Die Gartenlaube (1876)/Heft 36

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1876
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[593]

No. 36.   1876.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich  bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig – In Heften à 50 Pfennig.



Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.     
Vineta.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)


Es war in den Vormittagsstunden des nächsten Tages. Die Gäste des Schlosses, die zum größten Theil dort übernachtet hatten, waren bereits in aller Frühe wieder abgefahren, nur Graf Morynski und seine Tochter befanden sich noch in Wilicza. Da die Ankunft des jungen Gutsherrn sie nun doch überrascht hatte, so erforderte es die Artigkeit, ihn vor der Abreise wenigstens noch flüchtig zu begrüßen, der Graf hielt es aber bei der vollständigen Fremdheit, mit der er seinem Neffen gegenüberstand, für angemessen, diesen in den ersten Stunden des Wiedersehens ausschließlich der Mutter zu überlassen, und Wanda ihrerseits hatte noch weit weniger Eile, das Recht der Verwandtschaft geltend zu machen.

Die Fürstin war allein mit ihren beiden Söhnen; sie saß auf ihrem gewöhnlichen Platze im grünen Salon, Waldemar ihr gegenüber, während Leo neben dem Sessel des Bruders stand – dem äußeren Anscheine nach eine ganz friedliche und trauliche Familiengruppe.

„Nein, Waldemar, das kann ich Dir wirklich nicht verzeihen,“ sagte die Fürstin in vorwurfsvollem Tone. „Beim Administrator abzusteigen! Als ob Dein Schloß Dir nicht jede Minute zu Gebote stände, als ob es mir nicht eine Freude gewesen wäre, Dich meinen Gästen vorzustellen! Ich wäre beinahe versucht, das, was Du eine Rücksicht für mich nennst, als das Gegentheil aufzufassen. Den Vorwand der Störung lasse ich unter keinen Umständen gelten.“

„Nun, so laß’ wenigstens meine Abneigung gelten, so unmittelbar nach der Ankunft in einen mir völlig fremden Kreis zu treten,“ erwiderte Waldemar. „Ich war wirklich nicht in der Stimmung dazu.“

„Hegst Du noch immer die alte Antipathie gegen alles, was Gesellschaft heißt? Da werden wir den Verkehr in Wilicza allerdings einschränken müssen.“

„Doch nicht etwa meinetwegen? Ich bitte Dich, in diesem Punkte auf mich gar keine Rücksicht zu nehmen. Nur wirst Du es entschuldigen müssen, wenn ich nicht allzu oft in Deinen Salons erscheine. Ich habe zwar gelernt, mich den gesellschaftlichen Nothwendigkeiten zu fügen, wenn es unbedingt sein muß, aber unbequem bleibt es mir immer.“

Die Fürstin lächelte; diese Neigung, die sie ja längst kannte, stimmte vollständig mit ihren Wünschen überein. Ueberhaupt zeigte ihr gleich diese erste Zusammenkunft, daß ihr Urtheil über Waldemar ein richtiges gewesen und seine Natur in den Grundzügen die gleiche geblieben war; selbst sein Aeußeres hatte sich nicht allzu sehr verändert. Seine hohe Gestalt kam freilich jetzt mehr zur Geltung, weil die Haltung eine bessere war, überragte er doch sogar den schlanken, hochgewachsenen Bruder, auch das Unreife, Unfertige des Jünglings hatte der vollen Männlichkeit der Erscheinung Platz gemacht, freilich ohne daß die letztere darum sympathischer geworden wäre. Diese unschönen und unregelmäßigen Züge konnten nun einmal nicht anziehend sein, wenn auch das frühere Ungestüm, das sie so oft entstellte, jetzt einem kalten Ernst gewichen war. Nur eins gereichte Waldemar’s Antlitz entschieden zum Vortheil; das blonde Haar, „die ungeheuere gelbe Löwenmähne“, wie Wanda es spottweise nannte, war in seiner gar zu üppigen Fülle und Verwilderung beschränkt worden; es bedeckte noch immer dicht und voll das Haupt, ließ aber, zurückgestrichen, Stirn und Schläfe frei, und es war unleugbar eine schöne und mächtige Stirn, die sich da über den finsteren Augen wölbte – der einzige Vorzug, den die Natur dem jungen Manne geliehen. Auch die rücksichtslose Schroffheit seiner Haltung zeigte sich einigermaßen gemildert; man sah, daß er sich jetzt wenigstens ohne Zwang in den gesellschaftlichen Formen bewegte und ihnen Rechnung zu tragen wußte, damit schienen aber auch die Errungenschaften der Reife- und Universitätsjahre zu Ende zu sein. Eine Erscheinung für den Salon war Waldemar Nordeck trotz alledem nicht, seine Haltung hatte etwas so Abweisendes, so wenig Verbindliches, seinem ganzen Wesen war der Stempel finsterer Verschlossenheit so deutlich aufgeprägt, daß wohl Niemand leicht in die Lage kam, sich zu ihm hingezogen zu fühlen.

Der Gegensatz zwischen ihm und seinem Bruder trat jetzt noch schärfer hervor als ehemals. Auch Leo war nicht mehr der knabenhafte Jüngling von siebenzehn Jahren, aber wenn er schon damals dem alten Witold das Bekenntniß entriß, der Sohn seiner Gegnerin sei doch „ein bildhübscher Junge“, so zeigte er jetzt die ganze Schönheit seines Volkes, die, wo sie überhaupt vorhanden ist, auch meist in seltener Vollendung aufzutreten pflegt. Etwas kleiner als Waldemar, aber weit schlanker als dieser, besaß er im vollsten Maße all die Vorzüge, die dem älteren Bruder fehlten, den Adel der Züge, die mehr als je die sprechende Aehnlichkeit mit der Mutter verriethen, die prachtvollen dunklen Augen, in denen es heiß aufflammte bei jeder Erregung, das schwarze, leicht gelockte Haar, das sich weich und glänzend um die Stirn [594] legte. Dabei ging durch das ganze Wesen des jungen Fürsten ein Zug von Romantik, der sich sehr glücklich mit der Eleganz und Vornehmheit des Cavaliers vereinigte, – Leo Baratowski war ein wahres Ideal von Schönheit und Ritterlichkeit.

„Also Du hast wirklich Deinen ehemaligen Hauslehrer mitgebracht,“ sagte er heiter. „Da bewundere ich Deinen Geschmack, Waldemar. Ich war froh, als mir mein Herr Präceptor nichts mehr zu sagen hatte, und hätte ihn auf keinen Fall mit auf die Universität oder gar auf Reisen genommen.“

Die Kälte, die stets in dem Wesen des jungen Nordeck lag, wenn er ausschließlich mit seiner Mutter sprach, verschwand zum größten Theile, als er sich jetzt an den Bruder wandte.

„Als einen bloßen Hauslehrer darfst Du den Doctor Fabian wirklich nicht ansehen, Leo. Er hat das Erziehungsfach längst aufgegeben und sich ausschließlich seinen historischen Studien zugewendet; es war ja überhaupt nur seine Mittellosigkeit, die ihn das erstere ergreifen ließ. Er ist von jeher mit Leib und Seele Gelehrter gewesen, wußte seine Kenntnisse aber nie praktisch zu verwerthen, und da blieb ihm denn freilich nichts übrig, als ‚Präceptor‘ zu werden.“

„Das merkte man,“ fiel die Fürstin ein. „Er hatte von jeher die ganze Trockenheit und Pedanterie des Gelehrten.“

„Warst Du mit seinen Berichten nicht zufrieden?“ fragte Waldemar ruhig.

„Mit welchen Berichten?“

„Die der Doctor Dir im Anfange meiner Universitätszeit regelmäßig sandte. Er war im Zweifel darüber, was Du eigentlich zu wissen wünschtest, und da gab ich ihm den Rath, sich möglichst eingehend an meine Studien zu halten. Ich denke, er ist ausführlich genug gewesen.“

Die Fürstin stutzte. „Du scheinst diese Correspondenz bis in alle Details hinein zu kennen und sie sogar theilweise – dirigirt zu haben.“

„Doctor Fabian hat keine Geheimnisse vor mir, und ich meinerseits fand es natürlich, daß Du Dich für meine Studien interessirtest,“ versetzte Waldemar in so gleichgültigem Tone, daß der Argwohn der Mutter, er könne ihren damaligen Plan durchschaut haben, sofort wieder verschwand. Die ersten Bemerkungen hatten ihr entschieden wie Ironie geklungen, aber ein Blick auf das unbewegliche Antlitz des Sohnes beruhigte sie. Unmöglich! Weder er noch sein ehemaliger Lehrer besaßen die Fähigkeit, so tief zu schauen.

„Leo freut sich sehr darauf, bei den Jagdstreifereien in und um Wilicza Deinen Führer zu machen,“ sagte sie abbrechend. „Ich werde wohl darauf gefaßt sein müssen, Euch in den nächsten Wochen sehr wenig im Schlosse zu haben.“

Waldemar blickte zu dem Bruder auf, der noch an seinem Sessel lehnte.

„Ich fürchte nur, Leo, wir treiben die Passion Beide auf sehr verschiedene Weise. Du bleibst auch als Jäger immer der elegante Cavalier, der nöthigenfalls vom Walde gleich in den Salon treten kann, mit mir dagegen mußt Du mitten durch das Dickicht und oft genug auch durch Sumpf und Moor dem Wilde nach. Wer weiß, ob Dir das zusagt!“

Der junge Fürst lachte. „Nun, ich glaube denn doch, daß es in unseren polnischen Wäldern ernsthafter zugeht als in den friedlichen Jagdgründen von Altenhof. Du wirst ja bald selbst urtheilen können, ob man bei einem gelegentlichen Rencontre mit den Wölfen immer in so salonfähigem Zustande davonkommt. Ich habe oft genug verwegene Streifereien ausgeführt, und da auch Wanda eine leidenschaftliche Jägerin ist – Du weißt doch, daß sie in Wilicza ist?“

Die Frage kam ganz plötzlich und unerwartet; sie verrieth eine lebhafte Spannung. Desto ruhiger war der Ton Waldemar’s, als er erwiderte:

„Gräfin Morynska? Ja wohl, ich habe es gehört.“

„Gräfin Morynska!“ wiederholte die Fürstin vorwurfsvoll. „Es ist Deine Cousine, die Dir in Kurzem noch näher stehen wird. – Leo, Deinem Bruder wirst Du doch wohl nicht verschweigen wollen, was für Fremde allerdings noch ein Geheimniß ist.“

„Gewiß nicht!“ fiel der junge Fürst rasch ein. „Du erfährst es natürlich, Waldemar, daß – Wanda meine Braut ist.“

Seine Augen hefteten sich bei diesen Worten mit leidenschaftlichem Forschen auf das Gesicht des Bruders, auch die Fürstin fixirte es einige Secunden lang scharf, aber dort war nicht die geringste Erregung zu entdecken. Waldemar’s Züge blieben unbeweglich; nichts regte sich darin; er änderte nicht einmal seine bequeme, halb nachlässige Stellung.

„Deine Braut? Wirklich?“

„Das scheint Dich gar nicht zu überraschen?“ sagte Leo, etwas betroffen von dieser Gleichgültigkeit.

„Nein,“ versetzte Waldemar kalt. „Ich weiß ja, daß Du von jeher eine Neigung für Deine Cousine hegtest, und kann mir denken, daß weder die Mutter noch Graf Morynski Dir Hindernisse in den Weg gelegt haben. Ich wünsche Dir Glück, Leo.“

Dieser ergriff mit wirklicher Herzlichkeit die dargebotene Hand. Es war ihm doch etwas peinlich gewesen, diesen Punkt zur Sprache zu bringen; er fühlte sich im Unrechte gegen den Bruder, mit dessen Neigung er und Wanda ein so übermüthiges Spiel getrieben hatten, und die Ruhe, mit welcher Waldemar die Neuigkeit aufnahm, gewährte ihm eine große Erleichterung. Die Fürstin dagegen, die der Sache grundsätzlich keine Wichtigkeit mehr beilegte, aber doch einsah, daß man dieses Thema nicht mit zu großer Ausführlichkeit behandeln dürfe, beeilte sich, auf ein anderes überzugehen.

„Du wirst Wanda und ihren Vater ja heute noch sehen,“ sagte sie leichthin. „Wir haben natürlich viel Verkehr mit Rakowicz, das Du jedenfalls kennen lernen mußt. Doch vor allen Dingen – wie gefällt Dir Dein Wilicza? Du hast uns nicht Wort gehalten. Damals in C. versprachst Du Deinen Besuch schon zum nächsten Frühjahre, und volle vier Jahre sind vergangen, ehe Du Dich wirklich entschlossest, zu kommen.“

„Ich hatte immer die Absicht und kann nie dazu, sie auszuführen.“ Er erhob sich und trat an das große Mittelfenster. „Aber Du hast Recht, Wilicza ist mir beinahe fremd geworden. Ich werde in den nächsten Tagen einmal wieder das ganze Gebiet durchstreifen müssen, um nur einigermaßen heimisch zu werden.“

Die Fürstin wurde aufmerksam. „Das ganze Gebiet? Ich glaube kaum, daß es Dir viel Interessantes bietet, die Wälder ausgenommen, die für Dich als Jäger einen besonderen Reiz haben. Ueber Wilicza selbst wird Dir der Administrator Bericht erstatten – er hat Dir wohl schon gesagt, daß er seine Stellung zu verlassen beabsichtigt?“ Die Frage wurde ganz beiläufig hingeworfen; nichts verrieth die Spannung, mit der die Antwort erwartet wurde.

„Ja wohl,“ sagte Waldemar, zerstreut durch das Fenster blickend. „Er geht zum Frühjahre.“

„Das thut mir nun Deinetwillen leid, nun so mehr, als ich wohl die indirecte Ursache bin, daß Du einen jedenfalls tüchtigen Beamten verlierst. Frank wird in mancher Hinsicht schwer zu ersetzen sein. Seine Verwaltung zum Beispiel wird allgemein als mustergültig angesehen. Leider setzt seine Thätigkeit die stete Abwesenheit des Gutsherren voraus, denn er duldet keine andere Autorität neben sich; seine Leute klagen oft bitter über seine Rücksichtslosigkeit, und auch ich habe Proben davon erhalten. Ich habe ihn bisweilen ernstlich daran erinnern müssen, daß das Schloß und die Fürstin Baratowska denn doch nicht unter seiner Botmäßigkeit stehen, und eine dieser Scenen veranlaßte sein Abschiedsgesuch. Es kommt nun freilich darauf an, auf wessen Seite Du Dich stellst, Waldemar. Ich glaube, der Administrator wäre nicht abgeneigt, zu bleiben, wenn Du ihm gestattetest, nach wie vor den unumschränkten Gebieter zu spielen. Ich füge mich natürlich Deiner Entscheidung.“

Der junge Nordeck machte eine ablehnende Bewegung. „Ich bin ja erst seit gestern Abend hier und kann mich unmöglich so schnell in die Verhältnisse finden. Wenn Frank übrigens gehen will, so werde ich ihn nicht halten, und wenn wirklich Differenzen mit den Schlosse die Veranlassung dazu sind, so traust Du es mir doch hoffentlich nicht zu, daß ich dem Administrator gegenüber meine Mutter dementiren werde.“

Die Fürstin athmete auf. Sie hatte doch einige Besorgniß hinsichtlich Frank’s gehegt. Ihr Sohn sollte erst mit ihm in Verkehr treten, wenn er mit ihren Augen sehen gelernt hatte und gründlich gegen seinen Beamten eingenommen war; bei dem rücksichtslosen Freimuthe desselben und dem ungestümen Charakter des jungen Gutsherrn, der nicht den geringsten Widerspruch [595] ertrug, mußte es dann nothwendig zu einem Zusammenstoße kommen – da störte der unerwartete und unpassende Besuch im Gutshofe den ganzen Plan. Indessen Waldemar’s Haltung bewies, daß es in der kurzen Zeit, die er drüben verweilte, zu keinen Erörterungen gekommen war; er legte augenscheinlich gar keinen Werth auf das Gehen oder Bleiben des Administrators und besaß Schicklichkeitsgefühl genug, sich von vorn herein und ohne jede Prüfung auf die Seite seiner Mutter zu stellen.

„Ich wußte, daß ich auf Dich rechnen konnte,“ erklärte sie, sehr befriedigt von dieser ersten Zusammenkunft. Es fügte sich ja Alles und Jedes nach ihren Wünschen. „Aber da gerathen wir gleich in den ersten Stunden auf dieses unerquickliche Beamtenthema, als ob uns nichts Besseres zu Gebote stände. Ich wollte – ah, da bist Du ja, Bronislaw!“ wandte sie sich an ihren Bruder, der mit seiner Tochter am Arme eintrat.

Waldemar hatte sich bei den letzten Worten gleichfalls umgewendet. Einen Moment schien er doch betroffen, so fremd war ihm die Erscheinung, die so hoch und stolz ihm gegenüberstand. Er hatte nur das sechszehnjährige Mädchen mit seinem frischen Jugendreize gekannt; diese Gestalt mochte ihm doch neu sein. „Sie verspricht dereinst schön zu werden,“ hatte die Fürstin Baratowska von ihrer Nichte gesagt. Wie sehr dieser Ausspruch sich bewähren würde, hatte sie wohl selbst nicht vorausgesehen. Freilich lag die Schönheit hier nicht in dem Begriffe der Regelmäßigkeit, denn dem entsprachen Wanda’s Züge durchaus nicht. Der slavische Charakter trat zu deutlich darin hervor, und sie entfernten sich ziemlich weit von dem griechischen oder römischen Ideale, aber trotzdem war dieses immer noch etwas bleiche Antlitz von einem hinreißenden Zauber, dem sich Niemand verschließen konnte. Das tiefschwarze Haar, im Widerspruche mit der herrschenden Mode ganz einfach geordnet, zeigte sich eben dadurch in seiner ganzen prächtigen Fülle; was aber der jungen Gräfin den mächtigsten Reiz lieh, das waren ihre dunklen feuchten Augen, die sich so groß und voll unter den langen Wimpern aufschlugen. Jetzt freilich stand etwas Anderes darin, als Kindesübermuth und Kinderscherze. Mochten diese dunklen, tiefen Augen sich nun in träumerischer Ruhe verschleiern oder in leidenschaftlicher Gluth aufstrahlen, räthselhaft und gefährlich blieben sie immer. Man fühlte bei ihrem Anblicke, daß sie rettungslos bestricken, unwiderstehlich festhalten konnten, und Gräfin Morynska hatte diese Macht zu oft erprobt, um sich ihrer nicht im vollsten Maße bewußt zu sein.

„Sie haben ganz Wilicza mit Ihrer Ankunft überrascht, Waldemar,“ sagte der Graf, „und finden nun gleich Gäste in Ihrem Hause. Wir wollten eigentlich schon heute früh abreisen, auf die Nachricht von Ihrem Eintreffen hin aber mußten wir uns doch noch Zeit zur Begrüßung nehmen.“

„Gewiß, Cousin Waldemar!“ bestätigte Wanda, indem sie ihm mit einem reizenden Lächeln und der graciösesten Unbefangenheit die Hand entgegenstreckte.

Nordeck verneigte sich sehr förmlich und abgemessen vor seiner schönen Cousine. Er schien die dargebotene Hand nicht zu sehen und die liebenswürdig vertrauliche Anrede nicht gehört zu haben, denn ohne auch nur eine Silbe darauf zu erwidern, wandte er sich zu Morynski.

„Ich will doch nicht hoffen, daß ich Sie vertreibe, Herr Graf? Da ich vorläufig ja auch nur der Gast meiner Mutter bin, so sind wir im gleichen Falle.“

Der Graf schien angenehm berührt von dieser Artigkeit, die er seinem Neffen gar nicht zugetraut hatte; er antwortete verbindlich, Wanda dagegen stand stumm mit fest zusammengepreßten Lippen da. Sie hatte für gut befunden, dem jungen Verwandten mit der ganzen Unbefangenheit der Weltdame entgegenzutreten, ihm großmüthig eine peinliche Erinnerung zu ersparen, indem sie dieselbe vollständig ignorirte, und nun mußte sie es erleben, daß die Unbefangenheit gar nicht angenommen, die Großmuth zurückgewiesen wurde. Der Blick, der mit so eisiger Gleichgültigkeit über sie hinglitt, zeigte ihr, daß Waldemar die einstige Neigung allerdings vergessen, die einstige Beleidigung aber nicht verziehen hatte und sich jetzt dafür rächte.

Das Gespräch wurde bald allgemein, da auch die Fürstin und Leo sich daran betheiligten. An Stoff fehlte es nicht. Man sprach von Waldemar’s Reisen, von seiner unvermutheten Ankunft, von Wilicza und der Umgegend, aber so belebt die Unterhaltung auch war, es blieb doch jede Vertraulichkeit ausgeschlossen; man sprach zu einem Fremden, mit dem man zufällig in verwandtschaftlichen Verhältnissen stand. Dieser Nordeck’sche Sprößling gehörte nun einmal nicht zu dem Kreise der Baratowski und Morynski – das wurde von beiden Seiten gefühlt und unwillkürlich regelte sich der Ton danach. Der Graf konnte es auch jetzt nicht über sich gewinnen, den ältesten Sohn seiner Schwester mit dem Du anzureden, das er dem jüngsten als selbstverständlich gab, und Waldemar hielt consequent das „Herr Graf“ gegen seinen Oheim fest. Er zeigte sich in der Unterhaltung nicht viel anders als sonst, schweigsam und zurückhaltend, aber nicht mehr unbeholfen.

Da es um die Herbstzeit war, so kam das Gespräch natürlich bald auf die Jagd, die überhaupt das bevorzugteste Vergnügen auf den Gütern der Umgegend bildete, und der auch die Damen nicht fremd waren; sie betheiligten sich lebhaft an den Erörterungen. Leo erwähnte schließlich der großen Nordeck’schen Waffensammlung und rühmte einige dort befindliche Büchsen ganz besonders. Graf Morynski widersprach und wollte die betreffenden, allerdings sehr kostbaren Stücke nur als Merkwürdigkeiten gelten lassen, während Waldemar sich entschieden auf die Seite seines Bruders schlug. Die Herren geriethen in’s Feuer und beschlossen, den Streit durch einen Gang nach dem Waffensaale und eine vorläufige Probe zu entscheiden, sie brachen auch ungesäumt dahin auf.

„Noch ganz der alte Waldemar!“ sagte die Fürstin, ihnen nachblickend. „Nur wenn es sich um Jagdgeschichten handelt, fängt er Feuer. Alles Uebrige ist ihm gleichgültig. Findest Du ihn verändert, Wanda?“

„Ja,“ entgegnete die junge Gräfin einsilbig. „Er ist eigenthümlich ruhig geworden.“

„Ja, Gott sei Dank! Einigermaßen scheint er die Schroffheit und Formlosigkeit abgelegt zu haben, wenigstens so lange er sich im Salon befindet. Man kann ihn jetzt präsentiren, ohne sich lächerlich zu machen und braucht nicht gleich bei der harmlosesten Unterhaltung einen Eclat zu fürchten. Seine nähere Umgebung freilich wird wohl nach wie vor zu leiden haben; bei dem ersten Versehen, das der Reitknecht bei den Pferden oder Hunden sich zu Schulden kommen läßt, ist der alte Berserker mit seinem ganzen Ungestüm wieder da.“

Wanda erwiderte nichts auf diese Bemerkung. Sie hatte sich in einen Sessel geworfen und spielte mit den Seidenquasten desselben.

„Gleich seine Ankunft war ein echt Nordeck’scher Streich,“ fuhr die Fürstin unwillig fort. „Es war schon arg, daß er die Extrapost auf der letzten Station fortschickte und zu Fuße ankam, wie der erste beste Abenteurer, aber daran hatte Waldemar natürlich noch nicht genug. Als er das Schloß erleuchtet sieht und von einer Festlichkeit hört, kehrt er schleunigst beim Administrator ein, aus bloßer Angst, man könne ihn zwingen, sogleich in die Gesellschaft zu treten. Spät Abends erst kommt er mit dem Doctor in’s Schloß, giebt sich Pawlick zu erkennen und läßt sich nach seinen Zimmern führen, verbietet aber auf das Bestimmteste, mich noch zu stören. Ich erfuhr natürlich seine Ankunft fünf Minuten darauf. Meine Dienerschaft ist doch besser geschult, als er voraussetzt, da er aber in dieser Hinsicht einen so entschiedenen Befehl gegeben hatte, so blieb mir nichts übrig, als sein Hiersein zu ignoriren und mich erst heute Morgen überraschen zu lassen.“

„Eine Ueberraschung, die auch uns zum Bleiben nöthigte,“ fiel Wanda ungeduldig ein. „Ich hoffe, Papa kommt bald zurück, damit wir endlich abreisen können.“

„Doch nicht sogleich? Ihr werdet doch wenigstens noch zu Tische hier bleiben?“

„Nein, liebe Tante, ich werde den Papa bitten, sofort anspannen zu lassen. Denkst Du, daß es mir Vergnügen macht, mich von Herrn Waldemar Nordeck fortgesetzt so ignoriren zu lassen, wie er es während dieser halben Stunde that? Er vermied es mit bewundernswürdiger Consequenz, mir zu antworten oder nur ein einziges Mal das Wort an mich zu richten.“

Die Fürstin lächelte. „Nun, diese kleine Rache kannst Du ihm bei der ersten Zusammenkunft immerhin gestatten. Du hast ihm ziemlich schonungslos mitgespielt und kannst Dich wirklich nicht wundern, wenn der Groll darüber sich noch hin und wieder [596] in ihm regt. Doch das giebt sich bei dem öfteren Zusammensein. Wie findest Du sein Aeußeres? Mich dünkt, ein wenig hat er sich doch zu seinem Vortheil verändert.“

„Ich finde ihn noch gerade so abstoßend wie früher,“ erklärte die junge Gräfin. „Ja, mehr noch, denn damals war der Eindruck seiner Persönlichkeit ein unbewußter, und jetzt habe ich ihn beinahe in Verdacht, daß er abstoßen will. Aber trotzdem – ich weiß nicht, worin es liegt; vielleicht darin, daß er die Stirn jetzt so frei und offen trägt – aber er verliert nicht mehr gegen Leo.“

Die Fürstin schwieg betroffen. Die gleiche Bemerkung hatte sich ihr vorhin aufgedrängt, als die beiden Brüder neben einander standen. So unbestritten die Schönheit des jüngeren war und so wenig der ältere auch nur den geringsten Anspruch darauf machen konnte, er gerieth dennoch nicht in Gefahr, in den Hintergrund gedrängt zu werden. Mochte man, wie Gräfin Morynska, seine Erscheinung immerhin unsympathisch und abstoßend finden, es lag etwas darin, das trotz alledem seinen Platz behauptete, und auch die Mutter sah sich genöthigt, das zuzugeben.

„Solche Hünengestalten haben immer einen großen Vortheil voraus,“ meinte sie, „sie imponiren beim ersten Anblick, aber das ist auch Alles. Geist und Charakter darf man niemals dahinter suchen.“

„Niemals?“ fragte Wanda mit eigenthümlicher Betonung. „Bist Du dessen so ganz sicher?“

Die Fürstin schien diese Frage sehr seltsam und überflüssig zu finden, denn sie blickte ihre Nichte erstaunt an.

„Wir wissen Beide, welchen Zwecken Wilicza noch dienen soll,“ fuhr diese mit unterdrückter Heftigkeit fort, „und da wirst Du mir zugeben, liebe Tante, daß es sehr unbequem und gefährlich wäre, wenn es Deinem Sohne urplötzlich einfiele, ‚Geist‘ zeigen zu wollen. Sei vorsichtig! Mir will diese Ruhe und vor allen Dingen diese Stirn nicht gefallen.“

„Mein Kind,“ sagte die ältere Dame mit ruhiger Ueberlegenheit, „willst Du es nicht mir überlassen, für den Charakter meines Sohnes einzustehen, oder traust Du Dir mit Deinen zwanzig Jahren eine größere Urtheilsfähigkeit zu, als ich sie besitze? Waldemar ist ein Nordeck – und damit ist Alles gesagt.“

„Und damit hast Du Dein Urtheil über ihn von jeher abgeschlossen. Er mag das Ebenbild seines Vaters sein in jedem Zuge, die Stirn aber mit der scharfgezeichneten blauen Ader an den Schläfen hat er von Dir – hältst Du es denn gar nicht für möglich, daß er sich auch einmal als Sohn seiner Mutter zeigt?“

„Nein!“ erklärte die Fürstin in einem so herben Tone, als beleidige sie diese Idee förmlich. „Was ich von meiner Natur vererben konnte, das besitzt Leo allein. Sei nicht thöricht, Wanda! Du bist gereizt durch das Benehmen Waldemar’s gegen Dich, und ich gebe zu, daß es nicht sehr zuvorkommend war, aber Du mußt darin wirklich seiner Empfindlichkeit Rechnung tragen. Wie Du jedoch dazu kommst, aus seinem zähen Festhalten an dem alten Grolle auf einen wirklichen Charakter zu schließen, das begreife ich nicht; mir beweist es das Gegentheil. Jeder Andere wäre Dir dankbar dafür gewesen, daß Du ihm über eine halbvergessene peinliche Erinnerung hinweghelfen wolltest, und hätte mit der gleichen Unbefangenheit der Braut seines Bruders –“

„Weiß Waldemar bereits – –?“ unterbrach sie die junge Gräfin.

„Gewiß, Leo selbst theilte es ihm mit.“

„Und wie nahm er die Nachricht auf?“

„Mit der grenzenlosesten Gleichgültigkeit, obgleich ich ihm in meinen Briefen niemals eine Andeutung davon gemacht habe. Das ist’s ja eben. Mit seiner einstigen Schwärmerei für Dich ist er sehr schnell fertig geworden – davon haben wir Proben, an die vermeinte Beleidigung aber klammert er sich noch mit dem ganzen Eigensinn des ehemaligen Knaben. Willst Du vielleicht, daß ich eine solche Natur als ‚Charakter‘ gelten lasse?“

Wanda erhob sich mit unverkennbarer Gereiztheit. „Durchaus nicht, aber ich fühle keine Neigung, mich diesem Eigensinn noch länger auszusetzen und deshalb wirst Du es entschuldigen, liebe Tante, wenn wir Wilicza verlassen. Ich wenigstens bleibe auf keinen Fall hier – und Papa läßt mich schwerlich allein abreisen; wir fahren noch in dieser Stunde.“

Die Fürstin protestirte vergebens; sie mußte wieder einmal die Erfahrung machen, daß ihre Nichte es ebenso gut wie sie selbst verstand, ihren Willen durchzusetzen, und daß Graf Morynski den Wünschen seiner Tochter gegenüber „grenzenlos schwach“ war. Trotz des wiederholten Wunsches der Schwester und der sichtbaren Verstimmung Leo’s blieb es bei der Anordnung, die Wanda getroffen hatte, und eine halbe Stunde später fuhr der Wagen vor, der sie und ihren Vater nach Rakowicz zurückbrachte.


Einige Wochen waren vergangen, ohne daß die Ankunft des jungen Gutsherrn irgend etwas Nennenswerthes in Wilicza geändert hätte. Man merkte seine Anwesenheit kaum, denn er war, wie die Fürstin richtig vorausgesehen, nur selten im Schlosse zu finden und streifte statt dessen tagelang in den Wäldern und überhaupt in der Umgegend umher. Die alte Jagdleidenschaft schien ihn mit voller Macht wieder ergriffen zu haben und alles Andere in den Hintergrund zu drängen. Nicht einmal bei Tische erschien er regelmäßig. Seine Streifereien führten ihn gewöhnlich so weit, daß er genöthigt war, auf irgend einer Försterei oder einem Pachthofe einzusprechen, und dies geschah in der That sehr häufig; kam er dann spät und ermüdet nach Hause, so brachte er die Abende meist auf seinen Zimmern mit dem Doctor Fabian zu und erschien nur, wenn er mußte, in den Salons seiner Mutter.

Leo hatte es schon nach den ersten Tagen aufgegeben, den Bruder zu begleiten, denn es ergab sich in der That, daß sie beide die Jagd auf sehr verschiedene Weise trieben. Der junge Fürst zeigte sich auch hier, wie in allen anderen Dingen, feurig, verwegen, aber keineswegs ausdauernd; er schoß, was ihm gerade vor den Lauf kam, scheute im Nachsetzen kein Hinderniß und fand ein entschiedenes Vergnügen daran, wenn die Jagd eine gefährliche Wendung nahm; Waldemar dagegen ging mit zäher, unermüdlicher Ausdauer dem Wilde tagelang nach, das er sich gerade ausersehen hatte, ohne sich um Essens- oder Schlafenszeit zu kümmern, und legte sich dabei Strapatzen auf, denen eben nur sein eiserner Körper gewachsen war. Leo fing bald an, das ermüdend, langweilig und im höchsten Grade unbequem zu finden, und als er vollends die Entdeckung machte, daß sein Bruder das Alleinsein unbedingt vorzog, überließ er ihn mit Vergnügen sich selber.

Auf diese Art konnte von einem eigentlichen Zusammenleben mit der Mutter und dem Bruder gar keine Rede sein, obgleich man sich täglich sah und sprach. Die starre Unzugänglichkeit Waldemar’s war dieselbe geblieben, und seine Verschlossenheit im engeren Verkehr hatte eher zu- als abgenommen. Weder die Fürstin noch Leo waren ihm nach wochenlangem Zusammensein auch nur einen Schritt näher gekommen als am Tage seiner Ankunft, doch dessen bedurfte es auch nicht. Man war zufrieden, daß der junge Gutsherr so vollständig den gehegten Voraussetzungen entsprach und in gesellschaftlicher Hinsicht sogar eine Fügsamkeit bewies, die man gar nicht erwartete. So hatte er sich zum Beispiel durchaus nicht geweigert, den Gegenbesuch in Rakowicz zu machen, und der Verkehr zwischen den beiden Schlössern war lebhafter als je; Graf Morynski kam mit seiner Tochter sehr oft nach Wilicza, wenn sie den Herrn desselben auch meistentheils nicht antrafen. Das Einzige, was der Fürstin bisweilen Aerger verursachte, war das Verhältniß zwischen ihrem ältesten Sohne und Wanda, das sich durchaus nicht ändern wollte; es blieb kalt, gezwungen, sogar feindselig. Die Mutter hatte es einige Male versucht, vermittelnd einzutreten, aber ohne jeden Erfolg; sie gab es schließlich auf, die beide „Trotzköpfe“ von ihrem Eigensinn abzubringen. Die ganze Sache war ja überhaupt nur insofern von Wichtigkeit, als sie nicht etwa den Anlaß zu einem Bruche geben durfte, und das geschah durchaus nicht. Waldemar zeigte dem Grafen gegenüber so viel Verbindlichkeit, wie sein unverbindliches Wesen nur irgend zuließ, und that im Uebrigen seinen sämmtlichen Verwandten den Gefallen, sich ihnen so viel wie möglich zu entziehen.

(Fortsetzung folgt.)



[597]
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder.
Von Guido Hammer.
Nr. 41. Die Ausgrabung eines Dachses.


Des leichtlebigen, ebenso selbstsüchtigen wie gewissenlosen Buschfreiherrn Reinecke von Malepartus mürrischer, aber höchst ehrenwerther Vetter Grebing ist jenem gegenüber, der ihn betrügt und schädigt, wann und wie er nur kann, stetem Nachtheile ausgesetzt.

Die Gartenlaube (1876) b 597.jpg

Der Dachs vor seiner Höhle.
Originalzeichnung von Guido Hammer.

So ärgert der hochgeborene Standartenjunker Rothpelz seinen behäbigen, Ruhe und Ordnung über Alles liebenden Onkel oftmals recht empfindlich damit, daß er ihm seine Felsenburg, den tadellos reingehaltenen Bau, in hämischer Tücke und listiger Gemeinheit so rücksichtslos verunsaubert, daß der alte Herr das sonst unbezwingliche Ahnenschloß lieber für immer aufgiebt, als durch dessen übel duftende Gänge noch ferner Aus- und Einfahrt halten zu müssen, zumal wenn in diesen Vorräumen der aufdringliche Anstifter auch gleich noch festes Quartier genommen, um von hier aus gelassen darauf zu lauern, bis der tiefgekränkte Grimmbart sein Asyl gänzlich räumt und für immer verläßt. Dann macht sich Vetter Biederschurke aber schleunigst breit darin, und nimmt „up ewig ungedeelt“ von der durch feigen Schwindel und frechste Niedertracht errungenen Freistätte vollen Besitz. Ich aber behaupte, der schuftige Annecticer, der überhaupt nur darum nicht auch Lügner, Verleumder und Ehrabschneider ist, weil ihm die Sprache hierzu mangelt, würde gewiß – könnte er eben nur reden – seine schändliche That auch noch zu beschönigen und zu beweisen suchen, daß ihn der verwichene eigensinnige Starrkopf, dem er ja durchaus kein Leid zugefügt – nicht mit einem Zahne berührt habe –, geradezu gezwungen, dessen schnöde verlassene Besitzung in Verwaltung zu nehmen. – Ja, Schlauheit geht nicht nur blos vor Schönheit, sondern auch über Ehrbarkeit und stille Tugend.

[598] Der arme Verfehmte aber troddelt nun obdachlos und darum recht kummervoll in Gottes freier Natur umher, bis er wenigstens für den Augenblick einen nothdürftigen Unterschlupf, etwa eine alte Waldschleuße oder ein wurzelgedecktes Erdloch gefunden, von wo aus er dann bedachtsam zu einem neuen Bau Voruntersuchungen anstellen kann. Um mit einem solchen aber möglichst schnell zu Stande zu kommen, wählt der aus Felsenklüften Gebürtige diesmal nur leichten Sandboden hierzu, welches Material freilich seine alte Steinklause nicht im Geringsten zu ersetzen vermag. Verräth sich doch schon der Fremdling durch solch frisch aufgeführte Einsiedelei sehr bald seinem schlimmsten Feinde, dem Jäger, der dann mit wahrem Vergnügen weiter beobachtet, ob Dachsmann auch hübsch stetig dabei Umgang hält und sich wirklich darin häuslich und bleibend einrichtet. Wie freut sich dabei der Auslugende der Bestätigung dessen, da dieser darauf hin den willkommenen Einwanderer, welchem er in seiner frühern granitfesten Residenz niemals Abbruch zu thun vermochte, nun schon fast als sein eigen betrachtet und ihn im kommenden Herbste sicher zu holen gedenkt. Bis dahin aber läßt der kluge Waidmann den stillen Waldgänger gänzlich unbelästigt, ja, er vermeidet sogar höchst behutsam Alles, was den Mißtrauischen auch nur ahnen lassen könnte, daß er bereits entdeckt und scharf in’s Auge gefaßt worden sei.

Inzwischen aber geht der borsthaarige Schwartenträger still seinen täglichen, oder vielmehr nächtlichen Nahrungsgeschäften nach, wobei er, je nach der Jahreszeit, mit Wurzeln, Gewürm, Larven, Käfern, Schnecken und Mäusen vorlieb nimmt, oder an Beeren, Obst und Feldfrüchten, auch an Bucheckern und Eicheln sich mästet, hierbei natürlich nicht minder gern ein ihm etwa aufstoßendes ergreifbares junges Feder- oder Haarwild als gesunde Zwischenkost verspeist. Daß der schwerfällige Patron aber speciell nach letzterer leckeren Jagdbeute ausginge, das fällt ihm sicher nicht ein; dazu ist er eben viel zu wenig Jäger.

In eigentlich also recht harmloser Weise „kraucht“ unser ungeselliger Nachtwächter „im Busche herum“, während er noch unschuldigerer Weise den lieben langen Tag, im Winter auch noch die Nächte hinzugenommen, einsam verschläft; nur in der kurzen Paarungszeit lebt der Griesgram mit seiner sonst ebenso abgeschlossen sich haltenden Fähe zusammen. Infolge dieses seines also nur nächtlichen Umgehens wird der trübsinnige Verließbewohner auch verhältnißmäßig sehr selten durch die Feuerwaffe erlegt, da dies höchstens bei recht hellem Mondschein auf dem Anstand möglich ist. Hierzu aber gehört unendlich viel Geduld und Vorsicht, denn der dabei erwartete Nachtwandler bewerkstelligt seinen Austritt so bedachtsam und ist dermaßen schreckhaft dabei, daß, wie man ihm nachsagt, er sich vor seinem eigenen Schatten scheut, und deshalb mit schärfsten Sinnen auf das auch nur irgendwie Verdächtige Acht hat. Erfolgreicher hingegen sucht man ihn bei Nacht – ob bei heller oder dunkler, ist gleich – in Wald und Flur mit dazu passenden Hunden auf, die ihn hier leicht stellen, packen und so lange festhalten, bis „der Herr der Schöpfung“ hinzugeeilt ist und den Ueberrumpelten todtgeschlagen hat. Wenn im Herbst der träge Klausner sich ein Wänstlein angemästet und also reich an Fett und gut von Schwarte ist, weiß Herr Immergrün auch noch allerhand weitere Mittel, den drallen Schmeerbauch in seine Gewalt zu bekommen. So belagert er ihn nicht nur in seiner Dassenburg mit Tellereisen, Schwanenhälsen, Schlagbäumen, Dachshauben und auch Selbstschüssen, welche Mordwerkzeuge alle man ihm in und um die Hauptröhren seines ausgedehnten Festungswerkes legt, sondern am liebsten holt sich der rüstige Waidmann, und zwar unter Beihülfe seiner kleinen krummbeinigen Jagdgenossen, der wackern Däckel, den menschenscheuen Mineur aus seinem erdverschanzten Lager durch Ausgrabung hervor. Und eine rechte, echte Jägerfreude bietet letztere Jagdart, wird sie nur nicht zu grausam gehandhabt, in der That; denke ich doch selber nie ohne ganz besondere Lust an so manchen dabei gehabten Naturgenuß. Am lebhaftesten steht mir aber immer der eine Fall vor der Seele, wobei ich in etwas illegitimer Weise die Reize des Dachsgrabens genossen.

Ein mir befreundeter jovialer Forstmann nämlich – Gott hab’ ihn selig, denn er ist nun auch schon vor Langem in die himmlischen Jagdgefilde einberufen worden – hatte erfahren, daß der Gehülfe vom Nachbarrevier, ein höchst eitler, prahlerischer und dabei sich ganz unfehlbar dünkender junger Mann, beschlossen, an einem bestimmten Tage auf seinem ihm unterstehenden Forstgebiet einen recht alten Dachs, der in einer ausgedehnten, etwa fünfzehnjährigen Kiefernschonung, der Cultur einer ehemaligen Brandfläche, seinen Bau hatte, zu graben.

Zu diesem Zwecke nun war von ihm auch bereits an eine ganze Sippe Sonntagsjäger, die er dafür natürlich waidlich honoriren mußte, Einladung ergangen, also alles hübsch an die große Glocke gehangen worden. Um diesen Nimrodsplan aber nicht nur zu kreuzen, sondern daraufhin auch noch ein recht tolles Jägerstücklein auszuführen, ließ mich mein Freund Grünrock wissen, daß er selber in der Nacht vor dem seitens seines Collegen bestimmten Tage der Dachsausgrabung den fetten Braten zu holen gedenke, damit, wenn dann zur festgesetzten Stunde der einberufene Jägertroß zur Stelle käme, dieser das Nest bereits ausgenommen fände. Hierzu brauche er jedoch nothwendig Hülfe, und zwar nur ganz vertraute, diese aber könne nur ich ihm sicher gewähren. Gern ging ich hierauf ein und sagte ihm lustig zu, dabei sein Kumpan zu werden. In Folge dessen fiel mir denn am entscheidenden Abend zunächst die Rolle zu, schon eine Stunde vor Sonnenuntergang den beabsichtigten nächtlichen Ausflug zu eröffnen, um noch bei Tageshelle an Ort und Stelle einzutreffen. Meine Aufgabe war, hier zu beobachten, ob der betreffende Gehülfe den Bau erst noch einmal untersuchen werde. Auch sollte ich bei einbrechender Dunkelheit, wo dann dessen Kommen nicht mehr zu befürchten stand, gleich bei der Hand sein, um schnell sämmtliche Röhren versetzen zu können, damit Mosje Schmalzsack, wenn er doch vielleicht einmal ausnahmsweise einen etwas vorzeitigen Ausgang zu halten gedachte, auf diese Weise dingfest gemacht würde. Mein Anstifter, der, um möglichst unverdächtig zu bleiben, erst mit Mondaufgang bei mir mit Grabwerkzeug und Hunden eintreffen wollte, durfte doch nicht blos zum Gutenachtsagen hinauskommen.

So saß ich denn lange einsam, still und wohl verborgen, nicht allzu weit von der stark befahrenen Hauptröhre entfernt, in einem tiefen Kiefernkuschel und lauschte auf jeden Laut. Aber nichts irgendwie Verdächtiges stieß mir bei meinem stundenlangen Harren auf, und nachdem ich nach dieser Frist schnell alle Eingänge des umfangreichen Baues verrammelt, war es für mich eine wahre Herzenswonne, den wunderbar herrlichen, wenn auch schon recht frischen Octoberabend in so heimlicher Waldeinsamkeit genießen zu können. Golden schimmerte da der Sonne Nachglanz am Himmel durch die dichten grünen Wipfel des jungen Holzes, während nach entgegengesetzter Seite der Mond über den weiten, weiten nebelduftigen Wald emporstieg und ihn bald mit magischem Schimmer übergoß, im nahen Waldteich aber, den ich durch ein paar lichte Stellen in der Schonung gerade erblicken konnte, mit glitzerndem Prunken sich wiederspiegelte. Dazu schnipsten und flatterten noch immer Wandervögel durch die Dickung, und vom Geröhricht des stillen Gewässers her flüsterte und klang es sirenenhaft, untermischt von tausend schwirrenden Stimmen dort eingefallener Staare, während Wildenten mit pfeifendem Flügelschlag die Luft durcheilten und dann, beim Einfallen, von weit her auch ihre Laute mit denen von anderem Wassergeflügel vereinten. Aber auch das Abendglöcklein aus dem nächsten Dorfe schallte hell und melodisch zu mir herüber und – gestehe ich es nur offen ein! – gerade dieser feierliche Schall machte mir, wie ein ernstes Mahnen, das Herz pochen vor Gewissensbissen über mein Wandeln auf immerhin unrechtem Pfade – lief es dabei auch nur auf einen Waidmanns-Schabernack hinaus.

Doch als vom Rande der Dickung her das verabredete Signal meines Genossen ertönte, da war die empfindsame Stimmung auf einmal verflogen, und mit kurzem Pfiff erwiderte ich das gegebene Zeichen und bekundete damit, daß Alles sicher sei. Darauf hin raschelte es denn auch bald auf ausgetretenem Wildsteig daher und vorsichtig näherte sich, mit Spaten, Schaufeln, Hacke und Gabel auf der Schulter, mein Verführer, gefolgt von dem bewährten Däckelpärchen, Bergmann und Waldine.

Ungesäumt ward nun zur That geschritten, und ließen wir deshalb vor allen Dingen die Däckel, Bergmann, den Erfahrenen, voran, in die geöffnete Hauptröhre einkriechen. Kaum war dies geschehen, so gellten auch schon die scharfen Stimmen unserer grätigen Hülfstruppen daraus hervor, bis sie, dumpf verhallend, [599] nur noch dem fest an die Erde gedrückten Ohr vernehmbar blieben, denn nur noch aus unterster Tiefe des Baues drang das jetzt zu Standlaut gewordene Bellen der kleinen Angreifer herauf; sie hatten also den Belagerten im Kessel festgemacht. Nach dieser Gewißheit ward nun sofort „eingeschlagen“ und mit energisch geführter Arbeit dem Ziele zugestrebt, wozu uns die fest vorliegenden Hunde nicht wenig anfeuerten. Aber immer tiefer mußten wir schaffen, so daß wir zuletzt nur noch abwechselnd arbeiten konnten, da in dem für die Tiefe von vornherein nicht weit genug gehaltenen Einschlag zu Zweien zu graben nicht möglich war. Trotz solcher Schwierigkeit ward mit unablässiger Hast rüstig vorwärts gedrungen, schon um der Hunde willen, die zwar vor dem sich scharf wehrenden Dachs tapfer Stand hielten, aber baldiger Hülfe von außen sicher bedurften; denn schon war Waldine, wie dies bei solchen Fällen ihre Art war, einige Male herauf aus dem Bau zu ihrem Herrn gekommen, gleichsam um Beschleunigung mahnend, dann aber sogleich wieder zum Beistand ihres Gemahls zum Kampfplatz geeilt. Aber obgleich wir schon über Mannestiefe hinab waren, hatten wir damit doch noch immer nicht das Ziel erreicht, das noch weiter zu verfolgen nun bald gefährlich ward, indem das lockere Erdreich der ziemlich steil gehaltenen, ja stellenweise unterhöhlten Grubenwände leicht einbrechen und den darin Arbeitenden verschütten konnte. Und dabei durften wir, dem Laute der Hunde nach, noch immer nicht auf ein sehr baldiges Erschließen der unterirdischen Arena hoffen, da wir, um dieses zu erreichen, nothwendig erst noch das ganze bereits gegrabene Loch einigermaßen erweitern mußten, damit wir darin wenigstens noch nothdürftig die Schaufel führen konnten. Unter solchen Umständen war bereits Stunde auf Stunde vergangen, wobei das böse Gewissen, wenigstens bei mir, auch noch das Seinige that, die Arbeit peinlich werden zu lassen, denn wie oft horchte ich bei derselben hoch auf, wenn sich irgend etwas, etwa von einem flüchtig werdenden Stück Wild oder ziehenden Vogel herrührend, vernehmen ließ, gleich dabei an einen Ueberfall von verletzter Seite her denkend. Aber wir ließen deshalb doch nicht ab von unserem ruchlosen Werke, und welch’ eine Freude, als endlich der Lärm unter der Erde so deutlich wurde, daß wir jeden Augenblick auf die Kämpfenden stoßen konnten!

Vorsichtig, um im hitzigen Eifer nicht etwa die braven Däckel durch einen scharfen Spatenstich zu verletzen, gruben wir nunmehr nur noch mit den Händen weiter, und auch dies nur abwechselnd, indem der Andere mit der dazu angezündeten Laterne leuchten mußte. Plötzlich wurde Luft im Keller, und zwar genau an der Stelle, wo der dicht vor dem Dachs liegende Bergmann Stand hielt, sodaß dieser von seinem Herrn sofort abgehoben werden konnte, um ihn mir, der ich oben die niederhängende Laterne hielt, herauf zu reichen. Schnell ward auch die nachfahrende Waldine erfaßt und desselben Weges befördert. Kaum war dies aber geschehen, so brachten auch einige schnell, nicht gerade rücksichtsvoll geführte Spatenstiche das Vordertheil des kühnen Burgherrn in Sicht. Rasch reichte ich darauf die Gabel hinab, und im nächsten Augenblicke schon war der wüthende Gefangene damit im Genick zu Boden gedrückt. Ohne Besinnen sprang auch ich nun hinunter in die enge Grube, um helfend mit einzuschreiten, und faßte zu diesem Zwecke den Gefangenen an einer seiner Vorderbranten fest, um ihn wenigstens nicht zurückfahren zu lassen, da er sich dann leicht noch hätte verklüften können. Das hätte uns noch eine Höllenarbeit bereitet. So hatten wir in dem grabähnlichen, unheimlichen Loche, ich in gebückter Stellung und die Laterne am Bügel im Munde, das Thier wohl fest, aber auch keinen Finger mehr frei, ihm den Garaus zu machen, denn es stemmte sich ja mit der Kraft wenigstens eines Doppelponys so gewaltig gegen uns, daß ich es an der fettigen Patsche kaum noch festzuhalten vermochte, zumal auch schon die Gabel zu weichen begann. Dazu bröckelte es fortwährend so stark von der Wandung unseres Schachtes hernieder, daß man jeden Augenblick gewärtig sein konnte, der leichte Boden werde völlig zusammenbrechen, besonders da die Dächsel oben am Rande herabzuspringen strebten und nur das Machtwort ihres Herrn sie davon zurückhielt.

In solch mißlicher Lage – denn zum Ueberfluß brach nun wirklich noch die frisch geschnittene hainbuchene Gabel in ihren Schenkeln – blieb nichts weiter übrig, als den wüthend sich sträubenden Burschen in zwar wenig waidmännischer, aber hier einzig gebotener Art wenigstens vorerst zu betäuben. Dies bewerkstelligte denn endlich mein Nimrod mit recht gutem Erfolg durch seinen gewuchtigen, eisenbeschlagenen Stiefelabsatz. Dadurch ward aber nicht nur den Leiden des armen Thieres vorläufig ein Ziel gesetzt, sondern auch uns eine Erlösung von heftigster Anstrengung zu Theil. Behend zogen wir nun noch den für den Moment regungslos Gewordenen aus seiner Bresche hervor und tödteten ihn vollends durch ein paar sichere Schläge über die Nase.

Nun erst verschnauften wir wirklich ganz Erschöpften ein wenig, dann aber schleiften wir unsere Beute mit der Fangleine an und kletterten, sie nachziehend, aus der fatalen Grube herauf. Da standen wir denn endlich wieder auf festem, sicherem Grund und Boden und hatten nun nur noch die Arbeit vor uns, unsere Stiefelfährten, an denen man die Thäter hätte erkennen können, sorgfältig zu vertilgen, was wir auch bald und gründlich mittelst eines recht borstigen Kiefernwipfels ausgeführt hatten.

Hierauf aber wurden dem gewichtigen Todten die Läufte zusammengebunden und eine haltbare Kiefernstange hindurchgeschoben. Diese nahmen wir auf die Schultern, das Werkzeug in Arm und Hand – und fort ging’s. Die Hunde folgten uns nach. Die an und für sich nahe gelegene Reviergrenze nahmen wir absichtlich auf Umwegen, um auch hierbei etwaige Verfolger zu täuschen. Zu diesem Zwecke zogen wir uns sogar erst einem nahen Waldbache zu, in dessen Bette wir, gut bestiefelt, in entgegengesetzter Richtung von unserem eigentlichen Ziele hinschritten und nach längerem darin Fortwaten mit größter Vorsicht Ausstieg hielten. Aber auch noch von hier aus beschritten wir, uns dabei wieder rückwärts wendend, noch immer nur dergleichen Terrain, auf welchem ein Nachspüren mit Erfolg kaum denkbar erschien. Unter solcher nicht unangebrachter Achtsamkeit erreichten wir denn ungefährdet das heimische Revier, und endlich, als schon bleicher Dämmerschein den Osten zu lichten begann, auch die einsam gelegene Junggesellenwohnung des lecken Dachsräubers.

Daß der darauffolgende reifkalte, sonnenklar prächtige Morgen, ein Morgen, wie er zum Dachsgraben nicht schöner gedacht werden konnte, im feindlichen Lager nur Bestürzung und gerechten Unwillen fand, wird Jeder selbst ermessen können. In meines nächtlichen Spießgesellen Herzen hingegen war eitel Lust und Freude über seinen gelungenen Streich, welche ich, wenn auch nicht so ganz ohne jede vorwurfsbittere Regung, um so aufrichtiger mit ihm theilte, als ich wußte, wie der um sein allerdings gutes Recht geprellte Forstgehülfe nur allzu gern in großthuerischer Jägerrohheit sich hervorthat und sein ausersehenes Opfer sicherlich nach althergebrachter, leider auch heutigen Tages noch oft angewandter empörender Art behandelt hätte, von der schon der unvergeßliche kernfeste, biedere Altmeister Wildungen vor nun bereits achtzig Jahren ebenso trefflich als edelentrüstet spricht:

„Denn empörend ist’s wahrlich, wie unbarmherzig manche von Euch Waidmännern den unschuldigen Dachs zu mißhandeln gewohnt sind, wenn er das Unglück hat, ihren Tigerklauen zur Beute zu werden. Krätzen, zu diesem schrecklichen Endzwecke ausschließlich ersonnen, werden ihm tief in den Leib geschraubt, um ihn seiner bestürmten Wohnung damit zu entreißen, und in einem Sacke wird er dann oft stundenweit zum Kampfplatze geschleppt, wo ein wüthendes Heer von Hunden aller Gattungen mit mörderischem Zahne ihn zerfleischen muß. Dem Tode schon nahe, wird er von seinen Henkern ihm wieder entrissen, durch eine Wasserfluth der kleine Rest seines Lebens zu neuen Qualen angefrischt und die kannibalische Hatze so lange wieder erneuert, bis endlich sein wirklicher Tod dieses scheußlichste aller Schauspiele beschließt. Fluch und Schande dem Barbaren, den solche Jagdgräuel noch ergötzen können!“

Und, füge ich hinzu, noch giebt es deren.



[600]

Ein Unicum in Deutschland.
Bei deutschen Genossenschaftspionieren.


Wenn man auf der Berlin-Görlitzer Eisenbahn die langweiligen Sandebenen glücklich hinter sich hat und sich nach Durchfahrung des engen Einschnitts bei Ludwigsdorf durch den malerischen Anblick der Stadt Görlitz mit ihren mannigfaltigen Thürmen und dem gebirgigen Hintergrunde für die Entbehrungen der Fahrt entschädigt sieht, so wird das Auge hart vor der Einfahrt in den Bahnhof, falls man es nicht vorzieht, einen Blick nach rechts auf den schönbewaldeten berggekrönten Kegel der Landskrone zu werfen, durch einen in Ziegelrohbau aufgeführten mit Ladungsperron und Dampfesse versehenen umfangreichen Bau festgehalten, der sich auf einem dicht an die Bahn grenzenden Grundstücke erhebt.

Noch vor wenigen Jahren lag an dieser Stelle ein niedriger Hügel, der dem Auge die Aussicht auf die Stadt verwehrte. Der bergeversetzenden Thätigkeit der Eisenbahnbaumeister hat auch er weichen müssen, um mit seinen Erdmassen ein benachbartes Thal ausfüllen zu helfen, und nur an der entgegengesetzten Grenze des Grundstücks ist noch zu erkennen, daß hier erhebliche Abschachtungen stattgefunden haben. An seiner Stelle ist eine ebene Fläche entstanden, auf der sich jener große zweistöckige Ziegelrohbau erhebt – das neue Geschäftshaus des Waareneinkaufsvereins zu Görlitz.

Die Geschichte dieses Vereins, der unter den deutschen Consumvereinen seit einigen Jahren eine hervorragende Stellung einnimmt und mit der Errichtung dieses Gebäudes einen großen Schritt weiter in dieser Entwickelung gethan hat, zeigt einige Aehnlichkeit mit der der ehrlichen Pioniere von Rochdale, jener englischen Arbeitergenossenschaft, deren großartige Erfolge nicht wenig dazu beigetragen haben, die Einführung der Consumvereine in Deutschland zu ermöglichen.

Ein Vortrag über die Pioniere von Rochdale veranlaßte elf Görlitzer Arbeiter am 6. April 1861 zusammenzutreten, um nach dem Vorbilde ihrer englischen Standesgenossen durch wöchentliche Einlagen von einem Silbergroschen die Mittel zu gemeinsamem Ankauf von Waaren zu beschaffen, welche beim Einzelkauf erheblich theurer waren.

Eine Zehntel-Kiste Cigarren, zum Verbrauch auf den Sonntagsspaziergängen bestimmt, war der erste Ankauf, und da die Mitglieder bei Entnahme der Cigarren den in den Kaufmannsläden üblichen Detailpreis zahlten, so ergab sich ein hübscher Verdienst aus diesem „Engrosgeschäfte“. Dies ermunterte die Genossenschaft, den Ankauf noch weiter auszudehnen und neben den Luxusartikeln, Cigarren und Zucker, auch noch Brod, Seife und Streichhölzchen unter die regelmäßig geführten Waaren aufzunehmen.

Das Capital mehrte sich durch die Wocheneinlagen, sowie durch den Erlös aus dem Detailverkauf der Waaren zu höheren Preisen, und der in dem kleinen Vereine erfahrungsmäßig geführte Nachweis, daß sich die Einrichtungen der ehrlichen Pioniere von Rochdale auch auf Deutschland übertragen ließen, wo die Consumvereine zuerst keinen Boden fassen zu können schienen, führte der Genossenschaft aus dem Arbeiterstande bald neue Mitglieder zu.

Schon im Laufe des ersten Jahres war der Verein so gewachsen, daß die Errichtung eines Vertriebslagers als Nothwendigkeit erschien. Da jedoch die knappen Mittel die größte Sparsamkeit zur Pflicht machten, so begnügte man sich zunächst damit, in einem der alten Häuser der Rosenstraße, einer kleinen Nebenstraße der Altstadt, ein kleines dunkles Gewölbe zu miethen, in dem ein Mitglied täglich an einigen Stunden die Waaren vertrieb und das verkaufte Quantum in die Bücher der einzelnen Mitglieder eintrug, um die Vertheilung der Dividende nach Maßgabe der entnommenen Waaren zu ermöglichen. Da der Verein seine Waaren in kleinen Quantitäten bei den einheimischen Kaufleuten entnahm, so konnten die finanziellen Ergebnisse der solidesten Verwaltung auf wohlhabendere Personen einen Reiz nicht ausüben, um so weniger, da bei den hohen Preisen der Görlitzer Colonial- und Materialwaarengeschäfte Viele ohnehin ihre Waaren von auswärts billiger zu beziehen sich gewöhnt hatten. Die Entwickelung des Vereins konnte unter diesen Verhältnissen nur eine sehr langsam sein; ein Theil der Mitglieder trat wieder aus, da der Zusammenbruch eines anderen schlecht geleiteten Consumvereins sie ängstlich machte, und nur hundertundzehn hielten treulich aus.

Bis zum Herbst 1865 hatte der Verein ausschließlich aus Arbeitern bestanden, und ein Theil der Mitglieder war sogar der Ansicht, daß die Consumvereine ausschließlich für den Arbeiterstand bestimmt seien. Auf Rath des Dr. Bernhard Rickert, des leider zu früh verstorbenen begeisterten und thätigen Apostels des Genossenschaftswesens, schlossen sich die Freunde der Consumvereinsbestrebungen an den bestehenden Verein an, der dadurch einen erhebliche Zuwachs aus den wohlhabenden und gebildeten Kreisen erhielt. Die Neueingetretenen, die ihr Capital, ihre Intelligenz, ihre Thatkraft der Genossenschaft zur Verfügung stellten, begegneten bei Einigen dieser Exclusiven deutlich erkennbarem Mißtrauen, und als durchgreifende Reformen der schwerfälligen Einrichtungen vorgenommen wurden, schied der bisherige Leiter mit einer Anzahl seiner Getreuesten aus, um wieder einen reinen Arbeiterverein zu bilden, der indeß nach kurzer Zeit eingegangen ist, weil die Meisten es vorzogen, in den alten Verein zurückzukehren.

Innerhalb des Vereins entspann sich nun ein reger Wetteifer in Förderung der Vereinszwecke. Allen voran leuchtete Dr. Rickert, der unermüdlich thätig seine reichen Erfahrungen auf dem Gebiete des Consumvereinswesens dem Waareneinkaufsvereine zu Gute kommen ließ und mit seiner Begeisterung auch Andere erfüllte, namentlich einen jungen Görlitzer, Otto Bertram, der auf seiner Wanderschaft mit ihm zusammengetroffen war und jetzt von ihm dem aufblühenden Vereine als Geschäftsführer zugeführt wurde und bis heute die Seele des Vereins ist. Aber auch andere der Neueingetretenen suchten dem Vereine durch Auffinden von Bezugsquellen, durch Werbung neuer Mitglieder, durch Verbreitung richtiger Ansichten über das Wesen der Consumvereine Nutzen zu schaffen.

Einen durchgreifenden Erfolg dieser gemeinsamen Bemühungen nahm man indeß erst dann wahr, als im letzten Quartale 1866 unter Aufgabe des bis dahin innegehaltenen englischen Princips der Beschluß gefaßt wurde, bei strengster Festhaltung der Baarzahlung bei Entnahme der Waare – einer für den Verein wie für die Mitglieder gleichwichtigen Norm, deren Einführung in den allgemeinen Geschäftsverkehr ein mächtiger Hebel unserer Industrie sein würde – den Verkaufspreis so festzusetzen, daß der Zuschlag nur reichlich die Verwaltungskosten deckte. Der Verein hatte nämlich die Erfahrung gemacht, daß das Bestreben, hohe Dividenden zu vertheilen, dazu führen mußte, nahezu dieselben Preise zu halten, wie andere Verkäufer, und daß die Gutschrift der meist nicht bedeutenden Dividende, über die ohnehin den Mitgliedern nicht die freie Verfügung zustand, nur geringen Anreiz zur Entnahme von Waaren aus den Vereinsläden bildete. Man glaubte auf diese Weise einmal dem Vereine zu nützen, indem man ihn in den Stand setzte, in größeren Posten einzukaufen, worin die Hauptbedeutung des Waarengeschäfts liegt, und zugleich die Vortheile dieses neuen Princips noch dem übrigen Publicum zuzuwenden, indem man die Kaufleute nöthigte, nun auch ihrerseits mit den Preisen herunterzugehen.

Bei der Annahme des neuen Princips wurde es nun nothwendig, für die Vertheilung des Gewinns eine neue Norm festzustellen, da eine Controle über das Quantum der entnommenen Waaren aufhörte. Man wählte die Vertheilung nach der Kopfzahl, um nicht die Mitglieder mit höheren Einlagen zu sehr zu bevorzugen, und erhöhte, um die darin liegende Unbilligkeit einigermaßen zu mildern, den Zinsfuß für die Einlagen der Mitglieder auf 62/3 %, wodurch man einen neuen Anreiz zum Sparen geben wollte. Jedes Mitglied, das ein volles Jahr hindurch seinen Beitrag von 10 Pfennigen pro Woche, also von 5,20 Mark für das Jahr gezahlt, oder einen Mitgliederantheil von 75 Mark vollgezahlt hat, ist dividendenberechtigt.

Die bisherigen Erfolge des Vereins haben den Vertheidigern des neuen Princips Recht gegeben.

Ende 1865 betrug die Zahl der Mitglieder 197, am Schlusse des Geschäftsjahres 1875/76 2496; das Mitgliederguthaben ist [601] in derselben Zeit von 2733 Mark auf 322,620 Mark gestiegen, der Geschäftsumsatz von 11,511 Mark auf 1,391,242 Mark, der Reservefonds von 312 Mark auf 39,374 Mark, und während 1865 die Gesammtdividende 480 Mark nach Zuschreibung von 66 Mark Zinsen betrug, hat der Verein diesmal über einen Reingewinn von 46,228 Mark zu verfügen, nachdem 62/3 % auf das Mitgliederguthaben an Zinsen gezahlt oder gutgeschrieben sind.

Für die Steigerung des Umsatzes wie für den Umfang des Geschäfts in einzelnen Waaren geben folgende Zahlen einigen Anhalt, welche den Absatz 1865 und 1875 bezeichnen. Der Verkauf des Salzes stieg von 27,50 Centner auf 5773 Centner, des Zuckers von 14 auf 5348 Centner, der Soda von 7 auf 1470 Centner, der Waschseife von ½ auf 1101 Centner, des Reises von 2,35 auf 2168 Centner, des Kaffee von 8,30 auf 1810 Centner, der trockenen Gemüse (Bohnen, Erbsen, Hirse, Linsen, Graupen, Gries) von 16,48 auf 2618 Centner. Von den erst 1866 eingeführten Waaren ist der Verbrauch des Petroleums von 45,45 auf 6250 Centner, der Heringe von 4 auf 411 Tonnen, der Rosinen und Korinthen von 16,60 auf 587 Centner gestiegen, während der erst 1867 eingeführte Weinverkauf seitdem von 385 Flaschen auf rund 100,000 Flaschen angewachsen ist.

Mit der Vergrößerung des Umsatzes und der Steigerung der Zahl der Mitglieder stand selbstverständlich eine Erweiterung und Vermehrung der Geschäftslocale in Zusammenhang.

Das dunkle und enge Local in der Rosenstraße hatte der Verein schon im Frühjahre 1865 aufgegeben und war nach der gleichfalls in der Altstadt gelegenen Nicolaistraße übergesiedelt, wo der Verkaufsraum ein freundlicheres Ansehen hatte, während als Comptoir, Conferenzzimmer und Niederlage ein nur sechs Fuß hoher Raum diente, zu dem man auf einer leiterartigen Holztreppe emporkletterte. Bald wurde die Errichtung eines zweiten Lagers nöthig, 1867 die eines dritten und dann erfolgte in den Jahren bis 1870, in kurzen Zwischenräumen, nacheinander die Eröffnung von noch sechs anderen Verkaufsstellen. Der Vertrieb in diesen Läden, die ohne jeden Luxus eingerichtet, aber zur Bequemlichkeit der Mitglieder in den verschiedensten Stadttheilen errichtet waren, wurde meist früheren Arbeitern übergeben, die auf Wochenlohn und Tantieme gestellt wurden. Da der Einkauf sie Nichts anging, ein großer Theil der Waaren ihnen auch bereits verpackt und abgewogen übergeben wurde, so war Ehrlichkeit, Sicherheit im Rechnen, Schnelligkeit in der Expedirung und Aufmerksamkeit genügend, sie für den Posten zu qualificiren, und eine genaue Controle mußte das Uebrige thun. In weitaus den meisten Fällen hat der Verein mit der Auswahl dieser Detaillisten ohne kaufmännische Vorbildung Glück gehabt, und Verluste durch Schuld derselben sind nicht zu verzeichnen gewesen.

Der Einkauf der Waaren, also die eigentlich kaufmännische Thätigkeit, fiel dem Geschäftsführer zu, der dabei einen jungen Kaufmann und einige Comptoiristen zur Unterstützung erhielt, unter Mitwirkung des Vorstandes bei allen größeren Einkäufen. Das Ziel, den Verein von den einheimischen Kaufleuten zu emancipiren, war schon sehr bald erreicht, und bald zwang das Auftreten der Material- und Colonialwaarenhändler den Verein, für Colonialwaaren auch von den inländischen Grossisten sich großentheils abzuwenden und an den Seeplätzen seine Einkäufe zu machen.

So lange der Bedarf des Vereins bei den größeren Görlitzern Häusern gedeckt wurde und der Verkauf zu Tagespreisen stattfand, hatten ihn die Geschäftsleute unbehelligt gelassen, ja mit einem gewissen vornehmen Wohlwollen diese Bestrebungen zur Hebung des Arbeiterstandes besprochen. Das änderte sich aber mit einen Schlage, als der Verein Miene machte, für das gesammte Publicum die Preise zu reguliren. Von diesem Momente an begann der theils offen, theils geheim geführte Kampf gegen den „Verein“, wie er seit seiner großen Ausbreitung in der Bürgerschaft schlechtweg hieß und noch heißt. Abschneidung der Bezugsquellen und Auferlegung der Gewerbesteuer waren die Hauptwaffen, mit denen die Kaufmannschaft dem Verein zu Leibe ging, aber all diese feindlichen Maßnahmen trugen nur zur Hebung des Unternehmens bei.

Wie das immer zu geschehen pflegt, hatten sich auch diesmal die Genossenschafter, redlich bemüht, ihre Organisation zu verbessern und ihr Geschäft zu consolidiren, im der Zeit des Kampfes nur noch enger aneinander geschlossen. Man fühlte das Bedürfniß, auch außerhalb der Generalversammlungen Vereinsangelegenheiten zu besprechen und gesellig zu verkehren. So entstand das Lesezimmer, in dem für die Mitglieder unentgeltlich eine große Anzahl von Zeitungen und Journalen ausliegt, neben dem Versammlungssaale, an dem während des Winters fast jeden Sonnabend ein populärer Vortrag für die Mitglieder gehalten wird, beide für jetzt noch in gemietheten Räumen eines ehemaligen Privattheaters, da für diese Zwecke das Vereinshaus nicht ausreichte.

Ein Vereinshaus hatte nämlich bereits im Jahre 1867 die Genossenschaft erworben, ein stattliches altes Patricierhaus an der Petersstraße, unmittelbar neben dem ersten Verkaufslager des Vereins in der Rosenstraße. Die Geldmittel zum Ankaufe des für dem Verein sehr werthvollen Grundstücks wurden in kürzester Zeit gegen Ausgabe von Schuldscheinen von den Mitgliedern beschafft, und nun ward allmählich an den Ausbau des Hauses gegangen, in dem die Weinniederlagen, das Magazin, das Comptoir, das Cassenlocal, die Zuckerschneideanstalt sowie das erste Vertriebslager untergebracht wurden.

So sehr man aber auch die für Vereinszwecke benutzten Räume vermehrte, so wuchsen sie doch nicht in dem Verhältnisse, wie der Umfang des Geschäfts, und da überdies die Versendung der Waaren nach außerhalb, namentlich auch an die befreundeten Vereine, zunahm, welche den Vortheil des gemeinsamen Einkaufs mit dem Waareneinkaufsverein einsahen, da die Weinkeller nicht mehr ausreichten, für das Petroleum auswärts besondere Räume gemiethet werden mußten, überdies für das umfangreiche Kohlengeschäft der Erwerb eines Lagerplatzes an der Bahn nöthig wurde und eine baldige Verlegung der vom Vereine in gemietheten Räumen errichteten Bäckerei in Aussicht stand, auch die Anlegung eines Holzgeschäftes maschinelle Einrichtungen neben einem großen Lagerplatze verlangte, so wurde, sobald die Herstellung einer Schienenverbindung mit der Berlin-Görlitzer Bahn gesichert war, der Ankauf eines etwa zehn Morgen großen, später noch vergrößerten Grundstücks an der Rauschewalder Chaussee und der Bahn beschlossen und dort die Einrichtung des neuen Geschäftshauses des Vereins bewilligt. Die Abschachtung der überflüssigen Erdmassen und die Anschachtung der für die Kellereien bestimmten Räume übernahm die Berlin-Görlitzer Eisenbahngesellschaft.

Dieses Geschäftshaus des Vereins ist es, das sich dem Blicke des in den Görlitzer Bahnhof von Berlin her einfahrenden Reisenden darbietet. Einfach und schmucklos im Aeußern, ohne architektonische Zier, ist es doch wegen der außergewöhnlichen Zweckmäßigkeit seiner Einrichtung und der Solidität seiner Ausführung eine Sehenswürdigkeit von Görlitz und, wenigstens vorläufig, ein Unicum in Deutschland, da kein Consumverein und kein Kaufmannshaus Aehnliches aufzuweisen hat.

Man gelangt auf das Grundstück auf einer breiten Straße von der Chaussee her. Erst wenn man bis an den geräumigen gepflasterten Hof vorgeschritten ist, in dessen Mitte in stattlicher Reihe die Brod-, Kohlen-, Roll- und Flaschenwagen aufgefahren sind, bekommt man einen Begriff von der Ausdehnung des Gebäudecomplexes, der aus einem Stall- und Wirthschaftsgebäude als linkem Flügel, dem Mittelhause mit der Böttcherei und dem Magazingebäude mit anstoßendem Comptoirgebäude auf dem rechten Flügel besteht.

Der weiter nach hinten liegende Petroleumspeicher mit geräumigem Bassin zur Aufnahme des Petroleums bei etwaiger Feuersgefahr verräth, daß die den Hof einschließenden Gebäude nicht die einzigen sind, und geht man einige Schritte weit bis hinter das Comptoirgebäude, so erblickt man eine Anzahl kleiner Bauten, die sich an den Hauptbau anschließen, ein sehr zweckmäßig eingerichtetes Badehaus zu Dampf- und Wannenbädern für Beamte und Arbeiter, die Holzspalterei, in welcher mit einer Wiener Holzspaltmaschine dreizehn Klaftern Holz täglich gespalten werden, und neben dem Dampfschornsteine ein Maschinenhaus mit angrenzender Kaffeebrennerei, in der gleichzeitig drei Kaffeetrommeln mit je fünfundzwanzig Pfund Inhalt durch Dampfkraft bewegt werden.

Daneben liegen der Holzplatz und der Kohlenplatz, welche ebenso wie der Ladeperronschuppen an der hintern Seite des Magazingebäudes den Schienenstrang berühren, auf dem die Eisenbahnwaggons unmittelbar zum Entladen herangefahren werden.

[602] Und nun zurück zu den Hauptgebäuden, die alle massiv aus Ziegeln erbaut und mit Häusler’schen Cementdächern gedeckt sind. In dem nahezu einundfünfzig Meter langen Stall- und Wirthschaftsgebäude befindet sich neben den Remisen der helle Pferdestall mit acht getrennten verschließbaren Ständen, aus denen in der Freizeit die Pferde des Vereins, meist Percherons, neugierig ihre Köpfe strecken, wenn ein fremdes eintritt, und neben diesem der Spirituslagerraum mit den Entfuselungsapparaten, während Heu- und Haferböden und vier Arbeiterwohnungen im ersten Stockwerk angebracht sind. Andere Wohnungen enthält der erste Stock des ungefähr siebenundvierzig Meter langen Mittelgebäudes, dessen links gelegene Räume die Essigfabrik und Böttcherei beherbergen und dessen übriges Parterre zum Bereich des Kellermeisters gehört.

Fast die ganze Länge des siebenunddreißig Meter langen Magazingebäudes hat an der Hoffront einen breiten Lagerperron, der durch zwei große Schiebethore mit dem Speicher in Verbindung steht. Von diesem Perron aus erfolgt die Verladung der den Betriebslägern und dem Engroslager in der Stadt zuzuführenden Waaren, welche aus den mächtigen dreifach über einander liegenden Speicherräumen hierher geschafft werden. Zwei Fahrstühle, mit Dampfkraft getrieben, vermitteln den Verkehr zwischen den über einander liegenden Räumen, deren imponirende Balken und Träger das Gefühl der größten Sicherheit gewähren. Die Mitte des untern Raums nimmt ein nach allen Seiten mit Glasfenstern versehener Comptoirraum für den Magazinverwalter ein.

Mit den Speicherräumen stehen die an der Hinterfront gelegenen Nebenräume in Verbindung: die Zuckerschneideanstalt, in der auf zwei Maschinen die Zuckerhüte in Würfel geschnitten werden und wo der gesammte für den Detailverkauf bestimmte Zucker abgewogen und in verklebte Papierbeutel verpackt wird, die Kaffeebrennerei und der Füllraum, in welchem nach den praktischsten Methoden Flüssigkeiten, als Mostrich, Speiseöl, Syrupe etc., in Gläser und Büchsen gefüllt werden. Am oberen Ende stößt der untere Speicher an den Laderaum am Lagerperron, von dem aus auch eine Oeffnung nach den Kellereien führt; am unteren steht er durch eine Glasthür mit dem Comptoir im Verbindung, aus dem man in das Zimmer des Geschäftsführers und das Sitzungszimmer der Verwaltungscommission und des Aufsichtsraths gelangt. Eine besondere Telegraphenleitung setzt diese Räume mit dem kaiserlichen Telegraphenamte in Verbindung und ermöglicht es, Anordnungen nach der inneren Stadt in wenigen Minuten zu ertheilen.

Das sind die oberirdischen Geschäftsräume des neuen Vereinshauses.

Aber auch unter der Erde lagern Schätze und herrscht ein reges Leben. „Vergiß das Beste nicht!“ ruft dem Besucher die Geisterstimme eines Gnomen von unten zu, und wahrlich, wer Sinn für einen trefflichen Weinkeller und eine Zunge zum Kosten hat, würde Mangel an Instinct zeigen, wenn er es versäumte, die Erlaubniß zum Besuche der Kellereien nachzusuchen, die sich in der vollen Länge des Mittelgebäudes, des Magazingebäudes und des Comptoirgebäudes, in den beiden letzteren sogar doppelt, hinziehen.

Man gelangt in dieses unterirdische Reich durch das Mittelgebäude, in dem Expeditionsraum, Gährstube, Kellermeisterstube, Waschküche und Flaschenlagerraum das Parterre einnehmen, auf breiten massiven Treppen zunächst zu dem Flaschenkeller, wo auf hölzernen Regalen hundertsechsunddreißigtausend Flaschen der verschiedenen Weine lagern, Weine aus Ungarn, Sicilien, Spanien, Frankreich und Deutschland, vom leichten Landweine bis zum feinen Cabinetsweine. Aber das ist nur ein Vorspiel. Von dem Vorraume aus führen zwei Thüren in die Lagerkeller. Dreischiffig mit hohen Bogen der eine, zweischiffig gewölbt der andere, liegen sie in scheinbar unergründlicher Tiefe da, und erst wenn man einen Begleiter mit dem Lichte bis an das andere Ende des großen Raumes geschickt hat, oder die Nummern der nebeneinander liegenden stattlichen Fässer zählt, bekommt man von der Größe der Keller und den im ihnen lagernden Quantitäten eine annährende Vorstellung. Zweimal im Jahre sollen die Räume den Mitgliedern bei voller Beleuchtung geöffnet werden; zum ersten Male geschah das bei der Anwesenheit des Anwalts der deutschen Genossenschaften, Dr. Schulze-Delitzsch, im Mai, wo die Keller mit ungefähr sechshundert Lichtern beleuchtet waren. Der Eindruck, den diese Beleuchtung machte, war großartig; namentlich imponirten die in dem großen Keller liegenden Faßriesen von mehr als siebentausend Liter Inhalt.

Von diesen Kellern aus, deren Inhalt die verschiedenen Weinländer Europas, vorzugsweise aber Frankreich, Ungarn und Deutschland liefern, gehen schon jetzt Sendungen nach allen Gegenden Deutschlands und über dessen Grenzen hinaus. Besonders starken Absatz finden außer den kleinen Würzweinen der Mosel, der Pfalz und der ungarischen Weingegenden, der Medoc- und ungarischen Rothweine zu billigen Preisen die süßen ungarischen Ausbrüche, als Tokayer, Ruster, Menescher, die in halben Literflaschen zu ein Mark zwanzig Pfennig bis ein Mark fünfzig Pfennig verkauft werden, und die gezehrten Ober-Ungarweine im Preise von fünfundsiebenzig Pfennig bis ein Mark. Der Umstand, daß der Verein von den Producenten kauft und mit geringem Aufschlage verkauft, erklärt diese Preise. Uebrigens hat der Verein in seinen Kellereien Weine, die er einzig führt, darunter einen Tokayer-Riesling, der mit dem Charakter des Tokayerweins die Blume des Riesling verbindet. Wenn die aufrichtigen und begeisterten Wünsche, welche bei diesen Weinen auf das Gedeihen des Vereins ausgebracht sind, in Erfüllung gehen, dann ist die Zukunft desselben für alle Zeiten gesichert.
F. B.




Zwei Tage in Lourdes.[1]


Ein heller Frühlingsmorgen lag über den reizenden Thälern und in blendendem Lichte schimmerten die schneeigen Gipfel der Berge in’s Land hinein, als ich mich in Ausführung eines lange gehegten Planes dem freundlichen Lourdes näherte, diesem durch die vielbesprochenen Wallfahrten in jüngster Zeit so bekannt gewordenen Städtchen in den französischen Oberpyrenäen. Freundlich umsonnt, hoch über der malerischen Felsgrotte, begrüßte uns die schmucke gothische Kirche bereits einige Minuten, bevor der Dampfwagen den Bahnhof erreichte. Die bedeutenden Neubauten, hervorgerufen durch den massenhaften Pilgerzudrang, contrastiren auffallend mit dem an sich so unscheinbaren Städtchen, dessen anmuthige Lage aber auf den Reisenden sofort den wohlthuendsten Eindruck ausübt. Eine kleine Festung, im Mittelalter als uneinnehmbar berühmt, beherrscht die geweihten Stätten. Die Gruppirung der ringsum sich erhebenden Hügel, die Romanik der kühn emporstrebenden Felskuppen, die klaren Wellen der das Thalgelände durchströmenden Gare, die so stolz zum Himmel emporragenden „montagnes“ – ein Fleckchen Erde breitet sich unsern Augen aus, wie es entschieden die heilige Jungfrau nicht [603] paradiesischer hätte wählen können, um einer empfänglichen Einbildungskraft in Verklärung zu erscheinen.

Bei unserer Ankunft wimmelten die engen Straßen und Plätze des Städtchens bereits von glaubenseifrigen Pilgern, die in kleinern Gruppen, meist unter Anführung eines Geistlichen, herumbummelten, überall heiterste Feststimmung in den Mienen; Extrazüge in langer Reihenfolge brachten stets neue Colonnen. Wir hatten Mühe, durch die Schaaren bis zum breit und bequem angelegten Wege vorzudringen, der den Wallfahrtsort mit der Grotte verbindet. Hier empfing uns das profane Gewühl und Getriebe des Jahrmarkts; eine Viertelstunde lang reiht sich ununterbrochen Bude an Bude, wo der prosaische Speculationsgeist sich vom frommen Wahne auf’s Reichlichste nähren läßt. Rosenkränze in allen möglichen Spielfarben, Gebetbücher, Bilder, Photographien, Scapuliere, Pilgerflaschen, Stöcke, Nippsachen, Brochen und Medaillons mit der Abbildung der Grotte, Alles in buntester Auswahl, um als theure Angedenken oder ersehnte Geschenke für die Angehörigen vom Pilger heimgebracht zu werden. Zwei in griechischem Costüme phantastisch aufgeputzte Händler boten in reicher Auswahl ihre Waaren edlerer Qualität feil, wie Jerichorosen und Gegenstände, fabricirt aus „Erde des heiligen Landes“, natürlich durch ostensibel vorliegende Urkunden und Siegel als echt bestätigt. In kleinen, auf einer Tafel vereinigten Steinen konnte ein frommes Herz den ersehnten Schauplatz des Neuen Testamentes sich vor Augen führen. Durch diesen Vorhof des Tempels von Jerusalem erreichten wir das Allerheiligste. Ein Eisengitter trennt die Grotte von dem weiten, bis zum Damme des Flusses mit Platten belegten Vorplatze. Die üppig am Felsen emporwuchernden Epheuranken rings um die Höhlung gewähren einen anmuthigen Anblick; aus dem freundlichen Grün lächelt, wie sich die Phantasie der jungen Seherin das Bild der heiligen Jungfrau ausgeschmückt, die Marienstatue von der hohen Nische herab dem Besucher entgegen.

„Je suis l’immaculée conception“ („ich bin die unbefleckte Empfängniß“), diese gleich einem Strahlenkranze im Halbkreise über ihrem Haupte schwebenden Worte in Goldbuchstaben weisen auf die der Verherrlichung des ersten der beiden großen modernen Dogmen geweihte Stätte hin. Zu den Füßen der Madonna aber dampfte der Opferrauch von unzähligen Kerzen empor. Jeder der Neuangekommenen reichte seine Gaben, die in allen möglichen Größen sich vorfanden, dem sammelnden Kirchendiener durch das Gitter hinein. Der Arme hatte sich viel zu bücken, denn aus der vor der Grotte knieenden Menge flogen in fast unaufhörlichem Regen Kupfer- und Silberstücke in diesen weiten Eingang zum bekannten Magen der Mutter Kirche. Sollten diese Spenden dem Bittgebete des Pilgrims mehr Nachdruck verleihen, so zierten die Wände der Höhlung in Masse die gewöhnlichen, so einfach und beredt sprechenden plastischen Gebilde, von welchen der Dichter singt:

„Und wer eine Wachshand opfert,
Dem heilt an der Hand die Wund’.
Und wer einen Wachsfuß opfert,
Dem wird der Fuß gesund.“

Ein Wachsherz von Kevelaer suchte ich indessen vergebens. Es war schwer, durch die vor dem Muttergottesbilde in betende Andacht versunkene Menge sich den Weg zur wunderwirkenden Quelle selbst zu bahnen. Aus einer großen Anzahl von Röhren ergießt sich das heilende Wasser in ein langes, schmales Bassin. Glücklich wer sich dem Quell so nahe brachte, um ungehindert trinken und sich waschen zu können; die Frömmsten zogen gar ihre Schuhe aus, um die Füße im Bassin zu baden. Und wer für sich selbst gesorgt hatte, füllte in heiligem Eifer die Flasche mit diesem frischen, ganz angenehm zu trinkenden Wasser, das die Kraft des Glaubens zum Universalmittel macht – ein ganz einträglicher Handelsartikel, wie die Masse der in einem Nebengebäude aufgespeicherten Flaschen beweist, die gesiegelt zum Verkauf ausgeboten werden und die Runde durch den ganzen katholischen Erdkreis machen. Unvergeßlich wird mir das Bild einer Mutter bleiben, die mit rührender Sorgfalt ihr kränkliches Kind mit dem heilbringenden Wasser wusch, der himmlischen Fürbitterin ihr Liebstes anvertrauend.

Unterdessen hatte der letzte Extrazug die Schaaren der in Lourdes anwesenden Pilger auf die enorme Zahl von ungefähr siebentausend Menschen gebracht, die sich vor der Stadt zum geschlossenen Zuge ordneten, welcher bald in unabsehbaren Reihen an uns vorüber der Grotte zumarschirte. Die Colonnen hatten sich streng nach den Departements, Arrondissements und Ortschaften aufgestellt; jeder Abtheilung voran wehete die Heiligenfahne. Ganz als militärischer Führer, die Ordnung überwachend, schritt der Curé an der Spitze seiner Gemeinde einher; ihm folgten die Spitzen der weltlichen Macht. In langsamem Processionsschritt bewegte sich die gläubige Heerde vorwärts, zum weitaus größten Theile Landleute aus den Pyrenäen, mit den kurzen Blousen, auf dem Kopfe die baskische Mütze, das dunkelblaue Béret, wie wir dasselbe in den Abbildungen aus dem Karlistenkriege zu sehen gewohnt sind, in der Hand oder umgebunden einen Quersack mit Lebensmitteln. Von Andacht oder Begeisterung vermochte ich keine Spur zu bemerken. Die Gesichtszüge verriethen kalte Gleichgültigkeit und gewöhnliche Neugierde, während die Lippen den Rosenkranz abmurmelten, dem vorsingenden Priester im Chore Antwort schrieen oder die zum Theil recht melodisch klingenden Pilgerweisen ertönen ließen. (Die Zahl der durch die Wallfahrten hervorgerufenen Marienlieder ist eine unendliche.) Nur eine größere Gemeinde hatte eine Musikbande mitgebracht, deren lebhafte, höchst unheilige Märsche gar seltsam mit dem Litaneiengeschwirre contrastirten. Sämmtliche Wallfahrer trugen als Brustdecoration ein kleines rothes Kreuz – traurige Epigonen der Eroberer des heiligen Landes! Den Rosenkranz, diese harmlose Waffe unserer Kreuzfahrer, hatten sich viele in riesigen Exemplaren um den Leib geschlungen, sogar Soldaten in voller Uniform, die mitmarschirten, trugen dieses Feldzeichen der heiligen Jungfrau über dem Waffenrock. Den Schluß bildete die Elite der Streiter der Kirche, die Seminaristen, wohl an zweihundert, und die höhere Geistlichkeit in vollem Ornat. Die junge Garde schritt fidel einher, wenn möglich noch andachtsloser als die Heerde, und es wollte mich bedünken, die Augen der angehenden Helden des Cölibats folgten mehr der Anziehungskraft einiger in schmucker Toilette Parade stehender Engländerinnen als der Madonna in der Felsgrotte. Nach einem allgemeinen Gebete zerstreute sich die Menge, um auszuruhen und den Bedürfnissen des Magens Genüge zu leisten. Soweit Platz vorhanden, nahm ein Theil unter einem einfachen für diesen Zweck hergestellten Strohdach an rohen Tischen Platz; andere füllten die unteren Räume der Kirche, vielen aber blieb nur der freie Himmel, unter dem sie denn auch während der Nacht campirten; der geringste Theil konnte in Lourdes selbst Quartier finden.

An interessanten Gruppirungen fehlte es nicht. Sehr gemüthlich berührte das patriarchalische Bild einer im Grase sich lagernden kleineren Pilgerschaar, in deren Mitte der alte geistliche Herr mit seinen Getreuen das frugale Mahl theilte, ein wohlthuender Gegensatz zu den im Sonnenscheine aristokratischer Familiengunst wiederstrahlenden Vollmondsgesichtern unter dem Dreispitz, die im Fremdenhôtel salbungsvoll neben der Frau Mama und den hübschen Beichtkindern an der Table d’hôte saßen und für dieselben das Tischgebet sprachen.

In der geräumigen Kirche waren die Beichtstühle massenhaft umlagert, wie auch an den Wallfahrtsorten Tausende von Hostien bei der Communion gereicht werden; die an so geheiligter Stätte empfangenen Sacramente sind von besonders nachhaltiger Kraft. Das Innere des im gothischen Stile erbauten Gotteshauses ist prächtig geschmückt; die zahlreichen Nischen mit ihren Seitenaltären strotzen von den einem Gelübde zufolge gewidmeten Kostbarkeiten, Täfelchen etc. Die nicht selten hervorschimmernden goldenen Epauletten und Ordenssterne der Ehrenlegion sprechen beredt eine traurige Sprache auf den Fremdling hinab. Ueber unseren Häuptern aber schweben in unendlicher Anzahl reich gestickte, zum Theil prachtvolle Fahnen als Andenken der großen Wallfahrten. Ihre Wappen und Namen weisen auf alle Gegenden Frankreichs und anderer katholischen Länder hin; nicht ohne Ueberraschung begrüßte ich die Farben der Vereinigten Staaten von Nordamerika, recht ostensibel wie ein Triumphzeichen neben der Kanzel aufgepflanzt – das stolze Sternenbanner, die Fahne der Freiheit im Staube zu Füßen des römischen Dogmas! Die zahlreichen Opferstöcke sind für den Pilger ein lebhaftes Memento, daß das Reich Gottes trotz den Worten des Stifters sehr von dieser Welt sei, und wie weit dieses fromme Erpressungssystem für den Peterspfennig, den Unterhalt der Kirche etc. geht, beweist der angeschlagene bischöfliche Erlaß, daß für die bescheidene [604] Summe von fünfhundert Franken (vierhundert Mark) ein Jeder sich den Titel einer „Gründers der Kirche“ (Fondateur, Stifter) erwerben könne, für welche auserwählte Genossenschaft speciell wöchentlich eine Messe gelesen wird. Leider fehlt mir das Material zu einer Statistik dieses „Gründerthums“.

Unterdessen war der Abend hereingebrochen, der uns eine ungewöhnliche Demonstration religiöser Begeisterung vor Augen führen sollte. Die Massen sammelten sich wieder bei der Kirche in bewunderungswürdiger Ordnung, Mann für Mann mit einer Wallfahrtskerze bewaffnet. Langsam und feierlich bewegte sich dieser eigenthümliche Fackelzug zurück durch die Gassen des Städtchens. Verworren ertönte das Absingen der Lieder mit dem Murmeln der Gebete unter dem Klange der Glocken; wie eine unendliche Reihe von Irrlichtern blitzten die brennenden Kerzen in die Ferne durch das Dunkel der Nacht, in majestätischer Ruhe aber glänzten die Sterne herab und lächelten dem Treiben der Pilgerheerde zu, die glaubte, ein wohlgefälliges Opfer darzubringen ihrer milden, jungfräulichen Beschützerin, die weit über den Gestirnen throne als freundliche Fürbitterin beim Allmächtigen.

Eine kurze und harte Ruhe umfing die ermüdeten Wallfahrer meist unter freiem Himmel, in den Straßen oder auf den Bänken und Steintreppen der Kirche.


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Die Grotte von Lourdes.
Nach einer Photographie auf Holz übertragen.


Vor Sonnenaufgang schon schallten die Glöcklein der Messen in ununterbrochener Reihenfolge; die Altäre waren dicht gedrängt von den Frommen umlagert, welche die Communion empfingen; Schaar um Schaar zog in Procession vor die Grotte, „wo man angesichts der weißen lächelnden Madonna das Kreuz immer wieder besser zu schlagen, die Hände zu falten, die Augen zum Himmel zu erheben, die Perlen des Rosenkranzes unermüdlich durch die Finger gleiten zu lassen, wo man die göttliche Kunst des Betens lernt.“ –

Nahe der Kirche führt ein bequemer Weg bis zur Höhe des kleinen „Calvarienberges“, auf welchem während der größeren Pilgerfahrten, wo die vier Wände natürlich keinen Raum mehr bieten, der allgemeine Gottesdienst gehalten wird. Unter dem mächtigen Kreuze erhob sich der Hochaltar, festlich geziert, unweit davon die Kanzel. Gegen neun Uhr Morgens begann die Ceremonie. Bis in die letzte der weiten, weiten Reihen drang die Stentorstimme des Karmeliters, der mit hyacinthischer Beredsamkeit die Bedrängnisse der Kirche schilderte und die Getreuen zu Beharrlichkeit und Ausdauer anfeuerte, welcher unter den Beistande der heiligen Jungfrau der endliche Sieg nicht fehlen werde. Die Morgensonne strahlte in ihrem hellsten Glanze auf die Tausende herab. Belebend zog der frische Luftstrom über die Häupter hin. Zu den Füßen öffnete sich das ganze Panorama der reizenden Thallandschaft, und in schweigender Majestät beherrschten die Pyrenäengipfel die feierliche Scenerie – selbst die kalte Neugierde des Unberufenen mußte weichen und machte einer unwillkürlich bewegten Stimmung Platz. Ist doch die Natur der erste und schönste Tempel, in welchem das religiöse Gefühl angesichts des blauen und unbegrenzten Himmels sich so gern und so frei entfaltet.

Und diese in ruhiger Andacht knieenden Pilger, theilten sie diese Empfindung? Gewiß, doch bewußt war sie ihnen nicht; das Göttliche, wenn es auf sie wirken soll, muß ihnen in Formen erscheinen, die dem Gefühle leicht faßbar sind; die Ideale der Vollkommenheit müssen sie in deren körperlichen Trägern anschauen.

Darum fühlt sich ihr Herz durch das Bild der Muttergottes, der tröstenden Fürbitterin, so gewaltig angezogen. Jahrhunderte hindurch hat der katholische Cultus dafür gesorgt, daß der hohe Gedanke der leeren Form zum Opfer falle; kein Gott ohne Altar, Weihrauch und Messe. Beim dreimaligen Schalle des Glöckleins pochten mechanisch tausend Hände auf die Brust – es wäre eine Sünde, es nicht zu thun. Hat unser Jahrhundert keine Rettung aus diesen Geistesirrungen? – Von der anderen Seite des Hügels klomm eine muntere junge Schaar heran. Die gallische Lebhaftigkeit und Lebenslust blitzte aus den Augen dieser fröhlichen Zöglinge der Erziehungsanstalt, die zahlreich, alle in schmucker Uniform, sich der Frühlingsferiensonne freuten, welche sie aus den dumpfen Pensionatsräumen hervorgerufen. Düster aber schritten neben ihnen die strengen Mentore. Was unter dem schwarzen Dreispitze hervorblickte, war ein Hohn auf die edle, hohe Aufgabe des Lehrerberufes, war Loyola’s Geist. Ein Blick hieß auf der Anhöhe die Fröhlichkeit verstummen; einige Rippenstöße brachten die wildesten der Jungen in Reih und Glied, und mit dem getheilten Gefühle von Scheu und Andacht im Ausdrucke der frischen Gesichter nahte sich die Generation der Zukunft Frankreichs der Stätte des Gottesdienstes. Daß das großartige Schauspiel seinen Eindruck auf die empfänglichen Gemüther nicht verfehlen konnte, ist sehr begreiflich, denn die jugendliche Phantasie, die hier so reiche Nahrung fand, konnte nicht dem Gedanken Raum geben, daß, was jetzt im Herzen des Knaben als fromme Begeisterung glühte, einst im Manne die Quelle einer verknöcherten Bigotterie und finsteren Ignoranz werden müsse.

Während der Nachmittagsstunden kehrten die Pilgercolonnen wieder zurück an den heimischen Herd, in die Stille und Einsamkeit ihrer Bergdörfer, begleitet von den Erinnerungen an die Wallfahrt, die in den Herzen haften wie die Einzelnheiten der ersten Reise in Gemüthe des Knaben. Der Clerus weiß den Festbummeltrieb sehr geschickt für seine Zwecke auszubeuten; der schlichte Bauersmann, der sonst das ganze Jahr kaum von seiner Scholle wegkommt, sieht die Wallfahrt, an der Theil zu nehmen ihm die bedeutend ermäßigte Fahrtaxe sehr erleichtert, gewiß nicht nur von ihrer religiösen Seite an, schreibt aber den wohlthätigen Einfluß, den das Reisen in seiner Stimmung hervorruft, nur einer übernatürlichen Inspiration zu. Der Katechismus hat ihn gewöhnt, für alles, was sein Gefühlsleben bewegt, überirdische Quellen zu suchen.

Der Anblick der vielen Kranken am geweihten Wasser führt uns auf die sehr materielle Seite dieser Gnadenorte; daß die Heilkraft nicht im Glauben und inbrünstigen Gebete, sondern im rein Aeußerlichen, dem unschuldigen Wasser gesucht wird, beweist der Umstand, daß fromme Leidende, die z. B. in Paray-le-Monial nicht erhört werden, zur concurrirenden Madonna in Lourdes pilgern, wie Patienten, die nach Bedürfniß ihre Curorte wechseln. –

Das Quellwasser muß gegen alle Gebrechen, die des Körpers wie die der Seele, seine Dienste leisten. Die Herzensgeheimnisse heirathsfähiger Mädchen sind nicht zum geringen Theile die Grundlage der Bitten, mit denen die heilige Jungfrau bestürmt wird. Die Resultate aber, die vielgepriesenen Wunder in ihrem Nichts bloß zu legen und mit den Waffen unumstößlicher Wahrheit dem frommen Betruge auf den Leib zu rücken, wäre eine

[605]
Die Gartenlaube (1876) b 605.jpg

Ansicht von Lourdes.
Nach einer Photographie auf Holz übertragen.

[606] äußerst verdienstvolle Aufgabe; wenn der heutige Culturkampf von einem wirklichen Erfolge gekrönt werden soll, so müssen Bildung und Wissenschaft sich in’s Vordertreffen stellen.

Unterdessen dauern die Wallfahrten in zunehmender Stärke fort; kaum vergeht ein Tag, ohne daß größere oder kleinere Processionen am Wunderorte im Triumphzuge der unseligsten Priesterherrschaft ihre Huldigungen darbringen. Unaufhörlich brennen die geweihten Kerzen vor dem Bilde der Madonna, der „unbefleckten Empfängniß“. Im schönen Frankreich wuchert von Tag zu Tag üppiger die verderbliche Saat des Pfaffenthums; der starke und wohlgerüstete Clerus führt mit bestem Erfolge seine bewährten Waffen in’s Feld. Im spöttelnden Indifferentismus der andern Seite findet er keine Gegner; die gegenwärtigen Staatszustände arbeiten seinem Bestreben wirksam in die Hände, und wo allein die Rettung gefunden werden könnte, in einer kräftigen, allseitigen Hebung der Schule, da herrschen fort und fort die alten, verrotteten, faulen Zustände – wozu auch Aufklärung für diese „crétins“? Armes Volk!
Wx.




Weltausstellungsskizzen.
Von R. Elcho.
4. Ein Gang durch’s Hauptgebäude bis zum Orient.


In einer Sonntagsschule wurde an die amerikanische Jugend die Frage gerichtet: „Wer war der erste Mann der Welt?“

Sofort meldet sich ein intelligenter Yankeeknabe zum Wort und antwortete kurz und bestimmt: „George Washington.“

Da sich die Schule gerade beim Bibelunterricht befand und George Washington ein Kind der Aufklärungsperiode war, so erklärte der Lehrer die Antwort für Unsinn und gab Adam die Ehre, welche die Bibel seit Jahrtausenden für ihn in Anspruch nimmt.

Etwas verstimmt setzte sich der Kleine und murmelte: „Freilich, wenn Sie von Ausländern reden –“

Wer nun durch die reichen Gruppen der Luxusindustrie wandelt, der muß sehr bald den Glauben des kleinen Yankeeknaben theilen, daß George Washington der erste, das heißt der größte Mann der Welt sei, denn in den Abtheilungen fast aller Völker finden wir sein Bild. Eine Washingtonbüste thront über der Bronzeausstellung der Franzosen, eine andere über den Fayencen von Limoges. Die Spitzenfabrikanten Belgiens brachten das Bild des großen Mannes in ihre Muster; die Engländer modellirten seine Büste in Biscuitmasse und Terracotta; die Italiener schnitzten Washingtonköpfe aus Holz, brachten sie auf Gemmen und Mosaikbildern an; kurz bei den Kunsthandwerkern fast aller Nationen scheint der Gedanke zum Durchbruch gekommen zu sein, daß sich in der Person Washington’s die Summe aller republikanischen Tugenden verkörpere, daß er der würdigste Repräsentant der hundertjährigen Republik sei. Dem Amerikaner thun diese Sympathien unendlich wohl; sie stimmen ihn zu einer Bescheidenheit, welche man sonst nicht an ihm gewohnt ist. Bei solchen internationalen Unternehmungen erwecken anscheinend geringfügige Dinge Freundschaft.

Von allen Nationen, welche die Producte ihrer Industrie in der Haupthalle untergebracht haben, nimmt die amerikanische den bedeutendsten Raum ein. Die amerikanische Abtheilung beansprucht etwa drei Viertel von der östlichen Hälfte des riesenhaften Gebäudes. Amerika am nächsten kommt England mit seinen staunenswerthen Reichthümern, zu denen alle überseeischen Colonien beitragen. Frankreich steht diesen beiden Nationen qualitativ vollkommen ebenbürtig zur Seite, wenn es auch der Masse nach imposanter hätte auftreten können. Deutschland und Oesterreich begnügten sich mit einem allzu bescheidenen Platz in der internationalen Gesellschaft, die scandinavischen Königreiche dagegen machten die tapfersten Anstrengungen, um ihre heimische Industrie auf amerikanischem Boden würdig zu repräsentiren, ebenso Italien und Spanien. Was die letztere Nation betrifft, so muß es geradezu Wunder nehmen, daß diese trotz all’ der blutigen Parteikämpfe, welche das Staatsgebäude zu zerrütten drohen und den Wohlstand längst untergraben haben, doch noch die Kraft fand, so wacker gerüstet in den internationalen Wettkampf einzutreten. Die reichhaltige spanische Abtheilung ist von einem prächtigen Holzbau umschlossen, dessen Façade an einen rothen Porphyrpalast aus der Renaissanceperiode erinnert. Auf den Wandflächen der Vorderseite prangen auf lichtem Goldgrund die Portraits von Columbus und seiner Gönnerin Isabella, und an der inneren Seite die von Cortes und Ponce de Leon, wobei die Thatsache mit goldenen Lettern verzeichnet steht, daß Christoval Colon am Tage des 8. October 1492 die neue Welt entdeckt habe. Hoch über dem breiten Thorweg prangt ein allegorisches Gemälde: Spanien zieht den Schleier von Amerika und enthüllt dies so den Blicken der alten Welt. – Stolz lieb’ ich den Spanier. – Ob der Stolz noch heute seine Berechtigung hat, wollen wir hier unerörtert lassen; die majestätische Palastfaçade hält wenigstens, was sie verspricht, eine relativ reiche und jedenfalls interessante Ausstellung. Auch das Kaiserreich Brasilien hat die Erzeugnisse seiner jungen Industrie in glänzender Weise durch eine buntfarbene maurische Säulenhalle umrahmt, und das unglückliche Mexico, bei dem der Wille gut, aber die Kraft schwach war, schloß seine kleine Ausstellung durch einen weißen Holzrahmen ein.

Die Vereinigten Staaten zeigen in ihrer Ausstellung, welche hohe Bedeutung sie dem Unterrichtswesen beilegen. Die breite Galerie, welche in einer Höhe von etwa fünfzig Fuß an der ganzen Innenseite der Halle herumläuft, ist von den einzelnen Staaten als Ausstellungsplatz für Erziehungswesen mit Beschlag belegt. Nur der Staat Pennsylvanien hat zu diesem Zwecke einen besonderen Pavillon errichtet. Unter allen diesen Schulausstellungen erweist sich die des Erziehungs-Departements vom Staate Massachusetts als die glänzendste. Durch eine Masse ausgelegter Schularbeiten wird es dem Beschauer klar, wie segensreich hier die öffentlichen Unterrichtsanstalten wirken. Mehrere Räume nehmen die Leistungen der technologischen und landwirthschaftlichen Institute ein, welche auch jedem Schüler unentgeltlichen Unterricht ertheilen. Es drängt sich hier dem Besucher der stillen Räume eine solche Fülle von Maschinenconstructionen, Muster- und Kreidezeichnungen, physikalischen Apparaten, Abhandlungen über naturwissenschaftliche Themata und anderen Arbeiten der Zöglinge jener Anstalten entgegen (welche so gewissenhaft wie irgend möglich ausgeführt sind), daß man an der Leistungsfähigkeit jener Institute kaum zweifeln kann. Von den übrigen Staaten hat Schweden eine Lehrmittelausstellung in einem eigens dazu erbauten Schulhause veranstaltet, welches mit seinem säulengetragenen Vorbau, den schlanken Galerien und dem Schindeldache als ein Muster geschmackvoller Holz-Architektur gelten kann. Das Classenzimmer liegt zu ebener Erde und ist ungemein hell und luftig; Tische und Bänke sind zweckmäßig eingerichtet, und was die Lehrmittel betrifft, so giebt es da eine Fülle naturgeschichtlicher Abbildungen, geographischer Karten und Lehrbücher und schön gearbeiteter physikalischer Instrumente. In Schweden wie in Amerika sind in den Volksschulen militärische Exercitien eingeführt, um dem Körper des Schülers nach dem langen Stillsitzen auf den Schulbänken die so nothwendige Bewegung zu verschaffen; es sind zu dem Ende auch kleine Gewehre für die Schüler vorhanden. Noch einen verwandten Zug haben die amerikanische und schwedische Volksschule, daß nämlich beide reichhaltige Volksbibliotheken (auch für Erwachsene) besitzen, welche der Lehrer verwaltet. Belgien hat in seiner Abtheilung gleichfalls eine Volksschule eingerichtet, mit Vorzimmer, Schulstube und Lehrmittelausstellung, in welcher wir das amerikanische System weiter entwickelt finden. Das Classenzimmer ist luftig; die Bänke und Tische sind möglichst bequem eingerichtet, und für den Anschauungsunterricht ist das denkbar Mögliche gethan. Die Lesefibeln enthalten Abbildungen. Naturkörper sind in reicher Menge vorhanden, und besonderer Werth wird auf die Kenntniß der heimischen Industrie gelegt. So sind in der Schule Pappschachteln vorhanden, von denen jede irgend ein Rohproduct des Ackerbaues oder Bergbaues enthält, und zu diesem gesellen sich dann eine Reihe von Proben jener Fabrikate, die aus dem Rohproducte gewonnen werden. So enthält – um ein Beispiel anzuführen – eine Schachtel ein Stückchen Eisenerz, daneben findet der Schüler [607] nun Proben der aus diesem Mineral gewonnenen Fabrikate, als da sind: Gußeisen, Stahl, Schmiedeeisen, Stahlfedern, Kettenglieder etc. So vortrefflich dieses System ist, so zweifelhaft erscheint bei näherer Betrachtung des Stundenplans das Resultat, denn der Religion, die bekanntlich mit dem Wissen nichts gemein hat, ist so viel Zeit gewidmet, daß unter der gütigen Fürsorge der Schulpatres und Schulschwestern die Naturgeschichte den lieben Kleinen aus Flandern und Brabant wenig Kopfzerbrechens machen wird.

Die Niederlande haben eine Ausstellung von Lehrmitteln und Schülerarbeiten ihrer Kunstschule zu Rotterdam veranlaßt, welche 1869 gegründet wurde, nur Knaben im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren unentgeltlichen Unterricht in der Technologie und den bildenden Künsten zu gewähren. Mehrere Cantone der Schweiz haben gleichfalls eine Lehrmittelausstellung ihrer Volks- und Gewerbeschulen veranlaßt, ebenso England und Canada. Das letztere hat das Mutterland bezüglich des Erziehungswesens fast in Schatten gestellt, und was in dieser canadischen Ausstellung besonderes Interesse erweckt, das sind die Lehrmittel für Blinden- und Taubstummenanstalten, welche allesammt Zeugniß geben von dem Geiste der Menschenliebe, welcher die Lehrer solcher Anstalten beseelen muß. Die amerikanischen Staaten haben zum Theile ebensolche Ausstellungen ihrer Blinden- und Taubstummen-Institute veranstaltet, und selbst das halbbanquerotte Mexico hat die Arbeiten seiner Wohlthätigkeitsanstalten zur Schau gestellt.

Eine hochinteressante Lehrmittelausstellung, namentlich in ethnographischer Beziehung, ist die des pädagogischen Museums zu Moskau, als deren eigentlichen Veranstalter sich der russische Kriegsminister nennt; es hat demnach den Anschein, als wäre die wahrhaft großartige Sammlung vorzugsweise den Militärschulen zur Benutzung angewiesen. Auch einer norwegische Schulstube muß ich schließlich noch Erwähnung thun, in welcher Schülerarbeiten, sehr hübsche Karten zur Kenntniß der heimischen Thier- und Pflanzenwelt, der Verkehrswege und der fremden Ländergebiete, ausgelegt sind; außer einem Globus finden wir dann noch Abbildungen der heimischen Volkstrachten und einen Touristenanzug. In Norwegen und Schweden macht man die Heimathskunde zum Ausgangspunkte für Geographie und Geschichte; so sehr man dies immer loben muß, so begreift man doch nicht recht, wie die Touristenausrüstung in die heiligen Hallen einer Schulstube kommt, selbst wenn man annehmen wollte, daß norwegische Schulmeister mit ihren Zöglingen in den Ferien praktische Heimathskunde trieben.

Deutschland und Oesterreich, welche in Bezug auf Schuleinrichtungen, Lehrmittel und Leistungen der Volks- und Mittelschulen den Besuchern der Weltausstellung zu Wien so vieles zu zeigen hatten, ließen diesmal das Erziehungswesen ganz außer Acht.

Zum Glück für Deutschland trat der Buchhandel recht kräftig ein, und so fanden die Fremden in der wahrhaft geschmackvoll eingerichteten Gruppe deutscher Verlagswerke einen ziemlich reichen Vorrath an guten pädagogischen Schriften und vorzüglichen Kartenwerken. Gewiß darf man annehmen, daß sich das Wesen eines Volkes in seiner literarischen Production wiederspiegelt, und wenn wir dem deutschen Buchhandel in der Centennial-Ausstellung eine eingehendere Beachtung schenken, so müssen wir gestehen, daß keine andere Nation in diesem Spiegel eine so große Vielseitigkeit und gleich gesunde geistige Richtung offenbart. Aus der Masse von Jugendschriften und Familienjournalen, deren wir uns erfreuen, geht ferner hervor, daß unser deutsches Familienleben in allen Schichten der Gesellschaft ein inniges ist. Wir haben auch Freude am Schönen; das beweisen die guten Illustrationen der Unterhaltungsblätter und Dichterwerke, die musikalischen Werke unserer Componisten, die große Menge der Farbendruckbilder, welche das Heim der weniger Bemittelten schmücken sollen.

Die Ausstellung französischer Verlagsbuchhändler ist nur insofern glänzender als die deutsche, als es einige Pariser Firmen, in deren Händen sich beinahe der ganze französische Buchhandel concentrirt, leicht wurde, die besten Werke aus jedem Zweige der literarischen Production zusammenzustellen und dann Prachtwerke in die vorderste Linie zu stellen, wie Doré’s „Dante“ oder jene berühmten Evangelien, an denen drei der besten französischen Maler arbeiteten und deren Herstellung der Firma Hachette 1,200,000 Franken gekostet haben soll.

Die amerikanische Buchhändlerausstellung ist die charakteristischste von allen, denn in dem schönen zweistöckigen Pavillon, den dieselbe einnimmt, gehört der untere Stock zum großen Theil den Bibelgesellschaften, welche das Buch aller Bücher in zweihundert Sprachen ausstellten, dann den Methodistengemeinden mit ihren Erbauungsschriften und den Mäßigkeitsvereinen und ihren Warnungsschriften und Bekehrungstractätchen. Neben diesen Gesellschaften fand man übrigens eine Ausstellung der Association für sociale Wissenschaften, deren Wirksamkeit eine überaus lobwürdige ist, denn dieselbe strebt mit großer Energie den socialen Fortschritt an. Fast der ganze obere Stock ist den pädogogischen Schriften eingeräumt, und vom Kindergarten bis zur Universität finden wir alles vertreten, was die Union an guten Lehrmitteln aufzuweisen hat. Von den großen Verlagsbuchhandlungen haben nur wenige ausgestellt, und unter diesen wenigen hat die Firma Lippincott und Comp. in Philadelphia einen besonderen Pavillon gebaut. Erwähnung verdient die überraschende Thatsache, daß man in der Ausstellung der Amerikaner die geschmackvollsten und solidesten Buchbinderarbeiten fand.

Eine Ausstellung, welche dem Erziehungswesen eigentlich sehr nahe steht, hatte Mr. Bergh, der Präsident des New-Yorker Vereins zur Verhütung von Thierquälerei veranstaltet. Dies war die originellste und seltenste Erscheinung, welche man je auf einer Ausstellung sah, denn sie bestand in blutbesudelten Kampfhähnen, halbzerrissenen Bulldoggen, zerschossenen Tauben, den Photographien von geschundenen und abgetriebenen Pferden, Marterinstrumenten, mit denen brutale Kerle das arme Vieh gepeinigt hatten, und was dergleichen Dinge mehr sind, welche gegen jene Ungerechten zeugen, die sich nicht ihrer Thiere erbarmten. Bergh, der unerschrockene Vertheidiger mißhandelter Geschöpfe, ging bei dieser Ausstellung, die vielleicht nicht ganz in den Rahmen eines Industriepalastes paßt, von einem sehr richtigen Grundgedanken aus; er wollte nämlich den Thierquälern, so weit sie, bestraft oder unbestraft, in der Welt herumlaufen, zeigen, daß die geringe Buße, welche der Polizeirichter dem einen oder anderen unter ihnen auferlege, das begangene Unrecht allein nicht sühne, sondern daß es eine noch empfindlichere Strafe gebe, die Verachtung aller guten Menschen, darum bezeichnete er jedes gemarterte Thier und jeden Prügel mit dem Namen und der Strafe dessen, welcher der Thierquälerei als schuldig befunden wurde. Wie schonungslos Mr. Bergh in diesem Punkte vorging, beweist der Umstand, daß er auch die Patent-Office zu Washington mit an den Pranger stellt. Diese hatte nämlich ein Maschinchen zur Anfertigung sogenannter Stachelleder patentirt, welche thierquälerische Kutscher derart am Gebiß der Pferde anbrachten, daß sich bei jedem Ruck die Stacheln in das weiche Maul der Thiere eingruben. Bergh stellte nun das Thierquälermaschinchen so aus, daß dem Beschauer sofort das Patentzeichen in die Augen fiel.

Was das eigentliche Kunstgewerbe betrifft, so nimmt fast bei allen modernen Völkern die Kunsttöpferei den breitesten Raum ein. Im Grunde sollte man das auch natürlich finden, denn die Cultur eines Volkes beginnt beim Kochgeschirr. Seltsamer Weise hat das modernste aller Culturvölker, das amerikanische, in diesem Punkte so gut wie nichts geleistet. Seine Porcellane und glasirten Waaren sind geschmacklos in der Form wie in der Bemalung; nirgends verräth sich ein schöpferischer Zug, und auch seine Terracotten sind in jeder Beziehung unbedeutend. Die Amerikaner haben auf diesen Felde von den Franzosen, Engländern und Deutschen noch unendlich viel zu lernen. Was die vornehmste Seite der Kunsttöpferei betrifft, ich meine die Porcellanmanufactur, so war die Schöpfung Bötticher’s, das alte Meißen, gar nicht vertreten, Berlin hatte dagegen seine stolzen Vasen, die von bedeutenden künstlerischen Kräften bemalt sind, in der Rotunde aufgepflanzt und erntete damit viel Bewunderung. Es sind meist Nachbildungen berühmter Meisterwerke und zwar Compositionen erhabener Stils, welche man als Decoration dieser Porcellanvasen verwandte, und das ist im Grunde falsch, denn großartige Schöpfungen gewinnen nicht durch die Verkleinerung. Gelungen in der Form waren fast alle diese Prachtstücke. An schönen Gebrauchswaaren hatte die königlich preußische Porcellanmanufactur einen gefährlichen Rivalen an der französischen Staatsmanufactur zu Sèvres, die zwar nicht selbst ausgestellt hatte, aber doch durch einige vorzügliche [608] Produkte vertreten war. Die französischen Teller und Tassen zeichnen sich alle durch eine besondere Leichtigkeit und Feinheit in der Form aus, Vorzüge, welche nur im Materiale, jener berühmten Kaolinerde, und nicht in einer verfeinerten Technik ihren Ursprung haben. Die meiste Bewunderung unter allen Porcellanausstellern fand der Engländer Daniell mit einigen Pâte sur pâte-Vasen. Es sind das Stücke mit schwarzer, rother oder grüner Grundfarbe, auf deren glänzender Fläche weiße Figuren sich nach Art der Cameen abheben. Die weiße Porcellanschicht des Ornaments ist so dünn, daß der farbige Untergrund leicht durchschimmert. So erscheinen die Frauen mit den classischen Formen und der flatternden Gewandung, die reizenden Bübchen und Engelsköpfe, welche als Ornament der Vase dienen, wie von zartem Farbenglanze durchleuchtet. Diese Arbeiten sind unstreitig das Schönste, das bisjetzt auf dem Gebiete der Kunsttöpferei geleistet wurde. Die Franzosen dürfen sich rühmen, auch diese Technik in’s Leben gerufen zu haben.

Die Fayence, welche künstlerischem Schaffen weniger Schwierigkeiten bereitet, als das Porcellan, hat sich ein weites Gebiet erobert, und wir sehen bei den Franzosen und Engländern Vasen von großer Schönheit in diesem schlechteren Material ausgeführt. Die Franzosen mit ihrem glücklichen Farbensinn leisten in der harmonischen Zusammenstellung der Farben wahrhaft Ueberraschendes, und einige Vasen der Fabrik zu Limoges sind von berauschender Farbenpracht, auch unter den Palissywaaren finden sich reizende Stücke. Die Italiener fertigen noch immer Majolikas nach alten Vorbildern an; so dürftig hier die Bemalung in der Nähe erscheint, so vortrefflich wirken Farbe und Zeichnung aus einiger Ferne. Schweden hat schöne Statuetten und Vasen in Biscuitmasse und Fayence ausgestellt, und in dieser Gruppe sehen wir auch farbige Kachelöfen, welche der Nachahmung würdig erscheinen. Dänemark, die Heimath des idealen Thorwaldsen, hat Urnen und Vasen aus Terrakotta mit antiken Formen und Zeichnungen in großer Menge über’s Meer geführt, an denen Reinheit der Linien und eine vortreffliche Farbenzusammenstellung zu rühmen sind. Aus dem Kannebäckerländchen bei Coblenz und einer Fabrik in Znaim sind schöne Steingutwaaren, mittelalterliche Krüge und Humpen eingesandt worden, und ein Schotte hat eine hübsche braune Gebrauchswaare zur Schau gestellt, welche an die Bunzlauer Geschirre erinnert, von denen leider jede Probe auf der Ausstellung fehlte.

Die Engländer, deren schöne Doultonwaaren hier wie in Wien großes Gefallen erregten, zeigten, welcher praktischen Verwerthung die Terrakotta fähig sei. Zuerst hatten sie aus diesem Materiale eine gothische Kanzel von großer Schönheit ausgestellt und dann die Umrahmung eines großen Kamins, welcher in decorativer Beziehung zu den prächtigsten Arbeiten der Haupthalle gehört. Eine sehr gefällige Wirkung bringen ferner die Terrakotten eines englischen Fabrikanten hervor, welcher an Statuetten verschiedene Farbennuancen durch die Anwendung verschiedener Thonarten erzielt. So erscheint beispielsweise das Gesicht und der Körper eines Knaben hellgelb, fast weiß und seine Gewandung dunkelroth.

Unter allen Glasausstellungen haben sich die der böhmischen Fabrikanten den ersten Platz erobert, und man sieht vorzugsweise bei Lobmeyer in Wien Tafelgeschirre von bewundernswerther Schönheit. Die Erben Phöniciens, die Venetianer, thun sich durch ihre farbigen Glasperlen, Glasmosaikarbeiten und jene kleinen Toilettenspiegel hervor, die von Spitzen und Blumen umrahmt zu sein scheinen und vorzugsweise aus Salviati’s Werkstätten in vollendeter Form hervorgehen.

In Bezug auf reiche Zimmerausstattung bleibt die Centennialausstellung weit hinter Wien zurück, denn die großen Pariser und Londoner Decorateure waren nicht auf der Ausstellung erschienen und eine englische Firma hatte außer einem üppigen Schlafzimmer von gutem Farbenarrangement wenig Beachtenswerthes aufzuweisen. Man mußte also die einzelnen Theile der Einrichtung, wie Möbel, Teppiche, Tapeten, Kaminen etc., besonders in Betracht ziehen.

In Bezug auf Kunsttischlerei haben die Amerikaner so gewaltige Anstrengungen gemacht, daß sie alle anderen Nationen vollkommen erdrückten, selbst die Italiener, welche Imitationen von Florentiner Prachtmöbeln aus dem fünfzehnten Jahrhundert ausstellten, an denen die Holzschnitzerei von außerordentlicher Feinheit und Schönheit ist. Die New-Yorker Möbelfabrikanten aber wiesen Prachtstücke auf, bei denen Aufbau und Ornamentation in gleicher Weise vollendet erschienen. Auch an geschmackvollen und soliden Arbeiten für die Mittelclassen hatten die amerikanischen Möbelfabrikanten den größten Reichthum. Die praktische Erfindungsgabe des Amerikaners verleugnet sich auch bei diesem Industriezweige nicht. So sehen wir ein ganzes Cabinet mit Bett, Schrank und Toilette, das sich im Umfange eines mäßig breiten Schrankes zusammenschieben läßt, sodaß von dem ganzen Schlafzimmer nichts mehr übrig ist als ein Decorationsstück, das die Wand bedeckt. Die Engländer glänzen im wahren Sinne des Wortes durch ihre schönen Messingbettstellen und Wiegen, die Oesterreicher durch ihre gebogenen Möbel mit den naturgemäßen schwungvollen Formen, die Franzosen durch eine Reihe zierlicher Ebenholzmöbel, denen schönbemalte Fayenceplatten als Ornament dienen.

In der Kunst, prächtige Marmorkamine aufzubauen, haben die Amerikaner die Franzosen und Belgier erreicht, auch imitiren dieselben Marmorkamine mit Mosaikeinlage durch bemalte Schieferplatten in überaus täuschender Weise. Im Aufbauen stolzer Holzkamine mit Fayenceeinlagen sind die Engländer Meister.

Was die Teppichwirkerei angeht, so haben sie, da sie seit Jahrzehnten die besten Arbeiten Indiens, Persiens und der Türkei nachahmten, jetzt eine Sammlung von solchen Teppichen zusammengebracht, die zum Theil in Durham, theils in Indien selbst gearbeitet sind, deren Farbenpracht unser Auge füllt, wie rauschende Akkorde unser Ohr. Es ist wunderbar, wie diese stilisirten Blumen, Sterne, Ranken und Vögel zu einem einzigen farbensatten Bilde zusammenschmelzen, das die gewaltige Fläche füllt, ohne sie zu zerstören. Die holländischen Fabriken zu Delft und Deventer imitiren auch orientalische Muster, allein noch fehlt diesen Arbeiten der zarte Farbenschmelz. Die Amerikaner fangen jetzt erst an, die aufquellenden grellfarbenen Blumensträuße in der Musterung aufzugeben und sich die stilvollen Arbeiten des Orients zum Vorbilde zu nehmen.

Wenden wir uns zu der Weberei, so haben wir vor Allem der niederländischen und französischen Gobelins zu gedenken. In diesem Zweige der Kunstindustrie wird heute so Großartiges geleistet, daß die Malerei kaum noch ein Werk besitzt, das die Gobelinweber nicht nachzuahmen vermöchten. Einige Arbeiten der französischen Staatsgobelinmanufactur sind von so hoher künstlerischer Vollendung, daß die Ausstellungscommission sie in die Kunstgalerie verwies. Spanien hat aus seinen königlichen Palästen Gobelins ausgestellt, die jedoch in Bezug auf Colorit wie scharfe Contourirung weit hinter den Arbeiten der Neuzeit zurückbleiben. Am besten lassen sich Gobelinbilder im Watteau’schen Stile verwenden, und die weitaus größte Zahl der ausgestellten Arbeiten besteht aus Nachahmungen jener anmuthigen Gemälde aus der liederlichen Zeit der französischen Regentschaft.

Das ganze Gebiet der Textil-Industrie ist sehr reich vertreten. Frankreich steht allen anderen Völkern in der Anfertigung herrlicher Seiden- und Sammtstoffe sowie köstlicher Brokate voran. Deutschland hat auf diesem Gebiete auch sehr schöne Waaren aufzuweisen; namentlich sind Elberfelder und Crefelder Seidenstoffe und sehr hübsch gefärbte Baumwollsammte einer Fabrik zu Linden (Hannover) bemerkenswerth. An reichen Spitzendessins ist so große Auswahl vorhanden, daß die Jury ihre liebe Noth haben wird, zu entscheiden, wem der große Preis gebührt, den Brüsseler, den sächsischen oder den Wiener Fabrikanten. England bildete aus seinen vortrefflichen Tuchen, feinen Leinenwaaren, reichen Tisch- und Bettdecken mit farbiger Bordure und Reisedecken eine so reiche Gruppe, daß es dem Beschauer sauer wird, sich durchzufinden. Die englischen Fabrikanten haben jetzt als Reisedecken eine seidenartige Pelzimitation eingeführt. Die Spanier zeichnen sich durch farbenprächtige Wollportièren und geschmackvoll gemusterte farbige Hemden aus. Californien gebührt der Ruhm, die weichsten Wolldecken und Flanellstoffe zu besitzen.

Ein weiteres Gebiet des Kunstgewerbes beherrschen die Franzosen fast unumschränkt, das der Bronzetechnik, und obgleich die hervorragendsten Pariser Firmen in dieser Gruppe fehlen, sieht man doch einen wahren Wald von Lampenträgern, Statuetten, Gruppen und Lüstren, bei welchen man die geniale Zeichnung und den Reiz der Farbe in gleichem Maße bewundern [609] muß. Die Franzosen haben nämlich die Kunst, durch Bronzemischungen verschiedene Farben herauszubringen, so gründlich studirt, daß sie an einer Figur die verschiedensten Abstufungen für den Körper, die Gewandung und das Geräth anbringen. Die geschmackvollsten und reichsten Bronzekronleuchter hatten New-Yorker Firmen ausgestellt.

Auf keinem Gebiete der Kunstindustrie herrscht vielleicht ein so reger Wetteifer, wie auf dem der Gold- und Silberarbeiten. Die amerikanischen Juweliere sowie Elkington aus London haben sich vollkommene luxuriös ausgestattete Läden eingerichtet. Und in diesen glänzenden Räumen findet man Tafelaufsätze aus getriebenem Silber, deren Werth auf fünfundzwanzig- und dreißigtausend Dollars veranschlagt ist, und Prachtgeräthe, in denen die Kunst des Orients wieder auflebt. Da fallen persische Silbergeschirre in’s Auge, die sich aus lauter glitzernden Streublumen aufzubauen scheinen, farbige Nielloplatten, indische Kühlgefäße aus Silber mit reicher Vergoldung, Silberschilde in Benvenutostile, Diamanthalsbänder im Werthe von hundertzwanzigtausend Dollars, und was dergleichen strahlende Dinge mehr sind.

In England und Amerika förderten die Clubs die Silberindustrie, die Prachtliebe der Frauen aber die Goldschmiedekunst mächtig. Unsere deutschen Bijouteriefabriken zu Hanau, Pforzheim und Schwäbisch-Gmünd haben auch in einer reichen Collectivausstellung sehr geschmackvolle Arbeiten aufzuweisen; in der englischen Abtheilung sind Dubliner und Edinburger Juweliere mit Schmucksachen aufgetreten, welche einen nationalen Charakter an sich tragen, und in der italienischen haben Castellani, Bellezza und Andere die altrömischen Formen, wie man sie zu Pompeji und Herculaneum, wie bei den Bauern des heutigen Italiens fand, wiederbelebt. In Bezug auf Silberfiligranarbeiten treten mit den Italienern die Silberschmiede von Christiania in eine siegreiche Concurrenz. Die österreichischen Granatschmucksachen sind ebenso sehenswerth, wie die allerliebsten Werke der Kleinplastik, wie sie die Wiener Galanteriewaarenhändler ausgestellt haben, reizende Dinge in Bronze und Email. Dazu darf man auch die Arbeiten in Meerschaum und Bernstein rechnen, worin Wiener Fabrikanten geradezu Bewunderungswürdiges leisten. Die Ausstellung französischer Emailarbeiten ist eine glänzende; sie beweist uns, daß wir auf diesem Gebiete die Kunstfertigkeit vergangener Jahrhunderte wieder erreicht haben.

Es wäre noch Manches zu erzählen von den tauschirten Arbeiten des Spaniers Zuloaga, in denen die fast untergegangene Kunst maurischer Waffenschmiede wieder auflebt, von den Leistungen moderner Waffenfabriken, von den handlichen Arbeitswerkzeugen der Amerikaner, ihren gefälligen Buggies, dem enormen Reichthume an ausgestellten Chemikalien und anderen Dingen, die sehenswerth sind, allein der Raum dieser Besprechung ist bereits weit überschritten. Vielleicht läßt sich bei meiner Betrachtung der Ausstellungen der Orientalen und der Völker Ostasiens Manches nachholen.




Blätter und Blüthen.


Theatererinnerung eines alten Schauspielers. Im August des Jahres 1845 war ich auf dem Callenberge, dem reizenden Lustschlosse des Herzogs von Coburg, und hatte mich kaum in der dorigen Restauration an den Tisch gesetzt, um eine Tasse Kaffee zu trinken, als sich ein Herr zu mir gesellte und sich mir als den Schauspieler Hübsch vorstellte. Er war als Director des Königsberger Theaters thätig gewesen und sah sich nun, wie er mir erzählte, directionsmüde nach einem dauernden Engagement um. In Coburg habe er Gönner gefunden, die ihn dem Baron von Gruben (damaligem Intendanten des Hoftheaters) empfohlen hätten; von diesem sei ihm ein Gastspiel zugesagt und zugleich die Aussicht auf die Regie eröffnet worden. Er würde nun in den ersten Tagen des Septembers in „Don Carlos“ als Philipp auftreten und also, wie er sich ausdrückte, das Vergnügen haben, mit mir, der ich im Besitze der Rolle des Don Carlos war, zusammen zu wirken.

Nachdem wir unsern Kaffee getrunken hatten, traten wir, weiter plaudernd, unseren Rückweg nach der Stadt an, wo wir uns trennten, um uns erst nach einigen Wochen auf der ersten Theaterprobe des „Don Carlos“wieder zu sprechen, obschon ich ihn einige Male auf der Straße bemerkt hatte, auf der seine außerordentlich vortheilhafte Persönlichkeit Aufmerksamkeit zu erregen begann.

Die erste Theaterprobe überzeugte uns leider, daß Hübsch, obgleich er mehr als genügende Zeit zur Vorbereitung gehabt hatte, kaum einiger Worte seiner Rolle mächtig, ja nicht einmal im Stande war, den allzulauten Einflüsterungen des Souffleurs nachzusprechen; die Probe wurde also unterbrochen, und wir mußten – da Hübsch nach Hause geeilt war, um seine vergessene Rolle zu holen, deren Vermissen er als Grund seiner sogenannten Zerstreuung angab – geduldig auf seine Wiederkunft warten. Sei es nun, daß er mittlerweile die verlorene Fassung wieder erlangt, sei es, daß das Bewußtsein, seine Rolle bei sich zu wissen, ihm das Gedächtniß gestärkt hatte, es ging nach seiner Rückkehr etwas besser und die Probe wurde wenigstens ohne weitere Störung zu Ende geführt. Am folgenden Tage, dem Tage der Aufführung, war auch die Generalprobe in Gegenwart des Intendanten. Obschon mir nun Hübsch versicherte, die ganze vergangene Nacht dem Studium gewidmet zu haben, wurden seine Gedächtnißlücken doch bald dergestalt merkbar, daß der Regisseur ihn ermahnen mußte, sich im Laufe des Nachmittags noch fleißig mit der Rolle zu beschäftigen.

Endlich kam der verhängnißvolle Abend. Ich, der ich als Don Carlos das Stück zu beginnen hatte, war bereits mit meiner Costümirung soweit fertig, daß ich mir nur noch den Hermelinmantel mit der Mantelschnur befestigen zu lassen brauchte, als endlich – es mochte wohl schon halb sieben Uhr sein – Hübsch fast athemlos in die Garderobe kam, um sich anzukleiden. Da ihm sein Platz neben meinem angewiesen war, hatte ich Gelegenheit ihm zu bemerken, daß er keine Zeit mehr zu versäumen hätte. Hierauf erwiderte er mir, während er sich ankleidete, daß er auf dem Wege in’s Theater an einem Silberladen vorübergegangen und durch flüchtiges Betrachten des Schaufensters plötzlich auf den Gedanken gekommen wäre, seiner Frau, deren Namenstag in kurzer Zeit sei, eine Freude zu machen. Wie sehr er sich nun aber auch mit der Bestellung eines Dutzend silberner Bestecks beeilt hätte, dürfte er sich doch wohl etwas zu lange dabei aufgehalten haben, er werde aber sicher noch rechtzeitig mit seiner Costümirung fertig werden.

Und er hatte die Wahrheit gesprochen. Mit fabelhafter Geschwindigkeit hatte er sich während der Unterredung die einzelnen Costümstücke anzulegen gewußt und war nach einer Viertelstunde bereits geschminkt; er hatte nur noch sein Haar zu ordnen, um ganz fertig zu sein, als ihn mein Blick zufällig streifte und ich erstaunt bemerkte, daß er sich eine blonde Lockenperrücke aufstülpen lassen wollte.

„Aber, Herr Hübsch,“ rief ich aus, „Sie werden doch nicht als Philipp diese blonde Lockenperrücke aufsetzen wollen?“

„Allerdings werde ich das thun,“ gab er mir zur Antwort, „und denke es auch vertreten zu können, da es das Resultat reiflichster Ueberlegung ist.“

Jetzt schlug es sieben Uhr. Das Musikzeichen wurde gegeben; ich mußte auf die Bühne und durfte, um mich nur mit meiner Rolle zu beschäftigen, mich durch Nichts mehr abziehen lassen, war aber dennoch auf’s Aeußerste gespannt auf Philipp’s Auftritt. Nachdem ich die fünfte Scene beendet hatte und als die Königin sich nach dem Hintergrunde zurückziehen wollte, trat unser Philipp ihr entgegen, blickte mit Befremdung umher, und nachdem er eine augenblickliche Pause hatte vorangehen lassen, begann er mit „So allein, Madame?“ Wenn auch kein Philipp, war er trotz seiner blonden Lockenperrücke, die er sich nicht hatte abstreiten lassen, eine so imposante Erscheinung, daß er von vornherein den vortheilhaftesten Eindruck machte, und man hörte auch während der kurzen vorhergehenden Pause ein Beifallsgemurmel im Publicum. Freilich hielt diese ihm günstige Stimmung nicht lange an, denn man wußte das Unbestimmte seiner Charakterzeichnung nicht zu deuten, auch bemerkte man wohl, daß er die Hülfe des Souffleurs über die Gebühr in Anspruch nahm. Dennoch gelang es ihm, diese verhältnißmäßig kurze Scene ohne allzu lange Kunstpausen zu Ende zu führen und sich glücklich „durchzulügen“, wie man in der Coulissensprache zu sagen pflegt. Nun aber begann der zweite Act. Der Auftritt zwischen Philipp, Alba und Carlos geht zu Ende. Alba tritt ab. Carlos befindet sich mit Philipp allein auf der Bühne, und die schöne Scene zwischen Vater und Sohn nimmt ihren Anfang; ich gelange auch glücklich bis zu der Rede:

          „Schicken Sie
Mich mit dem Heer nach Flandern, wagen Sie’s
Auf meine weiche Seele! Schon der Name
Des königlichen Sohnes, der voraus
Vor meinen Fahnen fliegen wird, erobert,
Wo Herzog Alba’s Henker nur verheeren.
Auf meinen Knieen bitt’ ich d’rum. Es ist
Die erste Bitte meines Lebens – Vater,
Vertrauen Sie mir Flandern“ –

Hierauf hat Philipp zu erwidern:

          „Und zugleich
Mein bestes Kriegsheer Deiner Herrschbegierde?
Das Messer meinem Mörder?“ –

Aber Hübsch schweigt, stiert in den Souffleurkasten, blickt mich wie hülfeflehend an, wendet sich wieder nach dem Souffleurkasten und kommt endlich auf mich zu. Er legt mir die Hand auf’s Haupt und sagt mit wimmernder Stimme: „Weiche Seele!“ Ich blicke auf, sehe ihm in’s Auge und – gerechter Gott! Wie ein Blitz durchzuckt mich der Gedanke: Der Mann ist wahnsinnig. Der Schreck lähmt mir die Kraft zur Ueberlegung, und dennoch fühle ich unwillkürlich, daß die Scene auf’s Schnellste zu Ende gebracht werden müsse; ich gebe dem sich vergebens anstrengenden Souffleur unmerklich einen Wink, entwinde mich der unmittelbaren Nähe des sich an mich anklammernden Hübsch, überspringe alle Zwischenreden und finde glücklich mit der folgenden Rede eine Anknüpfung:

„Ich wage meines Königs Zorn und bitte
Zum letzten Mal: Vertrauen Sie mir Flandern!

[610]

Ich soll und muß aus Spanien. Mein Hiersein
Ist Athemholen unter Henkershand –
Schwer liegt der Himmel zu Madrid auf mir,
Wie das Bewußtsein eines Mords. Nur schnelle
Veränderung des Himmels kann mich heilen.
Wenn Sie mich retten wollen – schicken Sie
Mich ungesäumt nach Flandern!“

Nach einer hier durchaus nöthigen kurzen Pause, die Hübsch nicht durch Worte, sondern durch einige unarticulirte Töne auszufüllen sich abmühte, fahre ich rasch fort:

„O jetzt umringt mich, gute Geister! Vater,
Unwiderruflich bleibt’s bei der Entscheidung?“

Dann verbeuge ich mich, schließe mit den Worten: „Mein Geschäft ist aus“ die Scene und stürze ab. Der rauschende Applaus, der meinen Abgang begleitete, ließ mich vermuthen, daß das Publicum noch keine Ahnung von der Tragödie in der Tragödie hatte, und eiligst verfügte ich mich nach der Coulissenseite, auf der ich den Regisseur zu finden hoffte, um ihm die schreckliche Wahrnehmung mitzutheilen; als ich jedoch, ihn suchend, einen Blick auf die Bühne werfe, sehe ich das Unglaubliche. Hübsch starrt das Publicum an, öffnet den Mund, schließt ihn wieder, wirft dann einen stieren Blick in den Souffleurkasten, dann wieder einen in das Publicum, das nun unruhig zu werden anfängt, weil die Pause bereits zwei peinlich lange Minuten gewährt hat, dann aber, als endlich sich der Vorhang langsam senkt, scheint er aus seiner Betäubung zu erwachen; er läßt den Vorhang nicht ganz zur Erde fallen, sondern hält ihn mit der einen Hand, um sich mit folgenden Worten an das Publicum zu wenden:

„Gnädigster Herzog, verehrungswürdiges Publicum! Der Pfarrer auf der Kanzel kann sich versprechen, darum haben Sie auch Nachsicht mit einem armen Schauspieler.“

Jetzt aber wurde er beim Arme ergriffen und zurückgezogen, damit der Vorhang sich ganz senken konnte; der Intendant, Baron von Grube, der inzwischen aus der Intendanzloge des ersten Ranges auf die Bühne geeilt war, herrschte ihm nun entgegen: „Herr! Sie schänden unser Hoftheater. Sie werden nicht weiter spielen! Entkleiden Sie sich!“

Hübsch, der kein Wort der Erwiderung fand, maß ihn zwar von oben bis unten, ging aber dann ruhig, der Weisung folgend, nach der Garderobe, wo er von drei Schneidern im Empfang genommen und rasch entkleidet wurde, damit der Regisseur Kawaczynski, der, da er die Rolle früher gespielt, schon am Morgen den Wink erhalten hatte, für alle Fälle bereit zu sein, sich der Garderobestücke sofort bedienen konnte. Die Vorstellung nahm nunmehr, nachdem dem Publicum angezeigt war, daß wegen plötzlich eingetretenen Unwohlseins des Herrn Hübsch Herr Kawaczynski die Rolle des Philipp übernommen hätte, ihren ungestörten Fortgang. Der zu Rath gezogene Theaterarzt erkannte diese so plötzlich ausgebrochene Krankheit sogleich als eine sehr gefährliche, ließ einen Wagen kommen, den Patienten nach Hause fahren und ihn während der Nacht bewachen. Am folgenden Morgen schon wurde die irrige Meinung des Publicums, Herr Hübsch hätte sich erfrecht, im Rausche die Bühne zu betreten, durch die Trauerkunde berichtigt, daß der Unglückliche in Tobsucht verfallen und gebunden nach Erlangen in’s Irrenhaus gefahren worden wäre. Seine herbeigeeilte Familie fand ihn nicht mehr am Leben. Er wurde in Erlangen begraben und ist vergessen worden, ich aber werde des Blicks, mit dem er die Worte: „weiche Seele“ an mich richtete, stets eingedenk bleiben.


Die Reblaus als Ursache einer wichtigen Entdeckung. Unter den von Sachverständigen zur Vertilgung der Rebläuse in Vorschlag gebrachten Stoffen wurde auch eine Substanz empfohlen, die Schwefelkohlenstoff in Verbindung enthält und diesen bei der Berührung mit feuchter Erde wieder frei giebt. In Folge dessen konnte es nicht ausbleiben, daß die Fachmänner sich mit den Wirkungen dieser Substanz längere Zeit beschäftigten. Bei dieser Gelegenheit machte Herr Professor Zöller in Wien in jüngster Zeit eine eigenthümliche und interessante Entdeckung; er beobachtete nämlich, wenn er feuchte Erde mit geringen Mengen dieses Stoffes zusammenbrachte, den man wissenschaftlich mit dem nicht sehr mundgerechten Namen „xanthogensaures Kalium“ bezeichnet, daß selbst bei einer schwachen Entwickelung von Schwefelkohlenstoff in den Versuchsgefäßen niemals eine Pilzbildung zu entdecken war. Fehlte jedoch die Substanz, so trat unter sonst völlig gleichen Verhältnissen immer eine Pilzbildung auf.

Diese Beobachtung gab ihm die Veranlassung zu einer weiteren Prüfung, die darin bestand, den Schwefelkohlenstoff auf seine desinficirenden und conservirenden Eigenschaften zu untersuchen. Bei diesen Versuchen wurden die verschiedenartigsten Gegenstände, die unter Zutritt der Luft früher oder später dem Verderben unterworfen sind, durch geeignete Vorrichtungen in eine feuchte, etwas Schwefelkohlenstoffdampf enthaltende Atmosphäre gebracht.

Auf die angegebene Weise konnte man Ochsen- und Kalbfleisch zweiunddreißig Tage hindurch bei einer Temperatur von fünfzehn bis vierundzwanzig Grad Celsius vor Fäulniß schützen, und zeigten die angeführten Fleischsorten weiter keine Veränderung als ein Blaßwerden an der Oberfläche; im Innern blieb das frische Ansehen vollkommen erhalten. Geschlachtete und ausgeweidete Hühner wurden in gerupftem und ungerupftem Zustande zu einem zweiten Versuche verwandt, auch diese hielten sich bei der nämlichen Temperatur zweiunddreißig Tage, ohne Fäulniß zu zeigen. Heißes Roggen- und Weizenbrod, das sofort nach der Herausnahme aus dem Backofen in die schwefelkohlenstoffhaltige, feuchte Luft gebracht war, ließ nach vierzehn Tagen noch keine Spur von Schimmelbildung erkennen. Auch überreife Zwetschen hielten sich bei einer Zimmertemperatur, die nicht unter zwölf Grad Celsius sank, im Beisein von etwas Schwefelkohlenstoffdampf, einhundertzweiundneunzig Tage, ohne zu verderben, obgleich während der Dauer des Versuches das die Zwetschen enthaltende Gefäß acht bis zehn Mal geöffnet wurde.

Die weiteren Resultate, die Herr Professor Zöller erhalten, übergehe ich hier; sie beweisen ebenfalls die bedeutende Wirksamkeit des Schwefelkohlenstoffs als Conservirungs- und Desinfectionsmittel.

Aus Interesse für den im Vorstehenden besprochenen Gegenstand stellte ich einige Conservirungsversuche an, und zwar mit rohem Rindfleische. Ich erhielt, wie zu erwarten, dieselben Resultate wie der genannte Forscher und beobachtete dabei, daß in einer stark schwefelkohlenstoffhaltigen Luft etwa fingerdicke Fleischstücke durch die ganze Masse blaßgrünlich gefärbt wurden. Es ist also ein unnöthiger Ueberschuß dieses Conservirungsmittels zu vermeiden.

Es ist denkbar, daß die praktische Verwerthung dieser Conservirungsmethode für den Transport von Lebensmitteln, wie Fleisch etc. nach solchen Orten, wo Mangel in dieser Hinsicht vorhanden ist, auch eine volkswirthschaftliche Bedeutung gewinnen wird.
Dr. Julius Erdmann.

Sommer-Eisbahnen auf wirklichem Eis. Zu den wesentlichen Eigenthümlichkeiten der auf die Spitze getriebenen sogenannten Civilisation hat es jederzeit gehört, die Natur auf den Kopf zu stellen und in einem Leben wider die Natur die höchsten Genüsse zu suchen. Man denke an die alten Römer in den Kaiserzeiten, an die Franzosen unter Ludwig dem Vierzehnten – oder besser, man fange bei sich selbst an! Die höchste Unnatur im Kopfputz und in der Kleidung ist „Mode“, ein Kleiderzuschnitt, als ob die Hottentotten-Venus unser Ideal wäre; ohne falsche Haare geht es nicht mehr, und sollten die Todten darum geplündert werden. Die Bäume im Garten werden zurechtgestutzt, die Pferde grausam verstümmelt, die Hunde als Löwen geschoren. Die schöne Landschaft kommt nur noch auf Gemälden zur Geltung und der Sonnenaufgang im Theater. Im Ballete erfreuen wir uns an dem künstlichen Sonnenschein, der durch Leinwandwolken herabglitzert, ja die Schlittschuhläufer in Meyerbeer’s „Propheten“, die uns durch ihre drolligen Künste amüsiren, sind von den Brettern, welche die Welt bedeuten, heruntergestiegen, und Tausende, welche nie ein gefrorenes Wasser betreten haben, finden ein Vergnügen daran, im Sommer Schlittschuh zu laufen.

Aber was für Stümper bleiben wir Deutschen in Sport-Angelegenheiten doch stets gegen die Engländer! Wir begnügen uns mit Cement und fahren auf häßlich schnarrendem Räder-Cothurne, während man dort, auch im Juli und August, für wirkliche Eisflächen zu sorgen weiß, über die man mit echten Stahlschlittschuhen dahingleiten kann. So eine echte Sommer-Eisbahn, wie sie unter anderem in Chelsea besteht, kostet freilich mehr Geld zu unterhalten, als eine Cementbahn, aber dann hat man doch wenigstens einmal gründlich der Natur eine Nase gedreht, während man sich auf der letzteren nur selbst betrügt. Der Fußboden in den diesem neuesten Raffinement gewidmeten Räumen ist dicht mit einem Schlängelwerk dünner Metallröhren bedeckt, in denen beständig Salzwasser circulirt, welches ungefähr bis auf sieben Grad unter dem Gefrierpunkte abgekühlt ist. Die intensiv kalte, nicht selbst gefrierbare Flüssigkeit dieses Röhrensystems bringt die darübergegossene dünne Wasserschicht sehr schnell zum Gefrieren und bewahrt das Eis bei der größten Sommerhitze vor dem Abschmelzen, während der bedeckte und angemessen decorirte Raum angenehm abgekühlt wird. Dem Salzwasser entzieht man, beiläufig bemerkt, seine über –7 Grad weit hinausgehende Sommerwärme durch die rapide Verdunstung flüssiger schwefliger Säure, einer Flüssigkeit, die man durch Zusammenpressen des bekannten stechenden Dampfes von brennendem Schwefel gewinnt. Die Arbeit des „gestrengen Herrn Winters“, den einst Moritz Schwind so schön gezeichnet, „wie er mit emsigem Fleiße die Eisdecke über den Fluß spannt und glättet“, besorgt in letzter Instanz eine Dampfmaschine, welche auf der einen Seite die schleunige Verdampfung der das Salzwasser kühlenden schwefligen Säure, auf der andern die Wiederverdichtung des dabei durch gewöhnliches Brunnenwasser gekühlten Dampfes bewirkt. Man hat nämlich in neuester Zeit diese Flüssigkeit als das beste und billigste Medium erkannt, Kälte fabrikmäßig zu erzeugen. Was würde wohl der alte weise Seneca, der schon darüber eiferte, daß die römischen Schwelger ihren Wein mit weit hergeholtem Gebirgsschnee kühlten, zu unseren mit Dampfmaschinen betriebenen Sommer-Eisbahnen sagen?
C. St.

Zur Benachrichtigung. In Folge eines plötzlich eingetretenen Unwohlseins unseres Bayreuther Specialreferenten, Herrn Wilhelm Marr, kann der Schluß der Plaudereien aus den Wagner-Festtagen leider erst in der nächsten Nummer unseres Blattes erscheinen.



Kleiner Briefkasten.

W. H. in Glarus. Wir können Sie und die übrigen dortigen deutschen Arbeiter nicht dringend genug bitten und ermahnen, derlei Auswanderungs-Agenten jederzeit die Thür zu weisen. Wenn Sie erst herausgekundschaftet hätten, wie viel solche Herren für jeden abgelieferten Centner Menschenfleisch als Gratification empfangen, so würden Sie untäuschbar erkennen, wie viel das Geschäft werth ist. Ueberall, wo Geschäftsstockung und schlechter Verdienst freie und willige Hände versprechen, sind die Lockvögel nach Australien und Brasilien da und werfen die Angeln ihrer Versprechungen aus, und Noth oder Wanderlust treiben oder locken die unglücklichen Opfer in’s Garn. Es ist Pflicht der Behörden, diesen modernen Werbern streng auf die Finger zu sehen, da die Unwissenheit, auf welche sie speculiren, noch immer so groß ist.

A. W. in Fürth. Ueber die Salicylsäure und deren Anwendung finden Sie in der bei Barth in Leipzig erschienenen Broschüre: „Die Salicylsäure von Fr. von Heyden“ die gewünschte ausführliche Auskunft.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Der Heilungsschwindel in Lourdes dauert lustig fort, und nach wie vor wirft die Pariser Presse Nachrichten in die Massen, welche geeignet sind, dem Wallfahrten-Unwesen immer mehr Vorschub zu leisten. Nur ein Beispiel statt vieler! „Der Pariser ‚Univers‘ erhält aus Lourdes vom 20. Aug. folgende zwei Depeschen: ‚Am Samstage kamen die Pilger der Notre-Dame de Salut glücklich in Lourdes an, wo sie viele Freunde fanden. Die 100 Kranken ertrugen die Reise sehr gut. Des Morgens fand die wunderbare Heilung der Marie Jaspierre aus Rheims statt, die mit unendlicher Mühe nach Lourdes gebracht worden war und welche ihr chronisches Leiden plötzlich verlor und ihre volle Gesundheit wiedergewann. Viele Zeugen für ihr langes Leiden befinden sich in Lourdes. Um 3 Uhr fand die Heilung Goudeman’s aus Lavallois statt, der von mehrern schweren Krankheiten befallen war, die von den Nonnen, welche seine Krankenwärterinnen gewesen, festgestellt waren. Er erhielt zu gleicher Zeit seine Gesundheit und seine Kräfte zurück.‘ Die zweite Depesche lautet: ‚Heute, Sonntag, celebrirte Msgre. Evington die Messe. Des Morgens plötzliche Heilung der Victorine Fournier aus Lille. Es ist die dritte Heilung. Eine Menge Kranker verspürt einen Beginn der Heilung.‘“ Angesichts dieses noch immer blühenden Humbugs dürfte der obige sehr ruhig gehaltene Artikel, welcher aus der Feder eines seit längeren Jahren in Frankreich heimischen Deutschen stammt und authentische Schilderungen über Lourdes und seine kirchlichen Possen bringt, ganz zeitgemäß kommen. Wie wir hören, hat übrigens auch das französische Ministerium die Frage in Erwägung gezogen, wie dem Treiben im Lourdes ein Ziel zu setzen sei.
    D. Red.