Die Gartenlaube (1872)/Heft 36

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1872
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[579]

No. 36.   1872.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Was die Schwalbe sang.


Von Friedrich Spielhagen.


(Fortsetzung.)


7.


Gotthold raffte seine Sachen zusammen; dann fiel ihm ein, daß er den Malkasten nur gleich hier lassen könne. So lehnte er denselben an den Fels, auf dem die Schlange gelegen, in den dichten Schatten und schritt den Hügel hinab auf den Waldweg in die lange Schlucht, durch welche der Bach zum Meere murmelte und an dessen Ausfluß in der kleinen Bucht zwischen den steilen Uferklippen Vetter Boslaf’s einsames Häuschen lag. Das Strandhaus hatten sie es damals in Dollan genannt, und nicht blos dort; es war unter diesem Namen in Aller Munde, der Schiffer zumeist, denen es ein willkommenes Wahrzeichen an der gefährlichen Küste war, bei Tage und noch mehr bei Nacht, wenn das Licht aus Vetter Boslaf’s Fenster, zu Vorsicht mahnend, über die Wasserwüste durch die gähnende Nacht zu den Rathlosen herüberschimmerte. Der Schein reichte sehr weit, Dank der gewaltigen, tiefgewölbten zinnernen Schüssel, welche der Alte hinter dem Lichte befestigt hatte, und deren fleckenloser Glanz mit dem des polirten Silbers wetteiferte. An die siebenzig Jahre war es nun bereits, daß diese Leuchte brannte zum Frommen der Schiffer und Fischer und zur Ehre des guten Mannes, der sie Nacht für Nacht entzündete auf Niemandes Geheiß, nur dem Triebe des eigenen braven Herzens folgend.

An die siebenzig Jahre, und eher darüber als darunter; es hatte sie Keiner gezählt. Seit die ältesten der jetzt lebenden Menschen denken konnten, hatte Vetter Boslaf in dem Strandhause gelebt – was Wunder, daß er den jüngeren und jungen eine halb mythische Person war? Erschien er doch fast selbst seinen Verwandten in Dollan so, unter welchen er lebte, in deren Gesellschaft er wenigstens so manche Stunde verbrachte, an deren Leiden und Freuden er in seiner stillen Weise Antheil nahm, und von denen wenigstens Curt’s Vater seine Geschichte gekannt und sie einmal erzählt hatte; Gotthold erinnerte sich nicht mehr, bei welcher Veranlassung und ob er sie den Knaben oder – was wohl wahrscheinlicher – einigen Freunden bei der Flasche mitgetheilt und die Knaben nur verstohlen aus der Ecke zugehört.

Gotthold hatte lange an diese Geschichte nicht gedacht, die zu einer Zeit sich ereignete, als manche Buche hier, die jetzt die stattliche Krone hoch über dem Haupte des Wanderers wölbte, noch nicht existirte. Aber jetzt kam sie ihm wieder in die Erinnerung bis in die Einzelheiten, von denen er wirklich nicht mehr wußte, ob er sie damals schon gehört, ob er sie sich später dazu gedichtet, oder ob er sie jetzt erst aus dem Rauschen der grauen Waldriesen erfuhr und aus dem Murmeln des Quells, der seinen Wanderpfad begleitete.

„Zur Schwedenzeit,“ so fingen damals alle alten Geschichten an, lebten auf der Insel zwei Vettern Wenhof, Adolf und Bogislaf, Beide gleich jung, gleich schön und stark und gleich verliebt in ein liebenswürdiges junges Fräulein, welches der Vater Niemand geben wollte, als Einem, der reich war, aus dem einfachen Grunde, weil er außer seinem alten Adel nichts besaß, als das große Rittergut Dahlitz, auf dem mehr Schulden lasteten, als es selbst unter Brüdern werth gewesen wäre. Nun waren die beiden Vettern allerdings nicht von Adel, aber aus einer sehr guten alten Familie, und der Herr von Dahlitz hätte durchaus gegen Keinen von ihnen etwas einzuwenden gehabt, außer was er gegen Beide einwenden mußte und leider einwenden konnte, nämlich, daß sie womöglich noch ärmer waren als er selbst. In der That besaßen sie nichts, als Jeder eine gute Büchsflinte mit dazu gehörigen Jagdgeräthen, und weiter ein Paar gute Jagdstiefel, deren dicke Sohlen sie bald hier, bald da über die Schwelle der Häuser ihrer vielen Freunde auf der Insel setzten, als überall hochwillkommene Jagd-, Spiel- und Tafelgenossen. Denn wie sie von gleich hohem Wuchse und fast gleicher Gesichtsbildung waren, so thaten sie es sich auch in allen diesen Dingen gleich, oder doch so gleich, daß die gastfreundlichen, fröhlichen Gutsbesitzer den Einen nicht minder gern als den andern auf den Hof kommen sahen und am liebsten Beide zugleich, was denn auch in der That fast immer der Fall war. – Die beiden Vettern liebten sich nämlich viel inniger als die meisten Brüder sich lieben, und was ihre Leidenschaft zu der schönen Ulrike von Dahlitz betraf, so waren ihre Aussichten so gering, daß es sich gar nicht der Mühe verlohnte, sich deshalb zu veruneinigen.

Da geschah etwas, was ihre Lage, oder wenigstens die Lage des Einen von ihnen, mit einem Schlage von Grund aus veränderte.

In Schweden starb ein sehr reicher und sehr wunderlicher Onkel, welcher außer seinen schwedischen Gütern auch eines auf der Insel zu vermachen hatte, nämlich das schöne Dollan, zu dem damals noch die Wälder rings in der Runde bis an das Meer, und auf der andern Seite das Land über die große Haide weg [580] bis an die Schanzenberge gehörte. Dies Gut nun hinterließ er den beiden Vettern, oder vielmehr dem Einen von ihnen; denn, wie das Testament wunderlich genug sagte: es sollte von ihnen Demjenigen zufallen, welchen eine Jury von sechs ihrer Genossen ‚für den besten Mann‘ erklären würde. Alle Welt lachte, als diese sonderbare Bedingung bekannt wurde, und die Vettern lachten auch; aber bald wurden sie sehr ernsthaft, als sie bedachten, daß es sich nicht blos um Dollan, sondern auch um Ulrike von Dahlitz handle, welche der Vater dem Besitzer von Dollan mit Freuden zum Manne geben würde.

Da war es denn nun ein seltsames Ding, wie von den beiden Vettern, die bis dahin unzertrennlich gewesen waren, jeder seinen eigenen Weg zu gehen anfing, und beide, wo sie sich nicht ausweichen konnten, sich mit ernsten, prüfenden, fast feindlichen Blicken betrachteten, die zu sagen schienen: ich bin doch der bessere Mann.

Im Grunde seines Herzens mußte Jeder eingestehen, und gestand sich Jeder, daß die Sache mindestens sehr fraglich sei; und so dachten und sagten die sechs Richter, welche sich die beiden Vettern gewählt, und deren Ausspruch sie unweigerlich folgen zu wollen erklärt hatten. Es waren aber auch alle Sechs untadelhafte junge Männer, die ihre schwierige Aufgabe sehr ernst, ja feierlich nahmen, und lange, sehr lange Sitzungen hatten, bei denen ungeheure Quantitäten guten alten Rothweins getrunken und eine unglaubliche Anzahl von Pfeifen geraucht wurden, bis sie denn endlich zu folgendem Resultat kamen, das man allgemein als ein weises und vollkommen sachgemäßes pries.

Derjenige der beiden Vettern sollte der beste Mann sein und als solcher von den Richtern und aller Welt angesehen werden, welcher sechs von ihnen zu stellende Aufgaben am besten löste.

Nun wären die guten Vettern in eine schlimme Lage gekommen, wenn die Richter sich ihre Weisheit aus irgend einem philosophischen oder sonstigen gelehrten Buche geholt hätten; aber Keinem von ihnen war auch nur der Gedanke daran gekommen. Der beste Mann würde nach ihrem Ermessen der sein, welcher erstens ein dreijähriges, noch nie gerittenes Hengstfüllen binnen zweimal vierundzwanzig Stunden den Richtern in den vier Hauptgangarten Schritt, Trab, Galopp und Carrière würde vorreiten können; zweitens die Haide von Dollan von dem Herrenhause bis zu der alten Schmiede mit einem Gespann von vier jungen feurigen Pferden im Galopp und in einer bestimmten Linie durchmessen; drittens von dem Festlande bis zu einem auf der Höhe ankernden Schiff eine deutsche Meile weit schwimmen; viertens von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang – man war im Juni und die Nächte waren kurz – ein Dutzend Flaschen Rothwein ausstechen, und fünftens während eben dieser Zeit mit je drei Preisrichtern würde Boston spielen, ohne einen groben Fehler zu machen. Waren aber, wie man fast erwartete, auch jetzt die Richter immer noch nicht schlüssig geworden, so hatten die Vettern jeder auf zweihundertfünfzig Schritte zwölf Schüsse mit der Büchse nach der Scheibe zu thun, und wer die meisten Ringe schösse, sollte „der beste Mann“ und Herr von Dollan sein.

Diese sechste und letzte Probe war im Grunde ein Nothbehelf, zu dem sich die Richter nur ungern entschlossen. Denn daß Bogislaf nicht nur der beste Schütze von den Beiden, sondern auch der beste auf der ganzen Insel war, wußte jedes Kind; aber die Sache mußte doch einmal zur Entscheidung kommen, und da Adolf, vielleicht hoffend, es werde ihm schon vorher der Preis zufallen, gegen Nummer Sechs nichts einzuwenden hatte, so war Alles in Ordnung, und das Kampfspiel konnte beginnen.

Es begann und verlief, wie man allgemein erwartet hatte. Die beiden jungen Enakssöhne ritten ihre Pferde, lenkten ihre Wagen, schwammen ihre Meile, tranken ihre zwölf Flaschen, spielten ihr Boston so gleich meisterhaft und tadellos, daß die scrupulösesten Augen keine Unterschiede in der Güte der Leistungen machen konnten und die Richter schweren Herzens zur letzten Probe schreiten mußten, deren Ausfall ja nicht weiter zweifelhaft war.

Und schwer, centnerschwer mochte dem armen Adolf das Herz in der tapfern Brust hangen, als er an dem verhängnißvollen Tage auf den Plan trat. Er war sehr niedergeschlagen, und das heimliche Zureden derjenigen unter den Richtern, die ihm noch ganz besonders wohl wollten, verfing nicht. „Es ist ja nun doch Alles vergebens,“ sagte er.

Aber merkwürdiger Weise schien Bogislaf nicht minder bewegt, ja noch bewegter als sein Vetter. Er war bleich, seine großen blauen Augen waren wie erloschen und lagen tief in den Höhlen, und seine speciellen Freunde bemerkten zu ihrem Schrecken, daß, als sich die Vettern diesmal, wie immer vor Beginn des Kampfes, die Hände schüttelten, seine Hand – die sonst so starke braune Hand – zitterte wie die eines furchtsamen Mägdeleins.

Die Vettern, die umschichtig schießen sollten, loosten; Adolf hatte den ersten Schuß. Er zielte lange, setzte ein paar Male ab und traf doch nur den vorletzten Ring.

„Ich wußte es ja vorher,“ sagte er und fuhr sich über die Augen und hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten; aber er horchte hoch auf und athmete tief, als jetzt statt des „Centrums“, welches er erwartet, die Nummer des letzten Ringes von der Scheibe gewinkt wurde und der eine der Richter die Nummer laut ausrief.

War es möglich? nun, dann war auch noch Hoffnung da. Adolf nahm alle Kraft zusammen; er schoß besser und besser, drei, vier, sechs, neun und zehn, und wieder sechs und wieder zehn; und Bogislaf blieb immer einen Ring hinter ihm, nicht mehr und nicht weniger – immer einen Ring.

„Er spielt mit ihm wie die Katze mit der Maus,“ hatten nach den ersten drei Schüssen die Preisrichter unter sich gesagt.

Aber Bogislaf wurde immer bleicher und bleicher, und seine Hand zitterte jedesmal stärker und wurde nur ruhig in dem Momente, wo er den Schuß abgab; aber es war immer ein Ring weniger, als Adolf geschossen, und nun kam der letzte Schuß, für Adolf der schlechteste, den er gethan. In seiner ungeheuren Aufregung hatte er nur eben den Rand der Scheibe angesplittert; wenn Bogislaf jetzt Centrum schoß, hatte er doch gesiegt: der Ausgang des langen Kampfes, das reiche Erbe, die schöne Braut – Alles, Alles hing an dem einen Schuß.

Und bleich wie der Tod trat Bogislaf auf den Stand; aber seine Hand zitterte nicht mehr; fest, als wäre Arm und Büchse Eines, lag er im Anschlage, nicht um eines Haares Breite schwankte das blanke Rohr, und jetzt krachte der Schuß. „Die sitzt,“ sagten die Richter.

Die Zeiger traten vor, suchten und suchten; sie konnten die Kugel nicht finden; die Richter gingen hin und suchten und suchten; sie konnten die Kugel nicht finden. Das Unerhörte, kaum Glaubliche war geschehen – Bogislaf hatte nicht einmal die Scheibe getroffen.

Die Richter sahen sich bestürzt an und wagten um des armen Bogislaf willen kaum auszusprechen, was doch gesagt werden mußte. Da trat Bogislaf auf seinen Vetter zu, der mit niedergeschlagenen Augen, als schämte er sich seines Sieges, dastand, ergriff ihn bei der Hand und wollte offenbar etwas sagen, das nicht über die bleichen zuckenden Lippen kam. Aber ein Fluch konnte es wohl nicht sein, denn er fiel Adolf weinend um den Hals, drückte ihn an seine Brust, riß sich dann los, schritt, ohne weiter ein Wort zu sprechen davon und verschwand.

Er blieb verschwunden. Viele nahmen an, er habe sich das Leben genommen; Andere wollten wissen daß er sich hoch oben in Norwegen in Eis und Schnee vergraben habe, um Bären und Wölfe zu jagen; und sie mochten Recht haben.

Jedenfalls war er nicht todt, sondern erschien nach mehreren Jahren plötzlich wieder auf dem Gute eines der Freunde, der auch zu den Preisrichtern gehört hatte, und hier trafen ihn sein Vetter Adolf und dessen junge Frau Ulrike – ganz zufällig, denn sie hatten nichts von seiner Rückkehr gehört, und die junge Frau war so erschrocken, daß sie in Ohnmacht fiel und nur mit Mühe in’s Leben zurückgebracht wurde. Sie hatte nämlich immer zu Denen gehört, die Bogislaf für todt gehalten, und war darüber schon ein paar Mal mit ihrem Manne in Streit gerathen, welcher stets das Gegentheil behauptet. Man sagte, daß dies keineswegs der einzige Differenzpunkt zwischen den Gatten sei, und es gab da in der That der Ursachen so manche, welche das junge eheliche Glück nicht so recht aufkommen lassen wollten. Zwar war der alte verschwenderische Herr von Dahlitz, der sein Gut an einen [581] Herrn Brandow – Karl Brandow’s Urgroßvater – verkauft und dann noch ein paar Jahre sehr vergnüglich aus seines Schwiegersohns Tasche gelebt hatte, jetzt gestorben; aber die Tochter hatte ihres Vaters kostbare Neigungen zum Theil geerbt, und Adolf selbst war nichts weniger als ein guter Wirth.

Diese letzte Eigenschaft hinderte ihn nun gewiß nicht, zu thun, wozu ihn schon die einfachste Dankbarkeit verpflichtete; und so lud er denn – trotz des Widerspruches seiner Gattin – den armen Bogislaf ein, ihn auf Dollan zu besuchen und möglichst lange bei ihm zu bleiben. Bogislaf hatte sich anfangs sehr gesträubt, und das mit gutem Grunde. War es doch jetzt heraus, wie es zugegangen bei dem Wettschießen! wußte man doch jetzt, daß Ulrike durch ihre Cousine und vertrauteste Freundin Emma von Dahlitz, die als arme Weise bei den reichen Verwandten lebte, am Abend zuvor Botschaft an Bogislaf gesandt: sie werde, und wenn alle Welt ihn für den besten Mann erkläre, ihn nun und nimmer zum Manne nehmen, sondern einzig und allein Adolf, den sie immer geliebt habe und immer lieben werde. Da habe Bogislaf, weil er ja nun doch keine Hoffnung gehabt, die Geliebte zu gewinnen, ein Vermögen, welches für ihn keinen Reiz mehr besaß, großmüthig seinem Vetter überlassen.

Er hatte sich also lange gesträubt, die Einladung seines glücklichen Vetters anzunehmen, war aber dann doch gekommen – auf acht Tage nur. Aus den acht Tagen waren acht Wochen, aus den Wochen Monate, aus den Monaten Jahre geworden, so viele Jahre, daß dies nun schon die vierte Generation war, die den alten Bogislaf Wenhof, oder wie er allgemein genannt, Vetter Boslaf, in dem Strandhause von Dollan kannte. Denn dorthin war er nach den ersten acht Tagen übergesiedelt, nachdem er es von der Regierung, die es ursprünglich als Wachthaus gebaut, nebst ein paar dazu gehörigen Aeckern und Wiesen für ein Geringes gekauft; aber, wenn so das Strandhaus nicht eigentlich zu Dollan gehörte, sondern Vetter Boslaf’s freies Eigenthum war, so gehörte Vetter Boslaf desto mehr zu Dollan, so sehr, daß sich über diese Zusammengehörigkeit in den Köpfen der Leute allerlei abergläubische Vorstellungen gebildet hatten, in denen der Uralte bald als guter, bald als böser Geist von Dollan und speciell der Familie Wenhof figurirte. Ach, er hatte, – wenn er anders der gute Geist war – den Verfall des Hauses nicht verhindern können, und daß bereits Adolf’s und Ulrikens Sohn, der viel von der Dahlitzer Art hatte, zu Ende des vorigen Jahrhunderts Dollan an das Kloster St. Jürgen verkaufen und froh sein mußte, da als Pächter bleiben zu dürfen, wo er bisher als Herr gesessen. Vetter Boslaf hatte das nicht verhindern können, und alles Andere nicht, was seitdem geschehen war bis auf den heutigen Tag!

„Aber was heißt denn das,“ sprach Gotthold bei sich, „wie mag man sich doch so mit Waldesrauschen und Quellenmurmeln und alten Geschichten das gesunde Hirn umnebeln! Ich glaube, die Schlange hat es mir angethan mit ihren kalten Funkelaugen, und ich bin noch in ihrem Zauberbann. Nun, ihr Reich ist zu Ende. Da, durch die Zweige glänzt das Meer, mein geliebtes, herrliches Meer. Sein frischer Athem wird mir die heiße Stirn kühlen. Und er, der Uralte, der dort unten haust, der so jung schon das herbe Wort Entsagung begriffen hatte, der auf Macht und Reichthum und Weibergunst verzichtete, um sich selbst nicht zu verlieren, um er selbst zu bleiben, er war doch wohl der bessere und der weisere Mann.“

Immer am Bache entlang schreitend, der jetzt so nahe an seinem Ausflusse, ungeduldiger und kühner, manchmal in kleinen Cascaden, die von riesigen Farrenkrautstauden und üppigstem Gras überwucherte Schlucht plätschernd und murmelnd hinabeilte, gelangte Gotthold in wenigen Minuten zum Ufer. Rechter Hand, fast auf der Spitze der Landzunge, die, wie das übrige Ufer mit großen und kleinen Steinen bedeckt, ein paar hundert Schritt in’s Meer hinauslief, lag Vetter Boslaf’s Haus. Von der hohen Stange auf dem einen Giebel flatterte die alte Flagge, deren sich Gotthold so gut aus seinen Jugendjahren erinnerte. Es war ursprünglich eine schwedische; aber Wind und Wetter hatten ihr im Laufe der Jahre die Farben so ausgebleicht und so viele Flicken nothwendig gemacht, daß die Behörde keinen Anstoß an dieser Reminiscenz der Fremdherrschaft nehmen konnte, wenn sie sich überhaupt um Vetter Boslaf’s Thun und Treiben bekümmert hätte. Aber das hatte sie nie gethan; und so flatterte und rauschte und knatterte denn die alte Fahne lustig in dem frischen Winde, der sich immer kräftiger aufmachte, als Gotthold jetzt vor dem niedrigen, aus zum Theil unbehauenen Strandsteinen roh aufgeführten Gebäude stand, das seine einzige Thür nach der Landseite hatte. Die Thür war verschlossen; in die beiden kleinen eisenvergitterten Fenster rechts und links, welche der Küche und der Vorrathskammer Licht gaben, konnte er nicht hineinsehen, da sie über Manneshöhe, fast unter dem Dache sich befanden; und an den beiden größeren Fenstern auf der Vorderseite nach dem Meere waren die starken eisernen Läden zugedrückt. Vetter Boslaf war offenbar nicht zu Hause.

„Freilich,“ sagte Gotthold, „wenn man nach zehn Jahren Jemand, den man als Achtzigjährigen verließ, nicht mehr in seinem alten Hause findet, kann man sich nicht eben wundern.“

Und doch wollte es ihm gar nicht zu Sinn, daß der Alte gestorben sei. Er hatte noch eben so lebhaft an ihn gedacht, ihn so deutlich in seines Geistes Aug’ gesehen: dahinwandelnd, langen gleichmäßigen Schrittes, die hohe schlanke Gestalt, wie er sie damals mit seinen leiblichen Augen sah. Nein, nein, der Uralte aus dem Reckengeschlecht – er hatte sicher auch noch diese kurze Spanne Zeit überdauert. Und dann hatte das Haus und die Umgebung – der kleine, von einer Cyklopenmauer umschlossene Vorhof, der winzige, mit Muscheln eingefaßte Garten – nicht das Aussehen, als ob sie sich schon längere Zeit selbst überlassen gewesen wären. Alles war im Stande und peinlich sauber, wie es der Alte zu halten pflegte; die kleine Brücke in der inneren Bucht, an welcher er das Boot befestigte, konnte sogar erst neuerdings ausgebessert sein, wie Gotthold aus frisch und mit großer Sorgfalt eingefügten Holzstücken ersah. Das Boot aber war fort; ohne Zweifel hatte Vetter Boslaf einen Ausflug auf dem Boote gemacht. Es war freilich nicht seine Gewohnheit, indessen die Lebensweise des Alten konnte ja in den letzten Jahren eine andere geworden sein.

Der Nachmittag war bereits weit vorgeschritten; der Weg durch die Schlucht nach dem Strandhause hatte doch mehr Zeit gekostet, als Gotthold angenommen. Eine Stunde wollte er noch auf Vetter Boslaf warten, dann nach dem Hünengrabe zurückkehren, bis Sonnenuntergang malen, für die Nacht die Gastfreundschaft der Schmiede in Anspruch nehmen und morgen in der Frühe, hoffentlich mit glücklicherem Erfolge, den alten Freund abermals aufsuchen. Dann konnte er bis zum Mittag wieder in Prora sein und, nachdem er sich von Wollnows verabschiedet, ohne Verzug mit Jochen weiter fahren. Er hatte gestern daran gedacht, das Bild gleich in Prora fertig zu machen; aber morgen Abend kamen sie, wie Jochen berichtet, von Plüggenhof zurück, wieder durch den Ort, und er wollte den Zufall, der ihn heute Morgen eben noch vor einer Begegnung mit Karl Brandow bewahrt hatte, nicht zum zweiten Male herausfordern.

Der junge Mann hatte sich auf der Uferhöhe in den Schatten der Buchen, die hier bis an den steilen Rand herantraten, gelagert. Gewohnt, wie er es von seinen Studienfahrten war, halbe, ja, wenn es sein mußte, ganze Tage lang mit einem Bissen Brod und einem Trunk aus seiner Feldflasche auszureichen, spürte er auch jetzt keinen Hunger; aber er fühlte sich ermatteter, als wohl sonst nach längeren Märschen. Und wie er nun so dalag, und ihm zu Häupten die Buchen säuselten, und unter ihm die auf dem steinigen Ufer brandenden Wellen ihr monotones Lied rauschten, sanken ihm allgemach die Wimpern über die von dem langen Hinstarren auf die unendliche Wasserwüste ermüdeten Augen.




8.


Ein paar Stunden später ritten Karl Brandow und Hinrich Scheel über die Haide von der Schmiede nach Dollan, denselben Weg, welchen sie vor noch nicht zehn Minuten in entgegengesetzter Richtung gemacht hatten. Sie ritten in scharfem Trabe, der Knecht ein paar Dutzend Schritte hinter dem Herrn, nicht aus Respect, und gewiß nicht, weil er schlechter beritten gewesen wäre. Im Gegentheil, sein Pferd war ein wundervolles braunes Vollblut, sehr viel kostbarer als der Halbblutfuchs des Herrn, so kostbar in der That, daß ein Begegnender sich gewundert haben würde, [582] wie man ein so edles Thier bei einer so gewöhnlichen Gelegenheit reiten könne. Aber Hinrich Scheel war kein gewöhnlicher Reiter; er achtete auf dem rauhen Boden jeder Bewegung des Thieres so sorgsam, als ob er es in glatter Reitbahn trainirte, nicht die leiseste Unart ließ er ihm durchgehen; und eben hatte es sich eine zu Schulden kommen lassen, für die es abgestraft werden mußte; und das war der Grund, weshalb er ein wenig zurückgeblieben war.

Plötzlich zog Karl Brandow die Zügel an und sagte halb über die Schulter gewandt: „Bist Du wirklich sicher, ihn gesehen zu haben?“

„Ich sagte Ihnen ja, ich bin auf hundert Schritt herangekommen,“ erwiderte Hinrich Scheel mürrisch; „und Zeit genug, ihn mir zu besehen, habe ich auch gehabt; ich glaube, er hat eine Stunde da oben gestanden, als ob er fest gewachsen wäre.“

„Aber weshalb sollte der Schuft von Jochen noch jetzt behaupten, daß er nicht wisse, wo er geblieben ist?“

„Vielleicht weiß er es nicht.“

„Dummes Zeug!“

Sie ritten eine kurze Strecke schweigend neben einander; der Herr düster vor sich hinstarrend, der Knecht von Zeit zu Zeit einen Lauerblick aus den Schielaugen auf den Herrn richtend. Jetzt drängte er sein Pferd noch näher heran und sagte:

„Weshalb soll er es wissen? ich weiß ja auch nicht, warum Sie hinter ihm her sind, wie die Katze hinter der Maus.“

„Pah!“

„Und warum Sie von Plüggenhof so früh zurück sind, und unsere beiden Blässen halb zu Schanden gefahren haben, und mir einen Louisd’or gegeben haben, als ich Ihnen sagte, ich hätte ihn gesehen.“

„Und ich will Dir noch sechs geben, wenn Du mir sagst, wo ich ihn finde,“ rief Karl Brandow sich lebhaft im Sattel wendend.

„Wo Sie ihn finden? Nun, das ist doch einfach genug: bei dem da im Strandhause!“

„Wo ich ihn nicht aufsuchen kann.“

„Ohne daß Ihnen der Alte eine Kugel durch den Leib jagt. Sechs Louisd’or! Wissen Sie was, Herr, ich vermeine, ich könnte lange auf die sechs warten. Aber ich will Ihnen ohne das Geld sagen, wo Sie ihn finden, wenn ich den Brownlock da über das Moor reiten darf.“

„Bist Du verrückt?“

„Ich komme schneller hinüber, als Sie über den Berg. Soll’s gelten?“

Vor ihnen hob sich der Weg ziemlich steil über einen Hügel, der, als ein Ausläufer der links liegenden Schanzenberge, sich weit in die Haide hineinstreckte. Rechts vom Hügel zog sich ein breites Moor quer über die Haide bis an den Wald, wo es dann in dem Bach, dessen Lauf Gotthold heute Mittag gefolgt war, einen Ausfluß zum Meere hatte. Die Spitze des Hügels war ohne Zweifel vor Zeiten einmal in das Moor gesunken, denn die langgestreckte Erdwelle brach gegen dasselbe in einer Wand ab, die im Moment des Einsinkens steil genug gewesen sein mochte, von der aber die hügelabwärts sickernden Wasser im Laufe der Jahre so viel heruntergewaschen hatten, daß eine unregelmäßige Böschung entstanden war, und der alte ausgefahren Weg oben hart am Rande hinlief, während weiter hügelaufwärts große Steine die Passage mindestens für Fuhrwerk unthunlich machten, wenn auch Reiter und Fußgänger sich schon durchwinden mochten. Ganz so schlimm war die Sache wohl nicht gewesen, als Bogislaf und Adolf Wenhof ihre Wagen hier im Galopp vorüberlenken mußten, denn jetzt konnte kein Mensch, der bei Sinnen war, die Stelle zu Wagen anders als im Schritt passiren; und auch so noch hatte Jochen Prebrow vollkommen Recht, daß es ihm – und freilich jedem Andern – ein Leichtes gewesen sein würde, Curt’s wahnsinnigen Auftrag auszuführen, und das junge Paar am Hochzeitstage vom Wege die Böschung hinunter in das Moor zu stürzen.

Die Reiter hatten ihre Pferde angehalten; Karl Brandow ließ seinen Blick den Hügel hinauf und über das Moor schweifen.

„Du bist verrückt,“ sagte er noch einmal.

„Verrückt oder nicht,“ rief Hinrich Scheel ungeduldig, „aber es muß sein. Ich war heute Morgen nach Salchow hinüber, um den Mister Thomson ein wenig auszuhorchen. Der Kerl weiß immer Alles, und er sagt, sie hätten eigens um des Brownlock willen für das Herrenreiten ein Stück Sumpfland eingelegt, weil sie glauben, der Brownlock ist zu schwer und Sie müssen dann in einem weiten Bogen herumreiten. Na, Herr, wenn Sie der Bessy den Sieg so leicht machen, dem Grafen Grieben und den anderen Herren wird’s schon recht sein; und mir kann’s ja auch recht sein.“

„Dir wär’s so wenig recht, wie mir,“ sagte Brandow; und dann murmelte er durch die Zähne: „es ist ja eigentlich jetzt Alles gleich.“

„Soll ich?“ sagte Hinrich Scheel, der die Unentschlossenheit seines Herrn wohl bemerkte.

„Meinetwegen.“

Ueber Hinrich Scheel’s häßliches Gesicht zuckte ein Freudenstrahl. Er warf den Brownlock, der längst ungeduldig in das Gebiß knirschte, herum und galoppirte links ab hundert Schritt am Rande des Moors hin, hielt dann still, und rief zu seinem Herrn:

„Fertig?“

„Ja!“

„Ab!“

Der Brownlock sprang mit einem mächtigen Satz an und flog dann über den sumpfigen Grund. Wieder und wieder schlugen die leichten Hufe durch die dünne Grasnarbe, daß das Wasser hell aufspritzte, aber das rasende Tempo verminderte sich nicht, schien im Gegentheil schneller und schneller zu werden, als wüßte das edle Thier, daß der bodenlose Abgrund unter ihm gähnte, und daß es um sein und seines waghalsigen Reiters Leben lief. Und jetzt wurde der schwankende Boden sichtlich fester. Das kaum für möglich Gehaltene war gelungen, Brownlock hatte das Moor passirt, und würde jedes andere passiren.

„Es ist kein Zweifel mehr,“ murmelte Brandow; „ich kann jede Wette annehmen, jede; und nun doch noch dem Plüggen das Thier lassen sollen! für die lumpigen fünftausend Thaler; daß ich ein Narr wäre! Es war auch wohl sein Ernst nicht! aber das Geld muß herbei, und sollte ich es stehlen, und sollte ich deshalb einen Mord begehen. Holla!“

Er hatte kein Auge von dem Brownlock verwandt, während er im Galopp über den Hügel ritt, des Weges nicht achtend, bis sein Fuchs, gewohnt, nur im Schritt diese Stelle zu passiren, jetzt plötzlich von dem Rande zurückprallte, daß Kies und Mergel die Böschung hinabkollerten.

„Holla!“ rief Brandow noch einmal, indem er das erschrockene Thier zusammennahm, „da hätte ich bald einen Mord an mir selbst begangen.“

Er ritt vorsichtiger auf der andern Seite des Hügels hinab und sprengte dann auf Hinrich zu, der, am Rande des Moores auf und ab galoppirend, den schnaubenden Renner zu beruhigen suchte.

„Was sagen Sie, Herr?“

„Daß Du ein Capitalkerl bist; und nun, da Du Deinen Willen gehabt hast: wo meinst Du, daß ich ihn finde?“

„Auf dem Hünengrabe,“ sagte Hinrich; „ich bin, als er weg war, oben gewesen, und habe da so ein Ding gefunden, wie einen Kasten. Es steckte ein Schlüsselchen d’ran; es waren seine Malergeschichten, wie ich wohl sah. Der Kasten war sorgfältig in den Schatten gestellt; aber um sechs Uhr ist die Sonne da, wo heute Mittag der Schatten war, und ich sollte meinen, er ist um die Zeit auf demselben Platz.“

„Und warum hast Du mir das nicht gleich gesagt?“

„Seien Sie doch zufrieden, daß ich es Ihnen nicht gesagt habe,“ erwiderte Hinrich, den Brownlock zärtlich auf den schlanken Hals klatschend. „Sie wüßten jetzt noch nicht, daß Sie, ich weiß nicht wie viel tausend Thaler reicher sind, als Sie geglaubt haben.“

„Es ist sechs,“ sagte Brandow, auf seine Uhr sehend

„Dann reiten Sie hin und holen Sie sich ihn. Ich muß den Brownlock nach Hause bringen. Soll ich der Frau sagen, daß wir heute Abend noch Besuch bekommen?“

„Vorläufig weiß ich das selber noch nicht.“

„Sie würde sich gewiß so freuen.“

„Mach’, daß Du nach Hause kommst, und halte Dein Maul.“

Ueber Hinrich’s groteskes Gesicht zog ein widerliches Grinsen, er warf einen stechenden Blick auf den Herrn, erwiderte aber

[583]
Die Gartenlaube (1872) b 583.jpg

Vorstellung des neuen Lehrers beim Dorfschulzen.
Originalzeichnung von E. Schuback.




nichts, sondern wandte den Brownlock und ritt in langsamem Galopp davon.

„Ich hätte ihm ebenso gut Alles sagen können,“ sprach Karl Brandow bei sich, während er sein Pferd über die Haide in den Wald lenkte; „ich glaube, ich bin für den verdammten Kerl von Glas. Gleichviel, man muß doch Einen haben, auf den man sich verlassen kann; und schließlich werde ich doch auch diesmal ohne ihn nicht fertig werden. Ich lade mir den dummen Kerl ungern auf den Hals, aber es ist doch eine Chance, und ich wäre ein Narr, wenn ich in meiner Lage noch lange zimperlich sein wollte.“


(Fortsetzung folgt.)




[584]
Aus dem menschlichen Seh- und Hör-Instrumente.


Was immer im Weltall existirt, Alles befindet sich in steter Bewegung, selbst Das, was starr und ganz unbeweglich zu sein scheint. Auch im festesten Stahl und im härtesten Diamant finden fortwährend zitternde Bewegungen statt. Es ist überall, im Großen wie im Kleinen, Bewegung; kein Stoff kennt den Zustand der Ruhe. All unser Wirken und Schaffen im Leben beruht auf dem Hervorrufen von Bewegungen, ja unser Leben selbst, sogar unser Denken, Fühlen und Wollen ist nur Bewegung und die Folge von Bewegungen. Ein Stillstand, welcher Art er auch sein möge, kommt in der Natur nicht vor.

Nur Bewegungen größerer Massen, ebenso auf unserer kleinen Erde, wie im unbegrenzten Weltenraume, sind für uns wahrnehmbar. Man pflegt diese als „mechanische, Massen- oder Molarbewegungen“ zu bezeichnen. Dagegen sind die Bewegungen der kleinsten und letzten Körpertheilchen, welche für sich existiren und Molecüle und Atome genannt werden, für uns unsichtbar. Man nennt sie „Molecularbewegungen“ und denkt sich dieselben als aus hin- und hergehenden Schwingungs- oder Wellenbewegungen bestehend. Kein Körper ist ohne alle Molecularbewegung. Sie ist es, welche die Verschiedenheit der Körper hinsichtlich ihres festen, flüssigen und luftförmigen (sogen. Aggregat-) Zustandes (die Cohäsion) bedingt; sie ist der Grund für die Erscheinungen des Lebens, des Lichtes, der Farbe, der Wärme, der Elektricität, des Magnetismus, der chemischen Verwandtschaft, des Schalles.

Massen- und Molecularbewegungen können sich gegenseitig (und zwar nach bestimmten Mengenverhältnissen) ineinander umsetzen, die eine kann in die andere verwandelt werden, die eine kann die andere hervorrufen und dabei scheinbar verschwinden. So kann z. B. Wärme (die Bewegung der Atome und ihrer Aetherhüllen) in Bewegung einer größeren Masse (mechanische Bewegung) umgewandelt werden (beim Arbeiten von Dampfmaschinen), und umgekehrt entwickelt das Arbeiten von Maschinen wieder Wärme. Was aber ineinander übergeht und sich ersetzt, das muß gleichartig sein. Die Wärme kann also nichts Anderes sein als eine Art von Bewegung, sie ist Molecularbewegung. Ebenso können die verschiedenen Molecularbewegungen ebenfalls ineinander übergeführt werden, z. B. Wärme in Licht und Elektricität, letztere in Licht, Schall in Wärme etc. Berühren sich zwei Körper oder stehen sie durch einen dritten (die Luft, den Aether) miteinander in Verbindung, so können die Molecularbewegungen des einen sich den Molecülen des andern mittheilen oder die Bewegungen dieser Molecüle verändern. In dieser Weise denkt man sich die Einwirkung jeder Kraft, und Kraft wäre sonach die Ursache einer Bewegung oder Veränderung, die Fähigkeit eines Körpers, auf einen andern bewegend oder verändernd einzuwirken.

Auf der Umwandlung der verschiedenen Molecularbewegungen ineinander, sowie auf der Umsetzung der Molecularbewegung in Massenbewegung und umgekehrt, beruht das Princip von der Erhaltung der Kraft, vermöge dessen keine Bewegung und kein Kraftaufwand in der Welt verloren geht. Von allen Kräften, welche wir in der Natur thätig sehen, wie von der Wärme, dem Lichte, der Elektricität, mechanischen Bewegung etc., geht nichts verloren. Ueberall, wo wir scheinbar eine Kraft verschwinden sehen, verwandelt sie sich nur in eine neue Kräfteform, die aber der scheinbar verloren gegangenen Kraft ganz gleichwerthig ist, und wir können keine Bewegung herstellen, der nicht ein gleichzeitiges Erlöschen einer andern Bewegung entspricht. In allen Fällen, wo Kräfte in die Erscheinung treten, läßt sich nachweisen, aus welchen anderen Kräften oder Kraftwirkungen dieselben herstammen. Dieses Gesetz von der Erhaltung der Kraft bildet mit dem Gesetze von der Erhaltung des Stoffes, nach welchem aller Stoff, der im Weltall vorhanden ist, weder einer Vermehrung noch einer Verminderung unterliegt, es bildet ein allgemeines Naturgesetz, welches das Wirken sämmtlicher Naturkräfte in ihren gegenseitigen Beziehungen zueinander beherrscht. Ebenso wie die Materie unzerstörbar ist, ebenso ist auch die derselben zukommende Kraft unvernichtbar. Ebenso wie wir keinen Stoff erschaffen und keine vorhandene Materie vertilgen können, ebensowenig kann eine Kraft neu erschaffen werden und eine vorhandene verloren gehen; Kraft und Stoff bleiben unvertilgbar, wenn es auch oft den Anschein hat, als ob sie neu entständen oder untergingen. Keine Bewegung in der Natur geht aus Nichts hervor oder in Nichts über, und jeder scheinbar neuentstandene Stoff ist hervorgegangen aus schon vorhandenen. Jede Bewegung und jede Materie verdankt ihr Dasein einem unermeßlichen, ewig gleichen Kraft- und Stoffvorrath und giebt das diesem Entliehene früher oder später auf irgend eine Weise an die Gesammtheit zurück.

Auch im menschlichen Körper gehen alle Bewegungserscheinungen und Kraftleistungen nach dem genannten Gesetze der Erhaltung der Kraft vor sich, und die auf unsern Körper von außen einwirkenden Bewegungen (Kräfte) erfahren in ihm nur eine Verwandelung, nehmen eine veränderte Form an. – Wir beabsichtigen hier nur ganz in Kürze den Gang von Molecularbewegungen anzugeben, welche die Licht und Schall bedingenden Wellenbewegungen des Aethers und tönender Körper (besonders der Luft) innerhalb unseres Seh- und Hörapparats hervorrufen und schließlich im Bewußtseinsorgan (Gehirn) durch Molecularbewegung Licht- und Gehörsempfindung veranlassen. – Das Licht besteht, wie bekannt, aus Aetherschwingungen, deren Anzahl in einer Secunde vierhundert bis achthundert Billionen beträgt. Jede dieser verschiedenen Schwingungszahlen bedingt den Eindruck einer bestimmten Farbe; die geringste Schwingungszahl von vierhundert Billionen kommt dem Roth zu, dann folgen Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo und Violett, welches letztere aus der größten Zahl von Aetherschwingungen besteht. Dem Lichtstrahl verdanken wir also das Helle wie das Farbige. – Wie das Licht beruht nun auch der Schall auf Schwingungen, aber nicht des Aethers, sondern von Körperstoffen (luftförmiger, flüssiger, fester Körper), und diese Schwingungen betragen an Zahl nur sechszehn bis achtunddreißigtausend in einer Secunde. Der tiefste Ton (c II) hat sechszehn, der höchste Ton (das achtgestrichene d) hat achtunddreißigtausend Schwingungen in der Secunde. Wie beim Lichte Helligkeit und Farbe, so unterscheidet man beim Schalle Ton und Geräusch. Töne beruhen auf periodischen und in Dauer, Weite und Form gleichmäßigen Schwingungen, Geräusche dagegen auf ungleichmäßigen und nicht periodischen Schwingungen. – Für die Wahrnehmung dieser zwei Licht- und zwei Schallarten (Helligkeit und Farbe, Ton und Geräusch) besitzt nun unser Auge und unser Ohr je zwei verschiedene Arten von Apparaten, welche als die (optischen und akustischen) Endorgane des Seh- und Gehörnerven bezeichnet werden. – Im Auge vermitteln die „Stäbchen“ das Wahrnehmen des Hellen, die „Zapfen“ das der Farben. Stäbchen und Zapfen bilden aber eine der zehn Schichten der durchsichtigen Netz- oder Nervenhaut, die eine hautförmige Ausbreitung des Sehnerven darstellt. – Im Ohr scheint die Empfindung der Geräusche von den sogen. „Hörhaaren“ und die der Töne von den „Haarzellen“ vermittelt zu werden. Hörhaare und Haarzellen finden sich, von Hörwasser (mit Gehörsteinchen) umgeben, im innersten Theile des Ohres, in dem vom Vorhofe, den drei Bogengängen und der Schnecke gebildeten Labyrinthe. Die Hörhaare haben ihren Sitz im Vorhofe und in den flaschenförmigen Erweiterungen (Ampullen) der Bogengänge; die Haarzellen gehören zum Corti’schen Organe, welches innerhalb der mittleren Schneckentreppe verborgen liegt.

Sehen und Hören kommt nun aber einzig und allein durch Molecularbewegungen zu Stande, und diese gehen einestheils außerhalb unseres Körpers vor sich und bilden hier die Licht- und Schallwellen, anderntheils finden sie innerhalb unseres Seh- und Gehörorgans statt und tragen sich hier auf eigenthümlich gebaute, leicht in Schwingung zu versetzende Gebilde über, welche den empfindenden Nerven veranlassen, dieselben zum Bewußtseinsorgane (Gehirn) fortzupflanzen. – Der Gang der Lichtwellen ist folgender: von den von einem leuchtenden Körper nach allen Richtungen hin ausgehenden Lichtstrahlen dringen die auf und durch die durchsichtige Hornhaut des Augapfels fallenden in das Wasser der vordern Augenkammer, gelangen durch die Pupille (eine runde Oeffnung in der Regenbogenhaut) in die Linse und treten aus dieser in den von der Netzhaut umgebenen Glaskörper. Bei dem Durchgange der Lichtstrahlen durch diese durchsichtigen Gebiet [585] (den Lichtbrechungsapparat) werden die vor dem Auge auseinanderstrahlenden Lichtwellen nach und nach so gebrochen und dadurch einander genähert, daß sie endlich auf der Netzhaut in einem Punkte (Bild) zusammentreffen. Hier ist es nun, wo die sogenannten optischen Endorgane (Stäbchen und Zapfen) durch die auffallenden Lichtwellen mechanisch gereizt, zu Molecularbewegungen veranlaßt und in Schwingungen versetzt werden, welche sich auf die Sehnervenfasern übertragen und von diesen dem Gehirn (Bewußtsein) mitgetheilt werden. Daselbst kommen dann die Sehempfindungen zu Stande.

Der Weg, welchen die Schallwellen zu machen haben, um zum Gehörnerven zu gelangen und durch diesen im Gehirn Gehörsempfindungen zu veranlassen, ist folgender: die auf das Ohr fallenden Schallwellen pflanzen sich durch den äußern Gehörgang

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Schema der Netzhautschichten nach Max Schultze.
1. Innere Begrenzungsschicht. 2. Sehnervenfaserschicht. 3. Ganglienzellenschicht. 4. Innere granulirte Schicht. 5. Innere Körnerschicht. 6. Aeußere granulirte Schicht. 7. Aeußere Körnerschicht. 8. Aeußere Begrenzungsschicht. 9. Stäbchen- und Zapfenschicht. 10. Pigmentschicht.

zum Trommelfelle fort und bringen dasselbe in Schwingungen. Diese letzteren werden, mit Hülfe der mit dem Trommelfelle verbundenen Gehörknöchelchen (Hammer, Ambos, Steigbügel), durch die (von der Ohrtrompete mit Luft gespeiste) Paukenhöhle dem Wasser des Labyrinthes mitgetheilt und gelangen so zu den akustischen Endorganen (Hörhaaren und Haarzellen).

Was den Bau und die Thätigkeit der genannten Endorgane betrifft, so verdanken wir vorzugsweise den Forschungen von Max Schultze die Kenntniß der optischen, denen von Corti, Kölliker, Helmholtz u. A. die der akustischen Endorgane. – Stäbchen und Zapfen sind vollkommen durchsichtig und bestehen aus einer gleichartigen fettigglänzenden, weichen und sehr zarten Masse; sie hängen mit den feinsten Enden (Primitivfäserchen) des Sehnerven zusammen. Ihre (durch die Lichtwellen veranlaßten) Schwingungen versetzen die Nerven mechanisch durch Erschütterung in Erregung. Die Stäbchen sind cylindrisch, stehen dicht nebeneinander und nehmen in regelmäßigen Abständen die kürzeren und flaschenförmigen Zapfen zwischen sich. Die verschiedene Vertheilung der Stäbchen und Zapfen im menschlichen Auge und bei verschiedenen Thieren unterstützt die Hypothese über die verschiedene Function derselben. So befinden sich im menschlichen Auge (und in dem der Affen) da in der Netzhaut, wo das schärfste und deutlichste Sehen stattfindet (neben dem hinteren Ende der Augenaxe, an und rings um den gelben Fleck mit seiner Centralgrube), nur Zapfen und diese nehmen nach dem vordern Rande der Netzhaut mit dem scharfen Farbenunterscheidungsvermögen stetig ab. Bei den Nachtvögeln (Eulen) überwiegen die Stäbchen an Zahl; ausschließlich zapfenführend oder doch sehr reich daran ist dagegen die Netzhaut vieler Eidechsen, Schlangen, Schildkröten, und wahrscheinlich aller Reptilien. Bei Säugethieren, welche die Nacht oder die Dämmerung dem Tage vorziehen, fehlen die Zapfen gänzlich (wie bei der Fledermaus, dem Igel und Maulwurf) oder sie treten in einer sehr auffallenden Weise gegen die Stäbchen zurück. Ratte, Maus, Siebenschläfer, Meerschweinchen besitzen nur wenig und unvollkommene Zapfen.

Die Hörhaare sowie die Härchen der Hör- oder Haarzellen sind kleine elastische Anhänge an den feinsten Nervenfäserchen des Gehörnerven, ihre (durch die Schallwellen erzeugten) Schwingungen erregen die Nerven mechanisch durch Erschütterung. Die zwischen den Haarzellen stehenden Corti’schen Bogen scheinen keine nervösen Endorgane zu sein. Dafür spricht auch, daß die scharfhörenden Vögel diese Gebilde gar nicht besitzen. Sie sind wohl nur als Resonatoren anzusehen, welche die (durch die Wellen des Labyrinthwassers erzeugten) Schwingungen der Grundmembran, auf welcher sie aufstehen, aufnehmen,

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Schematischer senkrechter Durchschnitt durch die vergrößerte Schnecke.
a. Vorhofstreppe. b. Schneckengang. c. Paukentreppe. d. Reißner’sche Haut. e. Grundmembran mit dem Corti’schen Organ. f. Spindel der Schnecke mit den Nerven. g. Kuppelblindsack.

selbst in Schwingungen gerathen und diese den Haarzellen mittheilen. Als Dämpfungsapparate könnten angesehen werden: die Ohrsteinchen im Labyrinthwasser, ebenso des Vorhofs, der Ampullen, wie der Schnecke, sowie die Corti’sche oder Deckhaut, welche wie ein durchlöcherter Gallertschleier über dem Corti’schen Organe ausgebreitet ist. – Das Corti’sche Organ liegt auf der Grundmembran und besteht aus den Corti’schen Bogen mit äußeren und inneren Pfeilern, aus inneren und äußeren Haarzellen, aus der Netzhaut und der Deckhaut.

Die Helmholtz’sche Theorie, daß der Vorgang des Hörens auf dem Phänomen der Mitschwingung specifischer akustischer Endapparate beruhe, wurde durch die Versuche Hensen’s glänzend bestätigt, indem es diesem gelang, die Hörhaare durch Töne in Mitschwingungen zu versetzen. Durch einen dem Trommelfell und den Gehörknöchelchen nachgebildeten Apparat leitete er den Schall

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Schematischer senkrechter Durchschnitt der Schneckentreppen und des Corti’schen Organs.
a. Schneckengang. b. Vorhofstreppe. c. Paukentreppe. d. Knöcherne Spiralplatte. e. Häutige Spiralplatte und Grundmembram. f. Schneckengehäusewand. g. Schneckennerv. 1. Reißner’sche Haut. 2. Huschke’s Gehörzähne. 3. Corti’sche oder Deckhaut. 4. Innere Haarzelle. 5. Innerer und 6. äußerer Pfeiler eines Corti’schen Bogens. 7. Aeußere Haarzellen, überdeckt (ebenso wie 4., 5. und 6.) und von der * * durchlöcherten Netzhaut, durch welche die Hörhärchen der Haarzellen heraussehen. 8. Hensen’sche Stützzellen. 9. Oberhäutchen.

eines Klapphorns in das Wasser, in welchem er unter dem Mikroskop einen Geiselkrebs (Mysis) beobachtete. (Die Krustenthiere haben nämlich an ihrer Körperoberfläche Hörhaare, die eine nach der Größe geordnete Reihenfolge von größeren und dickeren zu kürzeren und feineren Härchen übergehend bilden.) Es ergab [586] sich nun, daß durch gewisse Töne des Horns einzelne dieser Hörhaare in starke Schwingung versetzt wurden, durch andere Töne andere Hörhaare. Jedes Hörhaar antwortete auf mehrere Noten des Horns. So antwortete ein Härchen stark auf dis und dis’, schwächer auf g, sehr schwach auf G; sein Eigenton lag also wohl zwischen d’’ und dis’’ und war ein Oberton der fraglichen Noten.

Sehen und Hören beruht also auf Schwingungen; Auge und Ohr können durchaus nichts Anderes als Schwingungen unterscheiden, ersteres Licht-, letzteres Schallschwingungen. Im Auge wie im Ohr scheinen die schwingenden Endorgane abgestimmten kleinen Tasten zu entsprechen, welche nur dann in Mitschwingungen gerathen, wenn Schwingungen von einer bestimmten Geschwindigkeit, also von einer bestimmten Farbe und einem bestimmten Tone sie treffen. Dem Tastwerk im Ohr (dem Corti’schen Organ), bei welchem jede Taste auf einen einzigen Ton abgestimmt zu sein scheint, entspricht im Auge die von den Zapfen der Netzhaut gebildete Farbentastatur, so daß also nicht jeder Zapfen zur Wahrnehmung aller Farben geeignet ist, sondern die einen nur Roth, die anderen Grün etc. empfinden lassen, wenn gemischtes Licht einwirkt. Werden durch irgendwelche Umstände bestimmte dieser Tasten zum Schwingen unfähig, oder sind die ihnen zukommenden Nervenfasern nicht mehr erregungsfähig, dann ist die Wahrnehmung derjenigen Töne oder derjenigen Farben aufgehoben, welche durch jene Tasten oder Nervenfasern vermittelt wurde. Hierdurch erklärt sich ebenso die Farbenblindheit (Roth-, Grün- und Violettblindheit), wie die Tontaubheit (Baßtaubheit).

Durch die Zapfen scheinen nur die drei Grundfarben (Roth, Grün und Violett) wahrgenommen zu werden, Farben, durch deren Zusammenfallen wieder das ursprüngliche Licht, nämlich Weiß, hergestellt wird. Alle übrigen Farben werden durch gleichzeitige, aber ungleich starke Erregung dieser drei Grundfarben empfunden.

Nach Manchen stehen die Schwingungszahlen der Hauptfarben untereinander in genau demselben Verhältnisse, wie die Schwingungszahlen der sieben ganzen Töne der C-dur-Tonleiter. Die schönsten Farbenzusammenstellungen sollen, in Musik übersetzt, den wohlklingendsten Accorden entsprechen, wie z. B. die berühmte Triade der altitalienischen Meister: Roth, Grün, Violett dem ungemein wohlklingenden Quartsextaccord von G-dur d, g, h (Preyer). Nach Helmholtz besteht dagegen dieser Farbenaccord aus Roth, Grün und Indigo. – Die hier beigefügten Abbildungen sind schematische Darstellungen der nervösen Endorgane im Auge und im Ohr.

Bock.




Erinnerungen.


Von Franz Wallner.


Nr. 6. Der erste Brand des Lehmann’schen Circus. – Vom Kaiser Nicolaus. – Beckmann. – Beckmann auf der Eisenbahn. – Beckmann’s Frau. – Lortzing. – Emil Devrient.


Vor Kurzem habe ich eine Zeitungsnachricht aus Petersburg gelesen, nach welcher der dortige Circus von Lehmann abgebrannt ist. Das wüthende Element hat dies aus Holz gebaute Volkstheater, in welchem komische Pantomimen und ähnliche Spectakelstücke aufgeführt werden, zum zweiten Male vernichtet, das erste Mal vor einer langen Reihe von Jahren, unter Umständen, welche einen Schrei des Entsetzens durch das ganze weite Reich hervorriefen.

Die ungeheure Holzbude, welche sechstausend Zuschauer fassen konnte, gab während der Maslanitza – der Butterwoche, ähnlich unserer letzten Carnevalszeit – von zwei zu zwei Stunden je eine Vorstellung, zu welcher sich alle Volksclassen drängten. Der Eigenthümer, unter dessen Leitung die sogenannten schwedischen, sehr hübsch ausgestatteten und geschmackvoll scenirten Ballets gegeben wurden, lebte von dem reichem Ertrage der einen Woche, während welcher allein diese Gattung von Schaustellungen erlaubt und von dem Privilegium der kaiserlichen Hoftheater nicht verdrängt wurde, das ganze Jahr herrlich und in Freuden und wurde, trotzdem der Aufbau des luftigen Hauses und die für die kurze Frist eigens verschriebenen Künstler namhafte Summen kosteten, doch ein reicher Mann. Man kann sich also einen Begriff machen, welch enorme Einnahmen in diesen wenigen Tagen in dem Lehmann’schen Theater gemacht wurden. War eine Vorstellung beendet, so harrten schon Tausende einlaßlechzend auf die folgende; hatte das ungeheure Gebäude nach einer Production die Menge durch die geöffneten Thore entlassen, so strömte eine neue Völkerwanderung herbei, um die geleerten Räume zu füllen. Das Parterre allein zählte über tausendachthundert Sitzplätze. Der tolle Zauberspuk „Der grüne Teufel“ hatte wieder alle Plätze wie in einer Heringstonne voll Zuschauer gepreßt, es war die letzte Abendvorstellung, kurz vor elf Uhr Nachts. Rings auf dem großen Platz tummelte sich, fest gestaut und jubelnd, zwischen den zahlreichen Buden, Schaukeln, Eisbergen, Steinobst-, Schnaps- und Theeverkäufern eine ungeheure Menschenmenge, über welche die gewaltigen Flammen der brennenden Theerkörbe ihr phantastisches Licht ausgossen.

Das brüllende tausendstimmige Lachen aus der Lehmann’schen Bude übertönte den Lärm der übrigen Bevölkerung. Plötzlich verstummten die heiteren Töne, ängstliche schrille Hülferufe ertönten von innen, und als man, dem Angstgeschrei Rechnung tragend, in die Hütte eindringen wollte, um Rettung zu bringen, fand man alle Thüren von innen fest verrammelt. Ungeheure erstickende Rauchwolken lagerten sich um das Gebäude, und helle Flammen schlugen von dem Bühnenraum aus in die Höhe.

Durch einen unglücklichen Zufall war eine Decoration brennend geworden, das Feuer hatte sich, gelockt von dem aufgehäuften Brennmaterial, demselben mit Blitzesschnelle mitgetheilt, und ehe man noch die Tragweite des Unglücksfalles ermessen konnte, hatte das verheerende Element schon solche Fortschritte gemacht, daß an Rettung des luftigen Hauses nicht mehr zu denken war. Der Pierrot, dessen schreckensbleiche Wangen unter der weißen dicken Schminklage nicht bemerkt wurden, trat vor das Publicum und bat, das Haus schnell zu räumen, da in demselben Feuer ausgekommen sei. Ein brüllendes Gelächter antwortete dem vermeinten Spaß des Clowns. Da trat dieser an die Hintergardine, zog sie in die Höhe und zeigte dem entsetzten Publicum die brennende Wand, welche schon lichterloh den Bühnenraum abschloß. Mit einem Schrei der Verzweiflung stürzte sich Alles nach den Ausgängen, deren Thüren sich aber sämmtlich nur nach innen öffnen ließen. Die tobende, nach vorn rasende Menge drückte Jene, die zuerst die Ausgänge erreicht hatten, so fest an dieselben und die Wände, daß an ein Oeffnen der Thüren nicht zu denken war. Das Geschrei der Armen wurde von dem tobenden Gebrüll der Nachdrängenden übertönt und blieb unverstanden, die Stärkeren schritten hinweg über die Uebrigen, zerquetschten und zertraten dieselben, dichte, immer qualmendere Rauchwolken lagerten sich über die kreischende, verzweiflungsvolle Menschenmasse, die Glücklicheren erstickend, während die Uebrigen dem heißen Flammentod vergebens zu entrinnen suchten. Draußen arbeiteten tausend Hände vergebens, um die festgefügten Latten auseinanderzureißen. Bis die nöthigen Instrumente herbeigeschafft wurden, erstarb das entsetzliche Geschrei der Eingeschlossenen, der Tod hielt seine glühende Ernte. Kaiser Nikolaus war aus dem nahen Winterpalais herbeigeeilt, er entriß einem arbeitenden Muschik das Beil und arbeitete schweißtriefend am vergeblichen Rettungswerke. Als man eine breite Oeffnung in die hölzerne Wand gerissen hatte, fielen die Leichen der Erstickten den Hülfebringenden entgegen, während die verbrannten Cadaver aus dem Innern die Luft mit ihrem entsetzlichen Geruch erfüllten.

Ueber die männlichen Wangen des Kaisers rollten heiße Thränen; beinahe wäre er von einem stürzenden Balken erschlagen worden, wenn ihn nicht zu rechter Zeit, im letzten Augenblicke, ein bärtiger Arbeiter so heftig am Rockkragen zurückgerissen hätte, daß der Czaar zu Boden stürzte. Der Retter des Monarchen war inzwischen verschwunden, und selbst die Aussicht auf eine öffentlich zugesicherte große Belohnung konnte denselben nicht bestimmen, aus dem Dunkel hervorzutreten. Wahrscheinlich fürchtete er dafür, daß er die „geheiligte Person“ so rauh angefaßt, Strafe statt Belohnung; möglicher Weise war er auch später bei dem fortgesetzten Rettungswerke mit den Vielen, die ein gleiches [587] Schicksal ereilte, verunglückt; kurz, Niemand erfuhr mehr etwas von ihm. Der Volksglaube, wahrscheinlich lebhaft von der Polizei unterstützt, machte später aus dem Bauer einen Engel, der zur Rettung des Czaars auf die Erde herniedergeschwebt und nach vollbrachtem Werke, wie der Führer des österreichischen Max von der Martinswand, wieder verschwunden war.

Im nächsten Jahre wurde die Lehmann’sche Bude an derselben Stelle wieder aufgebaut, und die Vorstellungen wurden bei ungeschwächtem Besuch wieder aufgenommen.

Es war damals eine gar wunderliche Zeit in Petersburg – um Vieles verschieden von der jetzigen, die man unbedingt eine bessere nennen darf. Trotz des strengen Regimentes, welches Kaiser Nicolaus führte, Bestechung und Willkür an allen Orten und Enden. Wenn er im Winter eine Reise antrat, so eilte ein Bevollmächtigter voraus, der die sonst fast unwegsamen Straßen im Innern des ungeheuren Reiches mit enormen Kosten so glatt machen ließ, daß der Czaar, in dem Wahne, es sei überall im Lande so, auf ebener Bahn wie auf einem Tisch dahinfuhr, in heller Freude über die vortrefflichen Maßregeln seiner Verwaltungsbehörden.

Ich bekam einst zehn Pfund Chocolade von Stettin als Geschenk zugesandt und sollte dafür eine verhältnißmäßig enorme Summe Zoll bezahlen. Ich weigerte mich, diese zu entrichten, und erklärte, das Paket lieber zurücksenden zu lassen.

„Wie viel ist Ihnen die Chocolade werth?“ frug der Bureauchef mit breitem Ordensband um den Hals durch einen deutschen Freund, der, in Petersburg geboren, mit allen dortigen Verhältnissen vertraut, mich zum Zollamt begleitet hatte.

Fünf Rubel höchstens,“ gab ich zur Antwort.

„Wenig, wir sind unser Sechs,“ erwiderte der kaiserliche Beamte. „Nun geben Sie her! Einer meiner Leute wird Ihnen die Chocolade rückwärts in die Tasche stecken. Drehen Sie sich um!“

Dies geschah, man hing mir den Mantel über, und ich fuhr nach Hause, wo ich allerdings statt zehn nur sechs Pfund in meiner Tasche vorfand. „Zu wenig, wir sind unser Sechs,“ bleibt mir unvergeßlich.

Der stolze und mächtige Kaiser, dessen Blick durchbohrte, wen er im Zorn traf, konnte in Heiterkeit überströmen, wenn er auf den Maskenbällen, die im großen Theater gegeben wurden, intriguirt wurde. Freilich durften nur Damen wagen, den hohen Herrn anzusprechen, gleichgültig welcher Art dieselben waren, wenn sie nur gut und witzig in französischer Sprache zu parliren verstanden. Niemand durfte ihn mit seinem hohen Titel ansprechen, Kaiser Nicolaus war an solchen Tagen nur Maskenballgast, nichts weiter.

Manchmal verstand er Spaß, oft aber nahm er solchen sehr übel.

Es ist bekannt, daß der Kaiser in der Osternacht beim Austritt aus der Kirche mit den Worten: „Christus ist erstanden!“ die Schildwache, welche den Posten vor dem Gotteshause inne hat, umarmt, worauf diese antwortet: „In Wahrheit, Christus ist erstanden.“

Einmal aber erhielt der mächtige Monarch die Entgegnung: „Es ist nicht wahr!“ Als der Czaar entsetzt zurückprallte, setzte der Soldat hinzu: „Majestät, ich bin ein Jude.“ Der Mann wurde abgelöst, und die einzige Folge seiner Kühnheit war ein kaiserlicher Befehl, daß in Zukunft in der heiligen Nacht nie mehr ein Jude auf diesen Posten gestellt werden dürfe.

Viel schlimmer kam ein Adjutant des allmächtigen Fürsten Kleinmichel, Herr v. N., fort, der als erklärter Anbeter der schönen Kunstreiterin Laura Bassin, die auch in Deutschland bei der Gesellschaft Lejars u. Cuzent einst durch ihre Reize mehr als durch ihre Kunstleistungen Aufsehen erregte, ein täglicher Besucher des Circus war. Als einst die schöne Laura, welche täglich das schwierige Manöver producirte, wie oft man nach allen Richtungen vom Pferde fallen könne, ohne sich das Genick zu brechen, dies Kunststück eben auf der Probe wieder mit gewohntem Glück in Scene setzte, sprang Herr v. N. wüthend über die Barrière und drang auf Cuzent mit heftigen Vorwürfen ein, daß er seiner Angebeteten „ein zu schlechtes Pferd gegeben“.

„Wenn Sie nicht augenblicklich die Reitbahn verlassen, so peitsche ich Sie hinaus wie einen Stallknecht,“ erwiderte der heißblütige Franzose.

Wüthend und schimpfend entfernte sich, heftige Drohungen ausstoßend, Herr v. N. An demselben Abende führte ihn sein Unstern in eine Soirée bei Fürst Kleinmichel, wo er die Tactlosigkeit hatte, dem Kaiser den Vorfall zu melden. „Und Sie tragen noch Uniform?“ herrschte ihn durchbohrenden Blickes der Czaar an. Vergebens war alle Verwendung seiner hochgestellten Gönner, der russische Officier mußte den Dienst quittiren und bereiste später, als mein College, mit einer mittelmäßigen italienischen Operngesellschaft die Provinzstädte des hohen Nordens. Zu Cuzent aber sagte der Kaiser nach einigen Tagen bitter scherzend: „Was haben Sie denn mit N. vorgehabt? Ich werde Ihnen einen Ring durch die Nase ziehen lassen und Sie nach Sibirien senden.“

Verhängnißvoll war das Geschick, durch welches diese berühmteste aller Kunstreiterfamilien in Petersburg den Gipfel ihres Glücks erreichte und später Alle ihr Ende fanden. Lejars starb an der Cholera, seine bildschöne Wittwe heirathete den französischen Schauspieler Monzause, der ihr Vermögen schleunigst im Spiel vergeudete, der feingebildete Paul Cuzent erlag der Schwindsucht, seine Schwester Pauline folgte ihm bald an derselben Krankheit, ihre Habe wurde zwei Tage lang öffentlich versteigert; in der Ankündigung der vorhandenen Effecten hieß es: „Viele Diamanten – ein wenig Leibwäsche.“

Alle Mitglieder der russischen Kaiserfamilie liebten auf der Bühne die Komik. Dem Komiker des russischen Theaters, der oft die Ehre hatte, in die Hofloge gerufen zu werden, wurden sehr oft die derbsten Scherze nachgesehen. Als der unvergeßliche Beckmann in Karlsbad einst eine Abendunterhaltung bei einer russischen Großfürstin durch seine unvergleichliche Laune belebte und alle Anwesenden, der jetzige deutsche Kaiser voran, sich vor Lachen ausschütten wollten, nahm ein geistreicher Hofmarschall den genialen Künstler bei Seite und sagte: „Wie machen Sie das, lieber Herr Beckmann, daß sich Alles so amüsirt? Wir haben in Petersburg auch Komiker, sehr gute Komiker, o sehr gut, aber man lacht nicht über sie!“

Beckmann! trefflichster aller Komiker, witzigster, gutmüthigster aller Menschen, welche Erinnerungen weckst du in mir! – Kaum dürfte je ein Künstler mit weniger äußeren Hülfsmitteln[WS 1] so enorme reuelose Heiterkeit erweckt haben, als der geniale Fritz! Wer ihn in heiterer Gesellschaft den „Sonntagsjäger“ mit dem Kehrbesen statt dem Gewehr in der Hand darstellen sah, oder den „Concertgeber“ mit der verstopften Clarinette, oder den sich stets versprechenden „Bürgermeister“ einer kleinen Stadt beim Empfange einer fürstlichen Person, dem lacht jetzt noch das Herz im Leibe, wenn er an diese außertheatralischen Leistungen des großen Fritz denkt. Dabei die Bescheidenheit selbst, der beste College, der prächtigste Camerad! – Es gab nur einen Menschen, den er hassen gelernt und der ihm allen Grund, die vollste Veranlassung zur Idiosynkrasie gegeben hatte. Wir wollen den Mann, der noch lebt und an dem das Schicksal das Herzeleid rächte, welches er dem armen Beckmann zugefügt, aus Schonung „Meyer“ nennen.

„Wo haben Sie denn Ihren Hund, Herr Meyer?“ frug ihn Fritz einst auf der Probe.

„Ich habe ja keinen Hund.“

„Nicht? Nun, was will denn Vorstl? Er frug mich so eben: ‚Hast Du den Hund von Meyer nicht gesehen?‘“

Das war das Schlimmste, was er je einem Menschen zu Leid gesagt. Der kleine Vorstl war Beckmann’s unzertrennlicher Begleiter, auf der Jagd, auf Reisen, bei Gastspielen: kein Beckmann ohne Vorstl. Nun war Fritz ein ängstlicher Mensch, er, der unter so bitteren Schmerzen sterben mußte, hatte eine unbeschreibliche Furcht vor allem Wehe, eine unnennbare Angst vor jeder, auch der kleinsten Gefahr. Früher ein alljährlicher, in jedem Kreise gern gesehener, sehnlich erwarteter Curgast in Karlsbad, zog er stets in Freund Vorstl’s Begleitung dahin. Letzterer, in der Gegend von München daheim, lamentirte stets, daß er, so nahe den Seinigen, doch während einer langen Reihe von Jahren nie so glücklich gewesen wäre, seine nächsten Verwandten aufzusuchen.

In gewohnter Gutmüthigkeit beschloß nun Beckmann allein zu reisen und den Freund auf seine Kosten zu seinen Geschwistern nach München gehen zu lassen. Die Eisenbahn ging zu jener Zeit nur bis Schwarzenberg, wohin der Eilwagen unseren Fritz [588] führte. Todmüde und ängstlich, wie immer, drückte er dem Conducteur, der, wie alle seine Collegen, auch damals schon für landesübliche Münzen eine kleine Vorliebe hatte, einen Thaler mit vielsagendem Blick in die Hand, der mit verständnißvollem Kopfnicken erwidert wurde. Beckmann hatte es sich kaum recht bequem gemacht, die Glocke gab das letzte Abgangszeichen, da schob der Zugführer eine bärtige Riesengestalt zu ihm in’s Coupé, mit den Worten: „Entschuldigen Sie, es ist alles überfüllt, der Herr reist nur bis Leipzig mit!“

Nur bis Leipzig,“ brummte der Komiker, „gerade so weit als ich.“

Mit einem tiefen Seufzer rückte er, in sein Geschick ergeben, in eine Ecke, da zeigte ihm ein Blick auf sein Gegenüber, im schwanken Licht der Bahnhofsbeleuchtung, daß der aufgedrungene Reisegefährte einen breiten Ledergurt um den Leib trug, aus welchem der Handgriff eines gewaltigen Messers emporstieg.

„Die Laterne in unserem Waggon brennt ja nicht,“ rief Beckmann mit gepreßter Stimme aus.

„Wozu brauchen wir denn eine Laterne in der Nacht? man schläft viel besser im Finstern,“ meinte das vis-à-vis im tiefsten Grundbaß.

„Da will ich doch lieber in einen andern Wagen –“

Der schrille Abgangspfiff schnitt die Schlußrede ab, der Zug setzte sich in Bewegung. Sehr gesprächig waren die beiden Reisegefährten nicht. – Der Riese machte sich’s bequem und legte Gurt und Messer über sich in’s Netz.

„Sie haben da ein sehr schönes Messer,“ meinte Beckmann.

„O, ich habe da noch ein besseres,“ murmelte der unheimliche Camerad, indem er ein gewaltiges Mordinstrument aus dem hohen Stiefel hervorholte und zu dem andern legte.

Der entsetzte Fritz rückte weit ab und blinzelte unter scheinbar geschlossenen Augen auf den Nachbar hin, der seinerseits Beckmann anstarrte. – Lange Pause! –

„Sie haben da eine sehr schöne goldene Uhrkette,“ frug der Unbekannte wieder.

„Sie ist falsch, ganz falsch,“ erwidert hastig Beckmann; „denken Sie sich,“ fährt er gezwungen lachend fort, „ich habe heute an einem gewissen Ort meine Uhr an der echten Kette und meine Geldbörse vergessen. Fatal – sehr fatal, aus einem Thaler besteht mein ganzes Reisegeld.“

Mit diesen Worten verbarg er die schwere Kette in die Tasche, und als er den mißtrauischen Blick seines Gefährten bemerkte, gab er ihm die Versicherung, das habe nichts auf sich, in Leipzig sei er sehr bekannt, dort bekomme er wieder Geld geliehen. – –

„Station Zwickau!“ rief der Conducteur.

„Herr Conducteur,“ rief Beckmann, herausspringend und ihn am Kragen fassend, „lassen Sie mich in ein anderes Coupé, wenn es auch mehr besetzt ist.“

„Nich das kleenste Plätzchen, mein gutes Herrchen, uf der nächsten Station, in Werdau, will ich Sie anders placiren, wenn Sie durchaus wollen, dort is Abgang! – Aber Herrjemersch, Sie sitzen ja ganz gut, warum wollen Sie denn wechseln?“

„Weil in dem Wagen kein Licht brennt, ich kann auf der Eisenbahn nicht im Finstern schlafen.“

„I du meine Güte, das will ich Sie gleich anzünden, steigen Sie nur ein, wir fahren gleich ab.“

Bei der nun brennenden Laterne kommt ihm die riesige Gestalt seines unheimlichen Reisegefährten noch gefährlicher vor als früher.

„Wozu brauchen Sie denn Licht?“ fuhr er ihn an.

„Weil ich nicht gerne im Dunkeln schlafe.“

„So, warum haben Sie denn in einem andern Waggon fahren wollen?“

„Weil ich im Schlafe so stark schnarche und Sie nicht geniren will.“

„Dummheiten!“ brummte der Fremde, und legte sich wieder in der Ecke zurecht.

Während der Zeit zog Beckmann sein Notizbuch hervor und schrieb bei dem unsicheren Scheine des Wagenlichtes folgenden Zettel:

„Vorstl ist nicht mein Mörder! Ein großer starker, mit zwei Messern bewaffneter Mann, mit vollem Bart, hat mich im Coupé meuchlings überfallen. Vorstl ist in München bei seinen Geschwistern und unschuldig an meinem Tod. Fritz Beckmann.“

Das Blatt schob er vorsichtig unter die Kissen seines Sitzes.

„Haben Sie Feuer?“

„Nein, ich rauche nicht.“

„Sie haben auch gar nichts, kein Geld, keine Uhr, kein Feuer!“

„Ja, ich bin schon so! Sie sind wohl sehr bekannt in dieser Gegend?“

„In dieser Gegend? Das will ich meinen. Jeden Baum, jeden Stein hier im Wald kenne ich. Meine Leute sind auch hier vertheilt.“

Der Geheimnißvolle zog eine kleine Metallpfeife hervor, und auf einen schrillen Pfiff tönten rechts und links ähnliche durchdringende Laute durch den Wald herüber.

Beckmann war mehr todt als lebendig.

„Station Werdau!“ klang es wie Paradiesesruf.

„Station Werdau, ich werde wohl hier über Nacht bleiben,“ rief Beckmann leichten Herzens, seine Reisetasche ergreifend. „Leben Sie recht wohl, es war mir sehr angenehm Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.“

„Adjes, Herr Beckmann!“

„Sie kennen mich?“ rief der Komiker ganz erstaunt.

„I, wo werd’ ich nich! Ich komme alle Woche ein Mal nach Wien. Ich bin der Hofschlächter L. … und lasse eben eine Herde Ochsen nach Leipzig bringen. Sie haben mir wohl vor eenen Spitzbuben gehalten?“

„I, wo werde ich!“ rief der über diese Lösung des Mißverständnisses hocherfreute Beckmann. „Na, denn is es nix mit Werdau! Wenn Sie erlauben, lieber Freund, so fahre ich mit Ihnen bis nach Leipzig!“

„Thun Sie das, mein lieber Herr Beckmann, und morgen trinken wir bei Redslob eene feine Pulle zusammen!“ –

Beckmann war, wie viele Künstler, etwas eitel und sehnte sich sehr nach einem bunten Bändchen in sein verwaistes Knopfloch. Er hatte einst einem Freund mit Gefahr seines eigenen Lebens das seine gerettet und von Sr. Majestät dem König von Preußen ausnahmsweise die Erlaubniß erhalten, die Rettungsmedaille am Bande des rothen Adlerordens zu tragen. Der wirkliche rothe Adlerorden war das Ziel seiner Sehnsucht, vor der Hand trug er das Band ohne Medaille. „Wollen Euer Majestät denn wirklich dies naturgemäße Verhältniß trennen?“ frug er bei der Audienz den König von Preußen, auf das ordenslose Band zeigend. Als ihm Se. Majestät auf der Promenade in Karlsbad begegnete und ihn frug, warum er hier sei und was ihm fehle, antwortete er mit einem schüchternen Blick auf das leere Knopfloch seines Rockes: „Ja, Majestät, ich habe schreckliche Kreuzschmerzen!“

Beckmann’s Frau, geborene Muzarelli, war eine der hübschesten und liebenswürdigsten Bühnenerscheinungen, eine höchst talentirte Sängerin und Tänzerin, eine humorreiche Soubrette. Ihr winziges Füßchen und ihre reizende kleine Hand galten als Merkwürdigkeit in der Theaterwelt. Director Carl extemporirte einmal auf der Bühne, und sagte, sie wäre eine Mißgeburt, denn sie habe nur ein Stückchen Fuß.

Bei einem Gastspiel in Triest trat sie in der Titelrolle der Oper „Die Stumme von Portici“ auf. Als sie nun tanzend die Bühne betrat, hatte die Künstlerin unglücklicher Weise ein über dieselbe gespanntes Seil übersehen, welches zur Befestigung der Versetzstücke angebracht war, und die Stumme stürzte mit dem Schreckensschrei: „Jesus, Maria und Joseph!“ der Länge lang auf den Boden hin. Die drastische Wirkung dieser Heilung und Lösung der Sprachwerkzeuge kann man sich denken, das Haus erdröhnte von nicht enden wollendem Gelächter.

Eine wahrhaft herzerquickende, jetzt leider gänzlich verschwundene Cameradschaft herrschte damals in der Theaterwelt. Ich komme wohl ein Mal auf eine Reihe heiterer und rührender Züge aus dem Zusammenwirken der Bühnenangehörigen aus meiner Zeit zurück, jetzt sei nur eines solchen Erlebnisses gedacht: Lortzing, der deutsche Offenbach ohne französische Liederlichkeit, schrieb zu seinen reizenden Opern, für die alle zusammen er von sämmtlichen Bühnen nicht so viel Honorar erhielt, als sein Nachtreter jetzt von einer bezieht, auch die Texte gemeinsam mit Düringer und Reger, die damals zugleich mit ihm am Stadttheater in Leipzig engagirt waren. Einen Tag vor der [589] Ziehung hatte Lortzing von Reger ein Viertelloos zur Staatslotterie gekauft. In Arbeit vertieft, die Kaffeetasse mit seinem bescheidenen Frühstück vor sich, saß der wackere Albert Morgens in seiner Stube, als Reger in’s Zimmer stürmte, ihm um den Hals fiel und jubelnd ausrief:

„Bravo, mein Junge, Dir gönne ich es! bist ein braver Kerl, ein vielkinderiger Familienvater, ich gönne es Dir von Herzen!“ Dabei schlug er dem Erstaunten die Tasse aus der Hand, zerschmetterte zwei Fensterscheiben und eilte jauchzend die Treppe hinab.

Lortzing blieb erstarrt sitzen und glaubte, sein Freund sei plötzlich verrückt geworden. Später erfuhr er, daß sein Viertelloos, welches er von Reger gekauft hatte, mit der Summe von tausend Thalern herausgekommen sei, ein Glücksfall, welcher ihm auf so wunderliche Weise gemeldet wurde. –

Wie neidlos man damals miteinander verkehrte, wie herzlich man sich erfreute an den glücklichen Erfolgen der Collegen, darüber denke ich in der nächsten Zeit eine Reihe Erinnerungen zu bringen, die sich an die wohlklingenden Namen Holtei, Ferdinand Raimund, Scholz und Nestroy knüpfen.

Alle, Alle sind sie heimgegangen. Nicht das „Altwerden“ ist das Schlimmste am Menschendasein, ein kräftiges Alter erreichen ist ein Segen der Vorsehung, aber im Alter zu vereinsamen, Einen nach dem Andern hinsterben zu sehen, die mit uns jung und froh gewesen, das ist schmerzlich, das ist die schwerste Bürde, die uns das Schicksal auferlegt.

Während ich diese Zeilen schreibe, haben sie wieder Einen eingesargt, mit dem mich mehr als ein Vierteljahrhundert treue Freundschaft verbunden, dessen Name mit den besten aller Zeiten in seinem Fache wird genannt werden: Emil Devrient! Tüchtiger unersetzlicher Künstler, zartbesaiteter feiner Mensch, guter Vater, braver College, fahre wohl! fahre wohl! – Vor wenig Wochen noch traf ich ihn heiter und lebensfroh im Leipziger Theater, wo wir einer trefflichen Aufführung der Oper Diana de Solange mit der wärmsten Theilnahme beiwohnten. Pläne für die nächste Zukunft wurden gemacht, eine gemeinschaftliche Reise nach Wien verabredet, nach Wien, wo wir vor fast dreißig Jahren eine unvergeßliche, angenehme Zeit verlebt hatten, wo ich Zeuge eines Schauspielertriumphes war, wie ihn, außer Emil, kaum ein zweiter Mime erlebt haben dürfte. Devrient, der gefeierte Künstler, wurde außer seinem Wirkungskreise von Mädchen und Frauen aus allen Classen der Gesellschaft in einer Weise verfolgt, die man erlebt haben muß, um daran zu glauben. Stoßweise, oft ungelesen, wurden zarte duftende Billetchen verbrannt, ungescheut setzten vornehme Damen ihren Ruf, ihre Existenz auf’s Spiel. Der feinfühlende Gentleman sprach nie über diese Erfolge, nur ich als sein alter ego wußte darum.

Als am letzten Tage seiner Anwesenheit in Wien – er gab einen endlosen Cyclus von Gastrollen bei Carl im Theater an der Wien – lange nach Mitternacht der Wagen, mit Extrapostpferden bespannt, ihn der Residenz entführen sollte, waren wir nicht wenig erstaunt, diesen von einer unabsehbaren Schaar eleganter Damen umringt zu finden, alle ein Andenken zu erbitten, sei es auch nur eine Blume von den zahllosen Kindern Flora’s, die ihm bei seiner letzten Gastrolle gestreut wurden. Mit seinem Lächeln in dem edlen Antlitz dankte Devrient für die ihm erwiesene Güte und ersuchte die Damen, sich am andern Tag von mir die gewünschten Blumen holen zu lassen, da er alle in meine Wohnung geschickt habe. Welch einen bösen Dienst er mir mit diesem Abschiedsscherz erwiesen, wußte nur ich, auf wochenlang „war meine Ruhe hin“.

Wunderbarer Weise war der Erfolg der ersten Rolle Emil’s in Wien kein durchschlagender, derselbe baute sich erst nach und nach so riesenmäßig empor. Der Vergleich mit dem wildromantischen Ludwig Löwe und dem im Lustspiel hinreißenden Fichtner fiel anfangs nicht zu Gunsten der ruhigen classischen Spielweise Meister Devrient’s aus. Von Denen, welche den Künstler damals am Hoftheater, wo er zuerst sein Gastspiel eröffnete, kennen lernten, lebt leider nur noch der große Künstler Carl Laroche, dieser, Gottlob, noch in ungeschwächter Kraft das Publicum nach wie vor mit seinen unerreichten Leistungen erfreuend. Möge dies noch viele Jahre lang der Fall bleiben!

Als sich Devrient, noch im Vollbesitz seiner künstlerischen Mittel, von der Bühne zurückzog, um sich der wohlverdienten Ruhe zu erfreuen, schied er nur scheinbar von den theuren Brettern. An Allem, was gut und schön war, nahm er den innigsten Antheil; jüngere Talente förderte er nach wie vor mit treuem Rath und hülfreicher That. Bei Gelegenheit der großen Feste zur Enthüllungsfeier des Schiller-Goethe-Denkmals in Weimar sah ich eines der merkwürdigste Ereignisse: Emil Devrient und Bogumil Dawison kleideten sich zur Festvorstellung im Hoftheater in Weimar in einer Garderobenstube an, ein Unicum im Leben der beiden Kunstnebenbuhler. Jetzt ruhen sie Beide von ihren Kämpfen, ihren Triumphen friedlich nebeneinander aus, der heißblütige Pole leider lange umnachtet von den Fittigen des Wahnsinns, der glücklichere College hochgeachtet, im vollen Bewußtsein eines reichen Lebens von hinnen scheidend! Fahre wohl, Ihr Beiden, fahret wohl!




Die Tochter der Frau Birch-Pfeiffer.


Es ist ein trefflicher wohlbegründeter Beruf der Gartenlaube, ihren Lesern durch Bild und Lebensskizze die Personen derjenigen Gartenarbeiter vorzustellen, welche durch gediegene Geistesschöpfungen incognito zu trauten Hausbewohnern in den Herzen der Leser geworden sind. In der That, wer eine Dichtung liest, die einen höheren Zweck hat, als Held und Heldin auf möglichst halsbrecherischen Pfaden zum unvermeidlichen Altar zu führen, eine Dichtung, welche von Anfang bis Ende ein tieferes geistiges Interesse in hellen Flammen erhält, dem wird es ein wahres Bedürfniß, den Dichter kennen zu lernen, und wenn ihm dies versagt ist, so malt sich unbewußt die Phantasie ein Bild von ihm mit Leib und Seele, zu welchem die Figuren und Motive der Dichtung die Umrisse und Farben liefern. Mag nun auch ein solches Phantasieportrait mit dem Original oft wenig Aehnlichkeit haben, geschmeichelt oder carrikirt sein, die psychische Skizze wenigstens wird immer einige getroffene Züge enthalten. Was in lebendigem Strome aus der echten Dichterbrust hervorquillt, das verräth trotz aller Objectivität in seinem ganzen Gepräge und in tausend Einzelheiten den subjectiven Boden, aus welchem der Quell entsprungen, sei es daß der Autor bewußt oder unbewußt sein Ich in concreten typischen Gestalten conterfeit, sei es daß er nur den Reflexionen seinen persönlichen Stempel aufdrückt. – In ganz besonderem Maße bewahrheitet sich dieser Erfahrungssatz bei der geistvollen Verfasserin des Romans „Aus eigner Kraft“ und seiner Vorgänger „Doppelleben“ und „Ein Arzt der Seele“. Sie tritt mit der ganzen reichen Fülle ihrer inneren Persönlichkeit so leibhaftig, so scharf charakterisirt aus dem Rahmen ihrer Werke dem Leser entgegen, daß die folgenden Zeilen, welche von ihr eine Zeichnung nach der Natur bieten sollen, nur dazu dienen können, im Verein mit dem wohlgetroffenen Portrait ihrer Außenseite dem Lichtbild, in welchem sie bereits den Lesern vorschwebt, eine feinere Ausführung und volle Realität zu geben. Als Biograph wurde mit dieser dankbaren, aber immerhin schwierigen Aufgabe ein Freund der Frau von Hillern betraut, der in langjährigem intimen Verkehr sie in alle Situationen des Lebens, auf dem wohldressirten Paradepferde des Salons wie in der ungeschminkten Natürlichkeit des Hauses beobachtet und in allen Stimmungen studirt hat und welchem der Genuß gegönnt war, im vertrauten Einblick in ihre Geisteswerkstätte das Werden und Wachsen ihrer Werke zu belauschen.

Wilhelmine v. Hillern ist die Tochter von Dr. Christian Birch und Charlotte Birch-Pfeiffer, demnach eine glückliche kerndeutsch gerathene Mischung dänischen und schwäbischen Blutes. Ihr Vater, welcher sich der diplomatischen Laufbahn gewidmet und als Gesandtschaftssecretär längere Zeit in Paris und London gelebt hatte, zog sich nach seiner Verheirathung in’s Privatleben zurück und verwerthete seinen feinen Kopf und seine mannigfachen gediegenen Kenntnisse bis zu seinen letzten, leider durch Blindheit und Rückenmarksleiden schwer getrübten Lebensjahren in zahlreichen literarischen Producten auf politischem und belletristischem [590] Gebiet. Ihre Mutter – wer brauchte einen Commentar zu dem Namen der eminenten schöpferischen Frau, die sich in dem reichen Schatz ihrer dramatischen Dichtungen einen weitschattenden Gedächtnißbaum gepflanzt hat, welcher trotz aller Anfeindungen auf der deutschen Bühne fort und fort grünen wird, so lange dieselbe ihren wahren Zwecken nicht ganz entfremdet ist? Wer die Freude hatte, mit den beiden liebenswürdigen Alten in nähere persönliche Berührung zu kommen, der erkennt in der Tochter das echte Kind ihrer Eltern, der erblickt zahlreiche Darwin’sche Erbwurzeln, welche aus dem reichentfalteten Wesen der Tochter tief in den Boden der väterlichen und mütterlichen Natur hineinreichen.

Wilhelmine Birch ist ein Münchner Kindel. Bereits im ersten Lebensjahre wurde sie nach Zürich verpflanzt, wohin ihre Mutter zur Uebernahme der Direction des dortigen Stadttheaters übersiedelte. Es war eine freudeleere, trübselige Kindheit, welche Wilhelmine in Zürich verlebt. Getrennt vom Vater, welcher in München zurückgeblieben, unfreiwillig abgeschlossen von der Mutter, welche unter einer Ueberlast von Sorgen ihre ganze bewunderswerthe Arbeitskraft Tag und Nacht der Durchführung ihrer mißlichen Aufgabe und der literarischen Thätigkeit widmen mußte, fast ausschließlich auf die treue, aber ernste, pädagogisch und diätetisch strenge Pflege einer von schwerem Siechthum heimgesuchten Tante angewiesen, ohne Gespielinnen, wuchs das schwächliche, nur mühsam durch die liebevolle Sorgfalt des damals in Zürich weilenden Schönlein körperlich aufrecht erhaltene Kind in stiller Monotonie heran. Aber vielleicht war gerade diese düstere Einförmigkeit der äußeren Lebensoberfläche in vieler Beziehung einer gedeihlichen inneren Entwicklung günstig; vielleicht klingen in der heutigen Originalität des reifen Geistes theilweise noch die Nachbilder einer nothgedrungen selbstständigen unbefangenen Verarbeitung der ersten Eindrücke nach. Eine gänzliche Umkehrung dieser Verhältnisse trat ein, als Wilhelmine im achten Lebensjahr mit der Mutter, welche einer ehrenvollen Berufung als königliche Hofschauspielerin folgte, nach Berlin überwanderte, welches ihr zur eigentlichen Heimath wurde.

Hier trat die Freude in ihr Leben, hier begann ein warmer Verkehr mit Vater und Mutter, die Grundlage des innigsten Pietätsverhältnisses, welches ungetrübt bis zum Tode der Eltern fortbestand und der Mutter gegenüber später durch die zweifache Berufsgemeinschaft auf der Bühne und am Schreibtisch eine besondere Weihe erhielt. Hier traten der bildsamen Seele in bunter Fülle die mannigfachsten und einflußreichsten äußeren Anregungen entgegen, welche sie im Verein mit einem gründlichen, vielseitigen Unterricht für die Erfüllung ihrer Bestimmung schulten. Es erinnert sich wohl so Mancher noch der gemüthlichen grünen Stube an der Ecke der Friedrichs- und Krausenstraße in Berlin, des Schlaf-, Arbeits- und Empfangscabinets der „Mama Birch“, in welchem sie, vor dem chaotisch beladenen Schreibtisch sitzend, Jedem, der sie suchte, trauliche Audienz gab, in welchem allezeit Künstler, Dichter, Gelehrte von bestem Namensklang fröhliche Einkehr hielten. Das war in der That auch die Hochschulstube für Wilhelmine. Dort in dem zwanglosen lebendigen Verkehr mit leuchtenden Vorbildern schuf sie sich ihre Ideale, schmückte sie mit den Originalfarben der eigenen Natur und übte gleichsam spielend die Schwingen zum Flug nach den idealen Höhen. Wie gern und dankbar weilt heute die Erinnerung der Frau v. Hillern bei dieser gesegneten Frühlingszeit, wie getreulich berichtet sie ihren Freunden von dem Einfluß, welchen eine Jenny Lind oder ein Prediger Sydow, v. Putlitz und zahllose andere bedeutende Persönlichkeiten auf ihren Entwicklungsgang gewonnen, der eine in dieser, der andere in jener Richtung! Und wen sie so in die kostbaren Reminiscenzen aus der Mutterstube eingeführt hat, den geleitet sie sicherlich auch hinüber in die stille Stube des Vaters und erzählt mit aufrichtiger Rührung von der sorgsamen Pflege des Verstandes und Herzens, die sie dort von dem mit innigster Liebe an ihr hängenden Mann empfangen.

Daß die Tochter dieses Hauses in der Kindheit schon kein anderes Lebensziel, als die Bühne, sich setzen konnte, ist selbstverständlich; es hätte so kommen müssen, auch wenn jeder innere Beruf dazu gefehlt hätte. Es begreift sich, daß diese Prädestination anfangs in den gewöhnlichen kindischen Formen Ausdruck erhielt, bei dem heißtemperirten Kinde in extravaganterer Weise als sonst, daß an die Stelle der todten Puppe die eigene kleine Person als Theaterpuppe trat, die in jeder unbelauschten Minute in heimlichen Winkeln ihre Bühne aufschlug und mit einer aus Schürzen und Tischtüchern improvisirten königlichen Garderobe in freien Impromptus sich erging, oder den leeren Wänden die Rolle vordeclamirte, die sie selbst unter dem Schreibtisch, auf welchem die Schulhefte als Attrape lagen, heimlich verfaßt. Es begreift sich aber auch, daß das Verlangen nach den Weltbretern mit jedem Tage der wachsenden Reife und des Bewußtwerdens der innewohnenden Begabung an Ernst und Inbrunst gewann, daß der energische Widerstand, welchen die Mutter der Realisirung desselben entgegensetzte, nur dazu diente, den Strom noch mächtiger anzustauen, bis er seine Dämme durchbrach. Erst als Wilhelmine bereits dreizehn Jahre alt war, gestattete ihr die Mutter, ein Theater zu besuchen, und dieser Besuch war entscheidend. Kein Wunder: Dawison, der gewaltige Heros, war die erste Erscheinung, welche auf dem Stadttheater zu Hamburg als „Pfarrherr“ und als „Hamlet“ mit dem ganzen unwiderstehlichen Zauber seines Genies als Verkörperung ihrer Ideale Wilhelmine entgegentrat. Da war kein Halten mehr, im Sturm wurde der Consens der Mutter erobert, und nun ging es in athemloser Hast hinweg über alle Hindernisse, leider auch theilweise hinweg über eine methodische, technische Dressur, dem ersehnten Ziele entgegen.

Im siebenzehnten Lebensjahr betrat Wilhelmine Birch, mit einem Debut als „Julie“, unter dem Schutze des ihrer Mutter befreundeten kunstsinnigen Herzogs von Coburg-Gotha die Bühne, erfüllt von heißer priesterlicher Hingebung für den erwählten Beruf, erfüllt von kühner Zuversicht auf die Tragkraft ihres in zügelloser Freiheit aufgewachsenen Talents, erfüllt von stolzer Hoffnung, eine glänzende Sonnenbahn zu ziehen, während in den Sternen geschrieben stand, daß es nur ein flüchtiger Meteorlauf werden sollte. Das hochtragische Rollenfach war unbestreitbar das Terrain, welches die Natur ihr zugewiesen. Wenn auch in dieser Hinsicht die zart construirte Novize nicht alle Ansprüche befriedigte, so vergaß man doch gern die damalige nicht ganz heldenmäßige Schmächtigkeit der Gestalt über der Fülle und dem Wohllaut des für alle Stimmungen modulirbaren Organs, und die kleinen Abweichungen der Gesichtszüge vom Schulbegriff des classischen Typus über dem Adel, welchen eine von glühender Begeisterung inspirirte Mimik ihnen aufprägte. Zwei charakteristische Grundzüge kennzeichneten die dramatischen Darstellungen von Wilhelmine Birch: einerseits eine von tiefem Verständniß geleitete, bis in’s feinste Detail durchgearbeitete Auffassung, welcher sie durch Sprache und Action einen in allen Nüancen treuen Ausdruck verlieh, und andererseits eine unbändig aus der innersten Tiefe hervorfluthende, in den tragischen Culminationspunkten zum Dämonischen sich steigernde Leidenschaftlichkeit, mit welcher sie ihre Hörer, selbst ihre kritischen Feinde, fortriß.

Es mag wahr sein, daß diese Leidenschaftlichkeit sie verführte, häufig Licht und Schatten allzu grell zu markiren, zuweilen sogar die Grenzen des Schönen und der möglichen Wahrheit zu überschreiten. Allein auf der andern Seite war gerade diese Eigenthümlichkeit das Pygmalionsfeuer für alle ihre Gestaltungen, und das Uebermaß wurde gedämpft durch solide Lehrmeister, wie Eduard Devrient in Karlsruhe und Frau Glaßbrenner in Hamburg, bei denen sie nachträglich in die Schule ging. Nie hat Wilhelmine Birch einem hohlen Pathos gefröhnt, nie sich zu wohlfeiler Schablonenarbeit herabgewürdigt, im Gegentheil war bei ihr eine strenge Opposition gegen allen herkömmlichen Schlendrian leitendes Princip. Sie war, wie v. Putlitz mit vollstem Recht sagt, bestimmt, eine deutsche Rachel zu werden, und hätte dieses hohe Ziel ihres Ehrgeizes erreicht, wenn nicht besagte Sterne auf Anstiften der Venus ihr zugerufen hätten: Bis hierher und nicht weiter!

Nachdem sie den größten Theil ihrer kurzen Bühnenlaufbahn gastirend in Gotha, Braunschweig, Karlsruhe, Frankfurt a. M., Magdeburg, Hamburg, Posen und Berlin zugebracht und endlich ein festes Engagement in Mannheim angenommen hatte, gelang es einem der begeistertsten Kunstmäcene, Herrn v. Hillern, damals Hofgerichtsrath in Mannheim, sie dem Theater zu entwenden und als seine Gattin in das bürgerliche Leben zu verpflanzen. Welcher Nachruf konnte der scheidenden Künstlerin ehrenvoller sein, als der Ausspruch Dawison’s: er beklage in ihrem Abschiede von der Bühne den Verlust der letzten echten Tragödin Deutschlands!

Seit ihrer Verheirathung lebt Frau v. Hillern in Freiburg im Breisgau, wo ihr Gemahl gegenwärtig die Stelle eines [591] Directors des Kreis- und Hofgerichts bekleidet. Drei liebliche Töchterchen wachsen neben der Mutter heran, wiederum unverkennbar ausgestattet mit werthvollen Erbschätzen mütterlicher und großmütterlicher Anlagen, welche sie in schwesterlicher Theilung zu pflegen und als unveräußerliches Familiengut mit Zinsen weiter zu vererben versprechen. Es ist ein bewegtes geselliges Dasein, welches Frau v. Hillern in der kleinen, aber im raschen Aufblühen begriffenen Stadt führt. Lebenslustig, voll warmen Interesses für alle die wechselvollen Strömungen auf der Oberfläche und in der Tiefe der menschlichen Gesellschaft, Allen mit Leichtigkeit sich accommodirend, ist sie in allen Kreisen heimisch, eines der besten anregendsten Elemente derselben. Sie genießt daher eine wohlverdiente allgemeine Beliebtheit, bei Denen aber, welche ihr ganzes Wesen ergründet haben und „Alles in Allem zu nehmen“ verstehen, eine wahre Verehrung. Ihre guten Freunde erfreut sie noch oft und gern mit köstlichen Lebenszeichen ihres in Ruhestand versetzten dramatischen Talents durch meisterhafte Declamation von Gedichten, unter denen sie besonders die effectvollen, fein nuancirten Erzeugnisse ihres Freundes Scherenberg bevorzugt, oder durch Reproduction von Bruchstücken aus ihren Lieblingsrollen, oder auch durch wirkliche Action auf der Dilettantenbühne, welche sie nicht allein durch die eigene vollendete Leistung, sondern auch durch die sorgsame Einexercirung ihrer Trabanten weit über das gewöhnliche Niveau zu erheben weiß. Wer sie so sieht und hört, der empfindet ihr noch die Illusion nach, die ihre Seele in die verlassenen Sphären zurückversetzt, ihr das Podium unter die Füße, Rampe und Coulissen vor die Augen zaubert und das Schwert der Jungfrau in die Hand drückt, bis unter dem Beifall der Hörer das Märchen aus alten Zeiten erblaßt, der geträumte Musentempel wieder zum nüchternen Salon zusammenschrumpft.

Die Gartenlaube (1872) b 591.jpg

Wilhelmine von Hillern.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

Daß diese schwachen Nachklänge der einst mit so glühendem Enthusiasmus betriebenen Thätigkeit die echte Künstlerseele nicht ausfüllen konnten, daß der Geist, der einst so ungestüm den Drang nach künstlicher Gestaltung befriedigt hatte, nach einem neuen Gebiete verwandten Schaffens verlangte, begreift sich leicht. So erfüllte Frau v. Hillern naturgemäß eine frühere Weissagung Dingelstedt’s, daß sie später zum Kiel greifen würde, und feierte ihre künstlerische Auferstehung als Dichterin. Mit derselben Sicherheit natürlicher Bestimmung, wohlgerüstet mit derselben [592] reichen Mitgift des Talents zur poetischen Plastik, aber auch mit neuem bisher unerschlossenen geistigen Fonds, endlich mit der gleichen leidenschaftlichen Hingebung, mit welcher sie einst die Bühne beschritten, betrat sie die neue Laufbahn und hat sich auf der kurzen, erst durch wenige Marksteine bezeichneten Strecke, welche sie auf ihr zurückgelegt, bereits einen Namen von bestem, weittragendem Klange geschaffen.

Im Jahre 1865 erschien unter dem Titel „Doppelleben“ das Erstlingswerk, ursprünglich im Märchenstil angelegt als flüchtige Freske moderner Charaktertypen, unter den Händen im ersten noch undisciplinirten Eifer der Production zum Roman nach Form und Umfang herangewachsen. Nach mehrfachen verunglückten Versuchen, dem Neugeborenen ein gutes Unterkommen zu verschaffen, fand endlich die Verfasserin in dem Buchhändler O. Janke einen Verleger, der dasselbe in die Oeffentlichkeit einführte. Drei Jahre später brachte die „Romanzeitung“ desselben Verlegers (und bald darauf eine besondere Ausgabe, welche bereits die zweite Auflage erlebte) ihr zweites umfangreicheres und weit bedeutenderes Werk, „Ein Arzt der Seele“. Dasselbe hat durch das scharfe lebenswahre Gepräge seiner Figuren, durch die geistvolle Tiefe der Reflexionen und vor Allem durch den sittlichen Ernst der Tendenz sich eines raschen, außergewöhnlichen Erfolges (auch auswärts, zum Beispiel in Amerika, wo es bei Lippincott in Philadelphia in englischer Uebersetzung in kurzer Zeit fünf Auflagen erlebte) erfreut und ihren Ruf als Schriftstellerin ersten Ranges dauernd begründet. Im Jahre 1870 bezog Frau v. Hillern mit ihrem dritten Romane, Aus eigener Kraft, einer ehrenvollen Einladung des Verlegers folgend, als neue Heimath die „Gartenlaube“. Derselbe soll, von der Verfasserin überarbeitet, dieser Tage in Buchausgabe erscheinen und wird soeben auch in die ungarische Sprache übersetzt. Seitdem hat ihre Muse geruht mit Ausnahme eines kleinen, aber trefflich gelungenen Versuchs in Novellenform; die Sage von der Entstehung des kunstvoll geschnitzten Hochaltars im Dome zu Altbreisach, welche bei einem gelegentlichen Besuch der Kirche vom Küster ihr vorgetragen wurde, bildet das Skelet ihrer im „Bazar“ erschienenen anmuthigen Erzählung „Höher als die Kirche“. Endlich haben wir dem Verzeichniß ihrer Werke noch zwei dramatische Bluetten, „Guten Abend“ und „Der Autographensammler“ einzureihen, welche, eigentlich als Gelegenheitsdichtungen entstanden, doch ihren Weg über die deutsche Bühne gemacht und – besonders die letztere – überall gute Aufnahme gefunden haben.

Was nun kommen wird? Ich kann es nicht verrathen. Man sagt, daß den gewaltigeren Ausbrüchen der Vulcane eine längere ungewöhnliche Ruhe vorauszugehen pflege; und in der That ist es, wie Gustav Freytag treffend von ihr sagt, ein edles Metall, welches der Schooß ihres Geistes birgt, aber ein schwerflüssiges, das nur eine anhaltende Gluth zum Schmelzen bringt. Einen dringenden Wunsch gebe ich meiner Freundin für die neue Arbeit auf den Weg, daß es ihr einmal vergönnt sein möge, in concentrirter Sammlung des Geistes, unbeirrt durch innere und äußere Störungen in der Freude am Schaffen, ein Werk zu vollenden, was bisher nicht der Fall war. Im besten Fluß der Arbeit am „Arzt der Seele“ traf sie mit lange anhaltenden Nachwehen der jähe Schicksalsschlag, der ihr in wenigen Tagen nach einander Mutter und Vater raubte. In der Ausarbeitung des Romans „Aus eigener Kraft“, welche sie sich selbst durch nachträgliche Modificationen des Planes und Ganges erschwerte, wurde sie nicht allein durch die heftigste Steigerung ihrer nervösen Kopfschmerzen, sondern auch durch eine acute Erkrankung an Masern wiederholt unterbrochen und mußte dann, von den Setzern gehetzt, ihr Werk in einer Hast vollenden, welche der künstlerischen Abrundung nicht förderlich sein konnte.

Eine kritische Beleuchtung der Werke von Frau v. Hillern liegt außerhalb der Grenzen meiner Aufgabe, welche sich allein auf die Person der Dichterin bezieht. Darum zum Schluß, nachdem ich diese in ihrer Entwickelung geschildert, noch mit wenigen Strichen eine Skizze der fertigen Persönlichkeit, wie sie heute leibt und lebt.

Wilhelmine v. Hillern ist ein so ungemein reich und vielseitig angelegtes Naturell, daß ihre Erscheinung keine einförmige sein kann, vielmehr nothwendig kaleidoskopartige Mannigfaltigkeit zeigen muß. Scharfe Beobachtungs- und Auffassungsgabe, prompte Urtheilskraft, ein klares Denkvermögen von außerordentlicher Agilität, wie Quecksilber auf den leisesten Impuls reagirend, eine leichtentzündliche Phantasie, eine Willenskraft, welche, aus dem Alltagsschlummer gerüttelt, zur höchsten Energie sich steigern kann, dazu ein durchaus edles reines Gemüth von ungemeiner Eindrucksfähigkeit, hochaufwallend in allen Affecten, endlich eine Reihe angeborener und anerzogener Eigenthümlichkeiten, ebensowohl ein reger Sinn für das Schöne in jeder Sphäre als eine Vorliebe für Glanz und Pracht, überhaupt ein großer Hang zum Extremen, ebensowohl unersättliche Wißbegierde als eine kleine Dosis Aberglauben, ebensowohl ein warmes Gerechtigkeitsgefühl als ein reizbarer Widerspruchsgeist, lebendiger Formensinn, aber keine Spur von Zeitsinn, das sind die charakteristischen Ingredientien, die sich alle unter der Dampfspannung eines leidenschaftlichen Temperaments an die Oberfläche drängen. Kein Wunder, wenn dieselbe sich mannigfach und reich an Contrasten gestaltet. Heute ein lustiger Waldbach, der in tollen Wirbeln dahinfließt, an jedem Stein in regenbogenschimmernden Schaum zerstiebend, morgen ein stiller Bergsee, in dessen sonniger Tiefe organisches Leben üppig gedeiht; heute mit allen Insignien geschmückt als Fürstin des Salons, seine äußersten Anforderungen streng befriedigend, morgen am Schreibtisch in intensive Geistesarbeit versunken; heute hoch zu Roß als kühne übermüthige Reiterin, morgen in philiströser Emsigkeit an der Nähmaschine; heute in pikantem Wortgefecht über Theater, Politik oder Mode, morgen in ernster, von penetrirendem Verständniß geleiteter Discussion über ein Thema der Physiologie oder Psychologie; heute in kindlicher Naivetät sich in die Interessen ihres Hundelieblings vertiefend, morgen die liebevollste sorgsamste Mutter am Arbeitstisch oder am Krankenbett ihrer Kinder; heute himmelhoch jauchzend, morgen zu Tode betrübt; heute „Ernestine“, morgen „Anna“: dies ist Wilhelmine v. Hillern in einigen ausgewählten Phasen ihrer äußeren Erscheinung, in ihrem ganzen Wesen aber ist sie eine wahrhaft geniale, edle, liebenswürdige Frau.

Werden Sie sich wiedererkennen, meine liebe Freundin, wenn Sie dieses Ihr Bild in meinem Spiegel erblicken, und werden Sie davon befriedigt sein? Wer weiß? Das aber weiß ich gewiß, daß es aus wahrhaftigster Ueberzeugung heraus gezeichnet ist.




Das Gründungsfieber der Jetztzeit.


Skizze für die guten lieben – Actionäre.


Von einem Eingeweihten.


Die fünf Milliarden Franken Kriegsentschädigung, welche kleine Summe die Herren Franzosen gerechter Weise dem deutschen Reiche zahlen müssen, haben einigen seiner braven Bürger den Kopf etwas verdreht, sie haben sich ausgedacht, wie auch sie einen financiellen Privatkrieg mit dem leichtgläubigen Publicum führen und, ohne gesetzlich zur Rechenschaft gezogen zu werden, sich große Summen als Kriegsentschädigung annectiren könnten. Fußend auf dem Patentgesetz, wonach der Patentinhaber sich für seine Erfindung zahlen lassen kann, was er will, erfinden sie irgend eine Eisenbahn, eine Bank oder ein industrielles Unternehmen, gründen darauf eine Actiengesellschaft und lassen sich tüchtigen Gründerlohn zahlen, gleichviel ob die Sache Aussicht auf Erfolg und Rente hat oder nicht.

Diesem Schwindel ist bisher nicht gesetzlich beizukommen gewesen, die Formen, in denen er sich bewegt, sind nicht verboten; es ist also Sache der Presse, das Publicum vor den Verlusten zu warnen, denen es sich aussetzt, wenn es den Gründern fauler Unternehmungen sein Geld anvertraut. Wir wollen versuchen, unseren Lesern eine Einsicht in die Geheimnisse der Gründungen zu geben, was am besten dadurch geschieht, daß wir ihnen einige derartige Gründungsgeschichten erzählen.

Der Bürgermeister von Giebstadt wünscht sich eine Eisenbahn. [593] Warum sollte er das nicht? Er bespricht die Sache mit einigen Rittergutsbesitzern der Umgegend, lauter braven Leuten, denen man es nicht verdenken kann, wenn sie zur besseren Verwerthung ihrer landwirthschaftlichen Erzeugnisse sich auch eine Eisenbahn wünschen. Die Herren vereinigen sich zu einem provisorischen Eisenbahncomité zur Erbauung einer directen Eisenbahn von Giebstadt nach Nimmdorf.

„Wie können wir die Geldmittel dazu beschaffen?“ ist die nächste Frage, welche in der ersten Sitzung des provisorischen Eisenbahncomités aufgeworfen wird. Der Herr Bürgermeister erinnert sich in einer Zeitung von der Begründung einer Eisenbahnbaugesellschaft in der Stadt mit einem Capitale von X Millionen Thaler gelesen zu haben; diese Millionen könnten vielleicht die directe Linie Giebstadt–Nimmdorf bauen helfen. Man nimmt eine Landkarte her, bezeichnet auf derselben mit einem Bleistiftstriche die Linie Giebstadt–Nimmdorf und beschließt eine Deputation nach der Stadt zu entsenden, um mit der Eisenbahnbaugesellschaft über die Sache zu verhandeln. Nach diesem entscheidenden Beschlusse wird auch das materielle Wohlsein berücksichtigt, man dinirt und das provisorische Comité trinkt einige Bullen Sect auf den glücklichen Erfolg seiner Bemühungen.

Die Deputation, der Herr Bürgermeister von Giebstadt an ihrer Spitze, geht ab. Der Herr Director der Baugesellschaft empfängt die Herren auf’s Freundlichste, besieht sich den Bleistiftstrich auf der Landkarte und macht den Herren bemerklich, daß es zunächst wohl einer Begehung der Linie und einiger wenigen technischen Vorarbeiten bedürfen würde, um sich über die Trace und das erforderliche Baucapital zu orientiren. Er erklärt sich mit Vergnügen bereit, dieses Geschäft durch die Ingenieure seiner Gesellschaft besorgen zu lassen, die sich hiernach über die Ausführbarkeit der Bahn und das hierzu erforderliche Baucapital aussprechen werde. Der Herr Bürgermeister kehrt nun mit seiner Deputation nach Giebstadt zurück und berichtet dem provisorischen Eisenbahncomité die außerordentlich glücklichen Erfolge ihrer Sendung.

Sehr bald auch erscheinen die Herren Ingenieure, denen Giebstadt und Umgegend den freundlichsten Empfang bereitet. Man steckt ab, nivellirt und projectirt, findet aber natürlich, daß die Linie auf dem wirklichen Terrain nicht so gerade gebaut werden kann, wie der Bleistiftstrich auf der Landkarte sie vorschreibt, und gelangt schließlich zu dem Resultate, daß die Bahn sechs Meilen lang wird und mit 200,000 Thaler pro Meile hergestellt werden kann.

Diese Ziffer wird von den Ingenieuren natürlich nicht dem provisorischen Comité, sondern der Eisenbahnbaugesellschaft in der Stadt mitgetheilt, und die Direction derselben entwirft hiernach für sich folgenden Bauanschlag:

6 Meilen Bahn Unter-, Ober- und Hochbau nebst Ausrüstung
  à 200,000 Thaler 1,200,000 Thaler,
Betriebsmittel 80,000 Thaler pro Meile    0,480,000 Th
also wirklicher Bedarf 1,680,000 Thaler.
Hierzu Gewinn für die Baugesellschaft  
  circa 20 Procent 0,320,000 Th
50 Procent Coursverlust auf die eine  
  Million Stammactien, die man nur  
  zu 50 rechnen kann 0,500,000 Th
25 Procent Coursverlust auf die zwei  
  Millionen Stamm-Prioritäts-Actien,  
  welche mit 75 anzunehmen sind 0,500,000 Th
Es ist daher ein Nominal-Baucapital zu  
  beschaffen von 3,000,000 Thaler.

Hierauf gründet die Baugesellschaft die Berechnung, welche sie dem provisorischen Comité vorlegt. Sie erbietet sich, die directe Linie von Giebstadt nach Nimmdorf, Unterbau, Oberbau, Hochbau und Ausrüstung der

6 Meilen mit 350,000 Thaler pro Meile  
50 zu übernehmen, dies ergiebt 2,100,000 Thaler,
auch die Betriebsmittel der Linie, Personen-  
  und Güterwagen, Lowry und  
  Locomotiven, mit 150,000 Thaler  
  pro Meile, ergiebt 0,900,000 Th
also im Ganzen für 3,000,000 Thaler

die Bahn betriebsfähig herzustellen.

Gleichzeitig erbietet sich die Gesellschaft, die Geldbeschaffung zu besorgen, und zwar:

eine Million Stammactien selbst pari zu zeichnen und die erforderlichen ersten 40 Procent einzuzahlen;
zwei Millionen Stamm-Prioritäts-Actien durch ein Consortium (eine Verbindung von Banken und Geschäftshäusern) zum Course von 75 zu placiren, auch den entstehenden Coursverlust zu tragen.

Das provisorische Eisenbahncomité in Giebstadt ist bei Empfang dieser Mittheilungen ebenso überrascht als erfreut, die Eisenbahn, die Betriebsmittel und das Baucapital fix und fertig vor sich zu sehen, beschließt, diese Offerte anzunehmen und sich wegen der Concessionsertheilung sofort an die hohe Staatsregierung zu wenden.

Der Herr Bürgermeister entwirft eine Eingabe, in der er die industriellen Bestrebungen der Stadt und Umgegend lebhaft schildert, denen nur noch eine Eisenbahnverbindung mit dem großen internationalen Eisenbahnnetze fehlt, um sich zu seltener Blüthe zu entwickeln. Das wichtige Glied in der großen Kette der Eisenbahnen von Giebstadt nach Nimmdorf ist tracirt, veranschlagt und so weit vorbereitet, daß es nur noch hoher Genehmigung bedarf, um ausgeführt zu werden und über die betreffenden Ortschaften das Füllhorn des Kohlen-, Getreide-, Salz- und sonstigen Verkehrs segenbringend zu entleeren.

Die Grundrisse und Höhenprofile liegen der Eingabe bei, die Beschaffung des Baucapitals wird dadurch nachgewiesen, daß die Baugesellschaft die eine Million Stammactien gezeichnet hat und zur Uebernahme der Stammprioritätsactien sich ein Consortium bereit erklärt, die Staatsregierung findet daher keine Veranlassung, der Bahn Concession zu verweigern, und ertheilt sie mit Vorbehalt der üblichen Formalitäten in Bezug auf Caution, Zeit der Ausführung und Uebernahme, indem sie gleichzeitig die Statuten genehmigt. Das vorläufige Eisenbahncomité constituirt sich hiernach zum Verwaltungsrathe und sucht eine Bankverbindung, welche die Güte haben soll, gegen angemessene Provision das viele Geld, welches aus den Einzahlungen demnächst mobil werden wird, in Depôt zu nehmen, denn es giebt ja in Giebstadt nicht hinreichende feuerfeste Schränke, um solche Summen zu verwahren.

Die Baugesellschaft empfiehlt hierzu eine ihr bereits befreundete Bank, der Verwaltungsrath ist damit einverstanden und auch damit, daß die Baugesellschaft die erste Einzahlung von vierzig Procent auf die von ihr gezeichnete Million Stammactien bei dieser Bank leiste. Er erhält sehr bald die Anzeige der Bank, daß diese Einzahlung geleistet sei, und gleichzeitig die Mittheilung, daß dieselbe Bank die Geschäfte des Consortiums besorge, welches die zwei Millionen Prioritätsstammactien der neuen Bahn zum Course von 75 übernehmen werde.

Der Verwaltungsrath genehmigt das Geschäft und constituirt hiernach die Gesellschaft, indem er drei verantwortliche Directoren zur statutenmäßigen Leitung des Unternehmens ernennt.

Das Consortium, an dessen Spitze die Bank steht, will natürlich die übernommenen zwei Millionen Stammprioritätsactien nicht für sich behalten, es entwirft daher ein höchst ansprechendes Programm, in welchem die Rentabilität der Giebstadt–Nimmdorfer Bahn auf das Vortheilhafteste geschildert wird, und legt die mit 75 übernommenen Stammprioritätsactien, was natürlich nicht gesagt wird, mit 85 zur Subscription auf; der Andrang des Publicums ist groß, die Summe wird überzeichnet und das Consortium hat einen Gewinn von 200,000 Thlrn. realisirt, den es unter die Betheiligten vertheilt. – Nun schreibt der Verwaltungsrath die erste statutenmäßige Generalversammlung in Giebstadt aus.

Die Baugesellschaft, welche die eine Million Stammactien noch besitzt, bildet in der Hauptsache, in Gemeinschaft mit dem Verwaltungsrathe, den Kern dieser Generalversammlung, die Stammprioritätsactien, welche in der Stadt gezeichnet sind, werden schwach vertreten, weil deren Inhaber die Reise nach Giebstadt scheuen. Die bisherigen Mitglieder des Verwaltungsrathes werden daher fast einstimmig wiedergewählt.

Noch bleibt uns zu berichten, was die Baugesellschaft mit ihrer zum Nennwerthe gezeichneten, aber mit 50 Procent angenommenen Million Stammactien macht, denn sie will auch sie natürlich nicht behalten. Da sie die Erdarbeiten und Kunstbauten [594] der Linie an kleinere Bauunternehmer vergiebt, die Schienen, Schwellen und Betriebsmittel mit größeren Instituten und Lieferanten contrahirt, so giebt es Gelegenheit, beim Fälligwerden der Beträge die Actien zu placiren. Es werden die Contracte gegen Zahlung von etwa zwei Drittel in baarem Gelde und ein Drittel in Stammactien geschlossen und diese Letzteren dabei zum Course von 60 angerechnet.

Dies ergiebt auf die Million, die man zu fünfzig angenommen hat, den kleinen Nutzen von 100,000 Thalern, den man ja unbedenklich noch machen kann. Nun, lieber Actionär, hast Du eine Einsicht in die jetzige Methode, eine Eisenbahn zu gründen: das Nominalbaucapital der Linie Giebstadt–Nimmdorf beträgt 3,000,000 Thaler, von denen in Wirklichkeit 1,680,000 Thaler auf den Bau verwendet, der Rest aber in Gründer- und Baugewinnen oder Coursverlusten verloren ist. Der durchschnittliche wirklich aufgewendete Betrag ist also 56 Thaler per Actie von 100 Thalern, Du hast allerdings für die Stammprioritätsactien auch nur 85 gegeben.

Die Gründung einer Bank ist weniger weitläufig, wesentlich rascher durchzuführen und daher auch kürzer zu erzählen.

Eine Gesellschaft Gründer sucht nach einem bereits bestehenden flotten Bankgeschäft, um dasselbe zu kaufen. Zwei junge thätige Leute führen ein solches mit Erfolg, sie haben während ihrer Geschäftsperiode ihr ursprünglich kleines Vermögen durch Thätigkeit und Umsicht auf 200,000 Thaler vermehrt und können dieses Capital durch ihren letzten Bücherabschluß nachweisen.

Die Gründer schlagen ihnen vor, das Geschäft, wie es steht und liegt, für 300,000 Thaler zu kaufen, sie selbst zu Directoren der neuen Wechsel- und Depositenbank mit einem jährlichen festen Gehalt von 10,000 Thaler für Jeden zu wählen und ihnen nach Entwerfung eines Statuts, wie es jede Actiengesellschaft haben muß, einen Aufsichtsrath zu geben, der sich ja nur wenig um die Geschäftsführung zu kümmern haben wird.

Diese höchst entsprechende Offerte nehmen die Inhaber des Geschäfts natürlich an.

Man findet erforderlich, das Geschäftscapital zu vermehren, und läßt daher eine Million Wechsel- und Depositenbankactien drucken. Das Statut wird entworfen, die Bank in’s Handelsregister eingetragen und die Actien sind nun verkäuflich. Es giebt zwei Methoden, sie los zu werden.

Entweder man legt sie zum Course von 110 zur öffentlichen Subscription auf, oder es heißt, daß sie bereits sämmtlich gezeichnet sind, und man führt sie unter gehöriger Anpreisung an einem bestimmten Tage an der Börse zum Course von 110 ein. Dabei wird den Großabnehmern auch wohl ein Viertel Procent Provision vergütet. Ein beauftragtes Bankhaus besorgt den Verkauf für das Gründerconsortium.

Von dem Erlös, der also 1,100,000 Thaler beträgt, fallen 100,000 Thaler in die Taschen der Gründer, 300,000 Thaler erhalten die früheren Geschäftsinhaber. Insofern ihr Geschäftscapital aber nur 200,000 Thaler Bilanzwerth hat, wird dem Abschlusse eine Buchung hinzugefügt. Man bucht den imaginären Werth des Geschäfts als ein Activum von 100,000 Thalern und stellt damit das Stammcapital der 1,000,000 Thaler her.

Der Actionär, welcher eine Actie mit 110 gezeichnet oder gekauft hat, giebt davon also 10 Thaler an die Gründer und 10 Thaler an die früheren Inhaber des Geschäfts ab, seine Actie hat mithin factisch noch den Werth von 90 Thalern. Vielleicht macht aber die Wechsel- und Depositenbank gute Geschäfte.

Erzählen wir nun unsern Lesern auch noch die Geschichte der Gründung eines industriellen Unternehmens.

Die Gründergesellschaft sucht ein solches zu kaufen, gleichviel ob Tuchfabrik, Maschinenbauanstalt, Eisenwerk oder sonst etwas, nur käuflich muß es und in der Geschäftswelt bekannt sein. Es findet sich eine Maschinenbauanstalt, welche für 1,500,000 Thlr. feil ist. Der Besitzer, der seinen Grund, seine Gebäude und seine Maschinen hübsch hoch taxirt hat, verpflichtet sich, die Anstalt, wie sie steht und liegt, und zwar inclusive des Gewinnes, der im laufenden Jahre bereits gemacht ist, für jene Summe an die Gründer abzutreten. Weiter erklärt er sich bereit, seine bekannte Umsicht und Thätigkeit noch so lange der Anstalt zu widmen, als erforderlich sein wird, einen tüchtigen technischen Director zu gewinnen, und endlich nimmt er es in den Kauf, die Dividende des laufenden Jahres mit fünfzehn Procent zu garantiren. Unter Vorbehalt der technischen Untersuchung der Anstalt und Taxation der Immobilien und Mobilien durch Sachverständige, wird das Geschäft abgeschlossen.

Die Commission der Sachverständigen, unterstützt von einigen der Herren Gründer, erscheint und findet zu ihrem Erstaunen die Taxe der Mobilien und Immobilien wesentlich unter dem Werthe, den man einer Actiengesellschaft dafür ansetzen kann. Die Taxen werden hier um 50-, dort um 100,000 Thlr., schließlich um 500,000 Thlr. im Ganzen erhöht, außerdem der Anstalt ein Betriebscapital von 500,000 Thlr. gegeben und sonach die Actiengesellschaft mit 2,500,000 Thlr. Stammcapital in’s Leben gerufen. Davon erhält der frühere Besitzer seinen Kaufpreis von 1,500,000 Thlr. und hat, trotz der für’s erste Jahr garantirten Dividende, ein gutes Geschäft gemacht; die Gründer sind auch zufrieden, denn sie haben 500,000 Thlr. verdient. Und der Actionär? Dieser hat die sichere Aussicht auf die vom früheren Besitzer für das laufende Jahr garantirte Dividende von fünfzehn Procent.

Berlin.

B.




Ein Orangenzweig.


Von A. Godin.


(Fortsetzung.)


Es war nicht Jubel, aber doch war es energische Zuversicht, die in Triefels’ Tone vibrirte, als er weiter sprach: „Dank für Ihr Verstummen – ich hoffe, ich athme wieder! – Liebe hat noch immer verziehen, selbst die bitterste Kränkung! Fordern Sie Zeit, das verletzte Gefühl schonend zu heilen, fordern Sie jede Genugthuung von mir, nur – lassen Sie mir Hoffnung, Eugenie!“

Ihre Hand sank langsam herab, blaß stand sie vor ihm, die zarte Brust hob sich in heftigem Kampfe; als sie aber endlich sprach, klang ihre Stimme hell und voll wie Glockenton:

„Es wäre meiner nicht würdig, die Wahrheit zu verleugnen – ich nehme nicht zurück, was ich gestern so unselig ausgesprochen. Aber wenn auch das frevle Spiel wirklich uns Beiden zum schweren Ernst geworden – es trennt nicht minder! Hier gilt es nicht, eine Kränkung zu vergeben, es gilt die innerste Existenz! Nicht Freundschaft, nicht Liebe ist fortan möglich zwischen uns Beiden! Man kann in einem nächsten Verhältnisse anderer Meinung sein – nicht anderer Gesinnung! Vertrauen läßt sich nur säen, nicht künstlich in die Seele pflanzen, es keimt und steht da – und wird es gebrochen, so ist Unersetzliches dahin. – – Leben Sie wohl!“

Triefels stand in sich gekehrt. Wie Schatten über eine Landschaft fallen, wenn die Sonne verschwindet, fiel plötzlich die Erkenntniß eines Unüberwindlichen auf seine Zuversicht. Er sah, wie zwei Thränen sich aus den großen, tiefen Augen lösten und auf ihre feingeformte Hand niederfielen, er sah diese Hand gegen das Herz gepreßt, dessen heftiges Schlagen durch das Gewand zu dringen schien – und dennoch kam ihm kein Gedanke an Hoffnung mehr. Wie aus schwerem Traume heraus wiederholte er ihr letztes Wort: „Leben Sie wohl!“ und wandte sich dann, um von ihr zu gehen. An der Thür des Gemachs blickte er noch einmal zurück. Eugenie stand wie leblos, nicht ein Hauch schien sich in ihr zu regen. Er eilte zu ihr hin, ein letztes Wort schwebte auf seinen Lippen. Es blieb ungesprochen. Nur einmal noch sah er in ihre Augen, zog aus der blumengefüllten Schale, welche auf dem Tische stand, einen Orangenzweig, drückte ihn an die stumme Lippe und verschwand.


[595]
Der Donner grollt.


Seit langen Wochen hing unablässige Sonnengluth über der verschmachtenden Erde; Wiesbadens vulcanischer Boden schien unter jedem Tritte der darüber Hineilenden zu erglühen. Noch sengendere Schwüle lag aber auf allen Geistern. Es war im Juli 1870, und die aus Ems, Paris und Berlin kommenden Nachrichten fielen Schlag auf Schlag, gleich zündenden Blitzen; – des Kriegsgottes drohende Fackel flammte immer näher! An dem vielbesuchten Badeorte, wo alle Nationalitäten in buntester Mischung mit einander verkehren, alle öffentlichen, wie Privatnachrichten gleichsam in einen Brennpunkt zusammenschießen, trieben die steigenden Wogen der Erregung wunderliche Schaumgebilde auf. Während die Einen bereits ihr Reisebündel schnürten, wurden sie von Andern als kindisch furchtsam bespöttelt. In den heiteren Weltfrieden geselligen Einverständnisses einer feingebildeten internationalen Gesellschaft zuckten schon falbe Lichter hinein, welche dem Verkehr derselben einen veränderten Charakter aufdrängten und ahnen ließen, daß sie naher Auflösung entgegengehe. Doch schien es, als sollten die Friedensgläubigen Recht behalten, denn die Nachricht von der Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern hatte die hochgehenden Wogen aufgeregter Spannung besänftigt. Allerdings liefen fast zu gleicher Zeit aus Paris, aus Hannover Privatbriefe ein, die dem rasch geweckten Sicherheitsgefühl scharf widersprachen und schnelle Verbreitung fanden, denn jede Correspondenznachricht wurde in jenen Tagen sofort Gemeingut. Noch ließen aber die Sanguiniker die weiße Friedensfahne lustig flattern.

Der Nachmittag rückte vor. Ein schweres Gewitter hatte vor einigen Stunden die Hitze des Tages wohlthuend gemäßigt und die lechzende Vegetation erfrischt. Eugenie Wallmoden saß auf dem Balcon des Wohnzimmers und athmete mit Genuß den köstlichen Waldesduft ein, der nach kurzem Regenschauer aus dem nahen Parke emporstieg. Die leichte Handarbeit, mit der sie beschäftigt gewesen, ruhte in der müßigen Hand auf dem Schooße; sie sah den Vögeln zu, die, ihre feuchten Federchen schüttelnd, von Zweig zu Zweig hüpften und den warm hervorbrechenden Sonnenstrahl anäugelten. Ein ruhiges Lächeln spielte um ihre selbst im Schweigen stets beredsamen Lippen, und sie war in Schauen und Sinnen so vertieft, daß sie das Hinzutreten ihres Vaters nicht eher bemerkte, bis er ihren Namen nannte. Freundlich umblickend, nahm sie den versiegelten Brief entgegen, welchen er ihr reichte; ihr Blick schweifte von den fremden Schriftzügen der Adresse fragend zu seinen Augen empor.

Der Staatsrath lächelte in seiner ernsten Weise. „Von Hochstetter,“ sagte er, nicht ohne Nachdruck; „der Brief an Dich war einigen an mich gerichteten Zeilen mit der Bitte beigeschlossen, ihn Dir zuzustellen.“

Ihr heiteres Auge bewölkte sich; sie ließ die Hand, welche eben das Siegel erbrochen, mit dem Briefe sinken, während sie mit der Rechten den Arm des Vaters berührte, um ihn neben sich zurückzuhalten. „Das thut mir leid,“ sagte sie gedämpft; „wie konnte es nur wieder so weit kommen? – ich habe ihm keine Berechtigung gegeben, das weißt Du, Vater.“

„Keine bestimmte Berechtigung, Dein Ja zu erwarten, liebes Kind, aber wenn eine so ausgezeichnete Persönlichkeit wie Hochstetter als Bewerber auftritt, darf sie auf Berücksichtigung hoffen, wo Hand und Herz als frei gelten.“

„Verstehe ich Dich recht, lieber Vater, – wünschest Du diesen Bewerber berücksichtigt zu sehen?“

Wallmoden ließ sich neben seiner Tochter nieder, stützte den Arm auf die Lehne ihres Stuhles und sagte herzlich: „Ja! – ich kenne kaum einen besseren Mann, sein Charakter, seine Verhältnisse bieten jede Bürgschaft, und er liebt Dich, weiß Dich zu schätzen. Hast Du Vertrauen, Neigung genug, die Seine zu werden, so würde ich Deiner Zukunft beruhigt, ja beglückt entgegensehen.“

Eugenie senkte die Stirn gegen ihre Hand und beschattete so die leicht erblaßte Wange. Tief versunken schwieg sie lange; als sie endlich aufblickte, war der Strahl ihres Auges sanft, aber fest. „Gern möchte ich Dir Freude machen,“ sagte sie innig, „aber, lieber Vater, ich kann nicht. Laß mich bei Dir bleiben! An Deiner Seite bin ich zufrieden, Fremdes erschreckt mich, und es würde mich nicht glücklicher machen, wenn ich von Dir ginge.“

Ein schwerer Blick begegnete ihrem klaren. „Ich aber werde von Dir gehen, mein Kind, früher oder später, dann bist Du allein! – so lange man jung ist, weiß man nicht, was dies Wort bedeutet. Fern liegt mir der Gedanke, je Deinen freien Entschluß beschränken, Dich vorwärts drängen zu wollen, aber ich leugne nicht, daß es mich schmerzt, mein einziges Kind durch’s Leben gehen zu sehen, ohne Glück zu geben und zu empfangen, und Das nur – weil gedankenloser Frevel die Blüthe des Menschenvertrauens gebrochen, nur – weil jener –“

Eugeniens Wangen wurden wie Schnee; schwerathmend unterbrach sie ihn: „Nicht weiter, Vater, nicht weiter! Du hattest mir versprochen, den Namen nie wieder zu nennen –“

„Jahre sind vergangen – wozu noch heute solche Reizbarkeit, die mich schon öfters, und nicht wohlthuend berührte; Alles muß einmal überwunden werden und abgethan sein. Solche Unversöhnlichkeit des Gedankens gleicht Dir nicht, ist – nicht weiblich, Eugenie. Und überdies, so berechtigt dieser Erfahrung gegenüber strenges Urtheil war, bleibt es dennoch fragwürdig, ob Verurtheilung unbedingt gerecht ist.“

„Du redest ihm das Wort?!“ rief sie mit erglühendem Angesicht.

„Unmöglich kannst Du mich mißverstehen,“ sagte der Staatsrath gemessen; „das, was vorgefallen, läßt nur eine Auffassung zu. Wohl aber habe ich seitdem die Ueberzeugung gewonnen, daß es wenigstens nicht dem Sumpfe eines vergifteten Charakters entsproßte. Ich spreche nicht davon, daß wir Beweise geübter Discretion erhalten haben – das ist eine Cavaliertugend, die selbst der Erbärmlichkeit anerzogen werden kann. Aber ich habe den Lebensgang dieses Mannes verfolgt; mir stehen dazu Verbindungen genug zu Gebote. Wer so in das innerste Leben einer Familie eingegriffen, darin solche Spuren zurückgelassen hat, wie Deine Abneigung vor jeder Werbung, auch der besten Männer – den verliert das Haupt der Familie nicht wieder aus den Augen. Es giebt Züge in seinem Charakter, die mir Achtung abgewonnen haben. Und wäre es nur das Eine – daß er auf Gefahr seiner Zukunft hin dem großen Lügner in Paris die Stirn der Wahrheit gezeigt.“

„Wovon sprichst Du?“ fragte Eugenie aufmerksam.

„Ja so, Du weißt nicht. Nun, Rittmeister Triefels wurde im Winter, nachdem er sich hier gezeigt, als militärischer Attaché unserer Pariser Gesandtschaft beigegeben. Die Wahl mag keine glückliche gewesen sein, denn zum Diplomaten scheint der junge Mann geringes Talent zu besitzen. Es heißt, daß er mit Liebhaberei geschichtliche Studien betreibt; das veranlaßte denn wohl den kaiserlichen Historiker, der sich so glücklich einen Parvenu nennt, den Attaché der um Schwert und Feder beneideten Macht heranzuziehen und als Quelle auszubeuten – man weiß, wie Persönlichkeiten dort aus- und abgenutzt werden! Plötzlich kam es zu einer Collision – welcher Art sie gewesen, erfuhr man nicht in außerofficiellen Kreisen – Triefels wurde nach Berlin zurückcommandirt, man sprach von Ungnade, von Versetzung in ein Linienregiment der Provinz. Von alledem geschah übrigens Nichts, er blieb nach wie vor in der Garde. Achtung aber dem Manne, der sich in den großen Fragen der Menschheit und der Geschichte nicht mit diesem Gleißner einigen konnte, von dem die eigene Mutter gesagt: ‚Wenn er schweigt, so conspirirt er, wenn er spricht, so lügt er.‘“

Eugenie blickte mit den sinnenden Augen voll Ernst in des Vaters energisch belebtes Gesicht. „Du sprachst nie hiervon,“ sagte sie.

„Wie ich überhaupt nie von ihm gesprochen, wie ich es auch heute nicht so eingehend gethan haben würde, hätte mich Dein Auflodern vorhin nicht dazu veranlaßt. In alten Wunden zu wühlen, ist Thorheit und Schwäche; brennen sie jedoch unerwartet lange fort, so thut Balsam Noth. Erlittenes Unrecht verwindet sich leichter, wo man den Beleidiger achten kann. Meine Tochter wird niemals klein denken.“

Er war, während er die letzten Worte sprach, in das Zimmer zurückgetreten und wanderte dort, die Hände auf dem Rücken ineinandergeschlungen, auf und nieder. Eugenie lehnte unbeweglich am Gitter des Balcons, ihr Auge wurzelte im Laube der nahen Linde, das sich trotz der Windstille sichtlicher bewegte, als ihr leiser Athemzug. Das Schweigen, welches Vater und Tochter gedankenreich befangen hielt, wurde aber bald und geräuschvoll unterbrochen, denn nach hastigem, schallendem Klopfen schoß plötzlich die kleine Gestalt des Regierungsrathes Gotter mitten in’s [596] Zimmer. Sein bewegliches Gesicht war stark geröthet, alle Löckchen seines Haarwaldes schienen doppelt so kraus wie sonst, und die ruhelosen Augen glimmten wie Kohlen, als er stürmisch rief: „Wissen Sie schon, Wallmoden?“

„Was?“ fragte der Staatsrath zerstreut.

„Sie wissen also Nichts – Nichts?!“ rief Gotter sprudelnd vor Aufregung. „Die große Frage ist entschieden – der Sturm ist herauf! Es giebt Krieg!“

„Also in Wahrheit –“ sagte Wallmoden, indem er mit finsterm Blick vor dem Freunde stehen blieb; „dachte ich’s doch! Das Gelüste, die beneidete Nation ganz Europa als gehorsamen Vasallen vorzuführen, ward zu hoffärtig gezeigt, als daß sich nicht ein zweiter Vorwand vom Zaune brechen ließe, nachdem der erste mit Würde beseitigt worden. Was ist geschehen?“

„Das errathen Sie nimmermehr! Benedetti hat die Unverschämtheit so weit getrieben, dem Könige die schmählichsten Zumuthungen auszusprechen! hat frech die Zusage begehrt, daß in aller Zukunft kein Hohenzoller den spanischen Thron besteigen dürfe – und, was das Tollste ist, ein Entschuldigungsschreiben an Napoleon über die ganze Candidatur gefordert!!“

„Und der König?“ fiel Wallmoden mit gespanntem Blicke ein.

Unser König hat sein Hausrecht gebraucht!“ rief Gotter mit starkem Nachdruck, „und als der Unverschämte wiederkam, fand er die Thür verboten. Jetzt gilt es! Morgen schon reist König Wilhelm nach Berlin, die Kriegserklärung wird nicht auf sich warten lassen, die Mobilmachung ebensowenig! Es gilt Unabhängigkeit und Ehre – es gilt die höchsten irdischen Güter – wer ein deutsches Herz hat, muß und wird zu Preußen stehen!“

Der Staatsrath ging mit weiten Schritten auf und nieder. „Was wird der Süden thun?“ drang es aus der Tiefe seiner Brust hervor.

„Und kann das noch eine Frage sein?“ schnitt ihm der Freund das Wort ab, während jedes Glied seines Leibes mitzudemonstriren schien. „Wenn vor solchem Moment nicht Hader und Mißvergnügen, jeder Parteigroll weggeblasen wird wie Spreu, dann wäre das ganze Dasein wahrlich keinen Strohhalm werth. Wallmoden! wir sind zusammen jung gewesen – sind wir so alt geworden, daß der höchste Gedanke unserer jungen Jahre heute, wo Verwirklichung vor uns steht, daß der Gedanke an deutsche Einheit uns leerer Wahn erscheinen könnte? Nein, unser Volk wird die große Probe bestehen, in Süd und Nord läßt sich nur Eins fühlen: – heiligster Zorn gegen den anmaßenden Fremden, männlicher Entschluß, vereint voranzugehen! Ich frage Sie auf Ihr Gewissen, alter Freund: kann Sehnsucht nach dem Alten, kann Aerger über Neues Ihnen verdrängen, in diesem Augenblicke noch verdrängen, daß Sie ein deutscher Mann und und daß in der beleidigten Majestät des deutschen Königs unser Aller Ehre geschädigt und bedroht ist?“

Wallmoden erfaßte Gotter’s Hand mit festem Druck. „Walte Gott!“ entgegnete er mit starker Stimme. „Vielleicht ist es in seinem Rathe beschlossen, daß ein Lügner zu Stande bringt, woran sich manch großes Herz ohne Erfolg verblutet. Gewaltige Ereignisse machen aus allen Zwischenscenen den Staub ihres Weges – das bleibt ewig wahr! Jetzt gilt es, seine Pflicht thun!“

Sein ernster Blick streifte Eugenie, welche den gleich Blitzen aufeinanderfolgenden Worten der Männer in stummer Erregung gefolgt war. Sie brach in Thränen aus und warf sich an seine Brust.




Mobil!


Die Panik unter den Fremden wuchs von Tag zu Tage, ja von Stunde zu Stunde mit jedem neueintreffenden Briefe oder Telegramm. Gast- und Badehäuser begannen sich zu leeren und die Coupés der Eisenbahnen zu füllen, während sich die Einheimischen vom Strome der so Gewaltiges im Schooße tragenden Gegenwart nicht weniger stark erfaßt fühlten. In solcher Zeit höchster Spannung ergreift den Einzelnen ein seltsames Bewußtsein: – lebhaft empfindet er den nahen Flügelschlag dunkler, Alles umwühlender Zukunft und muß wartend auf der Stelle bleiben, während die Gedanken so rastlos gestaltend arbeiten, daß er sich bereits fortgerissen erscheint. Jedem zufälligen Pochen an der Thür, jedem momentan unerklärten Laute antwortet der Pulsschlag dieses Bewußtseins: Jetzt! – jetzt gilt es, auch für Dich! Näher drängt man sich an die Seinen, jeder folgende Augenblick erscheint eine verhüllte Pforte, während doch der gegenwärtige in Wahrheit noch alltäglich in seiner Erscheinung ist, wie der vorige gewesen.

Diese Stimmung ließ Eugenie Wallmoden widerstreben, als die Verschönerungspräsidentin gegen Abend des 16. Juli in Begleitung einiger Bekannten an die Thür klopfte, um sie zum Genuß der angenehmen Kühle nach dem Neroberge abzuholen. Es war Eugenie unbehaglich, heute den Vater, das Haus zu verlassen, doch wußte sie dem lebhaften Zureden, das auf sie einstürmte, keinen andern Grund entgegenzuhalten, als Unstimmung, und fand sich endlich, vom Staatsrathe selbst gedrängt, fast willenlos entführt.

Während die kleine Gruppe durch Park und Platanenallee der Trinkhalle zusteuerte, wo sie noch eine befreundete Familie unter den Colonnaden erwartete, empfand Eugenie doch, welche Wohlthat ihr nach mehreren in Abgeschlossenheit verlebten Tagen die köstliche Frische des Sommerabends war. Ihre Wange färbte sich, ihr Schritt wurde elastischer, während sie auf das heitere Geplauder der sie umkreisenden jungen Mädchen einging. Plötzlich glitt aber etwas wie ein Schatten über das ausdrucksvolle Gesicht – es war nur ein momentaner, sogleich verschwindender Zug, der aber trotzdem Jenem, dessen Anblick ihn hervorgerufen, nicht entgangen war.

Lieutenant Eckhardt kam die Geisbergstraße abwärts, den Spaziergängern entgegen, und hatte eben gegrüßt. Fast war es, als zöge wirklich eine lichtverhüllende Wolke dahin, denn auch seine Stirn umschattete sich; zugleich stieg in seinem Auge ein Blitz auf; er hemmte seinen Schritt, hielt eine Secunde an, wandte sich dann zurück und trat mit einem Worte der Begrüßung an die Präsidentin heran, welche den kundigen Regimentsadjutanten sofort mit hundert Zukunftsfragen über Mobilmachung und Waffengeklirr, Zuaven und Turcos in Beschlag nahm. Eckhardt antwortete gefällig, ohne jedoch den Blick von den Mädchengestalten abzuwenden, die während seiner Ansprache vorausgeeilt waren. Die jüngste derselben, eine pikante Brünette, sandte ihre Kirschenaugen mehr als einmal rückwärts nach dem „Interessanten“, und sollte auch bald das Vergnügen genießen, den jungen Officier an ihrer Seite zu sehen.

Die Spaziergänger hatten die Wiesengelände des Dambachthales durchwandert und waren nun den sprossenden Weinbergen entlang bis zum Rande der Waldung gelangt, wo die Vorangeeilten Halt machten, um die Nachkommenden zu erwarten; hier mischten sich die Gruppen und schlugen den schmal aufsteigenden Waldweg einzeln oder paarweise ein. Eugenie blieb einen Augenblick zurück, um ihr Kleid von einem Dornenzweige zu lösen, und Eckhardt benutzte diesen Zufall, sich zu ihr zu gesellen. Sie ging an seiner Seite, ohne den Raum, der sie von den Uebrigen trennte, durch beschleunigteren Schritt zu verkürzen. Beide schwiegen.

(Fortsetzung folgt.)




Der neue Lehrer. (Mit Abbildung. S. 583.) Ja ja, so stehst du da, wenn dein in den wohlverdienten Ruhestand versetzter Vorgänger dich dem Herrn Ortsvorsteher oder Schultheißen als seinen Nachfolger im Schulamte vorstellt. Im Vollbewußtsein seiner Würde, erst als „Großer“ (von so und so viel Aeckern, Pferden, Ochsen, Kühen etc.) und dann als „Erster“ im Dorfe, bleibt er ruhig vor oder nach dem Mittagstische beim Schnapsglase sitzen, während ihr armen Lehrerlein demüthig vor ihm steht. Nur die Hausfrau hat die Güte, deinem alten Collegen, der wahrscheinlich bei seiner Pensionirung den Titel „Herr Cantor“ erhalten hat, einen Stuhl anzubieten. Du selbst, in der Fadenscheinigkeit deines Röckchens, der Geflicktheit deiner Stiefel und der Magerkeit deiner ganzen Gestalt, bist freilich auch eine „angesehene Person“, denn die Schulzenkinder wenden keinen ihrer frechen Blicke von dir, und dem größeren Schlingel hinter seines Vaters Stuhl ist’s im Gesicht abzulesen, wie wenig Respect er vor dem neuen Schullehrer, im Vergleich mit dem alten, hat und wie er sich darauf freut, dich zu foppen und nichts zu lernen. Armes Lehrerlein! dein Vorgänger ist nicht fett geworden auf seiner Stelle, und du wirst’s auch nicht werden, wenn nicht dein Glück aus dem einzigen Blick erblüht, mit welchem das junge Mädchen aus dem Hintergrunde dich recht überlegsam zu betrachten scheint. Gott segne dich und lasse dich und uns Alle die Zeit erleben, wo die Schule ein Kleinod in den Augen aller Eltern wird und der Lehrer ein Ehrenmitglied jeder Familie – wo eroberte Milliarden auch dahin mit zurückfließen, wo die siegenden Helden erzogen worden sind – und wo Schulzen und Minister auch dem Volksschullehrer ihre Achtung bezeigen müssen.




Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Hüfsmitteln