Die Gartenlaube (1872)/Heft 29

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1872
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[463]

No. 29.   1872.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Die Diamanten der Großmutter.


Von Levin Schücking.


(Schluß.)


Valentine schlug die Hände vor ihr von Thränen überströmendes Gesicht und wandte sich ab – es war ihr, als ob ein Strom von Zorn, Haß und Verzweiflung über dieses Mädchen, das mit so kühler Fassung und so ruhigem Selbstgefühl das Bewußtsein ihrer Verschuldung bei dem ganzen unseligen Ereigniß trug, ihr das Herz füllte bis zum Ersticken – es gehörte eine ihre Kräfte fast übersteigende Anstrengung der Selbstbeherrschung dazu, daß sie nicht ausrief:

„Vater, Vater, Du bist im entsetzlichsten Irrthum; sie, just sie und Gaston haben dies ganze unsägliche Elend veranlaßt und über uns gebracht!“

Es war gut, daß der stille, gebieterische, drohende Blick, mit dem Ellen eben ihre Augen suchte, sie nicht traf – hätte Valentine ihn wahrgenommen, die Empörung würde in ihr alle Schranken überstiegen, sie würde ausgerufen haben: „Ellen und Gaston sind die Schuldigen, und wenn diese Nacht ein Opfer gefordert hat, so kommt sein Blut auf ihr Haupt!“ Und dann, wenn damit diesen unbarmherzigen Feinden eingeräumt worden wäre, daß eine böse Absicht da gewesen, daß nicht alle Bewohner der Ferme so schuldlos seien, wie sie sich gaben, dann war ja die letzte Hoffnung verloren!

Valentine wankte fort; sie war im Begriff, ohnmächtig zu werden; das Gefühl einer grenzenlosen Verzweiflung über Maxens Ende, über ihres Vaters, ihr eigenes Schicksal überkam sie. Es erstickte sie; sie tastete mit der Hand nach der Lehne des nächsten Sessels. Bleich wie der Tod stand sie da; dann ließ sie sich niedergleiten in den Stuhl – ihr Vater wollte ihr beispringen … aber jetzt fuhr sie empor, fuhr empor mit einem herz- und markerschütternden Ausrufe – einem Rufe, so schmetternd aus dem innersten Herzen hervorbrechend, daß Niemand hätte sagen können, ob er Tod oder Leben, Hölle oder Seligkeit bedeute – es waren keine Worte, es war ein lautes Ausschmettern der beispiellosesten Erschütterung. Zugleich flog sie vorwärts, drei, vier Schritte vorwärts, öffnete ihre Arme und schlang sie in krampfhafter Heftigkeit um die Schultern eines ihr entgegeneilenden Mannes; und dann zusammensinkend fühlte sie sich von den starken Armen dieses Mannes umschlungen, der die Ohnmächtige an sich preßte und dabei zugleich im höchsten Grade erschrocken rings um sich blickte.

Es war Max Daveland, Niemand anders als er, der, eben rasch über die Terrasse dahergekommen, durch die Glasthür stürmisch in den Salon trat, von allen zuerst von Valentinens brechendem Blick wahrgenommen.

„Daveland!“ rief Sontheim, rief Herr d’Avelon, riefen Beide wie aus Einem Munde – und auch Merwig rief es, der, eben aus dem Innern des Hauses kommend, wieder eintrat, mehrere Leute, die er einführen wollte, hinter sich und diese jetzt wieder zurückweisend.

„Sind Sie’s oder Ihr Gespenst?“ fuhr Sontheim fort. „Wo Teufel haben Sie gesteckt? Wissen Sie denn, daß wir, während Sie Ihre Morgenspaziergänge machen, hier eben im Begriff sind, Ihretwegen ein Dutzend Todesurtheile zu sprechen und die Ferme des Auges dem Erdboden gleich zu machen, weil wir sie für die Mördergrube hielten, in der Sie überfallen und um’s Leben gebracht seien …“

„Gerechter Gott!“ rief Max erbleichend. „Das ist doch nicht Ihr Ernst, Sontheim?“

„Ich bin im Dienste hier, Lieutenant von Daveland – und im Dienste, das wissen Sie doch, pflege ich keine Späße zu machen – Sie werden sich wegen Ihres Verschwindens von der Compagnie zu verantworten haben!“

„Wenn Sie wirklich glaubten, ich sei ermordet, so finde ich die Art, wie Sie jetzt Ihre Freude über meine Rettung und mein Wiedererscheinen ausdrücken, höchst originell, Hauptmann von Sontheim,“ entgegnete Max nach Athem ringend; und sich über Valentine beugend, die er sanft in den Fauteuil, den sie vorhin gesucht, niedergelassen hatte, rief er:

„Valentine – ist dies wahr? ist dies möglich? – o dann sagen Sie mir auch, daß Sie mir diese Stunde, die ich über Sie gebracht, verzeihen! O mein Gott, in welche Lage habe ich Sie gebracht!“

Herr d’Avelon war schweigend mit weitgeöffneten Augen, mit tiefen Athemzügen langsam auf Max zugegangen; dies plötzliche Wiedererscheinen mochte ihm nicht minder als die Art und Weise, wie seine Tochter dies Wiedererscheinen aufnahm, die Sinne ein wenig schwindeln machen – er streckte seine beiden zitternden Hände aus nach Max, legte sie auf seine Schulter, und mit ebenso zitternder Lippe sagte er:

Sie giebt der Himmel uns wieder – mir und, wie ich sehe, mehr noch meiner Tochter!“

Valentine hatte ihre Augen aufgeschlagen, ein Strom von Thränen stürzte daraus hervor – sie konnte nicht anders, sie legte ihre beiden Arme wieder um den Hals des jungen Mannes, der vor ihr niedergekniet war, und verbarg ihr schluchzendes Gesicht an seiner Brust.

[464] Ein so überwältigender, keine Rücksichten mehr auf Alles, was uns umgiebt, auf die anerzogenen Vorstellungen von dem, was schicklich, auf die Gesetze der jungfräulichen Zurückhaltung, auf die ganze übrige Welt nehmender Ausbruch des Gefühls hat etwas, das mit einer gewissen scheuen Ehrfurcht erfüllt. Wer wagt da noch, Einspruch zu thun, wer denkt an Widerstand? Es ist das Aufflammen eines Blitzes, in dem sich der lange angehäufte Zündstoff eines moralischen Gewitters entladet, ein Auflodern einer großen Seelenflamme, die plötzlich von dem heiligen und göttlichen Feuer in der Menschenbrust Kunde giebt, von seinem uralt heiligen Rechte auf den Sieg über jede feindliche Macht des Erdenlebens, von dem alten Erstgeburtsrechte, das auf Erden dem Idealen geworden. Es verstummen scheu davor selbst die, welche es nicht verstehen – wie der Löwe zurückweicht vor dem Strahle des Menschenauges, das er nicht versteht.

Vielleicht hätte auch Herr d’Avelon wie ein zorniger Löwe es aufgenommen, wenn ihm in anderer Weise kund geworden, wie seine Tochter für den fremden Officier fühle. Diese Art, wie sich ihm Valentinens Gefühl offenbarte, ließ ihn schweigen. Er sah stumm und ernst auf die Gruppe nieder, die ihm nichts übrig ließ, als: was nun einmal war, wie ein Verhängniß anzunehmen. Auch die Cameraden Max Daveland’s standen stumm und betroffen umher; sie verbargen unter einem ein wenig verlegenen Lächeln ihr inneres Ergriffensein – Sontheim rief endlich wie im Gefühl, daß er seine Anwesenheit hier jetzt besser abkürze, Merwig zu:

„Gehen Sie, unsere Leute nach Void zurückzusenden, Lieutenant Merwig; wir sind ja Alle zusammen nicht mehr nöthig hier – gehen Sie nur, ich folge Ihnen, sobald ich Herrn d’Avelon um Entschuldigung gebeten habe, daß wir durch unsere Pflicht gezwungen waren, uns in seinem Hause in etwas zu mischen, was sich doch nun ganz als seine – Familienangelegenheit erweist!“

Während Merwig ging, sagte d’Avelon, mit einem ernsten Lächeln die Verbeugung erwidernd, die ihm Sontheim bei seinen letzten Worten gemacht hatte:

„Die Noth und Seelenangst, welche Sie über uns gebracht, Herr Hauptmann, kann uns nicht so blind machen, Ihnen dabei eine persönliche Verantwortlichkeit zuzuschieben. Und wäre dies auch der Fall, so haben wir jetzt, wie Sie sehen, einen uns Beiden so nahe stehenden Vermittler in Ihrem Cameraden hier“ – Herr d’Avelon blickte mit einem Lächeln, in welchem eine eigenthümliche Mischung von Resignation, Ironie und Rührung lag, auf Max und Valentine – „daß eine Feindschaft gar nicht aufkommen kann.“

„Gewiß nicht bei der edeln und großherzigen Weise, wie Sie die Sache aufnehmen, Herr d’Avelon,“ antwortete Sontheim, dem alten Herrn bewegt die Hand reichend. „Nehmen Sie mir nicht übel, wenn ich Ihnen darüber meine aufrichtige Bewunderung so gerade in’s Gesicht sage; auch danke ich Ihnen …“

Max hatte sanft Valentine in ihren Sessel zurückgelegt, er war aufgesprungen und beide Hände d’Avelons ergreifend, rief er jetzt aus: „O Sontheim, nehmen Sie es nicht mir, der Erste zu sein, der diesem edlen theuren Manne dankt …“

D’Avelon erstickte Maxens weitere Worte, indem er ihn an seine Brust zog.

„Was danken Sie mir!“ sagte er. „Ich habe ja eben nur zu deutlich gesehen, daß mir nichts übrig bleibt, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen – zu diesem bösen Schachspiel, wobei ich Ihnen die Königin raubte, und Sie mir dafür die Tochter nehmen!“

„Um sie wie eine Königin auf Händen zu tragen!“ fiel Max gerührt ein, nach der Hand Valentinens fassend, die eben herantrat, um ihren Vater zu umarmen.

„Wo Sie die Nacht hindurch gesteckt haben,“ warf jetzt der Hauptmann dazwischen, „werden wir in dieser Stunde schwerlich von Ihnen erfahren, und meine dienstlichen Verweisreden würden noch schwerlicher mit der respectvollen Aufmerksamkeit und innerlichen Gemüthszerknirschung, die sich gebührte, von Ihnen angehört werden, Daveland – also verschieden wir das, bis Sie sich in Void wieder zum Dienst melden, was ich doch bis heute Abend erbitte! Und damit Gott befohlen!“

Er reichte d’Avelon zum Abschied die Hand, verbeugte sich kurz und eilte, den auf die Ferme des Auges gelegten Belagerungsstand durch den Abzug seiner Mannschaft aufzuheben. Diese stand, von Hartig gesammelt, schon zum Abrücken bereit im Hofe – Merwig war, als der Hauptmann zu ihnen trat, just sehr lebhaft beschäftigt, Hartig mitzutheilen, was sich eben drinnen im Salon zugetragen.

„Wunderbarliche Geschichte!“ sagte Hartig trocken. „Und wo dieser unsichere Cantonist die Nacht gesteckt hat, haben Sie nicht erfahren? Wie viel das zu denken giebt! Wo steckt ein verliebter Mensch, wenn seine Truppe Nachts die Fühlung mit ihm verliert? Thun die Herrn mir einen Gefallen … ja? Lassen Sie es mich der blonden Nicaise erzählen, wenn wir heimgekommen …“

„Glauben Sie, die blonde Nicaise wüßte das Räthsel zu lösen?“

„Nicht deshalb. Ich denke: Exempla trahunt! Beispiele ziehen!“

„Bisher war sie freilich gegen Sie mitunter noch ungezogen!“ lachte Merwig.

„Ziehen Sie lieber ab, Hartig,“ fiel Sontheim ein, „als Merwig’s schwache Versuche im Wortwitz anzuhören.“

„Achtung … Schultert’s Gewehr … Rechts schwenkt, marsch!“ commandirte Hartig jetzt mit bewunderungswürdigem militärischen Aplomb – und bald darauf war die letzte preußische Uniform von der Ferme des Auges verschwunden.

Die letzte – bis auf eine, die in diesem Augenblicke neben dem Stuhle Valentinens sich im Salon behauptete. Max hielt mit der einen Hand die Valentinens, die lauschend zu ihm aufschaute, fest, während er die andere auf die Lehne ihres Sessels gestemmt hatte, und so erzählte er alle seine Erlebnisse in der Nacht, seine Entfernung aus der Höhle, seine Begegnung mit Gaston, dessen Auslegung von der grundlosen Befürchtung, der sich Valentine hingegeben habe, seine Wanderung nach Givres, sein Entkommen von da; und entrüstet vernahm er aus d’Avelons Munde, was in der Nacht auf der Ferme stattgefunden, was Gaston dort unternommen, womit, in Folge davon, dann d’Avelon und die Seinen durch Max Daveland’s Cameraden bedroht worden seien. Das Alles wurde rasch und in geflügelten Worten gegenseitig ausgetauscht, erörtert und durchsprochen, während Miß Ellen, ihr Ergriffensein durch alle diese Vorgänge nur durch eine ein wenig bleichere Farbe ihrer starren Züge verrathend, sich mit eigenthümlicher Gemüthsruhe schon ihrer häuslichen Pflichten wieder erinnert hatte und ab und zu ging, um die Tagesordnung und das gewohnte Geleise des häuslichen Lebens herzustellen und zunächst für Herrn d’Avelon’s Frühstück zu sorgen. Sie ließ ein anderes für Max und Valentine in den Salon bringen – Herrn d’Avelon führte sie, leise ihre Hand auf seinen Arm legend, in das Speisezimmer und schloß dann die Thür hinter sich.

„Ah,“ sagte Herr d’Avelon, bei dieser Vorsicht lächelnd zu ihr aufblickend, „Sie denken, Ellen, wir müßten die beiden jungen Leute jetzt ein wenig allein und sich selber überlassen? Sie haben Recht; an so etwas denkt doch nur eine feinfühlige Frau, wie Sie, Ellen!“

„Sie mißverstehen mich, wenn Sie bei mir so zarte Rücksichten auf diese ‚jungen Leute‘ voraussetzen, Herr d’Avelon …“

„Ah, wie mißvergnügt Sie das aussprechen und wie unzufrieden Sie aussehen, Ellen … was ist Ihnen … was mißfällt Ihnen? Daß ich meine Einwilligung gegeben habe, da ich mit meinen eigenen Augen sah, daß es langst zu spät war, sie nicht geben zu wollen? Ich denke, auch Ihnen kann es einerlei sein, ob dieser Deutsche, der, unter uns gesagt, mir weit mehr nach dem Herzen ist, als der kühle, blasirte Bursche, der Gaston, mein Schwiegersohn wird, oder ob es der Andre wird. Unter uns ändert es nichts!“

„Es ändert sehr viel, Herr d’Avelon,“ versetzte Ellen, „und eben um Sie darüber keinen Augenblick länger im Unklaren zu lassen, habe ich die Thür geschlossen. Man betrügt Sie, Herr d’Avelon …“

„Herr d’Avelon, Herr d’Avelon – Sie haben es mir jetzt in einer Minute schon dreimal an den Kopf geworfen – also man betrügt mich, Miß Ellen Stoughton? Wer betrügt mich?“

„Dieser Deutsche – sie sind Alle Heuchler, diese ehrlichen, biederen Deutschen, und er ist einer der schlauesten und kecksten!“

„Ah, er ist ein Heuchler? und weshalb?“

„Er ist ein armer Teufel, der …“

„Ein armer Teufel? Nun, bei Gott, ich habe lange Zeit das Vergnügen gehabt, dasselbe mir nachsagen lassen zu müssen, und ich versichere Sie, das Handwerk ist nicht so schlimm, ja, später [465] denkt man wohl gar mit einer gewissen Rührung an die Zeit, in der man es trieb, zurück. Glauben Sie nicht, daß ein gemachter Mann Stunden hat, wo er wünscht, er wäre noch ein armer Teufel? Uebrigens hat Daveland eine Staatsanstellung, denk’ ich, er ist in der Magistratur …“

„Und ist von guter Familie,“ fiel Ellen ironisch ein, „wollten Sie das nicht hinzusetzen?“

D’Avelon ließ das gesottene Ei, welches er eben beschäftigt war, aufzuschlagen, in den kleinen Becher vor ihm zurückfallen und sah überraschst auf.

„Weshalb sagen Sie das mit einem solch vermaledeiten diabolischen Tone, Ellen?“

„Ich habe Sie doch vorgestern ganz außerordentlich gespannt gefunden, seine Herkunft zu ergründen, Herr d’Avelon. Weshalb soll ich es jetzt nicht berühren?“

„Schlange, die Sie sind! was geht das Sie an?“ rief Herr d’Avelon mit einem Tone aus, dessen Scherzhaftigkeit den Worten das Verletzende nehmen sollte und doch ein wenig rauh herauskam.

„Freilich, wenn es mich so viel angegangen, wie Sie, würde ich die Sache gründlicher untersucht haben,“ versetzte Ellen kaustisch.

„Es scheint, daß Sie das auch jetzt nicht unterlassen haben; sprechen Sie aus, Ellen, was Sie sagen wollen!“

„Dieser Deutsche ist Ihr Neffe, und eigens hergekommen, um Sie von Haus und Hof zu verdrängen. Er behauptet, Sie hätten die Diamanten seiner Großmutter gestohlen, damit diese Ferme erkauft, und diese Ferme, das heißt Alles, was Sie besitzen, gehöre also ihm.“

Herr d’Avelon war sehr blaß geworden. Er richtete sich auf, verschlang die Arme über der Brust und starrte Ellen mit großen erschrockenen Augen an, die ganz das ihm sonst eigene Blinzeln verloren hatten.

„Er hat das,“ fuhr Ellen unerbittlich fort, „Gaston de Ribeaupierre ganz offen und unverhohlen gestanden, er hat Gaston mit einer wahrhaft unverschämten Naivetät auseinandergesetzt, daß Valentine nichts besitze, nichts erben werde, daß er Herr all Ihres Eigenthums, Ihres letzten Francs sei … daß … hören Sie mich, Herr d’Avelon?“

„Ich höre Sie, Miß Ellen … fahren Sie fort,“ sagte Herr d’Avelon, sehr rasch nach einander aufathmend und sich dann, wie vollständig gefaßt auf Alles, was noch kommen könne, in seinen Sessel zurücklegend.

„Erschrocken über diese entsetzliche Mittheilung,“ erzählte Miß Ellen weiter, „hat Gaston von Ribeaupierre …“

„Sie darin eingeweiht!“

„Mich darin eingeweiht, weil er meiner Hülfe bedurfte.“

„Ihrer Hülfe, zu was?“

„Um mit seinen Arbeitern kommen und in Ihrem Hause diesen entsetzlichen Deutschen ohne viel Lärm aufheben und als Kriegsgefangenen irgendwo, recht weit von hier, gründlich unschädlich machen lassen zu können.“

„Ah … deshalb stand er an der Spitze dieses wüsten Gesindels?“

„Er wollte Sie retten, Herr d’Avelon … Sie retten mit größter eigener Gefahr, denn es entging ihm keinen Augenblick, daß die Deutschen eine Untersuchung anstellen und daß sie ihn verfolgen und, wenn sie seiner habhaft würden, unerbittlich mit ihm verfahren würden! Das hat Gaston für Sie thun wollen und zum Dank brechen Sie ihm Ihr Wort und geben dieser kindischen, so wenig Stunden alten und ganz wahnsinnigen Neigung Valentinens nach!“

„Mein Wort hat Gaston nicht,“ antwortete halblaut d’Avelon und starrte dann stumm vor sich hin.

Nach einer Weile stand er auf und ging, die Hände auf dem Rücken, langsam auf und nieder. Ellen folgte schweigend mit ihren Blicken seinen Bewegungen. Da er nicht wieder zu reden anhub, sagte sie endlich:

„Sie sehen ein, daß Gaston etwas Anderes von Ihnen zu erwarten befugt ist, als – einen lakonischen Abschied. Wenn auch alle Verhältnisse nicht wären, wenn auch Gaston nicht der Erbe von Givres wäre, so wäre doch er nebst mir“ – Ellen betonte das ‚mir‘ – „bis jetzt glücklicher Weise der einzige Eingeweihte in …“

„Ach, lassen Sie mich in Ruhe mit Ihrem Gaston, Ellen! Der Teufel danke ihm dafür, daß er hat – meine Vorsehung spielen wollen! Er mag wie ein Franzose darüber denken, über den Deutschen, und glauben, daß gegen den Deutschen, den Feind, Alles erlaubt sei – ein schlechter, hundsföttisch schlechter Streich war’s doch, den er ausführen wollte.“

„Er wollte Sie eben retten.“

„Retten? Ich brauche seine Rettung nicht. Er soll mich ungerettet lassen hinfüro … statt dessen mag er hingehen und mir nachsagen, ich sei ein Diamantendieb … meinethalb! Es ist so, leider! Ich war einmal ein tückischer, verbissener Bursche, der glaubte, ein Unrecht wett machen zu dürfen. Ich habe mich seitdem mit meinem Gewissen darüber auseinander gesetzt; was Gaston darüber sagt, ist mir weniger wichtig. Denn wissen Sie, Ellen, am Ende hat Monsieur Gaston mit seinen Reden mehr mich als ich ihn zu fürchten. Wenn er mir öffentlich nachsagt, ich habe Diamanten gestohlen, so erkläre ich, das sei eine abscheuliche Verleumdung, mit der er sich rächen wolle für den Korb, den ihm Valentine gegeben. Wem wird man mehr glauben, ihm oder mir? Was wird man für wahrscheinlicher halten, daß ich ein Dieb, oder er ein rachsüchtiger Mensch? Außerdem giebt es ein Tribunal erster Instanz, einen Procureur der Republik und Huissiers in Neufchateau, die man in Bewegung bringen kann, um Menschen, welche mehr schwatzen, als sie beweisen können, nachdrücklich zur Ruhe zu verweisen.“

„Sie nehmen die Sache heute sehr phlegmatisch, Herr d’Avelon!“ erwiderte Ellen giftig. „Sie waren jüngst, als Sie so erschrocken die Herkunft des Deutschen erfahren wollten, nicht so ruhig!“

„Nein – und das war natürlich! Damals trat ein wildfremder Mensch vor mich, den ich fürchten mußte. Mit meinem Schwiegersohne kann ich mich verständigen – er wird mich begreifen; die Wendung, welche die Dinge genommen haben, entschädigt ihn für Alles – zwischen ihm und mir steht heute nichts mehr!“

Ellen zuckte die Achseln.

„Auch nicht einmal mehr ein Verdacht? Flößt Ihnen Valentinens Schicksal so wenig Sorge ein?“

„Sorge? Valentinens Schicksal? Weshalb mehr, als ein Vater immer Sorge hat, wenn er durch die bittere Nothwendigkeit, sein Kind fortgeben zu müssen, hindurch muß?“

„Es liegt doch nahe genug, daß dieser Herr Max von Daveland Valentine nur umstrickt und sich gewonnen hat, weil es für ihn die bequemste und kürzeste Weise ist – mit Ihnen abzurechnen!“

„Mein Gott, wir haben genug gesehen, um zu wissen, daß Valentine ihn liebt; muß ich nun nicht Gott danken, daß ich auf diese Weise jeder Abrechnung entgehe?“

„Und das hoffen Sie – bei einem dieser zähen, filzigen, verbissenen, keine Schonung und keinen Edelmuth kennenden Deutschen? Ich hätte Ihnen so viel Naivetät nicht zugetraut, Herr d’Avelon …“

„Und ich, Miß Ellen,“ fiel d’Avelon unwillig und jetzt die Geduld verlierend ein, „Ihnen nicht so viel Mißtrauen und Kälte bei Valentinens Glück. Noch weniger so viel ruhige Gewissenlosigkeit, wie dazu gehörte, Gaston’s infame Pläne wider meinen Gast zu unterstützen.“

„Wir gewahren also Beide, daß wir uns in einander getäuscht haben!“ rief Miß Ellen mit einem sehr stolzen und verachtungsvollen Aufwerfen des Kopfes aus.

„Es scheint so!“ antwortete Herr d’Avelon lakonisch.

Miß Ellen mochte berechnen, daß der Schwiegervater eines Mannes, welcher, was er besaß, in Zukunft nur der Großmuth seiner Kinder verdanken würde, für sie eine weit weniger begehrenswerthe Partie sein würde als der Schwiegervater Gaston’s von Ribeaupierre gewesen sein würde, welcher letztere ihr in Bezug auf die Sicherung ihrer Zukunft goldene Berge versprochen hatte. Sie that nichts, sie sprach kein Wort, den sich vollziehenden Bruch aufzuhalten, dem Zerwürfniß zuvorzukommen. Viel weniger noch that es d’Avelon. Er war empört über Ellen’s Parteinahme für Gaston, der unrettbar bei ihm verloren war, empört über Ellen’s Unterstützung eines Anschlags, welcher der offenbarste Verrath war, und wüthend zugleich über sich, daß Ellen’s Worte trotz Allem, was er ihr gesagt, doch so viel Gewalt über ihn hatten; daß sie ihm doch eine peinigende Sorge in’s Herz geflößt um die Redlichkeit der Absichten des Mannes, den er so bereitwillig in seine Arme geschlossen – um das Glück, das seine Tochter, sein einziges Kind bei ihm finden werde, [466] um die Scenen auch, die er einst vielleicht mit diesem Schwiegersohne haben werde, wenn dieser mit seinen Rechten gegen ihn auftreten würde. … Herr d’Avelon hatte lange genug unter praktischen Leuten in einer egoistischen Welt gelebt, und trug selbst den Ruhm, ein praktischer Mensch, ein guter Rechner und ein scharfer Vertheidiger seines Rechtes zu sein – wie mußte er nicht voraussetzen, daß Ellen Recht haben und daß mit diesem Schwiegersohne eine harte Zeit des Kampfes für ihn kommen könne! Er hatte erfahren, daß sein Bruder sich des alten Stammgutes entäußert, daß er, ohne Vermögen zu hinterlassen, gestorben – Max mußte also in Bezug auf das Mein und Dein desto schwieriger zu behandeln und gründlich in den Werth irdischer Güter eingeweiht sein. Und wenn er wirklich nur nach der Ferme des Auges gekommen, um mit ihm in’s Gericht zu gehen, wenn er sich Valentinens Neigung erschlichen, ohne ihr Gefühl zu theilen, dann hatte d’Avelon sich in trauriger Weise überrumpeln lassen, als er ihm sein einziges Kind in die Arme gelegt.

Herr d’Avelon war über dies Alles sehr niederschlagen. Er ging auf und ab, und wieder auf und ab, und fühlte die Last auf seinem Herzen nur schwerer werden. Er ließ endlich Miß Ellen dasitzen, ohne weiter ein Wort an sie zu richten, ergriff seinen Hut und ging auf den Hof hinaus, um frische Luft zu schöpfen und nach seinen Leuten zu sehen, sie an die Arbeit zu schicken – das zerstreute ihn immer am besten, das sich ihm aufdrängende praktische Bedürfniß des Tages vertrieb ihm peinigende Gedanken am schnellsten.

Als er auf dem Hofe angekommen war, hörte er den Hufschlag eines Pferdes; aufschauend erblickte er Gaston, der zwischen den aufwärts führenden Hecken herab auf den Hof zugesprengt kam. Herr d’Avelon ging ihm entgegen. Gaston, der sehr erhitzt aussah, war bald an seiner Seite, parirte sein Pferd und zog, ehe er ein Wort gesagt, ein Papier aus seiner Brusttasche hervor, das er mit triumphirender Miene d’Avelon überreichte.

„Was haben Sie da?“ sagte d’Avelon, nicht sehr erfreut über die Erscheinung zu ihm aufblickend, mit sehr barschem Tone, „was ist das?“

„Etwas,“ rief Gaston aus, „was mir Ihre Verzeihung erwirken wird, wenn Sie mir nämlich den nächtlichen Ueberfall nicht ganz vergeben haben sollten, Herr d’Avelon. Dies Papier wird Ihnen die Sache in einem anderen Lichte erscheinen lassen. Sie ahnten nicht, welchem thörichten und in seiner Thorheit doch so hinterlistigen Menschen Sie in diesem deutschen Officier Ihr Haus geöffnet hatten; und auch nicht, welche Sorge um Ihr Wohl und Ihre Ruhe mich leitete, als ich in der Nacht diesen Narren unschädlich zu machen suchte. Sie wissen, daß es mir nicht gleich gelang, später lief mir der Unglückliche jedoch selbst in die Hände, ich brachte ihn nach Givres – und dort bewog ich, zwang ich ihn durch sehr entschiedene Erklärungen, dies Document auszustellen, – lesen Sie es, lesen Sie – Sie werden überrascht sein, wenn Sie erfahren, um was es sich gehandelt hat … und ich denke, Sie werden Gaston von Ribeaupierre danken …“

„Ich danke Ihnen in der That,“ rief d’Avelon, das Blatt lesend, aus, indem ein heller Ausdruck der Freude auf seine Züge trat – „Sie wälzen mir mit diesem Blatte eine schwere Last von der Brust … Sie müssen wissen, Gaston, daß ich im Begriffe stand, wegen Ihres schändlichen Complots wider meinen Gast für immer mit Ihnen zu brechen, so schwer es mir geworden wäre, dem Sohne Ihrer braven Mutter gegenüber. Jetzt bringen Sie mir diesen Schatz, dies Blatt, welches mir Schwarz auf Weiß beweist, welch guter, ehrlicher, uneigennütziger Mensch Max Daveland ist, indem er freiwillig diesen Verzicht ausstellte – freiwillig, sag’ ich, denn was Sie da fabeln von Zwang und Erklärungen, davon glaub’ ich nicht das Mindeste – er ist nicht der Mann, sich von Ihnen einschüchtern zu lassen! Sie bringen mir den Beweis, wie unnütz und lächerlich meine Angst war, er könne Streit und Hader mit mir beginnen wollen, – wahrhaftig, Gaston,“ rief Herr d’Avelon tief aufathmend aus, „mag vorgefallen sein, was da will, ich werde Ihnen nicht vergessen, daß Sie in einer der beklommensten Stunden meines Lebens mir dies Papier gebracht haben; es ist nicht erfreulich, fürchten zu müssen, man habe nicht allein sein Kind hingegeben, sondern man solle auch noch verurtheilt werden …“

Gaston unterbrach ihn hier, heftig rief er aus: „Was zum Henker reden Sie da, Herr d’Avelon? Sein Kind hingegeben? Sie haben nicht Valentine …“

„Nein, Gaston, Sie haben Recht,“ versetzte d’Avelon, die Verzichtleistung seines Neffen sorgsam gefaltet in seine Brusttasche steckend; „hingegeben? nein! ich bin sehr wenig dabei in Frage gekommen; Valentine hat sich selbst ihm gegeben und daran ist nun nichts zu ändern … Sie müssen sich darein finden!“ –

„Valentine hat sich … ah, Sie halten mich zum Narren, d’Avelon!“

„Es ist, wie ich Ihnen sage. Valentine ist die Braut meines Neffen Max von Daveland. Es ist eine Thatsache, Gaston, und die Thatsachen sind zuweilen brutal, wie Sie wissen.“

„Und das sagen Sie mir, mir in’s Gesicht? …“

„Verlangen Sie, daß ich es Ihnen schreiben soll?“

Gaston v. Ribeaupierre starrte ihn, ohne zu antworten, mit wüthenden Augen an; Herr d’Avelon erwiderte seinen Blick mit einer trutzigen und eisernen Ruhe, vor der Gaston endlich nichts zu thun wußte, als einen Fluch und eine furchtbare Drohung auszustoßen, sein Pferd zu wenden und heimzureiten.

Gaston war in der That in diesem Augenblicke von dem heftigsten Rachedurst erfüllt; noch ehe jedoch die Hufe seines Pferdes das Pflaster auf dem Schloßhofe von Givres erklingen ließen, hatte er sich gesagt, daß für ihn auf der Ferme des Auges nichts mehr zu gewinnen sei, und daß seine Rachepläne auch beim besten Gelingen ihm weder Valentine noch die Ferme jemals einbringen würden. Und Gaston war nicht der Mann, seine Haut zu Markte zu tragen, wenn kein Gewinn für ihn dabei war.

Max Daveland konnte also ganz ungehindert und unbeunruhigt, so lange Void seine Garnison blieb, seiner Liebe leben und, so oft nur der gestrenge Hauptmann v. Sontheim Urlaub gab, zur Ferme hinübersprengen, um halbe Tage dort zu verleben. Die Stunden verrannen dort um so glücklicher für ihn, als er sich dem guten Glauben hingab, daß sein Oheim nichts davon ahne, wie nahe durch die Geburt der erwählte Schwiegersohn ihm stehe. Valentine ahnte ja gewiß nichts davon; Herr d’Avelon machte nie die leiseste Anspielung auf dies Verhältniß – Max glaubte sicher sein zu können, daß nicht der leiseste Gedanke daran in dem Manne sei, den er trotz seiner Jugendsünde jetzt so aufrichtig achten und ehren konnte. Endlich freilich mußte das Geheimniß zu Tage kommen, und das war im Sommer des Jahres 1871, als Max nach geschlossenem Frieden, seinem Berufe wiedergegeben und frei von Uniform und Pickelhaube, zur Verbindung mit Valentine nach der Ferme des Auges zurückkehrte. Es waren zum Abschluß der Verbindung einige leidige Documente nöthig, welche Max Daveland in großer Gemüthsbewegung seinem Schwiegervater vorlegte. Dieser überflog sie und sagte dann ernst lächelnd:

„Du hast ein wenig arg Verstecken gespielt, lieber Max, gegen Deinen alten – Onkel!“

„Ist das nicht das Recht des Liebhabers in jedem Lustspiel, mein theurer Oheim?“ antwortete Max, überrascht und zugleich sehr erfreut über diese ruhige Aufnahme, welche die Sache bei seinem Oheim fand.

„In einem Lustspiel,“ versetzte d’Avelon, „… Du hast Recht, es ist gottlob so etwas d’raus geworden … aber das Stück begann vor vielen Jahren mit einem, glaube es mir, für mich sehr ernsten, sehr tragischen Act, dessen Inhalt ein Conflict zwischen Rechtsgefühl, Zorn und Gewissen war. Lassen wir heute die Erinnerung daran: es ist genug, daß wir dankbar anerkennen, wie es heute Euch jungen Leuten so viel leichter gemacht wird, im Leben durch Muth und Kraft voranzukommen, als es bei uns Alten der Fall war – ich mußte damit beginnen, Diamanten zu rauben …“

„Und ich,“ fiel lebhaft Max ein, „erhalte den größten Edelstein der Welt geschenkt …“

„Nein, nein,“ rief d’Avelon, die Hand gerührt auf Maxens Schulter legend, aus – „Du erkaufst ihn Dir ehrlich und vollwichtig durch ein reines, ein braves Herz!“

Er umarmte ihn, und dies war die erste und letzte Erwähnung, welche zwischen ihnen gemacht wurde von den Diamanten der Großmutter!




[467]
Ein Marschall der Presse.


Die Gartenlaube (1872) b 467.jpg

Max Friedländer.

In der Fülle der Kraft, hinter sich reiche Errungenschaften, deren Erstrebung allein schon ein Leben lebenswerth macht, vor sich weitgesteckte Lebensziele, und mitten in Reichthum und Glück und Macht und Ruhm – Alles selbst geschaffen, selbst errungen – vom Tod ereilt zu werden: das ist ein hartes, ein tieftragisches Ende! Treten wir etwas näher an das Bild eines Lebens, das also schloß.

Max Friedländer, der vielgenannte Redacteur der „Neuen Freien Presse“, wurde am 18. Juni 1829 zu Pleß in Schlesien als Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten geboren und legte den tüchtigen Grund zu seiner Wissenschaftlichkeit in der Schulpforta. In Breslau und Heidelberg studirte er die Rechte, promovirte in Berlin und trat in den preußischen Justizdienst. Durch eine Broschüre über den in Eisenach abgehaltenen Studententag von 1848 bewährte er zuerst seinen schriftstellerischen Beruf und dies verschaffte ihm Eingang in die Redaction der „Neuen Oderzeitung“, an welcher Temme, Dr. Julius Stein und Dr. Moritz Elsner – alle Drei Mitglieder der preußischen Nationalversammlung von 1848 – so lange wirkten, bis das Blatt zu Tode gemaßregelt war. Nach dem Eingehen des Blattes schrieb Friedländer ein 1856 erschienenes, heute noch mustergültiges Werk über den „Rechtsschutz gegen Nachdruck und Nachbildung“ – die Frucht seiner juridischen Studien und schriftstellerischen Erfahrungen. Im Sinne dieses Buches hat er sein Lebenlang gewirkt, besonders auf den deutschen Journalistentagen, zu deren Vorsitzendem er wiederholt gewählt wurde.

Durch Geburt und Familienbeziehungen stand er den österreichischen Verhältnissen sehr nahe, und so war er recht eigentlich dazu ausersehen, auf Grundlage tüchtiger preußischer Schulung sich in den österreichischen Verhältnissen zurechtzufinden und sie geistig zu durchdringen. Nachdem er zuerst durch Correspondenzen Fühlung mit der Hauptstadt Oesterreichs gewonnen hatte, kam er 1857 nach Wien; damals war die österreichische Publicistik eine Art Sprechmaschine, welche nur das reden durfte, was die hohe Polizei auf ihre Stifte und Walzen zu legen gestattete, und so führten die politischen Tagesblätter eben eine sehr bescheidene, gänzlich einflußlose Existenz. Dennoch folgte Friedländer dem Rufe an das damals erste Blatt Oesterreichs, Zang’s „Presse“. Als er nach Wien kam, traf er in dem Redactionsbureau der „Presse“ den Schriftsteller Michael [468] Etienne, der seine Berufung veranlaßt hatte. Beide Männer fanden sich rasch zusammen und begründeten einen Bund der Geister und Herzen, welcher erst durch den Tod zerrissen wurde. Sie waren grundverschiedene Naturen. Friedländer concret, realistisch, das Auge für alle Erscheinungen des praktischen Lebens offen haltend und dieselben mit lebendigem Interesse beobachtend, vielseitig ohne Oberflächlichkeit, geschäftskundig, über den großen Gesichtspunkten das kleine oft genug entscheidende Detail nicht vergessend, ein polemischer Denker, in welchem mehr der Verstand als die Phantasie arbeitete. Etienne hingegen idealistisch, voll Schwung der Anschauung und des Ausdrucks, die Weltereignisse in großen Umrissen erfassend und in ihren Ursachen und Wirkungen verknüpfend, bei den Einzelformen, in welchen sich diese Erscheinungen manifestiren, mit geringerem Interesse verweilend, eine Natur von ursprünglicher Phantasie in der Schule des Denkens und der Erfahrung geläutert. Nach ihren beiderseitigen Anlagen ergänzten sie sich Beide und fanden auch die richtige Abgrenzung ihrer Wirkungssphäre: Friedländer wurde spiritus rector der inneren Politik der „Presse“, ohne dem volkswirthschaftlichen Theile, für welchen er berufen war, entfremdet zu werden. Etienne leitete die auswärtige Politik des Blattes. So war es zuletzt bei der „Presse“, so bei der von ihnen gemeinschaftlich begründeten „Neuen freien Presse“.

Es war allerdings eine Gunst des Schicksals für Friedländer, daß das absolutistische System in Oesterreich so rasch zusammenbrach. Die österreichische Presse erhob sich mit dem Wiedererwachen des constitutionellen Lebens zu ungeahnter Bedeutung. Es war der Geist der Actualität, des unmittelbaren Eingreifens in die Tagesereignisse durch rasche, schneidende, polemisch gewürzte, rücksichtslose, zum Theil persönlichen Angriffen nicht fremde Kritik, welcher der politischen Presse diesen Erfolg errang. Und Friedländer, auf welchen die schonungslose, fast verhärtende Schule August Zang’s nicht ohne tiefe Einwirkung geblieben, war der Vater dieses Geistes der österreichischen Publicistik.

Der erste Fall, in welchem die „Presse“ einen großen politischen Einfluß übte, war 1860 der berühmte Proceß „Richter“, welcher den späteren österreichischen Minister Dr. Berger auf die Höhe seines Ruhmes führte, obwohl der Zweck desselben, die militärischen und diplomatischen Mißerfolge einer talentlosen Kaste von professionellen Regierern den Schultern der Bourgeoisie aufzuladen, nicht erreicht wurde. Dann kam, als constitutionelle Zwischenepoche, die Zeit des verstärkten Reichsrathes, dessen Frucht bekanntlich leider das Octoberdiplom war.

Wie mächtig aber in der kurzen Zeit seit dem österreichisch-italienischen Kriege der Einfluß der politischen Zeitungen im Allgemeinen und der „Presse“ insbesondere gewachsen war, lehrt folgende Thatsache. Es war am Tage vor der Publication des October-Diploms, als der damalige leitende Minister, Graf Rechberg, Dr. Friedländer zu sich bitten ließ, um ihm das October-Diplom und dessen bevorstehende Kundmachung zur Kenntniß zu bringen und ihn zu einer günstigen Besprechung desselben in der „Presse“ zu vermögen. Friedländer machte dem Staatsmanne gegenüber kein Hehl aus seiner ungünstigen Meinung über diese jüngste Schöpfung österreichischer Staatskunst, welche das Reich desorganisire. Der Publicist rieth dem Staatsmanne dringend, all seinen Einfluß aufzubieten, um zu verhindern, daß dieses Diplom das Licht der Welt erblicke. „Unmöglich,“ antwortete Graf Rechberg, „der Kaiser reist morgen nach Warschau zur Begegnung mit dem Kaiser von Rußland, da muß dem Reiche eine Verfassung gegeben sein.“ So war die österreichische Verfassung zu einer Frage der auswärtigen Politik geworden.

Friedländer bekämpfte das October-Diplom, und was er dem Minister angerathen, blieb auch fortan sein Ziel. Der Zug der öffentlichen Meinung bewegte sich unter dem Einflusse der „Presse“ so mächtig, daß Graf Rechberg selbst den ehemaligen deutschen Reichs- und österreichischen Gesammtstaatsminister Anton Ritter v. Schmerling, den Vertreter der einheitlichen, durch eine Gesammtverfassung zusammenzuhaltenden Monarchie, sich beigesellte. Die Februarverfassung entstand. So mächtig war nun bereits der politische Einfluß der „Presse“, daß kein Minister ihrer Unterstützung entrathen zu können glaubte. Auch Schmerling ließ Dr. Friedländer zu einer Besprechung einladen, in welcher er die Februarverfassung zu dessen Kenntniß brachte. Als Friedländer, statt des aus den Landtagsdelegirten bestehenden Reichsrathes, einen direct gewählten Reichstag forderte, glaubte ihn der neue Verfassungsminister mit der Bemerkung abzufertigen: „Euch Allen stecken noch die achtundvierziger Ideen im Kopfe.“ Nichtsdestoweniger widmete Friedländer, als die Februarverfassung erschien, der mit letzterer inaugurirten Politik seine publicistische Unterstützung. Denn die Februarverfassung bekundete einen so ungeheuren Fortschritt gegenüber dem Absolutismus des verflossenen Decenniums, daß sie als der denkbar günstigste Ausdruck der augenblicklichen Entwicklungsphase den vollsten Anspruch auf wohlwollende Kritik hatte. In allen Fragen des Liberalismus kämpfte Friedländer für die liberalere Richtung; so in der Frage des Preßgesetzes, bei dessen Berathung Schmerling das seitdem berühmt gewordene Wort „Wir können warten“ in dem Sinne sprach, daß nicht die Regierung ein Interesse an dem raschen Zustandekommen habe.

Im Jahre 1864 entschlossen sich Friedländer und Etienne, selbst ein großes Blatt zu gründen. Ihnen schloß sich der geschäftskundige Chef der Administration der „Presse“, Werthner, an. Die „Neue freie Presse“ entstand. Am 1. September erschien ihre erste Nummer. Und an dieser seiner eigensten Schöpfung bewährte sich das ganz außerordentliche Organisirungstalent und die Universalität der Begabung Friedländer’s. Dieser war unermüdlich, alle Rubriken des Blattes sorgfältig und den Bedürfnissen des Publicums entsprechend einzurichten. Nichts war so unbedeutend, daß es seiner Aufmerksamkeit entging; von dem Zahne an dem Maschinenrade bis zum Feuilleton und dem Leitartikel hinauf erfuhr Alles seine gestaltende Thätigkeit. Charakteristisch für seine Auffassung der Aufgabe einer großen Zeitung ist die Bemerkung, welche er einmal zu Kuranda, dem geistvollen Publicisten und Herausgeber der „Ostdeutschen Post“ machte, welches Blatt sich trotz seines Einflusses auf die intelligentesten Kreise und seiner literarisch und politisch ausgezeichneten Führung nicht in dem gesteigerten Concurrenzkampfe behaupten konnte. „Ihr Blatt ist an den schlechten Spiritusberichten zu Grunde gegangen,“ so lautete das geflügelte Wort. Natürlich ist dasselbe nicht buchstäblich zu nehmen. Seine Sorgfalt ging so weit, daß er sogar dem Courszettel für die „Neue freie Presse“ eine besondere, rationelle, dem Bedürfnisse seines Lesepublicums angepaßte Eintheilung gab.

Die Gründung der „Neuen freien Presse“ fiel in die Zeit der untergehenden Herrlichkeit Schmerling’s. Das Blatt stellte sich sofort auf die Seite der Opposition und trug dadurch wesentlich zum Sturz des Staatsministers bei. Aber der Sieg der Verfassungspartei war doch ihre Niederlage. Schmerling ging, Belcredi kam. Die Verfassung wurde sistirt. Oesterreich führte den unheilvollen deutschen Krieg. In dieser Epoche bewährte sich das neue Blatt glänzend. Der Krieg gab demselben Gelegenheit, eine außerordentliche Rührigkeit in den Mittheilungen vom Kriegsschauplatze zu bethätigen. Die „Neue freie Presse“ war es, welche die ersten telegraphischen Nachrichten über den Fortgang der Schlacht von Sadowa brachte, Nachrichten, welche von ihrem Specialcorrespondenten auf einem vergessenen Eisenbahntelegraphenapparate in Pardubitz von Stunde zu Stunde nach Wien telegraphirt und in vielen Tausenden von Extrablättern verbreitet wurden. Weder der Kaiser noch der Kriegsminister hatten Berichte; auch sie waren an die Telegramme der „Neuen freien Presse“ gewiesen. Ihre Mittheilungen vom Kriegsschauplatze hatten dem Blatte einen außerordentlich erweiterten Leserkreis und eine in Oesterreich unerhörte Macht gewonnen. Der Kampf, den sie dabei führte, endete mit der siegreichen Anfechtung der Decemberverfassung.

Friedländer’s höchstes Verdienst wohl ist, daß er die Beschickung des außerordentlichen Reichsraths, zu welcher namhafte Führer der Verfassungspartei schon bereit waren, durch Aufregung der öffentlichen Meinung zu verhüten wußte und so den Sturz Belcredi’s erzwang. Auch das Bürgerministerium legte das größte Gewicht auf die Unterstützung Friedländer’s, welcher dieselbe nicht blos in der „Neuen Freien Presse“ gewährte. Denn auch das Rundschreiben des Ministers des Innern, Dr. Giskra, an die Statthalter, in welchem er denselben die Linien ihrer administrativen Thätigkeit vorzeichnete, und welches den entschiedensten Beifall der öffentlichen Meinung fand, stammte aus Friedländer’s Feder. Die parlamentarische Verfassungspartei hatte zum ersten Male von der Regierung Besitz ergriffen, und deshalb sah es Friedländer für seine patriotische Pflicht an, das Ministerium der Verfassungspartei in der Gunst der öffentlichen Meinung zu [469] fördern. Aber diese selbstauferlegte Pflicht hinderte ihn nicht, unabhängige Kritik an den dieselbe nur allzu oft herausfordernden Maßregeln zu üben.

Als den Honigmonden des Verfassungslebens bald die Zeit der Verworrenheit folgte, wo Jeder ein Ausgleichsrecept feilbot, wo Graf Beust, den Hofwünschen und seinen eigenen unklaren Neigungen nachgebend, die Verfassungspartei durch Ausspielung der radicalen Elemente wider sie – in allerdings virtuoser Weise – zersetzte, bewahrte Friedländer den Principien der Partei unerschütterliche Treue. Wenn er damals in das Ausgleichsfahrwasser hinübergelenkt hätte, so war die Verfassungspartei an’s Messer geliefert. Aber sein zur Macht gewordenes Blatt bewährte sich als einen Fels, an dem sich die verworrenen Ausgleichswogen brachen, besonders als mit dem glänzenden Erfolge der deutschen Waffen und der Wiederaufrichtung des deutschen Reiches auch in Oesterreich das gehobene deutsche Nationalbewußtsein eine plötzliche und vollständige Wandlung in der allgemeinen Volksstimmung hervorbrachte.

Friedländer und Etienne waren Eines Sinnes in der Bethätigung deutscher Sympathie; das deutsche Stammesbewußtsein, das Bedürfniß nach einer Kräftigung des Deutschthums gegenüber slavischem Ansturme, die richtige Würdigung entarteter französischer Zustände, die geschichtliche Ueberlieferung Oesterreichs, dessen unbedingtes Friedensbedürfniß, die Aussicht auf eine Verbindung Oesterreichs und Deutschlands, welche die habsburgische Monarchie als deutsche Macht erhalten und den Frieden Europas für die Zukunft sichern würde, das waren die Beweggründe, welche die beiden Chefredacteure der „Neuen Freien Presse“ bestimmten, ihrem Blatte die viel angefochtene und verdächtigte deutsche Haltung zu geben.

Die Epoche Hohenwart-Schäffle war die Glanzzeit der Friedländer’schen Thätigkeit. Der damalige schmachvolle Versuch, die Deutschen aus ihrer leitenden Stellung in Oesterreich zu verdrängen und die Slaven an deren Stelle zu setzen, erregte den deutschen Mann im Innersten seiner Seele. Seine reiche Gedankenwelt schien in einer früher nicht erreichten Fülle ihre Grenzen zu erweitern und immer neue Argumente aus den Maßregeln der Gegner zu gewinnen. Die Gedanken strömten ihm in wahrer Unerschöpflichkeit zu. Seine Arbeitskraft war in’s Riesenhafte gesteigert. Diese fast fieberhafte Thätigkeit entsprach ebenso sehr einem inneren Bedürfnisse als der Sorgfalt eines umsichtigen Redacteurs, das Blatt nicht zu gefährden und der Partei nicht im entscheidenden Augenblicke ein einflußreiches Organ zu entziehen. Die Regierung versuchte auf mannigfache Art die gefährliche Opposition dieses Blattes zu brechen. Friedländer wies jeden Versuch einer Einwirkung ab. Gleich nach seinem Amtsantritte hatte auch Graf Hohenwart ihn zu einer Unterredung eingeladen, um ihm seine Absichten darzulegen.

Bezeichnend für die damals schon weitangelegten Pläne der Föderalisten ist es, daß Graf Hohenwart die centralistische Saite in Friedländer berührte und ihn durch die Aussicht auf eine gewisse auch Ungarn umfassende Staatseinheit gewinnen zu können glaubte. Friedländer erwiderte trocken, die Verfassungspartei habe zwar den Vertrag mit Ungarn nicht gern geschlossen, aber sie sei gewohnt, Verträge zu halten. Selbst Schäffle fühlte – allerdings in einer späteren Epoche – das Bedürfniß, sich Friedländer zu nähern. Er ließ durch einen gemeinsamen Bekannten untergeordneter Art – denn Schäffle stand als Minister social sehr vereinsamt da – Friedländer bitten, ihn in seinem Ministerhôtel zu besuchen. Der Eingeladene antwortete mit einer kurz angebundenen Ablehnung. Darauf ließ Schäffle anfragen, ob Friedländer ihn in der Redaction empfangen würde. Abermaliges „Nein“ mit dem Zusatze, falls Schäffle vorsprechen sollte, würde Friedländer sich verleugnen lassen. Endlich bat Schäffle, ihm, nicht dem Minister, sondern dem Professor, eine Unterredung in Friedländer’s Privatwohnung zu gestatten. Friedländer sagte zu, und in zwei Sommernächten, zwischen zehneinhalb und zwölf Uhr, schlich der Minister nach dem in Döbling gelegenen Landhause des Publicisten. Mit welchem Erfolge, ist bekannt. Die unerschütterliche Haltung der „Neuen Freien Presse“ belebte die tief herabgestimmte Verfassungspartei, deren Muth in allen Kreisen, um mit einem der bedeutendsten österreichischen Dichter zu sprechen, im Grunde doch nur „geschminkte Furcht“ war.

Die aufreibende, ein in Friedländer ungeahnt schlummerndes Herzleiden nur allzu sehr fördernde Thätigkeit hatte Erfolg. Als ob die Vorsehung ihm nur so lange seine volle Kraft gewahrt hätte, als der slavisch-feudale Gegner zu bekämpfen war, brach dieselbe nach dem Siege der Verfassungspartei zusammen. Er wurde leidend, war des Tages wiederholt von Krampfanfällen heimgesucht, brachte die Nächte zum Theile schlaflos zu und hatte wiederholt Ohnmachtsanfälle. Die zu Rathe gezogenen Aerzte, darunter Capacitäten ersten Ranges, wie Skoda, erkannten das Leiden nicht und diagnosticirten auf eine Affection des Frontalnervs; allerdings nicht völlig unbesorgt über den Zustand Friedländer’s, empfahlen sie demselben Luftveränderung. Friedländer, der trotz des Leidens sich seiner gewohnten journalistischen Thätigkeit hingegeben hatte, ging nach Nizza, fühlte sich dort in kurzer Zeit sehr erleichtert und kehrte, anscheinend wohl, über Paris nach Wien zurück; nur eine starke Heiserkeit war zurückgeblieben. Die jetzt consultirten Aerzte, Schrötter und Bamberger, sahen nun tiefer; sie erkannten, daß Friedländer an einem Herzfehler leide, und insbesondere der Letztere – der Nachfolger Oppolzers auf dem Universitätsstuhle – erklärte das Leben Friedländer’s als unmittelbar bedroht. Diese Diagnose war nur zu richtig. In der Nacht vom 20. auf den 21. April war Friedländer nach kurzem Todeskampfe eine Leiche. Er starb an Erweiterung der großen Körperpulsader.

In ihm hat Oesterreich einen wahren Patrioten verloren, der, obwohl auf preußischer Scholle geboren, doch durch und durch Oesterreicher war und sich wie vielleicht Wenige in das Detail der inneren österreichischen Politik eingelebt hatte. Es ist eine häufig zu beobachtende Erscheinung, daß die begabten, gründlich gebildeten Norddeutschen nach kurzem Aufenthalte in diesem Reiche mit Leib und Seele Oesterreicher werden, während die unwissenden Einwanderer sich stets hochmüthig absprechend gegen ihr Adoptivvaterland zeigen. Auf jene wirkt gewinnend und begeisternd das frisch-gesunde, oft kindlich naive, aber äußerst lernbegierige, für Großes und Edles leicht zu begeisternde Volksthum, das edlem Thone gleicht, welchen die in strenger preußischer Schule erzogenen, an den kategorischen Imperativ gewöhnten und darum zum Leiten befähigten Norddeutschen zu den vollendetsten Schöpfungen zu gestalten vermögen. Und Friedländer folgte dem Zuge der gebildeten Preußen: er wurde ein leidenschaftlicher Oesterreicher, nachsichtig gegen alle Schwächen seiner neuen, streng gegen die Fehler seiner alten Landsleute. Der Verfassungspartei ist in ihm ihr bedeutendster publicistischer Kämpfer entrissen worden, der sie oft wie mit athletischen Armen über den Abgrund, in den sie zu versinken drohte, emporgehalten und dem sie in ihrer von ihm in vertraulichem Kreise oft genug gegeißelten Schwäche durch Gründung eines allerdings dahinsiechenden Parteiblattes mit Undank lohnte. Seine publicistischen Freunde und Gesinnungsgenossen entbehren den Führer, dem sie gerne folgten, weil sie seine Ueberlegenheit willig anerkannten.

Und seine Familie … ja, da zerschnitt der Tod ein Band, das mit der Stärke der innigsten Liebe Herzen verknüpfte. Friedländer war seit etwa zehn Jahren mit der früheren Schauspielerin Regine Delia verheirathet, welcher Ehe vier Kinder entsprossen. Sein Familienleben war ein außerordentlich glückliches, ein geradezu leuchtendes Muster deutscher Innigkeit. Anscheinend kalt, gleichgültig gegen die Menschen, wortkarg, formlos im Umgange mit denselben, sein Gemüthsleben tief in sich verschließend, öffnete sich sein Herz, wenn er nach vollbrachter Arbeit die Wohnräume seiner Familie betrat. Da belebten Strahlen herzinnigsten Glückes, ein Wiederschein seiner Seelenempfindung, sein Antlitz, seine Kälte und Gleichgültigkeit wich dem lebendigsten Interesse, der vollen, fast leidenschaftlichen Hingebung an seine Theuren, die Wortkargheit war verschwunden die Formlosigkeit machte den zartesten Aufmerksamkeiten Platz, mit welchen er seine geliebte Frau überschüttete. Die Abende waren häufig der Geselligkeit gewidmet; das Ehepaar Friedländer empfing die beste Gesellschaft in seinen mit feinstem Geschmacke ausgestatteten Salons, welcher Verkehr gleichzeitig mit ein Element des politischen Einflusses war, den Friedländer übte. Nun herrscht Trauer und Vereinsamung in diesen prächtigen Räumen. Die Glücksgüter sind seiner Frau geblieben; dafür sorgt sein letzter Wille, der mehr als durch die Nachlaßbestimmungen durch den rührenden Ton der Rede von der Liebe des Verstorbenen zu ihr Zeugniß giebt: „Mein letzter Gedanke, [470] mein letztes Wort, mein letzter Athemzug wirst Du sein, Regine, nur Du, trotz unserer vier geliebten Kinder, denen Du es sagen mußt, welchen Vater sie verloren haben.“ So schließt sein letzter Wille.

Friedländer war der geborene Pfleger aufkeimender Talente. Nie vielleicht hat ein Mann so endlose Geduld mit den persönlichen Schwächen, den Launen und Aufwallungen Derer bewiesen, welche er aus dem Dunkel hervorgezogen hatte. Hatte er eine bildsame journalistische Kraft gefunden, so war ihm kein Opfer zu groß, sie für immer an sein Blatt zu fesseln, kein materielles und am wenigsten ein persönliches. Wollte doch Einer von seinen Mitarbeitern sich losreißen, so wußte er ihn durch rührende Bitten zu halten. Kein edel angelegter Charakter vermochte „Nein“ zu sagen, wenn Friedländer, der sonst in seinen Ausdrücken so prägnant, fast hart war, in unbeschreiblich weichem Tone, mit herzbewegender Geberde sagte: „Bleiben Sie bei uns! Es ist Ihnen ja doch nirgends wohler als bei uns!“

Das ist das bleibende Denkmal Friedländer’s, daß er nicht blos selbst wirkte, sondern daß er einen Kreis von Männern heranzog, welche unter Etienne’s bewährter Leitung das Blatt so fortzuführen wissen werden, als ob er selbst noch unter den Lebenden weilte.




Meine Kindheit.


Von Gottfried Kinkel.


(Geschrieben Winter 1849–50 im Gefängniß zu Naugardt.)


II.


War nun eingeherbstet, so folgten die Tage des Gährens, doch wurde zuvor der frische, noch ganz süße Most verkostet und nach allen seinen Zeichen kennermäßig geprüft, ob er durch Klebrigkeit, Farbe und Masse ein gutes Gewächs vorausmelde. Während der Gährung hebt sich die Masse der zerquetschten Trauben in den Bütten stark empor und muß des Tages mehrmals eingestoßen werden, weil die oberste Schicht, wenn sie nicht stets feucht bleibt, dem Weine einen brandigen Geschmack giebt. Der Winzer freut sich besonders, wenn er deshalb auch Nachts aufstehen muß, denn je stärker der Wein hebt, desto mehr Feuer bekommt er. Mein Vater stand in diesen Tagen regelmäßig um drei Uhr auf und weckte mich, dann ging’s hinunter in’s Kelterhaus, und ich mußte ihm zur Arbeit die Laterne halten, nachher legten wir uns noch ein paar Stunden auf’s Ohr. Dann kam bald die Kelterung, bei der ich mit schwachen Kindeskräften, aber stets mit gewaltigem Eifer die mächtige Kelterschraube und die großen sie beschwerenden Basaltblöcke drehen half. Es ist einer der schönsten Anblicke, die es giebt, wenn die glührothe Blume des Weines unter dem ersten, noch leisen Druck des mächtige Kelterbaums rauschend und schäumend vom Kelterbecken in die Bütte strömt. Noch herb und jugendlich scharf mit all seiner Hefe, die er später niederschlägt, bildet dieser neue Wein eine Hauptlust rheinischer Zecher und hat dann eine fabelhaft berückende und eben auch berauschende Kraft, die gar Mancher erst gewahr wird, wenn es für diesen Abend mit ihm schon zu spät ist. Auch ich that trotz meinem Kindesalter an der Kelter stets meinen herzhaften Trunk, und Niemand hinderte das. Gleichfalls habe ich, soweit meine Erinnerung zurückgeht, an den Sonntagen und wohl auch sonst, wenn ich darum bat, ein Glas von unserem Wein bekommen. Auch hier zeigte sich wieder, wie frei alles Erlaubte den Charakter macht; eben weil ich stets Wein haben konnte, bin ich vor meinem siebenzehnten Jahre, also gerade im Vollbesitz des väterlichen Kellers, auch nicht ein einziges Mal trunken oder nur bespitzt gewesen. Ich halte dafür, daß in der scharfen, zehrenden Stromluft des Rheinthals ein Glas Wein auch Kindern keinen Schade thut; man wird überhaupt finden, daß alles Genießbare, was die Natur unverkünstelt spendet, an dem Orte ohne Gefahr und sittliches Verderben genossen werden kann, wo es wächst, weil hier die allweise Mutter immer zugleich Lebensbedingungen angelegt hat, die jede verderbliche Wirkung abschwächen.

Ehe nun aber der Wein in’s Faß und somit endlich zu seiner klärenden Winterruhe kommt, müssen doch billigerweise die Winzer erst durch gegenseitiges Probiren ihres Wachsthums ihm ihren Segen und ihr Urtheil über seinen künftigen Werth mitgeben. Man nennt dieses das „Nobern“ oder Nachbarn, weil die Nachbarn sich dabei untereinander besuchen und bewirthen. Zum Nobern werden regelmäßig die nächsten Sonntage nach der Lese verwendet. Es giebt Dörfer, die durch die Großartigkeit berühmt sind, mit welcher sie diese Sitte durchführen. Der erste Bewohner einer Gasse füllt von seinem Wein ein ehrbar umfangreiches Gefäß und trägt es zum Nachbar. Nachdem sie demselben seine Ehre erwiesen, wird es aus derselben Bütte neu gefüllt, der Nachbar holt eine zweite Kanne voll von seinem Erzeugniß, und so gehen sie nun mit zwei gefüllten Gefäßen zum Dritten, der sich, nachdem er im Trinken und Spenden seine Schuldigkeit gethan, wiederum mit einer vollen Kanne anschließt. Daß am Schlusse dieses Processionsganges kein Mensch im ganzen Dorfe mehr fest auf den Beinen steht, wird Jeder glauben, der einmal eine etwas nähere Bekanntschaft mit neuem Wein geschlossen hat. Besonders im Ahrthal, wo ein prachtvoller Rothwein gezogen wird, war das Dorf Dernau durch seine festlichen Nachbarbesuche bekannt; ohne diesen Ruf verbürgen zu wollen, will ich einfach berichten, daß ich selbst einmal in dem bewundernswürdigen Weinjahr 1846 an einem Sonntagabend nach der Traubenlese von Ahrweiler nach Dernau gewandert bin und auf diesem anderthalbstündigen Wege von all den zahlreichen Menschen, die mir entgegenkamen, auch nicht ein einziger nüchtern gewesen ist. Soweit kam es nun in dem sittenstrengen Oberkassel niemals, allein einigermaßen mußte Bacchus auch hier von der Kirche respectirt werden. Am ersten Sonntage nach der Weinlese versäumte nämlich mein Vater nie, der Gemeinde anzuzeigen, daß heute kein Nachmittagsgottesdienst stattfinden werde, wobei er regelmäßig die Formel gebrauchte, daß dieses „aus bekannten Gründen“ geschehe.

Wenn nun schon diese Arbeiten unserer kleinen Landwirthschaft manche Stunde des Tages ausfüllten, so fehlte es trotzdem meiner frühesten Jugend an ausreichendem Spielraum zur Thätigkeit. Meine Eltern hatten den falschen Erziehungsgrundsatz, uns einsam aufwachsen zu lassen, weil sie befürchteten, daß Umgang mit anderen Kindern unsere guten Sitten verderben könne. Schon mit dem Dienstmädchen sollten wir nicht zu viel verkehren, und von allen Räumen des Hauses war uns deshalb einzig die Küchenstube verboten. Auf die Straße kamen wir nur an der Hand der Eltern, und fremde Kinder durften sehr selten zu uns herein. So bin ich, als der Jüngste, in meinen Kinderjahren denn niemals mit kleineren Kindern als ich selbst zusammengekommen, und dies hat meinem Wesen als Jüngling eine unleidliche Frühreife und Altklugheit gegeben, die ich nur sehr schwer mir habe aberziehen können. Gar leicht hätte noch etwas viel Giftigeres daraus werden mögen, nämlich ein aristokratischer Stolz auf den Stand und die Gelehrsamkeit meines Vaters, allein davon war kein Tropfen in meinem Blut, und so hat nach dieser Seite hin meine geistige Gesundheit keinen Bruch erlitten.

Meine Schwester hatte sechs Jahre vor mir voraus; das ist im Kindesalter eine sehr lange Zeit und begründet einen unermeßlichen Unterschied der Neigungen und Fähigkeiten. Sie spielte zwar bisweilen mit mir; da sie aber an Stärke, Schnelligkeit und vor Allem an Schlauheit mir weit überlegen war, so geschah das bei ihr mit Herablassung und bei mir, der allwege den Kürzern zog, ohne rechte Freude, denn die Lust an jedem Spiel beruht darauf, daß die Parteien sich wenigstens annäherungsweise gleich sind. Außerdem liebte meine Schwester, wie das die Art heranwachsender Mädchen gegen jüngere Kinder ist, weit mehr, mich zu commandiren als zu unterhalten, mischte sich auch da und dort wohl in meine Erziehung ein. Dies Gefühl nun, immer in ihrer Gewalt zu sein und niemals ihr obsiegen zu können, reizte mich oft zu heftigem Zorn, wie ich denn überhaupt als Kind überaus jähzornig gewesen bin. Gab es Streit zwischen uns, so erhielt ich von der Mutter gewöhnlich Recht, weil diese [471] mich als den Kleinsten schützte und vorzog; in anderen Fällen hat meine Schwester mich durch Berufung auf meine bessere Natur leicht entwaffnet.

So steht mir noch eine Scene etwa aus meinem fünften Jahr in Erinnerung, als wäre sie gestern geschehen. Ich war heftig gereizt und ging mit einem Lineal auf meine Schwester los, um sie aus allen Kräften zu schlagen. Da rief sie schnell: „Gottfried, Du weißt, daß Du jähzornig bist, jetzt bezwing’ Dich einmal und gieb mir das Lineal heraus!“ Das wirkte augenblicklich: ich trat friedlich zu ihr und gab ihr meine Waffe ab. Allein wenn auch die Schwester sich häufiger mit mir hätte beschäftigen wollen, so war sie dazumal längst in ihren Lehrjahren und hatte höchstens eine Freistunde für mich übrig. So war ich denn sehr oft allein; dann lag ich in einem Sommerhäuschen des Gartens unter dem Schatten

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Ludwig Bohnstedt.

des Weinlaubs, träumte von der Welt draußen und baute mir aus nassem Sand das Siebengebirge mit Schlössern und Felsen auf, oder blickte recht wehmüthig und sehnsuchtsvoll über die nahen Berge weg, hinter denen ich mir erst ein ausbündig herrliches, zauberschönes Land erwartete. Oft auch schlich ich mich traurig an die Hecke des Baumhofs und sah durch ihre Reiser den Spielen der anderen Dorfkinder zu, welche mit hellem Jauchzen und Lachen im Grase sich herumtummelten. Der Spieltrieb ist somit bei mir im Kindesalter nicht vollständig herausgekommen und hat mich dafür später noch oft geneckt. Als ich bereits Primaner war und frei herumlaufen durfte, habe ich in demselben Baumgarten mit ganz kleinen Jungen die früher so oft ersehnten Spiele nachgeholt, und noch heute ist Spielen mit Kindern mir eine große Lust. Als ich später lesen konnte, rüstete ich mir einen bequemen Sitz zwischen den Aesten eines Apfelbaumes und hatte da lange Nachmittage hindurch bei einem Buch mein Wesen.

Aus diesem großen Erziehungsfehler meiner Eltern, der meine sonst so begünstigte Kindheit doch für mich zu einem düstern Träumerleben umwandelte, hat sich in meinen Jünglingsjahren eine bittere Melancholie und Menschenscheu entwickelt, und noch jetzt ist mir von da her eine für einen thatkräftigen Mann allzugroße Neigung zur Einsamkeit übrig geblieben, die mich sehr oft im Handeln lähmt. Selbst nächtliche Märsche und längere Fußreisen mache ich am liebsten allein; dann tritt das Geheimniß der Natur näher und gewaltiger an uns heran; wir empfinden schaudernd und selig, wie nahe Leben und Tod sich berühren und alles Kleinliche, was die unreine Welle des täglichen Menschentreibens in der Seele abgelagert hat, rinnt mit dem Riesenstrome der Ewigkeit hinweg, den wir rauschend durch unser Inneres dahinziehen hören.

In dieser Einsamkeit des Pfarrgartens nun, die durch eine gebildete Umgebung und die allerherrlichste und mildeste Naturfülle allerdings anregend und geistbefruchtend wirkte, erwachte in mir zuerst diejenige Seelenkraft, welche den Grundtrieb meines Wesens auf Poesie und Kunst hin stimmen sollte, nämlich die Phantasie. Nicht an Dichtung, Märchen oder Anschauung fertiger Kunstwerke genährt, mußte sie ihr eigenes Bett sich graben und hat zu meiner unleidlichen Qual lange, lange Jahre stürmen und wühlen müssen, bis sie endlich zum stillen Seespiegel sich ausbreitete, der Welt und Himmel in mildem Glanze zurückwirft. Von wem meiner Ahnen diese Kraft und das aus ihr fließende Dichtertalent auf mich übergegangen ist, das weiß ich nicht zu sagen. Eine gewisse volksthümlich-bilderreiche Art sich auszudrücken, in Gleichnissen, Sprüchwörtern und kurzen Reimversen Wahrheiten hinzustellen, habe ich bei meiner Großmutter bemerkt; aber im praktischen Leben war doch diese Frau die hausbackenste Prosa.

Mein Vater hat nie geahnt, was Poesie ist, und ich zweifle, ob er überhaupt je einen deutschen Dichter gelesen hat. Allein nach seinem Tode habe ich dennoch unter seinen Papieren einige von ihm herrührende Dichtungen gefunden. Es waren Betrachtungen moralischer Natur, die ungefähr an Gellert’s Manier erinnerten, und von denen eine die sonderbare Vergleichung des menschlichen Lebens mit einer Pfeife Tabak nicht ohne Witz und Beobachtung durchführte. Von dichterischer Phantasie war in all diesen Sachen auch kein Funke; dagegen hatten sie das Merkwürdige, daß sie in Maß und Reim überaus correct waren, und das ist allerdings um so auffallender, da mein Vater gewiß niemals Metrik getrieben, also nur durch Eingebung eines angeborenen rhythmischen Gefühls jene Reinlichkeit der äußern Form erreicht hat. Und hier könnte wohl ein Einfluß von ihm auf mich übergegangen sein; denn schon meine frühesten, ganz unbewußt niedergeschriebenen Verse sind ohne allen Fehler in der Fußzahl gewesen; in einem noch so langen Gedicht, das Jemand vorliest, höre ich jeden metrischen Fehler sofort heraus, und habe oft zur Verwunderung meiner Freunde ihnen in ihren Sachen einen Fuß zu viel oder zu wenig nachgewiesen. Auch würde ich nie, wenn ich in so schönen Armen wie Goethe geruht, nöthig gehabt haben, des Hexameters Maß auf Faustinens Rücken zu zählen, indem mir niemals siebenfüßige Hexameter oder, wie in der „Braut von Korinth“ unserm Altvater geschehen, Reimverse mit einem Ueberbein entschlüpft sind.

Am meisten hatte gewiß meine Mutter von poetischem Feuer, allein es war bei ihr in einer Art vorhanden, welche ein Naturforscher latente Wärme nennen würde. Der dunkle Schiefer, das blanke Eisen haben in sich die Kraft zu großer Hitze; allein sie schläft, bis der scharfe Sonnenstrahl sie hervorlockt. So schläft in manchem Gemüth der Funke der Kunst, aber keine Bildung hat ihn entzündet. Dieser Sonnenstrahl der Bildung nun ist niemals über die Seelentiefen meiner Mutter hingestreift. In dem engherzigen Wupperthale aufgewachsen, hatte sie später mehrere Jahre bei Verwandten in dem orthodoxen Holland gelebt, und weder hierher noch dorthin war das Geisteslicht einer großen Literatur gedrungen, das unsere hohen deutschen Meister am Schlusse des vorigen Jahrhunderts entzündeten. Ebenso wenig ist ihr jemals in dem Westen Deutschlands eine anregende bildende Kunst entgegengetreten, denn diese fehlte dazumal im Rheinlande ganz. So konnte denn bei ihr die Brutwärme des Gemüthes [472] sich nur auf dem religiösen Gebiete entwickeln und nahm hier oft genug eine schwärmerisch poetische Gestalt an.

Die erste Lebensäußerung, in der bei mir die Einbildungskraft hervortrat, war die Furcht. Bevor der Mensch den Grund alles Seins und das Allleben der Natur entdeckt hat, treten ihm aus Wald und Nacht Gebilde seiner eigenen Seele schreckend entgegen. Es ist ein tiefes Wort eines spätlateinischen philosophischen Dichters, daß die ersten Götter in der Welt die Furcht geschaffen habe, denn aus jenem Grundzuge der kindlichen Menschennatur ist alles Heidenthum entstanden, und jeder Einzelne macht in der Kindheit denselben Entwickelungsgang durch. Eben in Folge meiner häufigen Einsamkeit wurde meine Einbildungskraft über alle Begriffe reizbar und mein ganzes Nervenleben fast allzu zart. Meine fromme Unschuld konnte die Verschwendung des Weltgeistes nicht fassen, welche alles Lebendige durch den Tod eines andern Lebendigen ernährt; alles Gestorbene, vorzüglich aber jede gewaltsame Tödtung eines Thieres, war mir entsetzlich. Um ein Lämmchen, mit dem ich als ganz kleiner Junge gespielt hatte und das nun geschlachtet werden sollte, habe ich die jammervollsten Thränen geweint. Der Tag, an welchem wir alljährlich ein Schwein schlachteten, war mir der härteste im ganzen Jahre, und wenn ich in Hof und Baumgarten an einem Häufchen ausgerupfter Federchen den Ort erkannte, wo ein Weih oder Sperber einen Singvogel zerfleischt hatte, litt ich die ganze Todesqual des Thierchens in meiner weichen Seele nach. In den Zeitungsgesprächen zwischen Vater und Großmutter kam sehr oft die Rede auf den griechischen Freiheitskrieg, der damals den ganzen Westen zum Mitgefühl fortriß, und ich duldete dabei unsäglich, wenn die Grausamkeiten der Türken an gefangenen Christen in’s Einzelne besprochen wurden. Am allergrauenvollsten aber war mir eine Unterhaltung, die bei uns einmal viele Winterabende nach dem Nachtessen füllte. Es waren Geschichten von Missionaren, die unter Cannibalen geriethen und von diesen auf unmenschliche Weise getödtet wurden. Vergebens, daß ich, vor Fieberfrost zitternd, die Großmutter bat, mit mir zu Bett zu gehen; die alte Frau und die Anderen alle empfanden bei jenen Erzählungen nur die Spannung des gewöhnlichen Romanlesens und begriffen nichts von der furchtbarem Seelenqual des zarten Kindes; ich aber schämte mich meiner Angst und sagte daher den wahren Grund meiner Bitten nicht. So konnte ich auch den Campe’schen Robinson, der sich in der Bibliothek meines Vaters befand, in der Jugend nicht durchlesen, weil in ihm gleichfalls die karaibische Menschenfresserei eine Grauenscene bildet, und noch heute sind mir die Schauergemälde französischer Romantik herzlich zuwider, welche einen armen Menschen durch alle Aengsten gräuelvoller Martern und gräßlicher Todesarten hindurchhetzen.

Aber auch ohne Anreizung durch fremde Phantasie erschuf die meinige sich Spukgestalten. Das Pfarrhaus war ein altes, zusammengeflicktes Gebäude mit einer Masse von Ausbauten, Ecken und Winkeln. Der Nachfolger meines Vaters hat es abgerissen, obwohl es noch recht wohnlich war, und von collectirtem Gelde ein neues aufgebaut, das er dennoch bald nach der Vollendung mit dem engen Kämmerchen des Grabes vertauschen mußte. Solch ein altes, mit Urväterhausrath vollgestopftes Haus ist nun am hellen Tage für Kinder eine Glückseligkeit, denn überall bietet sich ein Gegenstand der Neugier und ein Eckchen zum Versteckspielen. Allein wenn der Winterabend all’ die dämmerigen Plätzchen mit rabenschwarzer Nacht erfüllte, dann belebte sich mir jeder Winkel mit schreckhaften Bestien und Spukgestalten, und nur mit Herzklopfen schlich ich tappend die gewundene Treppe hinauf. Jede absonderliche Form verwandelte sich mir auch am lichten Tage in ein belebtes Schreckgespenst. So hatte mein Vater auf seiner Studirstube einen Wandschrank mit Papieren, der oben in einen Blumenschnörkel mit zwei Vertiefungen auslief; darüber sah ein Stiefelknecht hervor, welcher jahraus jahrein dort nicht heruntergenommen wurde. Jene Vertiefungen malte sich nun meine Einbildung zu zwei hohlen Augen und die geschwungenen Spitzen des Stiefelknechts zu zwei Hörnern aus, so daß aus dem Ganzen ein erschrecklicher Kopf wurde, der ja leicht einmal auf mich hinunterschießen konnte, wenn ich im Dunkeln die Stube betrat. Nahrung gab dieser Angst der Umstand, daß der Glaube an persönliche Unsterblichkeit, welcher natürlich in einer Pfarrerfamilie unerschütterlich feststand, auch einigen Aberglauben in Bezug auf Geistererscheinungen nach sich zog. Wenn meine Schwester in allem Ernste versicherte, nach dem Tode meiner Großmutter deren Geist im Blumengärtchen erblickt und in einem andern Falle einen sterbenden Bekannten im Augenblick des Verscheidens klopfen gehört zu haben, so war mir einige Gespensterfurcht in der Nacht schon zu verzeihen.

Wollte man nun diesen Seelenzustand Feigheit nennen, so würde mir darin Unrecht geschehen. Wo es galt, einem Wirklichen, Greifbaren zu Leibe zu gehen, da war ich nie ein feiger Junge. Wenn etwa ein Hund sich durch ein Heckenloch in unser Pfarrgebiet gedrängt hatte und die Sicherheit meiner lieben Enten oder Hühner bedrohte, so ergriff ich den ersten besten Prügel, und dann half es ihm nichts, wenn er auch die Zähne wies: er mußte eilfertig durch’s Loch wieder hinaus. Am Niclasabend besuchte uns regelmäßig der heilige Nicolaus und warf Aepfel, Nüsse und Backpflaumen in die Stube, nachdem er zuvor sich erkundigt, ob die Kinder auch brav gewesen seien. Der mit ihm kommende Hans Muff (so nennt man bei uns den Knecht Ruprecht) ließ sich nun eines Abends beifallen, mich mit Prügeln zu bedrohen. Hätte ich einen losen Streich auf meinem Gewissen gehabt, so würde ich sicher meinen Buckel ruhig hingehalten haben; nun aber hatte ich ein reines Gewissen, und Prügel, die ich nicht verdiente, brauchte ich auch nicht zu erdulden. Ich erwischte also einen Stock oder gar ein Stecheisen und ging damit so nachdrücklich auf den Hans Muff ein, daß dieser (es war, glaube ich, unser Dienstmädchen) gerathen fand, sich mit einer allgemeinen Redensart in das dunkle Vorhaus zurückzuziehen und mich ungebläut zu lassen. Dieses habe ich auch im folgenden Leben stets praktisch befunden; Prügel, die ich nicht verdiene, lasse ich mir von Niemandem gutwillig zumessen und bin mit dieser Maxime eine ziemliche Strecke weit ungeprügelt durch die Welt gekommen. Ja selbst die Gespensterfurcht konnte ich schon als kleiner Knabe bezwingen, wenn man mich beim Ehrgefühl anfaßte. So sprachen an einem sehr finstern Abend die Meinigen darüber, ob ich wohl Muth genug besäße, jetzt sofort an einen entfernten Platz des Gartens zu gehen. Ich sagte „Ja“, und man trug mir auf, als Pfand, daß ich dort gewesen, von einem der letzten Beete eine Ranunkel zu holen. Mich schauderte, aber ich ging; in der Küche bat ich das Mädchen noch, sie möchte, bis ich wiederkäme, in der Hinterthür stehen bleiben. Dann schritt ich mit festem Fuße in die Nacht hinaus, brach die Blume und überbrachte sie den wartenden Eltern.

Diese Zagheit vor den Geschöpfen meiner eigenen Einbildung habe ich mir erst abgewöhnt, als meine Phantasie dichterisch zu schaffen anfing und das unbestimmte Grauen zu festen Gestalten verarbeitete. Da wurde es mir im Uebergange vom Jünglings- zum Mannesalter sogar zur hohen Lust, meiner Phantasie in der Einsamkeit alle Zügel abzunehmen und sie wie ein wildes Roß auf weiter Haide sich tummeln zu lassen; auch heute noch beglückt mich solch regelloser innerer Wellenschlag, wenn ich viele Tage, ohne Verkehr mit bekannten Menschen, durch Wald und Flur geschweift bin und der Kuß der Natur sich wieder warm auf die gedankenfreie Stirn drückt. Ich habe etwa im achtzehnten Lebensjahre jene brausende Jagd der losgelassenen Einbildung in ein paar wilden Versen ausgesprochen, die mir noch in der Erinnerung stehen:

Wenn mich ein Traum vom Schlafe weckt,
Glaub’ nicht, daß Angst der stillen
Gewalt’gen schwarzen Nacht mich schreckt –
Schlaflos lieg’ ich mit Willen.

Bis höllenschwarz und himmlisch rein
Die Phantasien schwanken –
Da bin ich mit mir so ganz allein
Und mit den wilden Gedanken!

Die Meinigen merkten wohl, mit welch unbändiger Kraft mein junger Geist die Welt zu umspannen suchte, und meine Mutter erschrak. Als sie einst mit mir in Köln zum Besuche bei meinem dort wohnenden Pathen war, hat sie mir, dem noch ganz kleinen Jungen, die Baugefangenen oder sogenannten Kettenmänner gezeigt und mir gesagt: „Sieh, Kind, das sind große Verbrecher, und dahin könnte auch Dich die Sünde führen.“ Arme Mutter! Du hast nicht geahnt, unter welchen Verhältnissen Dein Liebling zu jenem gefürchteten Loose auf Lebenslänge verurtheilt werden sollte! Auch hat die ahnungsvolle Frau oft ihre Sorgen um meine Zukunft in die Brust meiner Schwester ausgeschüttet und [473] vorausgesagt, daß aus mir entweder eine Stütze des Gottesreiches, wie sie dies Reich verstand, oder ein Verstörer der bestehenden Ordnung dieser Welt erwachsen werde. Und doch zeigten meine schweifenden Gedanken schon früh, daß sie selbst eine Schranke freiwillig sich stecken würden. Als meine Mutter an einem wunderklaren Sommerabend mich, den kaum ein paar Jahre Alten, auf dem Schooße hielt, zeigte sie mir die Funkelpracht des Sternenhimmels und fragte mich: „Möchtest Du die nun nicht alle kennen?“ Da sagte ich entschlossen: „Nein, Mutter, ich habe hier unten auf der Erde noch so viel zu lernen, an die Sterne denk’ ich nicht.“ Meine Freunde werden in diesem kindischen Worte mich vollständig wiederfinden: mich hat immerdar nur das Gegenwärtige, Diesseitige und Praktische gereizt, und in diesem Einen Worte lag schon meine künftige Lossagung vom Christenthum geweissagt.

Die richtige Nahrung und Ableitung meiner brütenden Phantasie wäre die Dichtung gewesen, wenn man sie als Märchen oder Erzählung meinem dürstenden Geiste geboten hätte. Allein vor aller weltlichen Poesie hatte man in unserm Hause den tiefsten Abscheu, und kein Literaturwerk verlief sich unter die pergamentenen Holländer des Vaters oder die Andachtsbücher der Mutter. Romane lesen galt für den Ausbund sittlicher Verdorbenheit, das Theater und somit auch jedes dramatische Werk für eine teuflische Erfindung, womit sich der Christ nicht beflecken dürfe. Lange nach dem Tode meiner Eltern, als ich schon ein erwachsener Mensch war, sah eine meiner Mutter nahe Verwandte, die allerdings noch um einen Grad mehr beschränkt in ihren kirchlichen Vorurtheilen war, Grabbe’s Hannibal in meinen Händen und fragte überrascht: „Liesest Du denn auch solche Satansbücher?“ So blieb jeder Hauch der Poesie, jede lebensvolle Anschauung weltlicher Geschichten ängstlich von mir abgewehrt, und mein Geist glich einem verkrüppelten Schmetterling, der, seiner Puppe entkrochen und voller Sehnsucht nach der blauen Frühlingsluft, dennoch die verwachsenen Flügel nicht auszubreiten vermag. Die alte Großmutter speculirte auf meine große Freude an der Thierwelt und begann mir eine endlos sich fortspinnende Fabelgeschichte von Katzen zu erzählen, welche durch die Welt reisten und allerhand Abenteuer bestanden. Hernach bekam jede Katze wieder junge Katzen, an welche neue heldenhafte Lebensläufe angeknüpft wurden. Allein dieses läppische, farblose Gewebe genügte meinen in’s Große gehenden Wünschen nicht, und als nun gar der Fall vorkam, der in der deutschen Heldensage und in der kirchlichen Legende sich freilich auch wiederholt, daß mir von dem grauen Kätzchen Historien erzählt wurden, die ich schon von dem gelben gehört hatte, so fing mein kleiner Verstand bereits an, den Thatsachen das prüfende Messer anzusetzen. Die ganze Katzengeschichte wurde mir zum Ekel, und ich lief fort, wenn die Großmutter Miene machte, etwa noch ein Enkelgeschlecht von fleckigen Katern und Katzen auf die Bühne der Weltgeschichte zu führen. Da man mich nun ganz und gar nicht mehr zu beschäftigen wußte, so entschloß sich meine Mutter, einen ernsten Unterricht mit mir anzufangen, und so begann ich noch vor dem fünften Jahre das Lesen, dem sehr bald die Unterweisung im Schreiben nachfolgte.

Von jeder Zerstreuung durch Spielen mit andern Kindern entfernt, wandte sich die ganze Kraft meines Geistes auf diese Lernstunden, und ich hatte namentlich das Lesen unglaublich schnell begriffen. Bücher wurden nun mein Glück, allein es fehlte ja im Hause an aller für ein Kind passender Lectüre. Meine Mutter brauchte neuen Lehrstoff und brachte mir das Holländische bei, das sie im Lande selbst erlernt hatte; ich lese von jener Zeit her die Sprache fast ebenso fertig wie das Hochdeutsche. Allein auch hier mangelten sofort die Bücher, und so blieb kein Rath, als gleich wieder eine neue Sprache mit mir anzufangen. Mein Gedächtniß war damals ganz unbegrenzt, und selbst das trockenste Zeug von grammatischen Regeln, mit dem man mich quälte, lernte ich buchstäblich auswendig. So begann denn mein Vater, der mich im Stillen längst zum Theologen bestimmt hatte, das Lateinische mit mir, als ich erst sechs Jahre alt war.




Des Reiches „erster“ Baumeister.


Gleich nach der siegreichen Heimkehr des „deutschen Kaisers“ aus Frankreich und der Eröffnung des ersten Reichstags im neuen deutschen Reich ward allgemein die Nothwendigkeit anerkannt und ausgesprochen, daß vor Allem der Neubau eines Parlamentsgebäudes in’s Auge zu fassen sei und daß in diesem Bau ein großartiges Denkmal der wiedererrungenen nationalen Einheit und der unvergeßlichen Ereignisse, aus denen jene erwachsen war, geschaffen werden müsse. Es wurde eine Commission aus Mitgliedern des Bundesraths, des Reichstags und der preußischen Regierung gebildet, um zuerst ein Programm zu entwerfen. In der darauf folgenden Herbstsession wurde Letzteres vorgelegt und im Einverständniß mit dem Reichstag auf Grund dessen am 10. December vorigen Jahres eine allgemeine Concurrenz ausgeschrieben. Als Baustelle war darnach der Königsplatz vor dem Brandenburger Thore in unmittelbarer Nachbarschaft des Thiergartens ausersehen, dessen Mitte bereits dem Siegesdenkmal angewiesen ist und welcher im Uebrigen durch Lage und Ausdehnung besonders günstige Bedingungen für die Entwicklung eines Riesenbauwerks bietet. Zur Theilnahme wurden, nicht ohne Widerspruch im Reichstag, wo man von einer Seite dieselbe auf deutsche Künstler zu beschränken empfahl, die Architekten aller Länder zugelassen. Man war eingedenk, daß die Kunst der Menschheit angehöre; man wollte den Genius dienstbar machen, wo man ihn fände, und der Beste sollte nicht um deswillen ausgestoßen sein, weil er kein Deutscher sei. An die Bewerber erging die Einladung: „nicht nur die zweckmäßigste Lösung der Aufgabe zu suchen, sondern zugleich die Idee eines Parlamentsgebäudes für Deutschland in monumentalem Sinne zu verkörpern, daher auf eine reichliche Ausschmückung des Aeußern und Innern durch Sculptur und Malerei Bedacht zu nehmen.“ Die Entwürfe sollten nicht in vollständig ausgearbeiteten Bauplänen, sondern zunächst nur in Skizzen bestehen. Als letzter Termin für die Einlieferung wurde der 15. April 1872 bestimmt, jeder Preisbewerber zur Nennung seines Namens verpflichtet und dadurch in den Wettkampf das Princip voller Oeffentlichkeit eingeführt. Zu Preisrichtern wurden vier Mitglieder des Bundesraths, acht Mitglieder des Reichstags, sechs Architekten und ein Bildhauer eingesetzt. Der erste Preis bestand in tausend Friedrichsd’or, die vier nächstbesten Arbeiten erhielten Preise von je zweihundert Friedrichsd’or.

Für eine so umfassende Aufgabe schien anfänglich Manchen die gestellte Frist von vier Monaten, wenn schon nur Skizzen auszuarbeiten waren, zu knapp bemessen, zumal auch billig berücksichtigt werden müsse, daß einem durch Berufsgeschäfte in Anspruch genommenen Künstler die Spanne Zeit leicht auf die Hälfte oder ein Viertheil verkürzt werde. Der Erfolg hat diese Befürchtung kaum gerechtfertigt. Bis zum Schlußtermin waren beim Reichskanzleramt über hundert Entwürfe eingegangen, denen sich noch verschiedene Nachzügler zugesellten. Unter den Concurrenten fiel der Zahl nach, wie natürlich, der Löwenantheil auf Deutschland; doch war auch das Ausland, namentlich England, durch Größen ersten Ranges vertreten. Am 2. Mai wurde die Ausstellung der Pläne im Berliner Akademiegebäude eröffnet. Das Publicum der Hauptstadt, die Mitglieder des versammelten Reichstags, auswärtige Architekten, Bewerber und Nichtbewerber, welche das seltene Schauspiel angelockt hatte, strömten herbei und drängten sich in den weiten Sälen. Fiel es bei der Fülle von Entwürfen auch selbst dem Fachmann schwer, einen orientirenden Ueberblick zu gewinnen, so zog doch vom ersten Augenblick an ein Entwurf die allgemeinste Aufmerksamkeit auf sich. Dichte Gruppen umstanden denselben während der öffentlichen Stunden, und auch wer die Begünstigung hatte, die Mitglieder der Jury während der für diese reservirten Zeiten zu belauschen, konnte wahrnehmen, daß sich diese besonders häufig vor jener Arbeit aufhielten und dieselbe mit vorzüglichem Interesse zu prüfen schienen. Nicht minder wandten sich ihr die kritischen Stimmen zu, welche alsbald in der Presse laut wurden; einige von besonders competenter Seite abgegebene prognosticirten ihr bereits mit Entschiedenheit [474] den Sieg. Mit begreiflicher Spannung wurde in allen gebildeten Kreisen das Urtheil der Preisrichter erwartet. Am 31. Mai begannen diese ihre Berathungen. In Zeit von wenigen Tagen wurde das außerordentlich reiche Material von ihnen bewältigt. Am 7. Juni gaben sie ihr Verdict in erfreulicher Uebereinstimmung mit der schon nahezu einstimmigen öffentlichen Meinung ab. Es sprach die Palme dem Urheber jenes Entwurfs, Ludwig Bohnstedt in Gotha, zu.

Unter den Berufsgenossen hatte der Name dieses Mannes längst einen guten Klang. Wenn er außerhalb der künstlerischen Kreise gerade in Deutschland bisher nicht in gleichem Maße bekannt war, so lag dies einzig an dem Umstande, daß seine schaffende Kraft sich vorzugsweise im Auslande bethätigt hatte. Aber er

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Das Portal des deutschen Parlamentsgebäudes.
Entwurf von Ludwig Bohnstedt.

gehört unserem Vaterlande, und nicht bloß der Nationalität, sondern auch dem Herzen nach an. Als Sieger in diesem Wettstreit wird er fortan zu dessen Berühmtheiten zählen, und mit Recht durften ihn die Bewohner der Stadt, die ihn gegenwärtig unter ihre Mitbürger rechnet, als sie ihm auf die Nachricht von seinem Triumphe ihre freudige Huldigung darbrachten, als „Deutschlands ersten Baumeister“ begrüßen. So glauben wir den Lesern der Gartenlaube mit einigen authentischen Mittheilungen über die Person des Künstlers, sein bisheriges Wirken und seinen gekrönten Entwurf willkommen zu sein.

Ludwig Bohnstedt ist ein geborener Petersburger und wird im October fünfzig Jahre alt. Da aber sein Vater aus Stralsund und seine Mutter aus Bamberg stammte, so ist aus dem pommerischen und fränkischen Blut ein kerndeutsches Leben entstanden, und zwar mit einem norddeutschen Verstandeskopf und einem süddeutschen warmen Herzen. Als Künstler war Bohnstedt noch Schinkel’s Schüler auf der Berliner Akademie, wo jedoch Wilhelm Stier und Strack nachhaltigeren Einfluß auf ihn ausübten. Seine Wanderschaft in die Fremde der Kunstjünger, das heißt nach Italien, trat er 1841 an, kehrte im folgenden Jahre nach Petersburg zurück, ward 1845 Mitglied und zehn Jahre später Professor der kaiserlich russischen Akademie der Künste.

Er hatte sich längst durch Privatbauten den Ruf eines ausgezeichneten Technikers erworben, ehe der Staat ihn in seine Dienste nahm und die Großen des Reichs ihn beschäftigten. Dann aber blieb, gleich nach dem ersten Winken, das Künstlerglück ihm hold bis diesen Tag. Nach vierzehnjähriger Thätigkeit in Rußland trieb ihn ebenso der Widerwille gegen gewisse allbekannte russische Landüblichkeiten, die ihm gerade bei Bauunternehmungen in häßlichster Gestalt entgegenkamen, wie der Herzensdrang nach Deutschland; seit 1863 wohnt er in Gotha.

Bohnstedt’s Werke sind außerordentlich zahlreich und zerfallen in ausgeführte Bauten und Preisentwürfe. Von ersteren nennen wir nur das Petersburger Stadthaus, das Palais der Fürstin Jusupoff, das Stadttheater in Riga, viele Privathäuser in und um Gotha, die Villa Fritz Reuter’s bei Eisenach; von seinen mit ersten und zweiten Preisen gekrönten Entwürfen sind die vorzüglichsten: die Mineralwasseranstalt in Riga, ein Gesellschaftshaus in Reval, ein Kunst- und Industrieausstellungspalast in Madrid, eine protestantische Kirche in Portugal, das Rathhaus in Hamburg, ein Cantonschulgebäude in Bern und ein monumentaler

[475]
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Hauptfaçade des deutschen Parlamentsgebäudes.
Entwurf von Ludwig Bohnstedt.

[476] Gottesacker in Mailand. Sehr verdienstlich ist auch sein Stadterweiterungsplan für Gotha. –

Bohnstedt’s gestaltendes Erfindungsvermögen ist in der That außerordentlicher Art, so daß er nur einer beliebigen Aufgabe zu bedürfen scheint, um seiner Phantasie immer neue Schätze zu entheben. Und nicht minder virtuos ist die Gewandtheit und Eleganz seiner Darstellung. Durch diese glückliche Begabung ist er wie von der Natur selbst auf die Betheiligung an öffentlichen Preisbewerbungen hingewiesen, die man geradezu seine Specialität nennen könnte. Zu der Münchener internationalen Kunstausstellung im Jahre 1869 hatte er nicht weniger als zwölf große Bände voll Entwürfe eingesandt, welche dort großes und verdientes Aufsehen erregten. Ein hervorragendes Fachblatt, die „Deutsche Bauzeitung“, vindicirte schon damals Bohnstedt eine ganz besondere Bedeutung unter den Architekten Deutschlands und machte auf das Würdigste auf ihn aufmerksam. Um so erfreulicher ist es, daß dieses Urtheil durch den großen nationalen Sieg des Künstlers in der Baukunst selbst gekrönt worden ist.

Wenden wir uns nun von dem Manne noch zu einer kurzen Betrachtung des gekrönten Entwurfs. Der Urheber selbst vermittelt uns das volle Verständniß seines Gedankens durch eine beigegebene Erläuterung, der wir das Wesentlichste entnehmen.

Die örtliche Lage des Gebäudes, die Räumlichkeiten, welche dasselbe umfassen soll, und zum Theil selbst deren Größenverhältnisse waren in dem Programm so genau und erschöpfend vorgezeichnet, daß der Baumeister nichts weder bei Seite lassen noch hinzuthun konnte. Bohnstedt hat diese Aufgabe mit der Klarheit und Leichtigkeit des erfahrenen Meisters überwunden. Sein Plan trägt im Allgemeinen die Form eines Rechtecks, dessen lange Fronten nach Westen und Osten und dessen kurze Seiten nach Nord und Süd gekehrt sind. Die ersteren sind ferner durch einen Mittelbau verbunden, welcher den inneren Raum in zwei Hälften theilt und so zwei große offene Höfe von länglicher Gestalt entstehen läßt, deren schmale Seiten abgerundet erscheinen. In der Höhenrichtung baut sich das Ganze aus nur drei Geschossen auf. Von diesen bilden Souterrain und Erdgeschoß den Unterbau, welcher nur Nebenräume enthält. Darüber erhebt sich, dominirend und zugleich den Abschluß bildend, das Hauptgeschoß, in welchem alle wichtigen und der eigentlichen Bestimmung des Hauses unmittelbar dienenden Räume vereinigt sind. Den Inhalt dieses Stockwerks hat der Künstler in sechs Gruppen folgendermaßen disponirt.

Die erste Gruppe bildet der große Sitzungssaal des Reichstags[WS 1] von über sechshundert Quadratmeter Grundfläche mit den naturgemäß dazu gehörigen Piècen. Er ist in das geometrische Centrum des Gebäudes, nämlich in den vorhin erwähnten Zwischenbau, welcher die beiden Langseiten verbindet, gelegt. Seine Gestalt ist quadratisch; über ihm wölbt sich eine flache Kuppel, durch die er sein Licht empfängt und welche denselben auch äußerlich sehr schön als den innern Brennpunkt des Ganzen andeutet. Rednertribüne, Präsidium und Sitze für den Bundesrath befinden sich im östlichen Theile, dem Haupteingange gegenüber. Die decorative Ausstattung ist von edler Pracht. Das Blatt, welches diesen überaus imposanten Raum in perspectivischer Ansicht darstellt, darf als ein wahres Cabinetsstück betrachtet werden. Der Saal ist auf allen vier Seiten von Verbindungshallen umgeben. An diese schließen sich südlich das Stenographen-, Correctur- und Journalistenzimmer, nördlich drei Sprechzimmer für die Mitglieder des Reichstags, welche ihr Licht bereits seitwärts aus den beiden Höfen empfangen. Neben denselben an den vier Ecken dieses Complexes führen die Treppen zu den Tribünen auf.

In nächste Verbindung mit dem Sitzungssaal mußten vor Allem die Localitäten gebracht werden, welche für die Organe der Reichsregierung bestimmt sind. Der Entwurf legt dieselben als zweite Gruppe auf die Ostfronte und die südöstliche Ecke, von der ersten Gruppe nur geschieden durch ein geräumiges Vestibül. Die Mitte nimmt der Sitzungssaal des Bundesraths ein, der sich nach Osten auf einen freien Balcon öffnet. Zu beiden Seiten reihen sich die Geschäfts- und Sprechzimmer des Reichskanzlers, des Präsidenten des Reichskanzleramtes, sowie der Mitglieder des Bundesrathes und die Commissionszimmer des letzteren an. Auch einige Nebenzimmer, wie Post- und Telegraphenzimmer, sind zweckmäßig in dieser Abtheilung untergebracht.

Die dritte Gruppe nimmt die Nordfront ein. Hier führt der Reichstag, so zu sagen, sein Privatleben, indem er sich in die Abtheilungen und Fractionen auflöst. Jenen sind sechs kleinere, diesen zwei größere Säle zugewiesen.

Der Erholung ist die vierte Gruppe bestimmt, welche sich, von den Räumen der ersten und dritten gleich bequem zugänglich, in der nördlichen Hälfte der Westfront etablirt. Sie besteht der Hauptsache nach aus drei Erholungszimmern, einem Leseraum, aus dem eine Treppe direct in die im Erdgeschoß liegende Bibliothek führt, und einem großen Restaurationssaale. Aus diesem tritt man in die einen Hauptschmuck der westlichen Façade bildenden offenen Colonnaden, die sich hier (wie auch an der correspondirenden Stelle der Südhälfte) zu einer prächtigen Doppelhalle vertiefen.

Die fünfte Gruppe ist der Bereich des Präsidenten, welchem hier, seiner ausgezeichneten Stellung gemäß, eine glänzende Häuslichkeit eingerichtet ist. Diese Abtheilung zerfällt ihrer speciellen Bestimmung nach wieder in zwei Hälften, die Wohnräume auf der Südfront und die Repräsentationsräume auf dem südlichen Theile der Westfront. Letztere zeichnen sich durch einen großen Festsaal aus, dessen Lage dem oben erwähnten Restaurationssaale entsprichst. Beiden sind auch nach den Höfen zu geräumige Hallen vorgelegt.

Eine sechste Gruppe bildet endlich das Entrée, um die Mitte der Westseite construirt. Die offene Treppe des später zu erwähnenden Portals führt in einen geschlossenen Vorsaal, auf den links und rechts die Garderoben münden; dahinter das weite luftige Hauptvestibül als Vorhalle des Sitzungssaales, welcher so vom Eingange aus auf dem directesten Wege erreicht wird.

Die vorstehend skizzirte Lösung der Aufgabe in dem so wichtigen Punkte der Raumökonomie, welche sich in dem Grundriß darstellt, erscheint als eine überaus gelungene. Durch die Einfachheit ihres Princips und die Uebersichtlichkeit der Durchführung muß sie auf den schlichtesten Betrachter überzeugend wirken. Aber auch der sachverständige Kritiker, welcher alle Bedingungen auf das Schärfste abwägt, wird hier selbst in Kleinigkeiten kaum etwas auszusetzen und zu verbessern finden. Durch die centrale Lage des Sitzungssaales sind alle übrigen Abtheilungen des weitläufigen Bauwerkes auf den weitaus wichtigsten Raum bezogen. In ihm pulsirt der Herzschlag des Ganzen, von ihm aus strömt das Leben mit gleicher Leichtigkeit nach allen Theilen der Peripherie und von da wieder zurück. In der That ein trefflich ersonnener, gerade durch seine Einfachheit großartiger Organismus!

Und nun zum Aeußeren. Schon bei Berathung des Programms wurde die Stylfrage aufgeworfen und von bekannter Seite der Versuch gemacht, die Bewerber von vorn herein für eine bestimmte Kunstform, die Gothik, zu engagiren. Der Reichstag hat es damals mit richtigem Takte vermieden, dem Künstler in einer so eminenten Frage der innersten Ueberzeugung die Hände zu binden, und dieselbe vielmehr als eine offne behandelt.

So weisen denn die eingegangenen Arbeiten eine bunte Musterkarte von Stylproben auf, unter denen auch die Gothik ihren Platz einnimmt und in den beiden Scott ihre bedeutendsten Vertreter findet. Bei der vorliegenden Gelegenheit hat die Ansicht Derer, welche von Anfang an für ein derartiges Gebäude und speciell für Berlin eine edle Renaissance allein für möglich erklärten, unbedingt triumphirt. Zu dieser hat auch Bohnstedt gegriffen. Gerade daß er, der die vollendete Fähigkeit besitzt mit gleicher Leichtigkeit die verschiedensten Kunstformen zu handhaben, jene Wahl traf, ist ein vollgültiges Zeugniß für ihre Richtigkeit.

Sein bestes Vermögen pflegt der Baumeister bei der Gestaltung und Ausschmückung der Hauptfaçade einzusetzen. Bei der vorliegenden Aufgabe war diese Façade durch die örtliche Lage von selbst auf die westliche Front, mit dem Ausblick auf den breit vorgelagerten Königsplatz angewiesen. Eine besonders glückliche Eingebung hat über unserem Künstler bei der Construction seines Haupteingangs, welcher selbstverständlich hierher zu legen war, gewaltet. Als Portal baut er in der Mitte einen kolossalen Triumphbogen, auf korinthischen Säulen ruhend, auf. Die Abschlußlinie desselben übersteigt um ein Beträchtliches die übrige Fronthöhe des Gebäudes; die Krönung bildet eine Quadriga mit der Siegesgöttin.

So tritt dieses Mittelstück mit energischer Wirkung dem [477] Beschauer entgegen und fesselt dessen Aufmerksamkeit an einen geistreichen Gedanken von entschiedener Originalität und unbeschreiblichem Zauber, der in jeder Richtung die Spur des Genius trägt. In der Vertiefung des Bogens führt, dessen ganze Breite einnehmend, eine offene Treppe zur Höhe des Hauptgeschosses empor und mündet vor der Eingangshalle. Die Säulen des Portals setzen sich zu beiden Seiten organisch in den herrlichen Colonnaden fort; ihren Abschluß finden die Flügel in vorspringenden Eckpavillons mit kleinen Kuppeln. Ein reicher plastischer Schmuck füllt die schönen Linien mit mannigfaltigem Leben. Als Material der Ausführung ist Granit und Marmor gedacht. Auch die perspectivische Ansicht dieser Hauptfaçade, sowie die in größerem Maßstabe gehaltene des Portals sind vollendete Bilder und verrathen in der bewegten Staffage des Vordergrundes die Hand, welche auch die Palette zu führen gewohnt ist. Der monumentale Charakter ist in dieser Schöpfung mit erhabenen Zügen durchgebildet. Hingegossen in ruhiger Majestät vereinigt sich die harmonische Masse zu einem überwältigenden Gesammteindrucke. Und fürwahr, in beredterer Sprache vermag die bauende Kunst sich nicht auszudrücken, als durch dieses mächtig gewölbte Eingangsthor, im Hintergrunde überragt von der schimmernden Kuppel des Sitzungssaales, und das Motto: Durch Sieg zur Einheit!

Mit gerechtem Stolze durfte es uns erfüllen, daß der Künstler, dem in diesem Kampfe um den Plan eines deutschen Parlamentshauses der Lorbeer beschieden wurde, auch selbst unserm Volke angehört. Und in der That, nur ein Deutscher, der mit der ganzen Wärme nationaler Begeisterung an seine Arbeit trat, konnte ja im höchsten Maße befähigt sein, die Lösung zu finden. Nicht ohne Beschämung hätten wir es erlebt, wenn die monumentale Verherrlichung unserer größten Zeit dem Fremden besser gelungen wäre. Aber dem Gekrönten gehört sein Ruhm auch ohne Hintergedanken. Dem bescheidenen Manne, der in der Einsamkeit lebt und schafft, stand keine fürsprechende Gunst zur Seite. So hoffen wir, daß am Ende auch keine Mißgunst mächtig genug sein werde, ihm die höchste Freude seines Erfolges, die wenigstens im Wesentlichen unveränderte Ausführung seines Geisteswerkes, zu verkümmern.

J. H.




Blätter und Blüthen.


„Gerstäcker ist da!“ Dieser Ruf ging eines Tages im Jahre 1850 unter den Deutschen Adelaides in Südaustralien von Mund zu Mund und erreichte auch mich. Ich hatte Gerstäcker bereits in der Heimath kennen gelernt, als er sich im Jahre 1848 zu seiner großen Reise rüstete, und auf meine Bemerkung, daß auch ich entschlossen sei, meinem Vaterlande Ade zu sagen, und Australien zu meinem Ziele gewählt habe, erwiderte er mir, daß wir uns dort vielleicht wiedersehen würden, da auch er auf dieser Reise, von der Westküste Amerikas aus, Australien zu besuchen gedenke.

„Gerstäcker ist da!“ Er hatte also Wort gehalten und bald sollte ich ihn sprechen. Es wurde mir mitgetheilt, daß er Briefe aus der Heimath für mich habe, was ich jedoch nicht für möglich hielt, da ich die Heimath später verließ als er. Dennoch ging ich sofort in das Hôtel, welches er bewohnte, und fand durch ihn auch meine Voraussetzung bestätigt. Einem Dresdener gleichen Namens, welcher schon früher nach hier ausgewandert war, galten diese Briefe, und ich erwähne diesen Umstand nur, weil er eben den Mann charakterisirt. Wie Viele nehmen Briefe unter den heiligsten Versprechungen gewissenhafter Besorgung mit hinaus in ferne Welttheile, bekümmern sich aber dann nicht weiter darum, es sei denn, der Empfänger liefe ihnen gerade in den Weg, oder die Adresse verspräche eine nutzbringende Einführung. Gerstäcker aber hatte diese Briefe während seiner großen Reise Jahre lang treulich aufbewahrt und eilte nun, kaum in Adelaide angekommen, sich nach dem Empfänger derselben umzusehen.

Wir Deutschen in Adelaide waren zu jener Zeit eine sonderbare Clique. Die Jahre 1848 und 1849 hatten von Deutschland aus eine andere Classe Menschen an diesen fernen Strand geführt, als man gewöhnlich unter dem Worte „Auswanderer“ versteht. Kaufleute, Architekten, Studirende, selbst Officiere aus der Armee, Alle noch in jugendlichem Alter, fanden sich hier zusammen und gingen den mannigfachsten Beschäftigungen nach, von welchen wohl kaum Einer sich früher hätte träumen lassen; denn die große Goldepoche Australiens war noch nicht angebrochen und man suchte mit harter Arbeit sein Leben zu fristen.

Am Tage war man Handlanger, Steinbrecher etc. oder handelte mit diesem und jenem Artikel, der einigen Gewinn abwarf; sank aber die Sonne am Horizonte, so entpuppten sich die verschiedenen Arbeiter, warfen die staubigen und beschmutzten Hüllen von sich und fanden sich als eine anständige und gebildete Gesellschaft Abends bei Pollmann u. Wiener zusammen. „Pollmann u. Wiener“ (seligen Gedenkens!) war ein deutsches Café und unbestritten die feinste Restauration und Conditorei in Adelaide. Hier trank man eine feine Tasse Kaffee oder Chocolade, rauchte eine gute Cigarre, las, wenn Schiffe eingegangen waren, die mitgebrachten neuesten Zeitungen (denn einen regelmäßigen Postverkehr zwischen Europa und Australien gab es zu jener Zeit noch nicht), fand angenehme gebildete Gesellschaft englischer und deutscher Nationalität und hatte oft einen hohen musikalischen Genuß durch gediegene Vorträge auf dem Pianoforte, wie auch durch Solo- und Quartett-Gesang.

Und hier saßen wir auch jenen Abend Alle, Handlanger, Steinbrecher, Hausirer und Tagelöhner, und Gerstäcker, der Gefeierte, mitten unter uns.

Wir lauschten seinen Erzählungen und besonders derjenigen seiner abenteuerlichen und gefährlichen Fahrt auf dem größten Stromgebiete Australiens. Er war ganz allein in einem Boote von New-South-Wales den Darling herabgeschwommen und hatte nach dessen Erguß in den Murray, den Hauptfluß Australiens, auf dem letztern seine Reise bis in die bewohnten Districte Südaustraliens fortgesetzt.

Seine Tiefemessung behufs der Navigation dieses größten aller australischen Flüsse legte er dem damaligen Governor der Colonie Süd-Australien vor und bewies die Schiffbarkeit dieses Stromes.

Längst schon keuchen die Dampfschiffe den Strom auf und ab, drei Colonien im Innern verbindend; längst schon sind seine Ufer aufgenommen als vorzügliche Weideplätze; Ansiedelungen und blühende Stapelplätze spiegeln sich in seinem Gewässer; aber Gerstäcker’s Messungen und Aufzeichnungen während seiner einsamen Fahrt auf dieser großen Wasserstraße durch die Wildniß haben nicht wenig dazu beigetragen, die Ausführung dieses großen und segensreichen Unternehmens zu beschleunigen.

Gänzlich abgerissen durch die lange Reise, während welcher er keinen Ersatz finden konnte, kam Gerstäcker in Adelaide an, und seine Verlegenheit stieg, als er sein Gepäck, welches er Monate vorher in Sidney zur Beförderung per Schiff nach Adelaide abgegeben, hierselbst noch nicht vorfand. Doch diesem Mangel ward bald abgeholfen, und wohl und munter, mit sonnenverbranntem Gesicht saß der gefeierte, kühne Reisende nun bei Pollmann und Wiener.

Wie waren wir so froh und heiter! Wie schäumte die frohe Laune, wie sprudelten die Witze, oft trefflich zündend, wie ward der Becher der Erinnerung an die alte liebe Heimath bis auf den letzten Tropfen geleert! Der feurige Capwein unterstützte die heitere Stimmung der Gesellschaft und immer neuer Stoff wurde herbeigeschafft, die Flamme des Frohsinns zu unterhalten.

Da rief plötzlich eine Stimme, die einem Dresdener angehörte (und Dresden hatte jenen Abend ein starkes Contingent gestellt):

„Kennen Sie denn auch Magnus?“

Allgemeines Gelächter folgte dieser Frage, und Gerstäcker antwortete ebenfalls lachend:

„Ei, wie sollt’ ich den nicht kennen!“

„Und Kuno, den geschundenen Raubritter, diesen göttlichen Bühnen-Blödsinn?“ fragte eine andere Stimme.

Erneutes Gelächter, in welches aber sonderbarer Weise Gerstäcker diesmal nicht mit einstimmte. Es zuckte auf seinem Gesichte, es zwinkerte um seine Augen, aber es folgte kein Ausbruch froher Laune, wie bei den Uebrigen, weshalb die Frage an ihn wiederholt wurde.

„Ja wohl, meine Herren,“ erwiderte er nun fast ernsthaft. „Ja wohl kenne ich das Stück, aber kennen Sie denn nicht den Verfasser desselben?“

„Nein, nein!“ rief es lachend im Chor.

„Heraus mit dem Namen! Wer ist der Hochbegabte? wer ist der Dichter des geschundenen Raubritters?“

„Sie kennen ihn in der That nicht?“ fragte Gerstäcker wiederholt, während sein Auge lustig fragend die Runde machte.

Eine allgemeine stürmische Verneinung wurde wiederholt.

„Dann, meine Herren,“ rief Gerstäcker, „muß ich Ihnen mittheilen: der Dichter bin ich!“

Wir saßen plötzlich versteinert und blickten ungläubig in Gerstäcker’s Gesicht, darin aber lag unverkennbar der Genuß ausgedrückt, den unser Erstaunen und unsere ungläubigen Gesichter ihm bereiteten. Aber nicht lange währte dies, wir fühlten und sahen: Gerstäcker hatte die Wahrheit gesagt, er war der Dichter dieses non plus ultra aller Ritterstücke. Die Gläser füllten sich auf’s Neue und klangen an einander.

„Gerstäcker hoch! Der Dichter des geschundenen Raubritters hoch!“ erscholl es im Kreise und der Jubel erreichte seinen Höhepunkt. –

Gerstäcker ist nicht mehr! Mancher von uns, die jenen Abend mit gefeiert, ist auch zur Ruhe gegangen, und wir Uebrigen sind nach allen Winden zerstreut. Trotzdem, und im frommen Gedenken Gerstäcker’s, fühlte ich mich versucht, diesen auf so ferner Erde verlebten Abend dem Vergessen zu entreißen und hiermit eine Pflicht des Gedenkens gegen den Todten wie gegen die noch Lebenden zu erfüllen.

Theodor Müller.




Die Wahrheit von der Kanderner Affaire. Wir haben in dem Artikel über das „Hambacher Fest“ (Nr. 22) unsere gerechte Entrüstung darüber ausgesprochen, daß von nicht wenigen Geschichtsschreibern den Berichten und Urtheilen der von der Censur zugestutzten und officiellen Zeitungen nur allzu unbedingter Glaube geschenkt und dadurch der geschichtlichen Wahrheit mancher schwere Eintrag gethan werde, – und nur zwei Nummern später verfallen wir derselben Schwäche. Wir haben uns ebenfalls verführen lassen, die damals von der reactionären Presse verbreitete Behauptung, General v. Gagern sei unmittelbar nach seiner Unterredung mit Friedrich Hecker auf der Kanderner Brücke niedergeschossen worden, nachzuerzählen und dadurch zu einer Geschichtsfälschung beizutragen. Gottlob kann die Gartenlaube sich auf ihre wahren Freunde verlassen, die ihr lieber Alles, als die Wahrheit schenken. Und so beeilen wir uns denn, die uns über die unrichtige Darstellung jenes Vorgangs zugegangene Berichtigung aus der Feder eines Mannes, der theilweise ein Augenzeuge desselben war, sofort zu veröffentlichen. Herr G. Kramer aus Pforzheim schreibt uns:

[478] „Ein Theil der Hecker’schen Schaaren campirte in der Nacht vom 19. zum 20. April 1848 in dem Städtchen Kandern bei Müllheim, um von dort aus am andern Morgen die Rheinebene zu betreten. In der Nacht kam noch die Nachricht, daß badische und hessische Truppen im Anzug seien, und so wurde früh alarmirt. Beim ersten Tagesgrauen erschien der badische Regierungsrath Stefani und verlas auf dem Marktplatz zu Kandern die Aufruhracte, und dann begann erst die Thätigkeit Gagern’s. Die Schaaren Hecker’s zogen sich in Ordnung auf der Straße nach Schlechtenhaus und Steinen hin zurück, die Truppe folgten. Als die Schaaren Hecker’s den Wald erreichten, wurde Halt geboten und nun erfolgte richtig auf der Brücke hinter Kandern jene in Bildern verewigte Unterredung Hecker’s in Begleitung seines Adjutanten Schöninger mit Gagern.

Nachdem die Unterredung resultatlos geendet hatte und Hecker zu den Seinigen zurückgekehrt, begann der Rückzug derselben auf der Straße nach Schlechtenhaus und Steinen. Auf der sogenannten Scheideck bei Kandern, einem großen Plateau, sicher eine starke halbe Stunde von der Brücke, wo die Unterredung stattgefunden, entfernt, machten die Hecker’schen Halt, traten in Schlachtordnung und erwarteten den Angriff. Von Hecker war der gemessene Befehl gegeben, nicht zuerst zu schießen, weil er auf ein Uebergehen der Soldaten hoffen mochte. So marschirten diese unbehelligt den Berg herauf gegen die Scheideck. Die Hessen, die das Vordertreffen bildeten, wurden von den Hecker’schen mit ‚Hoch deutsche Brüder!‘ empfangen, und Einzelne wagten sich sogar bis zur Fronte der Soldaten vor und reichten ihnen die Hände. Dies mochte General Gagern gesehen haben und um seine Truppen vor solchem Fraternisiren zu bewahren, sprengte er in die vordersten Reihen, gab den Befehl zum Feuern und in diesem Augenblick fielen die auch für ihn tödtlichen Schüsse.

Ein einfacher Stein auf der Scheideck bei Kandern bezeichnet die Stelle, wo Gagern fiel. Ich selbst sah den folgenden Tag noch die Blutlache auf der Scheideck, wo der General gefallen war, und wollte heute noch auch ohne Denkstein die Stelle bezeichnen, so fest blieb jener Vorgang mir im Gedächtniß.

Nach dem Fall des Generals dauerte das eigentliche Gefecht kaum eine starke Viertelstunde. Wie es von ungeübten Schaaren eben zu erwarten war, stoben sie auseinander, als sie sahen, daß die Soldaten Stand hielten; nun begann die bekannte Verfolgung durch den badischen Dragonerobersten Hinckeldey, der an Gagern’s Stelle den Oberbefehl übernommen hatte.“

Hecker und seine Anhänger haben gegen die erlogenen Berichte der beeinflußten Presse von dem angeblich meuchelmörderischen Anfall auf den General v. Gagern sofort und besonders von Muttenz, Hecker’s schweizerischem Zufluchtsorte, aus Verwahrung eingelegt; allein die Stimme der Wahrheit reichte in der damaligen Aufregung und bei den sich überstürzenden Ereignissen nicht weit genug, um überall vernommen zu werden. Becker’s Weltgeschichte (Fortsetzung von Eduard Arnd, 18. Band, S. 341), die sich schon am „Hambacher Fest“ arg versündigt hat, ging uns auch hier mit dem schlechten Beispiel voran. Um so dankbarer sind wir dem treuen Manne von Pforzheim, der uns vor der Gefahr gerettet hat, unserm Friedrich Hecker als Gruß zu seiner erhofften Wiederkehr einen solchen alten reactionären Aerger entgegenzubringen.




Nichts Neues unter der Sonne. Daß die Monstre-Concerte – wir erinnern an das Bostoner – ihre Vorläufer in einer sehr frühen Zeit haben, das beweist unter anderen Beispielen die folgende Mittheilung: Einzig in den Annalen der Tonkunst ist das Concert, das auf Verlangen des Kurfürsten Johann Georg von Sachsen den 13. Juli 1615 in Dresden stattfand. Das ganze Concert sollte eigentlich in einer Art Oratorium bestehen, welches die Historie von Holofernes behandelte. Der Text dazu war von einem gewissen Matheseus Pflaumenkern verfaßt, die Musik aber von dem Hofcantor Hilarius Grundmaus componirt. Nachdem der Letztere dem Kurfürsten einen Plan vorgelegt hatte, erhielt Derselbe nicht allein die Billigung des Fürsten, sondern der Hofcantor bekam außerdem noch fünf Fäßchen Bier aus der Hofbrauerei zum Geschenk, mit dem Befehl, etwas ganz Absonderliches, Außergewöhnliches zu veranstalten; der Kurfürst wolle alle Kosten tragen. Demzufolge wurden alle Tonkünstler von Deutschland, der Schweiz, von Waadtland, Polen und Italien aufgeboten, sich mit ihren Schülern zu dem großen Musikfest in Dresden einzufinden.

Am Tage St. Cyrillus, den 9. Juli 1615, waren denn auch in der Stadt 576 Instrumentalisten und 990 Sänger gegenwärtig, die Dresdener Choristen nicht mitgerechnet. Die Ersteren brachten nicht allein bereits bekannte, sondern selbst noch nicht gehörte und gesehene Instrumente mit. Vor Allem zog der Riesenbaß eines gewissen Rapotzky aus Krakau in Polen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Derselbe war auf einen mit acht Mauleseln bespannten Wagen geladen und war sieben Ellen hoch. Sehr sinn- und kunstreich war an dem Instrumente eine kleine Leiter angebracht, mittelst deren Rapotzky nach Gefallen die höheren oder tieferen Töne auf dem gigantischen Basse angab, indem er, mit dem Bogen in der Hand, gewandt auf und nieder voltigirte. Ein Student aus Wittenberg, Namens Rumpler, hatte die Partie des Holofernes übernommen und vom Hofe die Vergünstigung erhalten, seine erschütternde und markige Baßstimme zuvor im Wirthshause durch beliebigen kostenfreien Biergenuß zu stärken und anzufeuchten. Am bestimmten Tage fand die Aufführung dieses Concertes statt, und zwar hinter dem Finkenbusch, rund um einen Hügel, nachdem vorher die nöthigen Gerüste und Erhöhungen, sowohl für die Musiker und den Hof, wie für die vorderen Zuhörer zurecht gemacht waren. Aus Besorgniß, daß der ungeheure Baß Rapotzky’s noch nicht kräftig genug für die Masse der anderen Instrumente sein möchte, ließ der Cantor Grundmaus auf die vier Flügel der Windmühle, die auf dem Hügel stand, ein starkes Schiffstau spannen, welches die Töne der Violen versinnlichen mußte, und deshalb mit einer ausgezahnten Holzsäge gestrichen wurde.

Zu Seiten des Halbcirkels, den die Musiker bildeten, stand eine große Orgel, die vom Pater Serapion mit den Fäusten gehandhabt wurde. Anstatt der Pauken hatte man kupferne Braukessel in Bereitschaft gesetzt, doch da auch diese dem Cantor Grundmaus noch zu schwach dünkten, so ließ der Kurfürst einige Stücke Geschütz auffahren, die beständig geladen und vom Oberhofkanonier genau nach der Partitur losgebrannt wurden. Die Ausführung dieses höchst absonderlichen Musikfestes glückte über alle Maßen und riß alle Anwesenden zur Bewunderung hin. – Unter den Sängern zeichnete sich Donna Bigozzi aus Mailand besonders aus. Sie hatte aber mit Trillern, Läufern, Coloraturen und allerhand lieblichen Agréments ihre Kräfte dergestalt überboten, daß sie nach Verlauf von drei Tagen starb.

Der Student Rumpler, durch den großen Baß unterstützt, sang eine Arie mit so fürchterlich schöner Stimme, daß Alles erzitterte. Das Ganze wurde mit einer überaus künstlichen Doppelfuge beschlossen, wobei es zwischen den beiden Singchören in vollem Ernst zu Thätlichkeiten kam, da die fremden Sänger, welche die fliehende Assyrier vorstellten, von den Dresdener Choristen, welche die Partie der triumphirenden Israeliten übernommen, mit unreifem Obst und Erdklößen geworfen wurden, worüber der Kurfürst herzlich lachte und sich höchlich ergötzte. Nur mit Mühe konnte man die fremden Sänger verhindern, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, wodurch die Festlichkeit leicht einen betrübten Ausgang hätte erleben können. Der Hofcantor Grundmaus empfing als Belohnung ein Fäßchen Niersteiner und fünfzig Meißner Gulden.




Lehren des Jesuitismus. In „Neun Thesen wider das sogenannte Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes“ theilt der Friedeburger Pastor R. Neumeister u. A. folgende Lehren des Jesuitismus aus des Jesuiten Rosseus Werk „Von der gerechten Gewalt der Kirche über die gottlosen und ketzerischen Könige“ mit:

„Die fürstliche Gewalt ist ein Auftrag, den das Volk zurücknehmen kann. Der Vertrag zwischen Fürst und Volk wird erst durch den feierlichen Act der Krönung, der durch die Bischöfe vollzogen wird, gültig. Das Recht der Succession hat keine Geltung, die Nachfolge ist abhängig vom Volke; dem Volke steht das Recht zu, über seinen Regenten zu richten, ihn abzusetzen und zu bestrafen.“

So weit wird ein entschiedener Demokrat, mit Ausnahme der bischöflichen Krönung, sich mit diesem politischen Theil der Jesuitenlehren nicht in Zwiespalt fühlen. Nun kommt aber die andere Seite: „Ketzerische Könige sind schlechter als die Hunde, ihre Ketzerei beraubt sie ihrer Würde. Keiner braucht ihnen mehr zu gehorchen, sie müssen auf Befehl der Kirche getödtet werden. Könige ziehen sich aber das Verbrechen der Ketzerei zu, wenn sie sich in kirchliche Angelegenheiten mischen, Ketzer nicht aus der Kirche treiben, ketzerische Bücher nicht vertilgen, Versammlungen der Ketzer nicht hindern, sich weigern, die Decrete der Kirchenversammlungen zu genehmigen und bekannt zu machen.“

Mit Recht meint Neumeister, daß neben diesen Lehren es fast in nichts verschwindet, wenn andere Jesuiten, z. B. ein Escobar, den Unterthanen die Wahl gestatten, ob sie die gegebenen Gesetze annehmen und die auferlegten Steuern entrichten wollen, oder den Geistlichen den Gehorsam gegen die weltliche Obrigkeit erlassen, denn „weil der Geistliche nicht Unterthan des Königs ist, so ist auch der Aufruhr eines Geistlichen gegen den König kein Majestätsverbrechen.“ –




Oscar Pletsch, der liebenswürdige Illustrateur der Kinderwelt, bisher in Berlin wohnhaft, hat die Kaiserstadt verlassen und sich in Niederlößnitz (bei Dresden) niedergelassen, wo schon Herbert König und verschiedene andere Künstler wohnen. In einer sehr niedlich illustrirten Karte, seine drei ausräumenden Kinder darstellend, nimmt er von seinen Freunden Abschied mit folgenden Versen:

Addio, beste Freunde! Laßt mich zieh’n!
Gönnt mir ein Heim, unkündbar, frei und friedlich.
Zur Weltstadt wurde allerdings Berlin,
Doch – unter uns! – verteufelt ungemüthlich.
Die Steuern wachsen und der Häuser Giebel,
Die „Schrippe“ doch verkümmert zum Symbol.
Nein! was zu viel ist, Freunde! ist vom Uebel –
Verehrte Reichshauptweltstadt – fahre wohl!

Fort! fort aus Wohnungsnoth und Häuserschwindel,
Aus all der Herrlichkeit des Gründerflors!
Packt ein! Pack’ ein, du fröhliches Gesindel,
Ihr lichtbeschwingten Genien des Humors!
Brecht ab mein leichtgefügtes Künstlerzelt,
Tragt es davon auf schwungerprobten Flügeln!
Am Strand der Elbe sei es aufgestellt,
Dort an der Lößnitz grünen Rebenhügeln.

Dorthin schleppt all mein liebes Allerlei,
Daß Hausrath ich und Malzeug wiederfinde!
Rechts an das Fenster rückt die Staffelei,
Wo um die Scheiben Weinlaub rankt und Winde!
Wir gründen uns, fürwahr nicht um zu ruh’n,
Ein eigen Nest auf trautem Flecklein Erde –
Nein, doppelt froh in rüst’gem Künstlerthun
Zu schaffen hier an friedlich eignem Herde.

Addio denn! ruft euch, so laut es kann,
Von Herzen zu mein kleines Umzugs-Trio.
Auch Niederlößnitz 15d fortan
Der Eure und der Alte stets! Addio!




Zur Nachricht. Die fünf nach Bohnstedt’s Entwurf angefertigten Photographien des Parlamentsgebäudes sind von Gotha durch die Buchhandlungen von Thienemamm und Hugo Heyn zu beziehen.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Reichtags