Die Gartenlaube (1867)/Heft 16

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1867
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 16.   1867.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. Herausgeber Ernst Keil.
Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen.      Vierteljährlich 15 Ngr.      Monatshefte à 5 Ngr.


Die Herrin von Dernot.
Von Edmund Hoefer.
(Fortsetzung.)


Der Bruder unterbrach die Erzählerin. „Du irrst Dich, „sagte er, „es stand dort doch wohl: ‚machen wolle‘.“

Esperance schüttelte den Kopf. „Nicht doch,“ erwiderte sie, „‚gemacht habe‘, hieß es, ich weiß das bestimmt, denn er fügte hinzu: er habe seinem armen Jungen Ehre und Recht vor der Welt nach Kräften sichern wollen, und wenn sein Bruder, wie er hoffe, seinen unbrüderlichen Widerstand aufgebe und ihm zur Seite stehe, so könne die Einwilligung des Fürsten nicht ausbleiben. Deussingen falle als altes Treuenstein’sches Gut an die Hauptlinie zurück; Dernot aber mit dem, was ihr Vater und er, August, dazu erwarben, bilde fortan den unveräußerlichen und untheilbaren Besitz der Familie Treuenstein-Dernot. Er werde die Documente und die Karten in einigen Wochen, sobald die Ernte vollendet, selber in die Residenz bringen.

Das war das zweite Stück,“ fuhr das junge Mädchen mit bewegter Stimme fort. „Das dritte, das ich nun schon mit bebender Hand aufnahm, war in einem Couvert und adressirt an die Baronin Karoline von Treuenstein – an Deine Mutter, Leopold! – in Paris. Als ich es herauszog, las ich in den obersten Zeilen die Worte: ‚ob Sie nach einer solchen‘ – – dann, da das Papier nach dem Couvert gefaltet war: ‚begangenen Treulosigkeit‘ – und endlich: ‚Liebe und Treue bewahren.‘ Weiter kam ich nicht, ich hatte das Papier nicht einmal völlig aus dem Couvert gezogen. Ich hörte die Stimme des Vaters draußen auf der Terrasse, schob den Brief zurück, warf ihn neben den beiden anderen wieder in die Schublade und entfloh.

Ich habe mich zusammen genommen, wie ich vermochte, allein wenn die Anderen nicht grade an diesem und dem folgenden Tage durch zahlreichen Besuch zerstreut worden wären, so hätten sie meine Verstörung merken müssen. Ich habe meinen Vater unmenschlich lieb,“ fügte das junge Mädchen mit glühenden Wangen hinzu, ihre Augen blickten finster und die Lippen öffneten sich kaum weit genug, die Worte durchzulassen; „aber darum thut’s mir nun auch furchtbar weh, daß ich an ihm ein Unrecht, wo nicht noch viel mehr, finden soll. Ich kann ihm und mir nicht helfen: hier ist nicht bloß vom Großvater irgend eine Sünde begangen, sondern auch von ihm selbst, dieser Haß gegen Dernot beweist mir das. Und ich glaube noch heut, wie in jenem ersten Augenblick, daß, was ich gelesen, sich alles auf Dernot bezieht und genau zusammenhängt. Unser Recht auf Dernot ist ein schwaches, wo es überhaupt eins ist.

Und dennoch, Bruder, dennoch hat er grade mich zu seiner Herrin bestimmt,“ brach sie ab, und die jungen Augen blickten noch finsterer und die Worte klangen bitter, „mich, sein geliebtes Kind, wie er mich heißt. Ich soll das Erbtheil der alten ‚von der Not‘ auf mich nehmen, das nimmer ruhende Leid, den niemals endenden Schmerz. Und ich will das auch, aber nur wenn es sein und mein Recht ist, – was Gott mir auferlegt, will ich treulich tragen. Allein eines Anderen Recht schädige ich nicht, nicht um mein höchstes Glück, nicht um allen Glanz und alles Ansehen der Welt! Und siehst Du, Bruder, das will und muß ich erfahren. Darauf hab’ ich gesonnen, seitdem ich jene böse Entdeckung machte; und seit der Vater auf meine vorsichtige Frage nach Dernot und meinen Wunsch, dasselbe kennen zu lernen, noch heftiger wurde als gewöhnlich, seitdem war ich entschlossen, selbst herzugehen und zu erkunden, was sich uns verbirgt. Was ich bisher entdeckte – ihr weicht mir ja alle aus! – ist mir nicht genug. Ich sehe wohl, daß der alte Müller unser Feind, und dieser Burgsheim mit seiner ungewöhnlichen Bildung in diesem Erdwinkel, mit seiner Verwandtschaft mit Augustin, mit seiner – ich sehe das ja selbst! – eigenthümlichen Aehnlichkeit – hängt er damit zusammen? –

Ich weiß das alles nicht, aber ich will es wissen, bevor ich von hier fortgehe. Brose bringt mich nicht fort – richte Dich danach, Bruder,“ redete sie in einem beinah harten Ton weiter; „quäle mich nicht, sondern hilf mir, wenn Du mich lieb hast. Ich will Klarheit. Ich will wissen, ob Dernot uns, mir gehört oder nicht; ich will das Recht und nicht das Unrecht. Eines nimmt man mir nicht – das alte Erbe der ‚von der Not‘, das sie mit der armen Euphemia nicht ins Grab gelegt haben. Das ist mein und bleibt mein. Das hab’ ich gefühlt seit jener Entdeckung, obgleich ich von diesem Erbe nichts wußte. Das hab’ ich gespürt, da selbst die Freude über Dich den bösen Zauber nur auf Augenblicke zu brechen vermochte. Ich mag nicht mehr heucheln, wie seither. Ich will rasch vorwärts. Hilfst Du mir?“

Leopold hatte, ohne aufzublicken, die Mittheilung der Schwester regungslos angehört. Jetzt erhob er den Kopf vom untergestützten Arm und sagte mit schwachem Lächeln und in hörbar bewegtem Ton: „Phantastischer Kopf, was hast Du Dir da für Noth gemacht! Was hilft es Dir, wenn Du vom alten Unrecht erfährst und nun auch unter ihm leidest? Und wenn alles auch nach Deinem Willen geht – kannst Du dem Vater trotzen?“

„Hier – ja!“ versetzte sie. „Phantastisch oder nicht, ich will wissentlich nicht Theil haben am Unrecht der Andern. – Ueberleg Dir’s, Leopold. Muß ich allein handeln, oder stehst Du zu mir, [242] wie es dem Sohn und dereinstigen Haupt unseres Hauses gebührt? Denn das nimmt Dir kein väterliches Zürnen.“

Er schüttelte den Kopf; erst nach einer Pause sprach er: „Du wirst schon mit Brose nicht fertig. Er kommt mit dem Befehl des Vaters.“

Sie machte eine wegwerfende Bewegung. „Stört er mich, so sperr’ ich ihn ein oder lass’ ihn auf den Wagen setzen und fortbringen. Ich brauche nur ein paar Tage. Also bis morgen früh. Gute Nacht, Leopold.“ Und bevor er etwas einwenden konnte, war sie aus der Thür.

Er saß noch lange, das Haupt gesenkt und die Arme über die Brust gekreuzt, in finsterem Sinnen.




7. Die rauhe Wirklichkeit.

Als der alte Leibjäger, der gewohnt war, sein Lager frühzeitig zu verlassen, und dies auch heute gethan hatte, obgleich er mit Bruder und Schwägerin bis tief in die Nacht hinein geredet, am Fenster stand und sich, wie er es hieß, den Schlaf aus den Augen wusch, hielt er in diesem Geschäft inne und schaute, den Flügel aufreißend und sich vorbeugend, mit zusammengezogenen Brauen ins Thal hinab. Es war schon hell genug, um ihn einen Wagen bemerken zu lassen, der im schärfsten Trabe auf der Landstraße herankam; die bunte Jacke des Postillons war wohl erkennbar. Im nächsten Augenblick verschwand das Gefährt unter der Höhe.

Der Alte gab sich nicht die Mühe, das Fenster wieder zu schließen, sondern warf sich mit wunderbarer Hast in die Kleider und fuhr darauf mit einer Eile aus dem Gemach und von dannen, die einem zufälligen Beobachter um so mehr aufgefallen sein würde, als der zwar stark gebaute, aber hochbejahrte Mann so leicht durch den Corridor glitt und die Treppen hinab stieg, daß von seinem Schritt kaum ein Geräusch vernehmbar wurde.

Drunten in der großen, jetzt noch tief dämmerigen Halle trat Frau Katharine grade aus der Thür ihres Gemachs und stutzte beim Anblick des eiligen Schwagers. Der Jäger ließ ihr aber keine Zeit zu irgend einer Bemerkung, sondern war im nächsten Augenblick mit einem halblauten: „Das trifft sich gut!“ an ihrer Seite, neigte, obgleich man den Grund dieser Heimlichkeit in dem todtenstillen, einsamen Raum nicht wohl begreifen mochte, den Kopf zu ihrem Ohr und flüsterte ihr hastig einige Worte zu.

Die Matrone zuckte sichtbar zusammen. „Wenn Ihr Euch nicht irrt, Schwager –“ sagte sie.

„Ich irre mich ganz gewiß nicht,“ fiel er ein, kaum lauter als bisher. „Ich kenne die gelbe Chaise auf eine Meile weit, ich glaube selbst bei Nacht. Habe mich genug über sie geärgert.“

„Das Fräulein muß es wissen,“ sprach sie, „und der gnädige Herr –“

„Das ist’s eben,“ unterbrach er sie von neuem. „Die dürfen sich nicht treffen. Und ich meine, es sei überhaupt am besten, wenn wir alle aus dem Wege gehen. Ist die kleine Pforte in der Südmauer noch da?“

„Die Schlüssel hängen drinnen bei den anderen,“ sagte sie verdüstert. „Geöffnet ist sie seit jenen traurigen Tagen nicht mehr worden, Jonas, als –“

„Holt die Schlüssel, holt die Schlüssel und steckt sie in’s Schloß,“ fiel er ein, „ich wecke das Fräulein. Laßt nur den Schwachkopf drinnen keine dummen Streiche machen.“

Er wandte sich, und während sie in’s Zimmer zurückeilte, stieg er mit der früheren Schnelle und Leichtigkeit die Treppe wieder hinauf und stand gleich danach vor dem Schlafzimmer der beiden jungen Mädchen. Da klopfte er an und vernahm unmittelbar die antwortende helle Stimme Esperancens: „Wer ist da? Was giebt’s?“

„Jonas,“ sagte er nicht laut, „Sie müssen eilen, es pressirt, Fräulein.“

Die Thür ging auf. Sie stand vor ihm, die schlanke Gestalt in einen Shawl gehüllt; das lange dunkle Haar umwallte, zum Theil noch aufgelöst, den kleinen Kopf. Ihr Auge blickte ihn hell an: „Jonas, was giebt’s? Brennt’s oder ist Revolution, oder ist der Kammerherr verschwunden? Du siehst ja ganz verzweifelt darein!“

„Fräulein, unsere alte gelbe Chaise fuhr eben durch’s Thal dem Dorf zu. Die nimmt sich keiner mehr als der Herr Baron selber.“

Sie erhob, wie bestürzt, rasch den Kopf, im nächsten Augenblick jedoch sagte sie spottend: „Dernot steckt an, Jonas, Du siehst Gespenster. Der Vater hat drüben genug zu thun, sagt Brose. Und überdies zur Nacht! Bah! Es giebt viele gelbe Chaisen.“

„So keine, Fräulein. – Sie wissen’s jetzt. Wollen Sie ihm aus dem Wege – und Sie sollten’s thun, er war fuchsteufelswild! – so hat die Katharine die Hinterpforte in der Südmauer geöffnet. Ich will den jungen Herrn avertiren.“

Sie schaute ihn eine Secunde lang finster nachdenklich an. „Thu’s,“ sagte sie dann. „Denkt er aber wie ich, so bleibt er da und nimmt mit mir zugleich den Kampf auf – wenn es einen solchen giebt.“

Die Thür schloß sich, der alte Diener wandte sich nach einem langen – man hätte sagen mögen, traurigen Blick in den Corridor zurück und schritt dem wüsten Flügel zu. „Na, hart gegen hart, hat der Teufel gesagt, setzt sich auf’n Stein!“ murmelte der Alte kopfschüttelnd vor sich hin. „Und wär’s der junge Herr, so wär’s recht. Aber das Kind wird mit ihm nicht fertig, und am Ende – lieber Gott, ’s giebt eben kein Glück in Dernot. Der Baron weiß es.“ – –

Jonas hatte recht gesehen und vermuthet: es war wirklich die alte, schwere, gelbe Chaise gewesen, in welcher Baron Treuenstein vordem mehr als eine seiner diplomatischen Fahrten gemacht und die er am liebsten zu jeder längeren Reise wählte, wenn er diese nicht in zu zahlreicher Gesellschaft antrat, und in dem Fuhrwerk hatte sich der Baron mit einem Herrn befunden, in welchem der Leibjäger hernach den Geschäftsführer der Familie erkannte. Denn wenn auch Esperance keinen Gebrauch hatte von der Hinterpforte machen wollen, war der alte Gesell selber doch anfangs dem anlangenden Gebieter weislich aus dem Wege geblieben.

Des Barons Auftreten rechtfertigte diese Vorsicht. Meister Tobias war, als er, ohne durch seine Frau von dem Kommenden unterrichtet zu sein, noch während seiner Toilette den Posthornklang vernommen und, schon durch diese ungewöhnlichen Töne zu solcher Stunde ernstlich bestürzt, zum Thor eilte und die schweren Flügel nicht rascher öffnete als sonst, von dem Herrn im Wagen wegen dieses Zögerns auf das Barscheste angefahren worden. Ja, die Ausdrücke waren so hart gewesen, daß selbst Tobias’ „timides“ Blut dadurch in einige Aufregung kam und er schon etwas von „weiß gar nicht“ und „keine Herberge“ auf der Zunge hatte, als der rasch zufahrende Wagen ihn eilig auf die Seite zu weichen zwang. – „Dummkopf, willst Du uns den Eingang wehren?“ rief der Barsche ihm zornig zu, und aus dem haltenden Wagen springend, fügte er, gegen den bebenden Verwalter gewendet, heftig hinzu: „Fräulein von Treuenstein hier? Der Kammerherr angekommen? Abfahrt schon bestimmt?“ – Und da Tobias jetzt zu consternirt war, als daß er sogleich hätte eine Antwort finden sollen, folgte ein noch zornigeres: „Ist der Kerl denn taub oder stumm?“ – Da war glücklicherweise der Begleiter des Herrn mit einem beschwichtigenden „aber Excellenz, der Mann kennt Sie augenscheinlich gar nicht!“ dazwischen getreten, und dann hatte der Herr, indem ein verdrießliches Lächeln durch sein finsteres Gesicht glitt, achselzuckend gesagt: „Sie haben Recht, Justizrath; ich bin seit vierzig Jahren nicht in das verwünschte Nest gekommen. Ich bin der Baron Treuenstein, Euer Herr – und nun, wie heißt Ihr? – macht, daß wir ein Zimmer und Frühstück erhalten. Bringt die Pferde unter; sie bleiben da.“

Tobias erzählte nachher seinem Bruder, ihm sei zu Muth gewesen, als sei der Erdboden unter ihm offen und er schon bis an den Hals darin versunken. Er sah wie durch einen Nebel den Herrn in’s Haus treten, und hörte wie im Traum den Ausruf: „Ei, das muß ja der Schloßengel sein!“ Er sah seine Gattin mit dem Baron reden und dann mit den beiden Ankömmlingen treppaufwärts verschwinden. Da erst fühlte der arme Mann sich langsam, langsam wieder aus der Versenkung heraufsteigen und begann ein wenig freier zu athmen. Aber im Kopf wirbelte es ihm noch, und mit der Anweisung des Stalls hätte es übel ausgesehen, wäre der Postillon nicht ein alter gedienter Mensch gewesen, der mit dem Instinct und der Erfahrung solcher Leute schon selber den richtigen Platz zu finden wußte.

Allein auch die Matrone, die, wie wir wissen, sonst nicht leicht aus ihrer ernst-ruhigen Haltung zu bringen war und den [243] Gebieter in der schicklichsten Weise begrüßt hatte, erschrak, da sie droben die Begegnung des Vaters mit der, wie sie wußte, vergötterten Tochter mit ansehen mußte. Esperance flog dem Baron im vollen Glanz ihres Liebreizes und ihrer Heiterkeit schon an der Treppe entgegen. „Papa, ist’s möglich, Du bist’s?“ rief sie ihm zu. „Also solcher Mittel bedarf’s, um Dich nach Dernot zu bringen? Wie hast Du uns nur entdeckt?“

Die Stirn Treuenstein’s entrunzelte sich indessen nicht, im Gegentheil, ihre Falten wurden fast noch tiefer und der Ausdruck des Gesichts strenger, da er, sie von sich schiebend, kalt erwiderte: „Schon recht, mein Kind, wir werden ernst mit einander zu reden haben. Jetzt laßt uns frühstücken, Frau – nachher, wo habt Ihr den Kammerherrn untergebracht?“

„Papa, um Gotteswillen, welche übernächtige Laune!“ rief Esperance scherzend und ohne daß ein Zug in ihrem schönen Gesicht verrathen hätte, was bei diesem ungewohnten Empfang sich in ihrem Innern regen mochte. „Du wirst die erschöpfte Seele doch nicht wecken wollen? – Die Herrin von Dernot wird sich hoch geehrt fühlen, ihre Gäste inzwischen –“

„Einstweilen, mein Kind, lebe ich noch und bin selbst hier der Herr,“ unterbrach der Baron sie mit kaltem, trocknem Ton und schritt vor gegen den ihm von Frau Katharine geöffneten großen Saal.

Und da versetzte Esperance, die sich an seiner Seite hielt, mit dem ganzen Trotz des verzogenen Kindes: „Also Krieg, Papa? Du hast, so viel ich weiß, selbst bestimmt, daß ich mit achtzehn Jahren meine Herrschaft antreten sollte, und Serenissimus hat’s bestätigt. Du weißt wohl, daß ich mir mein Recht nicht verkümmern lasse.“

Der Baron machte eine ungeduldige Bewegung. „Kommen Sie, Justizrath, lassen wir die Thörin und machen es uns bequem,“ sagte er. Und sich zu der Tochter halb zurückwendend, fügte er kurz hinzu: „Packe, wenn es noch nicht geschah. Heut Mittag reist ihr.“ –

Aus Esperance’s Augen fiel ein langer, dunkler Blick auf den zürnenden Vater, doch erwiderte sie nichts, sondern sprach nur, sich zu Frau Katharine kehrend, gleichfalls kalt: „Sorgt also für die Bedürfnisse der Herren – wir frühstücken in unserem Zimmer, Mutter!“ – und verließ in einer fast stolzen Haltung das Gemach.

Der Justizrath flüsterte dem Baron einige, wie es schien, beschwichtigende Worte zu, der Herr hatte jedoch auch diese mit einer ungestümen Handbewegung zurückgewiesen. Beide waren dann allein geblieben, hatten gefrühstückt; ein Bote war an den Müller Augustin Besseling abgegangen mit der Weisung, vor Seiner Excellenz, dem Herrn Staatsminister, im Schlosse alsbald zu erscheinen, und darauf hatte der Baron sich trotz der frühen Stunde zum Kammerherrn verfügt und war nach einiger Zeit mit ihm in den Saal zurückgekehrt. Dort weilten sie, zu denen als Vierter auch noch der Verwalter der Herrschaft Dernot aus seiner Wohnung im Dorf herauf geholt worden, in Gott mochte wissen welchen Verhandlungen.

Die beiden jungen Verwandten hatte der Baron noch nicht sehen wollen – er habe noch keine Zeit dazu, hieß es – und war auch mit Esperance nicht wieder zusammengetroffen. Diese Letztere hatte freilich eine solche Begegnung nicht gesucht. Sie hatte sich zu ihrem Bruder begeben und war seither dort geblieben.

„Ich glaube, die Gespenster, über die wir neulich gelacht und mit denen wir die arme Selinde geneckt haben, rächen sich an uns: heut geht’s am hellen Tage in Dernot um,“ sagte Joseph zu seiner Schwester, zu der er nach einem Gange durch das todtenstille Haus zurückkehrte. Und er hatte nicht Unrecht, die Stunden waren unheimlich, und wo man einen Menschen sah, erblickte man ihn mit sorgenvoller oder ängstlicher Miene. Was zwischen Vater und Tochter vorgefallen war, davon flüsterte man selbst in der Küche einander mit Bestürzung zu, und es gab vermuthlich nicht einen Menschen im Schloß, der in der plötzlichen Ankunft des Gebieters und in seinem ganzen Auftreten nicht mehr gesehen hätte, als den Zorn über den eigenmächtigen Ausflug der jungen Leute.

Und Joseph brachte von seinem Gange noch eine andere Nachricht mit, welche dem eben mitgetheilten Einfall von neuem gewissermaßen entsprach: er hatte von Frau Katharine die Antwort erfahren, welche der Müller hatte sagen lassen. Seine Excellenz habe ihm, Augustin, ebenso wenig zu befehlen, wie überhaupt in und über Dernot, sollte sie etwa gelautet haben, und wenn er heut auf’s Schloß komme, so geschehe das nicht auf Befehl, sondern aus eigenem, vollem Recht und weil er grade im Schloß von Dernot dem Baron von Treuenstein sagen müsse, was er zu sagen habe.

„Junger Herr,“ hatte Frau Katharine, da sie Joseph diese bestürzenden Worte mitgetheilt, mit einem mehr finstern als schwermüthigen Ausdruck hinzugefügt, „es sieht bös aus in Dernot. Dem Herrn Leopold ist der Vater feind, und gegen seine Tochter voll Zorn. Und doch sollte Jemand da sein, der Seiner Gnaden zuredete und ihm sagte, wie es hier steht. Ich habe über die alten Zeiten nicht zu reden, ob und wie viel Unrecht damals geschah und ob’s auch den Augustin so getroffen, wie er’s glauben soll. Aber daß man’s versucht hat, vordem und hernach, ihn und die Mühle und was dazu gehört, wieder zur Herrschaft zu bringen, das ist ein Unrecht; denn die Besseling sitzen schon seit den Tagen der letzten Herren von der Not frei auf ihrem Eigenthum und haben nur den Fürsten über sich; und daß sie – es giebt drüben, Deuffingen zu, und im Gebirg noch ein paar andere solche Höfe, gegen die man es ebenso versucht – daß sie das sich nicht nehmen lassen wollen, wer will sie darum schelten?“

„Aber Frau Katharine, das muß ein Irrthum sein,“ hatte Joseph eingewandt, „es giebt ja bei uns längst keine Hörigen und Leibeigenen mehr!“ – Doch die Matrone hatte unverändert entgegnet: „Die Leute will man auch nicht, denk’ ich, sondern nur ihren Besitz, der vordem nicht mit Recht von Dernot abgekommen wäre. Darum geht der Streit und es ist viel böses Blut hier in der Gegend. Seine Gnaden hätten’s ausgleichen sollen, und daß Sie uns so lange aus den eigenen Augen und der eigenen Hand gelassen, das war nun gar nicht recht. Da hat man hier gute Zeit gehabt zu schwatzen, zu lügen und zu hetzen – wer weiß hier was vom Herrn Baron? – und wenn heut der Herr hier spricht und der Augustin, da hören sie auf diesen.“ –

„Komm, laß uns Selinden helfen, daß wir reisen können,“ sagte Eugenie zu ihrer Cousine, welche seit einigen Augenblicken bei den Geschwistern erschienen war und Joseph’s Bericht mit angehört hatte. „Was wollen wir hier in diesem traurigen Lande, bei diesen brutalen Menschen? Danke Deinem Vater, daß er uns daraus erlöst!“

Esperance schüttelte den Kopf. Es war etwas Finsteres in dem schönen Gesicht, und ihre Stimme klang hart, da sie erwiderte: „Das ist für euch beide richtig, aber für mich nicht. Reiset immerhin – ich bleibe. Ich will erst ins Reine kommen.“

„Wenn ich nur wüßte, was mit Dir ist,“ sprach Eugenie auch ihrerseits herb. „Was Dich hergebracht – nun, es war ein dummer Einfall, aber es war eben ein Einfall, und er hat uns ein paar lustige Stunden geschafft. Allein, was Dich, was uns hier eigentlich hält, bei der morösen alten Frau und in dem ruinenhaften, dunklen Nest –“

„Für Dich genügt der, wie er auch für mich genügen würde, wenn mir leider nicht auch noch Anderes auferlegt wäre,“ sagte Esperance mit noch auffälligerer Schroffheit und deutete dabei flüchtig auf den Bruder, der mit ihr eingetreten, am Fenster stand und in den stillen, von einem leichten Nebelduft erfüllten Hof hinabsah. „Daß wir den gefunden,“ fügte sie weicher hinzu, „sollte selbst in Deinen und Joseph’s Augen unsere Dummheit in Klugheit verwandeln. Aber wie ich sage –“ und der Ton wechselte schon wieder – „es ist nicht meine Schuld, daß ich hier acht Tage lang umsonst grüble, forsche und horche, während es, wie es scheint, nur einer einzigen offenen Stunde und eines kurzen, herzlichen Vertrauens bedurft hätte, um mich über alles aufzuklären. Respect verlange ich nicht, aber Vertrauen!“

Was war aus dem übermüthigen und wilden, unbedächtigen und fröhlichen jungen Mädchen in den wenigen Tagen für ein ernstes, ja finsteres und, wie es schien, willenskräftiges, überlegendes Weib geworden – Eugenie und Joseph meinten: in wenigen Stunden! Denn sie nicht minder als Leopold und vielleicht sogar Frau Katharine waren durch Esperancens Wesen in den letztvergangenen Tagen völlig getäuscht worden und schrieben, was sie in der ersten Zeit ihres Aufenthalts an ihr erlebt hatten, nur den neuen Eindrücken, dem trüben Wetter und dem öden alten Hause zu. Erst was sie von ihrer Begegnung mit dem Vater vernommen und wohl für etwas Anderes gelten lassen mußten, als für den Eigensinn des verzogenen Kindes, und das, [244] was sie jetzt sahen und hörten, wenn es ihnen zum Theil auch unverständlich blieb, – das ließ sie die große Wandlung, die hier vorgegangen war, mit Ueberraschung, ja mit Schrecken erkennen – Eugenie nannte ihr Gefühl dabei freilich nur Verdruß. „Es ist ja wieder nur Caprice und Einfall, wie sie jedermann zuweilen damit zu quälen versteht,“ sagte sie verstimmt zu ihrem Bruder, mit dem sie an das andere Fenster getreten war. „Aber so unleidlich sah ich sie noch nie. Und damit dringt sie bei dem Onkel nicht durch.“

Der Name war wie eine Beschwörung gewesen, denn in dem Augenblick ging die Thür auf, welche von hier durch ein kleines Vorzimmer in den Saal führte, und der Baron erschien auf der Schwelle. Sein Blick, der das Gemach und die jungen Leute überflog, war weniger finster und streng als am Morgen, aber desto sorgenvoller.

„Sieh da, Joseph,“ sprach er, dem herantretenden Neffen zuwinkend, „Du bist also wirklich da, und die dummen Mädchen sind daher doch nicht ganz herrenlos gewesen. So mag der Streich im allgemeinen jetzt verziehen sein; zur näheren Abrechnung kommen wir später – mit euch allen, denn ganz frei gehst auch Du nicht aus.“

„Papa, wenn von Strafe die Rede ist, so muß ich sie tragen. Und ich bin neugierig, wie weit Du sie gegen mich über das Herz bringst,“ sagte Esperance, und wie sie das sprach und neben dem Vater stand und zu ihm aufblickte mit dem trotzigen und doch schalkhaften Blick, mit dem eigenthümlich festen Zug um den kleinen Mund, während auch hier in den Grübchen die Schelmerei lauschte – es überraschte die Andern, aber es beruhigte sie auch, da sie die schöne eigensinnige Verwandte oft genug in gleicher Weise neben dem Vater gesehen und seine Verstimmung hatten besiegen, sein Nachgeben ertrotzen hören. „Du bist zwar heut Morgen recht abscheulich gegen mich gewesen,“ fuhr sie jetzt fort, „tyrannisch und rauh, so daß ich fast zu glauben anfing, die Leute hätten doch Recht, wenn sie von Dir –“

Die Stirn des Barons, die sich bei ihren ersten Worten wirklich ein wenig erheitert hatte, faltete sich von neuem. „Du stockst,“ redete er, „weßhalb? Was sagten der Tochter die Leute von ihrem Vater?“

„Sie sagten mir –“ ihr Auge, das fest auf ihm ruhte, lächelte wohl noch leise, und auch in ihrer Stimme klang etwas Scherzhaftes, allein es war daneben dennoch in dem einen, wie in der anderen etwas, das die Zuhörer für das trotzige oder kühne Kind erschreckte, – „sie sagten mir, Papa, daß Du, wenn Dich der Zorn packt, gar kein Mensch und nicht menschlich bist, ganz gleichgültig, wen es trifft. Ist’s meine Schuld, Papa, wenn ich beinah daran glaubte?“ redete sie weiter, da er noch immer schwieg; „habe ich heut Morgen nicht selbst eine Probe erhalten, ich, die Esperance, Deine Herrin von Dernot –“

„Esperance!“ hauchte Eugenie bebend; sie wurde durch die immer tiefer sich faltende Stirn des Oheims und durch seinen immer drohenderen Blick ernstlich erschreckt.

„Sprich nur, sprich!“ sagte der Baron mit finsterem Lächeln; „ich möchte doch gern Urtheil und Ansicht meiner Tochter kennen lernen.“

„Die sind wieder freundlicher geworden, Papa,“ sprach das Mädchen unverändert, „und sie werden es bleiben, wenn Du mich vollends überzeugst, daß die Leute gelogen haben und daß Du mir Deine Liebe und mein Recht lassen willst. Hier steht auf alle Fälle die Probe,“ fügte sie, sich gegen die Fensternische wendend, in welcher ihr Bruder sich bisher schweigend zurückgehalten, hinzu. „Den da, sagen sie, habest Du wegen eines Knabenstreiches von Dir gewiesen und verstoßen! Sag’ mir, daß es nicht wahr ist, Papa! Sag’ mir, daß Du Dich über ihn freust, wie ich mich freue, daß ich ihn fand und Dir bringen kann, Deinen Sohn, meinen Bruder! O Papa, schiltst Du noch auf unsere Reise nach Dernot?“

Leopold war hervorgetreten und stand neben der Schwester. „Vater,“ sagte er mit hörbar tief bewegter Stimme, „es sind wieder sieben Jahre! Gönnen Sie mir endlich – endlich Ihre Verzeihung! Auch das Letzte, was Ihren Zorn erregte, ist fortgenommen: – mein Weib ist todt.“

Der Baron hatte seit Esperancens Worten und seit Leopold sich ihm genaht, regungslos gestanden, die große, volle Gestalt starr aufgerichtet, den Kopf mit dem dichten, kurzen weißen Haar aber ein wenig nach vorn geneigt, als wolle er besser sehen, wer der Gerufene sei, jede Muskel gestrafft und jede Falte des Gesichts erstarrt, und die Augen voll eines düsteren, unheimlichen Drohens. – Es war nach Leopold’s letzten Worten eine erdrückende Pause.

Und nun mit einem Mal hob sich die Brust des Barons zu einem tiefen Athemzuge, aus den Augen brach ein blitzender Blick, seine Finger zogen sich wie im Krampf zusammen, und tief grollend drängten sich jetzt die Worte hervor: „Also hier – hier – der hier! Ha, ich versteh’s! Darum also –!“ Und zum furchtbarsten Zorn übergehend, rief er mit einer wilden Handbewegung: „Aus meinen Augen, Mensch, bevor ich die letzte Rücksicht vergesse! Du gehörst nicht zu uns, wehe Dir, wenn ich das Dir und der Welt beweisen muß! – Und Du,“ fuhr er mit unvermindertem Grimme sich gegen Esperance wendend fort, seine Augen glühten und er schüttelte die erhobene Faust, „Du Ungerathene, Wahnsinnige – was bist Du? – zwinge mich nicht, auch an Dir zu zeigen, daß –“

Man durfte es wohl ein Glück heißen, daß die Worte, welche noch auf seiner Lippe schweben mochten, in diesem Augenblick durch den Eintritt des Kammerherrn zurückgehalten wurden; denn es schien einer von jenen Momenten gekommen, deren wir vordem einmal gedachten, wo Herr von Treuenstein’s Jähzorn alle Schranken umwarf und des von ihm Betroffenen und nicht selten auch sein eigenes Glück auf lange Jahre hinaus vernichtete.

„Aber mein lieber Baron, was –“ sagte der Kammerherr im Eintreten und brach ab und zuckte zurück bei dem Anblick der Gruppe vor ihm – die dunkle Zornesgluth in dem Gesicht des Barons und seine ganze Haltung waren nicht minder erschreckend, als die Leichenblässe, welche Esperancens Züge bedeckte, während ihre Augen mit einem unmöglich zu bestimmenden Ausdruck, wie gebannt und verzaubert auf dem Vater ruhten.

Ein paar Secunden lang war Herr von Brose völlig consternirt, dann aber gewann es die Gewandtheit des alten Hofmanns über das Entsetzen des nicht gerade übermüthigen Menschen, und indem er herantrat und mit wohlwollendem Lächeln auf Esperance blickte, sagte er: „Nun, nun, Kindchen, arg gemacht haben Sie’s und verdienen schon ein bischen gezankt zu werden. Allzu tragisch müßt Ihr das Ding aber auch nicht nehmen, alter Freund,“ wandte er sich an den Baron, „und vor allem – alles zur rechten Zeit! Der rechte Verbrecher, der Eure Donner verdient, steckt da im Salon – Monsieur Augustin Besseling, freier Herr der Dernoter Mühle, steht dort und wünscht Eure Gegenwart, widrigenfalls – und so weiter, mein Lieber! Also geschwinde; wir, der Justizrath und ich, bändigen ihn nicht.“

Schon der Eintritt des Freundes hatte die Heftigkeit gebrochen, und wie er nun sprach, hatte er den Herrn völlig die Fassung wieder gewinnen lassen; vielleicht wirkte dazu auch die von ihm gebrachte Nachricht mit. Er strich sich über die Stirn. „Es ist gut, ich komme,“ sagte er, und sich gegen die Anderen zurückwendend, sprach er düsteren Blicks weiter: „Du – verlässest Dernot noch heut. Ich will mit Demagogen und Intriganten nichts zu thun haben. Du, mein Kind, bleibst hier in diesem Zimmer bis zur Abreise. Ich hoffe Dich gehorsam zu finden. Nur dann darfst Du auf allmähliches Vergeben und Vergessen rechnen.“

„Du wirst gewiß meinen Wunsch erfüllen und mich bei Deinem Gespräch mit dem Müller zugegen sein lassen,“ versetzte sie in einem eigenthümlichen – sagen wir, gefaßten Tone. Sie war noch bleich wie vorhin. „Ich muß annehmen, daß auch unser Recht auf Dernot dabei zur Sprache kommt –“

Der Baron zuckte zusammen. Aber er sagte nichts. Und nach einer Pause sich abwendend, winkte er Brose zu und verließ mit ihm das Zimmer. Der Schlüssel wurde draußen im Schloß zweimal umgedreht.

„Es ist ein Glück, daß es noch mehr Thüren und einen Weg in den Saal giebt, den sie uns nicht verschließen werden,“ sagte Esperance mit finsterem Spott. „Komm, Leopold, ich –“

„Aber um Gotteswillen, Esperance!“ bat Eugenie ganz entsetzt, und auch Joseph fügte hinzu: „Cousine, ich bitte Dich, was ist in Dich gefahren? Du erzürnst Deinen Vater unheilbar und machst Dich unglücklich für Dein ganzes Leben –“

„Drum bin ich eine Dernot,“ unterbrach sie ihn noch einmal in jenem finster spottenden Ton. „Kommst Du mit mir, Leopold?“

(Fortsetzung folgt.)
[245]
Die Blume des Maitranks.
Von A. Kerner.


…… „und mit Eins
Waldmeister sich und Rebenblüth’ umschlangen, –
Ei welch ein duftig zärtlich herzig Pärchen!“


Wer kennt es nicht, das heitere „Rhein-Wein- und Wandermärchen“, welchem wir die Verse des obenstehenden Mottos entnommen haben; wer kennt es nicht, das heitere Lied, in welchem uns Roquette die Abenteuer aus Prinz Waldmeisters Brautfahrt in bunten Scenen vorüberführt und aus dem es uns so frisch und duftig entgegenweht, wie aus einem jung belaubten frühlingsgrünen Buchenwald. Die Bilder der rebenumkränzten Rheinufer ziehen in dem holden Märchen an uns vorüber; in der milden Luft schöner Maitage wandern wir wieder längs dem breiten rauschenden Strome, hier durch Weingelände und über grünende

Die Gartenlaube (1867) b 245.jpg

Der Waldmeister.

sonnige Hügel, dort in den kühlen Schatten eines alten hochgewölbten Buchenhaines. – Wer noch seine Lust hat an den schönen Bildern unserer heimischen Wälder und Fluren, wer sich noch mit ungekünstelter Freude ergötzen mag an der bunten Welt der Blumen und sich noch erquickt fühlt durch Sang und Klang und durch ein heiteres Lied, der sucht wohl gern beim anbrechenden Frühling wieder Roquette’s Märchen hervor und zieht an dessen Hand hinaus über Berg und Thal durch Sonnenschein und Waldesdunkel, um dort im grünen Walde den Prinzen „Waldmeister“ aufzusuchen und ihn mit frühlingsfroher Stimmung zu begrüßen.

Und kaum ist er in den dämmerigen schattigen Buchenwald eingetreten, so winkt ihm auch schon aus dem Halbdunkel das frische hellgrüne Kräutlein entgegen. In dichten Schaaren stehen da die Sprossen des Waldmeisterleins auf dem kühlen Grunde, – hier aus dürrem abgefallenem Buchenlaub sich emporringend, dort zwischen Steingerölle und altem Wurzelwerk die blüthenreichen Stämmchen entfaltend. Dutzendweise sprossen aus den vielästigen, in der schwarzen Walderde weit herumkriechenden dünnen unterirdischen Wurzelstöcken die grünen sommerlichen Triebe hervor. Sternförmig angeordnete Blättergruppen besetzen in gleichen Abständen die spannenhohen Triebe und jeder dieser Blattsterne besteht wieder aus sechs bis acht länglichen und ungetheilten, am Rande sich etwas rauh anfühlenden, sonst aber ganz glatten Blättchen von heller frischer grüner Farbe. Obenauf zertheilt sich der zarte vierkantige Stengel gabelförmig in zahlreiche Aestchen, die zusammen eine zierliche mehr oder weniger reichblüthige lockere Trugdolde bilden, und jedes der Aestchen ist mit kleinen Blüthen geschmückt, die in dem zartesten Milchweiß prangen und im Mai, zur Zeit, wann sich die kleinen vierspaltigen Glöckchen aufthun, einen überaus lieblichen Wohlgeruch aushauchen.

So eine Gruppe vollüber blühenden Waldmeisters ist wohl eines der freundlichsten Waldbilder, das man in unserer Zone sehen kann. Ihr Effect ist um so größer, da der schattige Buchenwald in der Regel sehr arm an blühenden Pflanzen ist und unser Waldmeister oft auf weite Strecken hin als das einzige grüne Kraut erscheint, das den von dürrem, fahlgelbem Laub bedeckten Boden des Buchenwaldes mit seinen duftenden Blüthen schmückt. – Während fast alle anderen Pflanzen den schattigen Waldgrund fliehen, scheint es dem Waldmeister gerade dort am besten zu gefallen, und der Buchenhain ist daher recht eigentlich seine Heimath und sein grüner hochgewölbter Palast, in welchem er residirt und sich breit macht. Es ist so, als ob eine Art geheimer Sympathie zwischen der hohen Buche und diesem grünen niedrigen Kraut bestünde und als ob die Buche ihre Freude an der zarten schmucken Pflanze hätte, die sich unter ihrem schattigen Laubdache so gut zu behagen scheint. Beide Gewächse haben auch merkwürdigerweise fast dieselbe geographische Verbreitung, dieselbe Vorliebe für gewisse Standorte, denselben Entwickelungsgang und dieselbe Lebensgeschichte.

Nur in den nördlicheren Gegenden dehnt der Waldmeister seinen Verbreitungsbezirk noch eine Strecke weit über das Gebiet der Buchen hinüber aus und findet sich dort noch bis Finnland, Litthauen und Kasan verbreitet, während die nördliche Grenze des Buchenlandes schon an einer Linie zurückbleibt, die aus dem südlichen Skandinavien über Danzig nach Volhynien und Podolien und in das südliche Rußland zieht. Weiter südwärts aber gehen [246] Buche und Waldmeister überall mit einander Hand in Hand, und an den Abhängen aller südlicher gelegenen Bergzüge, in den Sudeten und Karpathen, in den Alpen und Apenninen, im Olymp und im Kaukasus fallen die oberen und unteren Grenzen ihres Vorkommens fast regelmäßig in eine und dieselbe Höhenregion.

Innerhalb dieses weitgehenden Verbreitungsbezirkes sind sie auch beide in Beziehung ihres Standortes in gleichem Grade wählerisch. Die chemischen Eigenschaften des Bodens scheinen ihnen wohl hiebei nicht maßgebend zu sein, da man sie ebenso gut über den Graniten des Böhmerwaldes, wie auf den Kalkbergen der Alpen und auf den Trachyten Ungarns ganz prächtig gedeihen sieht, – nicht so aber auch die physikalischen Verhältnisse des Bodens. Ein etwas steiniges Terrain, in welchem das Felsgerölle durch lehmige Erde zusammengehalten wird, sagt ihnen beiden offenbar am besten zu; nur darf dasselbe nicht übermäßig durchfeuchtet sein, denn ein sumpfiges Gelände fliehen sie beide, und während man daher in tiefen Thalgründen und engen feuchten Schluchten in der Regel nur Nadelhölzer mit moosigem Waldboden findet und dort vergebens nach Waldmeisterlein herumspähen wird, sind die luftigen Höhen und freien Gehänge der Berge recht eigentlich der Standort beider Gewächse. Vor Allem sind es dort wieder die nach Osten und Südosten abfallenden und schon vom ersten Morgenstrahle getroffenen Berglehnen und Hügelabdachungen, wo beide am besten gedeihen, und regelmäßig sieht man daher auch dort die obere Grenze der Buche ebenso wie jene des Waldmeisters um einige hundert Fuß Seehöhe weiter hinaufgerückt, als dies an den nach anderen Weltgegenden exponirten Bergwänden der Fall ist.

Und so wie beiden Pflanzen in Betreff ihres Vorkommens und in der Wahl ihres Standortes gleichen Schritt miteinander halten, ebenso verfolgen sie auch beide im Laufe des Jahres denselben Entwickelungsgang und bei beiden fällt die Phase des Sprossens und Blühens, des Entfaltens und Vergehens in eine und dieselbe Periode des Jahres. Zur selben Zeit, wann aus den Knospen der Buchenzweige das junge Laub wie mit einem Zauberschlage plötzlich hervordringt und den bisher winterlich braunen Wald in frisches, junges, freudiges Grün einkleidet, sprossen auch zwischen dem dürren Laub des Waldbodens die zarten Triebe des Waldmeisters hervor und wann dann oben in den reich belaubten Kronen die kugeligen Blüthenkätzchen der Buchen zu stäuben beginnen, dann hat auch der Waldmeister im schattigen Grunde seine Blüthenrispen ausgesteckt, und seine zarten milchweißen Sterne haben sich aufgethan um den lieblichsten Blüthenduft in die milde Mailuft auszuathmen.

Auch in physiognomischer Beziehung ist ein gewisser Zusammenhang zwischen der Buche und ihrem Schützling, dem Waldmeister, nicht zu verkennen. So wie in den Föhrenwäldern gewisse Moose und dicht gedrängte niedrige Büsche von Haidekraut und Wachholder den Boden bedecken, und wie dort die das Walddach bildenden Kronen durch ihr starres Ansehen und ihre immergrünen Nadelblätter mit dem immergrünen, steifen Strauchwerk des Waldgrundes übereinkommen, ebenso ist der Einklang zwischen dem weichen sommergrünen Laub der Buchenbäume und dem in ihrem Schatten wachsenden zartblättrigen sommergrünen Waldmeister nicht wegzuleugnen. So wie man im Föhrenwalde vergebens nach Waldmeister spähen würde, ebenso wenig finden sich die Haidekräuter im kühlen Schatten eines reinen Buchenbestandes. Die Natur baut ja ihre grünen Waldgebäude immer stilgerecht auf; vom Scheitel bis zur Sohle weht da ein und derselbe Gedanke durch den ganzen Bau und Alles erscheint uns dort so einklingend und harmonisch gegliedert, daß sich mancher unserer modernen Baumeister daran sein Vorbild nehmen könnte. – Auch alle die anderen Pflanzen, die den Grund des Buchenwaldes aufsuchen und dort den Hofstaat des Prinzen Waldmeister bilden, wie der Sauerklee und die Mondviole, die Waldwicken und die Zahnwurzarten, haben weiche helle und sommergrüne Blätter, die nur für den kühlen Schatten gemacht zu sein scheinen und das directe Sonnenlicht nicht recht vertragen. Alle gehen sie rasch dem Tode entgegen, wenn das schimmernde grüne Walddach über ihren Häuptern entfernt wird. Darum auch wehe, wenn die Axt des Holzhauers dort die Stämme der schlanken Buchen trifft, wenn der Hochwald niedergehauen wird und jetzt das zarte Waldmeisterlein mit seinen Gefährten ohne Schutz und Schirm dasteht auf dem sonnigen schattenlosen Boden des Holzschlages! Es will ihm jetzt nur gar schlecht gefallen inmitten dieser durch den Menschen herbeigeführten gräulichen Verwüstung; seine Blättersterne bleichen und wandeln ihr frisches helles Grün in ein fahles kränkelndes Gelb um; er vermag es jetzt auch nimmermehr zum Blühen zu bringen und in dauernd schattenlosem Boden würde er wohl über kurz oder lang auch sicherlich ganz zu Grunde gehen. Hohe Disteln und Reitgräser, Tollkirschen und anderes buntes Pflanzenvolk drängt sich jetzt auf dem sonnigen, früher so einsamen und stillen Waldesboden; vom nahen Waldrand her hat der Wind Tausende ihrer Samen auf den durch die Holzschlagsarbeiten theilweise aufgewühlten Waldgrund herbeigeführt, und aus der durch das Buchenlaub reichlich gedüngten schwarzen Erde keimen und sprossen jetzt tausend mannshohe Stauden in größter Ueppigkeit empor. Disteln und Nesseln, Weideriche und Himmelskerzen, Brombeeren und Himbeeren kämpfen da um den Besitz des Bodens und kaum vermögen wir dort noch den armen Waldmeister tief unten versteckt, erdrückt, vergilbt und verkümmert zwischen dem massigen Laubwerk der hochaufgeschossenen Stauden des Holzschlages herauszufinden. In der Natur aber giebt es keinen Stillstand, sondern nur „ein ewig Kommen und ein ewig Gehen“, und die hohen Stauden, die jetzt auf kurze Zeit den Waldgrund bevölkerten und das Pflanzenvolk unterdrückten, das sie dort bei ihrer Invasion antrafen, unterliegen schon nach wenigen Jahren selbst wieder den inzwischen höher heranwachsenden jungen Buchenbäumen. Immer höher und höher streben die zwischen den Stauden aufgekeimten jungen Bäumchen empor und in dem allmählich dichter und dichter werdenden Schatten erstirbt eine Holzschlagpflanze nach der andern, eine Distel und ein Reitgras nach dem andern. Abgefallenes Buchenlaub deckt wieder den Boden und der Waldmeister, welcher bisher nur kümmerlich sein Leben gefristet hatte, athmet jetzt wieder auf unter dem Schirme seiner mächtigen Schützerin, der Buche; wie in den alten Zeiten sproßt und treibt er wieder zwischen dem fahlgelben Laubwerk seine grünen Stengel empor und wie in den alten Zeiten entfaltet er wieder im halbdunklen Waldesschatten seine duftenden weißen Blumen zur Freude der Besucher des Waldes und zur Freude der Freunde des Maitrankes.

„Ja, des Maitrankes!

„Deutscher Waldmeister,
Du Kraut des Mai, zum Maitrank gieß ich Wein auf,
Daß deinen Duft befrei’n des Weines Geister,“

ruft uns Schimper in einem Ritornell entgegen, und

„Schütte den perlenden Wein
Auf das Waldmeisterlein“

klingt es in einem Liede, welches den duftenden Maiwein verherrlicht und damit zugleich das sehr einfache Recept zur Bereitung des Maitrankes kundgiebt.

Der Maiwein ist vor Allem als ein auf deutschem Boden erfundenes und besungenes und dort auch vorzüglich beliebtes Getränk zu bezeichnen. Wie lange man aber in deutschen Landen bereits Maiwein braut und trinkt, dürfte schwer zu ermitteln sein; nur so viel ist gewiß, daß man ihn schon vor vierhundert Jahren zu bereiten verstand und daß er wahrscheinlich am Ufergelände der Mosel erfunden wurde. Wohl eignet sich auch zur Bereitung des Maitrankes kein Wein so vorzüglich wie jener, den die Ufer der Mosel reifen, und am duftigsten wird das mit Moselwein bereitete Getränk unstreitig dann, wenn man einzig und allein das Kraut des Waldmeisters mit dem kalten Weine übergießt und alle mitunter noch verwendeten anderen Ingredienzen, wie namentlich die Blätter der schwarzen Johannisbeere, das Kraut der Minze und Melisse oder gar die Schalen von Orangen und Citronen, deren ätherisches Oel den Duft des Waldmeisters ganz in den Hintergrund drängt, vermeidet. Wichtig ist auch bei der Bereitung des Maitranks, daß man das Kraut des Waldmeisters, ehe es mit Wein übergossen wird, einige Zeit an der Luft liegen und welken läßt, weil erst dann der eigenthümliche Geruch recht hervortritt und in den Wein übergeht.

Die Verbindung, welche den eigenthümlichen Duft des welkenden Waldmeisterkrautes bedingt, wurde von den Chemikern Kumarin genannt. Sie gehört in die Abtheilung der riechenden Aldehyde (Alkohol mit Wasserstoff), findet sich auch noch in den Blüthen mehrerer Gräser und Honigkleearten vor und bedingt zum größten Theil den angenehmen [247] Geruch, den wir an frischem, duftigem Heu wahrnehmen. In größter Menge findet sich das Kumarin in den Tonkabohnen vor, und gewöhnlich wird dasselbe daher auch aus diesen Bohnen dargestellt. Man hat das Kumarin auch zur Bereitung der „Waldmeisteressenz“ benützt und kann durch Zugabe desselben dem Weine ganz dasselbe Bouquet ertheilen, welches man durch das Digeriren mit dem Kraute des Waldmeisters hervorbringt. – Die Waldmeisteressenz will aber keinen rechten Anklang und Absatz finden. Der Reiz des Maiweines liegt eben zum größten Theile darin, daß man „aus dem duft’gen Bad goldhellen Weins“ das zierliche Kraut des Waldmeisters mit seinen kleinen hellen maiengrünen Blättern und seinen kleinen weißen Blumen herausblicken sieht und bei jedem Becher, welchen man von dem grün und weiß durchwirkten duftigen Naß abschöpft, sich erinnert, daß der „wunderschöne Monat Mai“ mit allen seinen Reizen wieder einmal in’s Land gezogen ist.




Deutsch-amerikanische Lebensläufe.
Von Adolf Douai.
1. Der Convertit.


Es ist nicht lange her, da saßen in New-York ein halbes Dutzend Deutsche um eine Flasche 1865er zusammen. Aus allen Enden und Ecken des weiten Unionsgebietes waren sie zufällig hier zusammengetroffen, denn New-York ist vor allen Städten der Welt diejenige, wo sich am Ende wieder Alles zusammenfindet, was getrennt und über die weite Welt verstreut war. Wie beim Kartenspiele am Ende eines Spieles die Trümpfe immer beisammen liegen, die dann der Kartengeber sorglich auseinandermischt, so führen Geschäfts- oder Erholungsreisen die Männer, welche das Schicksal zur Aussaat der Ideen weithin verstiebt, hier im Babel der Neuen Welt immer wieder zuhauf. Da erzählt man sich denn das inzwischen Erlebte, man tauscht Erfahrungen, gute und schlechte Witze und eine reiche Gabe neuen Lebensmuthes aus und ein. Nachdem die erste lebhafte Freude des Wiedersehens einem allgemeinen ruhigeren Gespräche Raum gegeben hatte, kam die Rede auf die unbeschreiblich bunten Erlebnisse, welche das Land bietet, und es wurde der Vorschlag gemacht und mit Beifall aufgenommen, daß ein jeder der Anwesenden seinen Lebenslauf in Amerika mittheilen solle. Der ehrwürdige altersgraue Professor K… gab diesem Vorschlage noch eine ganz besondere Würze, indem er hinzufügte:

„Und ich schlage noch weiter vor, daß am Schlusse Einer von uns beauftragt werde, sämmtliche Lebensläufe in einen Rahmen zusammenzufassen und der Keil’schen ‚Gartenlaube‘ zur Veröffentlichung mitzutheilen, die wir ja Alle halten und lesen. Das wird unsern Landsleuten in Deutschland ein besseres Bild des amerikanischen Lebens und eine mindestens ebenso gute Unterhaltung gewähren, wie manche erfundene und unmögliche Geschichte.“


Der erste Erzähler war ein Kaufmann, dessen Name einen Ruf in zwei Welttheilen hat. „Ihr wißt, meine Herren,“ begann er ohne Umschweife, „daß ich selbst hier zu Lande keine merkwürdigen Schicksale erlebt habe; ich fand bei meiner Einwanderung leicht ein Unterkommen, da ich als Studirter und zugleich als gelernter Kaufmann einigermaßen den hiesigen deutschen Firmen bekannt war. Dagegen hat mir meine lange und ausgebreitete kaufmännische Thätigkeit die Bekanntschaft mit vielen merkwürdigen Menschen und Schicksalen verschafft. Deshalb erzähle ich auch den amerikanischen Lebenslauf eines Convertiten der seltsamsten Art.

In einer der größeren Städte Neuenglands habe ich einen alten Geschäftsfreund, der ist – um einen Ausdruck meines seligen Vaters anzuwenden – ein Schneider, mit Respect zu melden. Ich wende diesen Ausdruck in gutem Sinne an – mein Freund Hartmann ist so recht ein Muster von Respectabilität im Geiste des Angelsachsenthums. Eingewandert noch in den dreißiger Jahren, als es noch wenig Deutsche in Neuengland gab, und entschlossen, es in der Welt zu etwas zu bringen, amerikanisirte er sich rasch – mehr, er wurde ein Yankee. Ein Yankee, nicht nur wie ein solcher sich räuspert und spuckt, mit Vatermördern und steifer Halsbinde, mit Angströhre und sauber geschorenem Barte, mit Handschuhen (die er sich selber zu waschen verstand) und modischem Frack, sondern zugleich ein Yankee von ganzem Herzen und bis auf die Niere, und so gewandt im Gebrauche des Englischen, daß er ebendeßwegen auch sein Deutsch nicht verlernt hat (denn, beiläufig gesagt, ich habe immer gefunden, daß jene Deutschen, welche sich stellen, als hätten sie das Deutsche vergessen, auch ein klägliches Englisch reden). Es ist wahr, er spricht seine Muttersprache mit holder Verschämtheit und nur, wenn er nicht anders kann; allein er hält und liest deutsche Zeitungen und Bücher so gern wie englische. Auch die deutsche Tugend des Worthaltens und der Ehrenhaftigkeit bis in’s Kleinste hinein hat er nicht abgeschliffen wie Tausende, welche darin die wahre Amerikanisirung suchen; aber er geht in die Kirche, und zwar in eine baptistische, und hat es schon bis zum Deacon (Diaconus) gebracht. Er war schon zweimal Alderman, einmal Armenhausaufseher und dreimal Mitglied politischer Stadt-Conventionen, wie er denn überhaupt an der Politik lebhaften Antheil nimmt. Kein Wunder, daß er früher immer ein Whig war, denn die Whigs waren damals die respectablere Partei. Als die Knownothings aufkamen, wollten seine wachsamen Landsleute wissen, daß er dem Orden beigetreten sei; kaum aber entstand die republikanische Partei, so war er voll Eifer mit an der Spitze derselben. Von seinen Landsleuten, welche meist demokratisch waren, dachte und sprach er gering und zog sich von ihnen zurück, und wenn man bedenkt, aus welchen Elementen damals, und zum Theil noch jetzt, die Masse der Deutschen in Connecticut bestand, so konnte man ihm dies kaum verdenken. Er ging nicht zu Biere, außer ein paarmal bei Wahlen, um unter seinen Landsleuten Parteigenossen zu machen; ja, er soll einmal Temperanzler gewesen sein und ein Gelübde gethan haben, nur Wasser zu trinken. Doch bezog er von mir gesundheitshalber jährlich seine drei bis vier Oxhoft Wein, die ihm sein Arzt – ein Yankee natürlich und ein stiller Verehrer guter Weine – für seinen schwachen Magen empfohlen hatte. Er betheiligte sich an jeder Geldunterzeichnung für religiöse, für wohlthätige, Partei- oder Bildungszwecke mit Freigebigkeit – denn er war wohlhabend genug dazu – und spielte deshalb eine Rolle als stehender Vicepräsident bei allen Versammlungen für solche Zwecke. Es versteht sich von selbst, daß er eine Yankeein geheirathet hatte, weil es zu seiner Zeit kaum irgend eine respectable deutsche Jungfrau dort gab, und daß seine Tochter, sein einziges Kind, das Deutsche ein wenig verstand, aber nie es sprach. Seine Frau läßt sich am besten charakterisiren, wenn ich ihn sagen lasse, was er mir einmal bei einem Glase Hochheimer mittheilte, denn er konnte nicht viel vertragen und fing schon beim dritten Glase an, alle seine Geheimnisse auszuplaudern.

„Meine Frau,“ sagte er, „war ein armes Mädchen, eine Farmerstochter aus Maine, die eine dürftige Schulbildung hatte und eine Reihe von Jahren in meinem Geschäft, erst als Näherin, dann als Zuschneiderin, dann als Buchhalterin und Verkäuferin beschäftigt gewesen war. Nachdem ich mich von ihren Vorzügen genügend überzeugt hatte, und da ich von ihrer Schönheit seit lange eingenommen war, machte ich ihr eines Abends, als wir nach Abschluß der Bücher allein im Geschäft waren, meinen Heirathsantrag – ich hatte vorher meines Wissens ihr nie meine Zuneigung oder gar meine Absichten verrathen.

‚Miß Beale,‘ sagte ich im gleichgültigsten Tone von der Welt, ‚haben Sie Lust, Missis Hartmann zu werden?‘

Ich erwartete natürlich, sie werde ganz überrascht, mädchenhaft verschämt, hold erröthend und freudig betroffen erscheinen und um eine Antwort verlegen sein, wie ein deutsches Mädchen in einem ähnlichen Falle; denn mit amerikanischen Ladies hatte ich bis dahin doch nur in sehr oberflächlichen Beziehungen gestanden. Statt dessen erwiderte sie ohne Verzug und ganz kühl:

‚Ich bin nicht abgeneigt, Mr. Hartmann. Ich hab mir zwar als meinen Zukünftigen einen etwas anderen Mann eingebildet, aber ich möchte es mit Ihnen versuchen.‘

[248] Mir blieb der Verstand still stehen. Ein so armes Mädchen – und eine solche Sprache! Endlich sagte ich mit einer etwas bestimmten Betonung: ‚Wenn ich mich überhaupt zum Heirathen entschließe – denn das ist bei mir noch nicht ganz ausgemacht – so entschließe ich mich kurz und führe es ohne Zeitverlust aus.‘

‚Ganz recht,‘ sagte sie ebenso kühl und drehte sich zum Weggehen, ‚wenn Sie Ihren Entschluß gefaßt haben, so werde ich’s wohl erfahren.‘

Mir wollte schon die Lust zum Heirathen vergehen, aber indem meine Blicke ihr folgten, als sie, noch ein Geschäftchen suchend, langsam nach der Thür vorrückte, reizten mich ihre schlanke Gestalt, ihre allerliebsten Geberden bei aller würdevollen Haltung und ihr hübsches Gesicht dermaßen, daß ich ihr nachging und ihre Hand ergriff. ‚Miß Beale,‘ sagte ich zögernd, ‚ich habe Sie lieb, Sie gefallen mir wie kein anderes Frauenzimmer. Wenn ich wüßte, daß Sie meine Neigung erwidern könnten –‘

‚Das thu’ ich,‘ sagte sie ziemlich abgebrochen und ruhig.

‚Aber vielleicht erst in diesem Augenblicke –? Haben Sie mich früher schon gern gehabt?‘

‚Etwas,‘ sagte sie ohne Zaudern.

Ich legte meinen Arm sanft um ihre schlanke Gestalt und sagte wärmer: ‚Und denken Sie, daß Sie mich immer lieben werden?‘

‚Ich hoffe es.‘

‚Wie wäre es dann, wenn wir morgen zum Friedensrichter gingen und uns zusammengeben ließen?‘

‚Ich habe nichts dagegen.‘ Sie wurde bei jeder Antwort wärmer und freundlicher. Ich zog sie auf’s Sopha nieder und versuchte, einen Kuß anzubringen, der aber auf den Hals zu sitzen kam.

‚Und würden Sie als meine Gattin fortfahren, dem Geschäft als Buchhalter und mein Stellvertreter vorzustehen, oder würden Sie lieber, wie eine deutsche Ehefrau, sich um die Wirthschaft bis in’s Kleinste bekümmern?‘

‚Beides, so lange sich Beides vereinigen läßt; wenn nicht, so möchte ich lieber die Wirthschaft führen. Doch denke ich, wir gehen lieber in ein Kosthaus, bis wir Kinder bekommen.‘

‚Ich hätte lieber eine eigene Wirthschaft und ginge nicht in’s Kosthaus.‘

‚Nun, wir wollen sehen,‘ sagte sie nach einiger Ueberlegung. ‚Ich habe immer gehört, daß die Deutschen sehr gute Ehemänner sind. Werden Sie mir auch immer treu sein?‘

‚Gewiß, meine Theure,‘ sagte ich und wurde in meiner wachsend glücklichen Stimmung mehr und mehr zum Scherz geneigt. ‚Was verstehen Sie denn aber unter treu?‘

‚Je nun, daß ich Sie niemals gegen eine Andere zärtlich finde.‘

‚Weiter nichts? Ich will mich also in Acht nehmen, daß Sie mich niemals dabei überraschen.‘

‚Sie sind ein Schalk, Mr. Hartmann. Sie müssen auch treu sein, wenn ich Sie nicht sehe. Ich will einen Mann, der mir ganz allein gehört, oder gar keinen.‘

‚Dann darf ich wohl eine Andere gar nicht einmal ansehen? Sie sind unbillig, Miß Beale. Ich darf als Ehemann nichts dawider haben, wenn andere Männer meine Frau ansehen, ja, es ist sogar für das Geschäft gut, wenn man eine schöne Frau hat, weil dann viele Männer kommen und kaufen, blos um die schöne Frau zu sehen. Wie soll ich mich da schadlos halten, wenn ich nicht meinerseits andere hübsche Frauen ansehen darf?‘

‚So? Sie wollen also mit meiner Schönheit Handel treiben, mich wie ein hübsches Ladenmädchen zum Kundenanziehen verwenden?‘

‚Warum nicht, wenn Sie nichts dawider haben? Mehr, ich will, daß die Welt mich um meine schöne Frau beneiden, daß sie also sich sehen lassen soll. Und ich will alle Frauen ansehen, um mich zu überzeugen, daß ich wirklich die schönste habe.‘

‚Sie sind ein gefährlicher Mensch, Mr. Hartmann, denn Sie sind ein Schmeichler. Ich weiß recht wohl, daß ich schön bin und es Ihnen schon lange angethan habe, und daß Sie auf mich eitel sein werden. Aber ich bin nicht die schönste von allen Frauen und ich will von Ihnen nicht geschmeichelt sein. Und wenn Sie blos in meine Reize verliebt sind, so glaube ich nicht, daß Ihre Neigung von Dauer sein wird. Ich muß Ihnen sagen, Mr. Hartmann, daß ich nicht einmal die geringste Gleichgültigkeit gegen mich verzeihen und, wenn dergleichen bei Ihnen einträte, mich schadlos halten würde. Nicht das geringste Gewissen würde ich mir daraus machen, mir einen oder ein paar Hausfreunde, anzuschaffen, wenn ich von Ihnen vernachlässigt würde, sei es nun um der Flasche, oder um irgend eines Zeitvertreibs, oder um anderer Frauen willen.‘

‚Seien Sie unbesorgt, Miß Beale, so lange Sie liebenswürdig sein werden, so lange haben Sie von einer Flatterhaftigkeit meinerseits, zumal bei meinen neununddreißig Jahren, nichts zu befürchten. Wonach ich mich sehne, das ist eine solide, glückliche, zärtliche Ehe. Ja, ich liebe Sie!‘

Der Bund unserer Herzen war besiegelt. Sie hat aber in den zehn Jahren unserer Ehe ihre Drohung nicht vergessen. Wenn ich mich nur im Geringsten gleichgültig gegen sie zeige, kokettirt sie zum Scheine mit einem Anderen, wie ein lediges Mädchen, und macht mich rasend eifersüchtig. Das ist ihr Zaubermittel, um mich in unveränderter Liebesgluth zu erhalten.“

Soweit des Ehemanns Erzählung. In dem Hause Hartmann’s nun traf ich vor einiger Zeit einen Fremden, der mir als Hr. Schaumburger vorgestellt wurde und von jüdischer Abkunft war. Es war ein schöner Mann mit feinem, geistreichem Gesicht, einer wohlklingenden Stimme und einer hinreißenden Unterhaltungsgabe, kurz, ein Mann so liebenswürdig, wie mir je einer vorgekommen ist. Auf weitere Fragen erfuhr ich, daß er sich in der Stadt aufhalte, um zum Christenthum bekehrt zu werden, und zwar von einem baptistischen Geistlichen, bei welchem er auch wohnte. Die Gesellschaft zur Bekehrung der Juden, von welcher ein starker Zweigverein sich in der Stadt befand und zu welcher auch Hartmann zählte, hatte ihr Auge auf dieses ausgezeichnete Exemplar des Genus homo geworfen, um ihn zu bekehren und womöglich zum Missionär auszubilden und als solchen vielleicht unter den vielen ungläubigen Deutschen zu verwenden. Das heilige Werk der Vorbereitung dazu war beinahe vollendet und der nächste Sonntag zur feierlichen Aufnahme des Bekehrten in den Schooß der Kirche anberaumt.

Hr. Schaumburger war ein höchst gebildeter Mann. Die Unterhaltung mit ihm machte mir großes Vergnügen; denn man mochte zu reden kommen, auf was man wollte, er wußte darin Bescheid, und seine Rede floß wie Honigseim. Dabei war er keineswegs zudringlich oder geschwätzig, sondern ein wahres Muster von Bescheidenheit und Zurückhaltung. Da jedoch jeder Convertit in mir Verdacht der Unehrlichkeit erregt – weil, wer einmal zum gründlichen Zweifel an seiner angeerbten Religion herangereift ist, überhaupt zum Unglauben an jede Religion reif sein muß – so beschloß ich sofort, diesen Schaumburger näher zu erforschen. Mit Hartmann, der in ihn gänzlich vernarrt war, konnte ich zu diesem Zwecke nichts vornehmen; aber ich wandte mich, schon um ihn vor möglichem Schaden zu bewahren, an einen Freund, der in den Vereinigten Staaten sehr ausgebreitete Bekanntschaften hatte, an Dr. Bock. Dieser entsann sich, obschon er einen Mann Namens Schaumburger nicht kannte, sofort auf eine Person Namens Oppenheimer, die er in Cincinnati näher gekannt habe, wo sie sich zur katholischen Kirche bekehren ließ. Die Personalbeschreibung traf zu.

Die Entlarvung dieses Abenteurers schien mir der Mühe werth, schon weil ich bemerkt zu haben glaubte, daß er ein Auge auf Frau Hartmann geworfen habe und ihrem Herzen nicht ganz gleichgültig sei. Da es eben in seinem Wohnorte für mich Geschäfte gab, nahm ich Platz auf einem der Neuengland-Bahnzüge und traf gegen Abend bei ihm ein. Ich suchte sofort Herrn Schaumburger in seiner Wohnung auf.

„Was verschafft mir so unerwartet die Ehre Ihres Besuchs?“ fragte er mich beim Eintritt.

„Ich komme um des Vergnügens Ihrer Gesellschaft willen,“ sagte ich, indem ich eine Flasche echter Liebfrauenmilch auf den Tisch setzte und mich daran ihm gegenüber.

„Das würde mir zu jeder andern Zeit angenehm sein,“ antwortete er verlegen, und doch mit einem lüsternen Blicke auf die Flasche, welcher ich jetzt aus der Tasche eine zweite zugesellte – „aber morgen wird meine kirchliche Einsegnung und mein erstmaliger Genuß des heiligen Abendmahls gefeiert, und Sie begreifen, daß ich deswegen heute Abend Vorbereitungen –“

„Unsinn, alter Knabe!“ sagte ich, indem ich einen Korkzieher hervorholte und in Thätigkeit setzte, worauf ich ein paar Gläser [249] mit dem duftenden Tranke füllte; „was für Vorbereitungen könnten Sie noch nöthig haben? Sie wollen mich doch nicht etwa glauben machen, daß Sie beten wollen, oder dergleichen? – Prosit – ein herrliches Weinchen – kosten Sie – der bekehrt zur Religion der Ehrlichkeit.“

Er riegelte die Thüre ganz leise zu und sagte dann: „Sprechen Sie wenigstens leise; ich wohne im Hause eines Geistlichen und Temperanzlers.“ Dann trank er mit dem Behagen und der Miene eines Kenners.

„Dacht’ ich doch, daß Sie nicht lange Umstände machen würden. Lieber Himmel, wie lange müssen Sie einen solchen Hochgenuß entbehrt, was müssen Sie während dieser haarsträubenden Trockenheit ausgestanden haben! Ich bewundere Ihre Enthaltsamkeit und Willensstärke; ich machte das nicht nach, und wenn die Zionswächter mir zehntausend Dollars geben wollten.“

„Natürlich, Sie haben das auch nicht nöthig,“ sagte er lakonisch und mit Augenzwinkern. Ich hatte also durch meine geschickte Einleitung bereits das Spiel halb gewonnen; er versuchte es nicht, die angenommene Rolle mir gegenüber fortzuspielen, weil er sah, ich durchschaue ihn.

„Sie wollen sagen, ich hätte schon Geld genug? – Nein, Hr. Oppenheimer – wollte sagen Hr. Schaumburger – (er verfärbte sich ein ganz klein wenig) – ein Kaufmann hat nie Geld genug. Ich gäbe aber wirklich einen Theil meines Vermögens darum, Ihre vollständige Lebensgeschichte zu wissen; denn das könnte mir in meinem Geschäfte viel nützen. Ein Mann von Ihrer vollendeten Welt- und Menschenkenntniß, von Ihrem feingebildeten Geiste, Ihrer wunderbaren Gewandtheit muß ja im Stande sein, selbst mir altem Schlaukopf etwas zu rathen aufzugeben.“

„Sie sprachen von einem Theile Ihres Vermögens,“ sagte er pfiffig. „Wie groß würde wohl der Theil sein, den Sie für ein ganz unumwundenes Geständniß gäben?“

„Man kauft die Katze nicht im Sack,“ erwiderte ich. „Sie müssen bedenken, daß ich schon ein Stück Ihrer Lebensgeschichte kenne und mich blos für den psychologischen Zusammenhang derselben interessire. Ich will die Wahrheit – die ganze, volle Wahrheit – dafür gebe ich hundert Dollars – für weniger als das nicht einen Cent – verstehen Sie?“

„Wenn Sie die hundert Thaler hinterlegen, wollte ich wohl Ihrem Wunsche gerecht werden.“

„Nun, da Sie Mißtrauen in meine Worte setzen, zahle ich Ihnen gar nichts für Ihr Geständniß. Sie werden bald genug von selber kommen, um meine Verschwiegenheit damit zu erkaufen.“ Ich sagte das laut und mit siegesgewissem Lächeln.

Er verfärbte sich noch mehr und versank in Nachdenken, während ich mein Glas ausnippte und wieder vollfüllte. Endlich hatte er seine Selbstbeherrschung wiedergefunden und versetzte:

„Ihr Stillschweigen ist mir gar nichts werth. Die Leute, auf deren gute Meinung es mir jetzt ankommt, werden Ihnen weniger glauben als mir. Man wird Alles, was Sie gegen mich vorbringen möchten, als böswillige Verleumdung in den Wind schlagen.“

„Rechnen Sie nicht zu stark darauf,“ sagte ich, zuversichtlich lächelnd und ihm sein Glas füllend. „Ich gebe Ihnen zur Beichte noch eine Viertelstunde Bedenkzeit.“

Er besann sich noch ein Weilchen; dann begann er mit wachsendem Ausdruck von Würdebewußtsein: „Es scheint, Sie erwarten von mir eine Lebensgeschichte voll Bubenstücke und Gaunerstreiche; Sie verkennen mich aber ganz und gar. Ich mag vor Ihnen weder besser noch schlechter erscheinen, als ich bin. Mögen Sie nun glauben oder nicht, was ich Ihnen aus meiner Vergangenheit mittheilen will – gleichviel – ich bin es mir selbst schuldig, meinen Charakter vor Ihnen in’s rechte Licht zu setzen.

Ich bin der Sohn eines armen Juden in Brody und wurde auf Kosten der jüdischen Kaufmannschaft daselbst erzogen, wie schon manche Andere auch. Dies war eine kostspielige und sorgfältige Erziehung, welche arme Judenknaben von Talent gegen das Versprechen späterer Gegendienste zu erhalten pflegen. Ich sollte Arzneiwissenschaft studiren, um an dem jüdischen Spitale in meiner Vaterstadt dann einige Jahre gegen einen mäßigen Gehalt als Arzt zu wirken. Ich sattelte aber in Leipzig um, weil ich einen tiefen Widerwillen gegen dieses Fach bekam, brach mithin das meinen Wohlthätern gegebene Wort, wurde ein Literat, machte Schulden, die ich nicht bezahlen konnte, warf mich in die Revolution von 1848, mußte fliehen und ward an dieses wildfremde Gestade geworfen. Was sollte ich hier anfangen? – Zum Schacher bin ich verdorben, zur ärztlichen Pfuscherei, die ich mit mehr Recht als mancher Andere betreiben könnte, bin ich zu gewissenhaft; zum Lehrer oder Zeitungsschreiber habe ich nicht Kenntnisse genug; zum Betteln bin ich zu stolz. Außerdem habe ich entschiedene Anlage und Neigung, den Aristokraten zu spielen. Sehen Sie diese schöne, classisch gebildete Hand – sollte sie beim Ackerpflug oder am Handwerkszeug verkrummen? – es wäre doch jammerschade! Bedenken Sie meine Menschenkenntniß, Gewandtheit und Beredsamkeit – sollte sie weggeworfen werden an den Beruf eines reisenden Commis, oder eines Stumpredners, oder eines Marktschreiers? – Pfui, wie plebejisch! – Sollte ich als Ladendiener mit Seidenband handeln, der ich besser mit Dialektik und Philosophie umzugehen weiß? – Das hieße die Bestimmung verkennen, welche Mutter Natur mir anwies. Sie schuf mich für einen Wirkungskreis, den die fehlerhaft organisirte menschliche Gesellschaft nicht gewährt. Diese armselige Gesellschaft also, die keinen ehrlichen Platz für mich hat, muß sich die Consequenz davon gefallen lassen. Ich bin in gerechter Nothwehr begriffen, da Niemand verlangen kann, daß ich verhungern oder meine Talente vergraben soll. Ich erwerbe also meinen Lebensunterhalt auf aristokratische Weise – ich bürde denjenigen die Sorge für meinen Unterhalt auf, welche meine schönen Worte, mein feines Betragen, meine gewählten Umgangsformen für baare Münze nehmen und sich für ihre Auslagen mit meinen Versprechungen zufriedengestellt erklären. Merken Sie wohl – es ist Moral in meinen Handlungen.

Ich gehe von einer großen Stadt zur anderen und lasse mich der Reihe nach zu allen möglichen Glaubenssecten bekehren. Zuerst wurde ich in Cincinnati ein Mitglied der rechtgläubigen, alleinseligmachenden katholischen Kirche. Das brachte mir drei Monate freie Kost und Wohnung und außer manchen kleinen Pathengeschenken ein Sümmchen ein, mit welchem ich ein buchhändlerisches Geschäft im Interesse dieser Kirche errichten sollte. Dann ließ ich mich in Baltimore zur presbyterianischen Kirche des Südens bekehren. Wieder setzte es Pathenpfennige und eine kleine Summe, um als Colporteur frommer Tractätchen mein Brod verdienen zu können. Dann wurde ich in St. Louis ein Methodist und als solcher zur Bekehrung deutscher Ungläubiger ausgesandt, versteht sich, nicht mit leeren Händen. Zunächst versuchte ich’s bei den Quäkern in Pennsylvanien, aber ich bestand diesmal meine lange, tödtlich langweilige Probezeit nicht. Ferner bot ich mich den nördlichen Presbyterianern zur Taufe und als Missionär an und wurde von ihnen über ein Jahr lang durchgeschleppt, um das Chinesische zu lernen. Zuletzt überantwortete ich mich den Baptisten, und noch nie bin ich rücksichtsvoller behandelt und besser versorgt worden.

Da unsere sämmtlichen gesellschaftlichen Einrichtungen auf die Ausbeutung der vielen Schwachen durch die wenigen Starken begründet sind, so ist meine Handlungsweise nicht schlimmer, als die eines Kaufmannes, der als Zwischenhändler nur den Verbrauchern die Waare vertheuert; oder als die eines Geistlichen, der um’s Geld dem Volke vorpredigt, was ihm theilweis selber unglaublich sein muß; oder als die eines Sachwalters, der ein Gewerbe daraus machen muß, das Recht zu verdrehen; oder als die eines Arztes, der sich für die gelehrte Miene bezahlen läßt, unter der er seine Unwissenheit verbirgt. Die Welt ist dumm und will betrogen werden, also werde sie betrogen. Die Yankees haben nun einmal eine Leidenschaft für’s Proselytenmachen, besonders für die Bekehrung von Juden; wenn ich sie nicht prelle, so prellt sie ein Anderer, ein Christ – geprellt werden sie jedenfalls. Aber von mir bekommen sie wenigstens den vollen Werth ihres Geldes in den Reizen meiner Unterhaltung und in der Belehrung über Dialektik und Philosophie zurück, die ich ihnen angedeihen lasse; auch Lebensart und Manieren können sie bei mir lernen. Ich mache ihnen nämlich meine Bekehrung jedesmal recht schwer; ich sage ihnen im Voraus, daß bei mir der beste Wille gläubig zu werden mit den allerhartnäckigsten philosophischen Zweifeln im Kampfe liege; ich disputire mit ihren gescheidtesten Geistlichen wochenlang herum und habe regelmäßig die Genugthuung, sie vollständig aus dem Sattel zu heben und in den Sand zu strecken. Das ist bei dieser Lebensart das Angenehme.

Es ist etwas Berauschendes darin, seinen Geist mit Hunderten gebildeter Geister messen zu können und sich in allen solchen [250] Gefechten Sieger zu wissen. Sehen Sie – das ist, wozu die Natur mich bestimmt hat – unzählige Leute zum Denkfortschritt anzuregen und auf die grenzenlosen Schwächen ihres Systems aufmerksam zu machen – die Säulen der Kirche tief zu erschüttern, indem man die Geistlichen selbst insgeheim mit dem Gifte des Zweifels und der Kritik ansteckt – den Humbugern aber unter ihnen einen Wink zu geben, daß man sie durchschaue. Sehen Sie – das ist auch eine Art reformatorischer Thätigkeit, die ihr Verdienst hat, ohne gerade Opfer zu kosten. Es würde mir ganz unmöglich sein, auf alle diese Yankees einzuwirken und sie zum Disputiren zu bringen – denn die Feigheit der Yankees gegenüber der unverschleierten Wahrheit ist unglaublich groß – nur indem ich ihren Hokuspokus mitmache und mich am Ende dem Glauben gefangen gebe, kann ich sie zwingen, tagelang meinen Gründen zuzuhören und meine Fragen zu beantworten. Es würden sich mir alle Thüren verschließen, wenn ich aus den Markt treten und meinen Unglauben ausschreien wollte, und die Gelegenheit, Hunderte von gescheidten Männern tief in ihrem Irrglauben zu erschüttern, wäre verloren. Jetzt aber sage ich ganz dasselbe, bekenne alle meine Einwürfe des Unglaubens, und meine Bekehrer sind rettungslos den Eindrücken meiner wohlberechneten Schlußfolgerungen und meiner Beredsamkeit preisgegeben. Ich leugne gar nicht, daß ich ein Heuchler bin, indem ich das Glaubensbekenntniß bald dieser, bald jener Kirche ablege; allein auch so noch sichere ich mein Gewissen. Ich bekenne nie mich vollständig bekehrt; ich gebrauche jedesmal die Vorsicht zu sagen, daß ich hoffe, das, was in meinem Gemüthe sich rege, sei der wahre Glaube, und die rechte Weihe werde schon noch über mein Inneres kommen, wenn ich erst in der Gemeine Christi und ein Glied an ihrem Körper geworden sei. Und weil mir die Heuchelei in der That zuwider ist, so pflege ich jedesmal kurz nach der Taufe zu verschwinden, um das alte Spiel anderswo von vorn wieder anzufangen. Sie können sich fest darauf verlassen, daß ich eine andere Lebensart wählen würde, wenn ich nicht überzeugt wäre, bei meiner jetzigen weit mehr Nutzen und weit weniger Schaden zu stiften, als bei jeder anderen Beschäftigung.“

Der Convertit hatte ruhig ausreden können; mich fesselte ja zu beobachten, wie selbst ein so verlogener Charakter der Wahrheit seinen Zoll entrichten muß.

„Es ist doch etwas Schönes,“ sagte ich dann, „wer die Tugend der Unverschämtheit besitzt und das Laster der unbeugsamen Ehrlichkeit nicht kennt. Da Sie schon so oft bekehrt worden sind, so sollte, mein’ ich, es Ihnen nicht unmöglich sein, sich zu einer ehrenhaften Lebensart zu bekehren. Wenn Sie sich dazu entschließen sollten, so will ich Ihnen dazu behülflich sein – hier ist meine Adresse. Jetzt gute Nacht!“

Es schien mir, als ich ihn verließ, daß er bedenklich und unschlüssig geworden sei. Allein die Folgen seiner bisherigen Handlungsweise wirkten nach. Zuvörderst mußte er sein einmal angefangenes Bekehrungswerk vollenden, wenn er sich nicht als reuigen Sünder hinstellen und ganz in meine Hände liefern wollte – und Reue schien das Element zu sein, dem er am fremdesten war. Natürlich suchte ich sogleich Hartmann zu sprechen. Er war schon zu Bette. Am andern Morgen entdeckte ich ihm Alles, was mir der Convertit gestanden hatte; aber zu meiner nicht geringen Verwunderung lachte er mich aus und meinte, ich wolle mir einen Spaß mit ihm erlauben. Es half Alles nichts, daß ich ihn vom Ernste meiner Mittheilungen zu überzeugen suchte; er wollte nichts weiter von der Sache hören. Ich merkte endlich den wahren Beweggrund seiner Hartgläubigkeit. Er schämte sich vor mir, dem ausgesprochenen Ungläubigen, zuzugestehen, daß er und die andern Glieder seiner Secte sich von einem hergelaufenen Gauner so vollständig hatten zum Besten halten lassen; er wollte ein Aufsehen vermeiden, welches die Entdeckung dieser Gaunerei noch in der elften Stunde hervorrufen mußte – zum großen Gaudium der Spötter und Neider seiner Secte; er wollte wenigstens erst den Bekehrungsact vollzogen sehen, um nachher im Stillen die Vorkehrungen gegen weiteren Schaden zu treffen. Mit andern Worten: seine kirchliche Gläubigkeit war eben auch nur eine Sache der Respectabilität, nicht des Herzens, und der Schein war ihm das Wesen.

Auch seiner Frau gab ich vor dem Gange in die Kirche einen Wink. Sie nahm ihn mit sichtlicher Beunruhigung auf und brach das weitere Gespräch unter einem Vorwande ab.

Ich konnte mir’s nicht versagen, in der Kirche dem Bekehrungsacte mit beizuwohnen. Mit welcher Freudigkeit spielte der Convertit seine Rolle! Wie selig leuchteten seine Blicke bei Ablegung des Glaubensbekenntnisses! Wie warm pries er Gott am Ende, als er ein Dankgebet für seine Seelenrettung herzusagen hatte! Mitten im Gebete bemerkte er mich; aber er verrieth nicht die mindeste Betroffenheit. Ich eilte aus der Kirche mit dem Gefühle hinweg, als ob das begangene Verbrechen an der Menschennatur auf meine eigene Rechnung käme.

Acht Tage später schrieb mir Hartmann, daß Schaumburger die Stätte seiner Bekehrung verlassen habe und daß genau um dieselbe Zeit Frau Hartmann mit dem größten Theile des Baargeldes und der Kostbarkeiten ihres Mannes unsichtbar geworden sei. Er bereute in seinem Briefe, meine Warnung in den Wind geschlagen zu haben, und bat mich um Beihülfe zur Entdeckung der Flüchtlinge.

Ich kannte einen ausgezeichneten New-Yorker Detective (Mitglied der geheimen Criminalpolizei), der mir schon einmal gute Dienste geleistet hatte, gab ihm Geld und die nöthigen Personalbeschreibungen und Winke und hetzte ihn durch das Versprechen einer größeren Belohnung auf die Fährte der Zugvögel. Nach einigen Tagen telegraphirte er von Rochester aus, sie seien gefunden, und ich eilte dorthin. Da saßen sie allerdings im Gefängnisse. Ich besuchte sie in ihrer Zelle und fand das pflichtvergessene Weib vollkommen gefaßt. Sie hatte es ja ihrem Manne vor der Hochzeit vorhergesagt, daß sie sich anderweit schadlos halten würde, wenn er jemals gegen sie gleichgültig werden sollte.

„Ich bin seiner satt,“ sagte sie, „ich bedauere nicht, was ich jetzt gethan, sondern nur, daß ich, als ich ihn heirathete, zu unerfahren war und mich selbst nicht kannte. Die Ehe mit Mr. Hartmann, diesem froschblütigen, steifen und bereits alternden Dutchman, konnte mich nicht befriedigen. Der Mann meiner jetzigen Wahl ist eine Feuerseele wie ich, wir lieben uns glühend, und Mr. Hartmann soll nicht versuchen, uns zu trennen.“

Oppenheimer-Schaumburger dagegen war beklommen, als ich bei ihm eintrat. „Nun, Sie haben sich ja auf Ihrem neuen christlichen Lebenswege einen Engel zugesellt,“ sagte ich sarkastisch, „und Sie haben infolge davon Flügel bekommen und flogen an’s andere Ende der Welt. Ich hoffe, Sie bedürfen nun keiner weiteren Bekehrungen mehr, um geradewegs in den Himmel zu fliegen, es sei denn, Sie wollten es der Sicherheit wegen vorher noch mit den Latter Day Saints (den Heiligen des jüngsten Tages, den Mormonen) versuchen. In der That – eine bessere Erwerbung könnte Brigham Young nicht machen, als wenn Sie sich ihm zur Verfügung stellten.“

Seine Züge heiterten sich trotz meines Spottes auf. „Das ist ein besserer Rath, als Sie vielleicht denken,“ sagte er. „Es fehlt den Mormonen an gebildeten Männern meines Schlags – dort könnte ich eine Rolle spielen, ein junges Territorium rasch zu einem civilisirten und gedeihlichen Staate herausbilden, eine Zuflucht gründen für um des Glaubens und der Philosophie willen Verfolgte; dort könnte ich meine Ideen in’s Leben einführen ohne Gefahr eines Märtyrerthums. Wahrhaftig, Herr, helfen Sie mir und meiner Geliebten aus diesem Loche und auf den Weg nach Utah, und Sie können meiner Dankbarkeit gewiß sein!“

„Ich zweifle, ob Frau Hartmann gerade dahin Ihnen folgen wird. Diese Feuerseele will ihren jedesmaligen Gatten ausschließlich besitzen, ihn nicht mit anderen Weibern theilen. Auch hat Hartmann, der jede Stunde erwartet wird, dabei eine Stimme.“

„O, Ella folgt mir an’s Ende der Welt – versuche Niemand uns zu trennen! Versuche Niemand zwischen uns zu treten – er würde es bereuen!“

„Sie vergessen, daß zunächst noch das Gefängniß zwischen Sie Beide tritt.“

Er erschöpfte sich in flehentlichen Bitten und in Schnurren, um mich zu einer Vermittelung zu bestimmen. Eine Stunde später kam Hartmann an. Sein Erstes war, mich bei Seite zu nehmen und zu sagen: „Wäre es nicht das Allerbeste, ich ließe meine Frau mit ihm laufen, so weit sie wollen? Sie macht mich todt mit ihren Eifersüchteleien, ihren Ansprüchen, ihrer Koketterie und Leidenschaftlichkeit. Ich werde älter – sehne mich nach Ruhe – sie paßt nicht für mich. Freilich den größeren Theil des mir Entwendeten müßten sie herausgeben.“

Das mußte ich denn billigen, und dabei blieb es. Was später aus dem leidenschaftlichen Ehepaare geworden ist, habe ich nicht erfahren können.“


[251]
Photographien aus dem Reichstag.
III.

Eine interessante Gruppe bildet das zusammengeschmolzene Häuflein der Altliberalen, der oft verspotteten Gothaner. Aus ihrer Mitte ist der Präsident des Reichstags, Herr Dr. Simson, hervorgegangen. Derselbe hat, abgesehen von seinen sonstigen Verdiensten, eine geschichtliche Bedeutung dadurch erlangt, daß er an der Spitze der Frankfurter Deputation stand, welche Friedrich Wilhelm dem Vierten die von diesem ausgeschlagene Kaiserkrone anbot. Später bekleidete er längere Zeit im preußischen Abgeordnetenhause die Stelle des Präsidenten und zeichnete sich als Abgeordneter durch seine entschiedene Opposition gegen die Regierung und durch sein unbestrittenes Rednertalent aus. Er ist der geborene parlamentarische Ober-Ceremonienmeister, wozu er sich durch seine genaue Kenntniß der üblichen Formen und durch seine ganze würdige Erscheinung eignet. Mit classischer Ruhe sitzt er auf dem Präsidentenstuhl gleich einem alten Römer, dem nur die Toga fehlt, das geistvolle Haupt auf die Brust gesenkt, die Hand nach der Glocke ausgestreckt, mit welcher er jeden drohenden Sturm zu beschwichtigen weiß. Mit seltener Klarheit folgt er der Debatte, entscheidet er die verwickeltsten Punkte der Fragestellung, ordnet er die Reihenfolge der Amendements, Unteramendements und der Anträge, ertheilt er das Wort oder unterbricht er die Redner, wenn sie im Eifer des Gefechts von der Sache abschweifen und bei persönlichen Bemerkungen das Maß des Erlaubten überschreiten. Wie ein Gott schwebt er über den sich bekämpfenden Parteien, bringt er Licht und Ordnung in das parlamentarische Chaos. Als Redner entwickelt Simson eine große Eleganz und Feinheit; seine Perioden sind sorgfältig ausgearbeitet und gefeilt, Bilder und Gleichnisse mit Geschmack gewählt, der Witz, der ihm zu Gebote steht, verräth classische Bildung, attisches Salz, geistreiche Pointen. Seine Worte erscheinen, wie er selbst, immer à quatre épingles, im schwarzen Leibrock, mit Glacéhandschuhen, weißer Cravatte und Manschetten. Er spricht wie sein Vorbild Cicero „ore rotundo“, mit salbungsvoller Würde, mit einer gewissen Grazie, selbst wenn er seinen Gegner angreift und einen Stoß gegen dessen Blößen führt. Er begeistert nicht, er reißt nicht hin, aber man hört ihn gern und bewundert sein rhetorisches Talent, seine klaren Gedanken, seinen schönen Periodenbau und auch seine ehrenwerthe Gesinnung.

Aus ganz anderem Holz geschnitzt und aus einem andern Thon geformt ist der aus alten Zeiten wohlbekannte Herr von Vincke (Hagen). Wenn der Präsident Simson sich mit einem ruhig leuchtenden Fixstern vergleichen läßt, so schweift sein politischer Freund und Gesinnungsgenosse als ein rastloser, mehr blendender als erhellender Komet an diesem parlamentarischen Himmel. Immer beweglich wie Quecksilber, ist er selten auf seinem Platz zu finden, sondern stets im Saale herumirrend, gleich einem Pendel hin- und herschwankend zwischen dem Ministertisch und den Bänken der Rechten, in den Gängen und verschiedenen Ecken des Saales, wo er sich wie ein Kreisel herumtreibt, indem er bald dem alten General Steinmetz die Hand drückt, bald mit einem Bundescommissär eifrig spricht. Sein geröthetes Gesicht mit den hängenden Wangen und dem vorspringenden Kinn erinnert einigermaßen an die geistreiche Caricatur des englischen „Punch“. Der graue, fast weiße Kopf steckt tief in den hochgezogenen Schultern, die Hände verschwinden abwechselnd in den Armlöchern seiner Weste oder in den Hosentaschen. So sitzt er, wenn er überhaupt sitzt, mit einer unnachahmlichen Nonchalance in lauernder Stellung wie ein Jäger auf dem Anstand. Plötzlich springt er auf und ergreift nicht die Büchse, aber das Wort. Er spricht oder widerspricht vielmehr, da sein eigentliches Element der Widerspruch mit sich und Andern ist. Die verkörperte Opposition, ausgerüstet mit einer seltenen Schlagfertigkeit und einem angeborenen Witz, feierte er auf dem „Vereinigten Landtage“ die größten Triumphe gegen die Regierung, welche ihm die Bewunderung seiner Zeitgenossen und den Namen des „preußischen Mirabeau“ eintrugen. Seitdem ist sein Ruhm verblaßt, sein Witz gealtert und gegenwärtig kämpft er auf Seiten der Regierung öfters gegen seine früheren politischen Freunde, ohne daß man ihn direct der Apostasie beschuldigen kann wofür seine unabhängige Stellung bürgt. Im Grunde ist er der Alte geblieben, ein rücksichtsloser Parteigänger, ein kühner Stegreifritter, der den Kampf um des Kampfes willen liebt und sich mit jedem Gegner herumrauft, um seine Ueberlegenheit zu zeigen. Seine Junkernatur kann sich nicht verleugnen und bricht immer wider Willen hervor; hätte er keinen andern Gegner, so würde er mit sich selbst oder mit seinem Schatten anbinden. Sein unbestrittener Witz ist gewöhnlich gegen die Person und nicht gegen die Sache gerichtet, wo er aber ernst oder gar pathetisch wird, erregt er oft blos Lachen, was ihn jedoch nicht stört, wenn nur gelacht wird. Schade, daß ein so großes Talent, eine so reich begabte Natur sich selbst zerstört und den einst erworbenen Ruf eines hochgeehrten Freiheitskämpfers den subjectiven Gelüsten, dem vorübergehenden Erfolge opfert. – Auf derselben Seite finden wir noch den Grafen Schwerin, dessen mehr bürgerliche als aristokratische Erscheinung ein unbedingtes Vertrauen mehr zu seiner Gesinnung als zu seiner Thatkraft einflößt, den schlesischen Grafen Dyhrn, einen gemüthlichen Liberalen, mit der Figur und dem Humor eines Fallstaff, und den Professor Max Duncker, der als Verfasser einer Geschichte des Alterthums bekannt ist und als vortragender Rath des Kronprinzen lange Zeit ein Dorn in den Augen der reactionären Hofpartei war, die sich jedoch durch seine Haltung mit ihm jetzt ausgesöhnt zu haben scheint. –

Hinter den Altliberalen sitzen die Mitglieder der neugebildeten national-liberalen Fraction, die sich hauptsächlich aus der Fortschrittspartei recrutirt hat. An ihrer Spitze steht Herr Twesten, dessen Talent und Charakter selbst von seinen Gegnern hochgeachtet werden. Als echter Deutscher folgt er seiner individuellen Ueberzeugung bis zum Eigensinn, auch wenn er damit bei seinen Freunden Anstoß erregen und vollkommen isolirt stehen sollte. Es liegt in seinem ganzen Wesen etwas Abstractes oder vielmehr ein ideeller Zug, der auch in der sinnigen Physiognomie, in dem geistig ruhigen Ausdruck seines Gesichtes, in der ganzen bescheiden reservirten Haltung sich kund giebt. Dabei fehlt es ihm nicht an staatsmännischer Einsicht, an praktischem Verständniß, an Scharfblick und Klarheit. Daß er Muth und Energie besitzt, hat sowohl der frühere Chef des königlichen Militärcabinets, General von Manteuffel, wie der Herr Justizminister Graf zur Lippe erfahren. Trotz dieser ausgezeichneten Eigenschaften, wie sie selten in einem Mann zusammengefunden werden, vermißt man jedoch an Twesten die hinreißende Macht der Begeisterung, die Gewalt der Leidenschaft, die zündende Kraft des Wortes, welche blitzähnlich die Hörer entflammt. Seine Rede ist stets überzeugend, so klar und scharf wie ein heller Wintermorgen, frei von jeder Phrase, fern von allem falschen Pathos, aber sie erwärmt nicht, wenn wir ihr auch meist mit ganzer Seele zustimmen müssen; sie gleicht mehr einer Denkschrift, als der freien Eingebung des Genius. Twesten ist ein eifriger Philosoph und Verehrer Kant’s, dessen kategorischer Imperativ gleichsam die Richtschnur seines Lebens und politischen Wirkens, der Schlüssel zu dem ganzen Charakter zu sein scheint.

Eine eigenthümliche Stellung nehmen die Professoren Gneist und von Sybel in der Versammlung des Norddeutschen Parlaments ein. Beide berühmte Gelehrte und ausgezeichnete Redner, Mitglieder der entschiedensten Opposition im preußischen Abgeordnetenhause, haben in jüngster Zeit eine bemerkenswerthe Umwandlung in ihren Meinungen und politischen Ansichten erlitten und von Neuem den Beweis geliefert, daß ein deutscher Professor zu den incommensurabeln Größen gehört, indem er aus lauter Respect vor einer „imponirenden That“ die Besinnung verliert und die seltsamsten Extravaganzen begeht. Freilich hat besonders Herr von Sybel schon früher sein Talent für solche Metamorphosen vielfach nachgewiesen, so wenn er in seinen historischen Schriften dem despotischen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm dem Ersten nachrühmt, daß dieser absoluteste Herrscher stets nur der öffentlichen Meinung seiner Unterthanen Rechnung getragen habe, die er bekanntlich in landesväterlicher Milde eigenhändig mit dem Stock tractirte. Eben so eigenthümlich waren die Auslassungen des Herrn von Sybel über das deutsche Kaiserthum und die polnische Geschichte. Doch sind alle diese Paradoxen und geistreichen Balancirkünste nur Kleinigkeiten gegen den letzten Luftsprung des berühmten Historikers, der in der That einem wahren salto

[252]
Die Gartenlaube (1867) b 252.jpg

Der Reichstag in Berlin.
1. Simson, der Präsident des Reichstags.

2. General v. Steinmetz. 17. Lette.
3. Graf Stollberg. 18. v. Bennigsen.
4. v. Savigny. 19. v. Hennig.
5. Graf Bismarck. 20. v. Forckenbeck.
6. v. d. Heydt. 21. v. Unruh.
7. v. Itzenplitz. 22. Twesten.
8. General v. Falckenstein. 23. Julius Wiggers.
9. v. Moltke. 24. Moritz Wiggers.
10. v. Roon. 25. Braun (Wiesbaden).
11. v. Vincke (Hagen). 26. Michaelis.
12. Prinz Friedrich Karl. 27. Lasker.
13. Harkort. 28. Schulze-Delitzsch.
14. Graf v. Schwerin. 29. v. Vaerst.
15. Graf Dyhrn. 30. Waldeck.
16. Römer. 31. Duncker.

[253] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [254] mortale seines Rufes gleicht. Als Redner hat Herr von Sybel im preußischen Abgeordnetenhause mehrmals großes Triumphe gefeiert, die jedoch schwerlich seine letzte Niederlage aufwiegen. Seine damaligen Reden strotzten von geistreichen Impromptus und Gedankenblitzen, welche jedoch zuweilen an das Collegienheft und die Studirlampe erinnerten. Er spricht, als ob er wie Demosthenes Kieselsteine im Munde hätte, und kaut die Worte, indem er sie in einzelne Sylben zerreißt, so daß man seine Reden lieber liest als hört. Der breite Ton paßt zu der gedrungenen Figur, dem runden Gesicht und der etwas selbstbewußten Haltung.

Wie Sybel ist auch Professor Gneist vom Katheder in die Reihen der politischen Opposition getreten, nachdem er seinen Abschied als Hülfsarbeiter bei dem Obertribunal in Berlin genommen hatte, wo ihm trotz seines großen Talentes keine Beförderung zu Theil wurde. Wegen seiner freisinnigen Richtung wurde er im Jahre 1848 für die Nationalversammlung, im Jahre 1849 für die zweite Kammer als Candidat aufgestellt, unterlag aber seinem damaligen Mitbewerber Johann Jacoby. Erst 1858 wählte ihn die Stadt Stettin und 1862 der Mansfelder Kreis zu ihrem Deputirten. In dieser Eigenschaft nahm Gneist bald vermöge seiner hohen Bildung und seiner Beredsamkeit eine hervorragende Stellung in der Fortschrittspartei ein, wo er als der unermüdliche Bekämpfer der Cabinetspolitik gegen das Ministerium Bismarck auftrat. Den Glanzpunkt seiner politischen Thätigkeit bildete seine berühmte Rede am 6. October 1863 über das Budgetrecht des preußischen Abgeordnetenhauses, ein rhetorisches Meisterstück, ebenso ausgezeichnet durch den innern Gehalt, ihre unerbittliche Logik und schlagenden Gründe, wie durch die Fülle der Gedanken und die vollendete Form. Dagegen zeigte Gneist bei manchen andern Gelegenheiten ein bedenkliches Schwanken, eine gewisse Neigung zu doctrinären Theorien und juristischer Spitzfindigkeit, so daß er öfters die Erwartungen täuschte, welche Freunde wie Gegner von ihm hegten. Unwiderstehlich, hinreißend, wo das ihm innewohnende Rechtsbewußtsein ihn leitet, wo er auf dem festen Boden des Gesetzes steht, erscheint er haltlos, gewunden und sophistisch, wenn ihm dieser Compaß fehlt. Sein Charakter hält nicht immer gleichen Schritt mit seinem großen Talent, und schwerlich möchte er wie Cato immer auf Seite der Besiegten stehen. Dieser Mangel an zäher Ausdauer und unerschütterlicher Beharrlichkeit spricht sich für den aufmerksamen Beobachter in der ganzen nervösen Erscheinung, in den spitzen Zügen, den unter der goldenen Brille rastlos umherschweifenden Augen und dem reizbaren Temperament aus, während das zur Bedeckung der Hauptblößen sorgfältig nach vorn gestrichene Haar eine leicht verzeihliche Eitelkeit verräth. Minder talentvoll und bedeutend, aber dafür zuverlässiger und fester sind die Herren von Bockum-Dolffs und der frühere sächsische Minister von Carlowitz, eine stattliche Figur, aber Beide mit einer so schwachen Stimme, daß diese meist wirkungslos verhallt. Da ist ferner der würdige Präsident Lette, der Begründer und Vater zahlreicher Vereine und gemeinnütziger Gesellschaften, und neben ihm der kleine, gewandte Assessor, Doctor Lasker, unermüdlich als Antragsteller, klar, scharfsinnig, aber noch allzu beweglich und lebendig. Er ist darum nicht frei von oft unbegreiflichen Inconsequenzen und Widersprüchen.

Aus den gelichteten Reihen der Fortschrittspartei ragt vor Allen eine hohe Greisengestalt hervor, mit weißen, abstehenden Haaren und schmalem Rundbart, energischen Zügen, trotz des Alters jugendlich frisch in allen ihren Bewegungen. Eine schwarze Binde bedeckt das eine kranke Auge, während das andere klar und feurig blitzt. Das ist der alte Waldeck, der unerschütterliche Freiheitskämpfer, fest und kernig, sturmerprobt wie die tausendjährigen Eichen seiner westphälischen Heimath. Sein Leben ist bekannt und die Verfolgungen, die er seiner Ueberzeugung willen erlitten, bilden das traurigste Blatt in der Geschichte der preußischen Justiz. Selbst der Staatsanwalt bezeichnete die gegen Waldeck erhobenen Beschuldigungen als ein frivoles Bubenstück. Der Sohn der rothen Erde ist der geborene Volkstribun; ungebeugt trotzt er jedem Sturm, steht er noch immer in den vordersten Reihen der Demokratie, ob auch links und rechts die Andern schwanken und sich der Gewalt der Thatsachen fügen. Als „getreuer Eckart“, wie er sich selbst nennt, sitzt er vor dem Venusberg und warnt die Schwachen vor der Verführung, mahnt er das Volk, sich nicht von noch so glänzenden Versprechungen und Erfolgen blenden zu lassen. Er liebt sein Vaterland, aber noch mehr die Freiheit, für die das größte Opfer nicht scheut. Niemals ist er auch ein Haar breit von seinen Grundsätzen abgewichen, seiner Ueberzeugung auch nur im Gedanken untreu geworden. Seine Reden sind von dem Feuer der Begeisterung durchglüht, obgleich er kein Redner in der hergebrachten Weise genannt werden kann. Seine Stimme klingt gewöhnlich dumpf und grollend, seine Perioden sind nichts weniger als schulgerecht, seine Ausdrücke weder gewählt noch elegant. Dennoch ist die Wirkung überraschend und meist hinreißend, wenn er die Tribüne betritt und die Worte wie Donnerkeile schleudert, während sein Gesicht glüht, seine Augen blitzen. Von ihm gilt der bekannte Satz, daß die Leidenschaft beredt macht, im vollsten Maße. Meist stockend und abgebrochen beginnt seine Rede, als holte er sie aus der Tiefe seiner Brust mühsam herauf, erst nach und nach überwindet er den Widerstand, schmilzt das spröde Erz unter der gewaltigen Gluth, schmiedet er die Waffen, mit denen er für die Freiheit kämpft und ihre Gegner vernichtet. Wehe dem, der ihm in den Weg tritt, ihn zu unterbrechen wagt! Selbst die kühnsten Lacher auf der rechten Seite verstummen sogleich, wenn Waldeck mit drohend aufgehobener Hand und erhobener Stimme bei solchen Gelegenheiten ihnen zuruft: „Ich verbitte mir Ihr Lachen!“ Sein Blick, seine Geberden haben in diesen Augenblicken etwas Niederschmetterndes, Ueberwältigendes und eine tiefe Stille folgt einer derartig aufregenden Scene. Es ist die Macht der Persönlichkeit, die Gewalt eines festen Charakters, die sich unwillkürlich Achtung und Gehör verschafft. Was aber Waldeck spricht, findet stets einen Widerhall in den Herzen des Volkes und übt einen unbeschreiblichen Einfluß aus. Mag er auch als Redner sich zuweilen von seiner Leidenschaftlichkeit überwältigen lassen, als Parteiführer die Consequenz bis zum Eigensinn treiben, mögen Andere ihm auch an Talent und staatsmännischer Einsicht, obgleich ihm diese keineswegs mangelt, überlegen sein, so bleibt Waldeck wie im Abgeordnetenhause auch im Reichstage die Stütze und Säule der preußischen Demokratie, der unbesiegte Held der Freiheit.

Dieselbe Popularität wie Waldeck genießt Schulze-Delitzsch, der Vater und Begründer des deutschen Genossenschaftswesens, wodurch er sich allein schon ein unvergängliches Verdienst erworben hat. Minder schroff als der alte Volkstribun, verleugnet er eben so wenig wie dieser seine Grundsätze, bleibt er sich selbst unter allen Verhältnissen treu. Seine gedrungene untersetzte Gestalt, die breite Brust, das mächtige Organ verkündigen den eigentlichen Volksredner, der die Massen durch die Gewalt des Wortes zu ihrem eigenen Besten zu lenken weiß. Aber auch im Reichstag wie im preußischen Abgeordnetenhause übt seine vom Herzen kommende und zum Herzen dringende Sprache einen bedeutenden Einfluß, obgleich er hier seltener und nur in den wichtigsten Fragen das Wort ergreift. Mit großer Klarheit der Ansichten verbindet Schulze eine wohlthuende Wärme des Gefühls, die sich öfters zu hinreißender Begeisterung steigert. Auch der Witz oder vielmehr ein schalkhafter Humor steht ihm zu Gebote, ohne daß er je verletzend wird wie Vincke. Seine persönliche Liebenswürdigkeit, seine ehrenhafte Gesinnung und heitere Laune versöhnen selbst seine politischen Gegner und erwerben ihm zahlreiche Freunde. Durch diese Eigenschaften und sein bekanntes Organisationstalent wird er zum Vermittler der oft sich entgegenstehenden Ansichten innerhalb seiner Partei, bildet er den festen Kitt, das Bindemittel zwischen den leider oft auseinander fallenden Elementen. Seine Thätigkeit ist bewunderungswürdig, seine Arbeitskraft unerschöpflich, seine ganze sociale und politische Wirksamkeit in und außerhalb des Hauses unersetzlich.

In seiner Nähe sitzt ein schlanker Herr, mit röthlichem, schon etwas ergrautem Demokratenbart, nicht ohne rhetorisches Talent und besonders mit einem klangvollen Organ begabt, von dem er auch fleißig Gebrauch macht. Das ist der Verlagsbuchhändler und Herausgeber der „Volkszeitung“ Franz Duncker, Bruder des bereits genannten Professors und wie dieser Mitglied einer interessanten Familie, in der sich alle politischen Schattirungen und Ansichten, von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken, und alle möglichen Farbennüancen, Schwarz-Weiß, Schwarz-Roth-Gold u. s. w. vorfinden. Dort sammelt sich eine belebte Gruppe, um den erst später eingetretenen Präsidenten des preußischen Abgeordnetenhauses Max von Forckenbeck zu begrüßen, dessen parlamentarischer Tact ihm von allen Seiten die reich verdiente Anerkennung erworben hat. Sein offenes männliches Gesicht verräth eine große Intelligenz, verbunden mit vieler [255] Ruhe und Besonnenheit, Eigenschaften, die er in seiner Stellung auf das Beste anzuwenden weiß. In seinen Reden zeigt er ein gediegenes Wissen, eine lichtvolle Klarheit, großen Scharfsinn und juristische Routine, obgleich er weniger durch sein rhetorisches Talent als durch seine ausgezeichneten Commissionsberichte, besonders über die Militärfrage, im Abgeordnetenhause sich einen wohl verdienten Namen erworben hat. Bescheiden im Hintergrund hält sich Moritz Wiggers, eine schmächtige Gestalt mit feinen, nicht uninteressanten Zügen, die sich erst beleben, wenn er von den Leiden und den Uebelständen seines Vaterlandes Mecklenburg spricht. Der Klang seiner nicht allzu kräftigen Stimme hat etwas Ergreifendes und erinnert unwillkürlich an sein trauriges Geschick. Bekanntlich war Wiggers das Opfer der Reaction, die ihn auf das Aeußerste mit ihrem Haß verfolgte. Wegen Begünstigung der Flucht Kinkel’s angeklagt und freigesprochen, wurde er in den Rostocker Hochverrathsproceß verwickelt und zu einer dreijährigen Zuchthausstrafe verurtheilt, indem man willkürlich dem betreffenden Gesetze eine rückwirkende Kraft zuerkannte. In der Strafanstalt zu Dreibergen wurde Wiggers als gemeiner Sträfling behandelt und mit Abschreiben geistloser pietistischer Predigten beschäftigt, nachdem er die ihm angesonnenen Schuhmacher-Arbeiten abgelehnt. Trotz aller Anstrengungen, seine Wahl anzufechten, sitzt jetzt der ehemalige Zuchthäusler im deutschen Reichstage, dem seine Anwesenheit zur Ehre gereicht. –




Nach Paris.
Praktische Winke für Ausstellungsreisende. Von H. A. Berlepsch.
II.
Nicht vor 1. Mai. – Eintrittsroute. – Reiseproviantkorb unerläßlich. – Ankunft in Paris. – Octroilinie. – Commissionäre. – Droschken und ihre Preise. – Wohnungssuchen. – Pariser Gasthofswesen. – Deutsche Kellner. – Grand Hotel und Hotel de Louvre.
Paris, 6. April.

Der Koffer ist gepackt, die Abreise kann erfolgen. Bevor wir jedoch unser Billet lösen, muß ich eine allgemeine, freilich nur momentan gültige Warnung vorausschicken. Lasse sich Niemand verleiten vor Anfang oder Mitte Mai zu kommen (wenn nicht geschäftliche Interessen dazu drängen). Die Ausstellung ist zwar eröffnet, aber sie ist noch nicht etablirt. Noch allenthalben sieht es „werdend“, entwickelungsbedürftig, im Großen zu Faden geschlagen aus und, sowohl nach einmüthiger Meinung der im Gebäude Arbeitenden, wie nach dem Maßstabe dessen, was bei angestrengtester Arbeit in den letzten vierzehn Tagen geschaffen ward, kann vor dem ersten Mai nicht die Rede davon sein, daß die Ausstellung den Eindruck des Fertigen, Abgerundeten macht. So wie im inneren Gebäude, sieht es auch im Parke aus. – Also vor Mai, lieber Leser, wollen wir uns in Paris nicht begegnen.

Nichtsdestoweniger setze ich meine Reisevorschläge fort.

Auf welcher der sechs Eisenbahn-Eintrittsrouten aus Deutschland und der Schweiz ein Jeder sein Ziel zu erreichen streben wird, hängt nicht nur vom Wohnorte des Einzelnen (ob Hamburg, Berlin, Nürnberg oder Wien) ab, sondern auch von den Vortheilen, welche die Combinationen der verschiedenen befreundeten Eisenbahndirectionen darbieten werden. Dennoch erlaube ich mir hier einen berathenden Wink zu geben.

Wer nicht die Absicht hat, vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden ununterbrochen eingepfercht wie in einem Menageriekasten zu sitzen und sich mumienartig steif-eingerostete Kniee zu holen, dem rathe ich, das Stückchen topographischer Horizonterweiterung, das er von der Reise mit heimbringen will, sich auf dem Hinwege zu erobern, will sagen: wer im Vorübergehen Köln, Aachen, die prächtigen Rheinlande, Mainz, Frankfurt, Wiesbaden, Baden-Baden, Straßburg etc. und was nun eben auf seiner Invasionslinie liegt, touristisch genießend mitnehmen will, der verspare es nicht auf den Heimweg. Auf der Rückreise hat er keinen Sinn mehr dafür: Paris und seine Kunstschätze, sein babylonischer Thurmbau und seine raffinirte Genußjagd, sein nervenlähmender Spectakel und sein Staub haben ihn dann dermaßen übersättigt, daß er mit Goethe’s Faust-Gretchen nur inbrünstig rufen wird: „Licht! Luft! Nachbarin, Euer Fläschchen!“ was so viel heißen soll, als: „Nur erst wieder Heimath, Ordnung, herkömmliches Leben!“

Zwei Eintrittslinien sind vorzugsweise schön, d. h. für Denjenigen, der Freude an der Natur neben dem Interesse am großen industriellen Leben hat; dies sind die beiden bei Forbach (resp. schon bei Neunkirch) zusammenstoßenden Linien a. durch’s Rheinthal hinauf bis Bingerbrück und von da durch das burgenreiche Nahethal, und b. durch die herrliche Pfalz über Heidelberg, Mannheim, Ludwigshafen etc. Letztere ist jüngster Zeit dadurch besonders in den Vordergrund getreten, daß sie, seit Eröffnung der Strecke Würzburg-Heidelberg, die directeste Linie aus Mitteldeutschland geworden ist. Ein Bummeltag in Würzburg, ein ditto solcher in dem paradiesisch gelegenen Heidelberg und ein dritter in dem kleinen weintriefenden Neustadt an der Haardt, um einen Blick in die treue deutsche Pfalz zu thun (Trifels, Anweilerthal, Dahner Felsenland), die werden zu den schönsten Reiseerrungenschaften Derer gehören, welche diese Linie zu benutzen in den Fall kommen. Für die anderen brauche ich nicht zu plaidiren, sie sind schon zu bekannt.

Ist man über die Grenze Frankreichs eingetreten, so rathe ich ohne Aufenthalt nach Paris zu fahren. Die Gegend ist gegenüber dem, was wir in Deutschland Schönes haben, fast überall bodenlos langweilig, – ebene Flächen, zum Theil miserabel bewirthschaftet, oder Strecken in der Champagne, die man am besten in der Ecke des Coupés verschläft. Aber eine Vorsichtsmaßregel! Man denke sich die französischen Eisenbahnen nicht so samaritanisch-gemüthlich, wie die deutschen, wo es auf jedem Haltepunkt ein wohlproviantirtes Abfütterungszimmer giebt und die erwerbs-vigilanten Bahnhofswirthe ihre Aufwärter mit weißschäumigen, dursterweckenden Bierseideln und duftenden Bratwürsten zwischen knusperigen, frischen Semmeln an die Waggons schicken; wo die Schaffner oder Conducteure besorgt darum sind, daß man zeitig genug wieder einsteige und zwar in den rechten Waggon und in das rechte Coupé, und wo sie, je nach dem Grade der landesüblich mehr oder minder gangbaren Höflichkeit, auf alle Fragen bereitwillig Antwort geben, – für das Alles hat der Franzose keine Zeit, keine Sympathien, kein Bedürfniß. Buffets giebt’s nur an den Hauptstationen, diese oft aber so versteckt, so entfernt, daß die Möglichkeit, sie während der Reise zu benutzen, mehr als illusorisch wird. Ganz besonders ist dies bei den Expreß- (Schnell-) Zügen der Fall. Da wird man schon sechs oder acht Stationen vor solch’ einem Abfütterungspunkte vom Conducteur kurz befragt, ob man in Belfort, Nancy oder wo es eben ist, zu dejeuniren oder zu diniren gesonnen sei, um die Anzahl der Couverts telegraphisch bestellen zu können. Solch’ ein Couvert ist, um mich sprüchwörtlich auszudrücken, in vielen Fällen eine für vier oder fünf Francs im Sack gekaufte Katze. Wer nicht will, der hat gegessen, d. h. er kann hungern bis Paris, unterwegs giebt’s für ihn nichts zu beißen und zu brechen. Also, lieben Freunde, ein hübsches Körbchen gepackt mit allerhand appetitlichem Proviant – dann kann man der französischen Reiseungemüthlichkeit keck in die Augen schauen.

Wir kommen in Paris an. Die Billets werden nicht, wie auf den deutschen und schweizerischen Bahnen, schon auf der vorletzten Station abgenommen, sondern meist, zur Bequemlichkeit der Controle, zur Unbequemlichkeit der Reisenden erst, indem man decken- und sackbepackt, den Regenschirm unter dem einen, die Hutschachtel unter dem anderen Arme, dem Ausgange zuwankt. Man ist zwar in Paris, aber noch Gefangener, – man hat die Enceinte, die Octroi-Linie (die befestigten Einfassungsmauern als Grenze der städtischen Accise für Brod, Mehl und Getränke) zwar passirt, aber man ist von den Cerberusen der städtischen Steuerabgaben noch nicht beschnüffelt worden. Darum Geduld zehn Minuten, eine Viertelstunde oder noch länger, bis alle Koffer, Kisten, Nachtsäcke und Effecten ausgeladen und in einem unendlich langen Saale auf einer Pritsche paradeförmig aufgestellt sind. Dann öffnen sich die Thore des Wartesaales, man tritt oder stürzt ein, sucht mit den Augen, den Bagagezettel in der Hand, nach seiner Fahrhabe und hat abermals zu erklären, weder Schinken, Wurst, Speck, Mehl, noch sonstige Victualien in Gemeinschaft mit seiner [256] Reiseliteratur, seidenen Kleidern, schwarzen Fracks und feinen Leinenhemden im Koffer zu führen und einschwärzen zu wollen. Darauf macht der Beamte eine Hieroglyphe mit Kreide auf das Bagagestück und man fällt in die Hände der Commissionäre, welche das Gepäck aus der Halle auf den Omnibus oder in die Voitüre de Place (Droschke) bringen. Sind viele Passagiere mitgekommen, so beeile man sich (falls man einen bestimmten Gasthof, ein bestimmtes Privathaus oder eine Maison meublée hat, wo man wohnen wird), einen Wagen zu belegen. Dies kann oder vielmehr muß eigentlich die erste Aufgabe, unmittelbar nach Ankunft, noch vor der Revision des Gepäckes, sein; man geht auf den Hof oder die Straße, wo die Droschken aufgestellt sind, und versichert sich des Wagens, etwa mit den Worten: „Je vous prends à l’heure; donnez-moi votre numéro!“ (Ich nehme Sie auf die Stunde; geben Sie mir Ihre Nummer!) Hierauf giebt der Droschkenkutscher einen Schein und wartet, bis man mit seinem Gepäck ankommt. Eine viersitzige Voitüre de Place kostet für die einfache Fahrt innerhalb des Morgens sechs Uhr bis dreißig Minuten nach Mitternacht zwei Francs (und drei bis vier Sous Trinkgeld); jedes Bagagestück wird mit fünfundzwanzig Centimes (oder fünf Sous) extra vergütet. Kommt man nach Mitternacht an (bis Morgens sechs Uhr), so kostet die einfache Fahrt drei Francs und obige Extraspesen. Regenschirm, Nachtsack, Hutschachtel zählen nicht als Bagagestücke.

Unter den nächsten Aufgaben ist jetzt die wichtigste das Suchen einer Wohnung, – zu Zeiten großen Fremden-Andranges wie bei der Ausstellung oft eine mühevolle, zeitraubende. Eine Menge von Umständen sind hierbei maßgebend. Wem es vergönnt war, durch einen in Paris lebenden Freund brieflich im Voraus sich ein Zimmer verschaffen zu können, darf sich glücklich preisen geradenweges dorthin fahren und einziehen zu dürfen. Aber wie oft wird es während des nächsten Sommers der Fall sein, daß Hunderte, unbekannt mit den Verhältnissen und Straßen, ziemlich rathlos in der Weltstadt umherkutschiren werden, abgewiesen an Gasthöfen, die überfüllt sind!

Gewinnen wir zuvörderst einen Ueberblick vom Pariser Gasthofswesen und dem, was damit zusammenhängt.

Es sollen nicht weniger als etwa fünftausend Hôtels, Restaurants, Cafés und Wirthschaften in der Weltstadt existiren. Nur die ersteren logiren. Wie allenthalben, so stufen sich auch hier dieselben durch alle Schattirungen ab vom feinsten, comfortabelsten, fürstlich eingerichteten Hotel mit goldenen, allen diesen Vorzügen entsprechenden Preisen bis hinab zur unheimlichen, in enger Gasse gelegenen, schmutzigen, dunkeln Herberge, ungeheuerlich in allen Beziehungen, aber ebenfalls prunkend „Hôtel“ genannt. Man hüte sich deshalb vor den Anpreisungen der an den Bahnhöfen aufgestellten Agenten.

Der weitaus größte Theil der Pariser Gasthöfe wird von Franzosen gehalten und in demselben nur französisch gesprochen. Neuerer Zeit sind jedoch nicht nur eine Anzahl der besten und empfehlenswerthesten Häuser in Händen deutscher Wirthe, die deutschen Ton und deutsche Ordnung walten lassen, sondern in fast jedem besseren Gasthause ist mindestens ein deutschredender Kellner, die Zuflucht und das Heil aller in diesem Hause nicht französisch redenden Gäste. Sogar in den beiden größten Etablissements von Paris: im Grand Hôtel am Boulevard des Capucines und im Grand Hôtel du Louvre (beide Actien-Unternehmen des Credit mobilier), deren jedes ein ganzes Straßen-Quadrat einnimmt und über sechshundert Fremdenzimmer zu verfügen hat, besteht das ganze Personal nur aus deutschen Kellnern; selbst der Maitre d’hôtel, der Secretär etc. sind Deutsche und nur der Director eines jeden ist Franzose. Man fand es für nöthig, sich mit deutscher Dienerschaft zu versehen, um ruhigen, glatten Gang in den großen Organismus zu bringen, einmal weil der Deutsche dienstwilliger, aufmerksamer, ausdauernder in allen seinen Pflichterfüllungen ist als der trällernde, tausend andere Dinge im Kopfe brütende französische Kellner, dann aber auch namentlich deshalb, weil der Deutsche außer seiner Muttersprache und dem Französisch noch Englisch spricht und sich englischen Sitten und Forderungen besser anbequemt als der nur französisch parlirende Franzose.

Außer den beiden obengenannten Riesen-Karawanserais sind folgende Häuser namentlich noch solche, in denen besonders Deutsche verkehren und die von Deutschen geleitet werden: Das Hôtel de Mirabeau in der Rue de la Paix, von Deutschen der vornehmen Stände viel besucht; das Hôtel de Bade am Boulevard des Italiens; das Hôtel Bergère in der Rue Bergère; das Hôtel Violet in der Passage gleichen Namens (bei der Rue Faubourg Poissonnière); Hôtel de Bavière in der Rue Richer; Hôtel du Pavillon in der Rue d’Hauteville und viele andere. Wer noch nicht bestellt hat und auf gut Glück sich ein Hôtel suchen muß, wird wohl thun, bei einem derselben, vielleicht sogar zuerst am Hôtel du Louvre, vorzufahren, wo der Wechsel Gehender und Kommender am größten sein möchte. In Nicht-Ausstellungszeiten kann man in demselben Zimmer von zwei Francs an aufwärts bis zu zwanzig Francs täglich erhalten, – während der Ausstellung wird wohl kaum das kleinste Zimmer unter dem doppelten Minimal-Ansatze zu haben sein.




Blätter und Blüthen.


Ein treuer deutscher Volksmann, ein beharrlicher und unerschrockener Kämpfer für Licht und Recht, Freiheit und Nationalehre ist uns durch den Tod entrissen. Am Morgen des achten April starb in seiner Vaterstadt Leipzig Emil Adolf Roßmäßler, nachdem er am dritten März auf dem Krankenbette seinen einundsechszigsten Geburtstag gefeiert hatte.

Unter den Männern, welchen seit dem Wiedererwachen des nationalen Geistes in Deutschland die Bildung des Volkes eine Herzenssache geworden ist und die rastlos streben, die Schätze und mit ihnen die Gesetze der Natur zum erlösenden Gemeingut Aller bis zu den ärmsten Classen zu machen, stand Roßmäßler in der vordersten Reihe; auf diesem Felde seiner Thätigkeit hat er sich als Schriftsteller, Lehrer und Redner die anerkennungswürdigsten Verdienste erworben. Auch die Leser der Gartenlaube haben ihn von dieser Seite kennen gelernt, und um so mehr sind wir es ihnen schuldig, ein Lebensbild des verehrten Todten, wenn auch in engem Rahmen, hier niederzulegen.

Es ist in weiteren Kreisen wohl wenig bekannt, daß Roßmäßler seinem akademischen Fachstudium nach Theolog war und daß er mehrere Jahre bereits eine pädagogische Stellung (im weimarischen Weida) eingenommen, ehe von seiner stillen Liebe zur Naturkunde so lautes Zeugniß abgelegt wurde, daß er (1830) den Ruf als Lehrer an die land- und forstwirthschaftlichen Akademie zu Tharand erhalten und annehmen konnte, woraus ihm später eine Professur an derselben Anstalt erwuchs. Dieser Umstand ist von Bedeutung, denn ihm haben wir es offenbar zu verdanken, daß der Mann, welchem die Naturkunde nicht ursprünglicher Beruf, sondern zur Selbstbildung gepflegte Liebhaberei war, später dieselbe nicht als Domaine eines besonderen Standes betrachten konnte, sondern sie am liebsten zu einer recht intimen Liebhaberei des ganzen Volkes gemacht hätte; wobei wir jedoch nicht vergessen, daß die freisinnige Richtung, zu welcher er sich in der Wissenschaft, wie im Staats- und socialen Leben früh bekannte, sein Auge und Herz dem Volke noch eher zugewandt hatte, als er diesem durch das von gewissen Seiten so scheel angesehene Popularisiren der Wissenschaft die erheblichsten Dienste leisten konnte.

Roßmäßler war aber wohlbedacht gewesen, durch gediegene strengwissenschaftliche Leistungen sich bei der gelehrten Zunft selbst Sitz und Stimme zu sichern, auch hierin getreu seinem großen Vorbild Humboldt, der seine hohe Würdigung Roßmäßler’s diesem in vielen wissenschaftlichen und freundschaftlichen Briefen bethätigte. Zu einer wissenschaftlichen Autorität ersten Ranges erhob er sich durch seine „Ikonographie der europäischen Land- und Süßwasser-Mollusken“, mit sechszig von ihm selbst lithographirten Tafeln, denn von seiner Abstammung von einer Kupferstecherfamilie war wenigstens die kunstfertige Hand eines gewandten Zeichners ihm zu Theil geworden.

Wie nun dadurch und durch mehrere andere Schriften und Lehrbücher für seine Vorträge Roßmäßler sich selbst in der Wissenschaft, so erwarb das Volk ihm Sitz und Stimme im ersten deutschen Parlament, an dem er bis zu dessen gewaltsamer Aufhebung in Stuttgart festhielt und das ihm zum Schluß (1850) seine sächsische Professur kostete. Fortan war und blieb er freier deutscher Volkslehrer der Naturkunde und bethätigte diesen selbstgegebenen hohen Beruf durch Wort und Schrift bis an sein Lebensende. Wir erinnern an seine „Populären Vorlesungen aus dem Gebiete der Natur“, an seine „Flora im Winterkleide“, seine „Vier Jahreszeiten“, ferner an sein Lieblingswerk „Der Mensch im Spiegel der Natur“ und die Prachtwerke „Das Wasser“ und „Der Wald“, wie auch an seine „Reiseerinnerungen aus Spanien“, das er 1853 besucht hatte, – aus allen diesen Büchern spricht derselbe Geist, der ihm das Motto zu seiner verdienstvollen Zeitschrift „Aus der Heimath“ dictirt hatte: „Die Natur ist weder eine allgemeine große Vorrathskammer, noch eine staubige Studirstube, noch auch ein Betschemel, sondern unser Aller gemeinsame Heimath, in der Fremdling zu sein Schande und Schaden bringt.“ Alle diese Schriften sollten nicht blos für den Namen des edlen Todten, sondern für all’ sein volkstreues Streben und Wirken noch lange ein ehrendes Andenken im deutschen Volke erhalten.
Fr. Hfm.




Inhalt: Die Herrin von Dernot. Novelle von Edmund Hoefer. (Fortsetzung.) – Die Blume des Maitranks. Von A. Kerner. Mit Abbildung. – Amerikanische Lebensläufe. Von Adolf Douai. 1. Der Convertit. – Photographien aus dem Reichstag. III. Mit Abbildung. – Nach Paris. Praktische Winke für Ausstellungsreisende. Von H. A. Berlepsch. II. – Blätter und Blüthen: Ein treuer deutscher Volksmann.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.