Die Gartenlaube (1867)/Heft 49

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1867
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[769] No. 49.
1867.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen.     Vierteljährlich 15 Ngr.     Monatshefte à 5 Ngr.


Der Habermeister.
Ein Volksbild aus den bairischen Bergen.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)


Die Nachricht von dem Verschwinden Susi’s hatte das lang gehegte, über neuen Ereignissen stets verschobene Vorhaben des Bruders rasch zum Entschlusse geführt und ihn auf den Weg zur Stadt gebracht. Er konnte nicht anders vermuthen, als daß die Schwester sich geraden Weges in das Waisenhaus begeben habe; in die Hauptstadt führten und wiesen auch immer mehr und bestimmtere Spuren jener Andern, die er mit blutendem Herzen suchte und vor deren Wiederfinden ihm doch zugleich bangte, wie dem Schuldbewußten vor der Ahnung richtender Vergeltung. Daß Franzi sich dahin begeben, war nach allen vom Lehrer geradezu und mittelbar eingeholten Erkundigungen außer Zweifel gestellt; keinerlei Anzeichen deutete darauf hin, daß sie München wieder verlassen hatte; wo sie sich aber befand, war schlechterdings nicht zu erkunden. In der ersten Zeit war sie noch von dem Einen oder Andern der Ortsbewohner und Nachbarn bei flüchtiger Begegnung erblickt worden, seit dem Allerseelentage wußte Niemand mehr von Franzi, und hier war es der Metzger, Meister Staudinger, welcher ein paar Miesbachern in die Hand gerathen war und ihnen, obschon sie Mühe gehabt, ihn wieder zu erkennen, mit dem alten Groll und der frühern Verbissenheit erzählte, er habe die nichtsnutzige Person auf dem Friedhofe gesehen, wo sie in zerrissenen Kleidern die Leute um ein Almosen angesprochen und Alles in einem schlechten Bündel mit sich getragen habe, ihr ganzes Vermögen und ihre ganze Schande. Als sie ihm dann zu erzählen versucht, wie er dem Mädel Unrecht thue und wie es nun ganz klar herausgekommen sei, daß sie unschuldig sei und welche Bewandtniß es habe mit dem gelegten Kinde und seiner Mutter: da hatte er sie kaum angehört und war mit widerlichem Gelächter und dem steten Rufen, das seien lauter Faseleien, denen er nicht glaube, so schnell hinweggeeilt, wie er es vermochte mit seinen schmerzenden Beinen und seinem Krückenstock …

„Seit Allerseelen ist eine schöne Zeit,“ sagte Sixt auf einmal halb vor sich hin, ohne Anlaß, als wäre er mitten in voller Unterredung gewesen und nicht stumm durch den abenddämmernden Wald gefahren; es war, wie wenn er sich selber laute Antwort gäbe in dem leisen Zwiegespräch seiner Seele … „Seitdem kann sie lang’ wieder fort und über alle Berge sein! …“

Der Lehrer war wohl verwundert, seinen schweigsamen Fuhrmann und Nachbar so auf einmal wie im Schlafe aufreden zu hören, er ließ es aber nicht merken, sondern begnügte sich, ihm einen leichten Seitenblick zu streifen und mit gutmüthigem Lächeln zu erwidern. „Das ist wohl möglich,“ sagte er, „aber nicht wahrscheinlich; die Franzi ist noch so gewiß in München, wie der alte Staudinger das gelogen hat, was er über das Betteln erzählt hat und über das zerrissene Gewand! Aber er soll uns schon beichten, der alte Fuchs … er soll schwer krank beim Schwanenwirth an der Isarbrück’ liegen, wo er von seiner Handelschaft her lang bekannt ist, und soll sehr schlecht daran sein … Das wird ihn wohl ein bischen mürber gemacht haben, und so denk’ ich wohl, daß wir ihn zum Reden bringen. Ich meine auch, in neuster Zeit auf eine Vermuthung gekommen zu sein, die ihm wohl die Zunge lösen wird …“

„Welch’ eine Vermuthung sollt’ das sein?“

„Wenn es Zeit ist, reden wir davon … jetzt wären wir ja schon an unserm Ziel, da sind bereits die ersten Häuser von der Au; wir könnten auch gleich beim Schwanenwirth zukehren, aber es ist besser, wenn uns Niemand zuvor sieht, damit dem Alten kein Gered’ vorher zukommen kann. Drum stellen wir beim Damenwirth ein; ist ja seiner Zeit das Quartier von den Edelfräulein und Hofdamen gewesen, wenn die kurfürstlichen Jagden in den Isar-Auen gehalten worden sind; da wird’s also wohl für uns Beide auch jetzt noch geben, was wir brauchen, und bis da Alles untergebracht ist, geh’ ich voraus zum Schwanenwirth und mach’ Alles in Ordnung …“

Der Vorschlag ward ohne Widerrede angenommen und ausgeführt.

Bald schritt Sixt dem Hause zu, an dessen Sattelgiebel der weiße Schwan, von grünem Kranze umgeben, als Schenkzeichen einladend über den Laternen hing; drüber hinan waren die Fensterreihen und das Walmdach dunkel, nur ein Fenster in der Ecke war verhangen und beleuchtet; es mochte die Stube sein, wo der Gesuchte lag.

Der Lehrer empfing Sixt bereits unter der Thür. „Wir sind schon an der rechten Schmiede,“ flüsterte er ihm zu, „ich habe mit der Wirthin schon geredet; sie nimmt keinen Anstand, daß sie uns als ein paar gute Bekannte aus dem Oberland zu dem Alten hinaufführt … übrigens soll er sehr elend sein und die meiste Zeit nichts von sich wissen; es ist eine Schwester von den Barmherzigen bei ihm, die ihn auswartet, denn den Dienstboten vom Haus ist es bei ihrer andern Arbeit zu viel geworden und zu schwer – wir wollen keinen Augenblick zögern, hinauf zu gehen.“

[770] Nach ein paar verständigenden Worten schritten Beide der Wirthin nach über die schmale gewundene Treppe in den engen langen Gang des obern Stockwerks, zu dessen beiden Seiten sich die Fremdenzimmer Thür an Thür reihten – die Wirthin deutete an das Ende des Ganges; dort, in der Ecke war das Zimmer des Gesuchten.

Das Gemach war klein und nur mit der nothdürftigsten Einrichtung versehen, wie sie für eine Nacht oder einen nur vorübergehenden Aufenthalt dem fremden Wirthshausgaste wohl genügt, für die Dauer aber ein so unwirthliches wie unheimisches Ansehen giebt. Eine angestrichene Bettstelle mit nicht sehr einladendem Lager darinnen, ein Tisch in der Ecke, eine Commode unter einem matten Spiegel und ein paar einfache Stühle mit Rohrsitzen bildeten nebst ein paar bemalten Steindruckbildern an den Wänden und den ausgewaschenen Kattunvorhängen der Fenster den ganzen Hausrath. Auf dem Ofensims, durch die vorspringende Kaminwand etwas gedeckt, brannte eine schwache Lampe und warf karges Licht, aber dafür desto sonderbarere Schattenbilder der Gegenstände an Wand und Decke; Tisch und Kasten waren mit Fläschchen und Gläsern bedeckt, deren Inhalt sich schon aus den Formen erkennen ließ und deren Anzahl zeigte, wie unsicher in der Wahl ihrer Heilmittel die ärztliche Kunst bereits diesem Lager gegenüber stand – der leichte Duft von Moschus verrieth dem Kundigen, daß sie schon eines der letzten versucht hatte, ein erlöschendes Leben noch einmal zu neuem Aufraffen anzutreiben.

Der alte Staudinger, unkenntlich, zum Gerippe abgezehrt, lag auf dem Bette mit geschlossenen Augen, eingebrochenen Wangen und zuckenden Lippen; die fleischlosen Hände ruhten auf der Decke und die Finger machten räthselhafte unfreiwillige Bewegungen, als versuchten sie etwas zu fassen und von der Decke aufzulesen. Zur Seite des Bettes stand eine weibliche Gestalt, in das schwarze Gewand und die dunkle Haube der barmherzigen Schwestern gekleidet, wie es die Novizinnen tragen, welche gesonnen sind, in den Orden einzutreten, und sich zu diesem Eintritt und zur Ablegung des ewigen Gelübdes durch strenge Ausübung der schweren Ordenspflichten einüben und vorbereiten. Die Nonne neigte sich leicht über den Kranken und schien mit theilnehmender Sorgfalt die Athemzüge desselben zu beobachten – plötzlich aber richtete sie sich rasch empor und eilte der Thür zu, draußen auf dem Gange ließen sich Tritte und Schritte vernehmen.

„Sie kommen,“ flüsterte sie vor sich hin, „das werden die Landsleut’ aus dem Oberland sein, von denen die Wirthin gesagt hat, daß sie den Herrn besuchen wollen.“

Die Stimmen wurden deutlicher; es war ein Klang darunter, den sie nicht verkennen konnte und der sie im Innersten ihrer Seele erbeben machte.

„Mein Gott,“ stammelte sie, „ist denn das nicht … ? Ja, er ist es! Wie kommt der daher? Was kann er bei dem Kranken wollen? .. Gleichviel! Du bist es auf keinen Fall, Franzi, was er sucht… Dich soll er nit zu Gesicht kriegen… Niemand, keine menschliche Seel’, die mich daheim verrathen könnt’, soll mir vor die Augen kommen…“

Sie eilte auf den halb erleuchteten Gang hinaus und kam eben recht, um den Herankommenden in einen Seitengang auszuweichen, dessen Dunkel, verbunden mit ihrer Tracht, sie gewiß machte, nicht erkannt zu werden.

„Das sind die zwei Männer aus dem Oberland,“ sagte die Wirthin, „sie haben was Wichtig’s mit dem Herrn Staudinger zu reden, was kein’ Aufschub vertragt – kann man hinein zu ihm?“

Die Schwester antwortete nicht; sie nickte blos und deutete nach der Thür des Krankenzimmers.

„Eine brave Person, die Schwester,“ sagte die Wirthin im Weiterschreiten, „sie pflegt den schwer kranken Mann, daß es eine Freud’ ist, ihr nur zuzuschau’n … eine eigene Tochter könnt’ nicht aufmerksamer sein – aber schier ein jedes Wort muß man ihr abkaufen! Die verredet sich gewiß nicht – die muß es wieder herein bringen, was unser Eins den ganzen Tag über zuviel reden muß … aber du lieber Gott, das geht halt einmal nicht anders in einem offenen Geschäft!“

Die Thür war bald erreicht; sie traten ein, die Wirthin ohne viele Umstände voran und geradezu an das Lager hin. „Da sind zwei Männer,“ sagte sie, ihn leicht an der Schulter fassend, „die wollen mit Ihnen reden, machen S’ die Augen auf, Herr Staudinger – es ist was sehr Wichtig’s…“

Der Angeredete schlug mit unverkennbarer Anstrengung die Augen auf; starr und trübe ruhte sein Blick auf den vor ihm Stehenden; er hatte die Worte vernommen und schien auch deren Sinn zu verstehen, denn es war eines Pulses Dauer, als ob sich das Auge belebe, als ob er die Männer erkenne und eine helle Bilderreihe an ihm vorüber schwebe; die Bilder schienen noch einmal sich zum Gedanken ordnen, der Gedanke sich zum Worte sammeln zu wollen – vergebens! Die der Auflösung entgegen eilenden überreizten oder ermatteten Organe gehorchten dem schwach aufflackernden Wollen nicht mehr, die starre Zunge blieb regungslos, die Lippe unbeweglich und mit einem Seufzer, der die arbeitende Brust erhob, um auf halbem Wege zu ersterben, fielen auch die verglasenden Augen wieder zu.

„Da ist es umsonst,“ sagte die Wirthin halbleise, „von dem ist nichts mehr zu erfragen, ihr Herr’n, der macht es keine Stunde mehr! Seht nur, die Nase wird schon ganz spitzig.“

Ernst zuckte der Lehrer die Achseln; Sixt schwieg in tiefer Bewegung – der Gedanke, daß wieder eine Spur, die wichtigste und letzte, verloren war, daß er wieder der vorigen noch gesteigerten Ungewißheit gegenüber stand, überfiel ihn mit seiner ganzen Last. Es war, als ob er darunter wanken wollte; mindestens mußte der scharfsichtige Lehrer etwas Solches glauben, denn er faßte dessen Arm in den seinigen und führte ihn zur Thür hinaus. Wie sie den Gang dahin schritten, wo die geschäftige Wirthin sie nicht hören konnte, sagte er leise mit festem Handdruck: „Die Courage nicht verloren! Der Garten wäre nicht so schön, wenn er nicht so viele Feinde hätte … aber mit rechter Sorge wird man doch über all’ die Raupen und Werren und Spinnen Herr; auf Regen folgt Sonnenschein und im Sonnenschein gehen die Knospen auf! Es ist was in mir, Sixt, was mir für gewiß sagt, daß wir sie doch finden, und das bald!“

Sie waren eben an dem dunklen Seitengange und an der barmherzigen Schwester vorübergegangen – kein Laut war ihr entgangen. Eine Wallung stieg in ihr auf, hell und leuchtend, wie der erste Aufblick einer emporsteigenden Freudensonne … er suchte Jemand; wie, wenn sie selbst es wäre, der sein Forschen galt? Wenn er sich anders besonnen, wenn er erkannt hätte, wie schweres Unrecht er ihr gethan? .. Der Gedanke war aber kaum ausgedacht, als er wieder hinter den Vorstellungen der Wirklichkeit sich verlor: graues Gewölk verbarg und umzog den anbrechenden Morgen. Hatte sie zuerst beinahe schon den Fuß erhoben, um hervor zu treten, so trat sie jetzt, wie um sich vor der eigenen Schwäche zu wahren, noch einige Schritte tiefer in das Dunkel; sie drückte die Falten des dunklen Gewandes fester an die Brust, sich selbst an ihren Vorsatz zu mahnen und an die ernste Pflicht, die sie in dem Krankrenzimmer übernommen; standhaft hörte sie die Tritte der sich Entfernenden immer weiter und schwächer verhallen. Sie war jetzt froh, daß sie es gethan – was auch hätte ihr Vortreten zu helfen vermocht? Mußte er nicht gar glauben, sie wolle sich in seinen Weg drängen, wolle ihn an das erinnern, was sie für ihn gethan? Sie, an die er vielleicht in keinem andern Sinne dachte, als daß es ihn drückte, ihr verpflichtet und der Schuldner eines verachteten, von ihm und der Welt verurtheilten Geschöpfes zu sein?

Tief aufathmend, aber in sich beruhigt, gehoben von dem Gefühle des Sieges, den sie über ihre eigene Schwäche errungen, ausgerüstet mit dem Bewußtsein voller Gewißheit und Kraft, ihr Opfer ganz zu vollenden!

Der Kranke lag wie zuvor, doch schien die Vorhersagung der Wirthin sich zu erfüllen. Der Zustand der Schwäche ging immer mehr in den vollständigen Nachlassens über: die Athemzüge wurden kürzer, schwerer und lauter und die Stirn bedeckte sich mit eisigen Tropfen. Ergriffen, ein leises Gebet auf den Lippen, stand die Barmherzige neben dem Leidenden und trocknete ihm mit sanfter Hand den kalten Schweiß vom Antlitz…

Da war es, als ob die Berührung noch einmal Leben und Bewegung in die erlahmenden Fibern und Sehnen brächte; als hätte der glimmende Docht vor dem Erlöschen noch einen letzten Tropfen Oel gesogen, … blitzähnlich oder wie wenn ein plötzlicher Windstoß die Nebelschicht hinweghebt, die über einer Thaltiefe gelegen, und die volle Einsicht frei giebt in dieselbe – so kehrte dem Alten mit Einer Secunde Leben, Gefühl und Bewußtsein zurück. Die Seele war klar, damit kam wieder Licht in das Auge und in die Kehle der Ton…

[771] Er sah die Wärterin über sich gebeugt und erkannte sie.

„Franzi,“ stammelte er mühsam, „Du bist bei mir? … So ist’s keine Phantasie gewesen, daß ich Dich um mich geseh’n hab’ im Fieber? Du bist meine Krankenwärterin?“

„Ja, Herr,“ erwiderte sie sanft, „sei’n Sie mir nit bös deswegen und erzürnen Sie Ihnen nit! Ich hab’ Unrecht gethan, wie ich Ihnen das letzte Mal begegnet bin – dort auf dem Kirchhof, am Grab meiner Mutter … ich hab’ harte Wort’ ausgesprochen gegen Sie und hab’ seitdem keine Ruh’ mehr in mir gehabt und kein’ Frieden. Ich wollt’ gleich zu Ihnen, wollt’ Sie aufsuchen und mein Unrecht eingesteh’n, aber ich hab’s nit gewagt, ich hab’ gefürcht’t, Sie könnten glauben, daß es nur das Interesse oder eine andere Absicht sein könnt’, was mich zu Ihnen führt… Wie ich aber gehört hab’, daß Sie so krank geworden sind und so einsam und verlassen da liegen, da hab’ ich mich nimmer halten lassen und hab’ mir gedenkt, Sie werden mich wohl nit so leicht erkennen, bei Ihrem Zustand und in dem Gewand da! So hab’ ich wenigstens meine Schuldigkeit gethan, wie’s eine Andere gethan hätt’, wenn sie noch am Leben wär’! Was geschehen ist zwischen ihr und Ihnen … ich will’s unserm Herrgott überlassen, will nit seiner Hand vorgreifen und seiner ewigen Barmherzigkeit! Ich hab’s erfahren, an mir selber, was es um die Menschen ist und um ihr Urtheil … ich will’s dem Himmel überlassen und nit richten anstatt seiner… Bleiben Sie ruhig, Herr … denken Sie nit, daß ich es bin, die Sie bedient, denken Sie, es ist eine ganz unbekannte wildfremde Person. … Ich bin ja schon zufrieden, daß Sie noch einmal zu sich ’kommen sind und haben mich erkannt und daß ich bitten und sagen kann, so recht von Herzensgrund, daß Sie mir verzeihen sollen…“

„Verzeihen?“ erwiderte der Alte, über dessen Antlitz sich immer mehr ein lächelnder Friede breitete, wie er in den harten Zügen wohl nimmer gehaust. „Ich Dir? Du bist es ja, die ich um Verzeihung bitten muß … für Dich und Deine Mutter! Ich hab’ schlecht gethan an allen Beiden … ich hab’ Dir schweres Unrecht zugefügt; ich hab’ Dich verleumdet, Dich … mein eigenes Fleisch und Blut … mein gutes, braves Kind, das so viel hat ausstehen müssen in seiner Unschuld… Verzeih’ mir, Franzi,“ fuhr er mit erlöschender Stimme fort, „verzeih’ mir für Deine Mutter und für Dich … wenn Du es thust, dann kann ich erst ruhig sterben … denn dann weiß ich, daß mir auch unser Herrgott verzeiht, wenn ich hinüber muß in die Ewig …“

Schwäche überwältigte und hinderte ihn, zu vollenden. Das Haupt sank von der versuchten Erhebung schwer zurück; der Athem versiechte und die Augen schlossen sich, dennoch war etwas über sein ganzes Wesen ergossen, als ob die Erregung seine Kräfte und Geister in neue Spannkraft versetzte … die Athemzüge wurden ruhiger und gleichmäßiger und gingen in jene eines tiefen Schlummers über.

Die Schale des Lebens schnellte den Tod empor und sank, sie sank von dem einzigen Tropfen reiner Freude, den dieser Augenblick in sie geträufelt.

Franzi war betend in die Kniee gesunken, ihre Lippen sprachen das Wort der Vergebung nicht aus, aber desto lauter rief es ihr Herz. Sie beugte das Haupt und neigte das Antlitz auf das Bett, um ihren Scheitel wehte es wie der Fittig eines Engels, der seine entsühnende Palme auf sie niedersenkte.


7.

Im Waisenhause war ein fröhlicher Abend angebrochen: in einer großen Stube, die außerhalb des eigentlichen Hausverschlusses lag, war die Christbescheerung eingerichtet, damit auch die wenigen Verwandten und Wohlthäter der Kinder Zutritt haben konnten, ohne die klösterlich strenge Ordnung der Anstalt zu verletzen. In der Mitte auf kleiner Erhöhung stand eine stattliche Tanne, von unzähligen Wachskerzen schimmernd und reichlich behangen mit Allem, was Auge, Hand und Mund der begehrlichen und so leicht begnügten Kinderwelt reizen kann und was geeignet war, in der Sorge für ihre kleinen Freuden und Bedürfnisse den Gedanken und das schmerzliche Gefühl von ihnen fern zu halten, daß sie diejenigen entbehrten, denen diese Sorge die liebste Pflicht sein würde und das schönste Glück, daß es nicht ein Vaterauge war und nicht Mutterhand, die den Baum geschmückt und beleuchtet. In argloser, ahnungsfreier Fröhlichkeit drängte und jubelte die kleine Schaar um die kostbare Tanne; wer sie so glücklich sah, mochte die grauen Jacken vergessen, in denen sie warm und behäbig steckten, die aber doch unablässig daran mahnten, mit wie vielen Thränen der noch so kurze Lebensweg eines jeden dieser armen Kinder begossen sein mochte, bis die sichere Pforte erbarmender Liebe sich schützend hinter ihm geschlossen. Einige Schwestern waren anwesend, dunkle Merkzeichen für den überlustigen Schwarm, der stets geübten Ordnung und Ruhe nicht völlig zu vergessen; auch Franzi war gekommen, der Zustand ihres Großvaters hatte sich von Stunde zu Stunde so entschieden gebessert, als zuvor der Verfall rasch und plötzlich gewesen war; sie hatte es wohl wagen dürfen, ihn einige Stunden anderer Pflege zu überlassen, ihr Herz drängte sie, den heiligen Abend im Waisenhause zuzubringen … es war ja für sie so voll bedeutsamer Erinnerungen, und stand sie auch an einem neuen Wendepunkte ihres Lebens – hier war es doch immer, wo der Quell ihrer Tage den Lauf in die Welt begonnen, hier war es ihr Vergnügen und Bedürfniß, in Gedanken an dessen Rinnsal hinauf zu wandern, durch die sonnigen Fluren und die Eisschluchten, die er schon durchwandert, und in Träume zu versinken, welche Laufbahn ihm noch bestimmt sein mochte, ob mit anderem Gewässer vereinigt stattlich und wirkungsreich dahin zu strömen, oder allein mühsam sich durch Gestein und Klippen zu ringen, oder im breiten Sumpfe sich zu verlieren oder im Sande verrinnend zu versiechen…

So sinnend sah sie den spielenden Kindern zu und war Anfangs nicht im Mindesten überrascht, als ihr gegenüber eine Thür sich aufthat und Susi vor ihr stand; waren doch ihre Gedanken um den lieben Aichhof geschwebt – war es ein Wunder, wenn eine seiner vertrauten Gestalten ihr wie leibhaft entgegen trat? Erst als diese, im höchsten Grade überrascht, mit einem Ausruf der Freude ihr entgegenflog, als sie ihre Arme um den Nacken, ihren Kuß auf den Wangen fühlte, kam sie aus ihrer Träumerei zu sich und fand sich erwachend im Arme der schönsten Wirklichkeit. Es war eben das Glockenzeichen erklungen, das Kindervölkchen mußte sich zurückziehen und von der Freude scheiden; sehnsüchtig zurückschauend, halb willig, halb widerstrebend, folgten die Kleinen dem Rufe und der führenden Hand, sie lernten zum ersten Mal, was das Leben so oft von seinem Schüler begehrt, zu entsagen und der Freude den Rücken zu wenden, wenn sie am lieblichsten lacht!

Die Freundinnen waren beinahe allein und Niemand war, der die frohen Ergießungen des Wiedersehens gestört oder belauscht hätte.

Susi vermochte lange nicht zu sich zu kommen, vor Staunen und Freude.

„Ja, ja, Du bist es schon,“ rief sie und betastete Franzi’s Wangen und Stirn, wie um sich von ihrer Körperlichkeit zu überzeugen. „Das ist Dein liebes, gutes Gesicht, das sind Deine guten, treuen Augen! Aber wie kommst Du daher? Und jetzt und in dem Gewand?“

Franzi wandte die Augen ab und bemühte sich, ihrem Tone Alles zu entnehmen, was den Anklang eines Vorwurfs haben konnte… „Frag’ nit,“ sagte sie sanft, „Du weißt es ja eh’, was mich vertrieben hat von daheim…“

„Wer wüßt’ es besser, als ich!“ rief Susi feurig. „Bist ja um meinetwillen fort, ich bin’s ja gewesen, die Dich vertrieben hat… Um mich glücklich zu machen, hast Du Dich selber in’s Unglück gebracht … aber jetzt hat ja alles Leidwesen ein End’! Was willst in dem traurigen, schwarzen Gewand?“

„Ich versteh’ Dich nit,“ erwiderte Franzi, „aber das Gewand ist mir schon recht, das hab’ ich mir ausgesucht… In dem Haus da ist meine zweite Heimath gewesen; die würdige Mutter, die mich kennt und noch gern hat von derselbigen Zeit her, hat mich aufgenommen, einstweilen als dienende Schwester … meine erste Heimath, bei meinen lieben Eltern, die hab’ ich verloren … aus der dritten, bei Dir, auf dem Aichhof, bin ich verstoßen worden … das Waisenhaus ist meine zweite Heimath gewesen, es wird wohl meine Bestimmung sein, daß ich drinn’ bleib…“

„Aber warum denn?“ fragte Susi verwundert. „Dir steht ja die ganze Welt wieder offen! Hast Du denn gar nichts erfahren? Weißt Du denn gar nichts, was geschehen ist, seitdem Du verschwunden bist? Kannst gar nit errathen, warum ich da bin und was ich im Waisenhaus zu suchen hab’?“

Franzi blickte sie verwundert an. „Ich begreif’ Dich nit,“ sagte sie. „Red’ doch …“

[772] „Ich bin da,“ fuhr Susi fort, „weil ich in der höchsten Noth endlich gethan hab’, was ich längst, was ich gleich von Anfang hätt’ thun sollen … weil ich Alles einbestanden hab’ …“

„Susi …“ rief Franzi wie erschrocken und fuhr mit beiden Händen an Stirn und Augen, um sich zu vergewissern, daß sie recht gehört. „Du hättest … aber das ist ja nit möglich! Das kann ja nit sein … dann wär’ ich ja wieder rein von aller bösen Nachred’ und Schand’ …! Dann müßten ja die Leut’ wieder wissen, daß ich unschuldig bin…“

„Gewiß, alle Welt weiß es schon!“

„Alle Welt? Also ich bin nimmer an das Wort gebunden, das ich Dir gegeben hab’? Meine Zung’ ist wieder frei? Alle Welt weiß, daß ich unschuldig bin … also auch er?“

„Er? Wen meinst Du?“ fragte Susi verwundert.

„Sixt,“ entgegnete Franzi rasch, besann sich aber ebenso geschwind und setzte zögernd und niedergeschlagenen Blickes hinzu: „den Aichbauer mein’ ich … Deinen Bruder…“

„Gewiß weiß es auch er … er ist es ja gewesen, dem ich meine ganze Schuld einbekannt habe, nur um wieder zu meinem Kinde zu gelangen…“

Hastigen Athems erzählte sie das Geschehene; gierig lauschte Franzi und immer tiefer und röther begann es auf ihren Wangen zu brennen.

„So ist es gegangen,“ schloß Susi ihre Erzählung, „nun freue Dich, Franzi, freu’ Dich, so stark ein Mensch sich freuen kann, Du hast wohl Ursache dazu und Du kannst es, denn Du hast ein reines Herz und ein gutes Gewissen! … Ich will thun, was meine Schuldigkeit ist … ich will in dem Haus da, bei meinem armen Kindel bleiben, so lang es das Leben hat. Es ist schwer krank, sie trösten mich wohl und wollen mir guten Muth machen, aber ich weiß es besser, als der Doctor und alle die guten Schwestern miteinander … mein Kind muß sterben, denn ich bin’s nit würdig, eine Mutter zu sein; ich hab’s nit verdient, daß mir ein solches Glück zu Theil werden sollt’… Wenn’s die Engel abgeholt und zu sich genommen haben, das arme Würmchen, dann will ich Dich ablösen, Franzi, und statt Deiner den Schleier anlegen und das schwarze Gewand…“

Eine abwehrende Geberde Franzi’s zurückweisend, fuhr sie ruhig, aber entschieden fort: „Es ist schon so – Du aber, Du mußt in die Welt zurück, in unsere Heimath! Du mußt Dich zeigen vor den Menschen, die Dich schlecht gemacht haben, damit sie sich schämen müssen und den Hut abziehen vor Dir, vor dem bravsten Madel und vor der standhaftesten Freundin! Du mußt wieder auf den Aichhof …“

„Niemals … niemals!“ rief Franzi und entzog der Freundin die Hand, als hätte sie dieselbe bereits erfaßt, um sie auf den verhängnißvollen Hof zu geleiten. Verwundert faßte Susi wieder darnach und zog sie begütigend an sich. „Was ist Dir denn?“ sagte sie besorgt und zärtlich. „Du erschrickst ja und hast auf einmal die Augen voll Wasser? Du, die starke herzhafte Franzi … So hab’ ich Dich ja all’ mein Lebtag nit geseh’n!“

Beide waren heftig erregt; in ihrer Umarmung gewahrten sie nicht, daß die Thür aufging und Sixt mit dem Lehrer eintrat.

„Warum wolltest Du nit auf den Aichhof zurück?“ begann Susi wieder. „Du wirst wohl müssen … der Bruder sucht Dich ja schon Wochen lang überall – er wird nit ruhen, bis Du mit ihm gehst!“

„Müssen?“ entgegnete Franzi, sich etwas aus ihrer Erschütterung erhebend. „Ich mein’, die Franzi hätt’s bewiesen, daß sie nit muß, wenn sie nit will. … Dein Bruder weiß es auch, daß ich nit mit ihm gehen kann; ich hab’ es ihm selber gesagt – früher schon, noch bevor die ganze Verwirrung gekommen ist … wie er mir erzählt hat, daß er auf seinem großen Hof eine tüchtige Hauserin braucht und eine richtige Magd, und hat mich wollen dingen dazu …“

„Aber warum denn? … So sag’ mir doch wenigstens die Ursach’ …“

„So hat er mich auch gefragt – ich kann’s Dir so wenig sagen, wie ihm …“

„Das ist aber völlig unbegreiflich! Er möcht’ ja so gern gut machen, was er Dir Leids gethan hat. … Kannst ihm denn gar nit verzeih’n? Ist er Dir denn gar so verhaßt?“

„Verhaßt? Mir?“ rief Franzi unwillkürlich ausbrechend. „O, ich wollt’, Du hättest Recht – mir wär’ leichter um’s Herz …“

„Wie?“ erwiderte Susi, die Freundin umschlingend, welche das tief erglühende Antlitz an ihrem Herzen verbarg. „Er ist Dir nit verhaßt und doch …“

„Marter’ mich nicht, Susi,“ sagte Franzi, sich ermannend, „laß Dir’s genug sein, wenn ich Dir sag’, daß es nicht sein kann! – Wie’s mit mir geh’n wird, kann ich nit sagen … ich hab’ ja auch meinen Großvater wieder gefunden … das aber weiß ich gewiß, mein Brod wachst überall! Was hätt’ ich auf dem Aichhof zu suchen? Sollt’ ich zuschauen, wie’s dort doch einmal kommen muß … Nein, nein, wohin mich unser Herrgott auch noch führt – auf den Aichhof führt kein Weg mehr für mich …“

„Wenn ich aber doch noch einen Weg wüßte …“ sagte Sixt, der unbeachtet näher getreten und Franzi’s Hand erfaßte.

Sie sprang und schrie auf in Schrecken und Freude; sie wankte, aber sie hatte weder die Kraft zu sprechen, noch ihm ihre Hand zu entziehen.

„Es giebt noch einen Weg auf den Aichhof,“ fuhr er mit herzlich dringendem Tone fort, „nit für das Waisenkind, denn das besteht ja nicht mehr – nit für die Jugendcameradin und Spielgenossin, denn die hat sich von mir abgewendet – nit für die Hauserin und Magd, denn ich kann Dein Herr nit sein, da ich die Herrschaft Niemand Andern zu verdanken hab’, als Dir … aber für die Bäuerin giebt’s einen schönen, breiten, einen offenen Weg … Laß mir Deine Hand, Franzi! Laß mir s’ auf immer und geh’ mit mir auf den Aichhof als – mein Weib!“

„Sixt …“ rief Franzi mit auffunkelndem Entzücken in den Augen, aber im Augenblick besann sie sich und sagte, sich abwendend: „Du vergißt Dich! … Eine Kellnerin kann nit Bäuerin werden auf dem Aichhof!“

„Ja, Du hast Recht,“ rief er innig entgegen, „gieb mir sie nur zu kosten, all’ die Bitterkeit, die ich Dir eingeschenkt hab’ zum Ueberlaufen … ich will den Becher austrinken bis auf die Neig’ … dann aber sag’, daß Du mir verzeihst, – mach’ mir das Herz frei und das Gewissen leicht … sag’ Ja und komm’ mit mir auf den Aichhof!“

Sie schien noch unschlüssig zu schwanken, aber sie widerstrebte nicht, als er sie leise umfaßte und an sich zog, innig, mit unaussprechbarer Glückseligkeit tauchte ihr Aug’ in das seine. „Ist denn das möglich,“ sagte sie zärtlich, „Du bist es, Sixt, der so mit mir redt? Bin ich wirklich keine schlechte ehrvergessene Person mehr vor Deinen Augen? Du schmähst mich nicht mehr, Du schiltst mich nicht?“

„Wie könnt ich!“ rief Sixt beseligt. „Sieh, ich möchte Dir ja die Hand unter die Füße legen, damit kein Stein Dich stoßen sollt’! Was hast Du Alles gethan – Du hast Dich aufgeopfert für die Ehr’ und den guten Namen von uns und unsern Eltern, hast Unglück auf Dich genommen und Schimpf und Schande getragen; hast Dich ungerecht verurtheilen lassen und hast geschwiegen, wo es Dich nur ein einziges Wort gekostet hätte, die ganze Schuld und Schmach von Dir auf uns abzuwälzen! Du hast mir’s nit nachgetragen, was ich Dir angethan hab’ in meiner hochmüthigen Verblendung – Du hast mich sogar noch gerettet und hast mir erhalten, was mehr ist als das Leben und als der ganze Aichhof und Alles … laß mich nit ewig Deinen Schuldner bleiben, Franzi! Laß mich anfangen Dir zu danken und nimm’s an, wenn ich Dir Alles dafür geb’, mich selbst und Alles, was ich hab’ und bin!“

„Ich kann noch immer nit glauben, daß ich nit schlaf’,“ sagte Franzi, „ich sorg’, ich könnt aufwachen und all’ die Glückseligkeit wär’ nur ein Traum! Ist es denn wahr, Sixt – kannst mich wirklich gern haben?“

„Von Herzensgrund,“ erwiderte Sixt, „ich hab’ Dich immer gern gehabt – ich hab’s nur selber nit gewußt! Erst wie ich an Dir irr’ worden, wie ich gemeint hab’, ich muß Dich verloren geben – erst da hab’ ich’s gemerkt, weil ich den Gedanken an Dich nit hab’ los werden können! Und in der furchtbaren Nacht – Du weißt es wohl, welche ich mein’ … da ist es mir auf einmal hell aufgegangen, wie eine Brandfackel, und ich wär’ ein unglücklicher zernicht’ter Mensch gewesen, wenn ich Dich nit wieder gefunden hätt’, wenn Du mir nit verziehen hättest! Und hast Du’s denn auch ganz? Und kannst es vergessen und mich auch lieb haben? Und willst mir folgen in Deine und meine Heimath als mein Weib?“

(Schluß folgt.)
[773]
Im Försterhause.
Die Gartenlaube (1867) b 773.jpg

O bete, Kind!

„Gieb mir den Morgenkuß und bete,
Mein Kind! Die lange, bange Nacht
Ist hin, und wie zu Gott ich flehte,
Hat mir der Morgen Trost gebracht.

5
Ich seh’ Dein Antlitz an, und lind

Wird mir der Harm. O bete, Kind!

Wie war es schön, mein herzig Bübchen,
Wenn früh Du aus dem Bette sprangst
Im Hemdchen frisch in’s traute Stübchen,

10
Um Vaters Hals die Aermchen schlangstl

Auf seine Kniee stellt’ er Dich,
Du jubeltest: „So groß bin ich!“

Nun ist er krank seit vielen Tagen,
Der gute Vater, ach, so schwer!

15
Wie mir vor Angst die Pulse schlagen!

Komm’, gieb die lieben Händchen her –
Der Jammer steigt herauf – geschwind
Die Händchen falt’! O bete, Kind!

Wenn Vater früh zu Forst gegangen,

20
Wie sprachst Du Schmeichler? ‚Bitte, bitt’!‘

Da küßt’ er uns auf Mund und Wangen
Und immer bracht’ er Dir was mit.
Im Wald entgegen ihm zu geh’n,
Du gold’ger Bub’, wie war das schön!

25
So bete, daß des Vaters Leben,

Ach, unser Alles, nicht entflieht!
Was Du auch flehst, Gott muß Dir’s geben,
Wenn er in Deine Augen sieht.
In Augen blickt, wie Deine sind,

30
Selbst Gott entzückt! O bete, Kind!“


Laut weinet sie vor Wonn’ und Wehe. –
Da betet keck des Knaben Mund:
„Komm’, lieber Gott, von Deiner Höhe
Herab und mach’ Papa gesund!

35
Guck’, wenn Mama so weinen thut,

So bin ich Dir gar nimmer gut!“

Wie leuchtet durch den Flor der Zähren
Im Mutteraug’ der Strahl der Lust!
„O, Alles wird Dir Gott gewähren,

40
Du muth’ge Lieb’ in Kindesbrust!

Ja, Deinem Beten glaub’ ich’s blind:
„Es ist erhört, mein Kind! mein Kind!“

Fr. Hofmann.
[774]
Moorbilder aus Muffrika.


Alle Leser kennen Afrika, wenn auch die meisten nur durch Lectüre, sehr wenige aber werden Muffrika kennen, zumal die Hannoveraner, die den Ausdruck brauchen, selbst nicht darüber einig zu sein scheinen, was eigentlich mit demselben zu bezeichnen. Der Eine meint damit jeden Landstrich, der, mehr oder weniger hinter der Entwickelung der übrigen Welt zurückgeblieben, mehr oder weniger einen Zug von Dürftigkeit, Beschränktheit und Krähwinklerthum hat. Anderen schwebt dabei im Allgemeinen der verhältnißmäßig wenig bereiste Westen des ehemaligen Welfenreichs vor. Wieder Andere denken damit speciell an das Meppensche an der Mittelems und der holländischen Grenze. Wir drücken uns vorsichtig wieder allgemeiner aus und sagen: Muffrika ist das Land, wo der Heerrauch oder Höhenrauch herkommt.

Alljährlich geschieht es, daß bald nach Eintritt der ersten trocknen Frühlingstage langsam am westlichen Horizont ein breiter gelblich-grauer Nebel emporsteigt und sich allmählich wie ein Schleier über die Gegend legt. Ein Vielen unheimlicher, Allen beschwerlicher Gast. Die Sonne wird verdüstert, die grünen Farben von Wald und Feld nehmen einen falben Schein an, ein häßlicher Geruch, halb wie von Brand, halb wie von Moder, läßt sich spüren, die Brust fühlt sich beklemmt, die Seele zu trüben Betrachtungen gestimmt. Der Landmann hält den Qualm für giftig und giebt ihm das Abfallen der Obstblüthe schuld, womit er Unrecht hat. Er glaubt, daß der „Heerrauch“ langersehnte und endlich erschienene Gewitter verhindere, den Segen des Regens über seine Saaten zu ergießen, und die Wissenschaft ertheilt ihm darin Recht. Am meisten leidet Hannover von dieser Erscheinung am deutschen Himmel, aber bis in die Weichselgegenden und bis an die Alpen treiben in manchen Jahren die Winde den garstigen Dunst.

Zersetzte Gewitter! sagte man früher, wenn nach der Herkunft des Heerrauchs gefragt wurde. Heutzutage wissen wir’s besser. Nicht vom Himmel steigt er nieder, sondern von der Erde auf, und zwar liegt sein Heerd vorzüglich in den großen Mooren der Westhälfte Hannovers, die mit ihren Sümpfen und Haiden noch für viele Deutsche ein völlig unbekanntes Land sind und in die wir, da sie zugleich einen interessanten Winkel der Welt ausmachen, trotz Heer- oder Moorrauch und trotz einiger andern Unfreundlichkeiten der Gegend jetzt einen Ausflug unternehmen wollen.

Nichts weniger als lachende Gefilde sind es, in die unser Plan uns führt, aber hier im Moor wie daneben auf der Haide liegt der beste Theil der Zukunft Hannovers. Hier in der noch ungebändigten Natur, wo Meilen auf Meilen Landes sich rein im Zustande der Urzeit befinden, lassen sich von fleißigen Händen, die von der Erfahrung geleitet und von der Technik der Neuzeit unterstützt sind, noch Schätze heben, welche man in dieser Welt von Sand und schwarzem Torfschlamme lange nicht geahnt hat. Die üppig fruchtbaren Marschen des Küstenstrichs, die fetten Weizenfluren des Leinethales, die schönen Thalsohlen des Hildesheimschen und Göttingenschen haben den Gipfel ihrer Ertragsfähigkeit bereits erreicht. Die Torflager der Moordistricte und die Ergiebigkeit der Oberfläche derselben, wenn sie in Ackerland verwandelt sind, was so wenig unmöglich, wie die Umgestaltung der sandigen Haide in saatlohnendes Feld, versprechen, neuerdings nach ihrem wahren Werthe gewürdigt, den Reichthum des ohnehin nicht armen Landes noch außerordentlich zu erhöhen.

Gegenwärtig hat man erst begonnen, diese Reichthümer auszubeuten. Die Moore im Westen Hannovers sind durch ihre Größe, ihre Unwegsamkeit Völkerscheiden, sie sind, wo sie Landschaften einfassen, Schranken für den Zugang der Cultur. Der Muffrikaner lebt dieser oft ferner als der Bewohner entlegener Inseln. Er lebt geraume Zeit im Jahre in einer Beschränkung wie in einer Oase der Wüste, und man merkt ihm das an. Nicht weniger als sechsunddreißig Quadratmeilen der westlichen Theile Hannovers aber sind Moor, und davon hat der Ackerbau bis jetzt nur verhältnißmäßig ganz unbedeutende Strecken in Angriff genommen.

Wandern wir im Geiste über eine dieser ungeheuren Flächen, z. B. über das nur von wenigen Pfaden durchschnittene, gegen achtzehn Geviertmeilen einnehmende Moor von Bourtange, so kommen wir an Stellen, wo der ebene Boden am Gesichtskreis von einer reinen Kreislinie umschlossen wird. Nirgends ein Baum, ein Strauch, eine Hütte, nirgends ein Gegenstand, der sich auch nur in der Höhe eines Kindes auf der scheinbar endlosen Einöde dem Auge abgrenzte. Auch die entlegneren Ansiedlungen, die, in Birkengehölz verborgen, einige Zeit noch wie bläuliche Eilande am Horizont auftauchten, sinken, wenn wir weiter in’s Moor hineinschreiten, unter die Scheibe, welche wir überblicken, hinab. Nichts zeigt sich uns mehr als schwarzer Schlamm, überkrochen von rostbrauner Haide und dürftigen Halbgräsern, dazwischen gelegentlich ein Tümpel mit dunklem Wasser und darüber der ewige Himmel. Nichts ist zu hören, kein Wagen, kein Hund, auf dem weichen Boden nicht einmal unser Tritt, nur bisweilen unterbricht die Melancholie der Stimmung, in die uns diese Schrankenlosigkeit und diese Einsamkeit versetzt, nur steigernd, der klagende Ruf eines Haidehuhns die tiefe, peinliche Stille.

Wer da wissen will, was Einsamkeit und Einförmigkeit ist, wer Reste der Welt sehen will, wie sie vor Jahrtausenden war, der braucht nicht auf das Meer hinauszuschiffen und nicht die fernen Wüsten des Morgenlands aufzusuchen, er findet hier seines Begehrens Genüge.

Aber nicht überall mehr zeigt uns das Moor diese großartige Ursprünglichkeit, diese tiefe Schwermuth, die wohl schon die römischen Legionen ergriff, als sie hier auf den langen Faschinendämmen und Knüppelstraßen, von denen jetzt noch Reste gefunden werden, zur Unterwerfung der Chauken vordrangen. Von der benachbarten Geest schieben sich an einigen Stellen in die Haidesümpfe trockne Landzungen auf eine kürzere oder längere Strecke hinein, und mit diesen Zangen – Tangen nennt sie das niederdeutsche Volk von Muffrika – ziehen die Anwohner des Moors dasselbe allmählich in das Bereich der Cultur. Heerden genügsamer Haidschnucken gehen nach den nächsten zum Anbau geeigneten Strecken gleichsam als Pioniere voraus. Nachdem ihr Dünger den Boden fruchtbar gemacht, wird letzterer durch kleine Canäle von der Tiefe einer Elle entwässert, und so entsteht Ackerland, welches, nachdem Pflug, Säemann und Egge darüber gewesen, Jahre hindurch gute Roggenernten gewährt. Daneben werden durch Ausstechen des Torfes bis auf einige Fuß und einfache Düngung Wiesen geschaffen, die werthvolles Gras geben. Man sieht, solche Eroberungszüge in’s Moor hinein lohnen sich. Da es dazu indeß großer Mengen thierischen Düngers bedarf, so geht es mit der Erweiterung dieser Moorcolonien langsam vorwärts, und nur kleine Strecken der Sumpfgegenden sind auf solche Weise bis jetzt bezwungen.

Eine zweite Methode, das Moor für den Menschen zu bewältigen und es ihm, abgesehen von dem Torf, den es dem Küchenfeuer liefert, nutzbar zu machen, fällt mit dem Verfahren zusammen, welches der Hinterwäldler Amerikas im Dienste der Cultur anwendet. Es ist, „was uns der Moorrauch erzählt“. Wir stehen an seinen Heerden. Man greift zum Feuer und brennt das Moor ab, um in die dadurch gewonnene Asche Buchweizen zu säen. Damit geht es natürlich rascher, und man nimmt an, daß jetzt alljährlich in Holland und Hannover fast drei Quadratmeilen Moor auf diesem Wege zeitweilig zu Saatland umgeschaffen werden. Die Arbeit des Colonisten ist dabei ziemlich einfach. Das Moor wird durch niedrige Gräben bis zu einer gewissen Tiefe entwässert, dann durch Behacken gelockert und schließlich im Juni, in trockenen Frühlingen auch schon früher, angezündet, woraus sich dann ein Schauspiel entwickelt, dem ähnlich, welches die Prairiebrände des fernen Westen darbieten.

Hundert blutrothen Schlangen gleich züngeln die Flammen über den schwarzen Boden hin, knisternd und prasselnd sinkt vor ihrem Odem das dürre Haidekraut zusammen, unendlicher Qualm steigt auf und wallt im Winde. Wie eine ungeheure Feuersbrunst sieht man bei Nacht unter dem Horizont lodernde Moorbrände am Himmelsbogen ihren Schein abspiegeln und statt des von ihrem Rauch verhüllten Mondes nach der Geest herüberleuchten. Endlich erlischt die Gluth. Eine weiße Aschendecke hat sich über die Brandstätte gelegt, der Qualm ist von dannen gezogen, und nachdem sich der Boden völlig abgekühlt, beginnt das Ausstreuen der Buchweizensaat, die an guten Stellen im Herbst für ein Korn dreißig bis vierzig zurückgiebt.

[775] Im nächsten Jahre ist die Ernte schwächer, und nach vier bis fünf Sommern ist die Kraft des Bodens für Buchweizen erschöpft, selbst Hafer und Roggen, die ihre Nahrung in jenem noch finden, gedeihen nur bisweilen, die Brandcultur muß aufgegeben werden, und es beginnt nun eine dreißigjährige Brache, während welcher das Moor in seinen Urzustand zurückkehrt.

Nur da, wo der Buchweizenbau im verbrannten Sumpfe, wie im Bourtanger Moor, die gewöhnliche Feld- und Viehwirthschaft neben sich hat, ist er zu empfehlen; denn häufig läßt ungünstige Witterung die Pflanze mißrathen, und dann giebt es da, wo jener Ersatz mangelt, die traurigsten Zustände. Die armen „Moorker“, kleine Leute, die eine falsche Humanität auf einigen Mooren ansiedelte, wissen davon zu erzählen. Ohne Vieh, ohne Wege, aus denen sie ihren Torf zur Verwerthung bringen könnten, ohne Gelegenheit, sich, wenn die Buchweizenernte auf der Brandstätte schlecht ausgefallen, durch Arbeit als Tagelöhner ihren Unterhalt zu verdienen, nach den Herbstregen, durch welche das Moor um ihre Colonie unzugänglich wird, von allem Verkehr mit den Nachbarn jenseits des Sumpfes abgesperrt, verbringen sie in ihren aus Torfstücken aufgebauten Hütten die lange Winterszeit in Hunger und Kummer, wenn sie es nicht vorziehen, als Bettler im Lande umherzuschweifen. Auch davon könnte der Heerrauch manche betrübende Geschichte berichten.

Weit Erfreulicheres dagegen erzählt er von den Ergebnissen einer dritten Art, gegen die „wilden Moore“ vorzugehen, die besonders in Ostfriesland in Gebrauch ist, aber im eigentlichen Muffrika, oder in Muffrika im engsten Wortsinn, d. h. im Herzogthum Aremberg-Meppen, den glänzendsten Beweis dafür zeigt, daß sie praktisch ist. Bei dieser Methode wird das Moor bis auf sein Soolband, d. h. bis auf die Humusschicht zwischen dem Torflager und dem sandigen Untergrunde, den jedes Moor hat, abgegraben und der Torf auf den Markt gebracht, die Unterlage desselben aber als Garten- oder Ackerland bestellt. Gewöhnlich bildet sich zu dem Zwecke eine Gesellschaft, welche das Moor oder ein Stück desselben von dem Besitzer in Erbpacht nimmt und es dann wieder an kleine Leute in Erbpacht austhut. Das Erste, was man thut, ist die Anlage eines Canals von der Mitte des Moors bis zum nächsten schiffbaren Flusse. Zweck dieses Canals ist einerseits Entwässerung der Stelle, andererseits Verbindung derselben mit der übrigen Welt. Auf ihm verschifft der „Fehntjer“, wie der Colonist nach „Fehn“, dem friesischen Namen solcher Moorcolonien, heißt, seinen Torf und bringt dafür aus den Marschlanden Dünger, fruchtbare Erde und andere Bedürfnisse für den Ackerbau zurück. Der Canal, für den Fehntjer, was für den Hinterwäldler die Straße, ist die große Schlagader des hier halb im Wasser, halb auf dem Lande sich entwickelnden amphibienhaften Dorforganismus. An ihm, der das Moor seiner Länge nach in gerader Linie durchschneidet, siedeln sich die Pächter der Gesellschaft in der Weise an, daß jeder Neuhinzukommende, von der Mündung des Canals aus gerechnet, die letzte Stelle einnimmt. In der Regel ist das Stück Moor, das ihm angewiesen wird, fünfundzwanzig Ruthen breit, die Länge ist verschieden und bisweilen nur durch das Belieben und die Arbeitskraft des Anbauers begrenzt. Von zwei zu zwei solchen Colonistenstellen, also in Zwischenräumen von fünfzig Ruthen, zweigen sich, wie jene, im rechten Winkel sogenannte „Inwieken“, d. h. Nebencanäle, ab, die bei ihrer Mündung überbrückt sind, und ist das Moor sehr breit, so stehen dieselben wieder mit Canälen in Verbindung, welche mit dem Hauptcanal parallel laufen und „Hinterwieken“ heißen.

Der Fehntjer baut sich auf seinem Moorstück zuerst eine Hütte aus Torfsoden. Dann zieht er Entwässerungsgräben, damit der Torf trockne, zusammensinke und zum Ausstechen reif werde. Hierauf legt er sich durch Entfernung desselben in der Nähe der Hütte ein Gärtchen an, und allmählich gewinnt er durch weitere Weggrabungen ein Stück Ackerland, das, mit Canalschlamm oder Mergel gedüngt, gewöhnlich gute Ernten liefert. Die erste Generation hat es bei der langsam vorrückenden Arbeit des Umhackens und Abgrabens sehr sauer. Aber mit der Zeit findet redliches Schaffen seinen Lohn. Wo erst nur Buchweizen und einige Gartenfrüchte gebaut wurden, wird jetzt schöner Hafer und Roggen, goldner Weizen und Raps gewonnen. An die Stelle der niedrigen Hütte tritt ein bequemes und an dessen Stelle später oft selbst ein elegantes Wohnhaus, das hinter sich einen anmuthigen Garten hat.

Nirgends vielleicht sieht man eine so regelmäßige Stufenleiter dörflicher Besitz- und Lebensverhältnisse von der äußersten Dürftigkeit bis zum höchsten Wohlstande als in diesen Fehnen, wenn man den Hauptcanal nach dem Flusse zu durchschifft, nirgends eine solche eindringliehe Illustration der Lehre, daß man mit der Zeit Rosen pflückt und daß Arbeit die Mutter des Reichthums ist. Am obern oder innern Ende des Canals schwarze, schlammige Wildniß, menschenleer, einsam, freudelos, ohne Frucht und Leben. Dann die jüngsten Ansiedlungen, arme Menschen, arme Hütten, ein kleiner Torfkahn davor, ein Stück Buchweizenacker dahinter, weiterhin schwer mit Hauen und Spaten sich mühende Hände in feuchten, mißfarbigen Torfgruben. Dann die Häuser älterer Colonisten, welche die gröbste Arbeit schon überstanden und etwas vor sich gebracht haben, Fenster, in denen sich die Sonne spiegelt, munteres wohlgekleidetes Volk vor den Thüren, Obstbäume, Blumenbeete, reichtragendes Feld, Wiesen mit Kühen und Schafen darauf. Endlich am äußern Ende des Canals die ältesten Ansiedlungen des Fehns, stattliche Gehöfte mit Gebäuden so groß wie die von Rittergütern, von Frucht strotzende Gärten, Häuser daneben, die man Villen nennen könnte, fette Fluren dahinter, die unabsehbar scheinen, Vieh in Fülle, prächtige Pferde und Rinder, Alles grün im Sommer, golden im Erntemonat, ein Bild des Segens, wie es die Marsch nicht erquicklicher zu bieten hat. Was mag der Alte im weißen Haar denken, der dort vor der Thür auf den Canal hinabschaut und in dem armen Torfschiffer aus dem Innern des Fehns seine Vergangenheit vorübergleiten sieht! Und wie mag sich dieser wieder über die Noth und Last des Anfangs getröstet finden, wenn er hier seine Zukunft erblickt oder die seiner Kinder!

Auch im Herzogthum Bremen, d. h. in dem Theile Nordhannovers, der zwischen der Unterweser und Unterelbe liegt, giebt es Moorcolonien der geschilderten Art, die, siebenundachtzig an Zahl, von ungefähr fünfzehntausend Menschen bewohnt sind und seit ihrer Gründung in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts etwa vier Quadratmeilen Landes unter Cultur gebracht haben. Wichtiger sind die neunzehn Fehne Ostfrieslands, die zusammen fast zwei Quadratmeilen einnehmen und von nahezu vierzehntausend Menschen bewohnt sind, so daß hier etwa siebentausendundsiebenhundert Seelen auf die Quadratmeile fallen, während die bevölkertsten Polder der Marsch im benachbarten Rheiderland kaum zweitausend auf derselben zählen. Und unter diesen ostfriesischen Fehntjern giebt es keinen Bettler. Während das unbedeutende Steuerquantum der Moorcolonien, die durch Brennen cultiviren, bisher fast regelmäßig bis die Hälfte niedergeschlagen werden mußte, weil viele Colonisten zahlungsunfähig waren, kamen in den Fehncolonien beinahe niemals Nonvalenten vor.

Die großartigste Fehncolonie Hannovers ist aber Papenburg, früher ein Flecken, seit 1860 eine Stadt. Es liegt im Herzogthum Aremberg-Meppen, und so kehren wir, uns zu ihm wendend, wieder in’s eigentliche Muffrikanische zurück, welches manche Schwächen und manchen komischen Zug haben mag, aber, wie wir sahen und sogleich weiter sehen werden, auch sehr respectable Seiten hat und überhaupt nicht so schlimm ist, wie sein Ruf unter den Althannoveranern.

Wo jetzt Papenburg steht, war vor etwas länger als zweihundert Jahren ein weites wildes Moor, auf dem nichts als ein verfallenes Haus von Stein und sieben elende Hütten standen. Da rief Dietrich van Veelen, der den Landstrich gekauft, 1675 von allen Seiten durch das Versprechen großer Freiheiten Ansiedler herbei, um eine Moorcolonie nach dem Muster der in Holland bereits bestehenden zu gründen. Dieselbe gedieh von Jahr zu Jahr besser, und neben dem Ackerbau, den die Bewohner trieben, entwickelte sich mit der Zeit eine Rhederei, wie sie kein anderer Ort Hannovers in solcher Bedeutung aufzuweisen hat.

Das System von Canälen, welches seitdem hier entstanden ist, hat eine Gesammtlänge von 5½ Wegstunden. Der eine Meile lange Hauptcanal geht durch das Droster Siel, wo sich die großen Werften Papenburgs befinden, in die Ems. Die Stadt selbst zieht sich zu beiden Seiten der Canäle durch das Fehn, welches, im Ganzen etwa siebenzehntausend Morgen groß, in etwas mehr als der Hälfte seines Flächenraums vollständig in Felder, Wiesen und Gärten verwandelt ist. Die Einwohnerzahl, zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts ungefähr dritthalbtausend, hat sich seitdem mehr als verdoppelt. Statt der sieben Torfhütten von 1675 hatte der Ort 1865 nicht weniger als siebenhundert und achtzig Häuser und dazu drei Kirchen. Statt der wenigen Torfkähne, [776] mit denen die Vorfahren der Papenburger die Eroberung des Moors begannen, zeigte die Schiffsliste der Stadt im Jahre 1860 schon 163 Fahrzeuge, zusammen mit 12,141 Lasten und 1123 Mann Besatzung, während damals die ganze hannoversche Weserflotte nur 37 Schiffe mit 4917 Lasten und 552 Mann Besatzung hatte. Wie viel Geld aber aus dem wüsten Moor Dietrich’s van Veelen herausgewachsen ist unter den rüstigen Händen seiner Colonisten, zeigt der Umstand, daß im Jahre 1853 die Gemeinde Papenburg dem Besitznachfolger van Veelen’s, Freiherrn von Landsberg, seine Gerechtsame an das Fehn für hunderttausend Thaler abkaufen konnte.

Der Moorrauch hat uns Mancherlei erzählt, uns in seinen Nebeln verschiedene Bilder gezeigt, uns einiges Wissenswerthe gelehrt aus Gegenden des Vaterlandes, die Vielen weniger bekannt sind als Hinterindien. Den Hannoveranern aber, die im Süden und Osten der Provinz wohnen, ruft er speciell zwei Lehren zu: Unterschätzt mir Muffrika nicht! und: Laßt mir die Moorbrenner ungeschmäht und unbehindert weiter brennen!
M. B.




Das „Donauweibchen“ in Prag.


„In meinem Schlößchen ist’s gar fein,
Komm’, lieber Ritter, nur herein!“
Donauweibchen.


Die Großmutter war es, die uns Kindern dies Lied zuweilen vorsang und in der Dämmerstunde so gern von den schönen Zauberopern Wenzel Müller’s erzählte, und wie man dabei bald hätte lachen müssen, daß die Thränen nur so über die Backen liefen, bald weinen und schluchzen, oder gar sich fürchten, daß die Haut schauderte.

Es hörte sich so köstlich zu, wenn sie so redete und sang, und eben der Regen an die Fenster schlug und der Wind heulte, oder die Schneeflocken draußen umherwirbelten und der Ofen einen lustigen Schein weit hinein in die dunkle Stube warf und wir nicht mehr wußten, was schöner, die Stimme der Erzählerin, die lustigen und traurigen Lieder Wenzel Müller’s, oder das mattbeleuchtete Gesicht der alten Frau, das aus dem weißen Rahmen des Häubchens und der Silbereinfassung des Haares wie ein Heiligenbild aus einer Nische auf uns niederschaute. Man sah und hörte sie Alle vorüberhuschen, schweben und schreiten, jene Nixen und Feen, jene guten und bösen Ritter, jene schönen Burgfrauen und jene Minnesänger mit ihren Harfen. Am liebsten ließen wir uns aber doch von der „Teufelsmühle am Wienerberg“ erzählen und dem grausigen Müller, der sein Weib nur so zum Spaß und Zeitvertreib umgebracht, von den tanzenden Mehlsäcken und dem Casperle, das auf einem Mülleresel zum allgemeinen Gaudium durch die Luft davongeritten.

Damals, als die Großmutter jung war, sang alle Welt die Lieder und Weisen Wenzel Müller’s, und Wolfgang Amadeus Mozart war in den Jahren von 1791–1812 nicht so populär in Deutschland, wie der Componist der „Schwestern von Prag“, des „Sonntagskindes“ und noch zahlloser anderer Singspiele. Die Kinder auf den Straßen Wiens kannten den Leopoldstädter Capellmeister und liefen ihm entgegen, reichten ihm die Hände oder brachten ihm Blumensträuße. Wollten sie ihm doch danken für jene lustigen Stücke, die sie so gern sahen und hörten. Und einzelne seiner Melodien kennt die ganze Welt noch heute und sie werden sich forterben von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, von Mund zu Mund, so weit die deutsche Zunge klingt, denn sie sind eben in’s deutsche Fleisch und Blut übergegangen – Volkslieder geworden, aber den Namen Dessen, der sie erfand oder festzuhalten verstand, wo sie ihm halblaut entgegenklangen und schwebten, den hat man längst vergessen.


Lichterglanz und ein Gewirr von reichgeschmückten Gestalten füllte die Säle im Palais des kunstliebenden Fürsten L. zu Prag, an einem Sommerabend zu Anfang dieses Jahrhunderts. Die Flügelthüren zu den prachtvollen, weit und breit berühmten Gärten waren geöffnet, alle Wege erleuchtet und in den Gebüschen hatte man einzelne Gruppen von Musikanten aufgestellt, die sanfte Melodieen spielten. Ein Duft von Rosen und Lindenblüthen strömte berauschend daher, Flüstern, Lachen und Plaudern, Suchen und Finden überall. Die Blüthe der Aristokratie der schönen Stadt an der Moldau war versammelt, die Träger der vornehmsten Namen, die elegantesten und bezauberndsten Frauen. Dazwischen tauchten auch einzelne Künstler und Musiker auf, gerngesehene und gewohnte Erscheinungen auf dem Parquet dieses Schlosses; unter ihnen bemerkte man den Componisten Reicha, die gefeierten Cellospieler Wenzel und Franz Styasny und einen jungen Clavierspieler, Componisten und angehenden Musikdirector, Carl Maria von Weber. In keinem Hause in ganz Prag hörte man so häufig gute Musik jeden Genres und in so vollkommener Ausführung, wie eben hier; der Fürst selber leistete als Violinspieler Bedeutendes, und seine Gemahlin, eine geborene Wienerin, an der Harfe zu sehen und heitere Lieder singen zu hören, war ein Genuß für Augen und Ohren zugleich. Heute gab man aber keine jener so beliebten und brillanten Soiréen, zu der sich die Freunde des L.’schen Hauses zu versammeln pflegten; dieser außergewöhnlich zahlreichen Gesellschaft harrte diesmal ein weit selteneres Vergnügen: man wollte Theater spielen, und zwar unter Mitwirkung der Fürstin selber, und hatte das „Donauweibchen“ Wenzel Müller’s in Scene gesetzt.

Mit eben dieser Aufführung hatte es eine eigenthümliche Bewandtniß. Seit einigen Monaten erst war es nämlich den unablässigen Bemühungen der schönsten Frau von Prag, der Fürstin L., gelungen, die Berufung ihres Landsmannes, des berühmten Leopoldstädter Capellmeisters Wenzel Müller, nicht nur zu veranlassen, sondern auch mit einer Energie ohne Gleichen durchzusetzen. Vergebens hatte der Fürst gewarnt vor den Folgen so gewaltsamer Umpflanzung eines alten Baumes, der auf Wiener Boden gewachsen, vergebens die Gebieterin seines Herzens an das brennende Heimweh jedes Wiener Kindes erinnert, ein Heimweh, das die schöne Frau selber durchgekämpft und das sich nur niederhalten ließ durch einen regelmäßigen Winterbesuch der Kaiserstadt – sie wollte nun einmal um jeden Preis den Componisten des bezaubernden Donauweibchens in ihre Nähe fesseln. Wie ein Kind nach dem Weihnachtsbaum, so sehnte sie sich nach jenen vielgerühmten Singspielen, bei denen man doch endlich einmal nach Herzenslust lachen und – weinen durfte.

Wenzel Müller zog also mit seiner kaum fünfzehnjährigen Tochter in Prag ein, mit diesem Abgott seines Herzens, dem Abbild seines todten Weibes, das schon längst auf dem Kirchhofe schlief, allwo man auch den Wolfgang Amadeus begraben. Das reizende Mädchen war von frühester Kindheit an der Liebling Wiens. Sie sang wie eine Lerche, spielte zum Entzücken und tanzte wie eine Sylphide. Geboren in dem Todesjahr Mozart’s, hatte Therese schon mit fünf Jahren die Kinderrollen in den Singspielen ihres Vaters gesungen, und als sie zum Abschied in der Leopoldstadt in Kranitzky’s „Oberon“ auftrat, begrub man sie fast unter Blumen und rief ihr die zärtlichsten Namen zu. Es war eben das Scheiden eines geliebten Kindes aus dem Kreise einer großen Familie. Wie schwer wurde der Abschied dem Vater und der Tochter! Ja, ohne einen Zwischenfall hätte jener die Stelle in Prag, trotz der glänzenden Verbesserung seiner Lage, vielleicht gar nicht angenommen. Das schöne Nannerl, die gefeierte Repräsentantin all’ seiner Heldinnen, sein verzogener, übermüthiger Liebling, war nämlich eben irgend einer Laune und irgend einem Verehrer gefolgt und ohne Urlaub aus Wien verschwunden. Ohne Nannerl Schikaneder aber war ihm die Kaiserstadt plötzlich gründlich verleidet, und so trat er denn, heimlich grollend, seinen neuen Posten an.

Wie anders erschien dem Vater und der Tochter Alles in Prag, wie kühl und fremd wurden Beide von jener Atmosphäre angeweht, in der sie fortan leben sollten! Dennoch hütete sich Eines, dem Anderen diese seine Empfindungen einzugestehen. Die reizende Therese vermißte die Gespielinnen und den großen Freundeskreis schmerzlich. Die vornehmen Damen, die das junge Mädchen Anfangs zu sich kommen ließen, behandelten sie ja nur wie ein neues, anmuthiges Modespielzeug, welches man eine Weile mit Interesse betrachtet, um es dann schnell über einem neuen zu vergessen. Nur eine machte hiervon eine Ausnahme, die schöne Landsmännin der kleinen Sängerin, die Fürstin L. Die bezaubernde Frau mühte sich um so mehr, das junge Mädchen zu sich heranzuziehen, [777] als sie sich nicht verhehlen konnte, daß der Leopoldstädter Capellmeister allem Anschein nach weniger rasch Wurzel in der fremden Erde zu fassen geschickt sei, als sie erwartet. So entzückt sie von der Tochter war, so sehr sah sie sich in dem Vater getäuscht. Sie hatte einen weltgewandten, fröhlichen, leichtherzigen Cavalier zu finden erwartet und sah einen ziemlich mürrischen Mann vor sich, der sogar ihrem Zauber widerstand und über dessen sehr ungezwungene Manieren man in Prag die Köpfe schüttelte. Das reizte denn die schöne Weltdame nach Frauenart; sie wollte mit ihrem Landsmanne durchaus in jeder Weise Ehre einlegen, und die kleine Therese sollte ihr dabei helfen, bewußt und unbewußt. Das junge Mädchenherz wendete sich auch voll und ganz der vornehmen, gütigen Schützerin zu, wie die Blumenknospe sich dem Licht zuneigt. In der Nähe der Fürstin vergaß Therese ihr Heimweh, sie lachte, plauderte und scherzte fast wie daheim, und hätte die finstere Stirn des Vaters nicht einen Schatten auf ihr Leben geworfen, so würde sie ihr fröhliches Wien im Palais L. kaum vermißt haben. Die Jugend findet sich ja so leicht und schnell in eine andere Umgebung, in eine andere Atmosphäre, wenn sie nur hell und warm ist, während das Alter seinen Himmel, seine Sonne, seine Bäume, sein Stückchen Erde, sein Dach haben will und nicht mehr ausdauern kann bei Fremden. Wenzel Müller stand in seiner mächtigen, sorgfältig gepuderten Perrücke und dem gestickten Hofkleide über alle Maßen ernsthaft an seinem Dirigentenpult, so daß Therese, sein Kind, ihn fast nicht erkannte.

In der Leopoldstadt in Wien hatte er sich nie so zu schmücken nöthig gehabt. Da rümpfte Keiner die Nase über den braunen Rock, der schon stark in’s Röthliche schimmerte, über die zerdrückten Manschetten und das keinesweges tadellose Jabot, man war sogar gewöhnt an die regellose Halsschleife und die rauhe Perrücke, die der Capellmeister in der Hitze des Gefechts unbekümmert bald auf diese, bald auf jene Seite zu schieben pflegte. Das schelmische Lachen und Augenzwinkern hatte er auch schon verlernt. Im Anfang bestürmte man ihn, einige seiner Singspiele aufzuführen, da studirte er denn „die Schwestern von Prag“, das „Sonntagskind“ und die „Teufelsmühle“ ein, allein die Sänger behaupteten, daß ihr neuer Capellmeister unerträglich grob in den Proben gewesen sei; sie sangen mit Unlust, und den vielgepriesenen Singspielen konnte man denn auch keinen besonderen Erfolg nachrühmen. Man hatte mehr oder Anderes erwartet und fühlte sich nun enttäuscht. Sein berühmtes „Donauweibchen“ einzustudiren weigerte Wenzel Müller sich aber hartnäckig; in der Hauptfrauenrolle dieser seiner Lieblingsoper wollte er nun einmal keine Andere sehen, als das böse unvergeßliche Nannerl. Selbst den Bitten der Fürstin L. widerstand der neue Operndirector, und das war eine Heldenthat, die mindestens jenem Widerstand bei den bekannten Versuchungen des heiligen Antonius an die Seite gesetzt zu werden verdiente. Schönere Augen hatten nie zu ihm aufgeschaut, halb bittend, halb befehlend; eine weißere Hand nie seinen Arm berührt, wie damals, als er, sein Töchterchen neben sich, vor der holden Gönnerin seines Kindes stand.

„Ich will aber eben das ‚Donauweibchen‘ sehen und hören, das mich in Wien so entzückt hat, und will, daß ganz Prag entzückt ist, wie ich selber,“ hatte sie halb schmollend, halb schelmisch gesagt.

„Dann warten Ihro Durchlaucht, bis das Nannerl, das mir just vor der Hauptprobe der letzten Aufführung in Wien davonlief, wieder da ist. Das Frauenzimmer wird wohl nicht allzulange wegbleiben – denn es weiß so gut wie wir Alle: es giebt nur a Kaiserstadt – ’s giebt nur a Wien!“

„Aber warum soll keine Prager Sängerin die Hulda spielen, eigensinnigster Capellmeister?“ fragte die schöne Frau ungeduldig. „Wir haben ja deren genug am Theater! Und gar Manche, die eben so hübsch wie das passirte Nannerl.“

„Das ‚Donauweibchen‘ kann aber nur ein Wiener Kind so singen, wie ich’s haben will, das weiß die Frau Fürstin selber am besten. In unserm Wien singen, spielen und tanzen wir zum Spaß, hier aber thun sie das Alles im Ernst, das ist der Unterschied. Und das Nannerl? Ihro Durchlaucht meinen doch nicht von Herzen, daß Eine von denen, die hier sind, auch nur halb so hübsch sei, und wenn das Mädel auch schon in die Dreißig! Was mich betrifft, so kenne ich in ganz Prag nur eine Sängerin, bei der ich das Nannerl vergessen könnte, und diese Eine eben – thut’s halt nimmer!“

„Und wer ist dies wunderbare Geschöpf, die noch eigensinniger zu sein scheint als Wenzel Müller?“

„Ihro Durchlaucht sind’s selber!“ lautete die Antwort. –

Seit jenem Zwiegespräch bemerkte man, daß die Fürstin häufiger als je ihre Singübungen hielt und daß die kleine Therese allezeit dabei war und fast täglich im Palais erschien. Auch der junge Carl Maria von Weber wurde häufig dahin beschieden und brachte manche Stunde in der Nähe der beiden Zauberinnen zu. Endlich fanden sich auch einige Sänger vom Theater ein, man hielt Proben über Proben, und so verbreitete sich denn allmählich das Gerücht, man werde beim Fürsten L. eine Oper aufführen.

Während dessen dirigirte Wenzel Müller als ‚Operndirector‘ mit manchem heimlichen Seufzer Mozart’sche, Gluck’sche und Salieri’sche Opern, hier und da einmal Martini’s „Lilla“, worin Therese die Titelrolle zum Entzücken von Prag sang, auch wohl Kranitzky’s „Oberon“. Er konnte der ernsthaften feierlichen Musik nun einmal keinen Geschmack abgewinnen. Nur Mozart hatte sich, wider seinen Willen, in sein Herz gestohlen. „Diese Musik trinkt man nun einmal wie Champagner, und sie schmeckt bei Tag und bei Nacht!“ sagte er; „der alte Wein von dem Ritter Gluck aber, von dem sie so viel Wesens machen, mundet mir wie Medicin, und die habe ich mein Lebtag nicht heruntergebracht. In seinen Opern wird Unsereinem nicht warm noch kalt, und seine wilden Heiden sind doch am Ende nur verkleidete gute Christen, das merkt Jeder – und für Liebesleute hat der Gluck vollends gar nichts ausgedacht. Auch kann man das Zeug, weiß der Himmel weshalb, nur in einem ordentlichen guten Rock dirigiren, es ist eben gewaltig vornehme Musik.“

Am schlimmsten war dem Leopoldstädter Capellmeister aber zu Muth, wenn er in die aristokratischen Häuser Prags, als Componist à la mode, Einladungen erhielt zu musikalischen Soiréen und dann von männlichen und weiblichen Dilettanten seine Lieder singen hören und begleiten mußte. Es überlief ihn dabei gar oft abwechselnd siedend heiß und eiskalt. Waren das wirklich seine alten Weisen? „Ich erkenne mein Eigenthum nicht wieder,“ klagte er seiner Tochter, „wie der Bauer sein Kind nicht erkennt, das man in Stadtkleider gesteckt.“ Er machte bei derartigen Gelegenheiten oft ein so wüthendes Gesicht, daß Therese ihn vor Angst wiederholt am Aermel zupfte und ein Wiener Scherzwort in sein Ohr raunte, damit doch nicht alle Welt so deutlich auf seiner Stirn lesen möchte: „es ist zum Davonlaufen!“ Einmal aber, als ein junger Sänger das Lied intonirte:

„Wer niemals einen Rausch gehabt,
Der ist kein braver Mann –“

und ihm, dem Componisten und Begleiter, über die Achsel hochmüthig zurief: „langsamer!“ – da nahm Wenzel Müller das Notenblatt, riß es in zwei Stücke, schleuderte es auf die Erde und sagte: „trinkt erst ein paar Flaschen Wein, mein Herr, und dann kommt und gebt mir, dem Wenzel Müller, das richtige Tempo meines Liedes an!“ Hierauf nahm er sein Kind an die Hand und verließ den Saal, als ob ihm der Kopf brannte, lief er durch die Straßen, ohne ein Wort zu sprechen. Daheim warf er zuerst seine Perrücke in eine Ecke, umarmte dann seine Tochter und rief endlich ein Mal über das andere: „Jetzt ist mir wohl! Du kannst Dir nicht denken, Reserl, wie’s Einem zu Muthe ist, wenn man endlich wieder einmal hat ausschlagen dürfen! Ich könnte jetzt die ganze Welt vor lauter Freud’ umarmen.“ Dies Ereigniß hatte aber die Folge, daß der größte Theil der vornehmen Gesellschaft den Sünder in Bann that; jene quälenden Einladungen hörten allmählich auf, und Niemand war glücklicher darüber, als der Leopoldstädter Capellmeister.

Indessen bereitete die Fürstin ihre „Strafe für den Eigensinnigen“, wie sie es nannte, in möglichster Stille vor. Das kleine Theater im Gartensalon des L.’schen Palais war fertig und mit aller Pracht ausgestattet. Decorationen und Scenerien hatte man mit einer Sorgfalt hergestellt, als gälte es, die herrlichste Oper Mozart’s von Stapel zu lassen, die besten Sänger, von dem jungen Weber ausgewählt, thaten ihr Möglichstes, um das Donauweibchen des „mürrischen Alten“, wie man Wenzel Müller zu nennen pflegte, tadellos aufführen zu helfen. Die Frauenrollen aber waren in den Händen Therese’s und – der Fürstin selber. Der Componist sollte überrascht werden bis zum Schrecken – so wollte sie es, Niemand durfte ihrem Landsmann das Geringste verrathen. Und so kam denn der große Tag der Aufführung [778] heran, die vornehmen Gäste versammelten sich, man erwartete in ungewöhnlicher Spannung das Emporrauschen des Vorhangs. Wenzel Müller erfuhr kopfschüttelnd endlich vom Fürsten selbst die ihm zugedachte Ueberraschung, die Aufführung des Donauweibchens. Die kleine vorsichtige Therese hatte ihm aber neckisch eine Rose in’s Knopfloch gesteckt, sie wußte, dem Duft und Glanz einer Rose, in welcher Gestalt sie ihm auch erscheinen mochte, hatte der Papa noch nie widerstanden, und da saß er denn auch wirklich mit heitererer Stirn, als man seit langer Zeit an ihm gesehen, und wartete, was man wohl aus seinem Werke machen werde, das zum ersten Mal vor seinen Augen ein Anderer dirigirte. Und der junge Dirigent trat so sicher und ruhig an sein Pult; ein Wink von der schlanken Hand, und das Orchester stimmte den ersten Accord an – der Vorhang rollte auf – das Zauberspiel nahm seinen Anfang. Nixen und Wassergeister, gute und böse Ritter erschienen, das Donauweibchen aber sang mit den süßesten Tönen:

„In meinem Schlößchen ist’s gar fein –
Komm, lieber Ritter, nur herein!“

Und als „Hulda“ erschien, die Reizende, da starrte der Leopoldstädter Capellmeister wie im Traum auf sie hin. War das nicht Nannerl, die Unvergeßliche, Davongelaufene?! Freilich viel, viel schöner, viel jünger, viel zarter, aber dennoch das Nannerl, in Costüm, Haltung, Bewegung, Lächeln und Blick, die reizendste aller Copien. Aber die Füßchen, nein, solche Aristokratenfüßchen hatte doch das Nannerl nie gehabt! Die war allezeit derb aufgetreten und ihre Doppelgängerin schwebte einher, als könnte sie kein Gräschen zertreten. Und er ließ sie nicht aus den Augen, diese liebliche Gestalt, er hörte nichts als sie; wie verzaubert kam er sich vor, es war ihm, als ob es Nannerl sei, die da sang, und doch klang’s wieder zuweilen ganz anders. Hier und da wurde eine kleine Verzierung, ein Triller, ein Mordant eingeschoben, wie sie jene andere Hulda doch nie über die Lippen gebracht. Das Herz Wenzel Müller’s schmolz in Rührung und Erinnerung, er vergab jenem treulosen Quälgeist in Wien in diesem Augenblick Alles, selbst das Davonlaufen. Er merkte nicht, daß ihm die hellen Thränen aus den Augen stürzten, wohl aber, daß der kleine Capellmeister dort oben seine Oper meisterhaft dirigirte, daß die Sänger Wunder thaten und die Aufführung eine tadellose war. Weit, weit fort schwammen die Gedanken auf den weichen Wellen der Töne, zurück zu jenem Abend, wo er sein Donauweibchen zum ersten Male vor der jubelnden Menge in Wien dirigirt, sechs Jahre nach Mozart’s Tode, und Joseph Haydn damals in der kleinen Seitenloge saß, mit seinem heitern Kindergesicht herüberwinkte und lächelte und der kleinen sechsjährigen Therese, die wie eine Elfe auf der Bühne umhergaukelte, eine Kußhand zuwarf.

Und während all’ dieser Träumereien erklangen jene schlichten Weisen, die Jeder schon einmal gehört zu haben meinte, aber Keiner wußte wo, Melodien, die Allen an’s Herz gingen und wunderliche Empfindungen brachten: Erinnerungen an die frohe Jugendzeit, an die Lieder der Mutter, an den ersten Kuß der Geliebten, man lachte und doch schimmerten viele Augen feucht.

Endlich rief man den Namen des Leopoldstädter Capellmeisters in heller Begeisterung, als der Vorhang gefallen und das Märchen ausgespielt war, wieder und wieder klatschte man in die Hände. Es war, als wäre man im Leopoldstädter Theater in Wien, so jubelte und lärmte Alles! Wenzel Müller aber taumelte, wie ein Nachtfalter vom hellen Lichte berauscht, empor, und war mit einem Satz hinter den Coulissen. Da stand das Nannerl – ihm geradezu mundrecht im Wege – wie er meinte, und da hatte er sie in seine Arme gefaßt, ehe er’s selber noch recht wußte, und – hatte einen gewaltig herzhaften Kuß auf die rosige feine Wange gedrückt. „Ich habe ja immer gesagt,“ rief er mit bebender Stimme, „nur ein Wiener Kind kann diese meine Weisen richtig singen!“

Und seine Halsschleife saß auf der rechten und seine Perrücke saß auf der linken Seite, und Therese zupfte ihn wieder einmal halb lachend und halb ängstlich am Aermel wie so manches Mal und rief: „O Papa, besinne Dich doch – es ist ja nicht das Nannerl!“

Die schöne Doppelgängerin der Davongelaufenen aber befreite sich aus dem umschlingenden Capellmeisterarm, legte, über und über erglühend, die zierlichen Finger auf die Lippen des Mädchens und flüsterte: „Still, still, Kleine! Ich bin selber schuld daran. Er hat Recht, das Donauweibchen klingt doch am besten im Leopoldstädter Theater in Wien. Wir müssen eiligst das wirkliche Nannerl für ihn einfangen und ihn wieder in die schöne Heimath zurücksenden. Ich bin eine ungeschickte Gärtnerin gewesen; nicht alle Bäume vertragen eine Verpflanzung. Ein ‚braver Mann‘ bleibt er aber doch, der Leopoldstädter Capellmeister,“ setzte sie mit einem zauberischen Lächeln hinzu, „Du weißt ja, Therese, wie es in jenem Liede heißt, das er dem Grafen N. vor die Füße geworfen! Er hat heut’ nun seinen kleinen ‚Rausch‘ gehabt, und solch’ einen ‚Rausch‘, das sage ich Dir in’s Ohr, Kleine, verzeihen wir am allerleichtesten.“

Welche Lippen diese kleine Geschichte weiter geplaudert, – wer weiß es?

Thatsache ist, daß Wenzel Müller bald nachher seinen vornehmen Posten in Prag niederlegte und wieder Capellmeister an der Leopoldstadt wurde, – auch das wirkliche Nannerl fand sich ein, – allein nirgend steht geschrieben, daß sie ihn bei den zahllosen Aufführungen des Donauweibchens jemals wieder so berauscht, wie ihre reizende Doppelgängerin im Gartensalon des Fürsten L. –

Eine Zeitlang beherrschten die lustigen Singspiele und Zauberopern Wenzel Müller’s noch die Bühne, und manches Herz wurde leicht und froh bei seiner leichten frohen Musik. Man sagte auch, daß er es verstanden, einem Königskinde, das sonst nie lachte, ein Lächeln abzuzwingen: der junge, schwermüthige Herzog von Reichstadt bestellte zuweilen eine Oper Wenzel Müller’s.

Dann wurden allmählich die Menschen und die Zeiten ernst und immer ernster und wollten keine Zauberpossen mehr sehen und hören, und da legte der alte Capellmeister den Tactstock nieder, den er so viele Jahre geschwungen, und betrat das Leopoldstädter Theater nur, wenn man eine Weber’sche Oper gab. Dann aber fehlte Wenzel Müller gewiß nie unter den Zuschauern; er lauschte fast mit der Aufmerksamkeit eines Kindes, schlug den Tact, und über sein runzelvolles Gesicht flogen helle Freudenlichter. Wenn am Schlusse ein Sturm des Jubels durch das Haus brauste, äußerte er seinen alten Freunden gegenüber: „Das hat er von mir gelernt, er singt eben Lieder für’s Volk. Ich hab’ mir gleich gedacht, daß etwas Ordentliches aus ihm werden würde, als er in Prag mein Donauweibchen dirigirte, und es war klug von den Leuten, daß sie ihn damals dort zu meinem Nachfolger machten.“

Einsam, recht einsam lebte aber der alte Capellmeister. Aus der kleinen reizenden Therese Müller war mittlerweile eine glückliche Frau und berühmte Sängerin geworden, allein Madame Grünbaum lebte in Berlin, fern vom geliebten Vater. Man trug sie auf Händen in der Fremde wie damals in Wien und Prag, und wenn ihre zärtlichen Briefe kamen, in denen sie von den Triumphen redete, welche sie als Agathe, Rezia, Preciosa und Euryanthe feierte, da lächelte Wenzel Müller und gedachte immer und immer jenes Abends in Prag, wo Carl Maria von Weber den Tactstock schwang und das Donauweibchen lockte:

„In meinem Schlößchen ist’s gar fein,
Komm, lieber Ritter, nur herein!“

Zuweilen, wenn er durch die Straßen Wiens schlenderte, blieb er wohl lauschend stehen, denn hier und da tönten ihm bekannte Laute entgegen: man sang seine alten Lieder. Wenn er aber näher trat und schalkhaft lachend fragte, wer jenes ‚hübsche Ding‘ wohl gemacht, da sah man ihn verwundert an – den Namen des Componisten wußte Niemand mehr, doch den Liedern selbst fehlte keine Note. – Eines Tages ließ ihm aber doch die Sehnsucht nach dem fernen Kinde keine Ruhe mehr, und so faßte Wenzel Müller endlich den kühnen Entschluß, seinen Liebling in Berlin zu besuchen. Als er nach anstrengender Reise in der preußischen Residenz ankam und in der Wohnung Theresens nach Madame Grünbaum fragte, wies man ihn in’s Theater; „sie singt heut’ die Marcelline und die große Milder den Fidelio,“ berichtete man ihm. Der Leopoldstädter Capellmeister schwankte einen Augenblick. Er hatte bis zur Stunde Beethoven’s Fidelio noch nie gehört und – nie hören wollen. „Was sie für ein Geschrei machen von einem Componisten, der nur eine einzige Oper erfunden hat,“ sagte er oft unwillig, „während man mich, der ich doch mehr als hundert Mal so viel schrieb und dazu noch ganze Ballen für die Kirche liegen habe, bei lebendigem Leibe begräbt.“ Und so hätte er auch in Berlin den Fidelio nicht [779] besucht, denn das vergab er dem Beethoven nicht, allein die Sehnsucht, die geliebte Tochter einige Stunden früher zu sehen und zu hören, war schließlich dennoch stärker als jeder andere Wille.

So saß er denn, ehe er’s sich versah, wirklich im Theater, überwältigt von den verschiedensten Empfindungen, starr und fast regungslos, und ließ das grandiose Werk Beethoven’s an sich vorüberziehen, zuweilen schüttelte er kaum merklich mit dem Kopfe und dann und wann hob ein tiefer Seufzer seine Brust. Kein Auge verwandte er von der Bühne. Nur einmal zuckte es wie Sonnenschein über sein Gesicht, als nämlich Therese-Marcelline in ihrer Lieblichkeit erschien und die süße Stimme wie Nachtigallenschlag durch das Haus zog:

„Mir ist so wunderbar –“

„Brav, mein Mädchen!“ flüsterte er glückselig vor sich hin. „Du singst sie doch noch Alle in den Grund!“ Keinen Ton verlor er indeß auch von den Lippen der Milder, jener Frau, von deren Stimme Joseph Haydn einst staunend gesagt hatte, als sie als junges Mädchen vor ihm gesungen, sie sei wie ein „Haus“! – Sagenhaft tönt der Bericht von der übermächtigen Klangfülle dieses wunderbaren Organs in unsere Tage herüber, und als der alte Leopoldstädter Capellmeister jenen silbernen Schrei aus dem dreigestrichenen b jetzt von ihr hörte:

„Tödt’ erst sein Weib!“

den keine Sängerin nach ihr gewaltiger ausströmte, da schluchzte er wie ein Kind. – Wie damals in Prag nach der Vorstellung des Donauweibchens eilte er hinter die Coulissen, als der letzte Ton verhallt, doch seine Arme schlangen sich diesmal um die Tochter, – für die Darstellerin des Fidelio hatte er nur den Ausruf: „Milder! Sie sind eine furchtbare Creatur!“ – Und an jenem Abend gestand er seinem Kinde ganz heimlich, aber nur eben Theresen, daß er Alles, was er sein Lebelang geschrieben, dahin gäbe, wenn er das „eine Ding“, den Fidelio gemacht.

Seit jenem Abend ist er nicht wieder recht froh geworden, der Componist des Donauweibchens, und wenige Monate später ging er nach Baden bei Wien, um, wie er sagte, die unverdaulichen melancholischen Gedanken wegzuspülen. Dort war es, wo ihn seine Todeskrankheit, ein hitziges Fieber, befiel. Die treue Tochter, begleitet von ihrem rosigen Kinde, ihrem lieblichen Ebenbilde, eilte bei der Nachricht seines Erkrankens nach Baden, um ihn zu pflegen. Die Krankheit schien auch bald überwunden, nur die Schwäche wich nicht. Er ließ sich während dieser Zeit viel aus dem Fidelio vorsingen; dazwischen verlangte er auch wohl Weber’s „Schöner, grüner Jungfernkranz“ zu hören und wiederholte allezeit lächelnd: „Das hat der Satansgesell mir aus dem Herzen gestohlen.“ – Und am letzten Tage seines Lebens, so erzählte man sich, in der späten Nachmittagsstunde, als die Fenster nach dem Garten hin offen standen und Lindenblüthenduft die kleine Stube füllte und die reizende kleine Enkelin die ersten Rosen pflückte für den kranken Großpapa, da zogen auf der Straße fröhliche Sänger vorüber mit dem lustigen Liede:

„Wer niemals einen Rausch gehabt,
Der ist kein braver Mann!“

Plötzlich stand es wieder auf in Wenzel Müller’s Antlitz, jenes alte Schelmenlächeln, das man so lange nicht dort gesehen, die Augen leuchteten, und die matte Hand auf die Hand seiner Tochter legend, sagte er leise: „Hörst Du, was sie singen? Der Wenzel Müller läßt sich genügen an diesem Ruhm! – So lange es noch lustige Burschen giebt, wird man auch seine Lieder lieben und singen. Und ein ‚braver Mann‘ war er selber auch, – hat sie’s doch gesagt und Du kannst es bezeugen. Aber einen schönern ‚Rausch‘, als an jenem Abend – Du weißt’s, Reserl – hat der Leopoldstädter Capellmeister sein Lebtag nicht gehabt. Das Prager Donauweibchen war doch gar zu hübsch!“ –

Damit legte er den Kopf zurück, drückte eine Rose an seine Lippen – und schlief ein, um nicht wieder zu erwachen.

Im Garten aber sang eine süße Mädchenstimme:

„In meinem Schlößchen ist’s gar fein,
Komm, lieber Ritter, nur herein!“




Deutschlands große Industriewerkstätten.
Nr. 4. Bei dem Locomotivenkönig.[1]
II.


Dicht vor dem Oranienburger Thor in Berlin, und zwar zur Rechten von der Stadt aus, liegt die große Borsig’sche Eisengießerei und Maschinenbauanstalt. Dieselbe hat ihre Thätigkeit in einer kleinen Eisengießerei im Anfange des Jahres 1837 mit fünfzig Arbeitern begonnen und umfaßt jetzt einen Flächenraum von 368,000 Quadratfuß, auf welchem sich ein ganzes weitverzweigtes und von sechs oder sieben Thürmen gekröntes System von Gebäuden, in Rohbau ausgeführt, erhebt. Erst im Jahre 1862 haben diese Baulichkeiten durch den Flügel für die Bureauräume, zur Linken des Eingangs, und eine die ganze Front begrenzende Veranda (ein Meisterwerk des Professor Strack) ihren Abschluß erhalten. Durch jene Veranda treten wir in den Vorhof, welcher von einem Bassin und einer daranstehenden Thurmuhr begrenzt zu sein scheint. Die beiden Säulen des Einganges zieren zwei Gruppen, zur Rechten des Eintretenden einen Maschinenbauer darstellend, welcher eine Locomotive hält und von zwei Gehülfen umgeben ist, zur Linken, dem entsprechend, drei Arbeiter, von welchen der mittelste eine Dampfmaschine trägt. Dem Eintretenden zur Linken liegt das erwähnte stattliche Gebäude, welches im Erdgeschoß kaufmännische und technische Bureaux, die Empfangszimmer des Chefs und im ersten Stock den Conferenzsaal enthält, dessen sinnige Zierde die Darstellung der Anstalt in ihren verschiedenen Entwickelungsstadien bildet. In dem Flügel, welcher diesem Gebäude gegenüberliegt, befindet sich zunächst der große, geräumige Speisesaal, welcher zweitausend Menschen umfaßt und dazu dient, die Arbeiter zum Frühstücke und zur Mittagsmahlzeit zu vereinigen. Dicht neben dem Eingange dieses Saales liegt die Restauration, ihr gegenüber erblickt man die Kolossalbüste Borsig’s und davor eine Rednertribüne. Zwischen den Pfeilern der Fenster und der ganzen gegenüberliegenden Wand erblicken wir Fahnen und Banner mit den wichtigsten Daten der Chronik dieser Anstalt, so den 22. Juli 1837, an welchem der erste Guß, den 24. Juni 1841, an welchem die erste Locomotive, und zwar für die Berlin-Anhaltische Eisenbahn, gefertigt wurde, den 29. August 1846, an welchem die hundertste, den 23. März 1854, an welchem die fünfhundertste, den 21. August 1858, an welchem die tausendste Locomotive vollendet wurde, den 22. Juli 1862, an welchem das fünfundzwanzigjährige Jubiläum der Fabrik gefeiert wurde, und den 2. März 1867, den Jahrestag der zweitausendsten Locomotive, welche neuerdings mit der großen goldenen Medaille auf der Pariser Weltausstellung gekrönt worden ist. Ueber der Restauration erblicken wir den Spruch:

„Zum guten Werk ein guter Trunk,
Hält Meister und Gesellen jung!“

An diesen Speisesaal, welcher, beiläufig gesagt, zu Zeiten der Landtagswahlen für Versammlungen aller Art benutzt zu werden pflegt, schließen sich die Tischlerei, die Modellkammern und ein Bretterschuppen.

Das Borsig’sche Etablissement ist schon so vielfach geschildert worden, daß eine eingehendere Beschreibung der verschiedenen Werkstätten hier nicht in unserer Absicht liegt; es kam uns vielmehr nur auf ein Totalbild an, wie es sich bei einem Gange auch für den Nichttechniker gewinnen läßt. Wir beginnen diesen Gang mit der Eisen- und Metallgießerei und kommen hier zunächst in einen großen Raum zum Betriebe von Sand-, Lehm- und Massenformerei, in welchem sich die Trockenkammern befinden und aus zwei Cupolöfen und einem Flammenofen gegossen wird. Durch einen Nebenhof gelangen wir nun in das System von Werkstätten, in welchen die einzelnen Maschinentheile fabricirt werden.

Still und geruhsam arbeiteten die Former in den Räumen, welche wir bisher durchschritten. Um so bewältigender wirkt der Gegensatz, zu dem wir jetzt in der Dreherei gelangen; hundert

[780]
Die Gartenlaube (1867) b 780.jpg

Borsigs Eisengießerei und Locomotivenbauanstalt am Oranienburgerthor in Berlin.
Im Auftrage der Gartenlaube aufgenommen von Adolf Eltzner.
Bureaus, Empfangszimmer, Conferenzsaal etc.     Uhrthurm.     Speisesaal.     Modellkammer.     Montirschuppen.

[781] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [782] und aberhundert Räderwerke sind in Betrieb gesetzt, Räder von allen Größen und Arten drehen sich unaufhaltsam im Kreise, greifen ineinander und verursachen einen Lärm, welcher es unmöglich macht, sein eigenes Wort zu hören. Man weiß in der That nicht, wohin man zunächst in diesem Gewirr blicken soll, ob auf die Dampfmaschinen, welche diese Räder treiben, ob auf die Räder selbst. Hier ist eine Cylinder-Bohrmaschine in Thätigkeit, dort wird in dem säulengetragenen, mächtigen Raume durch ganze Gassen gedreht, gehobelt, genuthet, gestoßen. Wie in einem Ameisenhaufen bewegen sich Hunderte von Menschen an diesen Maschinen, oder führen die fertigen Stücke zur weiteren Verarbeitung auf kleinen Wagen mit Windeseile durch die weiten Säle.

Wieder ein wechselnder Eindruck bietet sich in dem folgenden Raume, in dem die fertigen Maschinentheile durch Feuerung weiter verarbeitet werden, und endlich gipfelt sich der Eindruck in dem bis zur äußersten Grenze des Etablissements hinlaufenden Montirschuppen, welcher vierhundert und sechszig Fuß lang und achtundfünfzig Fuß breit ist und dazu dient, die Locomotiven zusammenzustellen. An der nördlichen Seite desselben erblicken wir fünfundzwanzig Krahne, vor jedem derselben eine Locomotive im Entstehen begriffen und in den äußeren Umrissen bereits kenntlich.

Dieser Blick auf diese förmliche Straße von Locomotiven macht einen unbeschreiblich großartigen Eindruck. In der Mitte des Schuppens, welcher ganz und gar von einem Schienengeleise durchzogen ist, sehen wir einen fahrbaren Krahn von mächtigen Dimensionen, welcher einhundert und zwanzig Centner zu heben vermag. Jede der einzelnen Locomotiven steht auf einem hohen Schienenstrange, unter dem sich ein vertiefter Canal befindet, der es ermöglicht, darunter bequem zu arbeiten. Rechtwinklig auf den Montirschuppen stößt der Lackirschuppen, in welchem die Locomotiven angestrichen und lackirt, die Tender zusammengestellt und ebenfalls angestrichen werden. Unmittelbar an diesen Raum grenzt der Saal, welcher zur Beförderung der fertigen Locomotiven dient. Dieser umfaßt eine Hebebühne, die durch einen Wasserthurm von fünfundsechszig Fuß Höhe getrieben wird und welche eine Last von achthundert Centnern auf sechs und einen halben Fuß Höhe zu heben im Stande ist. Von hier werden die fertigen Locomotiven in die Borsigstraße auf einen eigenen Schienenstrang gehoben und durch Pferde nach dem Stettiner Bahnhof gezogen, was jedoch auch durch die eigene Kraft der Maschine geschehen könnte. Durch diesen Strang ist die Borsig’sche Fabrik direct mit allen Eisenbahnen des Continents in Verbindung gesetzt.

Mehr als zweitausend Locomotiven – denn auch das erste Hundert des dritten Tausend ist bereits erfüllt – haben auf diesem Wege die Fabrik verlassen. Der größte Theil davon ist in Norddeutschland geblieben, doch auch auf süddeutschen Bahnen, in Oesterreich z. B., ferner in Dänemark, in Polen, in Rußland, in Holland und Ostindien sind die Borsig’schen Locomotiven zu finden. Mit wahrhafter Ehrfurcht wird man erfüllt, wenn man bedenkt, aus wie kleinen Anfängen und wie nur durch den eigenen Fleiß und die Selbstthätigkeit eines einzigen Menschen diese großartige Fabrik entstanden ist, in deren verschiedenen Sälen und Werkstätten das stattliche Heer von nahe an zweitausend Arbeitern beschäftigt ist.

Zur Beleuchtung des Grundstückes und der Werkstätten ist eine eigene Gasanstalt errichtet, welche über zwölfhundert Flammen speist. In langen Winternächten wird jedoch auch städtisches Gas zu Hülfe genommen. Zum Betriebe der Werke sind acht Dampfmaschinen in Thätigkeit, welche an dreihundertundfünfzig Dreh-, Bohr- und Hobelmaschinen, Fraisen, Scheeren, Niet- und Nuthmaschinen, sowie die Schleifereien betreiben und in vier Ventilatoren den Wind für hundert Schmiedefeuer und zwei Cupolöfen erzeugen. 1841 lieferte die Fabrik ihre erste Locomotive, die einzige in diesem Jahr, 1866 hat sie nicht weniger als einhundertvierundsechszig in die Welt gesandt, und auf allen Weltausstellungen, die bis auf diesen Tag stattfanden, haben die Borsig’schen Locomotiven erste Preise erhalten.

Wie ungeheuer der Bedarf an Material in diesen Fabriken ist, kann man sich leicht denken; wurden doch im verflossenen Jahre an Schmiedeeisen allein über hundertdreißigtausend Centner verarbeitet und, außer den Coaks, eine Quantität von mehr als fünfzigtausend Tonnen Steinkohlen verbrannt.

Das Roheisen wird in dem Borsig’schen Hüttenwerke in Oberschlesien gewonnen; sämmtliches Schmiedeeisen, sowie alle geschmiedeten und gewalzten Eisensorten werden in dem Walz- und Eisenwerk zu Moabit ausgeführt. Während bis zum Jahre 1841 der Bau von Maschinen aller Art für das In- und Ausland betrieben wurde, für welche unter Anderm die großen Wasserwerke von Sanssouci, die Pumpen und Dampfkessel zu den Berliner Wasserwerken, die Dachconstruction der Bahnhalle in Krakau und des Hamburger Bahnhofes in Berlin, die großen Eisenbahnbrücken über Spree, Havel, Elbe etc., die Kuppel der Berliner Schloßcapelle und der Nicolaikirche in Potsdam gefertigt wurden, befaßt sich das Etablissement in Berlin jetzt ausschließlich mit dem Locomotivenbau; die Aufträge auf andere Maschinen werden in der Maschinenbauanstalt in Moabit, welche vierhundert Arbeiter beschäftigt, ausgeführt.

Die Leitung dieser ganzen, großartigen Etablissements führt der einzige Sohn Borsig’s, der im Jahre 1829 in Berlin geborene Commercienrath Albert Borsig, ganz im Sinne und Geiste seines Vaters, dessen Anlagen er nach jeder Richtung hin vergrößert und erweitert hat.

Eine Anzahl von Civilingenieuren ist gewissermaßen die erste ausführende Behörde. Von ihrem sogenannten Constructionsbureau gelangen die Arbeiten an die Oberwerkführer, welche den einzelnen Abtheilungen vorstehen. Die Arbeit wird in Accord geliefert, und die Löhnung erfolgt an jedem Sonnabend in den einzelnen Werkstätten. Daß die Arbeiter unter sich Spar- und Krankencassen und ähnliche Hülfsinstitute haben, bedarf keiner Versicherung. Die Chronik der Anstalt sieht nach dem alten Worte:

„Tages Arbeit, Abends Gäste,
Saure Wochen, frohe Feste“,

neben ihren rühmlichen Resultaten aber auch auf manches frohe Fest zurück, an welchem sich die ganze Stadt Berlin, wie z. B. bei der Feier aus Anlaß der Vollendung der tausendsten Locomotive, des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums etc., betheiligte.

In den Gedenkbüchern der Industrie Berlins, Deutschlands, ja Europas werden die Borsig’schen Fabriken nicht minder durch ihren ganzen Entwickelungsgang, als durch ihre großartigen Leistungen sich unstreitig für alle Zeit einen bleibenden Ruhm bewahren.




Pariser Bilder und Geschichten.
Die Ritter vom Kronleuchter.
Von Ludwig Kalisch.


Man hat schon sehr viel über die Claque in den Pariser Theatern gesprochen, man hat aber dabei so viel Dichtung unter die Wahrheit gemischt, daß das größere Publicum bis auf den heutigen Tag nur höchst verworrene Begriffe von diesem sonderbaren Institut hat. Ich will es daher versuchen, das Pariser Claquenwesen in einigen scharfen Umrissen zu schildern.

Die Pariser Theaterclaque datirt ungefähr vom Anfange dieses Jahrhunderts, wo einer der darstellenden Künstler auf den Gedanken kam, sich den Erfolg zu kaufen. Er vertheilte nämlich bei seinem jedesmaligen Auftreten eine große Anzahl Freibillete und war dann sicher, applaudirt zu werden. Seine Collegen, die sich anfangs diesen Erfolg nicht erklären konnten, ahmten, als sie die Ursache desselben erfuhren, das Beispiel nach, und so hatte bald jedes Theater seine Claqueurs.

Von einer Schaar zusammengeraffter Claqueurs bis zur organisirten Claque, die unter dem Befehl eines Oberhauptes, eines „Chef de Claque“, steht, ist aber noch ein sehr weiter Weg. Diese Organisation entstand erst zur Zeit, als Scribe auftrat. Scribe war bekanntlich mit seinen ersten dramatischen Hervorbringungen nichts weniger als glücklich. Er war darüber doppelt bestürzt, denn er fühlte sich als Autor verletzt und sah auch seine Hoffnung vereitelt, sich durch seine Muse eine Erwerbsquelle zu eröffnen. In seiner Verzweiflung hätte er auch vielleicht dem ferneren Umgang mit Thalien entsagt, wenn er nicht einen tröstenden [783] Freund in seinem Barbier gefunden hätte. Dieser Barbier hieß Porcher und war ein sehr geriebener Mann. Er erkannte Scribe’s fruchtbares, schmiegsames Talent besser, als Scribe selbst, und wiederholte jeden Morgen, so oft er die Wangen des jungen Dichters einseifte, daß diesem eine glänzende Laufbahn bevorstünde, wenn er unverdrossen und möglichst viel producirte. Die Abgunst des Publicums würde sich endlich in Wohlwollen verwandeln; nur müßte man das Publicum fortwährend bearbeiten und zwar durch eine beständige, trefflich disciplinirte Claqueurtruppe.

Scribe, dem durch das oratorische Talent seines Bartscheerers ein Licht aufgegangen war, verkaufte ihm seine billets d’auteur, die Billete nämlich, die jedem dramatischen Dichter und Componisten bei der jedesmaligen Aufführung seiner Stücke von der Direction gegeben werden. Porcher organisirte eine Claque, welche sehr tüchtig darauf losarbeitete, die drohenden Niederlagen abzuwenden suchte und, wenn ein Stück einschlug, den Erfolg desselben vermehrte. Zu gleicher Zeit fand Scribe einen andern Freund in einem Herrn Sauton, der ihm Geld vorschoß und ihm sogar ein Cabriolet kaufte. Porcher, auf den ich später noch zurückkommen werde, ist als reicher Mann gestorben, und was Sauton betrifft, so hat ihn Scribe später als Chef de Claque in der großen Oper anstellen lassen. Die andern Pariser Theater folgten dem Beispiel und hatten bald jedes seinen Chef de Claque, der zum Theaterpersonal gehört und jeden Abend mit größerem oder geringerem Erfolg operirt.

Der Chef de Claque ist eine sehr wichtige Person und muß mannigfaltige Eigenschaften besitzen, wenn er sein keineswegs leichtes Amt gut versehen und sich unentbehrlich machen will. Er muß sehr gewandt, sehr intelligent, sehr rührig sein. Er muß ein gewisses musikalisches und poetisches Gefühl besitzen; er muß nicht nur die Fähigkeiten jedes Mitgliedes des Theaterpersonals kennen, sondern auch den Geschmack, die Launen, die Vorliebe und die Vorurtheile seines Publicums, denn jedes Theater hat seine Habitués, die sich von denen der andern Theater unterscheiden. Der Chef de Claque fehlt bei keiner Theaterprobe, die er mit der größten Aufmerksamkeit begleitet. Wird ein neues Stück zur Aufführung vorbereitet, so verdoppelt er seine Aufmerksamkeit und schont kein Mittel, um dem Werk einen glänzenden Triumph zu verschaffen. Der Abend einer ersten Vorstellung gleicht einer entscheidenden Schlacht. Er verstärkt daher seine Truppen und vertheilt sie so geschickt, daß manche von ihnen sich unter dem unparteiischen Publicum befinden, ohne daß dasselbe es merkt. Er umgiebt sich mit seinem tüchtig einstudirten Generalstab, er bezeichnet seinen Feldherren, den sogenannten „Surveillants“, wo sie angreifen, wo sie in der Defensive verharren sollen, und wartet nun als Generalfeldmarschall mit seinem großen Stock, seinem Marschallstabe, auf die Eröffnung der Schlacht. Der erste Act beginnt. Der Chef hat die Augen überall und erforscht die Stimmung des Publicums. Sobald dieses eine Neigung zum Applaus verräth, giebt er mit seinem Stock ein Zeichen und über hundert Hände setzen sich in Bewegung. Zeigt sich im Gegentheil das Publicum unzufrieden, so hütet sich der Chef de Claque gar sehr, durch ein voreiliges Applaudiren den Widerspruch des Hauses hervorzurufen und ein Zischen und Pfeifen zu veranlassen, denn das sind Töne, die seine eigene Ohnmacht verrathen. Er läßt in solchen Fällen seine geschickt vertheilten Claqueurs die Sache des Autors nur durch einzelne abgebrochene Phrasen vertheidigen. Der Eine murmelt: „Das ist doch gar nicht so übel!“ Ein Zweiter brummt: „Recht wacker! Sehr gut!“ Ein Dritter behauptet, es sei eine Intrigue im Spiel und schreit: „à la porte les siffleurs!“ (hinaus mit den Zischern!).

Sobald der erste Act vorüber, begiebt sich der Chef de Claque auf die Bühne und stattet dem Director und dem fieberhaft aufgeregten Autor den Bericht ab. Hat er einen Triumph zu melden, so übertreibt er denselben in den pompösesten Redensarten. Ist der Erfolg unentschieden, so spricht er dennoch von einem glänzenden Siege, schüttet aber in das Feuer seiner Begeisterung einige Tropfen kalten Wassers. Er bemerkt nämlich, daß man für die folgende Vorstellung Manches abzuändern habe, daß eine gewisse Stelle zu schwach, eine andere zu stark betont sei, daß man in einer Scene etwas hinzufügen, in einer andern etwas wegschneiden müsse. Während eines jeden Zwischenactes fährt er mit seiner Berichterstattung in dieser Weise fort. Wird das Stück beifällig aufgenommen, so hat er leichtes Spiel. Er beglückwünscht den Autor, versichert ihm, daß seit Jahren solch’ ein glänzender Erfolg nicht erlebt worden, und erhält von ihm, was man in der Theatersprache ein „Bouquet“ nennt, nämlich ein Geldgeschenk. Manche Autoren und Componisten zeigen sich in der Freude ihres Herzens sehr großmüthig. Meyerbeer soll indessen bei derartigen Gelegenheiten sich nicht sonderlich freigebig bewiesen haben, und was den Maestro Verdi betrifft, so hat er die süße Gewohnheit, gar nichts zu geben.

Hat das Stück blos einen succès d’estime, so spricht der Chef de Claque dennoch von einem bedeutenden Erfolg, der mit den folgenden Vorstellungen wachsen würde. Wenn aber das Stück entschieden Fiasco macht, wenn unter Zischen und Pfeifen der Vorhang fällt und das Publicum unwillig das Haus verläßt, so spricht der Chef de Claque von Cabalen, von boshaften Ränken einiger hämischen Feinde, die seinen Bestrebungen entgegen gearbeitet – kurz, er sucht das Unglück so viel wie möglich zu bemänteln, da jede Niederlage zum Theil der Unzulänglichkeit seiner angewendeten Mittel zugeschrieben wird. Die glänzenden Siege sind indessen in den großen Pariser Theatern – und von diesen ist hier besonders die Rede – eben so selten wie die schmählichen Niederlagen. Es wird nicht oft ein Werk aufgeführt, das dem Autor die Unsterblichkeit verbrieft, oder bei der ersten Aufführung zu Tode gezischt wird. Wie dem aber sei, der Chef de Claque steht sich sehr gut, viel besser als die meisten Theaterdichter, ja, nicht selten viel besser als der Director, den er wohl zuweilen aus peinlichen Finanznöthen befreit. Der Chef de Claque muß nämlich in seinem eigenen Interesse für das Fortbestehen des Theaters arbeiten, dem er seine Wirksamkeit widmet. David, der Chef de Claque an der großen Oper, ist ein sehr wohlhabender Mann. Diese Anstalt, welche den officiellen Titel Académie impériale de musique führt, bewilligt, wenn ich nicht irre, dem Chef de Claque sechszig Plätze für jede Vorstellung. Obgleich er nun der Pariser Armencommission zehn Sous für jeden Platz zu entrichten hat, so bleibt ihm doch noch ein hübscher Profit übrig. Rechnet man zu dieser Einnahme noch die Honorare hinzu, die er von den Componisten, von den Künstlern und besonders von den Debütanten erhält, so wird man leicht begreifen, daß sein jährliches Einkommen bei Weitem größer ist, als das irgend eines berühmten Professors an der Sorbonne oder am Collège de France, daß die Claque sich besser rentirt als die Wissenschaft.

Kommen wir jetzt auf die billets d’auteur zurück.

Vor der Epoche Scribe’s wurden dieselben von den Directoren nur für die Freunde des Autors gegeben. Die Autoren verkauften zwar diese Billete, wenn sie Geld brauchten, aber sie thaten dies aus Schamgefühl nur im Geheimen. Scribe war der Erste, der seine billets d’auteur offen verkaufte. Seit jener Zeit wird mit diesen Billeten nicht nur Handel getrieben, sondern sie locken überhaupt die Speculationslust. Der Autor, der, je nach dem Umfange seines Werkes, für jede Vorstellung desselben eine größere oder geringere Zahl solcher Billete von der Direction empfängt, verkauft diese zu einem Preise, welcher von seinem Namen und besonders von dem Beifall bestimmt wird, dessen sich das Werk erfreut. Es giebt jedoch Theaterdichter, die ihr Anrecht auf die billets d’auteur nicht nur für die Stücke verkaufen, die sie bereits geschrieben, sondern auch für alle dramatischen Kinder, die sie künftig zeugen werden. Die Wittwe des bereits erwähnten Porcher treibt diese Speculation, die freilich nicht immer glücklich ist; denn wenn der Autor, dem sie das Recht abgekauft, mit der dramatischen Muse einen Wechselbalg zur Welt bringt, so wird natürlich viel Geld verloren; auch sinken diese Billete im Werthe während der Sommersaison. Indessen sind alle diese Umstände wohl erwogen, und so kommt es, daß Frau Porcher ein bedeutendes Vermögen besitzt und gar manchem berühmten dramatischen Dichter sehr häufig aus der Geldklemme hilft.

Wir haben bis jetzt blos von dem Feldherrn, von dem Chef de Claque, gesprochen; sprechen wir nun ein Wort von seiner Armee, von der Claque selbst.

Man glaubt gewöhnlich, daß diese aus lauter Lumpengesindel zusammengesetzt sei und für ihre Arbeit bezahlt werde. Das ist aber ein großer Irrthum. Die Claque besteht aus Theaterfreunden, die ihrem Kunstsinn keine schweren Opfer bringen können, aus Schreibern, Notariatsgehülfen, Ladendienern, welche ihren Platz unter dem Preise bezahlen, dafür aber die Verpflichtung übernehmen, den Befehlen der Chefs zu gehorchen und die Hände tüchtig [784] anzustrengen. Diese Individuen bilden freilich den edlern Theil der Claque; im übrigen Theil befinden sich allerdings gar manche nichtsnutzige Lungerer, stämmige Burschen mit breiten schwieligen Händen, die einen Theaterabend hindurch darauf lospauken können, ohne sich sonderlich zu ermüden. Sie treiben sich in allen den Theatern benachbarten Kneipen herum, wo sie von dem Chef de Claque oder von seinen Gehülfen aufgesucht werden. Indessen müssen auch diese Leute ihren Platz bezahlen. Man sieht, die Claque wird tagtäglich frisch geworben. Der Fall jedoch, daß kein Claqueur aufzutreiben wäre, ereignet sich niemals. Paris ist so groß und die Schaulust der Franzosen so gewaltig, daß man nicht nur beständig eine genügende Anzahl Claqueurs findet, sondern daß man täglich die bereitwilligen Dienste unzähliger Individuen ablehnen muß.

Eine Viertelstunde vor der Eröffnung des Hauses vereinigen sich sämmtliche Claqueurs in einem dunkeln Theater-Corridor, wo sie der Chef oder einer seiner Adjutanten in Reih’ und Glied aufstellt, zählt und mustert. Sobald das Haus geöffnet wird, tritt er an ihrer Spitze in den Saal, wo er sie im Parterre unter den großen Lüstre vertheilt, daher sie auch vom Volke „Les chevaliers du lustre“ (Die Ritter vom Kronleuchter) genannt werden. Diejenigen, welche zu stolz sind, um sich dem Kern der Claque anzuschließen, setzen sich etwas abseits, müssen aber doch die übernommene Verpflichtung erfüllen. Geschicht dies nicht, so erhalten sie künftig kein Billet mehr. Sie werden von den Surveillants genau bewacht. Nachdem ihnen die Verhaltungsbefehle noch einmal eingeschärft, harren sie ruhig der Dinge, die da kommen sollen.

Da man seit einiger Zeit in vielen Theatern fast das ganze Parterre in Sperrsitze verwandelt hat und in einigen neuen Theatern die Beleuchtung durch eine Glasdecke fällt und der Kronleuchter unterdrückt ist, so befindet sich dort die Claque im letzten Rang, oder, wie man in Deutschland sagt, im „Paradies“. In diesen Theatern kommt der Segen von oben, aber er betäubt darum nicht weniger.

Man darf nicht glauben, daß das Publicum von dem Claquenwesen erbaut sei oder dasselbe ergebungsvoll dulde. Im Gegentheil, die Claque ist allgemein verhaßt, und es vergeht kaum ein Abend, ohne daß die lebhaftesten Protestationen gegen diese gedungenen Beifallsbezeigungen laut würden. Der Unwille gegen dieselbe ist sogar einst so stark geworden, daß einige Theater, und unter ihnen auch die große Oper, sich genöthigt sahen, sie zu unterdrücken. Allein diese Centimanen blieben nicht lange im Schooße des Tartarus. Die Künstler, die nicht mehr die süße Ohrenweide genossen, protestirten gegen die Protestationen des Publicums, und die „Chevaliers du lustre“ erschienen wieder mit neu gesammelten Kräften. Die Freunde der Claque, die Künstler nämlich, vertheidigen dieselbe durch unzählige Gründe. Sie behaupten, das Publicum sei zu gleichgültig, zu kalt, zu träge, um seinen Beifall mit den Händen zu bekunden; nichts sei aber für einen Künstler fürchterlicher, als das Schweigen des Hauses. Die Claque, behaupten sie ferner, sei ein probates Mittel gegen die Cabale, der sonst Thür und Thor geöffnet würde. Der sonderbarste Grund aber für die Nothwendigkeit der Claque ist der sanitätische. Die Anhänger der Claque behaupten nämlich steif und fest, der Künstler könnte nicht oft genug athmen, wenn er nicht applaudirt würde; während des Applauses habe er Zeit, Athem zu schöpfen. Da nun das Publicum sehr launischer Natur und an manchen Abenden das Chiragra zu haben scheine, so würden ohne Hülfe der Claque die armen Künstler den Athem verlieren. Keiner dieser Gründe ist jedoch stichhaltig. Das Italienische Theater in Paris hat keine Claque und wird dennoch von keiner Cabale beunruhigt; auch hat man niemals gehört, daß dort einem Tenor oder einer Primadonna aus Mangel an Applaus der Athem vergangen. Der Hauptgrund für das Bestehen der Claque liegt in dem unwiderstehlichen Bedürfniß der dramatischen Künstler, um jeden Preis gelobt zu werden. Ob das Weihrauchfaß von reinen unbezahlten oder von unreinen gedungenen Händen geschwungen werde, gleichviel! wenn es nur geschwungen wird und der Dampf tüchtig qualmt. Seien wir indessen nicht zu strenge gegen die Mimenwelt! Ich habe Kaiser und Könige gesehen, deren Züge sich sichtbar erheiterten, wenn sie bei den Schlagwörtern in ihren öffentlichen Reden von dem Publicum applaudirt wurden; und wer wollte darauf schwören, daß die bloße Vortrefflichkeit des oratorischen Werkes diesen Applaus hervorgerufen? – Die bezahlten Claqueurs datiren nicht von diesem Jahrhundert und sind auch nicht in Paris entstanden. Man weiß, daß der grausamste aller Tyrannen, der zugleich der erbärmlichste aller Komödianten war, daß Nero bei der Rückkehr von seiner Kunstreise nach Griechenland bekränzt und im Purpurgewand triumphirend in Rom einzog, daß mehrere tausend besoldete Claqueurs seinen Siegeswagen umschwärmten und ihn als den ersten aller Mimen ausposaunten. Er begnügte sich nicht damit, die Welt zu beherrschen; er wollte auch noch die Bretter beherrschen, welche die Welt bedeuten.

Die Pariser Theaterclaque hat, beiläufig gesagt, auch den Beruf, das Staatsoberhaupt bei seinem Eintreten in die Loge schreiend und klatschend zu begrüßen.

Alle Pariser Theater, das Italienische ausgenommen, haben ihre Claque, das Théâtre français eben so wohl wie das kleinste Vaudeville-Theater, und es wird kein Stück von Corneille oder Molière gegeben, ohne daß „die Ritter vom Kronleuchter“ ihre oberen Extremitäten in Bewegung setzen. Außer der Claque in den Theatern giebt es auch eine Claque in der Presse. Gewisse Theater werden von gewissen Blättern immer gelobt, und diese Blätter wissen warum. Es giebt sogar eine Theaterzeitung, die für das Vorrecht, in allen Schauspielhäusern während der Zwischenacte feil geboten zu werden, den Directionen gegenüber die Verpflichtung übernommen, alle Dichter, alle Componisten, alle Sänger und Sängerinnen, alle Schauspieler und Schauspielerinnen und, wie es sich von selbst versteht, die Directionen stets mit Lob zu überschütten. Klappern gehört nicht nur zum Handwerk, sondern ist selbst ein Handwerk, das mehr als jedes andere einen goldenen Boden hat.




Blätter und Blüthen.


Aus dem Leben Pius des Neunten. Kurze Zeit nach der Erhebung Pius des Neunten auf den päpstlichen Stuhl erschien eine Deputation der Juden aus dem römischen Ghetto im Quirinal, um dem heiligen Vater ihre Huldigung darzubringen und demselben zugleich als Zeichen ihrer Ergebenheit einen prachtvoll gearbeiteten antiken Kelch zu überreichen.

„Es ist gut, meine Kinder,“ erwiderte Pius auf ihre Ansprache, „ich nehme Euer Geschenk an und danke Euch herzlich dafür. Aber könntet Ihr mir nicht sagen, wie viel dieser Kelch etwa in römischen Thalern werth sein mag, abgesehen von seinem Kunstwerth, der unschätzbar ist?“

Die Juden sahen einander an, dann antwortete der Anführer der Deputation: „Fünfhundert Thaler, Ew. Heiligkeit!“

„Gut; da ich nun Eure Gabe angenommen habe, dürft Ihr auch eine von meiner Seite nicht zurückweisen. Hier habt Ihr tausend Thaler, die ich Euch bitte, in meinem Namen an die Familien des Ghetto zu vertheilen.“

Die Juden nahmen das reiche Geschenk freudig an; Pius der Neunte verdiente sich ihren Dank aber bald noch reichlicher, indem er das von der übrigen Stadt hermetisch abgesperrte Ghetto öffnete und erweiterte und den Bewohnern desselben überdies gestattete, sich auch in anderen Stadttheilen anzusiedeln. –

Im Jahre 1847 tanzte Fanny Elßler im Theater Argentina zu Rom und die ganze jeunesse dorée lag ihr zu Füßen; ihre eifrigsten Verehrer vereinigten sich, um der gefeierten Tänzerin einen goldenen Kranz im Preise von zwölftausend Lire zu überreichen. Zuvor aber beschloß man, die Einwilligung des heiligen Vaters dazu einzuholen, denn man fürchtete bei der gedrückten Lage des Augenblicks, er würde vielleicht diesen Act der Verschwendung strenge tadeln, wenn er nicht wenigstens pro forma um Erlaubniß gefragt würde.

„Gebt der Tänzerin Euern Kranz,“ sagte Pius der Neunte, „wenn Ihr Euch dazu gedrängt fühlt; ich sehe darin nichts, was die Würde der Kirche oder die Sicherheit des Staates gefährden könnte. Aber gestattet mir die Einwendung, daß ich die Wahl Eures Andenkens für eine berühmte Ballerina nicht glücklich finde. Ich bin zwar nur ein schlichter Priester, der sich in solchen Angelegenheiten gar nicht für competent hält, allein ich hätte geglaubt, daß ein Kranz für den Kopf und nicht für die Beine gehöre.“

Fanny Elßler erhielt trotzdem ihren Kranz für zwölftausend Lire, erfuhr aber auch durch einen Indiscreten die Antwort des Papstes und suchte denselben zu ihren Gunsten zu stimmen, indem sie ihm eine Summe von sechstausend Lire für die Armen übersandte.




Marlitt’s Goldelse ist jetzt auch in einer sehr hübschen gebundenen Ausgabe (2. Auflage) zu haben, die für den Weihnachtstisch sich besonders empfehlen dürfte.




Inhalt: Der Habermeister. Ein Volksbild aus den bairischen Bergen. Von Herman Schmid. (Fortsetzung.) – Im Försterhause. Von Friedrich Hofmann. Mit Illustration. – Moorbilder aus Muffrika. – Das „Donauweibchen“ in Prag. – Deutschlands große Industriewerkstätten. Nr. 4. Bei dem Locomotivenkönig. II. Mit Abbildung. – Pariser Bilder und Geschichten. Die Ritter vom Kronleuchter. Von Ludwig Kalisch. Blätter und Blüthen: Aus dem Leben Pius des Neunten. – Marlitt’s Goldelse.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.