Die Gartenlaube (1867)/Heft 48

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1867
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[753] No. 48.
1867.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen.     Vierteljährlich 15 Ngr.     Monatshefte à 5 Ngr.


Der Habermeister.
Ein Volksbild aus den bairischen Bergen.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)


Die beiden Männer eilten, so gut es in dem tiefen Schnee auf wegloser Bahn anging, dem Scheine zu, sich in Muthmaßungen erschöpfend, wo denn das Feuer ausgebrochen sein könne. Von allen Seiten kamen andere dunkle Gestalten über den Schnee heran; aus jedem Hause eilte die Bewohnerschaft herbei, dem vom Unglück betroffenen Nachbar so viel wie möglich beizuspringen; Einzelne kamen auf halbgezäumten Pferden heran, um die Nachricht des Unglücks in die entlegeneren Orte zu tragen, bis zu welchen der Feuerlärm nicht zu dringen vermochte. An den Eilenden vorüber sauste ein Gespann von vier vollständig angeschirrten Pferden, ein Reiter auf dem vordersten, der es wie im Fluge gegen das Dorf hinan jagte.

„Aha,“ sagte Einer der Männer, „der neue Gemeindevorsteher zeigt sich schon … war das nicht der Aicher, der so dahin sprengt?“

„Gewiß!“ rief der Grubhofer in dem anstrengenden Schneelauf etwas inne haltend. „Der hat von seinem Hof aus das Feuer gesehen und hat gleich wieder den Nagel auf den Kopf getroffen! Er reit’t in’s Dorf hinein, um die Feuerspritzen zu holen, und weil’s sonst allemal schier eine Stund’ her’gangen ist, bis man gewußt hat, an wem der Umgang ist zum Vorspannen, und bis richtig eingeschirrt gewesen ist, hat er gleich seine eigenen Ross’ mitgebracht!“

„Ich hab’ mir’s gleich von Anfang gedacht,“ sagte der Finkenzeller, während sie wieder vorwärts eilten, „es muß das Feuer in irgend einer Waldhütten oder sonst einem einschichtigen Haus sein, denn es liegt keine Ortschaft in der Richtung und so hoch, daß man den Brand so sehen könnt’, und Ihr werdet auf meine Red’ kommen, es ist nirgends anders als auf dem kleinen Einödgütl, das über der Mangfallhöh’ liegt, in dem Winkel vor’m Rantinger Forst …“

„Das wär’ ja dasselbe, das einmal dem Nußbichler gehört hat, dem Haderlumper!“ erwiderte ein Anderer. „Die Richtung könnt’s wohl sein, aber das täuscht gar sehr bei der Nacht – das Gütl ist ja leer, es wohnt kein Mensch darin, weil’s nächstens wieder versteigert werden soll … wie soll denn da ein Feuer auskommen?“

Eben bogen die Eilenden um die letzte Waldspitze vor, welche ihnen den Anblick verwehrt hatte, und standen auf die Entfernung von ein paar Schußweiten dem brennenden Gebäude gegenüber.

„Der Finkenzeller hat Recht behalten,“ sagte der Grubhofer, „es ist wirklich das Nußbichler-Gütl! Wie kann denn da ein Feuer aus’kommen sein? Das müssen rein fremde Schelmenleut’ angezünd’t haben …“

„Oder es hat’s gar der narrete Nußbichler in seiner Desperation selber gethan!“ rief der Finkenzeller. „Wenn’s wahr ist, daß er aus dem Gefängniß ausgesprungen ist, könnt’s nit unmöglich sein!“

Sie nahten bereits der Brandstelle; das Gütchen lag freundlich auf einer Wiesenblöße, welche nach drei Seiten vom Walde umschlossen, nach der vierten hin sich gegen den scharfen Thaleinschnitt senkte, in welchem die Mangfall zwischen schroffem Gestein und engen Steilen dahin braust. Die Flammen hatten bereits das ganze Haus und alle Nebengebäude ergriffen und stiegen in hohen Säulen und mächtigen Bündeln in den dunkeln Nachthimmel empor, bald sinkend, bald mächtiger ausschlagend, je nachdem ein neu ergriffener Balken oder ein vergessener Rest von Futter oder Streu neue Nahrung darbot; prasselnd und Funken streuend, daß die Sterne davor wie auslöschend erbleichten, die ganze Gegend mit unheimlicher Röthe übergießend, welche rings die schwarzen schneebedeckten Tannen erkennen ließ und die einzelnen nackten Buchenstämme unter ihnen, wie eine Schaar von dunklen Wächtern, welche das Gehöft, das sie so lange vertraulich gehütet, in starrem Entsetzen untergehen sahen! Dazu waltete tiefes feierliches Schweigen über der ganzen Umgebung; man vernahm kein Rufen oder Jammern derjenigen, deren Hab’ und Gut zu Grunde ging und welche in der Einsamkeit vergeblich um Hülfe riefen – die das Geschrei und den Lärmen der Rettung bringen sollten, eilten erst von allen Seiten heran – einsam, feierlich, wie eine riesige Opferflamme verrichtete das entfesselte Element sein furchtbares Amt.

„Da wird nimmer viel zu löschen und zu retten sein!“ rief der Finkenzeller, indem er mit seinen Gefährten vor dem brennenden Gebäude ankam. „Das alte Gebälk brennt wie ein Bündel Spähne! Gut, daß nicht viel drin sein wird, als ein Gerümpel von ein paar alten Tischen und Stühlen, um das kein Schade ist! Von Holz und Stein ist auch nichts mehr zu gebrauchen, und da das Haus so allein liegt und das Feuer nicht weiter kommen kann, ist’s wohl das Beste, man läßt den ganzen Plunder ruhig in sich zusammenbrennen …“

Einer der Männer hatte sich dem Gebäude etwas genähert, so weit es bei dem Herabfallen des Feuers vom Dache und dem drohenden Einsturze des glühenden Gebälkes möglich war; zu gleicher Zeit kam Sixt mit seinem Viergespann angejagt, hinter sich mächtige [754] Schlittenkufen, auf welche die Spritze gesetzt worden war, die er sogleich in Thätigkeit treten ließ.

„Jesus Maria!“ rief entsetzt zurückspringend der Mann, der sich dem Erdgeschosse genähert hatte, dessen Fensterläden verschlossen waren. „Das wär’ ja schrecklich! Mir ist’s gewesen, als hätt’ sich was gerührt in der Stuben … als wenn ich ’was gehört hätt’ wie eine menschliche Stimm’ …“

Niemand hatte etwas vernommen, Alle waren einig, es für eine Täuschung zu erklären; da verstummte ihnen das Wort im Munde, der Athem stockte und Grausen sträubte ihnen das Haar.… Aus der untern Stube des flammenden Hauses drang deutlich, nicht zu verkennen der halberstickte Jammer- und Angstruf eines Menschen; aus den Spalten der Fensterläden qualmte Rauch, das Feuer schien von oben die Decke durchgebrannt zu haben.

Wildes Stimmengewirr des Schreckens antwortete. „Balken her! Einen Feuerhaken her! Rennt die Läden ein … es ist wer in dem Haus …“ Die mit der Spritze angekommenen Männer schleppten rasch einige Stangen herbei, mit mächtigen Stößen wurden sie bald gegen die Fensterläden geführt und das alte Holzwerk fiel schnell in Trümmern herab.

Der Rauch qualmte dichter heraus; in demselben gewahrte man ein neues Hinderniß des Eindringens; die Fenster waren mit starken Eisenstäben vergittert. „Drauf!“ hieß es wieder. „Die Stangen mit den Haken gefaßt! Reißt sie heraus!“ … Die Scheiben klirrten, das Holzwerk krachte im Mauergefüge – lauter, entsetzlich lauter ertönte das Angstgeschrei.

Jetzt waren die Läden nach allen Seiten beseitigt; der eingeschlossene Rauch fand überall einen Weg zum Abzug, die Luft verdrängte ihn und fachte dafür die Gluth zur Flamme an – eine helle Lohe schlug in der bis dahin verfinsterten Stube empor; Sixt war der Erste, der hinzugesprungen war, einen Blick hinein zu werfen, um zu erkennen, wer sich im Hause befinde und wie ihm geholfen werden könne.

„Es ist der Nußbichler!“ rief er und taumelte zurück, die Hände vor die gluthgeblendeten und rauchgebeizten Augen schlagend. „Er liegt am Boden und ist von Rauch betäubt, wie es scheint … auf dem Tisch aber liegt ein ganzer Haufen Silbergeld …“

„Der Nußbichler!“ rief es durcheinander. „Wie kommt der da hinein? Wenn er drinnen ist, dann hat kein anderer Mensch das Feuer angelegt als er! Dann sollt’ man ihn nur gleich mit verbrennen lassen, den Lumpen!“

„Nicht doch, Nachbarn,“ übertönte Sixt den Lärmen mit gebieterischer Stimme, „wenn er auch ein Nichtsnutz ist, ein Mensch ist er doch und ist in Gefahr – und wer ein richtiges Herz im Leib hat, der laßt sein’ Mitmenschen nit stecken in der Gefahr! Wir wollen uns was darauf einbilden, daß gerad’ wir es sind, die ihn heraus holen aus der Falle, in die er sich selber eingesperrt hat, wie mir scheint! Frisch angepackt, zugegriffen, wer ein Herz im Leib hat!“

Seine Worte und sein Wesen bewährten wieder die schon öfter erprobte Wirkung; sie waren Befehle, denen Jeder sich fügte, weil sie etwas von ächt gebieterischer Natur in sich hatten; keine Widerrede war weiter zu vernehmen, jeder Einwand war verstummt, aber Alles griff mit erneuter Thätigkeit zu Arbeit und Werkzeug. Während Einige die Haken an den Stangen einhingen und die Eisengitter loszureißen strebten, waren Andere bemüht, mit Balken die ganzen Fensterstöcke heraus zu wägen; eine dritte Schaar gebrauchte einen starken Baumast als Sturmbock, um die Thür einzurennen. Es war vergeblich; die noch wohl erhaltene, fest gefugte Thür widerstand den heftigsten Stößen, sie war offenbar von innen verrammelt; der Nußbichler mußte sich selbst eingeschlossen haben und saß nun gefangen in eigener Falle.

Die Vermuthung war auch vollkommen begründet.

Der Aufenthalt im Kerker, die stete brütende Einsamkeit hatten das Wirrsal in dem erhitzten Kopfe des Unseligen immer mehr gesteigert; er lebte im dumpfen Wahne dahin, und wie in einer ausgebrannten Feuerstätte noch ein einziger letzter rother Funken glimmt, glühte in ihm nur der eine Gedanke fort, zu entkommen und zwar zeitig genug, um sein früheres Gütchen wieder erwerben zu können. Wie schon erwähnt, war dasselbe, da der nach Alisi gekommene Besitzer es zu behaupten nicht vermocht hatte, wiederholt zum Gantverkaufe um den gerichtlich bestimmten geringen Schätzungswerth ausgeboten worden, aber in der Tagfahrt war Niemand erschienen, der ein entsprechendes Gebot gelegt hätte; es war daher bereits zur zweiten Versteigerung ausgeschrieben, bei welcher der Zuschlag um jedes, auch das geringste Gebot, erfolgen mußte. Der verhängnißvolle Tag rückte näher und näher; sollte nicht alle Hoffnung, das Gütchen jemals wieder zu erwerben, für ihn mit einmal und unwiederbringlich zerstört werden, so mußte er in den nächsten Tagen in Freiheit sein und dieser Gedanke trieb ihn unablässig wie ein glühender Stachel. Ob er demungeachtet das Gütchen erhalten, ob die Behörden ihn in den Besitz lassen würden, ob die Summe, die er nach dem, was ihm abgenommen worden, noch besaß, genügen werde: das Alles bedachte und erwog er nicht, für ihn war Alles erreicht, hatte er nur erst die Gefängnißmauern hinter sich.

Mit einem alten, mühsam aus dem Boden gewundenen Nagel hatte er begonnen, in die Wand zu graben, wo das einzige Fenster seiner Zelle eingemauert war, und nach Tagen und Nächten der unsäglichsten Anstrengung war es ihm wirklich gelungen, den Holzrahmen rings herum so locker zu machen, daß dieser noch immer festzusitzen schien, in Wirklichkeit aber nur noch lose eingesetzt war. Niemand beachtete das wochenlange mühevolle Werk, weil der Gefangenwärter sich immer begnügte, einen flüchtigen Blick durch den Raum zu werfen, und weil man das Entkommen für unmöglich hielt. Die Mauern waren fest, die Bohlen und Eisenbeschläge der Thüren undurchdringlich und das Fenster war so weit über Manneshöhe angebracht, daß man es auf den Zehen stehend und die Arme streckend kaum mit den Fingerspitzen erreichen konnte. Dennoch hatte die Kraft seines Wahnes dem Gefangenen das Unmögliche möglich gemacht; das Fieber seines Gehirns hatte ihm die Muskeln gestählt, daß er es vermochte, sich an der Wandschräge wie ein Kletterer mit angestemmten Knieen emporzuarbeiten und festzuhalten und so sein langwieriges Werk zu vollenden. Am Tage vor der Versteigerung war er so weit gekommen; die Wollendecke seines Lagers, in Streifen geschnitten und aneinander geknüpft, bot ihm ein bequemes sicheres Mittel, sich draußen an dem Gemäuer herabzulassen und so mit einem nicht sehr gefährlichen Sprunge den Graben zu erreichen, der unbewacht war und wo er, zumal in der Nacht und in dem Schneegestöber, in welchem sich eben die Wolken entluden, keine Entdeckung mehr zu fürchten hatte. Mit dem Winde, der die Flocken jagte, flog er quer über Rain und Feld und machte im angestrengten Laufe nur einmal Halt, an einer Waldspitze, wo ein kleines Bächlein unter Weiden hinkroch und er in einem hohlen Stamme einen Theil seines Reichthums verborgen hatte.

Mit einem unterdrückten Schrei preßte er den Beutel mit den Münzen in der Tasche seiner Jacke fest an die Brust und rannte in doppelter Schnelligkeit, bis er dem ersehnten Ziele gegenüber stand. Da die Thür des Hauses verschlossen war, brach er, mit dessen Gelegenheit vollständig vertraut, in der Nähe des Stalles ein Brett hart am Boden aus und zwängte sich, gleich einer Natter durchkriechend, in den innern verlassenen Raum. Er tastete sich durch Stall, Küche und Fletz bis in die Wohnstube und war überglücklich, als er auf dem Ofen, wo sonst das Feuerzeug zu liegen pflegte, die dürftigen Reste eines solchen entdeckte und es ihm gelang, einige Funken hervor zu locken. Ein Bündel vergessener Spähne diente, ihm den gewohnten, einst so lieb gewesenen Raum zu beleuchten; bei dem fahlen unsicheren Schein eilte er in der Stube umher, wie ein Kind all’ die Gegenstände und Kleinigkeiten betastend, welche noch vorhanden waren, weil sie, als ein Stück des Hauses und zu demselben gehörend, in ihm verbleiben und mit ihm von Hand zu Hand gehen. Da war der alte Tisch, über demselben das in der Wand eingelassene Kreuzbild mit einem längst verdorrten staubigen Büschel von Palmweide und Dorn, das Weihbrunnkesselchen in der Thür, der mächtige Ofen mit seinen nach innen vertieften runden Kachelstücken. Lachend streichelte er denselben und fing wie mit einem alten Bekannten halblaut mit ihm zu plaudern an. „Friert Dich, alter Camerad?“ sagte er. „Geht mir auch nicht besser; aber dem wollen wir bald abhelfen … ich will ein Feuer in dir anmachen, daß es nur so wacheln (wehen) soll. … Wenn das Weib kommt mit dem Buben, wird sie nicht wenig ausgefroren sein … dann soll sie eine warme Stube finden …“

Er eilte fort. Bald hatte er einige Bündel Reisig und alte Holzstücke ausgefunden, und in wenigen Augenblicken prasselte eine lustige Flamme in dem Ofen empor. Kichernd kauerte er davor nieder und das glasig schimmernde Auge, mit welchem er in das [755] Feuer starrte, verrieth, daß der Wahn sich immer stärker und völliger seiner bemächtigte. Mit toller Geschäftigkeit schleppte er immer mehr Reisig herbei, jauchzte über das immer wachsende Lodern und Prasseln und gewahrte darüber nicht, daß der lange nicht benutzte Kamin im obern Stocke geborsten und Funken in den Dachraum immer reichlicher auszusprühen begann. Schon loderte es hell auf unterm Gebälke, als er noch in unsinniger Freude am Tische stand, die Silberstücke aus seinem Beutel darauf hin rollen ließ und sich ergötzte, wie sie im Lichtschein glitzerten und funkelten, und welche Freude sein Weib haben werde und vor Allem sein Bub’, wenn sie heim kämen und die warme heimathliche Stube wiederfänden und in ihr den unvermutheten blinkenden Reichthum. Als der von oben herabgedrückte Qualm und Rauch bereits in die Stube zu dringen begannen und in ihm die erste Ahnung einer ihn umgebenden Gefahr aufdämmern ließen, war es zum Entrinnen bereits zu spät; er riß die Thür auf, aber die Dampfwolke drang unwiderstehlich erstickend herein und schleuderte den Betäubten zu Boden.

Jetzt, mit dem Hinzutreten der Luft, mit dem Beginn einer ziehenden Strömung, fing die Wolke an zu weichen und auch dem in der Nähe des Ofens Hingestreckten kehrte die Fähigkeit des Athmens und mit ihr ein dämmerndes Bewußtsein wieder; unsicher schlug er die Augen auf, aber der erste Blick fiel in den grellen Schein der oben hereinbrechenden Gluthen und mit einem Schrei des Entsetzens sprang er jählings vom Boden auf, plötzlich vollkommen klar und deutlich der ganzen Gefahr seiner Lage sich bewußt werdend. Wie ein wildes, feuerscheues Thier, das im Käfig eingeschlossen das brennende Haus über sich gewahrt, mit einem Gebrüll der Angst und Wuth an die Eisenstäbe springt und sie durchbrechen will, so stürzte der Nußbichler in einem Satze an die äußere Thür, prallte aber taumelnd zurück, denn er selber hatte sie auf das Sorgfältigste verrammelt, und war in der Hast und Angst des Augenblicks ohne Kraft und Sinn, die Spreizen und Stangen, die er selber angebracht, schnell genug zu beseitigen; ein wüthendes Geheul drang wie unwillkürlich aus seiner Kehle, denn er hörte und sah, wie draußen die Retter Alles aufboten, zu ihm hereinzudringen, er sah über sich das glimmende und lodernde Dachgebälk, sah es sich senken und hörte es knistern und krachen und dachte der Möglichkeit, daß es einstürzen könne, ehe ihnen ihr Vorhaben gelungen war.

„Das ist schrecklich anzuhören,“ sagte draußen der Finkenzeller, „das vergess’ ich nit und wenn ich hundert Jahr’ alt werden thät’. … Frisch, Nachbarn, greift noch besser zu, daß wir den armen Menschen aus seiner Pein erlösen. … Ich mein’, dem könnt’ die Narrheit vergangen sein für alle Zeit und die Bosheit dazu …“

„Richtet den Schlauch besser auf das Gebälk’!“ rief mit mächtiger Stimme Sixt dazwischen, „vielleicht können wir’s löschen, eh’ es einstürzt. … Aber nehmt es nit geradezu, laßt den Wasserstrahl von der Seiten hinstreichen, damit die Gewalt nit erst beitragt, es umzuwerfen …“

„Geht nit, Vorsteher,“ rief eine Stimme von der Spritze herüber, „der Brunnen ist gebrochen – wir haben kein Wasser mehr …“

Darüber hinaus erscholl das Wehgeschrei des Unglücklichen aus dem brennenden Hause. „Ich muß verbrennen!“ rief er. „Ich muß ersticken! Helft, helft, Nachbarn, um Gottes Barmherzigkeit helft! Warum muß ich so ein schreckliches Schicksal haben … ich bin unschuldig … laßt mich nit verbrennen! … Jesus, die Balken da droben fangen schon zu fallen an … helft mir! Laßt mich hinaus! Wenn’s denn sein muß, so will ich es eingestehen! … Ja, ich hab’s gethan! Ich hab’ meinem Bruder das Haus über’m Kopf angezünd’t … ich bin schuld, daß er arm ’worden ist, ich bin schuld, daß der alte Ahnl schier mit verbrunnen ist … Laßt mich hinaus, ich will’s Alles bekennen … ich will die Straf’ aushalten, die mir gehört … nur verbrennen … Jesus Maria und Joseph, nur verbrennen laßt mich nit …“

„Hört Ihr?“ riefen die arbeitenden Bauern durcheinander. „Er besteht’s ein … also ist er vom Gericht doch ohne Grund freigesprochen worden und das Haberfeld hat Recht gethan …“

„D’rauf!“ tönte der gewaltige Ruf des Aichbauern. „Die Thür bricht – noch einen Stoß und wir dringen hinein …“

Zerschmettert krachte in der nächste Secunde die Thür hinein, aber zugleich, mit der Schnelligkeit des Augenblicks, vielleicht erschüttert durch die Heftigkeit des letzten Anpralls, neigten die wankenden Balken und Sparren des Daches sich gegen einander und stürzten herab – eine Funken stäubende Gluthmasse, welche Alles unter sich begrub und in welcher das Geschrei des Lumpensammlers erlosch …

Alle Arbeit hielt inne, der Gewalt des Moments gegenüber, vor welchem jede menschliche Thätigkeit in schauerlicher Nichtigkeit erlahmte. Einige begleiteten den Einsturz mit einem Ausruf des Schreckens. Andere zogen die Hüte und Mützen, falteten die Hände und sprachen ein Stoßgebet für den Unseligen, der ein schweres Verschulden in so furchtbar schwerer Weise gebüßt. Bald wich die augenblickliche Erstarrung, wie sie gekommen war, und Alle stürzten nach dem Gluthhaufen, ihn auseinander zu reißen und zu retten, wenn durch ein Wunder noch etwas zu retten sein sollte; nach Verlauf einer halben Stunde war es den vereinten Bemühungen gelungen, auf den Grund zu dringen: man fand einen fast unkenntlichen schwarzgekohlten Körper – unweit davon lagen Stücke geschmolzenen Silbers.


Am Tage darauf hielt ein Schlitten vor dem an der Landstraße weit vom Dorfe vorgeschobenen und ziemlich einsam gelegenen Wirthshause zu Haching, dem letzten Dorfe, ehe man auf der nun verwaisten Hauptstraße von Tegernsee her aus den Bergen gegen München herankommt. Es war frisch-helles Wetter mit blauem, klarem Himmel und tausend und tausend Sternen und Funken, die auf dem unabsehbar hingedehnten ebenen Schneegefilde glitzerten und schimmerten. Unbekümmert um das schöne Schauspiel, den Windzug nicht achtend, der, von Zeit zu Zeit eine kleine Partie lockern Schnees vor sich her wehend, ziemlich empfindlich von Norden her über die Fläche strich, ging der junge Aichbauer mächtigen Schritts vor dem Hause hin und wider; wer ihn lange nicht gesehen, mochte zweifeln, ob das gesunde Roth seines Angesichts etwas bleicher geworden, oder ob nur das Schneelicht es um einen Ton heller scheinen machte; nicht zu verkennen aber war, daß die Stirn, auf welche die Pelzmütze tief hereingezogen war, nicht so wolkenlos aussah, nicht so offen, wie damals, als er Franzi an der Kreuzstraße entgegengetreten war. Es mußten ernste Gedanken sein, die ihn beschäftigten, denn manchmal hielt er in seinem Wandeln wie unwillkürlich an, als besorge er sich selbst in der Bilderreihe zu unterbrechen, die an seinem Gemüthe vorüberzog; dann beschleunigte er den Schritt wieder, wie wenn es gälte, ein Entfliehendes zu halten oder sich zu rasch entschlossenem Handeln aufzuraffen. Mehrmals eilte er dann dem Stalle zu, wo das Gespann gefüttert wurde, und schien unzufrieden, wenn er zurückkehrte, daß die Weiterfahrt sich noch immer verzögerte.

Der Lehrer von Osterbrunn, der, in einen tüchtigen Bauernmantel gewickelt, von der Straße herankam, unterbrach ihn in seinen Betrachtungen.

„Nun, wie steht es?“ fragte er, näher tretend. „Ist der Braune wieder im Stande? Können wir bald wieder fort?“

„Es geht,“ antwortete der Bauer, „der Gaul ist gestern Nacht bei dem Brand etwas angestrengt worden und hat sich ein Bissel verschlagen, scheint’s … aber der warme Trunk, den ich ihm eingeschüttet habe, thut seine Schuldigkeit und in einer Viertelstunde können wir uns wieder auf den Weg machen…“

Der Lehrer that, als habe er die Rede des Bauern gar nicht vernommen; er gab sich den Schein, als sei er selbst mit dringenden andern Gedanken beschäftigt, die seine ganze Besinnung in Anspruch nähmen: ein Blick auf Sixtens erregtes Aussehen und die Unruhe seines Gebahrens mochte ihn dazu veranlaßt haben. Er hatte die Muße des unfreiwilligen Aufenthalts in dem kleinen einsamen Dorfe zu einem Rundgange durch dasselbe benützt und schien vollauf mit dem Gesehenen beschäftigt. „Man kann doch überall und immer etwas beobachten,“ sagte er hinzutretend, „wenn man nur die Augen aufmachen will! Da bin ich vor ein paar Jahren hier vorüber gereist, es war im Spätsommer, gerade zum Beginn der Erntezeit, aber mit der Ernte sah es trübselig aus, ein Hagelwetter war Tags zuvor über die Gegend gezogen und so weit man sah, war das Getreide geknickt und die Halme in den Boden hineingeschlagen, daß man nichts erblickte, als schwarze Erde und Stoppeln drinnen… Da war auch ein Apfelbaum, im Wirthsgarten über der Straße, an dem ich schon manches Jahr meine Freude hatte, ein schöner kräftiger Stamm mit einer Rinde so glatt wie Sammet und so glänzend [756] wie Seide, eine Prachtsorte, echter Winter-Stettiner und war dies Jahr wie übersäet gewesen mit der ersten Frucht … den Baum hatt’ es auch bös’ mitgenommen! Er stand gerade in der Ecke, über welche das Unwetter am ärgsten hingestrichen war… Die halbreifen Früchte lagen zu Hunderten im Grase herum unter den abgeschlagenen Blättern und Aesten, es war fast kein Laub mehr an den Zweigen, die Rinde war zerfetzt und losgeschält und die meisten von den jungen Fruchttrieben waren geknickt… So leid es mir that um den Baum, ich mußt’ ihn beinahe verloren geben! Aber er ist eben tüchtig in der Wurzel, und hat’s glücklich überstanden, ich hab’ es so eben gesehen: der Baum hat sich wieder erholt, die Rinde ist bis auf ein paar Risse und Narben wieder so glatt wie zuvor, überall hat sich neues Fruchtholz angesetzt, und im nächsten Frühjahr wird der Baum dastehen in einer Blüthenpracht, schöner als er noch jemals gestanden ist…“

Sixt war nicht dazu aufgelegt, an den Baumfreuden des Lehrers Theil zu nehmen, und beachtete noch weniger die geheime Beziehung, die ziemlich unverhohlen hineingelegt wurde; stumm war er neben dem Redenden hergeschritten und hatte auf den Ruf eines Knechts sich dem Stalle genähert, wo endlich die Pferde abgefüttert, erwärmt und zur Abfahrt bereit standen. Mit unverkennbarer Hast half er dem Knechte, dem das Anschirren nicht flink genug von der Hand ging, ebenso eilfertig ergriff er Peitsche und Zügel, und eh’ der Lehrer sich kaum recht in die grüne zottige Schlittendecke gewickelt, sauste das Gespann schon pfeilschnell mit klingelnden Schellen über die festgefrorene Schneebahn dahin. Geraume Zeit fuhren die Reisenden schweigend dem eintönig schwarzen Tannenforst zu beiden Seiten entlang; kein Gespräch kam in Schwung, wenn auch der Lehrer mehrmals versuchte, ein solches einzuleiten, und bald auf die Schneespuren aufmerksam machte, wo ein Hirsch über die Straße gewechselt hatte, bald auf eine Stelle, wo auf dem weißen Grunde die abgebissenen röthlichen Schalen, dicht aufgestreut herumliegend, erkennen ließen, wie sehr sich ein genäschiges Eichkätzchen an den harzigen Tannzapfen erlustirt hatte; der Aicher blieb schweigsam und in sich gekehrt.

Er hatte wohl auch Grund dazu. Viel war in den letzten Tagen auf ihn eingedrungen, es waren starke, einander stark widerstrebende Strömungen, die es in seinem Gemüthe zu bändigen und zu gleichmäßigem Flusse einzudämmen galt. Hatte auch die Stellung in Dorf und Gemeinde durch seine Erwählung zum Gemeindevorsteher sich wieder befestigt, daß seiner Ehre und seinem Ansehen als Mann weder Schädigung noch Gefahr drohen konnte, so war doch der Mensch von den Schauern und Ereignissen der vergangenen Nacht tief ergriffen und erschüttert worden – vergebens suchte er die Zweifel und Bedenklichkeiten über die Berechtigung seines geheimen Amtes zu beschwichtigen, welche durch diese Vorfälle in ihm hervorgerufen worden waren: er fand keine andere Beruhigung, als daß mit dem eingetretenen Winter die Zeit desselben abgelaufen sei und bis zum nächsten Herbste und zum Wiederbeginn des Volksgerichts noch genügend Raum und Gelegenheit geboten sei zu Ueberlegung und Entschluß.

Dazu war gekommen, daß auch auf dem Oedhof die Verhältnisse sich auf’s Neue bedenklich verwickelt hatten.

Die greise Bäurin und Base hatte in ihrer Unerbittlichkeit und althergebrachten Sittenstrenge, sobald sie zur Besinnung gekommen, Susi aus dem Hause gewiesen und den Himmel zum Zeugen aufgerufen, er solle ihr eher das Dach über’m Haupte in Feuer aufgehen lassen, als daß sie freiwillig noch eine Nacht mit ihr unter demselben zubringe. Um noch größeres Aufsehen zu vermeiden, hatte Sixt bereits überlegt, ob er die Unglückliche zu sich auf das väterliche Gut bringen oder eine andere Unterkunft für sie ausmitteln solle; da löste die Frage sich von selbst, denn die Aufregung der Schwester, welche so hoch gestiegen war, daß sie entweder sofort aufhören, oder in Wahnsinn übergehen mußte, brach zunächst die kaum erst wiedergesammelte Körperkraft des schwächlichen Mädchens und warf Susi so schwer auf’s Krankenlager, daß sie aus dem Hause zu bringen gleichbedeutend gewesen wäre mit einem Versuche, sie geradehin zu tödten. Ein schlechtes Gemach in einem Nebengebäude des Hofes, das hie und da den Ehehalten oder Aushülfs-Tagwerkern zur Herberge dienen mußte, war Alles, was der eiserne Unwille der Greisin der Unglücklichen zugestehen konnte, ohne mit sich und ihrem Schwur in Widerspruch zu gerathen; dort lag Susi, von einer Magd nebenher gewartet und bedient, in der Gluth eines hitzigen Fiebers, das schon am ersten Tage in höchster Stärke ausbrach und sie dem Tode so nahe brachte, daß es sich nur um die Zahl der Stunden zu handeln schien, innerhalb deren sie demselben verfallen sollte. Viele Tage war sie so gelegen und erst in den letztern hatte der Geiste der Jugend über die anstürmende Wuth der Krankheit gesiegt, es war, als ob es das Verlangen nach dem ihr entrissenen Kinde gewesen, was sie in dem Ringen aufrecht erhalten, als ob die kämpfenden Mächte eine Art Stillstand geschlossen, um nach dem Wiederfinden und Wiedersehen den Kampf mit neuer Heftigkeit und gesteigerter Erbitterung wieder zu beginnen. Sterbensmatt, unfähig, ein Glied zu regen, lag Susi, als ihr die Nebel und Fieberbilder vor der Seele verflogen waren; es war fast nur das Herz, was in ihr sich regte, aber das erste Gefühl seines Schlages war das der Sehnsucht nach dem Kinde; seiner Erinnerung gehörte der erste Gedanke, ein Ruf nach ihm war der erste lallende Laut, die erste Frage an das wiedergekehrte Leben die nach seinem Aufenthalt. Die Magd zögerte nicht, den Bruder von diesem stündlich dringender wiederholten Verlangen in Kenntniß zu setzen; auch der Doctor schrieb ihm und rieth, der Kranken den Willen zu thun. Ihre ganze Lebensthätigkeit, geistig wie körperlich, erklärte er, sei so ganz und ausschließend in dem einen Gedanken zusammengedrängt, daß die Möglichkeit der Genesung nur von diesem Punkte aus gehofft werden könne; wisse die Leidende nur erst den Aufenthalt des Kindes, so sei ihrer Sehnsucht ein bestimmtes Ziel gegeben, damit und mit den Plänen des Wiedersehens werde Gleichmaß und Ruhe in das Gemüth wiederkehren und die Heilung des Körpers anbahnen, ihr den sehnlichen Wunsch verweigern werde neue Stürme der Leidenschaft wie der Krankheit herbeiführen, denen das ohnehin in seinen Grundfasern geschädigte Leben die nöthige Widerstandsfähigkeit nicht mehr entgegen zu setzen habe.

All’ diesem gegenüber bestand für Sixt kein Grund längeren Schweigens; er gewann es über sich, der Kranken einen kurzen Besuch zu machen, und eröffnete ihr, daß das Kleine sich wohl befinde, daß für all’ seine Bedürfnisse mehr als ausreichend gesorgt sei und daß ihr gemeinschaftlicher Jugendfreund und Lehrer es gewesen, durch dessen vertraute Hand das Mädchen der Pflege und Sorge der barmherzigen Schwestern im städtischen Waisenhause übergeben worden sei.

Susi erwiderte nichts, allein von diesem Augenblick trat in ihrem Befinden und Benehmen eine entschiedene Wendung zum Bessern ein; sie ward ruhiger, sie fragte nicht mehr, aber sie bestürmte den Arzt, wann es ihr wohl möglich sein würde, das Bett zu verlassen und wie sie ihre Herstellung beschleunigen könne … überraschend schnell war sie so weit gekräftigt, daß sie manchmal ein Viertelstündchen aufzustehen vermochte; ehe Jemand solches für möglich gehalten, war eines Morgens das Stübchen leer und sie selbst mit einem Päckchen der nothdürftigsten Habseligkeiten verschwunden.

(Fortsetzung folgt.)




Die Taufe im Flusse.


Es ist noch nicht lange her, als ich Abends von einem Ausfluge heimkehrte und in der Nähe von Stuttgart an dem Weiler Berg vorbei kam, der am Neckarstrande liegt. Bereits war es Abend und dunkel geworden und düstere Wolken hingen am Himmel. Auf einmal vernahm ich an diesem Orte, wo man sonst Abends die Volkslieder der Bauernbursche erschallen hört, einen sanft wimmernden Gesang, unter den offenbar Stimmen von Frauenzimmern gemischt waren. Der Gesang glich einem Klageliede, wie es eher an einem Grabe als an einer Heerstraße, eher in einem Conventikel als am Neckar unter freiem Himmel ertönt. Ich näherte mich, und nun kam mir eine Truppe von Menschen entgegen, in schwarzem Kleide, mit gefalteten Händen, voraus zwei sichtlich noch junge Frauenzimmer, von einem ungewöhnlich hochgewachsenen älteren Herrn geführt. Die Leute waren, wie mir schien,

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Eine Taufe im Neckar. Nach der Natur aufgenommen von F. Ortlieb.

[758] etwas verblüfft darüber, daß sie mich und einen nachkommenden Freund hier fanden. Wir Beide hielten uns zur Seite und sie zogen vorüber. Langsam folgten wir, neugierig zu sehen, was da kommen werde. Nun bewegten sie sich weiter und hielten an einem Häuschen am Neckar. Aus diesem Häuschen vernahmen wir Töne, die wie ein Gebet lauteten, und dann Gesang. Nach kurzer Zeit trat der Herr heraus, die beiden Frauenzimmer folgten ihm, aber in einem andern Anzug, der fast einem Hemde glich, dann erschien die übrige Versammlung. Jetzt warfen sich Alle auf die Kniee, hoben ihre gefalteten Hände zum Himmel empor und beteten, was, konnte ich nicht hören, die beiden Frauenzimmer und der Herr immer im Vordergrund. Der Herr hielt noch eine kurze Rede, darauf ergriff er eine der Frauen und führte sie, mit ihr hineinsteigend, in’s Wasser, sprach eine Formel und tauchte sie mit auf das Haupt gelegten Händen drei Mal bis an die Hüften unter; dann kam wieder ein Gebet und die Reihe an das andere Frauenzimmer. Nachdem mit ihr dasselbe geschehen war, wieder Gebet; zuletzt stiegen sie an’s Land und wurden von einem, wie mir schien, freudigen Gesang empfangen. Händedrücke und Umarmungen folgten, hierauf zogen sie Hand in Hand und Arm in Arm in Todtenstille nach der Stadt zu, unangefochten wie sie gekommen waren, aber sichtlich geistig gehoben. Sie hatten ja einen Triumph erlebt!

Es blieb kein Zweifel, ich hatte soeben einem Taufact der Baptisten beigewohnt.

Die Scene hatte auf mich und meinen Begleiter einen ergreifenden Eindruck gemacht. Die offenbare Andacht der Mitwirkenden, ihre klagenden Gesänge und Gebete, ihr inniges Zusammenhalten, das Alles in dunkler Nacht bei dem Rauschen der Wasserwogen, hatte uns gerührt. Wir meinten, wenn die Leute auch eine eigenthümliche Anschauung der Religion haben, sie müssen doch gute und fromme Menschen sein; und so ist es in der That.

Vielleicht hört der Leser gern etwas Weiteres über die merkwürdige Glaubensgenossenschaft der Wiedertäufer. Die gläubig-sittliche Vertiefung, die ihnen eigen ist, wird wohl auch für freier Denkende nicht ohne Interesse sein.

Die Wiedertäufer oder Taufgesinnten sind vor einigen Jahren und unlängst wieder in Württemberg hervorgetreten. Schwaben ist bekanntlich nicht erst seit heute Sitz und Sammelplatz der Phantasten, Sectirer, Schwärmer und Pietisten. In Stuttgart bildete sich meist von Handwerkern eine kleine Wiedertäufergesellschaft, auch einige benachbarte Dörfer nahmen Theil an ihr. Das Hauptmitglied war ein Instrumentenmacher, Schaufler mit Namen. Im Jahr 1837 weigerte er sich, ein ihm neugeborenes Kind taufen zu lassen, weil er durch Forschen in der Schrift zu der Ueberzeugung gekommen sei, daß die Kindertaufe den Aussprüchen Christi und der Apostel zuwiderlaufe. Er meinte, die Taufe sei ein Bund mit Gott und könne daher nur mit vollem Bewußtsein geschlossen werden. Die sämmtlichen Mitglieder beriefen sich auf Stellen im Evangelium des Matthäus und in der Apostelgeschichte. Schaufler war ein Schwärmer und ist es noch, die Uebrigen hielten sich mehr zurückgezogen, rechtschaffen und fleißig, aber fanatisch. Die Gemeinde griff ihre Sache gleich praktisch an und faßte den Beschluß, die rechte Taufe an sich vornehmen zu lassen. Also geschah es. Onken, Baptistenprediger in Hamburg, traf auf eine an ihn ergangene Einladung in Stuttgart ein, hielt hier Vorträge über die Grundsätze des Baptismus und taufte im October des nächsten Jahres zweiundzwanzig Personen unweit Stuttgart im Neckar. Im December desselben Jahres nahm hierauf Schaufler an mehreren Personen eine neue Flußtaufe vor, natürlich nach vorausgegangener Buße und Belehrung. Aufsehen hat die Gemeinde der Baptisten zuerst in Stuttgart gemacht zu einer Zeit, wo die Civilehe noch nicht eingeführt war, als ein Baptist, der sich mit seiner Braut verbinden wollte, den Segen des Geistlichen zurückwies.

Die Opposition gegen die Kindertaufe ist uralt. Längst vor der Reformation wurden die Opponenten als Ketzer bezeichnet und durch das ganze Mittelalter dauerte das Widerstreben, welches heute noch nicht aufgehört hat. Zuerst riefen die sogenannten Zwickauer Propheten Unruhen in Zwickau und Wittenberg hervor, offenbar durch Luther’s Auftreten angeregt. Es waren das Thomas Münzer, Cellarius, Stübner, Storch, Thomä und Andere, Gevatter Schneider und Färber und Handschuhmacher, allein sehr geistesbewegliche Leute; sie wollten göttliche Offenbarungen, ein inneres Licht neben dem Wort der Bibel haben, drohten den Fürsten, daß ihnen das Schwert abgenommen werde auf Erden, unterstützten den Bauernkrieg und kämpften ihn selbst mit, wie besonders Münzer, verwarfen vor Allem die Kindertaufe, setzten die geistige Taufe in höherem Alter an deren Stelle, neigten zur Gütergemeinschaft und forderten die Gleichheit aller Christen.

Diese Wiedertäufer verbreiteten sich rasch weiter und weiter und vermischten oft mit dem kirchlich-religiösen Streben fremdartige Zwecke und Agitationen, die sie in der derbsten Weise zur Ausführung brachten, in einer fanatisch-wüthenden, oft unreinen, oft edlen Begeisterung. Vor Allem waren sie revolutionär gesinnt und reizten daher die Fürsten gegen sich auf, ebenso auch Luther, der dem Landgrafen Philipp von Hessen rieth, sie mit Gewalt zu vernichten. Auch Karl der Fünfte erließ die härtesten Verordnungen gegen sie auf den Reichstagen zu Speier 1529 und 1530; zu Hunderten wurden sie mit Feuer, mit Schwert und Wasser hingerichtet und besonders nach der Schlacht von Frankenhausen zu Tausenden niedergestoßen. Aehnliches geschah in der freien Schweiz, in England unter Heinrich dem Achten und unter Elisabeth und in den Niederlanden. Ein wahres Morden begann gegen die Anabaptisten, wie man sie nannte, und wer etwas freier dachte als die Mehrzahl seiner Zeitgenossen, der wurde leicht als Wiedertäufer denuncirt.

Der Protestantismus verwirft jede falsche, ungöttliche Autorität in Glaubenssachen, der Anabaptismus dagegen lehnt sich wider jedwede Autorität überhaupt auf. Daher schritt er zum Aufruhr und griff zu Feuer und Schwert wie seine Gegner.

Am berühmtesten ist das Wiedertäuferthum durch das bekannte Drama geworden, welches es zu Münster in Westphalen aufführte. Dicht vor den Thoren der alten Bischofstadt predigte Bernhard Rothmann und erregte durch seine freien Predigten gegen die katholische Kirche und den Klerus großes Aufsehen. Als ihn die Geistlichkeit nicht weiter predigen lassen wollte, nahm sich die Bürgerschaft seiner an; sie bekam fast alle Kirchen in ihre Hände und errang volle Religionsfreiheit. Zu den entschiedensten Anhängern von Rothmann gehörte von Anfang an ein gewisser Knipperdolling, längst bekannt als wüthender Gegner der Bischöfe und der Pfaffen. In kurzer Zeit bemächtigten sich die Wiedertäufer des Münsters und fast aller andern Kirchen und richteten den Gottesdienst nach ihrem Willen ein. Als der Fürstbischof mit Gewalt gegen sie einschreiten wollte, kamen ihm die Münsterischen durch einen Ueberfall zuvor, bis der Landgraf von Hessen einen Friedensvertrag zwischen den Parteien zu Stande brachte, freilich ohne daß darum die Ruhe wiedergekehrt wäre. Kurz darauf zogen niederländische Wiedertäufer in Münster ein, der Apostel Jan Bokelson und der Prophet Mathiesen, welche der Rath nicht zu vertreiben vermochte. Die Wiedertäufer wurden Meister in der Stadt und vertrieben die Andern, Papisten und Lutheraner, zerstörten Kirchen, Klöster, Bilder, Bücher und Kunstwerke, führten die Gütergemeinschaft ein, zerrissen wirklich die Schuldurkunden und erstatteten schon erhobene Zinsen zurück, deren Erhebung sie für ein Unrecht ansahen. Die Stadt, von außen belagert, wurde ein Heerlager. Die Wiedertäufer, fanatisch aufgeregt, stritten wie die Löwen.

Nachdem ihr Prophet Mathiesen bei einem Ausfall vom Feind in Stücke gehauen worden war, trat Bokelson, Johann von Leyden genannt, ein Schneider, an seine Stelle. Zwölf Männer sollten mit ihm als Aelteste der zwölf Stämme die Gewalt üben. Zum Schrecken der Uebelthäter, natürlich der Gegner, sollte Knipperdolling der Schwertträger, d. i. der Scharfrichter, sein. Sodann wurde durch Johann von Leyden die Vielweiberei eingeführt; Jeder sollte Weiber nehmen dürfen, soviel er wollte; übrigens sollte das neue Jerusalem nur aus Wiedergeborenen bestehen. Endlich trat ein Prophet auf mit dem Ausspruch: der Vater im Himmel habe ihm gesagt, daß Johann von Leyden, der Mann Gottes, ein König der Gerechtigkeit sein solle über den ganzen Erdboden; er solle einnehmen den Stuhl seines Vaters David, mit Heeresmacht ausziehen und alle Obrigkeiten, geistlich und weltlich, ohne Gnade erwürgen, aber die Unterthanen verschonen, wo sie Gerechtigkeit thun wollen. Der Schneider als Fürst, zu Roß mit Krone, Scepter und Schwert, im Purpurmantel von Gold strotzend, hatte sechszehn der schönsten Frauen; er führte ein Schreckensregiment, das aber auf lauter Religion beruhen sollte. Der Gottesdienst wurde nicht mehr in den Kirchen, den „Häusern Baals“, sondern unter freiem Himmel auf dem Marktplatz gehalten und zuweilen mit Tänzen geschlossen, bei welchen der König vortanzte.

[759] Schließlich wurde die Stadt, weil die ersehnte Hülfe der deutschen Wiedertäufer ausblieb, im Jahre 1535 nach hartem Kampf und furchtbarem Gemetzel von dem Bischof wieder erobert. Johann von Leyden, Knipperdolling und Krechting wurden gefangen und in schrecklicher Weise hingerichtet; auf dem Markte zu Münster wurde ihnen am 22. Januar 1536 mit weißglühenden Zangen ein Theil des Oberleibes nach dem andern abgerissen und dann erst der Tod gegeben. Ueber eine Stunde dauerte die gräßliche Marter; gleichwohl blieb Johann von Leyden trotz des Zuspruchs zweier hessischer Geistlicher dabei, daß er der berufene König sei, so daß man sich wirklich fragt: waren die Männer Betrüger und Heuchler, oder verirrte Schwärmer und Fanatiker?

In jenen Gegenden hatte nun das Wiedertäuferthum ein Ende; der Katholicismus siegte wieder und verfolgte die Secte überall auf das Grausamste. Die Niederlage der Wiedertäufer in Münster war, wie in Mühlhausen in Thüringen, wo Münzer sein Wesen trieb, zugleich der Untergang der bürgerlichen Freiheit. Münster wurde nun eine geistliche Zwingburg und 1588 zogen die Jesuiten ein. Nicht in Abrede läßt sich stellen, daß die Wiedertäufer an der ihnen widerfahrenen ungerechten und unchristlichen Härte selber mitschuldig waren, indem sie aus Trotz und ohne Noth gegen alle damaligen weltlichen und geistlichen Gesetze und Sitten verstießen; auf der anderen Seite mußten auch die Besseren und wirklich Frommen unter ihnen büßen für die Tollheiten der Andern, sie litten unter dem Haß und der Furcht, welche die Münsterischen Wiedertäufer erregt hatten, und unter den alten und neuen Gesetzen der deutschen Kaiser. Die Protestanten selbst waren genöthigt, sich von ihnen loszusagen, weil sie den Protestantismus überall in Mißcredit brachten.

Uebrigens beginge man einen großen Irrthum, wollte man alle Wiedertäufer als Schwärmer und wilde Fanatiker bezeichnen; offenbar war vielmehr Etwas von einer geistigeren, idealeren Richtung in ihnen, daher erhielten sie sich auch trotz der furchtbaren Niederlagen. Schon Rothmann und Copris verlangten eine gründliche Reformation des Lebens, Vermeidung alles weltlichen Umgangs mit Menschen, der Unmäßigkeit in Genüssen, des Schwörens, auch des öffentlichen Kirchengehens, damit sie nicht durch eitle Lehren und den verkehrten Gebrauch der Sacramente befleckt würden und den Zorn Gottes auf sich lüden; dann erst seien sie würdig, mit dem Merkmal des Bundes Gottes, der neuen Taufe, bezeichnet zu werden.

Aus den Wiedertäufern, mit deren Namen überall die Vorstellung der Excentricität sich verband, entstanden durch Menno Simons, einen wirklich frommen Mann, noch im sechszehnten Jahrhundert die Taufgesinnten oder Mennoniten. Seine Anhänger, mit denen eine neue Periode der Anabaptisten beginnt, verwarfen die Kindertaufe, den Eid, den Gebrauch der Waffen, jede Art von Rache, die Ehescheidung, außer im Fall des Ehebruchs, verlangten strenge Kirchenzucht und den Bann, weil die Kirche eine Gemeinschaft von Wiedergeborenen sei. Der Obrigkeit müsse man gehorchen und für sie beten, sie sei aber keineswegs von Christus in seinem geistlichen Reich eingesetzt. Christen, die der Welt abgestorben, enthalten sich weltlicher Aemter. So weit hatte sich ihre ursprüngliche Opposition gegen die weltliche Obrigkeit gemildert. Die Mennoniten empfahlen sich überall durch Fleiß, Sparsamkeit und Wahrheitsliebe.

In den Niederlanden trennten sie sich wegen des Bannes in strengere und mildere, feinere und gröbere; die groben nannte man Waterländer, weil sie in der Gegend von Franecker im Waterland wohnten; sie stritten viel mit einander, vereinigten sich aber im siebenzehnten Jahrhundert und wurden überhaupt mild und duldsam. Der Statthalter Wilhelm von Oranien verschaffte ihnen bürgerliche Rechte und Freiheit von Eid und Kriegsdienst.

In England, wo sie ursprünglich hart verfolgt wurde, erlangte nachmals die Secte der Baptisten eine große Ausdehnung und verpflanzte sich dann auch nach Amerika, wo sie sich besonders auf Rhode-Island, in Pennsylvanien und Maryland niederließ. Jetzt mögen in Amerika an sechs Millionen Baptisten leben, die in ihren Glaubenssätzen und Gebräuchen vielfach von einander abweichen. In der Schweiz und in Oesterreich, im übrigen Deutschland, am Rhein, in Schwaben, wo sie meistens unschädliche Schwärmer sind, in Danzig, Altona, in einigen westphälischen und pfälzischen Orten erhielten sie allmählich Duldung. In neuerer Zeit war besonders der englische Missionär Onken für den Baptismus thätig. In Deutschland haben die Baptisten übrigens keine große Bedeutung; ihre Zahl soll in zweiundfünfzig Gemeinden kaum über dreitausend sein, während sie in Amerika, als die zahlreichste aller dortigen Religionsparteien, eine Macht sind und durch ihr ehrenhaftes Betragen, ihre in manchem Betracht freien Ansichten und ihre Milde gegen Andersdenkende meist in hoher Achtung stehen.




Eine Mustermordanstalt.


„Gesegnet sei die Cholera! Ja ja, im vollen Ernste, gesegnet sei die Cholera!“ so riefen Tausende von New-Yorkern im Herbste 1866. Denn der von Europa im Frühlinge d. J. herübergeschleppten Cholera, oder vielmehr der Furcht vor ihr verdankte es die Stadt New-York, die von zwei früheren Cholera-Epidemien so entsetzlich schwer gelitten hatte, daß etwas geschah, was man für beinahe unmöglich gehalten hatte: die Stadt wurde in aller Eile gereinigt, geputzt, gesäubert, entpestet und dadurch der Cholera der Einzug verwehrt. Natürlich hätten es die städtischen Behörden und die Bürger selbst nicht fertig gebracht; denn welcher billig denkende Mensch hätte es dem Unternehmer, der über eine halbe Million Dollars jährlich für Straßenreinigung bezieht, zumuthen können, die Straßen allen Ernstes fegen zu lassen, wenn er zwei Drittel der Contractsumme in die Taschen der Stadtväter und ihrer Helfershelfer abliefern muß und wenn er das dritte Drittel nothwendig für sich selbst braucht? Und wie konnte man von den wohlbestallten städtischen Gesundheitsbeamten verlangen, daß sie Schlachthäuser, Seifen-, Fett-, Leim- und Knochensiedereien, Bleiweißfabriken, Gerbereien und andere gesundheitsgefährliche Gewerbe aus dem städtischen Weichbilde auswiesen, wenn sie von den Inhabern derselben so schöne Renten für Duldung derselben bezogen, aus deren Ertrag sie und ein langer Schweif hungriger Politiker ihren Lebensunterhalt deckten? Wie sollten endlich die stimmberechtigten Bürger in ihrer souveränen Machtfülle etwas zur Abwehr der Cholera thun, wenn sie in ihrer Mehrheit Irländer sind, von jedem denkbaren öffentlichen Mißbrauch Vortheil ziehend und gelenkt von einer kleinen Schaar demagogischer Leithämmel, denen sie um so gewissenhafter ihre Stimmen verkaufen, je besser diese für dieselben bezahlen? Also, wie gesagt, die Abhülfe konnte blos von auswärts kommen, von der gesetzgebenden Versammlung des Staates New-York, welche denn auch im Frühjahr 1866 in aller Eile ein Gesetz erließ, das die Reinigung und Gesundmachung der Stadt einer vom Staate erwählten Gesundheitsbehörde mit unbeschränkten Vollmachten übertrug. Ein Zetermordio erscholl durch alle „demokratischen“ Quartiere über diesen neuen Eingriff in die Municipalrechte der Stadt, in die geheiligte Selbstregierung des Volkes; aber der neue „Board of Health“ (Gesundheitsbehörde) unter dem Vorsitz des Dr. Schultz griff energisch ein und vollbrachte die Reinigung des Augiasstalls so schnell, wie es kaum ein Hercules gethan haben könnte.

Die Schlächterei war, wie gesagt, bis dahin innerhalb der eigentlichen Stadt, und zwar zumeist in sehr dichtbevölkerten Vierteln betrieben worden. Allabendlich wurden große Viehheerden durch die belebtesten Straßen getrieben und unter die Hunderte von Schlächtern vertheilt, welche sie in abscheulichen Löchern von Ställen aufbewahrten, bis sie geschlachtet wurden. Der Gestank in diesen Schlachthäusern und bis in einige Entfernung davon war um so gefährlicher, als man für die Abfälle keinen Absatz hatte, das Blut, ebenso wie der Unflath, in den Rinnsteinen bis zur nächsten Canalöffnung abfloß, die nicht verkäuflichen Theile der Eingeweide in den Fluß geworfen wurden, auf dem sie oft wochenlang mit Ebbe und Fluth an allen Ufern umherschwammen, und die Schlachträume selbst aus Mangel an Raum elend ventilirt waren. Außerdem konnte das Fleisch dieser Thiere unmöglich gesund sein. Das meiste Schlachtvieh des nordamerikanischen Ostens kommt aus dem Westen, der Transport auf den Eisenbahnkarren dauert fünf bis sechs Tage oder Nächte; während dieser ganzen Zeit konnten die Thiere sich nicht legen, nicht gehörig gefüttert und getränkt werden. Dann kamen sie in die Stallungen der Vorstädte: [760] auch hier war schlecht für Raum, Futter und Wasser gesorgt; hier von den Schlächtern aufgekauft, wurden sie in der inneren Stadt, wo der Raum so kostspielig ist, theilweise in Kellern und elenden Gehöften untergebracht, oder sofort, in fieberhaftem Zustande, geschlachtet. Kein Wunder, wenn die neue Gesundheitsbehörde genöthigt war, in den ersten Wochen ihres Bestehens Tausende von geschlachteten Rindern, Schweinen, Schafen und Kälbern von Amtswegen ohne Entgelt wegzunehmen und verscharren zu lassen. Endlich war die Grausamkeit, mit welcher diese Thiere behandelt wurden, ganz besonders auch beim Schlachten selbst, ein für die Sittlichkeit der Bevölkerung verderbliches Beispiel, abgesehen von den unnöthigen Qualen der armen Schlachtopfer selbst.

Die Gesundheitsbehörde verbannte alle Schlachthäuser, gegen welche von den Umwohnern Klage erhoben wurde, und selbst eine Anzahl anderer, gegen die sich kein Kläger fand, aus dem Umkreise der Stadt. Das gab Anlaß zur Errichtung des großen Schlachthauses von Communipaw. Es bildete sich eine Actiengesellschaft von Viehtreibern des Westens und Schlächtern des Ostens, welche vom Staate New-Jersey incorporirt wurde, ein Stück Land am südwestlichen Ende des Fleckens Communipaw, der aus der Revolutionsgeschichte bekannt ist, sechsundzwanzig Acker groß, erwarb und daselbst nach dem Muster des großen Pariser Abattoirs, nur in noch bedeutenderem Maßstabe, Gebäude und Räumlichkeiten herrichten ließ, welche schon am 15. October 1866 eingeweiht werden konnten.

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Das neue große Schlachthaus von New-York.

Diese bestehen aus einem Schlachthause für Rinder und Schweine, zweihundert und neunzig Fuß lang, fünfundsiebenzig breit, mit der Grundflur drei Stockwerk hoch und mit Anbauten zum Einlaß der Schlachtthiere bestimmt, zweitens aus einer Stallung für Schweine und Schafe, neunhundert Fuß lang, fünfundsiebenzig breit und drei Stockwerke hoch, ferner aus einem Schlachthaus für Schafe, mehreren Pferdeställen, einem großen Hotel zur Aufnahme der Treiber, Händler und Schlächter, sodann aus einem offenen Raume für Rindvieh, der durch starke Pfosten- und Riegelzäune in eine große Anzahl kleinerer Stallungen von jeder beliebigen Größe abgetheilt ist, endlich aus Nebenbauten aller Art und Dienstwohnungen. Von der New-Jersey-Centralbahn, welche, mit allen großen westlichen Bahnen in Verbindung, die nächste Verkehrslinie zwischen Osten und Westen bildet und hart an der Nordostgrenze des Grundstücks entlang führt, ist ein kurzer Ausläufer dicht an die Hinterseite der Stallungen und Schlachthäuser geleitet. Die Viehzüge kommen des Nachts an, oft vier bis fünf in einer Nacht, und die Rinder werden sofort in die Einzäunungen unter freiem Himmel (woran hier alles Vieh gewöhnt ist), die Schweine in die beiden unteren, die Schafe in das obere Stockwerk des großen Stallgebäudes eingetrieben, mit frischem Wasser und gutem Futter und mit Raum genug zum Liegen und Ausruhen versorgt. Mit dem frühen Morgen stellen sich die Zwischenhändler und Schlächter ein, der Markt beginnt und dauert bis tief in den Vormittag hinein. Das Schlachten nimmt im Winter um drei Uhr Nachmittags, im Sommer bei Sonnenuntergang seinen Anfang und ist um Mitternacht beendet, worauf die Verladung des geschlachteten Viehes beginnt. Ein großer Theil des Viehes wird lebendig weitergeschafft, da sich hier außer der Stadt New-York noch viele Nachbarstädte damit versorgen und noch immer in der Stadt New-York selbst viele Schlachthäuser geduldet werden, wofern sie in gesundheitlicher Beziehung keinen Anstoß geben. Die Hinwegschaffung der lebendigen, wie der ausgeschlachteten Thiere kann auf drei Wegen erfolgen: zu Schiffe, da das Schlachthaus unmittelbar an dem oberen New-Yorker Meerbusen und größtentheils auf einem dem Meere abgewonnenen Grunde steht; durch die Centralbahn von New-Jersey, mit welcher auch am unteren Ende des Hofes ein kurzer Schienenweg verbindet; endlich zu Wagen, für welche eine breite und lange Anfahrt gelassen ist. Die Entfernung von New-York beträgt etwa drei englische Meilen.

Ein vom Berichterstatter selbst aus den Büchern der Compagnie gemachter Auszug zeigt, daß in dem Halbjahre vom Anfang März bis Ende September 1867 in der Anstalt abgeliefert wurden: 49,867 Rinder, von denen aber nur 8812 hier geschlachtet wurden, 177,764 Schweine, geschlachtet 153,433; ferner 94,038 Schafe, geschlachtet 80,569. Außerdem wurden 6836 Pferde eingeliefert und – natürlich lebendig – verkauft. An Heufutter wurden im Durchschnitt 40,000 Pfund, und an Welschkorn 4000 Pfund die Woche geliefert und verfüttert. Die Einnahmen für Benutzung der Ställe und Schlachteinrichtung betrugen durchschnittlich eintausend Dollars die Woche, was zusammen mit dem Pachtpreise des Hotels und Nebeneinnahmen an sechszigtausend Dollars jährlichen Bruttoertrag, und bei einem Stammcapitale von 400,000 Dollars und zehn Procent Interessen noch immer viel reinen Ueberschuß ergeben dürfte. Die Gebäude sind mit Ausnahme des Grundes durchaus von Holz, aber sehr tüchtig aufgeführt. Die Reinigungskosten würden, da das Schlachthaus zweimal täglich, die Stallung mehrmals wöchentlich gereinigt wird, beträchtlich sein, wären sie nicht durch eine sehr sinnreiche Einrichtung der Wasserleitung vermindert, die allen Unflath fast ohne Zuthun menschlicher Arbeit hinweg und in den Abfallraum spült, wo eine Guanofabrik ihn in Empfang nimmt und zu Schiffe in ihre Fabrikräume schafft. Durch dieselbe Wasserleitung ist jede Feuersbrunst leicht verhütbar und wird in den Ställen den Thieren reichlich reines, frisches Wasser zugeführt. Für Gasbeleuchtung ist ausreichend gesorgt; die Ventilation der Häuser geschieht durch einen längs des Firstes aller Dächer hinlaufenden Ventilator und viele Fenster, welche, außer bei sehr kaltem oder stürmischem Wetter, fortwährend offen sind. Die Anstalten zur Erleichterung der Arbeit sind mannigfach und sinnreich. Da die Stallungsräume in eine Menge Abtheilungen von jeder beliebigen Größe zerfallen, so können die Treiber ihre Waare sehr sorgfältig sortiren und dem Händler die Uebersicht über den Vorrath erleichtern. Zum Ein- und Austreiben des Kleinviehes in den oberen Stockwerken dienen schiefe Ebenen mit Geländern.

Ein Mann besorgt das Wägen sämmtlichen Kleinviehes in allen drei Stockwerken des Stallgebäudes von seinem Comptoir aus, in welchem der eine Arm der drei großen Brückenwagen einmündet. Alles Heben und Herablassen von Lasten innerhalb des ganzen Schlachthauses wird von einer einzigen Dampfmaschine besorgt, von fünfunddreißig Pferdekraft, welche zugleich die großen Kessel mit Dampf heizt, in denen Rindstalg und Schweineschmalz zerlassen werden, um von da in die geaichten Fässer abzufließen. [761] Mit einer fast unglaublichen Schnelligkeit wird das Schlachtopfer entseelt und ausgeweidet, zerstückt und verpackt. Ein Rind ist in zwanzig Minuten, ein Schwein in sechs bis sieben Minuten, ein Schaf in fünf Minuten aufgeputzt (dressed) und zur Versendung bereit. Das Sterben wird den armen Thieren so leicht gemacht, daß es fast aussieht, als ob die Opfer ordentlich mit Vergnügen herzuträten, um dem elenden, sorgenvollen Leben Valet zu sagen. Der Augenblick des Hinscheidens ist so wenig schmerzlich, man hört so wenig einen Klagelaut, daß ein unbetheiligter Zuschauer an das Goethe’sche Wort erinnert wird: „Ich möchte zu dem Augenblicke sagen: o weile doch, du bist so schön!

Natürlich ist die Theilung der Arbeit unter Viele und die dadurch bewirkte Geschicklichkeit jedes Einzelnen die Hauptursache, wenn man kaum so geschwind sehen kann, wie die Verwandlung beseelter Wesen in Rohstoff für den Magen erfolgt. Bei einem Schweine sind es sechs Mann, welche sich in die Zerstückelung, und eben so viele, welche sich in die Schlachtung, Abbrühung und Verpackung theilen. Rinder und Schafe werden immer, Schweine wenigstens theilweise ganz gelassen, nachdem sie gehäutet, beziehentlich gebrüht und ausgeweidet sind. Eine längs der Fenster des Schlachthauses in jedem Stockwerke in doppelter Mannshöhe an den Deckbalken angebrachte Eisenbahn oder Eisenstange, an welcher Ringe hängen, von denen wieder Riemen mit Haken zur halben Mannshöhe herabreichen, erlaubt es, das schwerste Schlachtstück nach jedem Theile des Gebäudes fast ohne Kraftaufwand zu ziehen; eine von der Dampfmaschine getriebene eben so lange eiserne Welle, über welche Riemen laufen, gestattet diesen, als eben so viele Kloben zu wirken und den schwersten Ochsen mit Leichtigkeit hoch oder niedrig aufzuhängen.

Das Tödten der Rinder geschieht entweder durch den Spieß oder durch das lange Messer, je nach Belieben der Schlächter. Im erstern Falle wird das Thier in einen engen Anbau mit zwei Thüren getrieben. Sobald es durch die eine eintritt – und man muß sehen, mit welcher Gladiatorenwürde es geschieht, trotzdem so wenige Zuschauer dabei sind, die Beifall klatschen könnten – senkt sich von oben herab ein Spieß, den ein auf einer Planke stehender En-gros-Mörder mit unfehlbarer Sicherheit handhabt, ihm in’s Genick, an der Stelle, wo das Hinterhaupt an den obersten Halswirbel und das kleine Gehirn an das Rückenmark stößt, und lautlos und ohne Zuckung stürzt es in sich zusammen. Sofort öffnet sich die vordere Thür, und ein anderer Barbar bringt ein Ende des obenerwähnten Riemens herein mit einer Schlinge daran, die um ein Hinterbein geschlungen wird und den Stier in das eigentliche Schlachthaus hereinzieht, um „dressed“, aufgeputzt, zu werden. Sollte der Spieß ja einmal fehlgehen, so empfindet das Thier ebenfalls keinen Schmerz, weil er blos zwei Zoll tief eindringen, also die Fettschicht nicht durchbohren und Blut hervorlocken kann. Im andern Falle tritt der Stier beim Anlangen durch die Hinterpforte sogleich in die bereitliegende Schlinge und es „öffnet sich behend das zweite Thor“, und ehe er sich’s versieht, baumelt er in der Luft, den Kopf nach unten, und ein blutdürstiger Künstler hat ihm in dieser wehrlosen Haltung die ganze Kehle mit einem langen Messer durchschnitten. So leicht stirbt wohl keiner von Denen, die an seinem Tode schuld sind, keiner von Denen, in deren Mägen er spaziert und deren Tage er verlängern hilft. Man sieht, es giebt doch noch poetische Gerechtigkeit in der Welt!

Die Gesellschaft, welche dieses Schlachthaus sammt Zubehör errichtet hat, findet ihren Hauptgewinn nicht in den Reinüberschüssen derselben, sondern in dem besseren Preise, den ihre Hauptactionäre, die großen westlichen Viehtreiber, durch diese Einrichtung für ihr Vieh erzielen, welches gesünder und schwerer auf den Markt kommt, weil es sich nach der Eisenbahnfahrt erst erholen kann, sowie durch billigere Behausung für das Vieh, welches nicht sofort Käufer findet. Die Compagnie selbst hat mit dem Geschäft des Schlachtens nichts zu thun, sondern vermiethet blos ihre zeit- und kraftersparenden Einrichtungen dazu an die Schlächter. Diese sind denn wohl auch das in ihrer Art Vollkommenste in der Welt, und jede genauere Beschreibung der vortrefflichen mechanischen Vorrichtungen im Schlachthause würde vielfach mehr Raum füllen, als wir ihr widmen können. Das fleischessende und an der Gesundheit seiner Haupt- und Weltstadt interessirte New-Yorker Publicum empfindet im Genusse gesünderen Fleisches und in der Entfernung von Hunderten von Altären der Göttin Mephitis einen großen Fortschritt.
A. Douai.




Ein Herrenhaus der Wissenschaft im hohen Jura.
Von Stephan Born.


Weit über die Grenzen des Cantons Neuchatel und der Schweiz hinaus ist in den letzten Jahren der Name eines Landgutes bekannt geworden, welches weniger durch prunkvolle Anlagen als durch den Reiz seiner Zurückgezogenheit, vor Allem aber durch die edle Gastfreundschaft seines in der wissenschaftlichen Welt rühmlich bekannten Eigenthümers allsommerlich eine größere Anzahl hervorragender Persönlichkeiten zu längerem Aufenthalte versammelt.

Seiner Abstammung nach ein Franzose, denn er ist in der Hugenottencolonie zu Friedrichsdorf bei Frankfurt geboren, seiner Erziehung nach ein Deutscher, doch durch langjährigen Aufenthalt auf republikanischem Boden von Herzen ein Schweizer, hat Professor Eduard Desor, der Eigenthümer von Combe-Varin – so heißt jenes Landgut – die Wurzeln seiner Existenz in drei verschiedenen Ländern befestigt, während er durch seine weiten Reisen nach nordischen Regionen wie nach dem Wüstensand Afrikas und durch seine mehrjährige Thätigkeit auf dem amerikanischen Continent mit seinen Zweigen weit hinüberragt über die begrenzte Lebenssphäre eines Stubengelehrten und überall einen reichen Kranz von blühenden Freunden und wissenschaftlichen Genossen sein eigen nennt. Was Wunder, daß sich von Zeit zu Zeit auf Combe-Varin die bedeutenderen Männer verschiedenster Nationalität zusammenfinden, um sich hier als alte Bekannte die Hände zu drücken; denn die Wissenschaft hat seit lange schon die morschen Tempelwände ihrer ersten Heimath niedergerissen, von Tag zu Tage vermehrt sie ihre friedlichen Annexionen, und was sie dem Reiche der Unwissenheit und des Vorurtheils abgerungen, das hat sie der Menschheit gewonnen.

Den bequemsten Weg von Neuchatel nach Combe-Varin bietet die interessante Eisenbahn Franco-Suisse, welche in zahlreichen Tunnels den Jura durchschneidet, um bei Pontarlier die französische Grenze zu erreichen. Bei der Station Noiraigue entsteigen wir dem Waggon und wandern in einer kleinen Stunde nach dem Pontsthal, in welchem Desor’s Landhaus steht.

Ganz eigenthümlich ist der Reiz, welchen dieses Hochthal, dessen Haupterwerbszweig Uhrenindustrie und Viehzucht bilden, auf den Besucher ausübt. So wie er die hohe Gebirgskette überschritten, von deren kahlen Kuppen er noch einen Abschiedsblick auf den heitern See und die weißen Firnen der Alpen geworfen, tritt er hinab in eine von waldigen Anhöhen eingeschlossene grüne Mulde, an deren Rändern weißschimmernd ihn die sonnenbeschienenen Dörfer und Weiler als der Aufenthalt stiller, glücklicher Menschen begrüßen. Es weht ihn an wie festliche Sonntagsruhe nach wogendem Alltagstreiben, und wer sich müde gekämpft daheim in den Mühen des Lebens, dem sind urplötzlich die Sorgen weggewischt von der glühenden Stirn, das Herz fühlt sich selig beruhigt, es fühlt sich berührt von dem milden Hauche des Friedens.

Unendlich wohl namentlich thut die ungeheure Wiesenfläche des Thales, die nur hier und da durch einzelne Häuser und Bäume unterbrochen wird und mit den zahlreichen läutenden Viehheerden uns an ein patriarchalisches Leben der Thalbewohner gemahnen möchte, wenn nicht die Fenster an den rothbedachten Häusern, welche sich an den Berglehnen zu größeren Dörfern zusammendrängen, uns an moderne Cultur und einen Gewerbfleiß erinnerten, der aus diesem stillen Thale alljährlich Tausende und Tausende von Taschenuhren über alle Welt versendet. Die Abwesenheit eines rauschenden Baches wie überhaupt jedes nennenswerthen Wassers trägt wesentlich zu dem besondern Charakter der Landschaft bei und erhöht den Eindruck der in sich abgeschlossenen Ruhe, mit welchem sie uns so wunderbar überrascht. Ja, diese Welt für sich birgt zwischen ihren umgipfelten Wänden [762] ihre eigenen Zauber und Geheimnisse; jenen frohmüthig sich hinzugeben, diesen mit offenen Sinnen fragend und forschend nachzugehen, darin liegt der unendliche Reiz eines Sommeraufenthalts in Combe-Varin, dessen freundlicher und geehrter Wirth, wenn uns der Räthsel zu viele entgegentreten, es gern übernimmt, uns der unerwarteten Auflösung nahe zu führen.

Ehemals ein Jagdhaus adeliger Familien, verräth das Hauptgebäude dieses Landsitzes noch heute seinen ursprünglichen Zweck in den zahlreichen alten Kupferstichen, welche die Wände des Hausflurs schmücken und sich sämmtlich auf das edle Waidwerk beziehen. Anspruchslos und nach der Landessitte nur durch seine Thurmknöpfe auf dem Dache als ein Herrenhaus bezeichnet, erscheint das Gebäude auf den ersten Blick als zu kurzem Landaufenthalt bestimmt, und deshalb hat sein jetziger Eigenthümer ihm diesen bescheidenen Charakter gelassen und auch den von ihm herrührenden Anbau ohne jeglichen Luxus aufgerichtet. Wer unter diesem einfachen Dache einkehrt, soll jeden Anspruch auf conventionellen Glanz von sich werfen. Behagliche Ruhe, ein anregendes Gespräch in gleichgestimmter, heiterer Gesellschaft, ein vortreffliches Mahl, ein gesunder Spaziergang in Wald und Wiese – wer von einem Sommeraufenthalt auf dem Lande etwas Anderes verlangt, der scheint uns der rechten Lebensweisheit noch zu entbehren.

Combe-Varin hat unter seinem jetzigen Besitzer viele edle Häupter beherbergt, echte Ritter vom Geiste, und wer die Namen liest, welche zur Erinnerung an die Gäste die Bäume zieren, die uns in langer Reihe nach dem Wohnhause hin geleiten, der kann sich einer freudigen und stolzen Erregung nicht erwehren, von so auserlesener Gesellschaft, die sich gleichsam in Spalier hier aufgestellt, begrüßt zu werden. Da winken uns von den markigen Stämmen, den Säulen einer lebendigen Ehrenhalle, Namen von bestem Klange entgegen: die deutschen Gelehrten Liebig, Virchow, Vogt, Eisenlohr, Schönbein, Dove, Wöhler, Moleschott; die Schweizer Studer und Escher von der Linth; die Franzosen Martins und Lehon; die Italiener Godzadini, Capellini und der liebenswürdige Abbate Stoppani; die Amerikaner Lessly und Lyman; der Engländer Ramsey, und viele andere von gleich guter Währung.

Hier und da mahnt uns ein Kreuz bei dem Namen des Gastes, daß dieser den letzten Tribut der Natur gezollt, welcher er sein Leben lang ein treuer Knecht gewesen. Da steht ein solches unter dem Namen Greßly’s, des wunderlichsten und krausbärtigsten aller Originale; dort ein Kreuz auf einer mächtigen, greisen Tanne, die an einsamer Stelle ihre breiten Aeste tief niederbeugt zur schattigen Erde, über dem Kreuz der Name Theodor Parker, des großen nordamerikanischen Reformators.

Unter diesem so eigen gestalteten, ernsten, einsam wurzelnden Baume hat er so oft geruht, der fremde, selbst so eigenartige Denker, und über der Menschheit weiten und oft so zerklüfteten Bildungsweg gesonnen. Sehnsüchtig blickte er wohl oft genug der Sonne nach, wenn sie im Western hinter den Bergen verschwand um drüben, jenseits des Oceans, seine ferne Heimath mit dem glühenden Morgenroth zu begrüßen. Und mit den goldenen Strahlen schweiften die Gedanken hinüber, die beredten Wanderer, und brachten einen warmen Morgengruß dem Vaterlande, den geliebten, verständnißvollen Freunden. Ob er es wohl ahnte, daß er sie nicht mehr wiedersehen sollte?

Er war ein seltener, vollgemünzter Geist, ein ganzer Mann aus dem Stoffe gebildet, wie ihn patriarchalische Zeiten einst zu Propheten gebraucht: klar, sittenrein, unbeugsam und doch ganz Aufopferung, ganz Liebe; furchtlos gegen jeden Widersacher, die Beredsamkeit seine einzige, aber unwiderstehliche Waffe, mit welcher er die Gegner verstummen machte, die Freunde fesselte; gehorsam den Gesetzen der Republik, unerschrocken gegenüber dem Gesetzgeber, unermüdlich im Kampfe für die Freiheit in des Wortes humanster und vollster Bedeutung, so war Theodor Parker.

Im Rücken des Hauptgebäudes und des daran sich schließenden Pachthofes erhebt sich ein prächtiger Wald, der allgemeine Zufluchtsort in heißen Sommertagen. Hier traf ich einmal bei einem meiner Besuche auf Combe-Varin Karl Vogt mit Pinsel und Palette gegenüber einem riesenhaften Wurzelstock, den er sich zu seinen Malerstudien ausersehen. Karl Mayer von Eßlingen lag neben ihm auf dem weichen Moose und erzählte seine tragischen Erlebnisse als Redacteur des Stuttgarter „Beobachters“ mit so heiterer Laune, daß es weithin durch den Forst von schallendem Gelächter widertönte. Da hörte ich auch eine Geschichte, welche einem anderen Gaste von Combe-Varin, dem berühmten Erfinder der Schießbaumwolle und Entdecker des Ozons, dem Professor Schönbein, begegnet war.

Er hatte mit Desor und mehreren anderen Freunden einen Ausflug an den Doubs gemacht, dessen malerisches Felsenbett anderthalb Stunden oberhalb des bekannten Uhrenortes Le Locle die Schweiz von Frankreich trennt. Schönbein hatte sich an das jenseitige Ufer begeben und sich daselbst in ein Gespräch mit einem Menschen eingelassen, den er auf dem Felde beschäftigt sah. Es war zur Zeit, als Savoyen eben dem französischen Kaiserreich einverleibt worden, und die Unterhaltung richtete sich sofort auf diese brennende Tagesfrage. Der Fremde sagte mit dem selbstbewußten Tone eines Mannes, welcher der grande nation angehört, und auf das schweizerische Ufer hindeutend: „Vous serez bientôt annexés comme les autres“ (Sie werden bald annectirt werden wie die Andern.) Darüber gerieth nun Schönbein in einen heiligen Zorn, denn der Basler Professor war wenige Jahre vorher Schweizerbürger geworden und schwärmte für sein neues Vaterland. Seine Entrüstung gegen den hochmüthigen, annexionslustigen Franzosen giebt sich denn auch in heftigen Worten kund; sein Gegner erhitzt sich gleichermaßen, der Streit wird lauter und lauter und zieht endlich die Freunde herbei, in erster Reihe Desor. Zwei Worte aus dem Munde des Unbekannten verrathen seinem französischen Ohr, daß er es hier mit keinem echten Gallier zu thun habe. „Wo sind Sie denn eigentlich zu Hause, mein lieber Freund?“ redet er ihn auf gut Deutsch an.

„Aus Mitzingen!“ klingt die Antwort ein wenig kleinlaut.

„So geben Sie nur Ihrem Widersacher die Hand, er ist ja auch dort zu Hause!“

Zwei Schwaben, die sich als Franzose und Schweizer gegenseitig annectiren wollen – ist das nicht auch ein Bild deutscher Gemüthlichkeit?

Wenn man den Wald von Combe-Varin mit seinen herrlichen Riesentannen aufwärts steigt, deren Stämme die Segel des stolzesten Dreimasters tragen könnten, gelangt man an einen Aussichtspunkt, der uns stundenlang durch seine wunderbare Schönheit zu fesseln vermag. Wir stehen am Rande eines furchtbaren Abgrundes, dessen steile und zerrissene Wandung sich wohl eine halbe Stunde weit von Osten nach Westen hinzieht. Auf einem der Felsenvorsprünge erhebt sich ein einfacher Pavillon, unter dessen Dach die Besucher sich oft des Abends zusammenfinden. Von hier aus schweifen ihre Blicke mit Vorliebe gen Westen hinüber nach dem oberen Val de Travers. Schimmernde Streifen, die da und dort aus dem grünen Gelände hervorleuchten, verrathen uns den Lauf der Areuse, an deren Ufern, da das Thal bedeutend tiefer liegt, als das von Ponts, sich fruchtbare Aecker hinziehen. Schmucke Städtchen weisen uns ihre rothen Ziegeldächer und schlanken Kirchthürme. Diese zahlreichen Ortschaften waren im vorigen Jahrhundert armselige Dörfer, jetzt zählen sie große Geschäftshäuser, die mit reichen Comptoirs in Hongkong in Kanton und Schanghai glänzen und für den bezopften Mongolen die Uhren paarweise liefern, denn der schlaue Chinese kauft sich für seine zwei Westentaschen ein Paar Uhren, die sich gegenseitig controlliren müssen. In diesem Thale ist auch das Centrum der Absynth-Fabrikation, jenes besonders in Frankreich und im südlichen Europa viel verbreiteten Liqueurs, der im Uebermaß getrunken, Gehirnerweichung und andere liebliche Krankheiten herbeiführt.

Aber auch Namen von bedeutenden Männern knüpfen sich an dieses wundervolle Thal. Dort drüben in Motiers erblickte Vattel, der berühmte Verfasser der Lehre vom Völkerrecht, das Licht der Welt; hier unten im Schlosse zu Travers – fast das einzige Gebäude, welches dem letztjährigen Brande entgangen – schrieb Jean Jacques Rousseau seine „Briefe aus dem Gebirge“, eines seiner schärfsten Manifeste gegen die Finsterlinge der dogmatischen Theologie.

An den Pavillon, von welchem aus wir so eben Rundschau gehalten, knüpft sich leider auch eine tragische Erinnerung. Zahlreiche Gäste hatten sich im Sommer 1859 in Combe-Varin versammelt, mehrere derselben waren von ihren Frauen begleitet und diese gestalteten den Aufenthalt unter dem gastlichen Dache [763] zu wahrhaft ländlichen Festen. Die Einweihung jenes Pavillons auf der weithin schauenden Felsenhöhe brachte anmuthige Geschäftigkeit in die kleine Damenwelt. Frau Reinwald, die verdienstvolle Vorsteherin des deutschen Hülfsvereins in Paris, und Frau Moleschott, des berühmten Physiologen anmuthige Gattin, hatten Kränze gewunden und damit den neuen Pavillon geschmückt, in welchem zum ersten Male die fröhliche Gesellschaft sich zusammenfand. Unter den Gästen befand sich diesmal auch ein Freund Desor’s, Hans Lorenz Küchler, der unerschrockene Vertheidiger Trützschler’s, Mögling’s und vieler anderen am badischen Aufstande Betheiligten vor dem Kriegsgerichte in Mannheim. Küchler, der sich in Heidelberg der deutsch-katholischen Bewegung angeschlossen hatte, war in Combe-Varin mit dem amerikanischen Reformator Theodor Parker zusammengetroffen und hatte sich ihm als einem gleichgestimmten Geiste auf das Innigste befreundet. Es sollte ein Bund für das Leben sein – in Wirklichkeit für eine Spanne Zeit. Auch er nahm Theil an der Einweihung jenes Pavillons. „Küchler“ – erzählt sein Biograph Venedey im ‚Album von Combe-Varin‘ – „war an jenem Tage so freudig erregt, so lebendig, geistreich und froh, wie er es nur selten gewesen sein mag. Die ganze Gesellschaft stachelte er mit seinem spielenden Humor oft zur heitersten Stimmung hinauf. Ihm fehlte nur Eines, um ganz glücklich zu sein, die Gegenwart der Seinigen. Er brach seinen Besuch mit der Absicht ab, heimzukehren und seine Frau an seiner Statt nach Combe-Varin zu schicken, damit auch sie des Glückes theilhaftig werde, das er so voll genossen.

Er eilte hinunter nach Noiraigue, um den nächsten Bahnzug zu benutzen; er eilte dem Tode entgegen. In Neuchatel nahm er das Dampfschiff. Im Augenblick, als er bei Nidau das Land wieder betrat, sank er plötzlich zusammen, vom Schlage getroffen, und die Kränze, welche Frauenhände zu einem Feste gewunden, schmückten sein frisches Grab.

Auch Parker sollte den nächsten Frühling nicht überleben. Nachdem er scheinbar gekräftigt im Herbst 1859 Combe-Varin verlassen hatte, um den Winter in Rom zuzubringen, erlosch sein kampfbewegtes Leben in Florenz, nachdem er noch seinen Freund Desor zu sich gerufen, in dessen Armen er seinen letzten Odem aushauchte. Als er den Tod herannahen fühlte, bat er seine Freunde, ihn aus den päpstlichen Staaten zu führen; nicht auf dem Boden des priesterlichen Despotismus wollte der begeisterte Kämpfer für die Freiheit des Glaubens, der Vertheidiger und Beschützer der Unterdrückten und Sclaven, die Augen schließen. Sein Wunsch ward ihm erfüllt.

Wir haben den Tribut der Erinnerung den Todten gebracht. Kehren wir nun zu den Lebenden zurück! Aus den Namen der Gäste, die wir bisher genannt, läßt sich auf den Reichthum der Unterhaltung schließen, welche die Gesellschaft in steter Anregung erhält. Von mancher berühmten wissenschaftlichen Abhandlung wurde hier an der Abendtafel Kenntniß genommen, ehe sie in die Hände des Buchdruckers wanderte. In einem schmucklosen Zimmer dieses ehemaligen Jagdhauses las Justus Liebig die Correcturen seiner „Geschichte des Feldbaues“. Hier wurden in Dove’s Gegenwart die ersten Scharmützel über die Eiszeit und den Ursprung des Föhns geschlagen; Scharmützel, die in neuester Zeit den großen Berliner Meteorologen zu hitzigen Gefechten hingerissen haben.

An einem solchen Abendtisch zu Combe-Varin ließ sich die liebenswürdige Gemahlin des trichinenkundigen Virchow von einem verführerischen Stück rohen Schinkens in ihren hygienischen Grundsätzen erschüttern. „Du wirst doch nicht!“ sagte der erschrockene Gemahl beim Anblick der gefährlichen Schüssel. „Freilich werde ich!“ antwortete lachend die Frau Professor, und sie hatte die Genugthuung, nach einigen Tagen ihren besorgten Eheherrn zu gleichem Wagestück verführt zu sehen.

Es bedarf wohl kaum der Versicherung, daß in einem Hause, welches so hervorragende Chemiker und Physiologen beherbergt, auch die Chemie der Küche und die Physiologie des Geschmacks auf das Glänzendste vertreten sind, und die größten unter den großen Naturforschern, die sich hier zusammengefunden, haben es nicht verschmäht, Marien, der Haushälterin des hagestolzen Wirthes, ein Blatt in ihren reichen Lorbeerkranz zu flechten.

Die öffentliche Stellung, welche Desor im Canton Neuchatel einnimmt, führt natürlich nicht selten auch andere Gäste als Männer der Wissenschaft nach Combe-Varin, und mancher Sonntag hat die Gesetzgeber oder Regenten des kleinen Landes zu fröhlichem Ideenaustausch hier vereinigt gesehen. An den Nachmittagskaffee schließt sich ein allgemeines Bocciaspiel an, wobei einige ernste Herren es an Sicherheit des Wurfs mit dem schwarzäugigsten Italiener aufnehmen können. Auch der altgallische Schleuderspeer der in Folge der antiquarischen Studien des Kaisers Napoleon zu seinem „Leben Cäsar’s“ wieder reconstruirt worden, dient hier zu allgemeinen Uebungen. Diese Waffe wird vermittelst einer Schlinge von kräftigen und geschickten Armen auf eine Entfernung von sechszig Schritt und darüber geworfen. Wir hatten Gelegenheit, auf Combe-Varin der Uebung eines Turnvereins beizuwohnen, wobei der Held des Tages, ein junger Uhrenmacher, seinen Speer sogar mehrmals auf achtzig Schritt in das hölzerne Scheibenbild fest eintrieb. Sollte sich dies Spiel nicht auch auf deutschen Turnplätzen das Bürgerrecht erwerben können?

Nicht minder angenehme Abwechselung als der ebenerwähnte Besuch von Turnvereinen und ähnlichen Gesellschaften bieten den wissenschaftlichen Stammgästen von Combe-Varin die Besuche, welche die höheren und Mittelschulen von Neuchatel dem Präsidenten des Erziehungsraths von Zeit zu Zeit auf seinem Landgute abstatten. Gesang und fröhliche Spiele beleben den Wald und die endlosen Matten, von den benachbarten Ortschaften und Weilern ziehen geputzte Menschen herbei, um theilzunehmen an dem Jubel der Jugend. Das ist ein festlicher Tag für den weiten Umkreis der ganzen Besitzung, und die schönste der Tugenden, die Gastfreundschaft, spendet dann, wie einst in sagenhafter Vorzeit, ihre ungemessenen Schätze und verbreitet ihren Segen über ganze Geschlechter.

Solcher Tage wünschen wir noch recht viele dem Herrn von Combe-Varin und seinen Gästen.




Ein Capitel vom Fürstendanke.


„Italien ist ruhig!“ – So verkündet – in Folge der Blutthat der Päpstlichen und Franzosen gegen die Garibaldianer bei Mentana am dritten November – der „Moniteur“, die Stimme des kaiserlichen Orakels von Frankreich, von welcher die Weltgeschichte schon so manche unsterbliche Lüge aufgezeichnet hat.

„Italien ist ruhig“ – denn: Garibaldi liegt im Kerker! – So lautet die Logik des Wahns, der das Feuer für erloschen erklärt, wenn die höchsten Flammen erstickt sind. Und doch zittern „die Sieger“ auf dem Boden, der unter ihren Füßen fortglüht.

Es giebt kein traurigeres Zeitbild, als das einer herabgewürdigten Nation: als eine solche steht heute die italienische vor der Welt da, und das Bild dieser Entwürdigung ist um so empörender, je beneideter seit den letzten zehn Jahren durch den plötzlichen Einheitssieg Italien, wenigstens in den Augen der nach gleichem Ziele vergebens ringenden Völker und namentlich der Deutschen, zu sein verdiente.

Wie viele Aehnlichkeiten die Vergleichung der italienischen und der deutschen politischen Zustände auch vor zehn Jahren noch bot, so schien damals doch der italienische Einheitssieg in noch viel weiterer Ferne zu liegen, als der deutsche. Piemont, das Schwert Italiens, war niedergeschmettert, in ganz Oberitalien herrschte das mächtige Oesterreich, in Rom der Papst und Frankreich, in Neapel der eiserne Bourbon. Besaß nun auch Italien an Cavour, Garibaldi und Mazzini drei Männer, welche drei Heere werth waren und von denen wir den letztern mit nennen, weil, trotz der Erfolglosigkeit seiner republikanischen Bestrebungen, seine erstaunliche Wühlerarbeit zur Erweckung und Wacherhaltung des italienischen Volksgeistes wesentlich beitrug, so war doch nicht daran zu denken, daß die Italiener durch ihre eigene Kraft das Joch ihrer (den Papst ausgenommen) sämmtlich fremden Fürsten abschütteln könnten. Cavour’s außerordentlich kluge Benutzung des Krimkriegs zu einem Bunde mit den Westmächten änderte plötzlich die ganze Sachlage um so leichter, je weiter Oesterreich sich von den Westmächten entfernt hatte. Der Erfolg ist bekannt. Napoleon der

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Die Gartenlaube (1867) b 764.jpg

Die Mitkämpfer Garibaldi’s.

Ricciotti Garibaldi.          Nicotera.     Menotti Garibaldi.
                              Oberst Acerbi.

Dritte sprach sein „Frei bis zur Adria!“ aus und hielt sein Wort zur Hälfte. Aber die kleinen Fürstenthümer verschwanden von der italienischen Karte und selbst der Papst verlor seine adriatischen Küstenländer.

Garibaldi war damals sardinischer General geworden und hatte als solcher an der Spitze der Freischaaren siegreich mitgekämpft. Seinen Haß gegen den französischen Kaiser, der noch als Präsident der französischen Republik die römische Republik Garibaldi’s vernichtet hatte, mochte er um Italiens willen eine Zeit lang zurückdrängen; die ungeheuerlichste Nahrung war demselben jedoch vorbehalten durch die Napoleonischen Annectirungen, durch welche sogar die Vaterstadt des großen Vokshelden an Frankreich hingegeben wurde. Eine entschiedenere Todfeindschaft, als zwischen Beiden, trägt die Erde nicht, und sie ist vollkommen gerechtfertigt, denn dieselbe Erde trägt auch nicht noch zwei so schroffe Gegensätze in Wesen und Leben. Garibaldi: der Mann voll Herzensreinheit und großartigster Uneigennützigkeit, der nur im höchsten Glück seines Volks sein höchstes Glück erkennt, der für dieses Ziel Alles wagt und für sich nichts in Anspruch nimmt, als so viel Erde, wie ihn nothdürftig nähren kann unter einem italienischen [765] Himmel; – Napoleon der Dritte: von Alledem das Gegentheil. Da kann von keinem Compromiß die Rede sein, der Kampf zwischen Beiden endet erst mit dem Tode des Gegners.

Und wer steht zwischen Beiden? Nicht mehr der kluge, muthige und entschlossene[WS 1] Cavour, der erst mit der Franzosen Hülfe das kleine Piemont an Oesterreich und dem Papstthum rächte und dann mit Garibaldi’s Hülfe das Königreich Italien aufrichtete, – sondern ein rathloser König, der das Schwert Italiens trug, so lange ihm von einem bessern Manne die Hand dazu geführt wurde, ein zu jeder Verantwortlichkeit unfähiger Mensch, zu schwach zum Dank wie zum Undank.

Ungleich glücklicher, als das ihm so schicksalsähnliche Spanien, stand Italien wie eine Großmacht geachtet da; seinem Königshause waren der Kronen eine um die andere in den Schooß gelegt worden: durch Frankreich die lombardische, durch Garibaldi die sicilische und neapolitanische, durch Preußen die venetianische. Das Königshaus hatte scheinbar Ursache zu vielerlei Dankbarkeit: eine kluge und ehrliche Politik würde ihm jedoch gesagt haben, daß weder Frankreich noch Preußen um Italiens willen zum Schwert gegriffen, sondern daß beide Italien nur als Bundesgenossen benutzt haben in ihren ganz eigene Zwecke verfolgenden Kriegen gegen Oesterreich; beide Mächte haben damit ihren Lohn dahin, abgesehen davon, daß überhaupt kein selbstständiger[WS 2] Staat einem andern durch Dankbarkeit zu besonderen Rücksichten verpflichtet sein darf. Ganz in der Ordnung, eine heilige Pflicht war dagegen die Dankbarkeit des Königshauses und ganz Italiens gegen den Bürger des Landes, der für die Einigung des Reichs das Höchste gewagt, seinem Könige zwei Kronen geschenkt und sich dann wieder an seinen Pflug zurückbegeben hatte, ohne jeden Anspruch auf Lohn, ein zweiter Cincinnatus: Joseph Garibaldi!

Das Königshaus konnte zu solcher Hochherzigkeit sich nicht erheben. Der bürgerliche Wohlthäter erschien den allerhöchsten Kreisen wie ein ewiger Vorwurf, die Dankbarkeit gegen ihn wie ein Flecken am Thron. Dazu drang der Mann auf ehrliches Vorwärtsgehen in der Vollendung des einheitlichen italienischen Königthums auch über den Kirchenstaat, nach dem einmüthigen Wunsch der Nation – und wurde dadurch so unbequem, wie seine einfachen Sitten ihn für Hofcirkel unmöglich machten. So zog sich denn der General in die Verborgenheit Caprera’s zurück, wie ein Löwe auf den Augenblick lauernd, wo ein kühner Sprung ihn mitten auf das Feld der That bringe, während ein Kaiser und ein König jeden seiner Athemzüge belauschen ließen, denn jener haßte, dieser scheute und Beide fürchteten ihn, den einzelnen Mann.

Wie weit diese Scheu und Furcht vor Garibaldi beim Könige und seiner Umgebung geht, davon erzählt man sich folgende Geschichte aus Florenz. Bekanntlich hat die italienische Regierung scheinbar Alles gethan, um Garibaldi vom letzten Freischaarenzug gegen Rom abzuhalten. Man hat ihn gewaltsam auf seine Ziegeninsel zurückgeschafft, man hat dieselbe sorgfältigst durch Kriegsschiffe bewachen lassen, Garibaldi’s Söhne allein leiteten die kriegerischen Operationen im Kirchenstaate. Da ist der alte Held plötzlich von Caprera verschwunden, er ist in Italien gelandet, ja er ist in der Hauptstadt selbst. Sobald dies dem Polizeichef gemeldet wird, eilt dieser zu Ratazzi, um Verhaltungsmaßregeln bittend. Allein dieser, der eben vom Posten des „Premier“ abgetreten ist, weigert sich, die Verantwortung eines Verhaftsbefehls gegen Garibaldi zu übernehmen. Der Polizeichef begiebt sich nun zu Cialdini, erfährt aber bei diesem dieselbe Abweisung und fährt nun am Palast Pitti, der Residenz des Königs, selbst vor, um an höchster Stelle sich Trost zu holen. Der König ertheilt ihm die gewünschte Audienz und nachdem er den Vortrag angehört, steckt er sich eine Cigarre in den Mund und lehnt sich zum Fenster hinaus. Der Polizeichef sieht gehorsam zu, wie die Rauchwölkchen dahinziehen, aber Antwort erhält er nicht. Endlich, etwa nach zehn Minuten geduldigen Harrens, wagt er, des Königs Befehle im vorliegenden Falle sich noch einmal zu erbitten, wird aber wieder nur mit tiefem Schweigen bedient. Was bleibt ihm übrig, als zu gehen und Garibaldi gehen zu lassen, wohin er will? So zog der kühne General unbehindert von Florenz ab, um in’s Römische einzubrechen.

Ja, es ist noch weit mehr geschehen: es wurde im Stillen geduldet, daß viele Officiere und Soldaten aus der königlichen Armee sich den Schaaren Garibaldi’s anschlossen; es wurde dadurch die Meinung verbreitet, daß der alte Kronenverschenker im geheimen Einverständnisse mit dem Könige handele. Wer konnte auch anders denken? Ohne die geringste feindliche Aeußerung marschirten beide italienische Truppenkörper, der königliche und der freiwillige, gleichzeitig im Kirchenstaat vor. Mußten sie nicht in den Päpstlichen und den Franzosen auch gemeinschaftliche Feinde vor sich sehen? Und die Königlichen hielten diesen Glauben aufrecht bis zum Augenblick der entsetzlichsten Entscheidung!

Ein wahrer, muthiger, gerechter und dankbarer König von Italien würde der Stimme der Nation, seines großen Volksgenerals und der Ehre Gehör geschenkt haben; das Gegentheil that der seit dem Tode Cavour’s meisterlos gewordene Victor Emanuel: er beugte sich dem Gebieter in Paris, dem keine höhere Idee vorschwebte, als die selbstische, sein Mexico und Sadowa mit einem zweiten Römerzug zuzudecken, die Heiligen und seine Gemahlin zu versöhnen und wo möglich den Todfeind zu vernichten. Mit den Schlüsselsoldaten fochten die kaiserlichen Rothhosen gegen die im Abzug begriffenen Garibaldianer; gegen die Rebellen exercirte man im Feuer mit den Chassepotgewehren, – und nachdem an den tapfersten und edelsten Söhnen Italiens sich die neue Waffe als trefflich bewährt hatte, besorgten die Soldaten des Königs die Gefangennahme des alten Generals und der Schlachtopfer treuloser Diplomatie. Den Hinterbliebenen aber bezahlt der König die Todten mit fünfzigtausend Francs! –

Eine allgemeinere Niederlage ist noch nicht da gewesen, als die bei Mentana: dort hat Alles verloren – Napoleon den Vormarsch an der Spitze der Civilisation und den letzten Rest italienischer Sympathie, Victor Emanuel den Kranz des Heldenthums und der italienischen Ehre, Italien den Rang einer selbstständigen Macht, das Papstthum den Heiligenschein der christlichen Liebe und Garibaldi den Glauben an sein Volk und seines Volkes Sieg.

Der letztere Verlust – das wünschen wir dem Greise mit der tiefen Herzenswunde – wird vielleicht am ersten ersetzt: alles Andere nie wieder. Denn der Triumphzug, mit welchem den gefangenen Helden die Bewohner von Spezzia ehrten, indem sie selbst seinen Wagen bis zu seinem Gefängniß in Varignano zogen, wird seine Wirkung auf Joseph Garibaldi nicht weniger lebhaft äußern, als auf den König Victor Emanuel die bittere Mahnung jener Bürger von Florenz, welche seiner ehernen Bildsäule, die ihn zu früh ehrte, das Schwert Italiens aus der Hand schlugen.

Von den Helden Garibaldi’s zeigen wir die gefeiertsten unsern Lesern in wohlgetroffenen Bildnissen: General Nicotera und Oberst Acerbi sowie die beiden Söhne Garibaldi’s, Menotti und Ricciotti.
H. v. C.




Von den Geheimnissen der Vogelstellerei.[1]
Von Gebrüdern Karl und Adolph Müller.
2. Die Drosseln und der Heerd.

Schon an sonnigen Februartagen dringt zu des Wanderers Ohr ein tiefer sanftflötender Gesang in andächtigem Andante vom Walde her. Mancher mag diese ansprechende Weise mit dem wehmüthigen Anhauche wohl öfters hören, ohne die Urheberin derselben je zu sehen oder zu kennen. Heimlich versteckt im Dämmer eines Fichten- oder Buchendickichts, sitzt der mohrenschwarze Vogel mit dem goldgelben Schnabel und den gleichfarbigen Augenrändern. Wer sollte es meinen, daß diese äußerst scheue, vorsichtige Waldeinsiedlerin, unsere Schwarzdrossel oder Amsel, gerade der populärste, zutraulichste Stubenvogel werden könnte! Vermöge seiner vielseitigen Gelehrigkeit hat er sich jedoch, wie der Staar, jenes Bürgerrecht in der menschlichen Wohnung erworben. Aber [766] weniger im Salon des Reichen, als vielmehr in der Kammer des Armen finden wir ihn: er ist ein Vogel des Volkes: Früh im März, aus dem Neste als ein Thierchen genommen, aus dessen Kielen schon die Fähnchen stoßen, und anfangs an der Ofenwärme gehalten, hilft ihm die einfachste Kost, in Wasser oder Milch eingeweichte und wieder ausgedrückte Semmel, sogar Brod, empor; obgleich ihn frische oder alte eingequollene Ameiseneier, zuweilen gesottenes Ei und gekochtes Rinderherz zu einem viel kräftigeren und schöneren Vogel heranbilden. Die dunklere Farbe und gewisse schwer zu beschreibende andere Kennzeichen unterscheiden Brüder und Schwestern schon im Neste, so daß der Kenner nie alle Jungen den sorglichen Eltern nimmt. Ist der Pflegling flügge geworden und schickt er sich an, allein zu fressen, so beginnt seine Lehrzeit.

In stiller Kammer und an einem Orte, der keinen Blick in’s belebte Freie gestattet, hängt der Lehrmeister nun das Gebauer mit dem Lehrlinge und pfeift ihm die Weise, am besten eine faßliche Volksmelodie vor, anfangs nur in der Abenddämmerung, wenn der Vogel ruhig auf einer Stange sitzt. Nach und nach wählt man die Morgen- und Mittagsstunden zur Lehrzeit und wahrt überhaupt im Vorpfeifen eine gewisse Ordnung und die Regel, den Vogel nie zu ermüden. Ein einmaliger Vortrag, der mit musikalischem Verständniß den Charakter des Liedes wiedergiebt, genügt für jede Lection, welcher eine kleine Vorbereitung und Ermunterung mittels freundlicher Ansprache an den Vogel vorausgeht. Bei der Wahl der Melodie braucht auf den Umfang und die Lage derselben nicht so ängstlich geachtet zu werden, wie z. B. bei dem Blutfinken, weil die Schwarzamsel ein viel umfassenderes Stimmorgan besitzt, als der Dompfaffe. Triller und Läufe giebt die Amsel deutlicher, runder und gewandter wieder, als sie ihr von dem menschlichen Munde oder der Spieldose vorgetragen werden. Es liegt eine erquickende Tiefe und Frische in allen Tönen, die an die Wiege des Vogels, die Waldnatur, lebhaft gemahnen und mit ihrer Urkraft sich durch alle Stubenpflege hindurch wunderbar erhalten. Streng zu beobachten ist beim Vorpfeifen, daß man das Lied stets aus derselben Tonart, nöthigenfalls unter Controle der Stimmgabel, und regelmäßig von Anfang bis zu Ende vorträgt, auch während des Vortrags nicht die geringste körperliche Bewegung macht. Des Zöglings Aufmerksamkeit soll sich einzig und allein auf das musikalische Gehör concentriren. Von vortrefflicher Wirkung ist deshalb ein öfteres Vorpfeifen von einer dem Auge des Vogels verborgenen Stelle, etwa von einer benachbarten Kammer, aus, oder vom Vorplatz zur Thür her.

Dergestalt eine Zeit lang in der Schule, übt der Zögling sich in der Stille anfangs ganz leise, allmählich lauter und bestimmter ein, bis eines Tages sich einzelne Partien und endlich das ganze Lied aus dem Chaos von Gezwitscher und Tönen heraushebt. Nun muß nur noch in den Morgen- und Abendstunden täglich nachgeholfen werden, bis die Melodie dem Vogel ganz geläufig geworden. Von jetzt ab ist keine Schule mehr nöthig, verderblich aber jedes Nachhelfen etwa da, wo der Vogel in der Weise aus irgend einem Grunde aufhören sollte. Ist der Vogel gelehrig und talentvoll, so wird das Erlernte fest in seinem Gedächtnisse haften; ist er ein Stümper, so bringt ihn der beste Lehrmeister zu keinem deutlichen ununterbrochenen Vortrage. – Ein zu beobachtender Zeitabschnitt ist noch die Mauser. Hier schweigt der Vogel und vergißt mitunter Stellen seines Liedes. Nach einer jeden Federung ist deshalb eine kleine musikalische Repetition ebenso rathsam, wie während der Mauser ein Verwahren des Vogels vor Zugluft und Darreichung kräftiger Nahrung geboten.

Eine zweite Lehrweise ist die, die junge Amsel zu einer schlagenden Nachtigall zu hängen. Hier lernt sie oft überraschend ganze Touren der Meistersängerin wiedergeben, und es ist diese Lehrmethode bei manchen Vogelhändlern im Schwung. Wir selbst haben eine solche treffliche Nachahmerin durch die Schule unserer besten Nachtigall geführt, leider aber die Talentvolle nicht lange besessen. Eine zweite Künstlerin der Art fesselte uns einst in einer Straße Frankfurts a. M. durch die wundervolle Wiedergabe einiger Nachtigallenstrophen.

Vielfach das Gegentheil der Amsel als Stubenvogel ist unsere liederreiche, Echo weckende Singdrossel, die Königin des Waldgesangs. Wir entwerfen ihr Bild deshalb mehr in einzelnen Lichtpunkten aus der Wildniß heraus, in der sie leibt und lebt und eigentlich allein gehört zu werden verdient. Etwas später als die Amsel, aber oft schon im März fängt sie ihren Nestbau an. Dieser ist ein wahres Kunstwerk und seine Erbauerin bei dessen Herrichtung noch lange nicht aufmerksam genug beobachtet worden. Wir heben dies Baugeschäft ausführlicher hervor, so wie wir es dem scheuen Vogel mühsam abgemerkt haben.

Mit dürrem quergelegtem Gezweige bildet – so viel wir bis jetzt beobachten konnten – das Drosselweibchen als alleinige Nestbereiterin eine rostartige Grundlage; dann erfolgt ein zwei Zoll hoher Aufsatz von Ast- und Laubmoosen. Auf dies Fundament errichtet der Vogel nun allmählich die Wand, welche er zur größeren Festigkeit mit Grashalmen und Haidewurzeln, bei der zweiten Brut auch mit Strohhalmen, durchflechtet. Bei dieser Arbeit dreht sich der Vogel, inmitten des Baues sitzend, zur Controle der Dimensionen und regelmäßigen Formbildung des Nestes abwechselnd im Kreise, wobei ihm sein eigener Körper, namentlich die Partie vom Knie bis zur Schnabelwurzel, zur Richtschnur dient. Als einen Cirkelschenkel gebraucht er den Hals und greift mit dem senkrecht nach unten gerichteten Schnabel bei jedem Anbau eines Büschels Material wie mit einem Haken über die Wandungen, diese zwischen Schnabel, Brust und Hals klemmend und zurecht rückend. Will sich eine Partie Baustoff in die Form nicht fügen, so wird sie, vorher mit dem Schnabel gehörig verarbeitet, mittels Speichels in die Wandung geklebt oder an einen Zweig befestigt. So entsteht um den Vogel herum allmählich eine über halbkugeltiefe Wölbung, welche an dem oberen Rande[WS 3] etwas dichter und breiter verflochten wird. Mit diesem innerhalb weniger Tage entstandenen Aufbau ist das äußere Nestgerüste errichtet. Jetzt geht der Vogel an die Herstellung des Innern. Um diese Zeit sondern die Speicheldrüsen des Mundes den zähesten Speichel ab, denn man sieht diesen während des Baugeschäfts zuweilen in Fäden sich vom Schnabel des Vogels ziehen. Mit dem letzteren werden jetzt aus altem Kuh- und Pferdemist und zarten Blättchen faulen Holzes kleine Partien mit Speichel zu einem Kitt verarbeitet, der vom Mittelpunkte des Nestbodens aus in einer dünnen Lage allmählich auf dem Außengerüste aufgeklebt und bis nahe unter den oberen Rand des Nestes fortgeführt wird. Die sehr glatte Verkittung erhärtet schnell zu einer festen und dauerhaften Schutzmauer für die junge Brut gegen die rauhe Aprilluft.

Das Hervortretendste an der Singdrossel ist ihr Gesang. Es ist die Seele unserer Waldungen. In sprechender, recitativischer Weise hallt er im Gebirge wieder und mischt sich in das Frühlingswehen und Rauschen der Quellen wunderbar erfrischend für das Ohr. Erstaunend abwechselnd sind die Strophen des Schlags; ja die Sängerin ringt oft im Sprudel seiner Touren wie nach neuen Formen. Gleich der Nachtigall halten wir in solchen Augenblicken auch die Singdrossel fähig zu neuer musikalischer Erfindung. Für die Stube ist dieser Schlag viel zu stark. Will man den Vogel im Käfige halten, so gehört derselbe vor das Fenster, woselbst er in Städten ganze Straßen belebt. Außer dem lauten Gesange besitzt die Drossel noch ein angenehmes Gezwitscher, das uns im Winter manche Stunde bei der Stubenarbeit verkürzt. – Während die Amsel mit ihren kurzen runden Flügeln nur äußerst selten über Baumeshöhe, gewöhnlich tief an der Erde hin von einem Dickicht zum andern huscht, zeigt sich die Singdrossel, als die Flinkste unter ihren Verwandten, öfters im Lichten, streicht nicht selten auch über größere freie Strecken, auf Blößen und an Bachufern hin und her, Kerbthiere und deren Larven, Würmer, Strauch- und Baumbeeren aller Art suchend. In großen Sprüngen sieht man sie mit ihrer schwarzen Schwester Abends und Morgens an Waldrändern und verborgenen Waldwiesen, besonders nach warmem Regen, Regenwürmer erbeutend. Im Herbst wie einige Zeit nach dem „Wiederzug“ im Frühjahr gestaltet sich ihr seitheriges Sommerleben um. Im October schlägt sie sich mit Ihresgleichen und auch wohl mit nördlicheren Weindrosseln zu Flügen zusammen und zehntet mit dieser zuweilen nicht unbeträchtlich die Weinberge. Aber die Edle verfällt leider in der Gesellschaft dieser Gefräßigen mit dem saftigen Wildpret, aber dem stümperhaften Gesange nur zu oft auf den verderblichen „Dohnensteigen“ dem Henkertode, sowie dem Fang auf dem Heerde; obgleich der deutsche Vogelfänger oft Mitleid mit der lieben „Zippe“ hat und die unter das Garn Gerathene wieder fliegen läßt.

Der eigentliche Fang auf den Heerden beginnt erst Ende [767] November bis in den Winter hinein mit dem „Strich“ der Wachholderdrossel oder des Krammetsvogels. Dieser hauptsächlich in den Birkenwaldungen des nördlichen Europas gesellig nistende Zugvogel verbreitet sich auf seiner Herbst- und Frühjahrswanderung auch über unser Deutschland und „fällt“ gern auf hoch und einsam gelegenen Wachholderwüstungen der Gebirge „an“. Wegen seines aromatischen Wildprets ist er, nebst der großen Misteldrossel, im Handel sehr willkommen, und kommen beide – im Gegensatze zu den kleineren Drosseln oder „Halbvögeln“ – als „Ganzvögel“, wovon vier auf einen „Spieß“ gehen, zu Markte.

Man unterscheidet einfache und doppelte Heerde. Der einfache ist der bei dem Fang auf der Tränke schon beschriebene. Der gewöhnlich gebräuchliche Krammetsvogelheerd oder der „doppelte Strauchheerd“ ist im Wesentlichen nichts Anderes, als der schon bekannte einfache, in zweifacher Gestalt derart angebracht, daß beide Schlagwände durch einen Ruck der gemeinschaftlichen Zug- oder Ruckleine gegeneinander zusammenschlagen und so eine etwa einen Fuß erhöhte Fläche von fünfzehn bis zwanzig Fuß Länge und acht bis zwölf Fuß Breite bedecken. Zum besseren Verständnisse diene statt weitläufiger Beschreibung eine Zeichnung.

Die Gartenlaube (1867) b 767.jpg

In aa′bc erkennt der geehrte Leser die ihm beschriebene Einrichtung des Schlaggarns wieder, und in der Vorrichtung zz′z′′ eine einfache Vereinigung der beiden Zugleinen rechts und links beim Punkte p der Hütte (H) des Vogelfängers, woselbst durch einen starken Ruck bei H die beiden Schlagwände (a′a′) in einem Bogen gegeneinander geschnellt werden. Gut ist es, wenn bei cc Curveln oder Curven in der Erde angebracht sind, worin sich die „Sprenkel“ oder „Schlagstäbe“ (a′c) besser bewegen als an bloßen Pflöcken.

An guten Lockvögeln ist viel, beinahe Alles gelegen. Diese dürfen keine aufgezogenen Vögel, sondern müssen Wildfänge sein. Ihnen widmet der Vogelsteller alle Aufmerksamkeit, pflegt sie in einer besondern kalten Kammer und gewöhnt sie nach und nach an die sogenannten „Fesseln“. Dieselben bestehen bei sorgsamen Vogelstellern in einem halbfingerdicken Riemen weichen Leders, welcher zwei Paar Längsschnitte hat. In das innere Paar werden vom Rücken aus die Flügel bis an das Ende der Knochen am Schulterblatt gesteckt, in das äußere Paar kommen die Füße mit den Schenkeln, so daß beide Riemenenden zwischen den letzteren am Bauche zusammengeheftet werden können. Mittels eines Drahtkettchens oder eines starken Bindfadens fesselt man die Lockvögel bei vv auf dem Heerd an, auf welchen schwache Wachholderreiser gesteckt und Wachholderbeeren ausgestreut werden. Durch einen feinen Bindfaden, den man von den Fesseln aus zur Hütte leitet, kann man einen und den andern dieser Vögel auch zu einem „Ruhrvogel“ umgestalten, welcher, durch einen Ruck am Bindfaden „angeregt“, zu flattern beginnt und hierdurch die vorüberstreichenden Wachholderdrosseln ebenfalls anlockt.

Inmitten der in die Erde halb versenkten und mit dichtem Wachholdergeflechte oder Rasenstücken überwölbten Hütte hockt der Waldbruder an kalten nebligen Morgen am „Lugloch“. Mit Indianersinnen erwartet er die ersten Locktöne „Schaschaschaschack“ anziehender Krammetsvögel, die entweder mit seiner „Klutter“ oder einem Blättchen von Rohr im Munde oder durch die mit Wachholderreisern „verblendeten“ Lockvögel herbeigelockt werden. Entweder künstlich in der Nähe des Heerdes aufgerichtete „Fallbäume“, oder besser natürlich gewachsene einzelstehende Waldbäume laden die Drosseln, die den Locktönen folgen, ein, auf den Aesten zu „fußen“ und alsbald auf den Heerd zu den angefesselten Lock- oder Ruhrvögeln zu fallen. Interessant ist die Spannung in den Gesichtszügen des in der Hütte Lauernden beim Anrücken eines starken Drosselzuges, interessant und komisch, wie sich die Leidenschaft des Naturmenschen drastisch in Wort und Bewegung endlich entfesselt, wenn der Zug wie an Schnüren von den Fallbäumen auf den Heerd fällt und nun durch einen Ruck gedeckt wird, von welchem das Männchen oft rückwärts vom Sitze in die Hütte kollert. O glücklicher Vogelsteller mit deiner kindlichen Hingabe an den Augenblick, wie bist du zu beneiden! –
A. M.




Blätter und Blüthen.


Edle Revanche. In einem österreichischen Regimente, welches in Mainz in Garnison stand, diente vor wenigen Jahren ein Hauptmann M..…r, ein Mann, der sehr stiller und zurückhaltender Natur war und wenig mit den anderen Officieren verkehrte, sondern sich lieber in seinen freien Stunden mit wissenschaftlichen Studien beschäftigte. Daher stand er bei seinen Cameraden nur wenig in Gunst, ja diese gingen mit ihrem Urtheile über ihn so weit, daß sie ihm nicht einmal denjenigen persönlichen Muth zuerkannten, der dem Soldaten und vor Allem dem Officier so nothwendig ist.

Das Regiment bekam zu jener Zeit einen neuen Commandeur in der Person eines Grafen L…….n, eines noch jungen Mannes, welcher in der ganzen Armee bekannt war wegen seiner Kriegs- und Friedensabenteuer und seiner lustigen Streiche und der nur seiner hohen Abstammung und der Verwandtschaft mit dem englischen Königshause dieses schnelle Avancement verdankte. Derselbe erfuhr bald die erwähnte Ansicht seiner Officiere über den Hauptmann M..…r und beschloß sich sofort davon zu überzeugen, ob dieselbe gerechtfertigt wäre oder nicht.

Bei einem gemeinschaftlichen Diner – einem sogenannten Liebesmahle, an welchem alle Chargen Theil nahmen – ließ er es so einrichten, daß der Hauptmann neben ihm zu sitzen kam. Die wirklich außergewöhnliche Schüchternheit und Zurückhaltung desselben machten den Grafen im Laufe des Mittags mehr und mehr glauben, daß die andern Officiere seinen Nachbar richtig beurtheilt hätten, er begann ebenfalls denselben für einen entschiedenen Feigling zu halten und nahm sich vor sogleich durch eine Probe sich hiervon Gewißheit zu verschaffen.

Er brachte daher beim Dessert das Gespräch geschickt auf das Pistolenschießen, worin er selbst Meister war, und schickte endlich einen Diener nach seinen Kuchenreutern, um an Ort und Stelle einige Proben seiner Geschicklichkeit abzulegen.

Die Pistolen kamen, der Graf lud dieselben und eine kleine Kreuzersemmel vom Tische nehmend, forderte er den Hauptmann auf, an das andere Ende des Saales zu treten und ihm dort besagte Semmel als Scheibe hinzuhalten. Alle Officiere an der langen Mittagstafel horchten gespannt auf und betrachteten schadenfroh lächelnd den Hauptmann, der sich natürlich gegen eine solche Zumuthung heftig sträubte, umsomehr, als er wußte, daß sein Vorgesetzter der Flasche im Laufe des Mahles nicht unbedeutend zugesprochen hatte.

„Aber Sie werden sich doch nicht etwa fürchten, Herr Hauptmann M..…r? der Geruch des Pulvers ist Ihnen doch nicht unangenehm?“ frug dieser endlich mit Ironie.

„Ich glaub’ halt nit,“ erwiderte der Hauptmann mit einem eigenthümlichen Lächeln, stand von seinem Stuhle auf und schritt dann ruhig nach dem Hintergrunde des Saales. Dort lehnte er sich gegen die Wand und hielt die kleine Semmel in der ausgestreckten Hand zwischen Daumen und Zeigefinger empor; der Graf stürzte ein Glas Champagner hinunter, setzte das Lorgnon auf den Nasenrücken, hob blitzschnell das Pistol und drückte ab. Der Schuß ging los, die Kugel hatte mitten durch die Semmel getroffen.

Der Hauptmann M..…r hatte mit keiner Wimper gezuckt. Ruhig hob er die Semmel vom Erdboden auf und betrachtete diese und das kleine Loch, welches durch dieselbe geschossen war. Das Gelächter der Officiere war mit einem Male verstummt, die schadenfrohen Mienen verschwunden, und mancher bedauerte jetzt, so übel von einem seiner Cameraden gedacht zu haben. Der Graf aber eilte warmherzig auf seinen Untergebenen zu, um demselben etwas Angenehmes zu sagen. Dieser hatte mittlerweile die Semmel auf den Tisch gelegt, die andere Pistole ergriffen, und das Schießwerkzeug von allen Seiten betrachtend, sprach er mit dem treuherzigsten Gesichte von der Welt: „Schaun’s, Herr Graf, das muß ich halt sag’n, Sie sind ein sehr gewandter Schütz, Sie hab’n mich gar sauber behandelt, nicht einmal den kleinen Finger haben’s mir geritzt. Da möcht ich halt auch einmal probir’n, ob ich das fertig bekomm’. Jetzt, wenn’s woll’n die Gnad’ hab’n, dann halten’s mir a mal die Semmel, ich bin halt sehr neugierig, ob ich das auch kann.“

Es war interessant, die Gesichter der Gesellschaft zu beobachten, die eben noch so schadenfroh gelacht hatten. Der Spieß hatte sich mit einem Male umgedreht, Verlegenheit und Bestürzung spiegelte sich in Aller Mienen, am meisten bestürzt aber war Graf L…….n selber.

„Aber Sie sagten ja eben, Sie hätten noch nie in Ihrem Leben eine Pistole in der Hand gehabt,“ erwiderte er betroffen.

„Ja, da hab’n’s auch ganz Recht, Herr Oberst,“ entgegnete Jener mit dem freundlichsten Lächeln, „um so mehr thät mich’s aber grad freuen, wenn i halt richtig treffen würd’.“

Da half denn nun kein Reden, da halfen keine Vorstellungen, der Graf war gezwungen, um sich vor seinem Officier-Corps keine Blöße zu geben, dem Ansuchen des schüchternen Hauptmanns zu willfahren. Was in seinem Herzen vorging, weiß Niemand, soviel indessen ist gewiß, ruhig und ohne Zagen trat derselbe, zwar etwas blaß, an die gegenüberliegende Wand und hielt die Semmel empor.

Etwas ungeschickt erhob nun der Hauptmann das Pistol und zielte. Es dauerte lange. Die Waffe schwankte und zitterte in seiner unkundigen [768] Rechten, daß Allen die Haare zu Berge stiegen; es war so still im Saale, daß man den Herzschlag der Versammelten zu hören meinte, der Athem stockte – da plötzlich setzte der Hauptmann ab.

„Schaun’s,“ sprach er harmlos, „das wackelt halt doch gar zu sehr, wenn ich g’meint hab’, ich hätt’s, dann war’s gleich wieder daneben. Ich will’s halt lieber sein lass’n, ich könnt’ vorbei schieß’n und dann gäb’s am End’ gar ein Malheur. Ich dank’ auch vielmals, Herr Oberst,“ und somit setzte er den Hahn in Ruh und begab sich zurück auf seinen Platz. Vier Wochen später war der schüchterne Hauptmann M..…r Major in einem andern Regiment, später als Oberstlieutenant wurde er bei Königgrätz verwundet und ist jetzt pensionirt. Sein früherer Oberst, der seinen frevelhaften Uebermuth gewiß herzlich bereut hat, ist seit jenem Liebesmahle sein wärmster Freund geblieben bis auf den heutigen Tag.
H. H.




„Wat seggst Du aber nu, Höltje?“ Daß böse Gesellschaften gute Sitten verderben, haben wir schon in den Kinderschuhen lernen müssen. Daß dieser Spruch aber nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Thiere Anwendung findet, das ist eine tragikomische Wahrheit, die zu beobachten nicht Jeder Gelegenheit haben mag. In diesem Sinne halte ich eine kleine wahre Begebenheit, die ich aus meinem Tagebuche entnehme, werth, gegartenlaubt zu werden.

Auf meinem Lieblingsspaziergange um W. im Braunschweigischen pflegte ich meinen Weg durch die Gemüsegärten der „kleinen Leute“ zu nehmen, deren Schaffen und Treiben mein Ohr und Auge oft genug ergötzte. Die bekannteste Person in diesem ganzen Bezirke wurde mir bald die Ehefrau Höltje. Fünf Minuten weit hörte ich oft ihre Stimme, und die Vögel des Himmels, der Haushund und der liebende Gatte suchten in der Flucht ihr Heil, wenn der beredte Zungenschlag der Frau Höltje ihrem gerechten oder ungerechten Zorne Ausdruck lieh. Die Wirkung jeder solchen Expectoration, deren Zielscheibe natürlich stets der Gemahl war, wurde in drastischer Weise noch dadurch verstärkt, daß Frau Höltje die Fäuste in die Seite stemmte und dann mit der triumphirenden Strophe schloß: „Wat seggst Du aber nu, Höltje?“ Höltje schwieg; was sollte er auch dazu sagen. – Herr Jacob, ein zahmer Kolkrabe im Hause Höltje, dem man das Fliegen benommen hatte, sollte eines Tages die Veranlassung zu einer neuen Katastrophe geben. Man hatte vergessen, die Thür seines hölzernen Käfigs festzuheften, und der schwarze Einsiedler flatterte aus seiner Clause in den engen Hühnerhof herab; ich kam gerade hinzu, als er einem der eierlegenden Bewohner mit seinem kolossalen Schnabel den letzten Gnadenstoß versetzte. Auf meinen Ruf eilte das Ehepaar Höltje von der Arbeit herbei, doch zu spät; der Rabe hatte das Huhn getödet. Frau Höltje in höchster Erregtheit stemmte die Arme in die Seite, holte tief Athem und wollte eben ihr Scheltregister recapituliren, als plötzlich der Rabe ihr diese Mühe abnahm. Um das noch zuckende Huhn im Kreise herumhüpfend, kauderwälschte er mit tiefer schnarrender Stimme: „Wat seggst Du aber nu, Höltje?“ Der Zorn der Frau Höltje kehrte sich um in Verwunderung; sie wiederholte mechanisch: „Wat seggst Du aber nu, Höltje? Ne, det kluge Gethier!“ – Mir liefen vor Lachen die hellen Thränen in den Bart.
S.




Raphael-Galerie. Mit jedem Tage stellen sich mehr und mehr die Fortschritte heraus, welche die Photographie auf dem Gebiete der Kunst macht. Die Leistungen eines Hanfstängl in Dresden, eines Albert in München etc. sind so hervorragender Natur und liefern in der Wiedergabe berühmter Meisterwerke so Bedeutendes, daß die beabsichtigte ideale Wirkung der Originalbilder nachgerade vollständig erreicht ist. Einen glänzenden Beweis nach dieser Richtung hin bietet wieder die jetzt in Kassel bei Kay erscheinende „Raphael-Galerie“, eine Reihe photographischer Nachbildungen der ausgezeichnetsten Werke des großen Künstlers, dem die Welt den Namen „der Göttliche“ beigelegt hat. Nach Ueberzeichnungen von Georg Koch – dessen im vorigen Jahre erschienene „Madonna della Sedia“ einen so allgemeinen und wohlverdienten Beifall fand – hat es das Albert’sche Atelier übernommen, die besten Bilder des „Göttlichen“ in scharfen photographischen Aufnahmen wiederzugeben, und das erste Heft, „die schöne Gärtnerin“ und die „Madonna mit dem Diadem“ enthaltend, bereits erscheinen lassen. Wir machen alle Freunde der Kunst und dabei auch alle Liebhaber guter Zimmerverzierungen auf diese in einer größeren und kleineren Ausgabe erscheinende Galerie dringend aufmerksam. Derartige künstlerisch ausgeführte Photographien haben allen sonstigen Nachbildungen in Kupferstich oder Lithographie gegenüber den Vorzug der Treue, indem sie genau die Zeichnung des Originalgemäldes wiedergeben und somit Gelegenheit bieten, die einzelnen Werke in ihren Eigenthümlichkeiten studiren zu können, wie es durch keine andere Nachbildung möglich ist.




Eispapier. Die „Gartenlaube“ ist bei ihrer großen Verbreitung jetzt das geeignetste Journal, einer gemeinnützigen Sache Geltung zu verschaffen. Die Nummer 26 der „Gartenlaube“ bespricht das Geheimmittelwesen und zeigt, daß dieses vielgelesene Blatt es besser mit dem großen Publicum als mit einer gewissen Classe desselben meint, welche die Leichtgläubigkeit und Unerfahrenheit auf das Gewissenloseste auszubeuten sucht. Man sieht seit einiger Zeit Visitenkarten, Hochzeitscarmina, Tanzordnungen etc. auf sogenanntem „Eispapier“ gedruckt, einem Papiere, das mit weißen, glänzenden Krystallen getränkt und überzogen, von hübschem, gefälligem Aeußeren ist und seinen Namen der Phantasie des Erfinders verdankt, welche die Krystalle denen des Wassers ähnlich fand. Daß dieser neue Industrie-Artikel mehr berechnet ist, dem Erfinder Capital zu schlagen, als der Menschheit nützlich zu sein, ergab die chemische Untersuchung desselben, die den schönen Krystallüberzug des Papiers als ein Bleisalz und zwar „zweidrittelessigsaures Bleioxyd“ constatirte. Dieses Salz ist stark giftig und darf in den Apotheken ohne Weiteres nicht verabfolgt werden. Das Schädliche und Gefährliche dieser neuen Spielerei liegt auf der Hand. Der Krystallüberzug haftet nicht fest an der Unterlage, blättert sich sehr leicht los und kann auf diese Weise sich dem Essen oder Trinken mittheilen. Bekommt ein Kind ein solches mit diesem Bleisalz getränktes Papier in die Hand, so führt es dasselbe an den Mund – es schmeckt süß und es ißt davon – und da dieses Bleisalz schon in kleinen Dosen giftig wirkt, so sind die Folgen der bedenklichsten Art.

Mögen diese Zeilen dazu beitragen, einerseits dem genannten Papiere den Eingang in das Publicum so sehr wie möglich zu erschweren, andererseits den Impuls zur Untersuchung und Veröffentlichung von dergleichen gefährlichen Industriezweigen gegeben zu haben.
Siegfried Mühsam in Oels.
Aehnliche belehrende und warnende Mittheilungen nehmen wir mit Vergnügen auf, nur bitten wir, uns solche nicht anonym oder pseudonym senden zu wollen.
Die Redaction.




„Nach fünfzehn Jahren.“ Die Gartenlaube darf sich wohl das Verdienst zuschreiben, das deutsche Publicum zuerst mit einer Reihe von Schriftstellern, besonders Novellisten, bekannt gemacht zu haben, die jetzt zu seinen Lieblingen zählen. Wohl könnten wir viele der besten Namen anführen, denen wir die Bahn in die deutsche Lesewelt gebrochen, mehr noch, die wir in den deutschen Herzen eingebürgert haben, wir wollen indeß heute nur einen Dichter nennen, der auch sein Erstlingswerk in den Spalten unseres Blattes veröffentlichte, wir meinen A. Ewald, dessen unlängst (bei Costenoble) erschienener Novellenkranz „Nach fünfzehn Jahren“ von der Kritik bereits die günstigsten, ja zum Theil glänzende Urtheile erfahren hat. Gewiß werden sich unsere Leser noch mit Vergnügen und Rührung jener ergreifenden Erzählung Vom schönen Fritz erinnern, in welcher wir eine reichbegabte, geist- und lebensprühende Natur einem tragischen Ende entgegengehen sehen, weil sie dem unklaren Drange einer phantastischen Neigung folgte; diese Erzählung bildet nun einen Theil des gedachten Novellencyklus, und mit guten Gewissen können wir versichern, daß auch die andern Blumen dieses Straußes, theils heiterer und anmuthiger, theils ernster, ja erschütternder Art, wie u. a. „Eleutheros“, dem „schönen Fritz“ sich voll und ebenbürtig anreihen. Möge darum das Buch sinnigen Lesern auf das Wärmste empfohlen sein!




Inhalt: Der Habermeister. Eine Geschichte aus den bairischen Bergen. Von Herman Schmid. (Fortsetzung.) – Die Taufe im Flusse. Mit Abbildung. – Eine Mustermordanstalt. Von A. Douai. Mit Abbildung. – Ein Herrenhaus der Wissenschaft im hohen Jura. – Ein Capitel vom Fürstendanke. Mit Portraits. – Von den Geheimnissen der Vogelstellerei. Von Gebrüder Karl und Adolph Müller. 2. Die Drosseln und der Heerd. – Blätter und Blüthen: Edle Revanche. – „Wat seggst Du aber nu, Höltje?“ – Raphael-Galerie. – Eispapier. – „Nach fünfzehn Jahren.“




Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: enschlossene
  2. Vorlage: sebstständiger
  3. Vorlage: Rade