am 1. März 1738 aus Wien:

„Die hiesige Sprache ist zwar nicht die beste, doch finde ich sie so schlecht nicht, als ich glaubte. Mich deucht, daß sie zuweilen der niedersächsischen nahe kommt, und mehr als in Sachsen so geredet wird, als man schreibt. Ich habe von gebornen Wienern die Redensarten gehört, woran man sonst die Niedersachsen erkennt, z. B. ich bin lange, schämen Sie sich was. Die Geschlechter der Wörter sind zuweilen ganz verschieden. Man sagt hier z. B. der Butter, der Bier. Zu manchen Wörtern setzt man ein n: man sagt hier nicht die Suppe, sondern die Suppen. Die Doppelbuchstaben redet man ganz vernehmlich aus und man macht z. B. aus dem Worte Wien zwei Sylben. Die Wörter, welche eine Sache als klein beschreiben sollen, haben hier am Ende weder das sächsische chen, noch das schwäbische l, sondern erl, und man sagt nicht Tischchen, nicht Tischl, sondern Tischerl. Von Provinzialredensarten habe ich folgende angemerkt: die Accise heißt hier Mauth, ein Fächer ein Waderl, der Mund Goschen, die Mücken nennt man Gäseln, Gurken Omürken, Hahnbutten Hietschbietsch. Anstatt befehlen spricht man schaffen: was schaffen Sie? Wie man in Sachsen das hören Sie einschaltet, so bringt man hier das schauen Sie immer an. Nirgends habe ich die Sprache schlimmer gefunden, als im Bambergischen und Bayerschen, woselbst ich alle Mühe gehabt habe, die Leute zu verstehen.

Der Geschmack ist hier, zum wenigsten unter den Evangelischen, nicht so gar verderbt. Man hält Günthers und Opitzens Gedichte hoch; ich habe hier Leute von beiderlei Geschlecht gefunden, die ganze Stücke aus den Schweizer-Gedichten auswendig wußten, und sich das schöne Gedicht des Herrn Dr. Haller auf den Tod seiner Liebsten als ein Meisterstück aus den Zeitungen abgeschrieben hatten.

Die Musik ist hier in ganz ungemeinem Flore; man liebt dasjenige am meisten, was melodisch und singbar ist; daher weder Bach noch Gadebusch Beifall finden. Die Faustina, welche sich noch bei ihrer letzten Durchreise hat hören lassen, gilt hier wenig, weil man glaubt, daß sie ihre Stimme schon verloren habe und anitzo mehr belle als singe. Am Donnerstage war am Hofe zum ersten Male ein Oratorium, das ich auch gehört. Die kais. Castraten sangen unvergleichlich, aber die Musik war gar zu traurig und tragisch, und so muß sie sein, wenn sie dem Kaiser gefallen soll.

Die hiesige Lebensart gefällt mir ungemein, sie ist so ungezwungen und vertraulich, als an irgend einem andern Orte. Die spanischen Complimente und Ceremonien sind nur am Hofe und bei feierlichen Begebenheiten gewöhnlich, aber im gemeinen Umgange, auch mit den Vornehmsten, kann man sich dadurch lächerlich machen.“


Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.