Die Gartenlaube (1858)/Heft 38

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1858
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 38. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Leyer und Schwert.
Historische Novelle von Max Ring.
(Fortsetzung.)


Neben dem flotten Studenten stand der ruhige Bürger, der fleißige Beamte, der kräftige Bauer. Der Unterschied der Stände schien vollkommen aufgehoben und die ganze Nation glich einer riesigen Familie von gleichgesinnten Brüdern. Der einseitige, provinzielle Geist war verschwunden, es gab jetzt keine Schlesier, keine Sachsen, Brandenburger, Ost- und Westpreußen mehr; nur ein Volk, erfüllt von der erhabensten Begeisterung.

Das war eine herrliche Zeit, ein mächtiger Völkerfrühling voll göttlicher Blüthen!

Jedes Herz fühlte sich gehoben, jede Kraft entfaltete frei ihre Schwingen. Der niedrige Egoismus mußte vor dem gewaltigen Aufschwunge, vor dem frischen Enthusiasmus weichen. Der Gelehrte verließ seine Studirstube, der Landmann seinen Pflug, der Schreiber warf die Feder hin, um nach der Büchse zu greifen. Auf den Altar des Vaterlandes legte Jeder seine Opfer nieder, der reiche Mann seine Schätze, die arme Wittwe ihren Trauring, das Höchste, was ihr übrig geblieben. Eine Jungfrau Breslau’s, welche das schönste blonde Haar besaß, hatte sich dasselbe abschneiden lassen und verkauft, weil sie nichts bieten konnte, als diesen einzigen Schmuck, den ihr Gott gegeben. Aus ihren Locken wurden Ringe geflochten und zu hohen Preisen bezahlt als ein Andenken ihrer hochherzigen Gesinnung.

Die Straßen waren mit Kanonen und Munition angefüllt; in den Werkstätten wurden Geschütze gegossen, Lafetten gebaut und alle Handwerker arbeiteten unablässig bei Tag und Nacht an der Ausrüstung des Heeres. Wer nicht als Krieger mitgehen konnte, blieb darum nicht zurück und förderte in seiner Weise das Werk der Befreiung. Frauen zupften Charpie und nähten Verbandstücke, Knaben leerten ihre Sparbüchsen oder trugen Waffenstücke herbei, stolz auf ihre Bürde und traurig, daß sie wegen ihrer Jugend an dem Kampfe noch nicht Theil nehmen durften.

In diesen Tagen der frischesten Entwickelung und Begeisterung war auch Körner auf Umwegen in Breslau angelangt. Er brannte vor Begierde, sich den Reihen der Krieger anzuschließen. Seine Wahl war schnell getroffen, er meldete sich bei der Freischaar, welche der kühne Major von Lützow unter seine Fahne sammelte. Theodor wurde nach einer ärmlichen Schenke vor dem Oderthor gewiesen, wo sein künftiger Befehlshaber sein Quartier aufgeschlagen hatte. Er trat in ein großes, ärmliches Zimmer und frug nach dem Major, der jedoch, durch dienstliche Geschäfte abgehalten, nicht zugegen war. An seiner Stelle empfing ihn eine zarte Dame mit feinen Zügen, deren vornehme Haltung und Anmuth wunderbar von der wüsten Umgebung abstach. Sie befand sich von einem Kreise jugendlicher Krieger umringt, von denen sie mit größter Ehrerbietung angeredet wurde. Ihr schlanker Wuchs, die blonden Locken um die edle, weiße Stirn und die blauen, mild strahlenden Augen verliehen ihr das Aussehen eines deutschen Frauenbildes, wie es die alten Maler darzustellen liebten. Ein eng anschließendes, bis zu dem Nacken hoch hinaufreichendes Kleid von schwarzer Seide und ein weißer stehender Kragen verstärkten diesen Eindruck keuscher Weiblichkeit.

„Ich bin die Gattin des Majors von Lützow,“ sagte sie mit sanfter, wohlklingender Stimme. „In seiner Abwesenheit bin ich bereit, Ihre Wünsche zu vernehmen.“

„Ich habe die Absicht, als Freiwilliger einzutreten. Da aber der Herr Major nicht zugegen ist, so will ich zu einer gelegeneren Zeit kommen.“

„Er hat mich ermächtigt, in seiner Abwesenheit die Meldungen anzunehmen; darum bitte ich um Ihren Namen, damit ich ihn in die Liste des Bataillons eintragen kann.“

„Ich heiße Theodor Körner,“ entgegnete der Dichter zögernd.

„Theodor Körner!“ rief die Dame überrascht, indem sie sich verneigte. „Der Dichter Körner! Sie sind uns Allen hoch willkommen als eine der schönsten Zierden unseres Corps.“

Damit reichte sie dem Jünglinge ihre weiße Hand wie einem alten Freunde. Auch die übrigen Anwesenden drängten sich an ihn heran, um ihn herzlich zu begrüßen. Besonders zutraulich erwies sich ihm ein hochgewachsener Krieger mit den edelsten Zügen, der in seinem blonden Lockenschmucke und seinem kräftig männlichen Wesen auch auf Theodor den angenehmsten Eindruck machte. Er nannte sich Friesen und war eine jener Heldennaturen, bei denen sich die Stärke mit der Anmuth, die Kraft mit einer seltenen Bescheidenheit paarte. Nicht mit Unrecht erhielt und verdiente er später den Namen des deutschen Achill. Friesen war zu Großem berufen, als ihn auf französischem Boden eine tückische Kugel aufständischer Bauern mitten in seiner Siegeslaufbahn niederstreckte.

Beide Jünglinge fühlten sich vom ersten Augenblicke an zu einander hingezogen und waren schon nach wenig Stunden innig befreundet. In solch aufgeregten Zeiten reift die Blüthe schnell zur Frucht und die Herzen, die ein gleiches Gefühl entflammt, finden und verstehen sich im raschen Fluge der Begeisterung. Auch für die Majorin von Lützow, die später als Gräfin Ahlefeldt in ein bekanntes Verhältniß zu dem Dichter Immermann trat, empfand Theodor die aufrichtigste Verehrung, welche bald in die reinste [538] Freundschaft überging. Sie fand schon in den nächsten Tagen Gelegenheit, ihm einen unter den damaligen Umständen sehr großen Gefallen zu erweisen. Die Einsegnung des Lützow’schen Freicorps sollte in feierlicher Weise vor sich gehen und sämmtliche Theilnehmer dabei im vollen Waffenschmucke erscheinen. Theodor hatte sich eine neue Uniform bestellt, um nicht hinter den Uebrigen zurückzubleiben. Unglücklicher Weise aber, erklärte der von allen Seiten in Anspruch genommene Schneider, die gewünschten Kleidungsstücke nicht zu der bestimmten Frist abliefern zu können. Umsonst verschwendete der ungeduldige Dichter seine ganze Ueberredungskraft, vergebens ließ er es nicht an Bitten und Beschwörungen fehlen, der vielbeschäftigte Kleiderkünstler blieb unerbittlich, indem er sich auf ältere Versprechungen berief. In seiner Noth wandte sich Theodor an die Majorin von Lützow und klagte ihr in verzweiflungsvollen Worten sein Mißgeschick.

Obgleich es schon spät und dunkle Nacht war, begab sich die gutmüthige Dame mit ihrem Schützlinge nach der Wohnung des Meisters, die drei Treppen hoch auf dem schmutzigen Hof lag. Muthig überwand sie alle Hindernisse und trat in die niedrige Wohnung des Schneiders, der nicht wenig von der Erscheinung der anmuthigen, vornehmen Frau überrascht schien und vor Verlegenheit mit einem Satze von seinem Stuhle sprang. Schnell wurde ein Sessel von ihm abgestäubt und herbeigerückt, worauf er nach ihrem Begehren fragte. Was weder den Worten, noch den Versprechungen Theodor’s gelungen war, glückte den liebenswürdigen Schmeicheleien und dem Zureden der Majorin, von deren Herablassung und Freundlichkeit der brave Meister so entzückt war, daß er den Schlaf einer Nacht zu opfern versprach, um zur gewünschten Zeit Theodor die Uniform abzuliefern.

Nach diesem kleinen Abenteuer wohnte dieser mit wahrhaftem Hochgefühle der feierlichen Begehung der Einsegnung bei, welche in der Nähe der kleinen schlesischen Gebirgsstadt Zobten stattfand. Dort versammelten sich zwölfhundert edle Jünglinge mit ihrem Führer und stimmten einen einfachen Choral an, den Körner für diese Gelegenheit gedichtet hatte. Nach Absingung des Liedes bestieg der würdige Geistliche des Ortes, Namens Peters, die Kanzel und hielt an die todesmuthige Schaar eine kräftige, allgemein ergreifende Anrede, wobei kein Auge thränenleer blieb. Es war ein wunderbares Schauspiel, hier Jünglinge, die kaum dem Knabenalter entrückt, neben bärtigen Männern und selbst grauköpfigen Greisen weinend zu sehen. Zum Schlusse erhob sich der Prediger und ließ all’ die anwesenden Krieger den Eid schwören, für die Sache der Menschheit, des Vaterlandes und der Religion weder Blut noch Gut zu schonen und freudig zum Siege oder Tod zu gehen. Höher schlugen all’ die Herzen und pochten gegen die muthige Männerbrust, die Augen flammten und die Lippen leisteten mit ehrfurchtsvollem Beben den versorichenen Eid auf die blanken Schwerter der Officiere.

„Mit Gott für König und Vaterland,“ tönte ein einziger gewaltiger Ruf zum Himmel empor, von dem Gewölbe der Dorfkirche wiederhallend, als leisteten noch Tausende ungesehen den heiligen Schwur neben ihnen.

Plötzlich ertönte ungeheißen und ohne Verabredung wie aus einem Munde: „Eine feste Burg ist unser Gott,“ begleitet von den brausenden Klängen der Orgel,

Das war die Einsegnung des Lützow’schen Freicorps im Angesicht des Zobtenberges und der blauen Höhen des Riesengebirges.

Und nun ging es in’s Feld; mit fröhlichem Horngeschmetter begann die „wilde verwegene Jagd“, an der Theodor lebendigen Antheil nahm. – Eines Abends nach einem beschwerlichen Marsche lagerte die kühne Schaar in der Nähe eines Waldes. Die jungen Birken streuten ihren Duft, welchen die milden Frühlingslüfte weiter trugen. Die Wachtfeuer flammten und beleuchteten mit ihrer rothen Gluth die malerischen Gruppen der muthigen Krieger und ihre blitzenden Waffen. Die Marketenderin, von Körner und seinen Freunden mit dem classischen Namen „Gustel von Blasewitz“ getauft, hatte so eben ein frisches Fäßchen angestochen und schenkte unermüdlich die leeren Gläser voll. Auf dem grünen Rasen saß der Rittmeister Fischer, ein zweiundsiebzigjähriger Greis, der unter Friedrich dem Zweiten bereits als Trompeter unter den sogenannten „Todtenköpfen“ gedient. Trotz seines Alters war er ein Mann von rüstiger Gestalt und Löwenstärke, mit Adleraugen, Habichtsnase, ein paar Fäusten, wie Geierklauen, und schwarzem, über die Brust herabwallendem Barte. Er erzählte den jüngeren Cameraden Soldatengeschichten aus den Tagen des „alten Fritz.“ Aus der Ferne tönte dazwischen der Ruf der ausgestellten Wachen und der Ablösung. Da traten an das Feuer Arm in Arm Theodor und sein neuer Freund, der edle Friesen, ein wahres Dioskurenpaar an kriegerischem Muthe und körperlicher Schönheit.

„Willkommen!“ tönte es von allen Seiten und die Hände wurden geschüttelt.

„Wo habt Ihr Teufelskerle denn gesteckt?“ fragte der Rittmeister, seinen langen Bart streichend.

„Wir sind im Walde gewesen,“ entgegnete Friesen. „Dort war es gar zu schön. Das grüne Laub drängt sich mit Macht hervor, Alles blüht und duftet.“

„Und hinter den Büschen lauern die Franzosen,“ brummte der alte Fischer, „und schicken Euch aus dem sichern Hinterhalt ihre blauen Bohnen in die Brust.“

„Daran haben wir gar nicht gedacht,“ entgegnete Körner. „Ich hab’ mich so wohl gefühlt und auch ein neues Lied gedichtet.“

„Na, man her mit dem Liede,“ rief der alte Rittmeister.

„Hier ist’s,“ antwortete Körner, indem er die mit Perlen gestickte Brieftasche, ein Geschenk seiner Braut, hervorzog. „Ich singe es Euch nach einer bekannten Weise und Ihr stimmt in den Chorus ein und singt den Rundreim mit.“

Und er begann:

„Was glänzt dort vom Walde wie Sonnenschein?
Hör’s näher und näher erbrausen.
Es zieht sich hinunter in düsteren Reih’n.
Und gellende Hörner schallen darein.
Und erfüllen die Seele mit Grausen.
Und wenn ihr die schwarzen Gesellen fragt:
Das ist Lützow’s wilde verwegene Jagd.“

Der Chor wiederholte mit wilder Freude die letzten Strophen und die Hornisten fielen zur rechten Zeit mit ihrem Schmettern ein, daß das Echo in den nahen Bergen wach wurde und der grüne Wald wiederhallte. Als Körner das schöne Lied geendet hatte, da brach ein lauter, unerhörter Jubel los. Die Cameraden schlossen einen Kreis um ihn und kränzten ihn mit frischem Eichenlaub, das sie nicht weit zu suchen brauchten.

Von jenem Abende an war dies Lied der Lieblingsgesang der Lützower und Körner der populärste Mann im ganzen Heere. Seine Gedichte aber gingen wie Werbetrommeln durch das ganze Land und wo sie ertönten, da strömten Jünglinge und Männer zu den Waffen.

So diente er dem Vaterlande mit dem Schwerte wie mit seinem Geiste.




V.

Seit dem Ausbruche des Krieges waren bereits zwei große Schlachten und mehrere bedeutende Gefechte geschlagen worden, ohne eine Entscheidung herbeizuführen. Die verbündeten Preußen und Russen mußten trotz aller bewiesenen Tapferkeit sich zum Rückzuge entschließen, aber auch Napoleon fühlte, ungeachtet seiner Siege, das Bedürfniß nach Ruhe, um seine erschöpften Kräfte wieder zu sammeln. Man sprach allgemein von einem nahe bevorstehenden Waffenstillstande, der unter Vermittelung Oesterreichs zu Stande kommen sollte. Dies hielt jedoch den Major Lützow nicht ab, einen jener kühnen Streifzüge zu unternehmen, wie er sie liebte. Es handelte sich um einen Einfall in das südliche Deutschland, den er im Rücken des Feindes auszuführen gedachte. Mit vierhundert entschlossenen Männern brach er auf, nachdem er Körner zu seinem Adjutanten ernannt hatte. Die kleine Schaar brannte vor Begierde, sich mit den Franzosen zu messen, und setzte in der Nähe von Jena über die Saale, um über Plauen und Hof bis nach Augsburg vorzudringen. In dem altenburgischen Städtchen Roda stießen die Freiwilligen auf vierhundert Mann thüringischer Rheinbundtruppen, welche, trotzdem sie Deutsche waren, sich dem Heere Napoleon’s anschließen wollten, aber gerade keine große Lust bezeigten, sich zu schlagen. Lützow befahl seinen Truppen, Halt zu machen, galoppirte mit Körner und nur von zwei Husaren begleitet vorauf in die Stadt und commandirte, gegen die verblüfften Rheinbündler gewendet, die sich einen solchen Ueberfall nicht träumen ließen, „Stillgestanden.“ Sie standen mäuschenstill mit dem Gewehre im Arme.

„Herr Hauptmann,“ rief er dem überraschten Anführer zu, „befehlen Sie Ihren Leuten. das Gewehr zu strecken.“

[539] Dieser hatte alle Besinnung verloren und that, was man von ihm verlangte. Sein Befehl wurde mit der größten Pünktlichkeit nach dem Exercier-Reglement ausgeführt, die Officiere auf ihr Ehrenwort entlassen, von den Soldaten erbot sich die Mehrzahl, freiwillig in preußische Dienste einzutretenm was ihnen von Lützow gern bewilligt wurde. Dieser unblutige Sieg hatte jedoch die Franzosen auf die kleine verwegene Schaar aufmerksam gemacht; größere Colonnen des Feindes setzten sich in Bewegung, um sie zu verfolgen und ihr den Weg abzuschneiden, aber Lützow war ein Meister des kleinen Krieges, bekannt mit allen Listen und Schlichen, führte er die Seinigen durch Haide, Moor und Wald ungefährdet bis an die bairische Grenze, wobei es dem muthigen Parteigänger nicht an Sympathien der deutsch gesinnten Bevölkerung fehlte, die nur gezwungen noch ihre wahre Gesinnung verbergen mußte. In Eilmärschen rückte er bis nach der Stadt Hof vor, um dieselbe im Sturmschritt zu nehmen. Während er den Befehl ertheilte, kam der bairische Commandant mit einem Trompeter und wehendem Tuche herausgeritten. Alle glaubten schon, es sei dies ein Zeichen der Uebergabe, als dieser jedoch erklärte, daß der längst erwartete Waffenstillstand zwischen Napoleon und den Verbündeten abgeschlossen sei. Diese Nachricht wurde von Lützow und seinen Getreuen mit Unwillen aufgenommen, da sie sich mitten in ihrer Siegerlaufbahn aufgehalten sahen, aber sie konnten nicht länger Zweifeln und mußten demnach die Feindseligkeiten einstellen.

Abgeschnitten von jeder Verbindung mit dem Hauptheere, umringt von überlegenen feindlichen Abtheilungen, war die Lage der kleinen Schaar eine wahrhaft bedenkliche, da Napoleon, wie bekannt war, seinen besonderen Haß auf die „Freiwilligen“ und vorzüglich auf die „Lützower“ geworfen hatte. Diese traten indeß, dem abgeschlossenen Vertrage vollkommen trauend, ihren Rückweg an, nachdem ihr Führer dem in Dresden commandirenden General Gersdorf die nöthige Anzeige gemacht und dieser den Lieutenant von Gösnitz ihm als Marschcommissar zugetheilt hatte. Ungehindert gelangten die Truppen bis zu dem Dorfe Kitzen am Floßgraben, unfern Eisdorf und Groß-Görschen, zwei Meilen von Leipzig, wo sie des Nachts ankamen und sogleich ein Bivouac bezogen.

Kaum waren die Pferde abgezäumt, als die Meldung einlief, daß eine starke Cavallerie-Abtheilung anrückte, an deren Spitze sich der Oberst Becker befand. Dieser erklärte, „der Herzog von Padua, der in Leipzig commandirte, lasse den Major Lützow ersuchen, Halt zu machen, da er ihm Officiere senden werde, seinen ferneren Marsch zu dirigiren.“

Damit erklärte sich Lützow vollkommen einverstanden, beide Führer gaben sich gegenseitig das Ehrenwort, ihren Truppen keine Feindseligkeit zu gestatten, und ein Lieutenant der Freischaar wurde nach Leipzig abgeschickt, um von dem französischen Heerführer nähere Verhaltungsmaßregeln einzuholen.

Der Herzog von Padua hatte von Napoleon bereits den gemessenen Befehl erhalten: „Hinreichende Colonnen ausrücken zu lassen, um die Räuberbande,“ so titulirte der Kaiser das Lützow’sche Corps, „einzufangen und niederhauen zu lassen.“

Als der preußische Parlamentär sich bel ihm meldete und unter Berufung auf den abgeschlossenen Waffenstillstand um die weitere Bestimmung der Marschroute bis zur Elbe bat, entgegenete der Marschall:

„Der Major Lützow mit seiner Räuberbande ist auf Befehl des Kaisers außer dem Gesetz erklärt, er hat sich selbst von dem Waffenstillstande ausgeschlossen; Sie sind mein Arrestant.“

Vier handfeste Gensdarmen vollzogen sogleich den Befehl des Herzogs von Padua, indem sie den Officier packten und, nachdem sie ihn entwaffnet hatten, in festen Gewahrsam brachten. Unterdeß hatte Lützow vergebens auf die Rückkehr seines Abgesandten gewartet, von Stunde zu Stunde wuchs seine Verlegenheit, da ihm gemeldet wurde, daß neue feindliche Abtheilungen heranrückten und ihn vollends zu umzingeln drohten. Trotzdem er nicht an einen solchen Verrath glauben konnte, der in der Geschichte des Krieges und des Völkerrechts gleich unerhört war, befahl er den Seinigen, aus Vorsicht aufzusitzen. Er selbst ritt, von Körner begleitet, den feindlichen Truppen entgegen, welche in zwei Corps von fünftausend Mann bestanden. Da ihn ein breiter Feldgraben von den nahenden Gegnern trennte, gab er seinem Pferde die Sporen, um über den Graben zu setzen und von dem Commandeur Aufklärung zu verlangen. Das treue und sonst so sichere Thier trat fehl und strauchelte, so daß der Reiter zu fallen drohte. Theodor konnte sich nicht enthalten, ein Zeichen schlimmer Vorbedeutung zu sehen, und äußerte sich auch in diesem Sinne. Lützow lachte über seinen Aberglauben und bat ihn, die Poesie aus dem Leben zu verjagen.

An der Spitze der ihm gegenüberstehenden Truppen ritt der würtembergische General Normann. Er begrüßte Lützow mit militairischer Höflichkeit, und als dieser um gefällige Aufklärung bat, ob ihm und seinem Corps der Aufmarsch gelte, versicher jener auf Ehrenwort: „er habe nur Befehl, das nächste Dorf zu besetzen.“ Dagegen bezeichnete er den französischen General Fourier als Befehlshaber der ganzen Abtheilung, und verwies ihn an diesen. Als Lützow sich dahin wendete mit dem Ersuchen, Halt zu machen, um ein Zusammendrängen mit seinen Leuten zu vermeiden, entgegnete der General mit kreischender Stimme:

„L’armistice pour tout le monde, excepté pour vous!“ (Waffenstillstand für Alle, nur nicht für Euch!)

Jetzt konnte Lützow nicht länger über die Absicht des Feindes im Zweifel sein. Schnell wandte er sein Pferd, welches diesmal den Sprung über den breiten Graben ihm nicht versagte. Hinter ihm drein sprengte Körner, doch ehe die Beiden noch die Waffenbrüder erreichten, schwenkte die würtembergische Cavallerie, welche den auf der Chaussee in gestreckter Linie reeitenden Lützowern zur Seite ritt, mit gezogenen Säbeln ein, und warf sich auf die eines solch niederträchtigen Ueberfalls nicht gewärtigen Preußen. Diese wehrten sich mit Löwenmuth, und fochten wacker für ihr Leben. Bald war Körner von dem Getümmel mit fortgerissen, zwei feindliche Dragoner bedrängten ihn zu gleicher Zeit, als er eben im Begriff stand, sich zu Lützow durchzuschlagen, der verwundet vom Pferde gesunken und von Feinden umringt war. Mit kräftigen Hieben wehrte er die beiden Reiter ab, als ein Dritter in der Uniform eines höheren Officiers heransprengte, und ihm den Weg verlegte. Theodor glaubte kaum seinen Augen zu trauen, als er in dem Gesichte seines neuen Gegners die ihm verhaßten Züge des Barons von Färber wiederfand.

„Ergeben Sie sich!“ rief ihm dieser von Weitem zu.

„Lieber todt, als in Ihre Hände fallen,“ antwortete Theodor mit edler Entrüstung.

„So nimm das,“ schrie der Baron, mit einem Pallasch zu einem Hiebe ausholend, den Körner jedoch mit Geschicklichkeit parirte.

Die beiden Reiter hatten sich ein wenig zurückgezogen, vielleicht aus Respect für ihren Oberen, oder weil sie so viel Ehrgefühl und Achtung vor Körner’s Tapferkeit besaßen, daß sie nicht mit dreifacher Ueberlegenheit einen einzelnen Feind angreifen wollten. Damit schien aber dem Baron, der die Stärke seines Gegners bald kennen lernte, nicht gedient zu sein.

„Was steht Ihr?“ rief er ihnen zu. „Helft mir, dem Burschen das Garaus machen!“

Erschöpft von dem anstrengenden Kampfe und aus mehreren Wunden blutend, hielt sich Theodor unter solchen Umständen verloren, aber auch jetzt verließ ihn nicht sein Muth und die Geistesgegenwart, indem er zu einer Kriegslist seine Zuflucht nahm.

„Die vierte Escadron soll vorrücken!“ rief er mit starker Stimme in den Wald hinein.

Die Feinde, welche einen Hinterhalt vermutheten, stutzten und zogen sich zurück, voran der Baron, welcher seinem Pferde feig die Sporen gab und davon sprengte, gefolgt von den Reitern. – Es war die höchste Zeit, denn im nächsten Augenblick sank Theodor, von übermäßigem Blutverlust geschwächt, ohnmächtig von seinem Pferde auf den grünen Rasen nieder.

Es war bereits dunkle Nacht, als Körner aus seiner Ohnmacht erwachte. Mühselig schleppte er sich zu dem nahen Birkenwäldchen, wo er, erschöpft von einem neuen Blutverlust, bis zum Morgen liegen blieb. Die Wunden schmerzten ihn, seine Lippen brannten, deshalb machte er noch einen Versuch, den vorbeifließenden Bach zu erreichen, wo er mit hohler Hand ein wenig Wasser schöpfte. Zwei Bauerkinder, welche im Walde nach Früchten suchten, hörten sein Stöhnen, und kamen neugierig herbei. Er winkte ihnen und das Mädchen bot ihm mitleidig ihr mit frisch gepflückten Erdbeeren gefülltes Körbchen an. Nachdem er sich daran erquickt, ergriff er mit vom Fieberschauer zitternder Hand seine Brieftasche, und riß ein Blatt heraus; dann schrieb er den Namen eines Freundes in Leipzig darauf. Den Zettel gab er dem Knaben, eine gute Belohnung verheißend, zur Besorgung. Dieser versprach, den Auftrag zu vollziehen, und kehrte im eiligsten Laufe nach dem Dorfe zurück, während das Schwesterchen bei dem Verwundeten zurückblieb, um ihn [540] zu pflegen und noch mehr Erdbeeren für ihn zu sucheb. Ermattet schlief er wieder ein, von holden Träumen umgaukelt. Im Schlummer nahte ihm die halbe Braut, und drückte einen leisen Kuß auf seine bleichen Lippen; noch ein anderes erhabenes Frauenebild stand an ihrer Seite, mit edlen Zügen und von göttergleicher Gestalt. War es die Muse, die ihn selbst im runden Kriegsgetümmel nicht verließ, oder die Freiheit, für die er sein Blut gegeben? Sie beugte sich zu ihm nieder und kränzte seine Heldenstirn mit ewigem Lorbeer. Als er erwachte, fühlte er sich wundersam gestärkt, trotzdem konnte er sich nicht von dem Gedanken frei machen, daß er am Ende seiner Tage stehe. Was ihn in diesem Augenblick bewegte, gestaltete sich zu einem Gedicht, das er mühsam mit Bleistift sogleich niederschrieb:

Die Wunde brennt, die bleichen Lippen beben.
Ich fühl’s an meines Herzens mattem Schlage,
Hier steh’ ich an den Marken meiner Tage –
Gott, wie du willst, dir hab’ ich mich ergeben.
Viel goldne Bilder sah ich um mich schweben,
Das schöne Traumbild wird zur Todtenklage –
Muth, Muth! Was ich so treu im Herzen trage,
Das muß ja doch dort ewig mit mir leben!
Und was ich hier als Heiligthum erkannte,
Wofür ich rasch und jugendlich entbrannte,
Ob ich’s nun Freiheit, ob ich’s Liebe nannte:
Als lichten Seraph seh’ ich’s vor mir stehen; –
Und wie die Sinne langsam mir vergehen,
Trägt mich ein Hauch zu morgenrothen Höhen.

Unterdeß war der ausgeschickte Knabe mit seinem Vater zurückgekehrt. Der gutmüthige Bauer nahm den Verwundeten einstweilen in seine Hütte auf, bis der Freund aus Leipzig anlangte, an den Körner jene Zeilen geschrieben hatte. Doctor Wendler hieß der edle Mann und Menschenfreund, der die Gefahr nicht scheute, womit Jeder von den französischen Machthabern bedroht wurde, der Einen von der Lützow’schen Freischaar bei sich aufzunehmen wagte. Unter dem Schutze der Nacht gelang es ihm, auf Schleichwegen durch das Hinterpförtchen seines Gartens den Dichter nach Leipzig und in seine Wohnung zu bringen, wo er ihn verborgen hielt und durch seine sorgfältige Pflege so weit wieder herstellte, daß er das Bett verlassen konnte. Seine nächste Sorge war, Erkundigungen über das Schicksal seiner Freunde einzuziehen: mit Freude vernahm er, daß sich Lützow mit Hülfe seiner Getreuen gerettet hatte, aber mancher brave Reiter hatte mit seinem Leben zahlen müssen. Weit mehr noch betrübte ihn das Schicksal der Gefangenen, die auf Napoleons ausdrücklichen Befehl wie Straßenräuber die schmählichste Behandlung erlitten und meist in den Kerkern Frankreichs mit Ketten beladen schmachteten. Theodor brannte vor Begierde, seine Cameraden zu rächen, und sich so schnell als möglich wieder dem preußischen Heere anzuschließen und an dem nahe bevorstehenden Kampfe Theil zu nehmen. Nachdem er seine Eltern und Toni unter einem angenommenen Namen, um die Wachsamkeit der französischen Spione zu täuschen, über sein Schicksal beruhigt hatte, war er nur mit dem Gedanken beschäftigt, unbemerkt Leipzig zu verlassen. –

Es war dies keineswegs so leicht zu bewerkstelligen, und für ihn und seinen Gastfreund mit mannichfacher Gefahr verbunden. So geheim auch sein Aufenthalt geblieben war, so fehlte es doch nicht an Aufpassern und Spionen, zu welchem schändlichen Amte sich selbst Deutsche und Männer von hohem Range hergaben. Ein sächsischer General in Dresden hatte es nicht unter seiner Würde gehalten, ein vollständiges „Bureau d’espionage“ für Napoleon einzurichten, wodurch dieser von allen Vorgängen in seiner Nähe Kenntniß erhielt. Zu diesem Zwecke wurden Leute aus allen Ständen besoldet, Diener und Beamte bestochen, und selbst das Briefgeheimniß nicht geschont. Die verborgensten Familienverhältnisse, die Gespräche vertrauter Freunde, hingeworfene Aeußerungen blieben dem wachsamen Auge der französischen Polizei nicht verborgen; vor der gemeinen Angeberei gab es keinen Schutz.

Es war daher kein Wunder, daß auch Körner’s Aufenthalt in dem Hause des Doctor Wendler Verdacht erregte, zumal es ihm nicht an einem erbitterten Feinde fehlte, der ihn zu verderben suchte. Baron Färber befand sich in Leipzig und in der Nähe des Herzogs von Padua; er gehörte zu jener geheimen Sicherheitsbehörde, war die rechte Hand des sächsischen Generals und wurde vielfach zu ähnlichen Missionen benutzt, zu denen sich kein anderer Officier und Mann von Ehre brauchen ließ. Auch nach Wlen war er gesendet worden, um die dortige Stimmung zu beobachten und darüber Bericht zu erstatten, da Napoleon Grund zu haben glaubte, der österreichischen Regierung nicht zu trauen. Bei dieser Gelegenheit hatte er Toni im Theater gesehen und jene Leidenschaft für die reizende Schauspielerin gefaßt, welche zu der unangenehmen Berührung mit dem jungen Dichter führte. Seitdem haßte er Körner mit seiner ganzen heimtückischen Bosheit und hatte keinen andern Wunsch, als ihn zu verderben. Er leitete den Ueberfall der Lützow’schen Freischaar, wozu er dem Marschall den Gedanken eingegeben, um seine Privatrache zu befriedigen.

Von seinen ihm untergebenen Spionen, denen er besondere Achtsamkeit auf seinen Gegner eingeschärft hatte, wurde er hinlänglich unterrichtet, um Verdacht zu schöpfen, um so mehr, da er wußte, daß der Doctor Wendler zu den intimsten Freunden der Körner’schen Familie gehörte.

Ohne Ahnung der drohenden Gefahr saß der Arzt in seinem Studirzimmer, als die Frau eines sächsischen Gensd’armen, deren Kind er erst vor Kurzem vom Tode gerettet hatte, ihn dringend zu sprechen wünschte.

„Mein Mann,“ sagte das gute Weib, „hat so eben den Auftrag erhalten, heute Abend Sie zu überfallen und Haussuchung zu halten. Ich bin deshalb vorangeeilt, um Sie in Kenntniß zu setzen, damit Sie keine Ungelegenheiten haben, denn die Franzosen verstehen keinen Spaß.“

Der Doctor dankte ihr und wollte ihr für ihre Nachricht einige Geldstücke aufnöthigen, die sie hartnäckig ausschlug, so sehr er auch in sie drang.

„Ich bin Ihnen noch so großen Dank schuldig,“ entgegnete sie, daß diese kleine Gefälligkeit gar nicht in Betracht kommt. Auch freue ich mich jedesmal, wenn ich den Fremden einen Possen spielen kann. Mein Mann denkt wie ich, aber er muß doch thun, was seines Amtes ist; denn wessen Brod ich esse, dessen Lied ich singe.“

Sobald die Frau gegangen war, dachte der edle Arzt an die Rettung Theodor’s. Obgleich seine WUnden noch nicht geheilt waren, blieb ihm kein anderer Ausweg, als die Flucht zu ergreifen. Mit Hülfe des Doctors legte er die Verkleidung eines Bedienten an, und verließ das Haus sicher und unerkannt von den ihm auflauernden Spionen.

Am Thore erwartete ihn ein Wagen, worin eine Patientin des Doctors saß, die ihrer Krankheit wegen nach Karlsbad reisen sollte. Sie war in das Geheimniß eingeweiht, und führte einen Paß, der auf ihre eigene Person und auf ihren Bedienten lautete.

Als die angedrohte Haussuchung stattfand, war Körner bereits in Sicherheit und den Verfolgern entgangen. –




VI.

Ohne jedes fernere Abenteuer langte Körner wohlbehalten in Karlsbad an, wo ungeachtet der kriegerischen Zeiten eine zahlreiche und elegante Gesellschaft sich eingefunden hatte. Bald fand auch er darunter Bekannte und Freunde, die ihn anzogen, und von denen ihm Schutz und Pflege zu Theil wurde.

Eines Tages saß er auf der Bank des Sprudelhauses, um den Arzt wegen des Wiederaufbruches seiner Wunden zu befragen. Das vulcanische Naturwunder des merkwürdigen Badeortes nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und er vermochte nicht, seine Augen von dem interessanten Schauspiele abzuwenden. Aus der unterirdischen Werkstätte der Natur, aus den geheimnißvollen Tiefen der Erde brach der kommende Wasserstrom, mit Dampf vermischt, wie ein ungestümer Geist hervor. Körner wurde nicht müde, diesem Steigen und Fallen der brausenden Fluth zuzusehen, die gleich einem Zaubertrank, von Feenhand bereitet, Genesung und Gesundheit allen Hülfsbedürftigen spendete. Er fühlte eine gewisse Verwandtschaft mit jener dämonischen Gewalt, die mit jugendlicher Kraft aus der Felsenrinde drang, und jeden Widerstand besiegte.

Einige Damen in Begleitung eines älteren Herrn näherten sich jetzt dem Sprudel, um von den aufwartenden Brunnenmädchen sich die leeren Becher füllen zu lassen. Die Züge und der Ton ihrer Stimmen kamen ihm bekannt vor; er blickte auf und ein leiser Schrei der Ueberraschung entschlüpfte seinen Lippen. So leise dies geschah, so erregte er doch dadurch die Aufmerksamkeit der Anwesenden, die sich unwillkürlich nach ihm umwendeten.

(Schluß folgt.)




[541]
Das Fest der tausendsten Locomotive.

Es war im Jahre 1837, daß der verstorbene Commerzienrath Borsig, damals ein unbekannter Arbeiter, mit unbedeutenden Mitteln, aber einer seltenen Geisteskraft und einem eisernen Fleiße ausgerüstet, seine Maschinenbauanstalt begründete. Aus derselben ging im Jahre 1841 die erste Locomotive hervor, über deren Vollendung ein ganzes Jahr verstrich. Schon im September 1846 verließ die hundertste die Werkstatt, die fünfhundertste den 25. März 1854, in dem Todesjahre des Begründers. Zugleich wurde 1847 von ihm das große Eisenwerk in Moabit angelegt, welches 1855 bereits 250,000 Centner Schmiedeeisen lieferte. Die sechshundertste Locomotive wurde bei der großen Industrie-Ausstellung in Paris mit dem goldenen Preise geehrt; endlich kam am 21. August dieses Jahres der Tag, wo die tausendste Locomotive aus derselben Werkstatt hervorging.

Die Gartenlaube (1858) b 541.jpg

Der Festzug der tausendsten Locomotive.

Diese Zahlen repräsentiren ein Capital von zwölf Millionen Thalern, das Brod und den Wohlstand von dreitausend Arbeiterfamilien, die Fortschritte der deutschen Industrie, die friedlichen Siege und Eroberungen des schaffenden Menschengeistes. Darum bekam das Fest, welches der Erbe seines würdigen Vaters seinen Arbeitern zu dieser Gelegenheit gab, die Bedeutung einer großen nationalen Feier, eines Volksfestes im schönsten Sinne, eines erhebenden Triumphes der Arbeit und ihrer Söhne. — In der Culturgeschichte der Menschheit nimmt dieser einundzwanzigste August des Jahres 1858 eine höhere Stelle ein, als so mancher berühmte [542] Tag der Weltgeschichte, welche meist nur von blutigen Siegen die Kunde auf die Nachwelt bringt. Auch dies ist ein Sieg, aber kein Tropfen Blut klebt daran, höchstens nur der segensreiche Schweiß der Arbeit, auch dies ist eine Eroberung, die jedoch kein Menschenleben kostete und statt Verwüstung und Schrecken Wohlstand, Segen und Ueberfluß um sich verbreitet. Der deutsche Fleiß darf sich jetzt kühn der englischen Industrie an die Seite stellen. Die größten Locomotivenbau-Anstalten der Welt, die von Stephenson und Gebrüder Charp in Manchester müssen jetzt die Borsig’sche Fabrik in Berlin als ihre ebenbürtige Schwester anerkennen. In der Stephenson’schen sind zwölfhundert, in der von Charp erst tausend und dreißig Locomotiven erbaut worden, wobei noch zu erwägen ist, daß diese englischen Bauanstalten nicht selber die einzelnen Theile anfertigen, während dagegen in der Borsig’schen Fabrik von der Zurichtung des Rohmaterials bis zur Vollendung jedes einzelnen Maschinenteils Alles selbstständig geschaffen wird. Mit Recht dürfen wir daher das „Fest der tausendsten Locomotive“ als ein deutsches, als ein nationales bezeichnen. – Dasselbe zerfiel in zwei Abtheilungen, gleichsam in eine ernste und eine heitere Feier.

Am Morgen des einundzwanzigsten August versammelten sich unter Anführung des Besitzers die eingeladenen Ehrengäste und das gesammte Personal der Fabrik, nahe an dreitausend Arbeiter, auf dem riesigen Hofe der großen Maschinenbauanstalt vor dem Oranienburger Thore, um die tausendste Locomotive „Borussia“, welche, mit Blumen und Kränzen geschmückt, wie eine Braut im hellen Festschmuck prangte, auf dem neuen Schienenwege nach dem Stettiner und von da auf der Verbindungsbahn bis zum Potsdamer Bahnhofe zu begleiten. Hier hielt Herr Borsig von der Locomotive herab eine kurze, passende Ansprache an die Anwesenden, welche von dem gegenwärtigen Handelsminister von der Heydt beantwortet wurde. Ernst und feierlich war die Stimmung der zahlreichen Menge, welche die große Bedeutung dieses Momentes vollkommen erfaßte; ein Gefühl von Andacht erfüllte die Seele der Zuhörer bei diesem Cultus der Arbeit und des Menschenfleißes. – Mit dem Nachmittage begann das eigentliche Fest, welches Herr Commerzienrath Borsig zunächst seinen Arbeitern gab, die an dem großen Werke, von seinem Vater begründet und von ihm in demselben Geiste fortgeführt, redlich und mit allen ihren Kräften mitgeholfen. Sie hatten wohl den ersten Anspruch auf eine Gastfreundschaft, die in solch’ riesigem Maßstabe weder in Berlin, noch an einem anderen Orte des ganzen Continentes von einem einzelnen Privatmanne geübt worden ist und so leicht nicht wieder geübt werden dürfte. Ganz Moabit, ein Ort von mehr als tausend Einwohnern, rings von Gärten umgeben und an den Ufern der Spree gelegen, hatte sich durch die Bemühungen des edlen Wirthes in einen einzigen, unermeßlichen Festsaal verwandelt, der mehr als dreißigtausend Menschen aus allen Ständen, vom Arbeiter der Fabrik bis zum Minister, in seine Räume ausnahm. Am Eingänge erblickte man eine großartige und in ihrer Einfachheit imponirende Ehrenpforte mit Kränzen verziert. An ihrer vorderen Front zeigte sie die Bildnisse der berühmtesten Erfinder und Verbessere! der Dampfkraft, eines Watt, der die Dampfmaschine ihrer gegenwärtigen Vollendung näher geführt, eines Stephenson, dem wir im Jahre 1814 den ersten Dampfwagen zu verdanken hatten. Die Hintere Seite war dagegen mit den wohlgetroffenen Portraits des Geheimraths Beuth und des verstorbenen Commerzienraths Borsig versehen, als Beförderer und Schöpfer unserer heimischen Industrie. An der Spitze des Bogens prangte zu beiden Seiten die passende Inschrift: „Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen ist der Mühe Preis.“ Durch diese Pforte gelangte man in den eigentlichen Festraum, der in seiner Länge und Breite mehr als eine Viertelmeile einnahm. Längs der Chaussee ragten zahllose bewimpelte Mastbäume empor, zwischen denen für die abendliche Illumination tausend und abertausend bunte Lampen und Ballons hingen. In ähnlicher Weise waren alle Häuser mit Lampen und Blumenguirlanden geschmückt, was den freundlichsten Eindruck machte. Auf der Straße bewegte sich in bewunderungswürdiger Ordnung die ungeheuere Menschenmenge, darunter die Arbeiter der Borsig’schen Fabrik mit ihren Familien, sie selbst kenntlich an der festlichen Kleidung und der Medaille, welche Herr Borsig zu Ehren des Tages für sie prägen ließ und die sie jetzt stolz wie einen wohlverdienten Orden, ihres Fleißes trugen. Sämmtliche Fenster und Ballons waren mit Zuschauern besetzt, „die Damen im schönen Kranz.“ Ein großer Platz zur Rechten der Chaussee wurde ausschließlich für die Volksbelustigungen bestimmt; gedielte Tanzplätze wechselten mit Schaubuden, Puppentheatern, Carroussels und Kletterstangen ab, an denen Uhren, Tücher und volle Weinflaschen für die kühnen Sieger hingen; das Alles auf Kosten des freigebigen Wirthes, der auf das Beste für den Geschmack aller seiner Gäste zu sorgen wußte. Zwischen den schattigen Bäumen waren zu beiden Seiten Tribunen errichtet für die eigens dazu geladenen Gäste; in der Mitte befand sich unter einem tempelartigen Vorbau, mit der kolossalen Büste des verstorbenen Borsig geschmückt, die Rednerbühne, welche zuerst der Sohn des würdigen Vaters betrat, um ungefähr folgende Worte an seine Arbeiter und die übrigen Anwesenden zu richten:

„Hochverehrte Versammlung! Es war der Wille meines theuren, unvergeßlichen Vaters, daß der Ausgang der tausendsten Locomotive gefeiert werde durch ein Fest, das Allen, die mit ihm für ihn geschaffen, ein Fest sei der Freude und des stolzen Selbstbewußtseins. Als Erbe eines großen Namens, als Erbe der großen Ideen, die hier und in der Residenz aus glänzenden Schöpfungen zu Ihnen sprechen, als Erbe seines letzten Willens vollziehe ich hierdurch den Wunsch des theuren Vaters und habe Sie zu dem Feste geladen, das seine Augen leider nicht mehr erblicken durften. Es ist die schönste Erinnerungsfeier, die ich ihm weihen kann, es ist nicht nur ein Fest der von ihm gegründeten Fabriken, nein! ein Fest der preußischen Industrie, ein Fest von wahrhaft culturhistorischer Bedeutung. Ich habe nur geerntet, wo er gesäet, nur fortgeführt, was er begonnen, nur gebaut, wo er den Grund gelegt. Sein Andenken tragen nunmehr tausend Dampfrosse über eine Million von Meilen und weit hinaus über die Grenzen Deutschlands, seinem Andenken glühen Tausende von Flammen und ihm zu Ehren steigt der Rauch nicht nur aus den hohen Schornsteinen der Dampfmaschinen, sondern aus all’ den Hütten und Häusern der Arbeiter, wohin seine schöpferischen Gedanken Leben, Arbeit, Brod und Wohlstand getragen. Wo vor einundzwanzig Jahren auf träger Sandscholle kümmerlich Gras wuchs, da erheben sich heute Häuser und Werkstätten und kündigen die Hämmer bei Tag und Nacht vom Fleiße der Menschenhand und von den Thaten des Menschengeistes. Was vor einundzwanzig Jahren von uns angestaunt wurde als ein unübertreffliches Wunderwerk des Auslandes, das schaffen wir heute selbst, das geht aus unserer Werkstätte hervor, gediegen, – kunstreich und erprobt. Und neben und mit unserer Fabrik sind andere Industrielle emporgestiegen, ist die Industrie selbst zu nie geahnter Blüthe gediehen und hat sich neben und mit uns eine großartige Stätte des Gewerbfleißes, ein neuer Stadttheil erhoben. So ist das heutige Fest ein Fest der preußischen Industrie. Sie Alle, die hier versammelt, sind Zeugen und zum Theil Mitschöpfer dieses Triumphes. Sind nicht die Werke der Industrie lebendige Zeugnisse der Größe eines Staates? Hat nicht, zumal in Preußen, Wohlstand und Glück des Volkes im gleichen Schritte mit der Industrie zugenommen? Wer theilte heute noch das Vorurtheil, daß durch die Maschinenkraft die Kraft des Einzelnen, durch den eisernen Arbeiter die Arbeit des Menschenarmes gelähmt und Armuth erzeugt werde? Wer sieht nicht ein, daß durch die Industrie dem Capital der Boden zugeführt werde, auf dem es reiche Früchte tragen könne? Wer bestreitet, daß durch die Industrie Handel und Wandel an Umfang gewonnen haben und friedliche Eroberungen gemacht worden sind, größer und einträglicher als alle, welche jemals das Schwert gemacht? Wer muß nicht bekennen, daß durch die Industrie dem Bürger des Staates Arbeit zugeführt wird? und wo Arbeit ist, da ist auch Sittlichkeit, und je mehr Arbeit bei einem Volke, desto höher steht es in seiner Sittlichkeit, in seiner Achtung vor den Ländern und Völkern der Erde. Preußen steht im friedlichen Völkerkriege der Industrie obenan.“

An diese Worte knüpfte der Redner seinen Dank an die Regierung für den Schutz, den sie zu allen Zeiten seiner Anstalt gewährt hat, indem er ein Lebehoch dem Könige, dem königlichen Hause und dem anwesenden Handelsminister ausbrachte.

„Zum Schlusse,“ fuhr er fort, „aber sei mein Dank Ihnen Allen geweiht, die Sie durch Ihres Kopfes oder Ihres Armes Kraft mit meinem Vater, die Sie mit mir gearbeitet und das heutige Fest möglich gemacht haben. Sie Alle, die Sie treu, unermüdlich und strebsam mit uns ausgehalten in guter und in böser Zeit; Sie, meine Rathgeber, Verwalter und Beamten, Sie, meine lieben, braven Arbeiter! Nehmen Sie meinen herzlichsten [543] Dank auf. Die Beamten und Arbeiter meiner Fabrik, sie leben hoch!“

Auf die lautlose Stille, womit diese Rede angehört wurde, folgte der donnernde Jubelruf, womit die ganze Versammlung in dieses „Hoch“ einstimmte. Hierauf bestieg ein ehemaliger Zögling des Borsig’schen Instituts die Rednerbühne, um dem Festgeber zu danken. Tief ergriffen von der hohen Bedeutung des Augenblicks versagte dem Sprecher fast die Stimme; Thränen der innigsten Rührung flössen über die Wangen des schlichten Mannes, die noch beredter als alle Worte waren.

Unter der Veranda des herrlichen Gartens vereinigte ein Festmahl die eingeladenen Gäste, unter denen sich auch der greise Humboldt, ungeachtet seines hohen Alters und der zunehmenden Schwäche, befand. Seine Anwesenheit wurde durch einen begeisterten Trinkspruch, ausgebracht von dem Oberbürgermeister von Kölln, in würdigster Weise gefeiert. Mit Ehrfurcht blickte die Versammlung auf den höchsten Vertreter der Wissenschaft, welcher gekommen war, die Arbeit und die Industrie durch seine Gegenwart zu ehren.

Die fernere Zeit bis in die späte Nacht war von nun an dem eigentlichen Vergnügen des Volkes gewidmet. – Zunächst erschien unter dem Schmettern der Trompeten der eigentliche Festzug, der die Wunder des Dampfes bildlich in überwiegend humoristischer Weise darstellte und durch ein Programm in Versen erklärte. Voran dem Zuge schritt Neptun, der Gott des Wassers, in der Hand den mächtigen Dreizack, und von Schwänen gezogen; ihm folgte Vulcan, der Gott des Feuers und der Schmiede, auf einem Felsen thronend, umgeben von seinen Cyclopen und den Gnomen, welche das Erz aus der Tiefe der Erde holten. Beide kamen als Väter des weltbewegenden Dampfes, dessen Erscheinung durch eine Reihe komischer Bilder eingeleitet wurde. Zunächst fuhr eine Riesenschmiede vorüber; die wackeren Gesellen hatten alle Hände voll zu thun, um die zerbrochenen Stahlröcke der Damen auszubessern; auch ein Fortschritt der modernen Industrie, die wir der Crinoline zu verdanken haben. Anschaulich zogen vor dem Zuschauer die früheren Zustände und Reisegelegenheiten vorüber, welche vor Erfindung der Locomotive im Schwunge waren. Diese antediluvianische Vorzeit wurde durch die edle Zunft der „Wanderburschen“ repräsentirt, wie sie früher langsam und bedächtig auf des Schusters Rappen, fechtend durch die Welt sich schlugen. Würdig schloß sich ihnen die alte Post mit ihren abgetriebenen Gäulen an, beladen mit Koffern, Hut- und andern Schachteln, zu denen auch die ehrwürdige Dame, welche darin saß, gerechnet werden mußte. Das Ganze erinnerte an die treffliche Monographie „die Postschnecke“ von Börne und an jene Zeit, wo man bei einer Reise von Berlin nach Leipzig sein Testament machte, und weinend von der ganzen Familie und allen Nachbarn Abschied nahm. – Aus einem riesigen Theekessel stieg der neugeborne Dampf empor; denn aus der Gewalt, womit der in einem solch gemeinen Topf eingeschlossene Dampf den Deckel abwarf, lernten Papin und de Caus, die ersten Erfinder, diese neue Riesenmacht kennen. Soweit kam heute der zum Schimpfwort degradirte „Theekessel“ zu Ehren, wie das gereimte Programm folgendermaßen besagte:

De Caus sah sich drauf den Theekessel an,
Und sann und grübelte Nacht und Tag,
Wie man den Dampf wohl zu fesseln vermag,
Daß er als Sclave, als Trieb der Maschine
Der ganzen Menschheit zum Nutzen diene.
und als er gefunden die große Kunst,
Zu fesseln in Kesseln Dampf und Dunst,
Da kamen auch Andere hinterher
Und sannen und grübelten immer mehr,
Und fanden nach weiser Ueberlegung:
Das Heil unser Aller liegt in der Bewegung.

Dem Theekessel folgte ein mächtiges Dampfschiff, natürlich von Pferden gezogen, mit zahlreichen Passagieren besetzt und mit Kaufmannsgütern reich beladen, den Welthandel darstellend. Den Handel begleitete die Börse, welche in einer Schaukel bestand, auf der Herr Zwickauer mit einem würdigen Geschäftsfreunde bald als Haussier in die Höhe flog, bald als Baissier wieder niedersank, während das nächste Bild eine Stockbörse in des Wortes verwegenster Bedeutung zeigte, wo à tout prix losgeschlagen wurde. Ein wilder Lärm verkündigte die Dampfmusik der Zukunft. Auf dem Schornstein saß der langfingerige Capellmeister, von wo aus er das mit Hülfe des Dampfes getriebene Orchester von Monstre- Posaunen und Riesen-Ophikleiden dirigirte. Eine Dampfbäckerei lieferte kolossale Dampfbrode, bei deren Anblick die dicksten Bäcker vor Schreck zusammenschrumpften. Auch die neue englische Dampf- Wasserleitung mußte es sich gefallen lassen, mit all ihren Werken und Brunnen auf einem zierlichen Präsentirteller davongetragen zu werden. Den Schluß des imposanten Zuges bildete:

Die Nummer Tausend: „Borussia!“
Berlin zur Ehre, Berlin zur Zier –
Und war’ sie auch hundert Meilen von hier!
Das erste Tausend ist heut erreicht –
Das zweite auch folgt bald vielleicht
Und dampfet hinaus auf fernen Wegen –
(Dazu geb’ Gott uns seinen Segen!)
Dein Staat und der Stadt zum Ruhm und Schmuck!! –
Zu End’ ist mein Text jetzt, zu Ende der Zug.

Beim Anblick des letzten Bildes ertönte ein nicht enden wollender Jubel, womit dies jüngste sind der Borsig’schen Industrie begrüßt wurde.

Unterdeß war es allmählich dunkel geworden; mit dem Beginn der Nacht entzündeten sich wie aus einen Zauberschlag Tausende von bunten Lampen und Laternen; zugleich flammten in rothem, weißem und grünem Glänze die Schornsteine des Borsig’schen Eisenwerkes von elektrischen Sonnen beleuchtet. Ganz Moabit schien von einem Kranze leuchtender Blumen umschlungen, von flammenden Schmetterlingen, riesigen Leuchtkäfern und Glühwürmern umschwärmt. Es war ein feenhafter Anblick, ein verkörpertes Märchen aus Tausend nur einer Nacht. Die Tanzplätze, von denen eine lustige Musik ertönte, alle Häuser, Vergnügungsorte und Gärten waren in ähnlicher Weise mit rothen, grünen und blauen Flammen erleuchtet. In transparentem Feuer glänzte ebenfalls die Ehrenpforte mit ihren Bildern. Wohin das Auge blickte, schimmerte, leuchtete und strahlte der ganze Ort wie eine kolossale Weihnachtspyramide, deren Spitze der hundert Fuß hohe Schornstein mit seinem elektrischen Lichte bildete. –

Wunderbarer als Alles aber war die würdige Haltung der zahllosen Menge und besonders der Arbeiter, welche mit stolzem Selbstgefühl jede Störung vermieden, und von Neuem den Beweis einer hohen Gesittung gaben.

Drei Kanonenschläge gaben jetzt das Zeichen zu dem von Herrn Borsig veranstalteten, großartigen Feuerwerk, welches den Schluß der Festlichkeiten bildete. Durch die dunkle Nacht schossen die glühenden Raketen, flammende Leuchtkugeln und feurige Garden. Im Brillantfeuer stieg eine mächtige Cascade auf und goß statt Wasser ihren sprühenden Funkenregen aus, worauf das Bild der tausendsten Locomotive in flammenden Linien am Horizont wie ein neues Sternbild, ein Symbol des ganzen Festes, niederschaute und mit jubelndem Beifallsrufe begrüßt wurde. Rothe, grüne und blaue bengalische Flammen warfen dazwischen ihr phantastisches Licht über die unzählige Menschenmasse, welche, Kopf an Kopf gedrängt, einem wogenden Meere im Phosphorglanze glich.

Nach dem Feuerwerke zerstreuten sich die Zuschauer, von denen ein Theil nach den Tanzplätzen eilte, während die Mehrzahl den Rückweg antrat. Jeder Anwesende aber nahm gewiß die Erinnerung eines schönen, bedeutenden Tages in seinem Leben mit, denn vom letzten Arbeiter bis zum Festgeber schien man es zu fühlen, daß es sich hier nicht um ein eitles Schaugepräge, nicht um eine Befriedigung der Eitelkeit und des sinnlichen Genusses, sondern um einen großen Gedanken, um eine mächtige Idee handelte, welche diese ganze Feier beseelte. Es war das Fest der Arbeit und des Menschenfleißes, das Fest der Verbrüderung zwischen Kopf und Hand, zwischen Arbeitgeber und Arbeiter, das Fest der Liebe zwischen allen Betheiligten, der Ehrentag des vierten Standes, welcher seine hohe Bedeutung fühlte, und durch feine würdige Haltung dieses stolze Selbstgefühl verrieth. Darum ruhte das Auge des wahren Menschenfreundes beim Scheiden noch einmal mit innerer Befriedigung auf der leuchtenden Inschrift des Portals:

„Arbeit ist des Bürgers Zierde;
Segen ist der Mühe Preis.“ –

M. R.

[544]
Die Forellen und die künstliche Fortpflanzung derselben.
Nach eigener Ansicht von L. Brehm.

Wir haben bekanntlich in Deutschland, wenigstens im mittleren, nur zwei Arten Forellen, nämlich die Stein- und Lachsforelle. Die erste ist ein echter Gebirgsfisch und lebt in schattigen, hellen Bächen und Flüssen, welche einen steinigen, kieseligen Grund haben. Die letztere wird auch an ähnlichen Orten angetroffen, allein sie geht viel tiefer herab, und kommt sogar in das Meer; denn der Herr Doctor Schilling, früher Conservator des königlich preußischen zoologischen Museums zu Greifswald, traf sie spät im Frühjahre einzeln in der Ostsee an. Beide schön rothgefleckte Arten sind am leichtesten zu unterscheiden, wenn sie gesotten sind; denn dann hat die Lachsforelle ein fettes, röthliches, die Steinforelle aber ein etwas trocknes, weißliches Fleisch. Die Lachsforelle wird viel größer als die Steinforelle. Sie sind im Geschmack etwas verschieden, haben aber beide ein gesundes, schmackhaftes Fleisch. Viele ziehen das der Steinforelle dem der Lachsforelle vor, während andere das der letzteren besonders lieben. Es gibt viele Arten Forellen, welche zum Theil noch nicht richtig bestimmt sind. Eine der größten ist die gefleckte Forelle, welche im Genfer See lebt und bis 50 Pfund schwer werden soll. In den auf dem Rücken der norwegischen Gebirge liegenden Seen, in welchen im August noch eine Menge Eisschollen herumtreiben, gibt es nach Bose sehr viele Forellen; doch kann ich nicht sagen, welcher Art sie angehören. Die merkwürdigsten sind offenbar diejenigen, welche in den isländischen Teichen leben. Da diese im Winter bis auf den Grund gefrieren, so stecken die sie bewohnenden Forellen in der kalten Jahreszeit im Eise, werden aber, wenn dieses im Frühjahre aufthaut, nach Faber wieder lebendig und so munter, als wenn nichts vorgefallen wäre! Daß der Lachs, der ein Gewicht von 20, nach Anderen sogar von 60 Pfunden erlangt, auch eine große Forelle ist, bemerke ich nur beiläufig.

Doch ich komme wieder zu unsern mitteldeutschen Forellen zurück. Beide Arten hält man auch in Teichen und zwar in solchen, welche von Quellen gespeist werden und helles Wasser haben. Ein Haupterforderniß aber zum Gedeihen dieser Forellen in den Teichen ist das Vorhandensein kleiner Wasserschnecken, besonders der kleinen Ohrschnecken, mit denen der Grund guter Forellenteiche fast bedeckt ist. Diese verlangen aber, um sich so zu vermehren, daß sie den sie häufig verschlingenden Forellen hinlängliche Nahrung gewähren können, einen ganz besonderen Boden. In manchen Teichen kommen sie durchaus nicht fort. Forellenliebhaber der hiesigen Gegend haben den Versuch gemacht, Eimer voll dieser Ohrschnecken in ihre Forellenteiche tragen zu lassen, allein, weil der Boden derselben ihnen nicht zusagte, waren sie in zwei bis drei Jahren ganz verschwunden. Wie gern sowohl die Lachs- als Steinforellen diese Ohrschnecken fressen, sieht man daraus, daß oft ihre ganze Speiseröhre mit nichts Anderem, als mit ihnen angefüllt ist, was ich oft selbst beobachtet habe. Sie verschlucken sie mit den Häuschen, und scheinen diese durch ihren scharfen Magensaft auch mit zu verdauen.

Merkwürdig ist die Geschicklichkeit, welche die Forellen besitzen, durch Springen in die Ausgangsrinnen der Teiche ihrem Gefängnisse zu entfliehen, und in den unter ihnen fließenden Bach zu gelangen. Man muß deswegen, um dieses Entschlüpfen derselben nach Möglichkeit zu verhindern, den Rechen vor der Abflußrinne hoch machen lassen. Die Müller an den Gebirgsbächen behaupten, daß die Forellen im Stande seien, in dem Wasserstrahle der gehenden Mühlräder emporzusteigen, und ein Besitzer schöner Forellenteiche in der hiesigen Gegend hat mir erst neulich versichert, daß mehrere aus seinen Teichen in den unter ihnen fließenden Bach entwichene Forellen in die 3 bis 4 Fuß über demselben stehende Abflußrinne wieder heraufgekommen, und von ihr aus durch einen gewaltigen Sprung über den Rechen in die Teiche zurückgegangen seien.

Ein Haupthinderniß der Forellenzucht in Teichen, aber ist der Umstand, daß sie sich in denselben sehr schwer oder gar nicht fortpflanzen. Sie laichen entweder nicht, oder fressen die Jungen auf. Ein Forellenteichbesitzer der hiesigen Gegend hatte vor längerer Zeit einen seiner Teiche, welcher nicht vollständig ablief, sondern in der Mitte einen Wassertümpel übrig ließ, gefischt und mit 40 Stück 4—5 Zoll langen Forellen besetzt. Nach zwei Jahren wurde dieser Teich wieder gezogen; aber zur großen Verwunderung des Besitzers sah dieser anfangs gar keine Forellen in demselben. Endlich zeigte sich eine in dem Tümpel in der Mitte. Sie war bei der letzten Fischerei unbemerkt daselbst zurückgeblieben, und hatte die 40 kleinen Forellen ganz aufgezehrt, dadurch aber auch ein Gewicht von 5 Pfund erlangt. Die Forellen haben auch in den gewöhnlichen Teichen keine Stellen, an denen sie ihren Laich bequem absetzen können. In den Bächen und Flüssen wählen sie Sand- oder Kiesbänke, über welche ein sanft strömendes Wasser fließt. Hier bereitet sich das Weibchen, indem es die untere Seite der Schwanzflosse als Grabscheit benutzt, eine Rinne, in welche es seine Eier ablegt. Sobald dies von dem in der Nähe befindlichen Männchen bemerkt worden ist, streicht dieses längs der Rinne hinauf über die Eier hinweg und läßt seine Milch darauf fallen. Ist dies geschehen, dann kommt das unfern der Eier gebliebene Weibchen wieder herbei, wedelt mit dem Schwänze, und bedeckt die Eier mit dem neben der Rinne liegenden Sand oder Kies 3—4 Linien hoch, so daß das über ihnen hinwegrieselnde Wasser sie durch die dünne Decke derselben zwar noch berühren, aber nicht wegschwemmen kann.

Da nun die Forellen in den Teichen solche für das Laichen geeignete Plätze nicht finden, so unterbleibt dieses gewöhnlich ganz. Allein der menschliche Verstand hat hier nachgeholfen und

eine künstliche Fortpflanzung der Forellen

aufgefunden, welche wohl verdient, in diesen vielgelesenen Blättern bekannt gemacht zu werden. Ich halte mich dazu um so mehr befähigt und berechtigt, je öfter ich sie mit eigenen Augen gesehen habe.

Wer die Forellen künstlich fortpflanzen will, muß Quellen oder Abflußrinnen mit reinem hellem Wasser haben, unter welche Kasten von 1½ Fuß Höhe so gesetzt werden können, daß ein etwa 1 oder 1½ Zoll im Durchmesser haltender Wasserstrahl oben auf den Kasten fallen kann. Diese Kasten von 3—4 Fuß Länge und 1½–1¾ Fuß Breite und Höhe werden entweder von Bohlen (dicken Bretern) gefertigt oder aus Sandstein gehauen und oben mit einem Falz versehen, so daß der hölzerne Deckel gut schließt uns nicht die kleinste Oeffnung läßt. Knapp unter dem Deckel und in demselben wird eine 2 Zoll im Durchmesser haltende Oeffnung angebracht und mit einem wie ein Reibeisen durchlöcherten Eisenbleche verschlossen. Der Boden dieses Kastens wird mit einer 4—6 Zoll hohen Schicht von ausgewaschenem Kies bedeckt und so unter den Wasserstrahl der Quelle oder einem von einer Teichrinne abgeleiteten gestellt, daß dieser durch das auf dem Deckel befindliche durchlöcherte Eisenblech fällt und das im Kasten oder Steintroge befindliche Wasser bis auf den Grund bewegt, ohne jedoch den Kies aufzurühren. Einen Steintrog kann man viel später an seinen Ort stellen, als einen Holzkasten, weil dieser auswässern, d. h. seiner harzigen und anderen Theile beraubt werden muß, ehe man die Forelleneier hineinbringt.

Zur Zucht hat man schon im Frühjahre bei der Fischerei der Forellenteiche die größten Forellen beider Geschlechter ausgewählt und in einen kleinen Teich, in der hiesigen Gegend Hälter genannt, eingesetzt. Zu Ende des November oder zu Anfang des December — das Letztere ist die passendste Zeit — läßt man den Hälter ablaufen, fischt die dann befindlichen Forellen heraus und bringt sie in ein Gefäß, in welches entweder fortwährend frisches Wasser läuft oder gebracht wird. Jetzt nimmt man ein kleines Böttchergefäß, hier Wännchen genannt, und füllt es ein bis zwei Zoll hoch mit Wasser an, ergreift mit der einen Hand eine weibliche Forelle, hält sie über das Männchen und streicht mit den Fingern der andern so lange über den Bauch derselben hinweg, bis ihre reifen Eier in das Männchen fallen. Ist sie aller ihrer reifen Eier entledigt: dann wird sie in den gewöhnlichen Forellenteich gesetzt. Es wird nun eine zweite und dritte ergriffen und auf ähnliche Weise, wie die erste, ihrer Eier beraubt, bis man eine hinlängliche Zahl, d. h. so viel derselben erlangt hat, daß man überzeugt sein kann, sie werden die Oberfläche des im Kasten befindlichen Kieses beinahe bedecken. Nun kommt die Reihe an die Forellenmännchen. Auch sie werden nach einander über das Wännchen mit den Forelleneiern gehalten und, wie die Weibchen, am Bauche gestrichen, bis sie ihre Milch in das Wasser fallen lassen. Sobald dies geschehen ist, wird das Wasser mit den Eiern und der Milch umgerührt, [545] bis Alles als eine gelbliche Masse erscheint. Dies geschieht jedes Mal, so oft ein Männchen seine Milch hergegeben hat.

Ist Alles gehörig umgerührt und jede Forelle ihrem Teiche wiedergegeben, dann gießt man das Wasser mit den Forelleneiern in den Kasten, legt den Deckel darauf und verschließt auch wohl denselben durch eine daran früher gemachte Vorrichtung, wenn man von bösen Menschen Beschädigung zu fürchten hat.

Will man eine bedeutende Menge Forellen ziehen, dann macht man vorher zwei bis drei der oben beschriebenen Kasten oder Steintröge zurecht. Dies that stets ein Freund von mir, in der hiesigen Gegend, welcher die Forellenzucht mit eben so viel Eifer als Geschick betrieb. In kurzer Zeit klärt sich das Wasser in den Kästen oder Trögen ab und die gelblichen Eier liegen auf dem Kiese. Jetzt ist große Vorsicht nöthig. Man muß nämlich genau nachsehen, daß die Eier nicht übereinander liegen und nicht von dem auf sie fallenden Wasserstrahle unter den Kies getrieben werden; in beiden Fällen kommen sie nicht aus. Ist also das Ersten der Fall, dann bringt man sie behutsam in die gehörige Ordnung und bemerkt man den letztern Uebelstand, dann befreit man sie mit Vorsicht von dem sie bedeckenden Kiese und mäßigt die Gewalt des in den Kasten fallenden Wasserstrahles so, daß er zwar das Wasser in dem Kasten, nicht aber die Eier, noch weniger den Kies bewegen kann. Auch muß man vorher genau nachgesehen haben, ob der Wasserstrahl reines Wasser oder moorige Theile enthält; denn im letzteren Falle, welcher öfter vorkommt, als man glauben sollte, werden die Forelleneier mit einem moorigen Ueberzuge bedeckt und gehen ebenfalls zu Grunde.

Es versteht sich von selbst, daß man die beschriebenen Forellenkästen nur dahin stellen kann, wo das Wasser auch im strengsten Winter nicht gefriert. Denn hat es nicht so viel Wärme, um der Kälte zu widerstehen, dann bildet sich auf dem Deckel oder am Kasten eine Eiskruste, welche das Ein- und Ausfließen des Wassers unmöglich macht und in kurzer Zeit alle Eier zu Grunde richtet.

Will man nach dreißig oder vierzig Tagen wissen, wie es mit der Zucht steht, so sieht man nach, hebt den Deckel auf, weist dem Wasserstrahle einen andern Weg an, nimmt sehr behutsam ein Ei nach dem andern aus dem Wasser und hält jedes einzelne an das Licht. Die ganz hellen, durchsichtigen wirft man weg, denn diese sind faul; die aber mit dunkeln Punkten oder einer dunkeln Masse legt man vorsichtig wieder in den Kasten, denn diese sind gut.

Nach sechzig bis achtzig Tagen — die gelinde oder strenge Kälte bewirkt diesen Unterschied — kriechen die jungen Forellen aus. Sie bilden dann eine ungestaltete, röthliche, gallertartige Masse, an welcher unten die Eierschale noch hängt und die Augen als dunkle Punkte bemerkbar sind. In kurzer Zeit aber entwickeln sie sich zu niedlichen, einer kleinen Stecknadel an Größe ähnlichen, nur etwas stärkeren Fischchen, welche munter im Kasten herumschwimmen. In diesem dürfen sie aber nicht lange bleiben, denn sie würden aus Mangel an Nahrung zu Grunde gehen. Die meisten Forellenzüchter lassen sie nun in kleine Teiche, welche auch warmes, dem Froste widerstehendes Wasser haben. Allein es ist viel besser, sie in einen kleinen, nicht zufrierenden Bach zu bringen. Der Aufenthalt in diesem ist ihrer Natur angemessen und bekommt ihnen deswegen am besten. Man kann sie ja später wieder fangen und als Brut in einen Forellenteich setzen. Wie ungern diese Forellchen, wenn sie sich gehörig entwickelt haben, im Kasten verweilen, sieht man daraus, daß sie, wenn die Löcher in dem Bleche, durch welche das Wasser aus dem Kasten abläuft, nicht ganz eng sind, sich zuweilen durch sie hindurchdrängen und das Weite suchen.

In sehr strengen Wintern friert trotz des warmen Quellwassers der Deckel zuweilen an den Kasten an. In diesem Falle läßt man Alles ganz ruhig und wartet, bis die mildere Witterung im Februar das Oeffnen des Deckels gestattet. Sobald als möglich muß man aber, wie wir gezeigt haben, nachsehen, weil die vollständig entwickelten Fischchen, um nicht zu verkümmern, aus dem Kasten genommen und in den Bach gesetzt werden müssen.

Mein schon oben erwähnter Forellenfreund machte einst den Versuch, eine Forelle in einem Bierglase zu entwickeln. Er brachte deswegen zwei Forelleneier in ein solches, stellte es in das Fenster seiner Schlafkammer, in welche der Frost nicht dringen konnte, und füllte das Glas alle Tage mit frischem Wasser. Nach fünfundsechzig Tagen hatte er die Freude, aus dem einen noch übrigen Eie — das andere war schon früher als faul weggeworfen worden — ein junges Forellchen auskriechen zu sehen.

Dieses ist aber das einzige mir bekannte Beispiel, daß sich ein Forellchen auf diese Art aus dem Ei entwickelt hat.

Wie nahe beide deutsche Forellenarten mit einander verwandt sind, zeigt sich auch bei dieser künstlichen Fortpflanzung derselben. Wir haben von beiden Arten Eier und Milch in einem Gefäße untereinander gemischt und die Forellenzucht litt dadurch nicht im Geringsten. Es entstanden Bastarde, deren Kinder aber theils Stein-, theils Lachsforellen wurden und so die echten Arten, wie die Bastarde der Raben- und Nebelkrähen, wieder herstellten.

Diese künstliche Forellenzucht, welche mein Freund Jahre lang mit dem besten Erfolge betrieben hat, ist sehr zu empfehlen; denn sie ist wohlfeil, wenig mühsam, sicher und vortheilhaft.

Sie ist 1) wohlfeil; die Kosten derselben werden blos durch die Anschaffung und Einrichtung der Kasten verursacht und betragen wenig mehr, als der Satz, wenn man ihn kaufen soll, für einen einzigen Teich in einem einzigen Jahre, weil dieser sehr theuer, überhaupt schwer und in manchen Gegenden gar nicht zu haben ist. Ueberdies hat man die Ausgabe für die Kasten nur ein einziges Jahr, denn selbst die hölzernen halten viele Jahre und die steinernen ein Menschenleben lang. Ebenso ist sie

2) wenig mühsam. Das Streichen der Forellen macht nur wenig Arbeit, und befinden sich ihre Eier einmal in dem Kasten, dann hat man nur nachzusehen, daß Alles in gehöriger Ordnung bleibt und das Auskriechen der Jungen zur rechten Zeit bemerkt wird, damit diese nicht zu lange im Kasten bleiben und verkümmern. Diese Aufsicht über die Zucht macht dem Freunde der Natur mehr Freude als Mühe und gewährt ihm eine anziehende Unterhaltung. Diese Forellenzucht ist auch

3) sicher. Wie schon bemerkt wurde, schlägt sie bei richtiger Behandlung nicht fehl. Darauf muß man natürlich besonders aufmerksam sein, daß das Wasser nach der oben angegebenen Anweisung gehörig ein- und ausfließt, die Eier richtig liegen, nicht von einem moorartigen Ueberzuge bedeckt und nicht von einer Wasserspitzmaus aufgefressen werden; denn wenn der Deckel nicht gehörig schließt oder der Kasten so schadhaft ist, daß diese sich hineinarbeiten kann, werden die Eier von ihr in einer einzigen Nacht vernichtet. Endlich ist diese Forellenzucht auch

4) vortheilhaft. Die Forelle ist in unserer Gegend schon theuer — das Pfund wird hier aus erster Hand für 10 Sgr. verkauft — in den benachbarten Städten aber sehr kostbar, und der Satz ist, wie wir gesehen haben, überall schwer und nur für hohen Preis zu haben. Welch' ein Vortheil ist es da, diese gesunden, sehr schmackhaften und kostbaren Fische selbst ziehen zu können!


Das neueste Land des Goldes.

Es wälzt sich wieder ein glühendes, dämonisches Goldfieber wie eine Epidemie über die Erde hin und wüthet zunächst in Amerika, besonders an den westlichen Gestaden hinunter, hat aber bereits in allen Vereinigten Staaten gewaltig um sich gegriffen. Mit jeder überseeischen Post kommen Nachrichten von der zunehmenden Gluth und Wuth des Fiebers. Es reißt die Menschen blindlings von ihrer Scholle los, aus Familien-, Mutter- und Kinderarmen und treibt sie willenlos hinunter in die neu entdeckten Lande, wo zum ersten Male Alles, was glänzt, Gold sein soll, wo sich Alles unter den Händen, wie bei dem eselsohrigen König Midas, in Gold, in pures Gold verwandelt.

Das neue, dritte, große und reichste Gold-Paradies streckt sich um den 50. nördl. Breitengrad an der Westküste des englischen Amerika im Fraserflusse und um denselben herum bis in die lange, bergige Vancouvers-Insel, die sich von seinen Mündungen nach dem großen, stillen Oceane in nördlicher Richtung zuspitzt, jenseits der fürchterlichen Felsengebirge und Cordilleren, welche das diesseitige englische Amerika von dem jenseitigen westlichen, gesünderen, nach dem stillen Oceane sich abdachenden grimmig abscheiden, als sollte drüben eine neue Welt entstehen, geschützt vor der alten Wirtschaft diesseits. Seltsam neu und mannichfaltig bunt ist diese gährende Mischung genug drüben und sie wallet und siedet und brauset und zischt, als wollte diese Völker- und Racen-Mischung noch eine neue Menschheit gebären. Die Engländer und Amerikaner [546] sind von dieser neuen goldenen Welt durch endlose Felsengebirge und Wüsten weiter geschieden, als die Chinesen und das neue Rußland am Amur gegenüber. Nur zwei Flüsse, der Atabaska südlich und der Friedensfluß im Norden des Fraser, treten mit vorgerückter Wasserscheide nahe genug an die westliche heran, daß von ihnen aus eine Verbindung mit dem ungeheueren Netzwerk von Flüssen und Seen der diesseitigen Partieen Amerika’s und des westlichen Goldflusses thunlich erscheinen mag. Die Engländer hoffen auch schon, daß sich drüben ein neues Großbritannien bilden werde, mächtig genug, um es mit den Vereinigten Staaten aufzunehmen, Aeußerungen, welche die stets gespannte Eifersucht Bruder Jonathan’s bitter aufstacheln.

Das neue amerikanische England an der Westseite rechnet vernünftiger Weise nicht so sehr auf das Gold, als auf die unerschöpflichen Kohlen und die Vortheile der Communication im Vergleich mit den westlichen und östlichen Vereinigten Staaten. Seitdem Californien hervortrat, haben die Amerikaner unablässig versucht, einen besseren Weg dahin zu finden, als über die Landenge von Panama, einen Landweg, eine Eisenbahn, und zu diesem Zweck unter den ungeheuersten Schwierigkeiten nicht weniger als vier Terrain-Vermessungen über die ganze wüstenvolle Breite vorgenommen. Bis jetzt scheint keine Eisenbahn möglich. Sie müßte durch wasser- und holzlose Wüsten von 80 bis 200 geographischen Meilen Breite, über Thäler und durch 4-10,000 Fuß hohe Felsenmassen gezwungen werden. Im nördlicheren, englischen Gebiete fallen diese Wüsten weg. Statt derselben eine reiche Communication zu Wasser und zuletzt nur ein verhältnißmäßig geringes Hinderniß durch eine blos 900 Fuß hohe Helsenmasse. Der Weg nach dem amerikanischen Westen auf englischem Gebiete beietet fruchtbare Prairien und den großen Saskatschewan-Fluß, der bis zu dem Fuße der großen Felsengebirge führt. Im „rothen Fluß“ hat sich schon eine englische Colonie mit Energie und Ausdauer festgesetzt, der Saskatschewan ist noch günstiger. Er tritt mit Nebenflüssen bis jenseits der Felsengebirge in die Nähe des Fraser hinauf. Eine monatliche Post geht und bereits von Callinwood am Huron-See nach dem Superior-See und den rothen Fluß hinauf. Eine Compagnie hat jetzt begonnen, diesen Wasserweg zu vervollkommnen, nöthigenfalls Eisenbahnen anzulegen. Man hat gefunden, daß die Verbindungen zu Wasser, durch eine 15 geographische Meilen lange Eisenbahn unterstützt, durch den rothen Fluß, den Winnipeg-See und den Saskatschewan bis in das Herz der[1] Felsengebirge führen werde. Dieser Wasserweg ist jetzt schon offen. Einige kleine Eisenbahnen kürzen ihn ab und können sofort den verschlossenen, goldenen Westen Amerika’s öffnen.

„Am Golde hängt, – Nach Golde drängt – Doch Alles,“

sagt Goethe. Mit einer solchen dämonischen Zugkraft drüben läßt sich gewiß bald der lange gesuchte Weg nach dem stillen Oceane und dessen Goldküsten und Goldkisten durchbrechen. Jetzt stürzen sich die Leute schaarenweise zu Wasser und zu Lande in Wildnisse und Gebirge hinein, wenn’s nur in der Richtung des neuen Gold-Paradieses ist, und kommen größtentheils unterwegs um, entweder vor Hunger und Erschöpfung oder durch wüthend gemachte kriegerische Indianer, welche ein allgemeines Blutbad unter den Goldfischern am Fraser vorbereiten sollen. Am leichtesten haben’s die Californier und Chinesen nach dem neuen Paradiese. Von China kann man in fünfundzwanzig Tagen herüberkommen, von St. Francisco in noch kürzerer Zeit. In der Hauptstadt des californischen Goldlandes war die Wuth am größten. In einem Schiffe, groß genug für 300 Passagiere, hatten sich am Ende Juni’s dieses Jahres 800 Personen zusammengedrängt. Alle Winkel und Wände, alle Taue und Mastkörbe wimmelten von Menschen, als es abfuhr. Im Hafen von Victoria, der Hauptstadt des Gold-Paradieses auf der Vancouvers-Insel, kam es leer an. Nur die Matrosen und ein paar Dutzend wankende Schatten lebten noch auf dem Schiffe, das mit 800 Passagieren von St. Francisco abgegangen war. Welch’ eine Seereise! Die noch Lebenden hatten einige Tage weiter nichts zu thun, als Todte oder Scheintodte in’s Wasser zu werfen. Einige dieser Todtengräber wurden dabei wahnsinnig, warfen ihre Leichen auf’s Deck und sprangen – sich mit ihnen verwechselnd – in den stillen Ocean hinunter. – Noch ehe diese Nachricht in San Francisco ankam, erlebte es einen andern Beweis von der „Macht des Goldes“. Ein Dampfschiff lag bereit, nach dem neuen Gold-Paradiese abzufahren. So wie dies bekannt ward, belagerten Hunderte stämmiger Kerle das Billet-Bureau, um Einer vor dem Andern das theuere Recht der Mitreise zu erkämpfen. Der Kampf ward bald zur wilden Schlägerei, so daß eine ganze Schaar Policemen herbeigeschafft werden mußte, um einige Ordnung herzustellen. Schrecklich klingen einzelne bekannt gewordene Nachrichten von Goldbesessenen, die den Weg zu Lande versuchten. Viele kamen vor Hunger und Erschöpfung um, Andere wurden von Indianern überfallen, todtgeschlagen und scalpirt. Die californischen Zeitungen sind voll davon, aber noch voller von der Unerschöpflichkeit des Goldes, das die Glücklichen dort finden, wo sie auch einhauen. Diese Gemälde auf Goldgrund bewältigen alle Contraste des Unglücks und Schreckens. Man setzt sein Leben ein, nur um goldselig zu werden. Eine andere Seligkeit kennt man, wie es scheint, in Amerika nicht mehr. Man hört und liest von Goldfischern, die nach acht Tagen mit einem Vermögen für’s ganze Leben zurückkehrten, obgleich dies, die Wahrheit der Angaben (z. B. 179 Unzen in einer Woche) vorausgesetzt, sehr auf Verkennung der Wirkungen schnell erworbenen und sich plötzlich anhäufenden Goldes beruht.

Die Ueberfluthung mit Gold hat stets eine doppelte Wirkung: eine persönlich-demoralisirende und eine volkswirthschaftliche. Der schnell reich gewordene Goldfischer wird nicht selten Säufer, Spieler, Lumpacivagabundus in allen Richtungen, so lange das Gold reicht, d. h. er ruinirt sich und seine nächste Umgebung eben so schnell, als er reich ward. Dann wird außerdem das Gold um so werthloser, je mehr es sich anhäuft, d. h. die Preise der Lebensmittel und sonstigen Realitäten steigen verhältnißmäßig. In Australien und Californien mußte zuweilen ein Sack voll Mehl mit beinahe eben so viel Gold aufgewogen werden. Mit Stiefeln und Kleidern war dies öfter ganz wörtlich der Fall. In der bisher ruhigen, kleinen Stadt Victoria auf der Vancouvers-Insel bezahlte man schon 30,000 Thaler für eine leere Baustelle zu einem einfachen Privathause. Es hat drei Mal so viel Einwohner, als es unter Dach bringen kann. Eine Schlafstelle unter einem Zelte, blos der bedeckte leere Platz, wird mit drei bis fünf Thaler für jede Nacht bezahlt. Noch vor drei Monaten wurde ein ganzer Morgen Landes bei Victoria für den Regierungs-Preis, ein Pfund Sterling, verkauft: jetzt kostet er in der Nähe 500 und weiter ab 300 Pfund. Dasselbe gilt verhältnißmäßig von allen realen Bedürfnissen, die auf diese Weise stets mit unbesiegbarer Macht gegen die scheinbare Allmacht des Goldes kämpfen und unfehlbar den Sieg behaupten, so daß Jeder, der arbeitet und producirt, statt in die Goldlotterie zu gehen, sich besser und sicherer steht, als der glücklichste Gewinner. Letztere müssen Ersteren ihre Goldhaufen bringen, um zu leben, oder sie sinken dahin, wie Fliegen im Frost. Dies scheint nach allen Erfahrungen in Australien Niemand zu begreifen, als die gelben, blauhosigen, schlitzäugig lächelnden Chinesen. Alles strampelt und scrampelt in dem dreigabeligen Fraser-Flusse in Löchern und Pfützen, zwischen Bergen und Wasserfällen obdachlos nach Gold umher, das reichlich genug im Wasser und an den Ufern liegt, aber oft fein wie Mehl, so daß es ungeheuere Mühe macht oder gar unmöglich wird, es aus Schlamm und Sand herauszusieben. Die Chinesen sind auch zahlreich gekommen, aber sie sehen gar nicht hin nach dem Golde: es kommt von selber zu ihnen. Wie fangen sie’s an? Sie handwerken,[2] kochen, braten, fischen Lebensmittel aus dem Meeresfser. Das Uebrige findet sich von selbst. Sie haben sich besonders auf eine scheinbar ganz kleinliche Fischerei gelegt, doch verstehen sie’s besser, was damit zu machen ist. Sie kratzen eine Art See-Schnecken aus den Meeresufern (von den Franzosen bèche de mer genannt), trocknen sie auf eine unbekannte Weise, verpacken sie und verkaufen sie an Liebhaber. Dies sind vor Allem die Chinesen selbst zu Hause, so daß alle Schiffe, die nach China zurückkehren, so viel, als sie bekommen können, für fast jeden Preis kaufen, weil die Gutschmecker in China wieder jeden Preis dafür zahlen. Diese getrockneten Seeschnecken werden aber auch in den bunten, wilden Goldgefilden der Fraser-Ufer eine täglich im Preise steigende Delicatesse, so daß das Gold von allen Seiten zu ihnen kömmt. Obgleich dies im neuen Paradiese schlechterdings überall umherliegen soll, ist es doch kein Kinderspiel, es aufzunehmen und davon zu leben. Lebensmittel steigen desto fabelhafter im Preise, je weiter sie in die Unwegsamkeit und Rohheit der Goldlager hinenigeschafft werden. Die Crösus der Goldfischer leben, wie die Krebse, in Höhlen und Winkeln, stets mit gespannten Revolvers schlafend, aber nicht auf Daunen, sondern auf blanker Erde, wo sie sich früh aus dem Sacke Mehl, den sie mit schwerem [547] Golde erkauften, erst etwas backen müssen, wenn sie etwas gegen den Hunger in den Magen pfropfen wollen. Dasselbe gilt Mittags und Abends nach harter, schmutziger, gefährlicher, erschöpfender Arbeit.

Welch’ eine Arbeit! Welch’ ein Leben! Das Terrain ist eine verwilderte Wildniß, Urwald, Urwüste, Gestrüpp, Gestein, verworrene Hügel- und Thalgebilde, der Fluß mit gefährlichen Stromschnellen und Wasserfällen. Der goldgierige Kerl dringt einsam oder mit unzuverlässigen Gesellen hinein in die Wildniß. Erst findet er schon überall den Boden grimmig und planlos durchwühlt mit Hacken und Spitz-Aexten, voller Löcher und Pfützen; umgehauene Bäume und Haufen sperren seinen Weg, besonders wenn er mit Wagen oder Karre belastet sein sollte. Weiterhin ein wild zerstreutes Heer von schmutzigen Kerlen, aus allen Nationen und Racen zasammengerafft, gelbe, rothe, weiße, schwarze, braune Kerle in allerhand Costümen und Zerlumpungen, mit Wasserstiefeln und barfuß, mit Hüten und Mützen von allen erdenklichen Formen und Farben, Halstüchern von allen möglichen Stoffen und Verrenkungen. Sie haben sich planlos über Thäler und Berge verstreut, hackend, grabend, siedend, kochend, singend in englischer, französischer, deutscher, indianischer, vandiemensländer, chinesischer und russischer Sprache, aber auch ächzend, betend, fluchend, sterbend in allen möglichen Sprachen. Unten ragen auf schweineartig aufgewühltem Boden Zelte empor. Vor denselben hocken und kauern Kranke neben dem Feuer am feuchten Boden und wärmen sich oder suchen sich Medicin zu brauen. Der Neuangekommene krüppelt sich von Einem zum Andern. Die zehn Ersten verstehen ihn gar nicht und brummen etwas in unbekannter Zunge. Endlich versteht ihn Einer und gibt ihm eine rohe, abstoßende Antwort. Hier ist nichts. Also weiter, weiter in’s Innere, den Fluß hinauf. Aber, die Nacht kommt heran und die erschöpften Wanderer müssen sich von wollenen Decken, Leinwand und Pfählen einen Gasthof zurecht machen. Aber ohne Klingel und Kellner. So viel sie auch Geid haben mögen, es gilt, selber Feuer zu machen, selber zu kochen und zu braten, um dann auf nacktem Boden zu schlafen, nein, zu wachen, ob nicht die Wildniß ihre Schrecken auf sie abschieße, z. B. herangeschlichene Indianer, die dann mit einem Tigersprunge und einem pfeifenden Geheul auf die erstarrten Eindringlinge losstürzen, sie todtstechen und ihnen die Kopfhaut absäbeln.

Es fehlt natürlich unter solchen abenteuertichen Verhältnissen an allen Bequemlichkeiten, so selbst an den unentbehrlichsten Nothwendigkeiten des Lebens, die sich wohl zuweilen in großer Menge einstellen, dann aber wieder ganz ausbleiben; da sich erst mit der Zeit geregeltere Befriedigungen zwischen Angebot und Nachfrage, Marktplätze, Marktpreis und etwas Ordentliches dafür bilden.

Auch fehlt es an Gesetzen. Niemand weiß bis jetzt, wem das neue Goldland eigentlich gehören mag. Der englische Senator Douglas in Victoria ist selbst in den Goldgefilden gewesen, um da Gesetz und Ordnung zu proclamiren, d. h. jedem Goldfischer monatlich eine Abgabe von fünf Dollars abzufordern; aber die Hudsons-Bai-Compagnie (ein anderer Staatskrebs Englands und noch schlimmer, als die ostindische Compagnie) will die Leute auch besteuern, da sie behauptet, auch dies Terrain gehöre ihr. Eine dritte Partei beweist, daß das Gold-Paradies Niemandem gehöre, als der englischen Krone, und nur von dieser Gesetze gegeben und dafür Steuern eingetrieben werden könnten. Es herrscht also reale Anarchie in dem neuen Eldorado. Doch geht aus Privat-Briefen und Details hervor, daß sich die wilden Männer aller Nationen und Farben im Durchschritt ganz erträglich selbst regieren und jedes räudige Schaf oder jeden sich geltend machen wollenden Bösewicht durch eine Art Volks-Justiz und Volks-Polizei immer bald ducken oder beseitigen. Diese Selbstregierung, für so schwer und verbrecherisch man sie auch in geordneten Staaten halten mag, ist gleichwohl sehr leicht und natürlich. Wo sich die Leute Alles selbst besorgen müssen, Schlafstellen, Frühstück, Mittag- und Abendessen, Wäsche, Licht, Holz etc., findet sich auch wohl das Talent, sich Gesetze zu machen und sie anzuwenden. Jedenfalls scheint es, daß sie’s an Ort und Stelle besser verstehen, als andere Herren Tausende von Meilen weiter ab.

Die wahre Anarchie macht sich wohl erst geltend, wenn die drei verschiedenen Obrigkeiten in Streit gerathen sollten, wer eigentlich den Goldmännern Gesetze geben und dafür Steuern eintreiben solle. –

Das ist ein erster Blick auf eine sonderbare neue Welt. Man wird mehr davon hören, höchst wahrscheinlich vorläufig nicht viel Gutes. Cultur und Menschlichkeit werden dort erst eine Stätte finden, wenn an die Stelle der Goldhacke der noble Pflug, die säende Hand, das freundliche, unterichtende Wort der Bildung, das lächelnd erziehende Auge der Mutter, das Bruder-Rohheiten beschämende, jungfräuliche Walten edler Schwestern, das Familien-, das Wissenschafts-, das schöne Leben gesunder Production und gebildeter Consumtion – woran es bis jetzt in ganz Amerika so sehr fehlt, daß fast alle wirklich gebildeten Menschen dort umkommen, wenn sie sich nicht zeitig genug wieder in unsere alte Welt retten – ihre Rechze und Werkstätten gefunden haben werden.




Ein Ball bei Lady Stratford de Redcliffe.
Skizzirt von W. v. T.

Die dunklen Straßen Pera’s waren am Abend des 31. Januar 1856 sehr belebt, namentlich die, welche vom britischen Gesandtschaftshotel in östlicher Richzung laufen; denn die Bevölkerung der Stadt wußte, daß Seine Hoheit der Sultan Abdul Medschid heute den Ball, welchen Lady Stratford de Redcliffe geben würde, mit seiner Gegenwart beehren wollte. Wer nur irgend jung und hübsch und vornehm, oder in Folge seiner Stellung auf diese Ehre Anspruch machen konnte, war eingeladen, die Damen waren gebeten, in Costüme zu erscheinen, um dem Feste noch mehr Glanz zu verleihen, und sie boten Alles auf, um recht brillant zu erscheinen; konnte doch nun jede die Tracht wählen, welche sie für sich am passendsten, am vortheilhaftesten hielt. Es war der erste christliche Ball, wenn wir uns dieses Ausdruckes bedienen dürfen, den je ein Sultan besuchte; sollten sie es ihm nicht beweisen, daß es noch etwas Reizenderes gäbe, als die trägen Schönheiten im Harem? sollten sie ihm nicht zu beweisen versuchen, daß Bewegung, Leben und Grazie Vorzüge sind, die er dort selten oder nie in der Vollendung wie hier sehen würde?

Das Gesandtschaftshotel selbst bot einen herrlichen Anblick dar, alle Fenster waren illuminirt, und wenn man über den Hof, welcher dasselbe von den umliegenden Gebäuden trennt, geschritten war, und in das Portal des ersteren trat, so ward das Auge durch die prächtigen Blumendecorationen, welche dieses selbst und die Treppen, welche mit den weichsten Teppichen belegt waren, schmückten, gefesselt und entzückt. Kerzen strahlten und erhellten den Raum mit ihrem Lichte bis zum Uebermaße, zwischen den Blumen selbst standen englische Ublanen mit ihren geschmackvollen Uniformen, die Lanze mit dem weiß und rothen Fähnchen in der Hand, ruhig aud regungslos, als seien sie aus Stein gehauen, nur am Blitzen der Augen sah man, daß sie belebt waren, diese gebrannten, bärtigen, man darf wohl sagen schönen Männer, die man aus dem ganzen Regimente ausgewählt hatte. Auf dem großen Corridore, welcher von der Treppe nach den Sälen führte, stand das über 80 Mann starke Musikchor der britisch-deutschen Legion, um den Sultan bei seinem Erscheinen mit den Klängen des „God save the queen“ zu begrüßen; wenn nach unsern Begriffen diese Musik im Verhältniß zum Raume jedenfalls sehr geräuschvoll sein mußte, so war dies durchaus nicht die Ansicht der Türken, die gerade, je lauter sie ist, sie um so vorzüglicher finden, und wir glauben, daß dieses starke Chor einer türkischen Regimentsbande im Spectakelmachen allerdings nicht gleich kommen konnte.

Die Zimmer, welche vom Corridor nach dem Ballsaale führten, waren alle reich geschmückt; in letzterem selbst befand sich der Thron, auf welchem der Sultan Platz nehmen sollte. – Welche bunte Menge wogte in diesen Gemächern umher, welcher Aufwand an Brillanten und Edelsteinen, Federn, Sammet und Seide war hier zu sehen! Die Dament hatten sich wirtkich so geschmückt, wie sie es nur bei den seltensten, feierlichsten Gelegenheiten zu thun pflegen. Keine derselben trug ein Hofkleid mit Schleppe, alle waren in Ballcostümen, aber man möchte sagen, aus verschiedenen Jahrhunderten. Da ging eine französische Marquise in dem Anzuge, wie ihn vielleicht ihre Urgroßmutter bei dem Balle in Trianon oder Fontainebleau getragen hatte, hier eine Griechin in ihrer so höchst eleganten Nationaltracht, daneben sah man wieder eine Engländern in dem [548] idealisirten Anzug aus den Zeiten der Königin Elisabeth; – auch Charaktermasken waren vielfach vertreten. Nur Türkinnen, oder vielmehr Damen als solche gekleidet, sah man nicht; die hiesigen Damen wissen recht gut, wie unkleidsam deren Tracht ist, wie sie in derselben beim Tanzen grotesk lächerlich erscheinen würden, denn der Anzug, wie wir ihn so häufig auf Bildern, auf der Bühne oder auf Maskenbällen sehen, ist durchaus nicht der der türkischen Frauen. Manche Damen schienen aber auch maskirt, obgleich sie es nicht sein wollten, – die Crinolines kamen eben auf, und wurden deren mehrere hier gesehen; die europäischen Damenmoden waren uns sein längerer Zeit zu unbekannt, als daß wir nicht in diesen gewiß verzeihlichen Irrthum hätten fallen sollen. Sollte man aber nicht auch jenen jungen, blühend schönen schottischen Officier, der in voller Uniform gleich einem Clan seiner Heimath einherschreitet, für maskirt halten? Sollte man es glauben, daß Ihre Majestät die Königin von Großbritannien Regimenter hat, deren Nationaltracht es nicht gestattet, Beinkleider zu tragen, und die sogar in höchster Galla, bei Paraden, ja selbst bei Hofe ohne solche erscheinen? Was dieser zu wenig hat, hat jener französische Officier zu viel, der in der geschmackvollen Uniform der Chasseurs d’Afrique seinen unteren Menschen in Gewänder gehüllt hat, deren Weite den Neid eines Alttürken erregen könnte. Hier führt ein englischer Husarenofficier eine Schäferin mit gepudertem Haare und Mouchen am Arme, dort ein junger Gesandtschaftsattaché im Hofkleide eine idealisirte Marketenderin der Zuaven, und ein riesiger Grenadier spricht mit einer Ophelia. – Officiere aller in der Nähe stehenden Regimenter beleben durch ihre bunten Uniformen den Saal nicht wenig, der schwarze Jäger steht neben dem rothen mit Gold beladenen Infanteristen, der französische Artillerist neben dem Scotch Grey (Grenadier zu Pferde) – wer vermöchte den Glanz und das bunte Wogen der Menge zu beschreiben? Auch höhere türkische Angestellte und Officiere hatten sich eingefunden, letztere sämmtlich Christen im Dienste der Pforte, die aber, der dortigen Sitte getreu, ihren mit gelbem Metallknopf – das Zeichen des Soldaten – verzierten Fez auf dem Kopfe behielten, und ihn so weit rückwärts als möglich geschoben hatten, wie es die Mode, denn auch hierin herrscht eine solche, zu dieser Zeit mit sich brachte.

Wahrlich, es hätte der Maskenanzüge der Damen kaum bedurft, um dem Ganzen das Ansehen einer Redoute zu geben; die Trachten von halb Europa wogten bunt durcheinander, und nicht immer als Verkleidung, sondern sehr oft als wirklicher Nationalanzug – sogar der biedere schwarze Frack mit weißer Weste war hin und wieder, wenn auch nur sehr vereinzelt, zu sehen.

Jetzt donnerten 21 Kanonenschüsse, die Royal-Salute der in der Nähe des Hotels aufgestellten englischen Artillerie, und verkündeten die Ankunft des Großherren. Sofort ordnete sich die bunte Menge im Saale, die Damen traten vor und bildeten Spalier nach dem Throne zu, während die Herren in dichten Reihen hinter diesen standen.

An der Seite des Lord Redcliffe, welcher die Uniform eines englischen Staatsministers trug, trat der Sultan mit Mehemed Ali Pascha und einem zahlreichen Gefolge von Großwürdenträgern und Adjutanten ein; – Lady Redcliffe ging ihm bis an die Thür entgegen und verneigte sich tief vor ihm, auch er beugte sein Haupt, und schritt dann zwischen dem Wirth und der Wirthin dem Throne zu. Sein Gang war etwas unsicher, seine Haltung nicht ganz aufrecht, der dunkle, faltenreiche, kragenlose Mantel, den er bei jeder feierlichen Gelegenheit trägt, verhüllte seine Gestalt und nur, wenn derselbe durch Zufall auseinander schlug, sah man, daß der Sultan die überaus reiche Uniform eines türkischen Generals trug. Der rothe Fez ließ die hohe Stirn vollständig frei, er war mit einer kostbaren Brillantagraffe und einer Reiherfeder geschmückt. Sein Gesicht, ganz orientalisch geschnitten, wäre schön zu nennen, trüge es nicht zu sehr den Stempel der Ermattung; die gewölbten schwarzen Augenbrauen geben ihm ein strenges, majestätisches Ansehen, doch wird dies durch die müden fast immer halb geschlossenen Augenlider gemildert, die sein feuriges schwarzes Auge bedecken, das durch die langen Wimpern noch mehr verschleiert wird. Ein dunkler, nicht zu starker Bart umrahmt sein ovales Gesicht, und ein eben solcher Schnurrbart bedeckt die Oberlippe. – Als er auf dem Throne und sein Gefolge neben demselben Platz genommen hatte, wurden ihm die Frauen und Töchter der verschiedenen Gesandten vorgestellt – Der Ausdruck seines Gesichts, seine Gebehrden zeigten, daß er unsern geselligen Formen durchaus nicht fremd war; sein Antlitz nahm einen so verbindlichen, so liebenswürdigen Ausdruck an, wie wir ihn nicht immer bei ähnlichen Gelegenheiten bei Fürsten sehen, die ihm an Rang und Macht bei weitem nicht gleich kommen. – Und doch macht sein Lächeln einen unendlich wehmüthigen Eindruck, – es ist schwer zu glauben, daß er ein Nachkomme Solimans ist.

Hierauf wandte sich der Sultan zu dem französischen Gesandten, und sprach angelegentlichst mit ihm, – man erzählte sich, er habe gegen diesen den Wunsch ausgesprochen, auch in seinem Hause einem Balle beizuwohnen, und sich zu diesem selbst eingeladen. Während dessen, was wir eben schilderten, hatte die Musik der deutschen Legion auf dem Corridor gespielt; jetzt ward sie von der Capelle der hiesigen recht guten italienischen Oper abgelöst, welche die Musik zum Tanzen zu executiren hatte. – Mit sichtbarem Vergnügen schien der Sultan den Bewegungen der Tänzer und Tänzerinnen zuzuschauen, er folgte mit den Blicken einzelnen Paaren, die sich durch Schönheit oder Gewandtheit auszeichneten. Wendete man sich von dem Sultan zu Lord Redcliffe, der gerade damals mehr Einfluß als je vorher hatte, so mußte man unwillkürlich die Bemerkung machen, daß er diesen wohl schwerlich seiner Liebenswürdigkeit oder dem Reize seiner äußern Erscheinung zu danken hatte. Gekleidet in einen überladenen, geschmacklosen Uniformfrack, mit dem dünnen Degen, der im richtigen Verhältnisse zu seinen Beinen zu stehen schien, den furchtbar hohen dreieckigen Hut unter dem Arme, hatte die ganze Erscheinung wirklich etwas Carricaturähnliches, – sein blaues, kaltes, theilnahmloses Auge überblickte das Ganze ruhig, als sei es ein Schauspiel, das ihn gar nicht angehe, – was hatte er auch nöthig, gegen jemand Anders, als den Sultan, aufmerksam zu sein? War es doch der Ball der Lady Redcliffe, waren doch die Anwesenden ihre und nicht seine Gäste, und wie seine Frau die Honneurs zu machen verstand, das wußte er; – in der That kann man sich kaum etwas Liebenswürdigeres und Verbindlicheres denken als das Benehmen dieser Dame in ihrer hohen Stellung. Ihren Töchtern, von denen eine fertig deutsch spricht und gern Gelegenheit nahm, sich dieser Sprache zu bedienen, muß man genau dasselbe Lob ertheilen. Da sie wirklich schön sind, konnte es nicht fehlen, daß sie allgemein geliebt und verehrt wurden.

Mit nicht geringerer Neugier und Theilnahme, als der Sultan selbst, sahen seine Umgebungen dem Feste zu; noch mehr belebten sich ihre Züge und der bis dahin streng bewahrte Ernst machte dem Lächeln Platz, als die Musik eine Polka zu spielen begann und sie die Paare nach allen Richtungen, vorwärts, seitwärts, rückwärts umherhüpfen sahen, – manche der Tanzenden konnten aber durch ihre Bewegungen Leute zum Lächeln bringen, die an solche Tänze gewöhnt sind, namentlich excellirten die Nationalengländer in diesen durchaus nicht.

Fortwährend wurden Erfrischungen von reichgekleideten, gepuderten Dienern herumgereicht und reichlich versehene Büffets in den Nebenzimmern boten ausgesuchte Genüsse, so daß auch in dieser Beziehung der Ball als ein vollkommener bezeichnet zu werden verdiente.

Nach Mitternacht brach der Sultan mit seinem Gefolge auf; abermals bildete Alles eine Haie und verneigte sich tief, als er, freundlich mit dem Kopfe nickend, durch dieselbe schritt, – an der Thür des Saales, bis wohin sie ihn begleitet, reichte er Lady Redcliffe die Hand und ward dann vom Lord bis an das Portal begleitet, wo er sein Pferd bestieg. Abermals feuerte die Artillerie die Royal-Salute, eine Schwadron englischer Uhlanen ritt vor dem Sultan und seinem Gefolge her und brach Bahn durch die Menschenmasse, die sich in den engen Straßen versammelt hatte und mit ihren bunten Papierlaternen die Nacht erhellte.

Der Ball währte noch einige Stunden; viele Persönlichkeiten waren anwesend, die gewiß eine Nennung ihres Namens, eine Schilderung ihrer Persönlichkeit verdient hätten, der Sultan nahm aber die Aufmerksamkeit Aller so ausschließlich in Anspruch, daß selbst die Helden aus der Krim und von Kars heute übersehen wurden; der Beherrscher der Mohamedaner auf einem Balle bei dem Gesandten einer christlichen Macht, das ist und bleibt ein Zeichen des Fortschrittes des neunzehnten Jahrhunderts.

Daß bei dem Gefolge des Sultans keine Spur von Turban, Kaftan und jenen berühmten weiten Beinkleidern zu sehen war, wollen wir noch nachträglich erwähnen. Dasselbe war in reichgestickte Waffenröcke von dunkelblauer Farbe mit goldenen Epauletten verziert gekleidet, trug enge Beinkleider mit goldenen Streifen, lackirte Stiefeln und Glacéhandschuhe so gut wie jeder andere Officier, und wir sahen viele Großkreuze europäischer hoher Orden bei demselben. Auch die Gesichter des größten Theiles desselben waren schön zu nennen, an die vollen Bärte hat man sich auch in anderen Staaten Europa’s längst gewöhnt, und mehr als eine junge Dame richtete ihre neugierigen Blicke auf jene Herren, die gar nicht so schrecklich, so uncultivirt aussahen, daß man von ihnen hätte glauben können, daß sie mehrere Frauen besitzen und sie so viel als möglich von der Außenwelt abschließen, – wie natürlich auch keine einzige derselben bei dem Feste zugegen war.


  1. Vorlage: Herzder
  2. Nicht das neue Goldland hat den gepriesenen goldenen Boden, sondern das ehrliche, alte Handwerk.