Die Gartenlaube (1877)/Heft 23

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1877
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1877) 377.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

Inhaltsverzeichnis

[377]

No. 23.   1877.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Im Himmelmoos.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)


Es dämmerte schon stark, als die Arbeit des Tages gethan war oder abgebrochen werden mußte. Das Nachtessen war verzehrt, und die Gäste zerstreuten sich, die Einheimischen in ihre Schlafkammern, die Fremden auf die verschiedenen Wege, die nach ihrer Heimath führten. Judika hatte noch in der Küche nachgesehen und die Kohlen zusammengeschürt, um dem neuen Ankömmling, den sie mit Zuversicht erwartete, das Nachtmahl warm zu halten, dann trat sie vor die Hausthür, setzte sich auf dieselbe nieder und nadelte mit den faltigen Händen, die nie zu feiern vermochten, an einem jener dicken, mit grünen Schnörkeln verzierten „Beinlinge“, welche die Gebirgsbewohner zwischen Knöchel und Knieen um die Waden zu tragen pflegen. Sie war der gewohnten Arbeit so sicher, daß sie dazu der Augen nicht bedurfte, und diese ungestört auf den Weg und den Hügelhang hinab schicken konnte, auf welchem der Sohn des Hauses kommen mußte.

So scharf sie auch über sich blickte, weit und breit war kein menschliches Wesen zu sehen, dagegen fielen nach einiger Zeit von dem über der Hausthür sich hinziehenden offenen Gange, der sogenannten Laube, kleine Steine herunter, die sie anfangs nicht beachtete; erst als eines derselben mitten in den werdenden Beinling hineinfiel, blickte sie verwundert auf, da aber nichts zu sehen war, schüttelte sie nur den Kopf und lachte vor sich hin. „Gewiß ein Spatz, der in den Mörtel hackt!“ rief sie. „Ich muß wieder einmal mit dem Kehrbesen kommen, damit sich die Vögel nicht gar zu grob einnisten.“ Vom Laubengange fiel nach einer Weile wieder ein Steinchen herab, und zwar diesmal wie gezielt, gerade auf die regsame Hand der Alten. Sie sprang empor, rascher als der Bursche, der auf der Laube stand, sich zu verbergen vermochte.

„Ja, was ist denn das?“ rief sie, warf achtlos Strumpf und Knäuel von sich und breitete die Arme aus, als könne sie damit bis zu dem Burschen empor reichen und ihn an ihr Herz ziehen. „Du bist es, Bub'? Da kann ich freilich lang' da sitzen und passen; wie bist denn herein gekommen?“

„Ich bin's schon; ich bin der Spatz,“ entgegnete der Bursche, der sich nun auf das Geländer stützte und lachend auf sie nieder sah. „Wär' nicht übel, wenn der Spatz sich in seinem alten Nest nicht mehr auskennen und keinen Weg finden thät, wo ihn der Kehrbesen nicht erwischen kann. Wo bleibst so lang’ damit?“ „Komm nur herunter, Wildel!“ entgegnete Judika, „komm nur – ich will indeß nach dem richtigen Spatzenschrecker suchen, oder nach einem Schlaghäusel, denn jetzt ist es vorbei mit dem Herumfludern in der Welt; jetzt heißt’s fein daheim bleiben, daß Du’s nur weißt.“

Rasch eilte sie in’s Haus; ebenso rasch kam der Bursche die Stiege herab. An der Küchenthür trafen sie zusammen, und im Scheine des Herdfeuers trat er vor die Alte, die nun, da sie ihm gegenüber stand, ihn verwundert ansah und fast verschüchtert die ihr dargebotene Hand annahm: ihr Ohr hatte die Stimme des Lieblings sogleich wieder erkannt – ihr Auge fand ihn nur mit Mühe wieder. Schwebte er doch vor ihrer Erinnerung in der Bergbauerntracht, in der er von ihr gegangen war, und jetzt stand er da in der blauen Kürassier-Uniform mit den grellen rothen Aufschlägen und den blitzenden Goldknöpfen – ein rothwangiger, überlebhafter Jüngling war von ihr geschieden; ein fertiger Mann mit sonnenbraunem Angesicht war wiedergekommen. „Bist Du’s denn wirklich?“ rief sie. „Ich kenn’ Dich ja schier’ nicht mehr; komm nur herein und setz setz' Dich nieder! Du wirst müdchier nicht mehr; komm nur herein und setz' Dich nieder! Du wirst müd' sein und rechtschaffen hungrig; ich hab' Dir schon das Abendessen aufgehoben. Iß und dann erzähl' mir dabei, wie es Dir gegangen ist die ganze lange Zeit und ob Du Dich nicht recht oft heimgesehnt hast heimgesehnt hast in’s Himmelmoos!“

Wildrich – so war sein Name, der im Munde des Volks durch eine wunderliche Zusammenziehung sich zu Wildel abgerundet hatte – machte der Einladung alle Ehre: der ansehnliche Marsch aus der Hauptstadt machte seine Wirkungen geltend, wie die lang entbehrte trauliche Ruhe am väterlichen Herd ihm das Herz erregte und ihn mittheilsam machte. Er schilderte die Mühen und Anstrengungen des Dienstes, aber auch die Freuden und Genüsse eines frischen, fröhlichen Soldaten- und Reiterlebens; er berichtete von der Schönheit der Stadt, von der Pracht der Paläste und Gärten mit ihren thurmhohen Springbrunnen, die aber in all ihrer Herrlichkeit nicht hinreichten, das Andenken an das Thälchen im Himmelmoos mit seinen Wiesen, Wäldern und Bergen zu verdunkeln. Er war eben im besten Zuge, als Judika nach seiner Hand griff, um sie zwischen der ihrigen zu halten. Sie wiederholte das öfter; es that ihr wohl, sich auf diese Weise immer wieder zu vergewissern, daß der Jüngling, an dem ihr ganzes Herz, wie das einer Mutter, hing, nicht mehr in der Fremde weilte, sondern wirklich und wahrhaftig an ihrer Seite saß. Plötzlich zuckte sie zusammen, als hätte sie in eine Messerschneide gegriffen; sie hielt die Hand noch fest, aber nicht schmeichelnd wie zuvor, sondern mit nachdrücklicher Gewalt, als hätte sie dieselbe über [378] einem Unrecht ertappt. „Was ist denn das Neues?“ sagte sie unsicher, „Du hast ja gar einen Ring an der Hand?“

Wildel war sichtlich überrascht; er versuchte vergeblich, seine Hand zurückzuziehen, und das Braun seiner männlichen Wangen erblühte zu einem so schönen Erröthen, daß bei seinem Anblicke der scharfe Ton der Fragenden sich unwillkürlich milderte. Sie hob die ergriffene Hand gegen den Feuerschein empor – ein matter Silbersteifen blinkte an dem Ringfinger derselben.

„Das ist ja gar ein Ringel, wie's die Lieb’sleut einander geben,“ fuhr sie befangen fort. „Wildel – ich will nicht hoffen – hast Du einen Schatz?“

„Und wenn’s so wär’,“ entgegnete er und sah der mütterlichen Freundin frei und offen in das bekümmerte Angesicht. „Wär’ das was Unrechtes?“

„Nein, was Unrechtes ist es just nicht,“ sagte Judika etwas beruhigter, „aber schau, wie ich Dich so angesehn und Dir zugehört hab', da ist mir so recht das Herz aufgegangen und ich hab’ mich darüber gefreut, daß Du so ganz der Alte geblieben bist in der Stadt und daß Du noch so gut wie zuvor herein taugst zu uns Bauersleuten in's Himmelmoos – aber der Ring da sagt, daß Du Dir in der Stadt einen Schatz ausgesucht hast, und wenn das ist, Wildel, dann ist auch Dein Herz in der Stadt geblieben – dann zieht’s Dich wieder in die Stadt oder Du denkst gar daran, eine Städtische zu uns zu bringen, und da weiß ich nicht, was ärger ist von den zwei Sachen.“

„Brauchst Dich nicht zu grumen (grämen) deswegen,“ entgegnete Wildel lachend, „das Ringel stammt nicht aus der Stadt.“

„Ja, ich hab’s aber noch nie an Deiner Hand gesehen. Ich hab’ Dich doch, wie Du fort bist, am weitesten fortgeleit’'tund hab’ zuletzt von Dir Abschied genommen – da hast den Ring noch nicht am Finger gehabt.“

„Freilich nicht, aber Du hast mich auch nicht am weitesten begleitet und bist auch nicht die Letzte gewesen, die Abschied genommen hat von mir. Wie ich von Dir weg den Bühel hinaufgegangen bin, wo der Waldspitz gegen die Straß’ herauskommt, da ist unter den Haselstauden ein Dirnl’ gesessen; bei dem hab’ ich nicht vorbeigehen können, bis ich’s gefragt hab', ob es mir nichts anzuschaffen hat für die Stadt; da hat’s mir das Ringel an den Finger gesteckt und hat mir aufgegeben, ich sollt’ es nie vom Finger lassen und sollt’ es ja als ganz wiederbringen.“

„Also keine Städtische?“ rief Judika entzückt. „Ein Bauernmädel, wie’s zu Dir und zu uns paßt? Bub’ das ist recht – Bub’, das freut mich, daß ich’s gar nit sagen kann. Aber wie Du’s nur angefangen hast, daß ich Dir gar nichts angemerkt habe! Wirst Dir schon eine richtige ausgesucht haben, eine schöne, die eine Himmelmooserbäuerin vorstellen kann, wie sich's gehört. Wer ist sie denn? Kenn’ ich sie auch? Jetzt ist keine Gnad’, Wildel – jetzt muß ich Alles wissen.“

„Ich will Dir auch Alles sagen,“ entgegnete er zutraulich, indem er wieder ihre Hand faßte und liebkosend streichelte, „ich hab’ mir schon auf dem Heimweg ausgedacht, daß ich das thun will und will Dich bitten, daß Du uns beistehn sollst, denn ich sorge immer, es wird einen harten Strauß absetzen, bis der Vater sein Jawort dazu giebt. Du aber hast es alleweil gut mit mir gemeint. Du hast mich gern gehabt von klein auf, als wenn Du meine Mutter wärst; Du wirst mich jetzt auch nicht verlassen.“

„Gewiß nicht, lieber Bub’,“ rief Judika und wischte mit dem Schürzenzipfel eine Thräne der Rührung aus den Augen, „aber was werd' ich thun und Dir nützen können, wenn es dabei einen solchen Haken hat, daß Du selber meinst, es wird einen Strauß abgeben mit dem Vater? Was ist es denn mit dem Dirnl’, daß der Vater so arg dagegen sein soll? Wer ist sie denn?“

Schon schwebte der theure Name auf den Lippen des jungen Mannes, als in der Hausthür die scheltende Stimme des Bauern hörbar wurde. Judika hatte in der Eile und Freude ihres Herzens nicht beachtet, daß es schon völlige Nacht geworden und die Hausthür unverschlossen geblieben war. Der Alte wetterte und schalt über die elende Wirthschaft, bei der Einer das ganze Haus ausräumen könne, eh’ es Jemand gewahr geworden, die Häuserin aber trat ihm in gleicher Weise entgegen und versicherte, daß nichts zu besorgen sei, wo sie ihre Augen offen habe. Sie eilte ihm mit dem Oellämpchen in die Wohnstube entgegen, während der Sohn an ihr vorüber der Stiege zuhuschte und ihr flüchtig zurief, er gehe in seine Kummer, sich umzukleiden – er hoffe einen freundlicheren Empfang vom Vater, wenn er ihm nicht in der soldatischen Uniform, sondern im Bauerngewande entgegen trete und dadurch zeige, daß er wieder ganz in demselben heimisch sei,

Der Bauer setzte sich mürrisch an den Tisch im Ofenwinkel und erwiderte nichts auf Judika's Rechtfertigung, die er nicht widerlegen konnte oder wollte. Auch die leise Frage, ob er noch zu Nacht essen wolle, ließ er unbeantwortet, stemmte die Arme auf den Tisch und stützte nachdenklich den Kopf in die Hände. Es mußte mit dem beabsichtigten Eichenhandel doch nicht so glatt abgegangen sein, wie er sich vorgestellt hatte. Vermuthlich hatte der Schäffler von dem landgerichtlichen Verbot bereits Wind bekommen und wollte nicht in die verworrenen Fäden eingreifen, die sich leicht zu einer Schlinge zusammen ziehen konnten. Erst als Frau Judika leichthin bemerkte, daß der erwartete Sohn bereits eingetroffen sei, fuhr der Bauer aus seinem Brüten auf, um sofort wieder in's Zanken überzugehen. „Ja wohl,“ rief er, „hab' es unterwegs schon gehört, daß er da ist. Die Leute haben mir's alle erzählt, daß er durch's Dorf daher spaziert ist in der Uniform, nicht anders als wie ein vornehmer Herr. Er meint wohl, weil er aus der Stadt kommt, darf er bei mir auch den gnädigen Herrn spielen, aber ich will ihm die Flausen schon aus dem Kopfe treiben. Wo ist er denn nachher, der Herr Soldat? Ist wohl schon schlafen gegangen? Hat's nicht erwarten können, bis ich heim komm'?“

Die Häuserin sagte nichts, aber sie hob die Lampe in die Höhe, daß ihr Schein gerade und voll auf die Thür fiel, in welcher der Sohn soeben erschienen war, den grünen Spitzhut mit Hahnenfedern und Gemsbart auf dem dunklen Krauskopf, eine schwarze Florbinde mit lang herabfallenden Enden um den offnen Hals geschlungen, in den schwarzen, nur bis zum Knie reichenden Beinkleidern und den unvermeidlichen Wadenstutzen. Eine braungraue Joppe mit grünem Aufschlag und Kragen sowie Knöpfen aus nachgemachtem Hirschhorn, worauf allerlei Köpfe von Waldthieren, Hirschen, Rehen und Sauen, abgebildet waren, vollendete den Anzug, und so sehr er Judika zuerst als Soldat gefallen hatte, mußte sie sich doch im Stillen zugestehen, daß die fast jägerartige Bergtracht ihn doch fast besser kleidete. Auch der Vater schien einen ähnlichen Eindruck zu empfinden – er brach im Schelten ab und ließ seine Augen einen Moment mit forschender Befriedigung auf ihm ruhn: war es doch, als sähe er in einen Zauberspiegel, der nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit zeige, und erblicke sich selber darin, wie er vierzig Jahre früher als Bräutigam in das Haus getreten. Die Aehnlichkeit, so weit Jugend und Alter sich ähnlich sehn können, war auch überraschend; nur daß, was bei dem Greise hager und eckig erschien, bei dem Jüngling geschmeidig und voll war – dem verwitterten Baume mit der rauhen Rinde und dem knorrigen Holze stand der junge Stamm gegenüber mit glatter Schale, geschmeidig: mit biegsamen und so lebfrischen Zweigen, als könne für dieselben niemals eine Stunde des Alters kommen.

Der Sohn trat ein, nahm den Hut ab und streckte, näher kommend, dem Vater die Hand entgegen. „Grüß Gott, Vater!“ sagte er in herzlichem Tone, „meine Militärzeit ist um – da bin ich wieder und thät' halt recht schön bitten, daß Ihr mich wieder daheim sein laßt im Himmelmoos.“

„Grüß Gott auch!“ erwiderte der Alte, ohne die dargebotene Hand zu ergreifen „es ist mir so weit schon recht, daß Du wieder da bist, und wie's mit dem Daheim-Sein geht, das werden wir ja sehn im zweiten Theil, wie der Herr Pfarrer in der Predigt sagt. Das wird auf Dich selber ankommen, ob Du daheim sein und so leben willst, wie's Brauch ist im Himmelmoos – da hat der Herr Soldat keinen Platz und auch kein Bursch, der mehr im Wald als auf dem Hof ist, der mit Gott und der Welt Händel anfängt, daß beim Landgericht von einem Protocoll zum andern die Tinte nicht trocken wird. Das leid' ich nicht; darauf geb' ich Dir mein Wort, und was das zu bedeuten hat, weißt Du.“

„Habt keine Sorge, Vater!“ sagte der Sohn, „das wird nimmer geschehn – ich hab' mir die gache (jähe) Hitz' abgewöhnt; bei den Kürassieren lernt man's wohl. Schau' meinen Abschied an! Ich hab', so lang' ich beim Regiment gewesen bin, [379] keine Straf’ bekommen.“ Trotz dieser Versicherung zeigte der bewegtere Ton seiner Stimme, daß die neue Gewohnheit doch noch nicht ganz festgewurzelt sein mußte; daß ihm der Vater nicht die Hand gereicht, hatte schon seine Stirn umwölkt und ihn dem Alten noch ähnlicher gemacht – daß er beim Empfang kein anderes Wort für ihn hatte als Vorwürfe, machte, daß ihm das Blut noch heißer zu Kopfe stieg.

„Das wird gut sein und am besten für Dich selber,“ sagte der Vater in einem Tone, dem man den Zweifel anhörte und der nicht geeignet war, den Sohn zu beruhigen.

Die Beiden fühlten, daß etwas zwischen ihnen lag, und verstummten; sie glichen ein paar geladenen Minen, die nur des zündenden Funkens bedürfen, um aufzufliegen. Mit klopfendem Herzen gewahrte es Judika und sann darauf, wie sie dem Gespräche eine andere Wendung geben und dem Zusammenstoße vorbeugen könne – war nur die erste Begegnung glücklich vorüber, dann traute sie sich wohl so viel Gewalt über Beide zu, sie im Geleise zu halten, bis mit der Zeit die Gewohnheit das Ihrige zum Frieden beigetragen haben würde. In der Hast vergriff sie sich leider im Stoffe, der löschen sollte, und warf selber den Funken in's Pulver. Sie meinte es besonders klug anzufangen, wenn sie nach dem Sinne des Alten redete und anscheinend ebenfalls gegen den Sohn Partei nahm; sie wiederholte die Ermahnungen des Vaters, um daran den Ausdruck ihrer Zuversicht zu knüpfen, daß Wildel die wilden Jahre hinter sich habe und „gut thun“ werde.

„Er wird auch sein Wort halten,“ schloß sie ihre Rede, „da müßt’ er nicht Euer Sohn sein, und daß es so wird, dafür giebt’s ein Mittel, wie kein besseres in der Welt – er ist selber schon darauf verfallen, und das ist der beste Beweis, daß es ihm ernst ist …“

„So, was wär’ denn das für ein Mittel? In welcher Apotheken ist denn das zu haben?“

„In Eurer eigenen,“ sagte Judika eifrig und ohne die abwehrenden Blicke Wildel’s zu beachten, in dem eine unheilvolle Ahnung aufzuckte. „Er will kein Bursch’ mehr sein; er will ein ganzer Mann werden, der bei seinem Haus und seiner Familie bleibt – er will heirathen …“

Das Wort war kaum ausgesprochen, als der Alte, wie emporgeschnellt aufsprang, die Fäuste auf den Tisch stemmte und vor Zorn keuchend über denselben hinüber schrie: „Was, heirathen? Also auf das geht’s hinaus? Habt Ihr’s schon so ausgemacht miteinander und meint, der alte Narr wär’ nur gerad’ gut genug zum Ja sagen? Das heißt wohl, ich soll Dir Platz machen, soll Dir den Hof übergeben? Ich leb’ Dir zu lange, Schandbub’, und Du kannst es nicht erwarten, bis ich auf dem Schragen lieg'?“

„Aber, Vater, ich denk’ ja gar nicht daran,“ unterbrach ihn Wildel, der bis in den Mund hinein erblaßt war, „das ist ja nur ein Gerede von der Judika.“

„Was?“ rief diese, nun ebenfalls außer Fassung, ihm entgegen. „Willst Du jetzt mich an’s Messer liefern? Hast Du nicht den Ring am Finger? Hast Du mir’s nicht selber gesagt, daß Du einen Schatz hast?“

„Also ist es doch wahr!“ rief außer sich der Vater. „Du hast wirklich eine Liebschaft und tragst einen Ring, und hast nicht einmal so viel Ehr’ im Leib, daß Du dafür einstehst? Du verleugnest sie gleich ganz und gar? Das muß ein schönes Weibsbild sein, wenn Du sie vor Deinem Vater nicht einmal zu behaupten traust.“

Wildel schwamm es vor den Augen; in den Ohren tobte es ihm, als stünde er an einem Wasserfalle; dennoch bewies er, daß die soldatische Zucht der letzten Jahre nicht vergebens gewesen war – er hielt an sich, wenn er auch an allen Gliedern zitterte, und stand hochaufgerichtet. wie weiland vor seinem Rittmeister oder Obersten. „Vater,“ sagte er, „das habe ich nicht gedacht, daß ich einen solchen Einstand haben soll in meinem elterlichen Haus und noch dazu auf eine so unrechte Weis'. Ja, ich hab' einen Schatz, und ich verleugn’ ihn nicht; drum leid' ich’s nicht zum zweiten Mal, daß ein Mensch sie ein Weibsbild schimpft, und wenn’s mein eigner Vater wär’. Sie ist ein braves Dirnl, dem Niemand was Unrechtes nachsagen kann, das ich für mein Leben gern hab’ und das ich einmal heirathen will, aber jetzt hab’ ich noch nicht daran gedacht, und wenn mir’s nur ein einziges Mal in meinen Sinn gekommen ist, an Euren Tod zu denken, Vater, oder an’s Uebergeben, so will ich in meinem ganzen Leben keine gesunde Stund’ mehr haben.“

„Und wer ist das W… – wer ist die Person?“ rief der Alte und rannte, heftig die Hände reibend, in der Stube hin und wieder. „Heraus mit dem Namen! Ich will’s wissen.“

Wildel trat etwas bei Seite. Judika saß auf der Bank und schluchzte bitterlich in ihre Schürze.

„Fragt mich nicht, Vater!“ entgegnete Wildel fest, „ich müßt’ jetzt fürchten, daß Ihr dem armen Mädel Ungelegenheiten macht; also sag' ich den Namen nicht …“

„Nicht?“ rief der Bauer wüthend. „Du willst mir in meinem eigenen Haus den Gehorsam aufsagen? Warte, Bursche! Ich lös’ Dir die Zunge.“

Damit sprang er auf Wildel los, der einige Schritte zurück trat. „Nicht schlagen, Vater!“ sagte er mit bebender Stimme, „dazu bin ich schon zu alt. Ich sag’s nicht; eher geh’ ich wieder aus der Heimath fort, bevor ich nur eine Nacht darin geschlafen hab’.“

„So geh’,“ rief der Alte außer sich, „geh’, wohin Du willst! Ich hab' Dich nicht gerufen, und hab’ ich so lange leben müssen ohne Dich, werd' ich's auch noch länger zuwege bringen –“

Wildel stand bereits auf der Schwelle und wies Judika von sich, die ihn zurück zu halten versuchte. „B’hüt Gott, Vater!“ sagte er schmerzlich, „ich will in ein paar Tagen wieder kommen; vielleicht ist es Euch bis dahin wieder eingefallen, daß meine Mutter Euer Weib gewesen ist.“

Er verschwand im dunklen Gange, und die einfallende Thür zeigte bald, daß er das Haus verlassen hatte.

„Jetzt hat Sie’s selbst gesehen und gehört,“ rief der Vater, noch immer hin und her laufend, der Alten zu. „Jetzt sieht Sie, daß an dem Burschen Hopfen und Malz verloren ist, daß er als derselbe Nichtsnutz wieder gekommen ist.“

Judika fand die bisher von Thränen erstickte Stimme wieder und ließ den Worten desto freieren Lauf – jetzt hielt keine Scheu vor dem Herrn sie zurück: der Mann, der seinen eigenen einzigen Sohn, ihren Pflegling und Liebling, so aus dem Hause gehen zu lassen vermochte, gegen den war sie durch keine Rücksicht mehr gebunden.

„Es ist nicht wahr, daß der Wildel ein Nichtsnutz ist,“ rief sie zürnend, „er ist der beste Bursch von der Welt bis auf den Hitz- und Trotzkopf, und von wem er den geerbt hat, braucht Ihr nicht zu fragen. Aber wenn es jetzt ein Unglück giebt, so seid Ihr selber daran schuld, kein anderer Mensch als Ihr. Mit Güte und Liebe kann man ihn um der Finger wickeln – er aber ist erst drei Jahr alt gewesen, wie seine Mutter gestorben ist; so ist er wild aufgeschossen nach Eurer Art, und Ihr seid schuld daran. Ihr hättet wieder heirathen sollen, damit das Bübel wieder eine Mutter bekommen hätt’.“

„Da hätt' er auch was Rechtes gehabt, wenn er eine Stiefmutter bekommen hätt',“ lachte der Bauer entgegen, aber der Ton klang merklich milder: das Andenken an sein so früh verlorenes Weib war die einzige noch unverholzte Stelle seines Gemüths, und schon Wildel’s letzte Bemerkung war nicht ohne Wirkung auf ihn geblieben. „Und für was ist denn Sie im Haus’ gewesen, Sie alte Henn’ – trotz Ihrer Siebengescheidheit hat Sie Ihre Eier doch auch verlegt.“

„Ich habe das Meinige gethan – dafür ist Gott mein Zeuge,“ sagte sie etwas beruhigter, „und ich will jetzt auch thun, was ich kann, damit die Sach’ wieder in’s Geleis kommt, aber ich bin nur ein Dienstbote, der nichts darein zu reden hat und auch nichts thun kann, als zureden, damit die Vernunft wieder obenauf kommt –“

„Ja wohl, die Vernunft kenn’ ich – wenn ich zu Allem Ja sagen thät’, das wär’ Euch die rechte Vernunft,“ unterbrach sie der Alte, um abermals in einer Lohe des alter Zornes auszuschlagen. „Und ich will einmal von Uebergeben nichts hören, und dabei bleibt’s, und wenn's der Bub’ nicht erwarten kann, soll er mir nur nimmer unter die Augen kommen.“

„Was braucht’s denn all das Geschrei?“ fragte Judika, indem sie eine Kerze anzündete und sich zum Fortgehen anschickte. „Es hat ja noch kein Mensch verlangt, daß Ihr übergeben sollt – heirathen will der Wildel, und das kann ja recht gut geschehen; Ihr bleibt auf dem Hofe und laßt ihn herein heirathen. [380] Es könnt' nicht schaden, wenn ein paar junge frische Gesichter zu unsern alten Köpfen in’s Himmelmoos herein kämen.“

Der Bauer lachte auf. „Sonst nichts mehr? Zwei Haushaltungen in einem Haus’?“ rief er. „Das müßt’ eine schöne Wirthschaft abgeben. Nichts da – so lang' ich revierisch bin und mich rühren kann, geb’ ich nicht über, nicht ganz und nicht halb – das hab’ ich mir vorgenommen; das hab’ ich gesagt, und wenn ich einmal etwas gesagt hab’, da bleibt’s dabei. Der Himmelmooser hält sein Wort.“

„Wenn’s gewiß ist,“ murmelte Judika und wandte sich zu gehen. Grimmig sprang der Bauer hinzu und hielt sie zurück – der Stolz, immer sein Wort erfüllt zu haben, war eine seiner empfindlichsten Seiten.

„Was brummt Sie da?“ rief er. „Wer kann sagen, daß der Himmelmooser sein Wort nicht gehalten hat?“

„Ich,“ entgegnete sie und sah ihm trutzig in's Gesicht, „denkt an eine gewisse Kindstauf’, Herr, und nachher sagt mir, wie’s mit dem Worthalten ausschaut! – Gute Nacht!“

Sie ging; der Himmelmooser stand verblüfft, als habe sich plötzlich vor seinen Füßen ein Abgrund aufgethan. Eine Weile störte er in dem Dochte seiner Lampe herum, dann ergriff er sie und ging seiner Schlafstube zu.

„Hm,“ sagte er vor sich hin, „für die Hack’ wird sich wohl auch noch ein Stiel finden lassen.“




2.


Ueber dem Himmelmooserhofe und seiner ganzen Umgebung lag das athemlose Schweigen der Nacht, und wie zögernd sahen ihre Sternenaugen darauf hernieder, als läge da drunten die schönste Heimath des Friedens, die sie auf ihrem Wandergange geschaut und von der sie nur ungern sich zu trennen vermochten.

Drinnen im Hofe aber war der Friede nicht eingekehrt; wohl waren die Fenster lichtlos wie die Augen eines Schlafenden, aber in den Gemächern dahinter glimmte der Gram und glühte der Unmuth – wohl stand drinnen jede Regung still, aber das Stillstehen war das eines erschreckten Herzens, das mit seinem Schlage vor einem großen Leide innehält, weil es im nächsten ein noch größeres vorempfindet. Der Gram wachte in Judika’s Kammer neben dem Bett, auf das sie sich angekleidet gelegt hatte. Der Unmuth ging in der Schlafstube mit dem Bauer hin und wieder gleich einer Schildwache. Er hatte selbst die Doppelriegel an den Hausthüren, welche nur bei besonderen Gelegenheiten gebraucht wurden, abgelassen, aber die Stubenthür ließ er offen: er vermuthete, daß Judika, wenn Alles still geworden, wieder aufstehen und den Liebling in’s Haus lassen würde. Seine Vermuthung war auch vollkommen begründet. Judika hatte keinen andern Wunsch und Gedanken, als Wildl in der ersten Nacht seiner Heimkehr ein Versteck zu verschaffen, in welchem er ruhig bleiben konnte, bis sie noch einen Versuch gemacht haben würde, die beiden Eisenköpfe zu versöhnen; glaubte sie doch ein Mittel zu besitzen, das ihr sichern Erfolg versprach und das, nach der am Abend gegebenen flüchtigen Andeutung zu schließen, seine Macht über den Alten noch immer nicht verloren hatte.

Die beiderseitige Besorgniß war indessen ganz vergeblich – der, dem sie galt, dachte nicht daran, im Vaterhause sich heimlich eine Nachtherberge zu suchen; in der ersten Erregung war er weit in die Nacht hinaus geeilt, geradeaus den Bergen zu. Er hatte keinen andern Gedanken, als so schnell wie möglich aus dem Bereiche des väterlichen Hauses zu entkommen; ihm war wie Einem, der sich den Verfolger auf den Fersen weiß. Sein Herz war von unsäglicher Bitterkeit erfüllt. Wie hatte er sich auf den Augenblick gefreut, wo er vor den Vater hintreten konnte, gewissermaßen als ein neuer Mensch, an dem nicht ein Fäserchen der Unbilden haftete, die man einst an ihm zu tadeln vermocht hatte. Und nun? Alle seine Hoffnungen lagen vom Sturme niedergeweht wie das Kartenhaus eines spielenden Kindes, und ihm war noch schlimmer um’s Herz, denn ihm fehlte der Muth ein neues zu erbauen; der ganze Plan seines Lebens war verwischt und verschüttet. Zorn und Rührung rangen abwechselnd in ihm, welchen Entschluß er nun zu fassen habe, ob es rathsam und wie es möglich sei, durch den Schutt einen neuen Weg zu bahnen. Bald dünkte es ihm, als habe er mit dem Fortgehen sich übereilt; bald blitzte wieder der Trotz in ihm auf, und im Bewußtsein seiner Kraft wollte er in die Welt gehen, sich selber einen Platz erobern und dem Vater zeigen, daß es nicht wohlgethan war, ihn wie einen Knaben zu behandeln.

So war er ein gutes Stück in die Nacht und in den Bergwald hineingestürmt, des Weges nicht achtend, dessen er von früheren Zeiten her wohl noch kundig war – aufathmend hielt er an, um sich in der Dunkelheit, die sich immer dichter hernieder gesenkt, zurecht zu finden, denn es kam ihm vor, als wäre der Pfad nicht mehr der alte. „Wie ist denn das?“ sagte er halblaut vor sich hin, „das ist ja doch der Weg, wo es zu den Brünnl’-Almen hinauf geht. Der schwarze Block da muß das Steinthörl sein, und da rechts soll die große Buchen stehn, bei der es über die graue Wand hinunter geht … bin ich denn auf eine Irrwurz getreten oder seh' ich nimmer recht?“

Wohl sah er recht und hatte die Umgebung erkannt; er konnte nicht wissen, daß die große Buche, die mit ihrem mächtigen Wurzelgeflecht den Rand der Schlucht umklammert gehalten und so eine Art Wehr und Umzäunung gebildet hatte, mit den umgebenden Felsstücken locker geworden und, dieselbe beinah zur Hälfte ausfüllend, in die Tiefe gestürzt war.

Behutsam machte er noch einige Schritte vorwärts, aber seine Vorsicht war vergebens: plötzlich fing das Erdreich unter ihm sich zu lösen und zu kollern an, und eh' es ihm möglich war, nach einem Stützpunkt zu suchen, war er mit dem Geröll hinunter gefahren und hing in den verdorrten Aesten der entwurzelten Buche fest. Einen Augenblick wollten ihm von der Gewalt des Sturzes die Sinne vergehn, aber bald raffte er sich wieder zusammen – er fühlte, daß er, wenn auch an Händen und Knieen geschunden, doch an seinen Gliedern heil und unbeschädigt war; rasch hatte er sich von dem Geäst, das sich an seine Joppe festgehakt, losgemacht und dann, vorsichtig klimmend, den Rand der Schlucht und mit ihr den festen Boden wieder erreicht. „Das hätte eine schöne Himmelfahrt geben können,“ rief er, sich schüttelnd und die Arme wie zur Probe in die Höhe reckend. „Warum schieß' ich auch wie eine blinde Bremse in die Nacht hinein? Es wird gescheidter sein, ich such’ einen Unterschlupf auf; da kann ich mir am besten überdenken, was ich thun will, um den Tag abzuwarten.“

Der Unterschlupf war bald gefunden: auf einer schräg ansteigenden Bergmatte standen einige jener hölzernen Hütten, welche, aus übereinander gelegten Balken erbaut zur Bergung des Heues bestimmt sind, das dann im Winter auf Schlitten in die Häuser und Ställe hinuntergefahren wird. Rasch hatte der gewandte Bursche den in halber Höhe des Gebäudes angebrachten Lufteinschnitt erklommen und schwang sich in das Innere auf den bereits angesammelten Futtervorrath hinein.

Er erreichte denselben nicht – mitten im Sprunge fühlte er sich am Rücken von zwei starken Armen erfaßt und festgehalten. „Halt, was kommt da für ein Besuch mitten in der Nacht?“ rief eine starke, rohe Männerstimme. „Red'! Dein Wehren hilft Dir nichts; ich laß Dich nicht aus, bis ich weiß, wer Du bist.“

Wortlos und keuchend rang Wildel mit seinem Gegner; eine Reihe unangenehmer Gedanken schoß ihm wie zuckende Blitze durch den Kopf – wer konnte der Angreifer anders sein, als ein Jäger, der sich in Hinterhalt gelegt, um einen Wildschützen abzupassen? Wenn er ihn erkannte, war der alte Verdacht auf’s Neue geweckt und noch verstärkt, denn wenn er schon in der ersten Nacht seines Daheimseins in dem Bergrevier getroffen wurde, war es nicht ein unwiderleglicher Beweis, daß seine Lust zum Wildern noch gewachsen war? Er schwieg härtnäckig, obwohl der Andere immer zu fragen fortfuhr; er spürte bald, daß er dem ihn Umklammernden an Stärke überlegen war. Die Muskeln der ihn haltenden Arme begannen zu zucken, einem unversehenen kräftigeren Ruck widerstanden sie nicht, und im Augenblick war die Stellung beider Männer umgekehrt: Wildel war obenauf, und der unbekannte Bursche suchte, in’s Heu gedrückt, sich seiner Hände zu erwehren, die ihm wie eherne Klammern die Kehle zusammenpreßten.

Dadurch kamen die beiden Köpfe und Gesichter einander näher; bei dem durch die Oeffnung einfallenden Halblichte war es möglich, die Züge derselben zu unterscheiden. Wildel ließ nach und wandte sich wie geringschätzig ab, als ab die unnütz verschwendete Kraft ihn reue.

(Fortsetzung folgt.)
[381]
Ein Humorist der Bühne und der Feder.
Die Gartenlaube (1877) b 381.jpg

Karl Sontag, als Bolingbroke in „Ein Glas Wasser“.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

Der gefeierte Schauspieler Sontag in Hannover schrieb bekanntlich ein Buch: „Vom Nachtwächter zum türkischen Kaiser. Bühnen-Erlebnisse aus dem Tagebuche eines Uninteressanten". In diesen Erinnerungen spricht er über alle Verhältnisse derjenigen Theater, denen er angehörte, in der ungeschminktesten Weise. Viele Bühnen sind es nicht. Nur vier Theatern hat Sontag während seiner Carrière angehört: Dresden, Wien, Schwerin, Hannover. Das Buch machte Sensation; es erreichte in vier Monaten drei Auflagen, und die gesammte Presse ist demselben geneigt. Heinrich Laube, Paul Lindau, Rudolf Gottschall, Hackländer, Ludwig Hartmann, Emil Bürde, Karl von Holtei, Otto Devrient, Franz Wallner, Adolf Schwarz und hundert Andere vereinigten sich zu einer Stimme in der Behauptung: „Das Buch ist ein werthvoller Beitrag zur Geschichte des deutschen Theaters.“ Anderer Meinung sind der Intendant und fünfzehn Mitglieder des Hoftheaters. Der Intendant beantragt in Berlin auf Grund von fünfzehn bis sechszehn verfänglichen Stellen Sontag’s Entlassung. Kaiser Wilhelm schlägt das Gesuch ab. Sontag ist beliebt bei Kaiser Wilhelm, trotz seiner Anhänglichkeit an seinen ehemaligen König Georg den Fünften oder, wenn wir unsern erhabenen Kaiser richtig beurtheilen, vielleicht gerade wegen dieser Anhänglichkeit. Zudem hat Sontag bei jedesmaliger Anwesenheit des Kaisers in Hannover seine bedeutendsten Leistungen vorgeführt, und außerdem ist die Achtung und Verehrung bekannt, die das ganze Haus Hohenzollern [382] für Sontag's berühmte Schwester Henriette hegte, welche als Gräfin Rossi in Berlin – ihr Gemahl war als Gesandter daselbst accreditirt – durch viele Jahre eine hervorragende, tonangebende Stellung einnahm. Von Berlin kam ein Rescript, worin bedeutet wurde, Sontag nach dem Gesetze zu strafen. Da war nicht mehr herauszuklügeln, als eine kleine Geldstrafe; dieser war Sontag allerdings verfallen, denn das Gesetz verbietet öffentliche Besprechung des eigenen Theaters. Jetzt erklären aus der großen Corporation des Hannoverschen Theaters fünfzehn Mitglieder (und nicht eines mehr) in einem Briefe an Sontag: „Du hast die Collegialität verletzt; wir werden den contractlichen Verkehr aufrecht erhalten, den Privatverkehr jedoch abbrechen.“ Sofort kommt eine Gegenerklärung hochkomischer Art: Die gestrige Erklärung müsse auf einem Mißverständnisse beruhen; man könne nicht abbrechen, was nie bestanden habe. Er habe gerade mit diesen Mitgliedern nie verkehrt. Nun brachte man in Umlauf, das Publicum sei durch einzelne Stellen des Buches ebenfalls verletzt worden; die Stimmung der ganzen Stadt sei eine feindliche, und es stehe dem sonst so beliebten Künstler bei seinem Auftreten eine empfindliche Demonstration bevor. Sontag trat als Oranien in „Egmont“ auf. Orkanartig brauste ihm der Beifall entgegen und wollte nicht enden. Das Publicum, wissend, daß Hetzereien einzelner Persönlichkeiten die Demonstration veranlaßt, brach bei einer bezüglichen Stelle Egmont's: „daß anderer Menschen Gedanken doch solchen Einfluß auf uns haben!“ in Beifall und Gelächter aus. Nochmalige Erklärung der betreffenden Fünfzehn: „Sie könnten nun auch den contractlichen Verkehr nicht mehr aufrecht erhalten und mit Sontag nicht mehr auftreten.“ Der Intendant von Bronsart, anstatt seine Autorität zu wahren, einen solchen Uebergriff energisch zurückzuweisen und über den Parteien zu stehen, trat auf die Seite der Gegner und unterstützte ein Gesuch, welches nun in Berlin in oben erwähntem Sinne gestellt wurde. Dort befahl man, einstweilen die Stücke zurückzulegen, in denen Sontag beschäftigt sei, bis von ihm selbst irgend ein Schritt gethan werde. Dieser geschah nicht. Die Saison verging, ohne daß er in den neun Monaten ein zweites Mal aufgetreten wäre. In kleinlicher Weise verweigerte man ihm Urlaub, und nur den contractlichen konnte man ihm nicht rauben. Der an Hannover gefesselte Florestan-Sontag konnte singen:

„Wahrheit wagt' ich kühn zu sagen,
Und die Ketten sind mein Lohn.“

Im zweiten Jahre war man milder und lockerte die Ketten. Man gab ihm Urlaub in freigebigster Weise. Jetzt ist er ganz frei und wird nur gastiren. Das deutsche Theaterpublicum wird es den Fünfzehn danken, daß ihm der Genuß, Sontag zu sehen durch ihre Beihülfe nun häufiger zu Theil wird. Aber starr steht man einer Leitung gegenüber, die sich von einem kleinen Bruchtheile des Personals gängeln läßt, der einen satirischen Ausfall in einem Buche als „uncollegialisch“ bezeichnet und sich nicht entblödet, in der „Collegialität“ selbst so weit zu gehen, einen langjährigen Collegen um Stellung und Pension zu bringen. Doch innigen Dank Denen, die zu einer That verhalfen, deren Unterlassen bisher unbegreiflich war!

Wer die fast herzlichen Beziehungen Sontag's zu König Georg dem Fünften kennt, wird begreifen, daß ein Künstler wie dieser sich einem Theater dauernd erhält, das damals ein ganzes Firmament erster Sterne vereinigte. Aber daß Sontag auch in den letzten Jahren blieb, in welchen diese Sterne schnuppenartig bis auf wenige verschwanden, das ist nicht begreiflich, zumal der Gehalt, wie wir lesen, ein verhältnißmäßig kleiner war, der mehrfach von Stadttheatern überboten wurde. Anhänglichkeit an die Stadt Hannover ist es, so sagt man, und dem muß so sein; denn er hat sie jetzt zu seinem Domicil gewählt.

Von einer Biographie Sontag's stehen wir ab – wer sie lesen will, nehme sein Buch zur Hand! Was Sontag als Künstler leistet, ist bekannt. Er hat in fast allen deutschen Städten gastirt und einstimmige Anerkennung gefunden, zuletzt in Berlin. Kaum haben sich jemals alle Stimmen der Kritik so gleichmäßig anerkennend ausgesprochen wie Sontag gegenüber. Woher kommt das? Weil er genau weiß, was er kann und wie weit er gehen darf. Im Lustspiele, auf dem Gebiete des Humors, herrscht er als Souverän, sowohl im fürstlichen Salon, wie wenn er – Harun al Raschid gleich – in die niederen Volksschichten hinuntersteigt. Ueber sein Talent und die Grenzen, die demselben gezogen, lassen wir ihn selbst sprechen: „In meinem Talente ist ein Bruch. Meine Neigung, noch mehr mein Naturell weisen auf das Trauerspiel, mein Talent und Organ auf das Lustspiel. Die Rollen, die in der Mitte liegen, sind meine besten. Sowie mir hochtragische Rollen nicht gelingen, sind mir sprudelnd lustige verschlossen. Rollen, wie der „Landwirth“ von der Prinzessin Amalie von Sachsen, der im ersten Acte naiv erheitern, in den letzten rühren muß, spielt kein mir bekannter Schauspieler – das kann ich mit einigem Selbstbewußtsein sagen – besser; hauptsächlich trieb mich mein Organ aus dem tragischen Fache, ein Organ, auf das ich bei großer physischer Anstrengung nie sicher bauen konnte. Und wer nicht unbedingt und ungehindert in allen schwungvollen Rollen 'in's Geschirr gehen kann', der soll davon bleiben. Sonderbar, die schönsten Abende meiner Carrière, die glänzendsten an Beifall, habe ich dem Trauerspiele zu danken. Hamlet, Tasso, Uriel Acosta galten in Schwerin – allerdings im akustisch kleinen Hause – für meine besten Rollen. Auch in Hannover habe ich niemals in einer Lustspielrolle auch nur annähernd den Beifall gefunden, den mir im ersten Jahre die beiden Trauerspiele 'Der Wilderer' und 'Die deutschen Komödianten' brachten. Aber da ich nie wußte, ob das niemals gebildete Organ Klang und Ausdauer haben würde, saß ich an den Tagen großer Rollen in meinem Zimmer, probirte ängstlich wie ein erster Tenorist fortwährend meine Töne, rief alle Minuten abwechselnd bald tief, bald hoch ‚Piep‘ und stand Abends eine Angst aus, die mir das Herz hörbar klopfen ließ. Ich mußte das Fach endlich aufgeben, weil ich es nicht ganz auszufüllen vermochte.“

Sontag schildert nun den Genuß, den der Tragöde beim Studium seiner Rollen hat, wenn er in die Tiefen des Dichters immer mehr hinabsteigt, und die Qual des Lustspielschauspielers, der gezwungen ist, den flachsten Dialog sich zwanzig- bis dreißigmal „vorzukauen“. Er schließt das Capitel mit den Worten. „Beim Studium der Lustspielrollen muß man eben immer nur die Wirkung des Abends vor Augen haben und an das Wort Goethe's denken, das er einem berühmten Darsteller humoristischer Rollen zurief: 'Beneidenswerthes Loos, seinen Mitmenschen nur heitere Stunden zu bereiten.'“

Dergleichen Stunden hat Sontag seinen Mitmenschen oft bereitet. Daß ihm schwungreiche Rollen verschlossen, müssen wir ihm auf's Wort glauben, aber in ruhig edlen stellt er seinen Mann. Wir sahen ihn als Antonio im „Tasso“ und haben diese herrliche Goethe'sche Figur nie würdiger, edler gesehen. Niemals ist uns die Ueberzeugung klarer geworden, daß die Besetzung dieser Partie durch einen sogenannten Intriguantenspieler ein Mißgriff ist. Eine hinreißende Wirkung übt Sontag im letzten Acte als Heinrich in „Lorbeerbaum und Bettelstab“. Wer erheitern, erheben und erschüttern kann in gleichem Maße, ist ein Auserwählter. Dawison hat auch weder den Marquis Posa noch den Beaumarchais im „Clavigo“ spielen können, aber er war herrlich als Philipp der Zweite und Carlos. Jeder in seiner Grenze.

Wir bringen das Bild einer Scene, die wir nie so originell haben spielen sehen, wie von Sontag. Bolingbroke („Glas Wasser“ von Scribe) spricht in frivolster Weise seine Freude über den Tod seines Vetters aus, durch welchen nun ihm das unermeßliche Vermögen dieses „Dummkopfs“ zufällt. Diese Lustigkeit wird unterbrochen durch den Eintritt der Königin. Die darauffolgende Scene, in welcher Bolingbroke-Sontag seinen „tiefen Schmerz über den Verlust des vielgeliebten Vetters, dieses bedeutendsten Parteiführers“ ausdrückt und scheinbar vor Thränen nicht weiter sprechen kann, gehört zu dem Besten, was auf dem Gebiete der feinen Komik gesehen werden kann.

Hiermit schließen wir, noch eine kleine Schwäche unseres Künstlers berührend. Er ist Liebhaber von Orden und sagt selbst ehrlich und offen: „Ein Hoftheatergastspiel findet nur dann den gewünschten Abschluß, wenn es im Knopfloche bammelt.“ Nun, es bammelt bei ihm achtmal aus dem Knopfloche und einmal um den Hals. Gönnen wir ihm das Vergnügen! Uns thut es nicht wehe, und ihm macht's Vergnügen; übrigens verdient er solche Ermunterungen wie Einer. Warum sollen Fürsten ihrem Standesgenossen nicht Geschenke machen, beschenkt er sie doch reich aus der Cabinetsschatulle seines Humors, und Standesgenossen pflegen sich bei Geschenken auszugleichen. Und ein Standesgenosse ist er – ein Fürst im Reiche des Humors.
J. J.

[383]

Zurückgekehrt in’s Vaterland.


Wer hat nicht schon am Himmel dem wechselnden Spiele der Wolken zugesehen? In phantastischen, bald friedlichen, bald dräuenden Formen heben sie sich vom ewig gleichbleibenden blauen Aether ab, doch kaum haben wir eine Gestalt festgehalten, so zieht sie sich schon wieder zusammen, oder weitet sich aus, reißt in der Mitte auseinander, oder ballt sich mit andern zu neuen, ruhelos wandelnden Gebilden.

So ziehen, immer wechselnd, unerwartet, nie vorher zu bestimmen, die Bilder der Weltgeschichte vor unserm inneren Auge vorüber. Dreihundertfünfzig Jahre sind verflossen, seit die Osmanen, als die furchtbarsten Feinde Ungarns, dessen Hauptstadt Buda (Ofen) eroberten, seit der letzte eingeborene ungarische König, Ludwig der Zweite, in einem Heerzuge gegen den Erbfeind im Sumpfe bei Moháes versank und die Schätze der Königsburg, darunter die unschätzbare Bibliothek des großen Matthias des Ersten Corvinus, als Kriegsbeute nach Constantinopel geschleppt wurden – und schon erlebt die erstaunte Welt das merkwürdige Ereigniß, daß ein Nachkomme Soliman’s des Zweiten, der Schrecken der Christenheit von seinen Zeitgenossen genannt, Sultan Abdul Hamid, eine Deputation nach demselben Pest-Ofen schickt, um einen Theil jener seltenen, damals geraubten Handschriften als Freundschaftszeichen überreichen zu lassen.

Wo das Wort „Türcke“ ein Fluch und Schreckenswort war, schallte neben dem heimathlichen „Eljen“ tausendstimmiges, begeistertes „Tschok“- und „Jassaschin“-Rufen, und das ganze Land überströmte von Kundgebungen der Freude und des Entzückens über die türkischen Gäste. Um den außerordentlichen Enthusiasmus der Magyaren über dieses denkwürdige Geschenk ganz zu begreifen, muß man, außer den politischen Sympathien, auch den Zauber kennen, den der Name Matthias Corvinus auf jedes Ungarherz ausübt. Was Friedrich der Zweite den Preußen, Joseph der Zweite den Wienern, Harun-al-Raschid den Orientaten – Kriegsheld, Gesetzgeber, Mäcen und Volksmann zugleich –, ist dem magyarischen Volke sein Mátyás Király. Aber noch mehr als Jene, weil er kein geborener Fürst war.

Er wurde geliebt, wie kein Regent vor ihm und Keiner nach ihm je geliebt wurde. „König Matthias ist todt, mit ihm starb die Gerechtigkeit,“ klang es wie der schrille Ton eines zerspringenden Glases durch das Reich, als er am Palmsonntage 1490 nach dem Genusse von neapolitanischen Feigen plötzlich zu Wien verschied.

Im Laufe der Zeit hat die Legende immer leuchtender ihren Glorienschein um sein Haupt gewoben. Es giebt kaum eine historisch interessante Stätte in Ungarn, die nicht mit Matthias Corvinus in irgend welchen Zusammenhang gebracht wird. Unzählige Sagen und Volkslieder halten sein Andenken lebendig. Mátyás Király ist eben keine Person mehr, sondern die Personification der Größe, des Glückes und Glanzes des Magyarenthums. Seine Feinde selbst können nicht leugnen, daß er ein großer Mann war. Aus der Hexenküche der Revolution hervorgegangen, erkannte er doch sofort mit richtigem Blicke, daß Ordnung und Gesittung die ersten unentbehrlichsten Fundamente eines Staatswesens seien. Er schützte das Volk vor den Bedrückungen des Adels und suchte die Leuchte des Wissens für seine Magyaren dort, wo sie eben damals einzig zu finden war, in den Resten des classischen Alterthums.

Sein Erzieher und Rathgeber, Johann von Vitèz, Bischof von Großwardein, war in Rom gebildet worden; mit dessen Hülfe, wahrscheinlich auch auf dessen Anregung, gründete Matthias in Ofen eine Akademie nach den Vorbildern der Universitäten von Florenz und Bologna. Johannes von Pannonien, eigentlich Joannes Cesinge genannt, ein Neffe obgedachten Bischofs und selbst Bischof von Fünfkirchen, ein genialer Geist, dessen Poesien der gelehrte Beatus Rhenanus mit den besten Werken der Alten verglich, wurde der oberste Leiter jener Hochschule, die, obwohl ihr Mitbegründer die erste ungarische Grammatik schrieb, doch eigentlich keine magyarische genannt werden konnte, da ausschließlich in lateinischer Sprache vorgetragen wurde und diese von da an, überhaupt im ganzen Lande, zur Hof- und Gerichtssprache erhoben wurde (und es bis zum Jahre 1848 geblieben ist).

Um diesem neugegründeten Culturherde die nöthige Lebenskraft und Leistungsfähigkeit zu geben, thaten zwei Dinge Noth, tüchtige Lehrkräfte und eine gediegene Bibliothek.

Um der ersten Anforderung Genüge zu thun, beriefen Vitèz und Johannes von Pannonien die besten Gelehrten des Auslandes, die für Geld und gute Worte zu bekommen waren.

Und bald strömten aus allen Theilen Ungarns und selbst vom Auslande her zahlreiche Wissensbegierige nach der jungen Pflanzstätte der Wissenschaften. Nun wurden im Königsschlosse zwei große hochgewölbte Säle zur Bibliothek hergerichtet, die Decken von italienischen Meistern kunstvoll bemalt, die Büchergestelle vergoldet und mit reichgestickten, seidenen Vorhängen versehen, auch allerlei kostbare Zierrathen, darunter über dreihundert Statuen und Büsten, herrliche Kunstwerke des Alterthums, in den Zwischenräumen angebracht, aber um die Büchersammlung selbst anzuschaffen, dazu bedurfte es Anstrengungen, von denen wir heutzutage keinen Begriff haben.

Die asiatischen Barbarenhorden hatten den letzten Hort der alten Cultur, das oströmische Reich, vernichtet; aus den stürzenden Trümmern von Byzanz flüchteten die entsetzten Griechen nach dem Abendlande und retteten sich und einen Theil ihrer Literatur- und Kunstschätze nach Italien, dessen kunstsinnige Fürsten sie gastfreundlich aufnahmen und den hohen Werth der mitgebrachten Gaben freigebig lohnten. Um sie sammelte sich so das Geistesleben des 15. Jahrhunderts. Gutenberg's weltbewegende Erfindung ging damals noch in den Kinderschuhen; die ersten mühseligen Anfänge ließen ihre mögliche Entwickelung nicht ahnen. Wer ein zweites Exemplar eines Werkes haben wollte, mußte es sich abschreiben lassen. Auch Matthias Corvinus griff zu dem damals allgemein üblichen Mittel.

Die Zahl der erworbenen Druckwerke und Originalen war nur gering; er besoldete daher dreißig, nach Andern dreihundert Schreiber, die jahrein, jahraus in den verschiedenen Städten Italiens und Deutschlands, besonders aber in Rom und Florenz, den Sammelplätzen der byzantinischen Flüchtlinge, kunstvolle Abschriften der alten Dichter und Philosophen, sowie der christlichen Kirchenväter und Lehrer verfertigten. In Ofen selbst saßen vier hochgelehrte, in den Sprachen des Alterthums wohlerfahrene Männer, deren Amt es war, die eingesandten Arbeiten durchzusehen und etwaige Fehler zu verbessern. Diese schon revidirten Bücher wurden noch dem Felix von Ragusa, einem großen Gelehrten, der des Lateinischen, Griechischen, Hebräischen und Arabischen völlig mächtig war, übergeben. Er legte die letzte kritische Sonde und Feile daran, und erst das so vollendete Werk wurde der Bibliothek einverleibt. So soll die köstliche Büchersammlung nach und nach auf fünfundfünfzigtausend Bände angewachsen sein, deren Geldwerth ebenso wie ihr geistiger Werth unschätzbar war, da König Matthias während seiner Regierungszeit jährlich über dreiunddreißigtausend Goldgulden dafür verausgabte.

Mit des großen Corvinus' Tode verfielen seine großartigen und wohlthätigen Schöpfungen. Schon sein Nachfolger, der polnische Wladislaus, ein roher und gewaltthätiger Mann, der ebensowenig Liebe für die Wissenschaften, wie für Ungarn hatte, verschleuderte viele der kostspielig und mühsam errungenen Handschriften. Unter der Regierung seines unmündigen Sohnes gerieth wieder ein großer Theil derselben in Verlust; dann kam die Türkenbelagerung, infolge deren die Königsburg niederbrannte, und was noch aus den Flammen gerettet wurde, mehrere hundert Bände, befahl der Großvezier Ibrahim (1526), ein gebildeter griechischer Renegat, in Schiffe zu packen und als Siegestrophäe sammt dem Thronsessel Matthias' und andern Kunstschätzen, dem Sultan nach Constantinopel zu bringen.

Dort wurden die „Corvina“, wahrscheinlich mehr ihrer Malereien und kostbaren Einbände, als des unverstandenen Inhalts wegen, in jenes Gebäude niedergelegt, in welchem die kostbarsten Reliquien des Islams, Bart, Zähne, Schwert und Mantel des Propheten, aufbewahrt wurden.

Dieser geheiligte Ort war für alle Giaurs unzugänglich, und so erhielt sich die Kunde von dem Bücherschatze in Stambul nur sagenhaft durch türkische Chronikenschreiber und christliche Tradition aufrecht. In den letzten hundert Jahren, als die fanatische [384] Christenverachtung sich gemildert und der Orient dem Abendlande manche Concession gemacht hatte, wurde es auch den Nichttürken erlaubt, gewisse Säle der großherrlichen Bibliothek zu betreten und von den dort angesammelten Schätzen altorientalischen Wissens Kenntniß zu nehmen. So wurden einzelne Bände aus jener berühmten Handschriftensammlung wirklich gesehen und die Sage durch den Augenschein beglaubigte Thatsache.

Freilich war damit der lebenden magyarischen Generation wenig geholfen. Man hat Etwas noch nicht, wenn man weiß, wo es ist; auch war die zweite bange Frage: was wurde in jener Wirrniß gerettet? Vielleicht ging das Werthvollste zu Grunde, und das am wenigsten Würdige entging der Vernichtung. Da die meisten jener Codices nur Abschriften waren, deren Originale in Rom etc. sich erhalten haben, so war nur ein heimisches Werk von besonders unersetzlichem Werthe für die ungarische Nation, die magyarische Grammatik des Janus Pannonius, und das aus folgenden Gründen.

Als König Matthias in wohlmeinender Absicht das energische Mittel ergriff, durch Octroyirung der lateinischen Sprache seine rauhen Pannonier mit einem Schlage unter die Culturvölker zu versetzen, hatte er dadurch seiner Muttersprache den Stempel der Niedrigkeit und Verachtung aufgedrückt. Die ausländischen Regenten, die nach ihm folgten, verstärkten diese Acht, da sie neben, oder später statt der lateinischen, ihre eigene Sprache zur herrschenden in Ungarn machen wollten. Ja, es war bis zur Mitte dieses Jahrhunderts gar nicht selten, daß ein Magnat lateinisch, deutsch und französisch geläufig handhabte, aber seine Landessprache nicht kannte. Natürlich kümmerten sich auch die Gelehrten nicht um dieselbe, und es war kein Grund vorhanden, sie weiter auszubilden; die Bauern von Debreczin, die, wie in Deutschland die Hannoveraner, den Ruhm genießen, die reinste Aussprache zu bewahren, fanden in dem überlieferten Sprachschatze Worte genug, ihre Begriffe auszudrücken. Während sich also die westeuropäischen Sprachen, die deutsche voran, in den letzten dreihundert Jahren zu hoher Vollendung ausbildeten, lag die magyarische in einen wahren Dornröschenschlaf versunken, um den der in der finnisch-tatarischen Abstammung begründete Sprachbau noch einen natürlichen Dornenzaun jedem Eindringling arischer Abstammung entgegensetzte.

Erst die Aufruhrsposaune des Jahres 1848 hat die langverkümmerte ungarische Sprache wieder aus dem Todesschlafe geweckt, und die verhältnißmäßig wenigen Jahre genügten, um den Magyaren eine Sprache zu geben, die an Reichhaltigkeit den modernen Weltsprachen gleichkommt, ja, die auf ihre Macht schon so eifersüchtig ist, daß sie gar keine fremden Atome neben sich duldet und die allgemein angenommenen technischen Ausdrücke im öffentlichen Verkehre, die Details des Eisenbahnwesens, der Telegraphie, der Schifffahrt, der Industrie, der Ingenieur- und Kriegskunst u. dgl. m. in ureigene Benennungen übersetzt hat.

Wie viel tüchtige Beamte haben um dieser Marotte willen ihren Dienst verloren – wie viel Mißverständnisse mag dieses überhastete, leidenschaftliche Treiben hervorgerufen haben! Ja, es geschieht häufig, daß ein alter, ehrlicher Ungar einen Erlaß oder eine Zustellung vom hohen Gerichtshofe gar nicht versteht, oder ein neumodisches Wörterbuch zu Hülfe nehmen muß, um einen hochtönenden Leitartikel zu entziffern.

Mitten in dieses fieberhafte Drängen nach eigener Sprache und Literatur, die schon ganz Respectables hervorgebracht hat und weitberühmte Namen wie Petöfi, Vörösmarty, Jokai aufweist, fiel zündend die Nachricht von der liebenswürdigen Absicht des Sultans, einen Theil der in Stambul befindlichen corvinischen Bibliothek nach Ofen zurückzusenden.

Jetzt endlich wird man, auf historische Documente gestützt, bestimmen können, auf welcher Höhe die magyarische Bildung zur Zeit ihrer Blüthe stand. Die ganze Nation gerieth in einen Rausch des Entzückens über die zu erwartende nationale Reliquie.

Oberstlieutenant Tahsin Bey, ein Adjutant Sultan Abdul Hamid’s, sollte das Geschenk officiell nach Pest-Ofen bringen wie ein Handschreiben desselben an den Rector der Universität besagte; aus politischen Rücksichten fand man es aber unzulässig – die „Corvina“ wurden schon in Wien dem Ministerial-Secretär Lukacs übergeben. Tahsin Bey reiste nach Constantinopel zurück, und nur die Softas, geführt vom Scheik von Jerusalem, folgten der freundschaftlichen Einladung der Pest-Ofener Studenten, einige Tage in der Hauptstadt Ungarns zuzubringen. Am 28. April traf das Geschenk des Sultans in Pest ein. Die Kiste, in welcher es sich befand, wurde vom Eisenbahnwaggon auf einen bereit stehenden offenen Wagen gestellt, durch die Stadt zur Universität geführt und dort in Gegenwart des Rectors und vieler hohen Würdenträger geöffnet. Der Kasten ist aus Eschenholz gefertigt und von innen mit rothem Sammt belegt. Darin befanden sich fünfunddreißig handschriftliche Bände, in rothen und grünen Saffian gebunden, mit dem türkischen und Corvinus' Wappen geziert, doch nur elf davon sind unzweifelhafte Corvina, und die erwarteten und erwünschten Werke des Janus Pannonius sind nicht darunter. So hat die Gabe wohl großen bibliographischen Werth, aber nicht die für die Wissenschaft und speciell für die ungarische Sprach- und Geschichtsforschung gehoffte Bedeutung.

Trotzdem wurden großartige Vorbereitungen zum Empfange der Softas getroffen die am 29. April eintreffen sollten. Schon um 10 Uhr Vormittags waren die Deputationen der verschiedenen Körperschaften aus der Hauptstadt und den Provinzen, die Sendboten der Akademien, die Bürger und Bauern-Banderien (Berittene im Nationalcostüme) mit türkischen Cocarden an den Kopfbedeckungen auf dem Sammelpunkte erschienen, und der feierliche Zug setzte sich gegen den Bahnhof in Bewegung. Die Straßen, durch welche der Zug sich bewegte, hatten festlichen Schmuck angelegt. Als das Signal der Ankunft ertönte, durchbrausten stürmische Eljen- und Jassaschinrufe die Halle. Die angekommenen Gäste wurden von den Nächststehenden umarmt und von dem Studenten Tanko[WS 1] in türkischer Sprache als „Brüder“ bewillkommnet. Als der Scheik in derselben Weise erwiderte, erreichte der Jubel des Volkes den Höhepunkt.

Dies die in wenige Worte zusammengefaßte Beschreibung der Empfangsfeierlichkeiten. Nachdem das Füllhorn der Gastfreundschaft bis zur Neige geleert worden, schieden die Muselmänner gerührt am 2. Mai von ihren neuen Freunden.

So haben noch die letzten Funken jenes interessanten Culturherdes des Mittelalters Segen gestiftet, jenen Segen, den die fortschreitende Civilisation überhaupt im Gefolge hat, geläuterte Erkenntniß und dadurch gegenseitige Werthschätzung und Verbrüderung feindlicher Nationen.
A. Forstenheim.




Der „Malefizschenk“.
Culturbild aus der guten alten Zeit.


Der ehemalige schwäbische Kreis, welcher den südwestlichen Theil des alten deutschen Reiches umfaßte, bot für sich ein getreues Bild der Zerrissenheit in Vielstaaterei dar, unter welcher unser Vaterland bis zu Anfang dieses Jahrhunderts zu leiden hatte. Oesterreichisches, württembergisches, badensches Gebiet stieß und schob sich da aneinander; dazwischen lagen die Ländereien von reichen Hochstiften und Abteien, von fürstlichen und gräflichen Herrschaften und vielen kleinen freien Reichsstädten.

Inmitten dieser bunten Musterkarte von souveränen und halbsouveränen Herrlichkeiten befanden sich auch, theils in der Nähe von Biberach, theils nach dem Sigmaringischen hinein, die Güter von Franz Ludwig Schenk, heiligem römischem Reichsgrafen von Castel, Herrn zu Schelklingen[WS 2], Berg, Altbierlingen, Gutenstein, Engelwies, Ablach und Altheim, Oberdischingen, Bach, Wernau und Einsingen, Hausen und Stetten am kalten Markt, der römischen kaiserlich königlichen Majestät Kämmerer, Seiner kurfürstlichen Gnaden zu Mainz wirklichem Geheimrath und der hochfürstlichen Hochstifter Eichstätt Erbmarschall etc. etc.

So vornehm er sich als solcher Reichsvasall fühlte, so bedauerte er im Grunde seines Herzens doch, daß er nicht mit größerer souveräner Macht ausgestattet sei. Zum Herrschen geboren, entbehrte er die Gelegenheit, einen Staat zu regieren. Er hätte es sicherlich manchem der deutschen Dynasten, die im vorigen Jahrhunderte im Sinne des aufgeklärten Despotismus Schulmeister [385] und Erzieher ihres Volkes spielten, noch zuvor gethan. Seine Leistungen auf einem beschränkten Gebiete, welches er sich in solchem Drange seines Herzens zu versichern wußte, gestatten daran kaum einen Zweifel.

Die Gelegenheit dazu bot ihm in den siebenzehnhundertsechsziger Jahren ein Schreiben der Stände des schwäbischen Kreises mit der Anfrage, ob Jemand der Mitglieder bereit sei, auf Kosten des Kreises eine Frohnveste zu bauen und deren Bewachung und Verwaltung zu übernehmen: Denn es war in Oberschwaben große Noth um ein Zuchthaus mehr für die zahlreichen Landstreicher und „Jauner“, die damals häufig in ganzen Banden das südwestliche Deutschland so arg heimsuchten. Die Kriege, die politische Zerrissenheit, die Verarmung und hergebrachte sittliche Vernachlässigung des Volkes bildeten die natürlichen Ursachen einer größeren Verwilderung der unteren Classen. Was der Staat derartig selber mit verschuldet hatte, mußte er nun an den Opfern seiner Sünden wieder rächen.

Ein erbitterter Krieg der Justiz begann mit dem socialen Elend und dem daraus entstehenden Verbrechen, welches selbst in offener Fehde sich gegen die Gesetze der Ordnung und Sicherheit auflehnte. Aller Orten sah man Galgen; unaufhörlich unternahmen Soldaten und Polizisten Streifzüge gegen die Diebs- und Räuberbanden in Oberschwaben, welche eigentlich erst im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts vernichtet wurden. Sie waren freilich nicht so gefährlich und leicht fertig mit einem Todtschlag wie die des 1771 überwältigten „bairischen Hiesel“ und die des späteren „Schinderhannes“ am Rhein, aber sie bedrohten mit ihren Gelegenheitsdiebstählen und planmäßigen Einbrüchen doch fort und fort die Sicherheit des Eigenthums auf dem Landes. Die nahen Grenzen der verschiedenen deutschen Staaten und der Schweiz, welche eigene und auf die benachbarte gewöhnlich sehr eifersüchtige Justizhoheit besaßen, begünstigten außerdem das Uebel, indem das Gesindel immerfort den Boden wechselte und damit die Vorsehungen, die darüber wachten.

Auf jenen Nothschrei der schwäbischen Stände hatte sich nun der Reichsgraf Schenk von Castel gemeldet; er allein. Er hatte es gethan, um eine öffentliche und dem allgemeinen Wohl dienende Rolle zu spielen. Ein Mann von Geist und edlen Absichten, mit einem hohen, sittlichen Rechtsbewußtsein, fühlte er sich zugleich in seinem herrschsüchtigen Ehrgeiz und dynastischen, selbstherrlichen Geist verlockt, als Verwalter einer Frohnveste einen Staat von Gaunern zu regieren. In Ermangelung eines anderen war dies doch etwas, um unumschränkt gefaßte Grundsätze an verworfenen Menschen erproben zu können. So kam denn der Vertrag zu Stande: der schwäbische Kreis bezahlte die Kosten für den Aufbau des neuen Zuchthauses, dessen Verwaltung und Gerichtspersonal, und Graf Schenk übernahm die Leitung des Ganzen. In Dischingen, wo er sein Residenzschloß besaß, hatte er auch die Frohnveste errichten lassen.

Bald spürte man, welch kräftig Hand da die Zügel führte. Der Graf, in der Blüthe seiner Mannesjahre, war eine gewaltige Reckenfigur, mit scharf und grimmig blickenden Augen und einer mächtigen rothen Nase im Gesichte. Rothhaarig dazu, erschien er allen bösen Gewissen wie der leibhaftige Satanas, und wer selbst von den guten Bürgern ihm und seinem Dischingen aus dem Wege gehen konnte, that es mit Angst und Schrecken vor ihm. Denn er nahm sein Amt ernst und trat[WS 3] als ein selbstbewußter Souverain auf; er ging mit seinen Leuten oftmals selber auf die Streife und in die Diebs- und Hehlernester, packte auch selbst mit furchtbarer Faust, wen er seiner Gewalt verfallen glaubte. Er fragte wenig danach, ob er auf dem Gebiete einer fremden Herrschaft sein Amt verrichtete oder verrichten ließ. Wie viel Aergerniß darüber auch anfänglich entstand, bald ließen die verschiedenen fremden Justizämter ihn ungestört handeln, weil er in der That gut aufzuräumen verstand; ja, schließlich begünstigten sie seine Unternehmungen, da er die Gefangenen und Verurtheilten auf seine Kosten unterhielt. Seine Leidenschaft, sich zu einer Geißel des Räuberwesens im Lande zu machen, es bis in die geheimsten Schlupfwinkel zu verfolgen, ermattete nicht, wie viel er auch an Jahren zunahm. Er wurde sechszig, er wurde siebenzig Jahre alt und hauste von seiner Zwingburg aus noch immer in der alten Weise fort. Er hatte sich damit zu einem besondern Justizherrn in Oberschwaben gemacht, den man allgemein nur den „Malefizschenk“ nannte.

Weit in die Lande gingen seine Hatschiere, um Verdächtige und Verfolgte aufzugreifen und gebunden nach Dischingen zu bringen. Dort ließ der Graf sie durch seinen Justitiar inquiriren, processiren und, nachdem das gefällte Urtheil von der heimathlichen Gerichtsbehörde des Angeklagten oder in Todesverdicten noch von der Facultät in Tübingen bestätigt worden war, dasselbe vollstrecken, und daß er dabei gelegentlich in eigener Cabinetsjustiz auch einen Strang mehr verbrauchte, fiel ihm um des allgemeinen Zweckes willen nicht auf das Gewissen. In seiner Weise suchte er andererseits wieder den gnädigen Herrn und Menschenfreund an seinen Opfern zur Geltung zu bringen. Sein Zuchthaus, in Hufeisenform bombenfest gebaut, war immer von etwa hundert Sträflingen und zwanzig Delinquenten besetzt; dabei hatte er noch vier Blockhäuser aufführen lassen, in denen er die Kranken unterbrachte oder seine Besserungsversuche mit Ketten und allerhand Pein an den Verstockten anstellte. Ihr Herr und Meister wollte er in Allem sein. Er ließ die Kinder von Verurtheilten und Hingerichteten auf seine Kosten erziehen; er gab oder verschaffte wieder entlassenen Sträflingen oder Begnadigten dienstliche Stellungen. Aber er verkaufte auch zuweilen einige von seinen Sclaven in Dischingen. Wenn nämlich die Dörfer im Vorderösterreichischen auf Befehl sofort je ein oder zwei Rekruten zu stellen hatten und es nicht an ihrer eigenen männlichen Bevölkerung verbrechen wollten oder konnten, so schickten sie wohl zum „Malefizschenk“ und kauften sich für hundert Gulden zwei Spitzbuben, die sie dann dem kaiserlich königlichen Oberamte überantworteten. „In der Regel,“ meint der Chronist, dem wir dies entnehmen, „machte der Graf ein gutes Geschäft, denn nach etlichen Wochen waren diese beim Militär durchgebrannt und saßen wieder gemüthlich in den Keuchen zu Dischingen.“

Die gewandtesten und gefürchtetsten Häscher des „Malefizschenk“ waren zwei pardonnirte Gauner der verschmitztesten Sorte, der Lauterbacher und das Bayreutherle, nach dem Orte ihrer Herkunft genannt. Sie bildeten seine Vertrauten, seine Camarilla, Minister und Voigte zugleich. Seine Köchin war die „schöne Victor“, einst eine berüchtigte Diebin, die in Dischingen auch noch anders als mit dem Kochlöffel das Regiment führte, wohl eine Art Pompadour, wie ja deren damals so mancher deutsche Ludwig der Fünfzehnte in Miniatur zu halten pflegte. „Seine Atmosphäre,“ heißt es von ihm in Pflug's „Erinnerungen eines Schwaben“, welche auch viel actenmäßiges Material über die Geschichte dieses merkwürdigen deutschen Grafen bieten, „war voll Blut und Brandgeruch; seine Wohnung, nachdem sie ihm den rothen Hahn auf sein gräfliches Schloß gesteckt, das Zuchthaus selbst. Auf der Höhe, wo sein Blick am grünen Donauthale sich erfrischen konnte, wo durch den Schleier weiter Ferne die Silberlinie der Gebirge zitterte, auf der Höhe, über Allem erhaben, weit sichtbar als sein grausenvolles Herrscherzeichen, stand das Hochgericht; Kettengeklirr war seine Musik, und seine Feste wurden mit Galgen, Schwert und Rad gefeiert. Wenn sein Hof versammelt war, so verhandelte er blutige Sentenzen; mit Blut und Eisen waren seine Correspondenzen geschrieben; die Diplome, die er ausfertigte, betrafen Scharfrichter, welche das Meisterstücklein gemacht hatten, und sein Verleger war ‚Herr Johann Daniel Wagner, Buchdrucker zu Ulm, neben der Hochschule‘, der sich stets submissest um den Druck der Todesurtheile bemühte.“

An solchen fehlte es in Dischingen während seiner langjährigen Blutglorie niemals. Aus einer nur neun Jahre umfassenden, vielleicht noch unvollständigen Henkersrechnung ergiebt sich, daß daselbst während dieser Zeit allein dreiundfünfzig Personen gehenkt und geköpft wurden, ohne diejenigen, welche mit Brandmarken, Prangerstellen und dergleichen davonkamen. Ein ganz besonderes Vergnügen des „Malefizschenk“ war es, als er seine Spitzbuben noch flott henken und köpfen lassen konnte, während ringsum das josephinische Gesetz, welches die Todesstrafe abgeschafft, den Scharfrichtern alle Gelegenheit benommen hatte, ihr „Meisterstücklein“ zu machen. Sie konnten es derzeit nur noch in Dischingen. Gemeinhin kamen dort die Executionen gleich im Großen vor; sechs, acht, zehn wurden an einem einzigen Tage „von Rechtswegen“ aus dem Leben geschafft und darüber gestaltete sich in Dischingen immer ein „wahres Volksfest“. „Am 14. Juli 1803 z. B.,“ erzählt ein Augenzeuge, „wurden daselbst zwölf Verurtheilte, darunter sieben Weiber, auf dem Pranger ausgestellt, die meistentheils den Hohn der umstehenden [386] Volksmenge mit gemeinen Verwünschungen und Witzen beantworteten. Zugleich wurden vier Männer mit Schwert und Strang hingerichtet. Jeder einzelne von ihnen kam auf einem Karren, zur Seite zwei Mönche, unter starker bewaffneter Bauernescorte nach der Richtstätte. Die drei nachfolgenden armen Sünder konnten sehen, wie Meister Hans des Ersten Kopf erst nach zwei Fehlhieben absäbelte. Der letzte baumelte nachher am Galgen hin und her.“

Der Graf that sich immer etwas zu gut darauf, daß er Keinen habe hinrichten lassen, der nicht zuvor seine Schuld – immer nur Spitzbübereien – eingestanden hatte. Aber über den Segen dieser rohen Justiz, deren Profoß er mit so vieler Begeisterung war, gerieth er selbst in Zweifel. Die Todesurtheile schreckten so wenig ab, wie alle die anderen Strafen; Mancher fiel dem Grafen in die Hände, der schon anderwärts unterm Galgen gestanden und in seiner Todesangst begnadigt worden war, gleichwohl aber das Sünderleben nicht eher gelassen hatte, als bis es ihm schließlich doch genommen worden. In einem Todesurtheil von 1804 klagte er über einen Delinquenten, der in neunzig Diebstählen „dem Publicum einen Schaden von 1572 Gulden 31 Kreuzer zugefügt“, daß derselbe sich „von seiner diebischen Laufbahn weder durch die Hinrichtung seines Stiefvaters, noch durch den zu Heidenheim erstandenen Arrest habe abschrecken lassen.“

Wie der Schrecken der „Jauner“, so war der „Malefizschenk“ aber auch der Gegenstand ihrer haßerfüllten Rachsucht. Sie hatten ihm nicht allein sein schönes Schloß in Dischingen niedergebrannt, ohne daß er zu seinem Grimm die Thäter ausfindig machen konnte, sondern auch sein Lustschloß im Walde von Bach ausgeraubt und im Innern furchtbar verwüstet. Diesen Schaden verschmerzte er aber in dem Augenblick, da er einmal auf der Landstraße ein paar junge Strolche erblickte, deren Hosenzeug er als Stoff von dem Ueberzug seiner zerschlagenen Möbel in Bach erkannte. Er ließ sie greifen und kam damit richtig den Thätern auf die Spur. Sein Leben stand in steter Gefahr, und immer nur seine Wachsamkeit, seine Unerschrockenheit und Körperkraft rettete ihn davor. Nachts fuhr er einst im Vierspänner von einem Ball in Ulm zurück. Am Galgen vor dieser Stadt lauerten ein paar Gauner auf ihn, um ihn „kalt zu machen“. Der eine warf eine Handgranate in seinen Wagen, ohne daß sie jedoch Schaden anrichtete, da der Graf und sein Kutscher blitzschnell auf die Straße gesprungen waren; dann brachten die pfeilschnell dahinfliegenden Pferde Beide aus dem Bereich der Attentäter. Ein ander Mal erwarteten ihn drei entschlossene Kerle, als er von Sigmaringen kam, mitten auf dem Wege und fielen seinen Pferden in den Zügel; der Graf riß seinen Hirschfänger heraus und sprang unter sie, worauf der Schrecken sie doch in die Flucht jagte. Bei einer ähnlichen Gelegenheit nahm er mit eigener Hand drei Wegelagerer gefangen und brachte sie in seiner Kutsche nach Dischingen. In Laupheim überfiel er eine Spitzbubenhochzeit; die ganze berüchtigte Gesellschaft mußte ihm gebunden auf seinem eigenen Schlitten folgen; einer dieser Gauner hatte ihm noch durch einen Sprung aus dem Fenster, zwei Stock hoch herunter entwischen wollen, aber der Graf besann sich nicht lange, sprang hinter ihm her und packte ihn am Boden. Er wie sein Opfer hatten keinen Schaden bei diesem Fenstersprung genommen; im Uebrigen bekam es dem Gefangenen freilich schlecht, und er wird wohl die Leiter zum Galgen haben besteigen müssen.

Eine der ausgefeimtesten Diebinnen jener Zeit, der 1770er und 1780er Jahre, spielte ihm einen Streich, der ihm lange ein schweres Herzeleid bereitete. Wie gewöhnlich war er (1782) zum Geburtstag des Herzogs Karl von Württemberg nach Ludwigsburg geladen worden und dorthin gegangen, die Tasche tüchtig mit Gold gefüllt, um, wie gewöhnlich nach der Tafel, im Schlosse zu spielen. Den Zug des Hofes in die Capelle machte er, wie immer, in dem rothen, goldverbrämten Kleide seines Standes mit; in der Tasche des Galafracks befand sich die schwere Rolle mit Ducaten. So schritt er stolz durch die in den Gängen des Schlosses gaffende Menge, die ehrerbietig den gewaltigen „Malefizschenk“ grüßte. Beim Gottesdienst aber, als er seine Dose hervorholte, merkte er zu seinem Entsetzen, daß ihm die Ducatenrolle in der Tasche fehlte. Er war außer sich darüber, namentlich weil er nun nicht spielen konnte und er außerdem von den Hofleuten gefoppt wurde. Seine Ehre schien ihm tief verletzt, denn die Hofleute wollten den Diebstahl nicht recht glauben. Alle seine Vigilantenmacht bot er deshalb auf, um den Spitzbuben, der ihm dies angethan, in seine Gewalt zu bekommen. Als er ausgekundschaftet, daß die sogenannte schwarze Liesel sich um diese Zeit in Ludwigsburg umhergetrieben, ließ er den Verdacht nicht ruhen, daß diese vielbekannte Diebin ihre Hand in seine Tasche habe fahren lassen. Fünf Jahre lang verfolgte er ihre Spur, bis er endlich des verschmitzten Weibes wirklich in Baiern habhaft wurde. Mit triumphirender Miene empfing er sie in seinem Zuchthaus zu Dischingen und ließ sie dann so hartnäckig inquiriren, daß sie die ganze Geschichte ihrer letzten zwanzigjährigen Verbrecherlaufbahn haarklein gestehen mußte, aber von dem Taschendiebstahl in Ludwigsburg wollte sie durchaus, zum höchsten Kummer des Grafen, nichts einräumen. Ihr Proceß endigte aber ohnedies mit einem Todesurtheil. Als der Graf selbst es ihr im Gefängniß verkündigte, redete er ihr noch einmal ernstlich wegen der ihm gestohlenen 1700 Gulden in Ducaten und Maxd’or in’s Gewissen und setzte hinzu: „Wenn sie jedoch in die Ewigkeit übergehen wolle mit der Schuld auf dem Gewissen, daß sie ihn vor dem ganzen Hof in Unehre gebracht habe, so möge sie es auf sich nehmen.“ Die schwarze Liesel gestand nun erst recht nicht. Erst später legte sie ihrem Beichtvater ein vollständiges Bekenntniß ab und gab an, daß sie die Ducaten in einem Schächtelchen im Ludwigsburger Arsenal, wo sie durch die Kanoniere Eingang fand, unter einem Haufen Kanonenkugeln verborgen und gelegentlich immer davon genommen habe. Man fand in der That noch einen Rest des Geldes am bezeichneten Orte, und nun ließ sie der „Malefizschenk“ mit Ruhe an seinen Galgen henken.

An siebenzig Jahre alt, war der Graf noch immer ein gewaltiger Herr, „dessen Stimme wie Donner schallte“, als das Schlimmste sich ereignete, was er sich jemals hätte vorstellen können. Napoleon räumte mit fast allen kleinen Herrschaften im schwäbischen Kreise auf, um Baden, Baiern und vorzugsweise Württemberg damit zu vergrößern, und so wurde auch Graf Schenk von Castel im Jahre 1806 aus einem deutschen Reichsgrafen ein Vasall des neuen Königs von Württemberg. Dies ging dem stolzen Herrn schon sehr nahe, und er fügte sich mit schwerem, innerem Groll in dieses Schicksal am Ende seiner Tage. Aber der härteste Schlag war dies noch lange nicht; denn die neuen Verhältnisse änderten zunächst wenig in der Justizherrlichkeit des „Malefizschenken“. Nach wie vor führte er seine Processe, bevölkerte er sein Zuchthaus und ließ köpfen und henken in Dischingen, „pardonnirte“ auch Manchen wie sonst. Wohl vierzig Jahre lang hatte er dieses Ehrenamt nun schon versehen und glaubte nicht anders, als desselben auch bis an seinen Tod mit Ehren walten zu können.

Da traf ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel im Jahre 1808 ein Rescript des Königs Friedrich von Württemberg, welches dem Grafen von Schenk alles Recht absprach, der höchsten Staatsgewalt zuwider, eigenes Gericht zu führen. Ein Amtsverweser des Königs wurde nach Dischingen geschickt, nicht allein um die Zuchtanstalt daselbst aufzulösen und den Gerichtsbarkeiten des „Malefizschenk“ ein Ende zu setzen, sondern auch um eine Untersuchung gegen denselben zu führen, wegen der „würklich schreienden Ungerechtigkeiten und über alle Begriffe gehenden Unordnungen, Willkürlichkeiten und Verzögerungen“ bei der dortigen Verwaltung der Criminal-Justiz. Das war dem alten Grafen denn doch zu viel. Er konnte zwar dem Hoheitsrecht Württembergs nichts entgegenstellen, aber er richtete sich in seinem ganzen reichsgräflichen Stolze auf, um gegen die Schmach einer solchen Untersuchung zu protestiren.

König Friedrich, „der alte König“, wie man ihn nannte, verstand indeß in dieser Beziehung gar keinen Spaß; einen Vasallen in seinem Hochmuthe zu ducken, ließ er aus dem Grundsatze, daß er allein der Staat sei, am wenigsten sich nehmen. Er hielt deshalb die Untersuchung gegen den Grafen aufrecht, und derselbe mußte sich wegen einer Menge Anklagen von Mißbrauch seiner Gewalt verantworten, wie sie die Denunciation gegen ihn geschleudert hatte. Zum großen Theil mit Unrecht, wie der Graf nachwies. Selbst die Sträflinge, die in seinem Zuchthause gesessen hatten und die man deswegen – zur schwersten [387] Demüthigung ihres bisherigen Herrn und Meisters – verhörte, sagten nicht zu Ungunsten eines Mannes aus, der am Ende im Sinne seines rohen Zeitalters sehr verdienstvoll gehandelt hatte. Viel Gewicht legte wohl auch der König nicht auf alle diese Anklagen; er benutzte sie zunächst nur, um den stolzen Grafen mürbe zu machen und ihm durch eine Verurtheilung seinen Standpunkt als jetzigem württembergischem Unterthan recht klar zu Gemüthe zu führen. So schlug er denn nach zwei Jahren die weitere Untersuchung „allergnädigst“ nieder, verurtheilte jedoch den Grafen in die Kosten des Verfahrens mit 391 Gulden 25 Kreuzer.

Der Graf sah damit die ihm angethane Schmach nicht als verringert an; er stand jetzt wie ein Begnadigter da. Nochmals machte er seine Vorstellung dagegen, berief sich darauf, daß er „Ruhm und Vermögen“ für die Sache der Gerechtigkeit geopfert, und endlich, nach einigen Jahren vergeblichen Verhandelns, ließ er sich sogar, um diesen Flecken von seiner Ehre abzuwaschen, zu einem directen Bittgesuche an den König herbei, ihm seine „Defension“ zu gestatten: „Sire, um die einzige, der Gerechtigkeit so nahe verwandte Gnade bittet Eure Majestät ein Greis, der in seine noch wenigen Lebensjahre keinen höhern Werth setzt, als nicht abgewürdigt bei den Nachkommen zu erscheinen.“ In der Sache half ihm aber auch dies nicht. Der „alte König“ starb, ohne ihm zu antworten, und Seine Excellenz, der ehemalige „Malefizschenk“, bezahlte endlich mit blutendem Herzen, der darin liegenden Verurtheilung wegen, die 391 Gulden 25 Kreuzer Commissionskosten am 8. August 1817. Er lebte noch bis in die 1820er Jahre auf seinen Gütern und hörte stets gern von den ferneren Schicksalen der Gauner, that Dem und Jenem vom sündigen Nachwuchse derselben auch noch immer manches Gute. Im Grunde waren es ja auch seine Gauner, und das Interesse für sie hatte in Wahrheit den Inhalt seines langen und so seltsamen Lebens gebildet.

Schmidt-Weißenfels.




Aus den jüngsten Tagen von Bukarest.


Der Czar wird, wie ich höre, am 25. Mai alten Stils, das ist am 6. Juni nach neuer Zeitrechnung, in Bukarest eintreffen. Bis zu dieser Zeit dürfte somit der Aufmarsch der Russen in Rumänien vollendet sein, und der Uebergang über die Donau wird dann in's Werk gesetzt werden. Derselbe wird gleichzeitig an vielen Stellen erfolgen. Die Bauunternehmer Pravatke und Lessel haben allein den Bau von drei Brücken übernommen. Das dazu nothwendige Material wird vollständig bereit gehalten. Die Stelle, an welcher der Brückenschlag ausgeführt werden soll, wird den Unternehmern erst im letzten Augenblicke genau bezeichnet werden.

Wenn übrigens sich das Wetter nicht bald ändert, so kann der Aufmarsch der Russen auch bis zum 6. Juni noch nicht bewerkstelligt sein. Seit beinahe einer Woche vergeht kein Tag, an welchem nicht wolkenbruchartige Regen fallen und die Colonnenstraßen in Moräste verwandeln, auf welchen Mann und Roß nur schwer und mit Anstrengung aller Kräfte vorwärts kommen. Die Geschütze und der Train werden zwar mit der rumänischen Eisenbahn bis gegen die Donau befördert, aber auch diese Straße wird durch die anomalen Witterungsverhältnisse beinahe jeden Tag irgendwo unterbrochen. Die Bahn, welche nur einen Schienenstrang hat, ist von dem gefallenen Eisenbahnkönig Strousberg nicht gerade solid erbaut worden, insbesondere aber läßt die Ueberbrückung der Flüsse viel zu wünschen übrig. Eine Folge davon ist, daß vor zwei Tagen die große Brücke zwischen Sascut und Racatschiuni von dem Hochwasser fortgerissen wurde, und obgleich gegen tausend russische Soldaten an ihrer Herstellung arbeiten, werden doch einige Tage vergehen, bis sie für schweres Geschütz wieder fahrbar wird. In der vergangenen Woche war aus demselben Grunde der Eisenbahnverkehr zwischen Bukarest und Verciorova (Turn-Severin) an mehreren Stellen unterbrochen. Die Bahn von der russischen Grenze nach Jassy stand zehn Tage lang ganz unter Wasser etc. Es ist daher sehr möglich, daß der Aufmarsch der russischen Armee und damit auch die Ankunft des Kaisers Alexander in Bukarest sich über den in Aussicht genommenen Termin hinaus verzögert.

Fürst Karl möchte der rumänischen Gastfreundschaft Ehre machen und hat dem Kaiser Alexander, für die Zeit seines Verweilens in Bukarest, das in der Stadt – große Mogoschoi – gelegene fürstliche Palais zur Disposition gestellt. Das Sommer-Schloß Cotroceni, etwa eine viertel Meile von der Hauptstadt auf einem Plateau gelegen, hat der Fürst der Rumänen schon vor einer Woche dem Großfürsten Nicolaus zum Wohnsitz angeboten. Ueber mehr als diese zwei Schlösser verfügt Carol der Erste nicht. Wenn seine beiden Anerbieten angenommen werden, bleibt ihm weiter nichts übrig, als für sich selbst und die liebenswürdige Fürstin Elisabeth die Gastfreundschaft eines seiner Landeskinder in Anspruch zu nehmen. Der Minister des Auswärtigen, Michael Cogalnitschano, hat dem Fürsten-Paare bereits sein an der Chaussee Kisseleff mitten im Park gelegenes Landhaus zur Verfügung gestellt. Unsere holdselige Fürstin, die leider vor drei Jahren ihr einziges Kind, ein engelhaftes kleines Mädchen von vier Jahren, verloren hat, würde damit gerade keinen schlechten Tausch machen. Das in der Calea Mogoschoi gelegene fürstliche Palais ist ein steinerner Kasten von besonderer architektonischer Häßlichkeit, der nicht einmal den Vorzug hat, daß er groß und geräumig wäre. Unter den Palais der Wiener Ringstraße würde das Residenzschloß des Fürsten Karl sich wie ein Schandfleck ausnehmen, aber auch in Bukarest giebt es viele Bojaren-Häuser, welche größer, schöner und in edlerem Style gebaut sind. Freundlicher und harmonischer ist das in einem großen Garten gelegene Sommerschloß Cotroceni, aber es ist ein ehemaliges Kloster und obgleich es in den beiden letzten Jahrzehnten einige Veränderung erlitten hat, sieht man ihm seine frühere Bestimmung doch noch allzudeutlich an, als daß es eine würdige Residenz des Fürsten der Rumänen genannt werden könnte.

Hätte Carol der Erste statt des in großartigem Style angelegten Schlosses, welches er sich beim Kloster Sinai am Fuße der Karpathen mit ungeheuren Kosten erbauen läßt (der Bau ist übrigens seit dem vorigen Jahre sistirt), sich in der Nähe von Bukarest ein Schloß gebaut, so könnte er jetzt seinen hohen Gästen eine würdigere Wohnung anbieten und brauchte sich nicht selber bei seinem Minister zu Gaste zu laden. Uebrigens glaube ich nicht, daß der Fall wirklich eintritt. Wenn auch der Czar das fürstliche Palais in Bukarest als Wohnung acceptirt, so hat doch der Großfürst Nicolaus eigentlich keinen rechten Grund, sein wohleingerichtetes Hauptquartier von Plojescht zu verlassen, um nach Cotroceni überzusiedeln. Schon hat der russische Generalconsul, Baron Stuart, die Bemerkung fallen lassen, daß im Schlosse von Cotroceni zwar Raum für den Großfürsten, aber nicht für seine Pferde sei. Auf die Entgegnung, daß in dem rumänischen Sommerschlosse sich Raum für vierzig Pferde finde, antwortete Baron Stuart, daß der russische Oberfeldherr Raum für vierzehnhundert Pferde nöthig habe.

Während die Wohnungsfrage des rumänischen und des russischen Oberfeldherrn vielfach erörtert wird, bedürfen sie Beide im Grunde kaum etwas Anderes, als einer Schlafstelle, denn den ganzen Tag sind sie auf den Beinen, empfangen Rapport, inspiciren die Truppen und machen Recognoscirungen.

Großfürst Nicolaus ist von der überstandenen Krankheit noch etwas angegriffen und muß seine Gesundheit schonen. Fürst Karl aber ist seit dem Ausbruche des Krieges in seinem eigentlichen Elemente; das Hohenzollern'sche Blut verleugnet sich in ihm nicht. Der Fürst von Rumänien brennt vor Begierde, an der Spitze der Armee, die er aus von ihm vorgefundenen kleinen Anfängen kräftig herausgebildet hat, zu zeigen, daß er seiner todten Vorfahren und seiner lebenden Vettern würdig ist.

Was unsere junge Armee selbst betrifft, so ist sie in auswärtigen Blättern vielfach verleumdet und verketzert worden. Man thut nach meiner Ansicht Unrecht, dieselbe mit dem Auge eines preußischen oder russischen Garde-Officiers anzusehen oder sie nach dem Maßstabe der Leistungen alter österreichischer oder französischer Truppen zu beurtheilen. Alles in der Welt will gelernt und geübt sein. Uns fehlt der Stamm alter tüchtiger [388] Officiere und Unterofficiere. Die heutige rumänische Armee ist eine Schöpfung des Fürsten Cuza, welche von dem Fürsten Karl erweitert und fortgebildet wurde. Sie ist somit noch keine zwanzig, ja, man kann sagen, keine zehn Jahre alt. Dazu kommt, daß in dem rumänischen Volke allerdings kein besonders kriegerischer Geist steckt. Kann und darf man ihm daraus einen Vorwurf machen? Es ist das einfach eine Folge der natürlichen Anlage, eine Folge des Klimas, welches in raschem Wechsel von großer Kälte (Das Thermometer sinkt in Rumänien im Winter häufig bis auf 25 Grad Celsius unter Null) und erdrückender und erschlaffender Hitze (es erreicht im Sommer häufig 40 Grad Celsius im Schatten) die verschiedenartigsten Fieber mit ihren üblen Folgen erzeugt; es ist ferner eine Folge der Nahrungsweise, denn der Rumäne genießt im Vergleiche zu anderen Nationen wenig Fleisch und noch viel weniger starke gegohrene Getränke, obgleich er in einem Weinlande lebt. Zum Ueberflusse schwächen auch noch die vielwöchentlichen strengen Fasten der orthodoxen rumänischen Religion seine von Natur nicht sehr starke Constitution. Dennoch haben die Rumänen in ihren jahrhundertelangen Kämpfen mit den Türken unter Michael dem Tapfern, Stephan dem Großen und vielen anderen Feldherrn gezeigt, daß sie als Männer zu kämpfen und zu siegen oder auch zu sterben wissen. Was die Neuzeit betrifft, so verweise ich auf die Regimenter, welche Oesterreich aus seinen rumänischen Bezirken in der Bukowina, in Siebenbürgen, dem Marmaroscher Comitat und dem Banat rekrutirt, welche wahrlich nicht seine schlechtesten sind und Außergewöhnliches geleistet haben, wenn sie nur einigermaßen gut geführt wurden. Nach dem freilich erst vor wenigen Jahren eingeführten Heeresgesetz muß in Rumänien jeder gesunde Mann zwischen dem zwanzigsten und fünfzigsten Jahre Soldat sein, das heißt: er gehört entweder dem stehenden Heere (oder dessen Reserve), der Territorial-Armee oder der Miliz an, wozu in den Städten für die nicht felddienstfähigen Männer noch eine Bürgerwehr kommt.

Das stehende Heer, wie jede andere Armee aus Infanterie, Cavallerie, Artillerie, Genie-, Sanitätstruppe etc. zusammengesetzt, war in den letzten Friedensjahren zwischen zwanzig- und dreißigtausend Mann stark und kann durch Einziehung der Reserven leicht auf die doppelte Stärke gebracht werden.

Die Territorial-Armee, gleichfalls aus Infanterie (Dorobanzen genannt), Cavallerie (Calaraschi, d. i. Reiter genannt) und Artillerie bestehend, versieht in Friedenszeiten den inneren Sicherheitsdienst und die Bewachung der Grenzen, so zwar, daß der Territorial-Soldat eine Woche im Dienst steht und alsdann zwei Wochen seinen häuslichen Arbeiten, dem Ackerbau u. s. w. obliegt.

Die Miliz ist eine Art Landwehr oder noch richtiger Landsturm (da keineswegs alle Männer mit der Waffe ausgebildet sind), welcher nur zur Vertheidigung des Landes einberufen werden darf. In diesem Augenblick ist die rumänische Armee etwa 50–60,000 Mann stark und könnte um das Doppelte vermehrt werden, wenn es nicht an zeitgemäßen Gewehren, an Hinterladern, mangelte.

Eingetheilt ist die rumänische Armee in zwei Armee-Corps, von welchen das erste zwischen Krajowa und Kalafat concentrirt, das zweite zwischen Oltenitza und Bukarest echelonnirt ist. Das Ober-Commando über die gesammte Armee hat Fürst Karl in Person übernommen. Chef des großen General-Stabes ist der Oberst Slaniceano, bisher Kriegsminister, ein tüchtiger Officier, der seine Studien in Berlin und Brüssel gemacht hat.

Ueberall, wo die rumänische Artillerie bisher am Strande der Donau mit türkischen Monitors oder mit am jenseitigen Ufer gelegenen türkischen Batterien in's Gefecht gekommen ist, hat sie sich unerschrocken, kaltblütig und ruhig gezeigt. Im Zielen und Distanz-Schätzen, sowie in der Qualität der Explosions-Geschosse, die allerdings aus Preußen bezogen worden sind, erwies sie sich der türkischen Artillerie überlegen. Die Infanterie hatte noch keine andere Gelegenheit, sich zu erproben, als daß sie einigemal die Landungsversuche zahlreicher Baschi-Bozuks in Booten zurückwies, eine Aufgabe, welche ihr vollständig gelang.

Was die russische Armee betrifft, so betritt sie bekanntlich zufolge der zwischen Rumänien und Rußland abgeschlossenen Convention unsere Hauptstadt nicht. Wir haben deshalb bisher nur Bruchstücke derselben zu sehen bekommen, d. h. Officiere und Soldaten, welche aus den russischen Lagern einzeln oder in kleinen beurlaubten Abtheilungen nach Bukarest hereinkamen, um Einkäufe zu machen, sich zu erholen etc. Das Gros der russischen Armee ist übrigens noch gar nicht in Rumänien eingetroffen, sondern rückt erst in einer Woche heran. Es geht dies aus der Anzahl der Züge hervor, welche bei der Direction der rumänischen Eisenbahn bestellt wurden. Bisher wurden vier bis fünf Trains pro Tag befördert. Für die nächste Woche sind sieben bis acht Trains mit von Rußland gelieferten Locomotiven und Wagen bestellt. Als Grundsatz wird festgehalten, daß nur Train und Geschütze mit der Eisenbahn befördert werden, während die Soldaten aller Waffengattungen zu Fuß marschiren.

Gestern Nachmittag passirte eine Colonne von fünfzehntausend Mann Russen die südöstlichen Vorstädte von Bukarest auf dem Wege nach der Donau. Dieselbe lagert heute bei dem Kloster Vacareschti (eine Stunde von der Hauptstadt). Somit ist Bukarest nunmehr, mit Ausnahme der Nordfront, auf allen Seiten von russischen Lagern umgeben. Dieselben liegen in der Entfernung von einer halben zu anderthalb Stunden beim Kloster Vacareschti und den Dörfern Gilava, Comana, Kitila, Baniasse und Colentina.

Wenn die Russen nach Bukarest hineinkommen, so sind sie gern gesehene Gäste, besonders bei Kaufleuten und Gastwirthen. Sie bezahlen Alles baar und ohne viel zu handeln. Ihr Betragen ist ruhig und anständig; sogar ein wenig stolz und zurückhaltend. Wenn sich zufällig an einem Abend im „Grand Hôtel Boulevard“ oder beim französischen Restaurant Hugues (Gügues) eine größere Anzahl von Officieren zusammenfindet, wenn der Wein die Köpfe erhitzt und schließlich die Champagnerpfropfen ungezählt an die Decke fliegen, dann freilich wird die Scene etwas wild und erinnert bei der Mannigfaltigkeit der russischen Uniformen, unter welche sich wohl auch die ebenso glänzenden rumänischen Waffenröcke mischen, lebhaft an Wallenstein's Lager, aber bei Gasbeleuchtung, im tapezirten und bildergeschmückten Salon, zwischen Divans und Billards.

Wie die Regel immer erst durch die Ausnahme in das rechte Licht gerückt wird, so geht es auch mit dem guten Betragen der Russen, welche nach Bukarest hereingekommen sind, und ich darf diese Ausnahme nicht ganz unerwähnt lassen. Sie wurde von den russischen Tscherkessen gebildet, welche zwei Tage lang in hellen Haufen unsere Hauptstadt besuchten. Sie kamen zwar als unsere guten Freunde und wurden als höchst interessante Fremdlinge aufgenommen, aber dennoch hat Mancher bereut, mit ihnen in Berührung gekommen zu sein. In den Gasthäusern vergaßen sie häufig das Bezahlen und verstanden absolut keine Sprache, wenn man sie darauf aufmerksam machen wollte. In den Kaufläden suchten sie dem Mangel an gegenseitigem Verständniß dadurch abzuhelfen, daß sie die gekauften Waaren selber taxirten, ein Stück Geld auf den Tisch warfen, sich auf das ruhig und unangebunden vor der Thür wartende Pferd schwangen und davonritten, als ob sich das Geschäft in der allerschönsten Ordnung abgewickelt hätte. Wenn aber zufällig einer der Kaufleute die tscherkessische Art einzukaufen durchaus nicht begreifen wollte, seinem Kunden nachlief oder wohl gar seinem Pferde in den Zügel fiel, so belehrte ihn ein bedeutungsvoller Griff an den im Gürtel steckenden langen Säbel, daß der Tscherkesse zwar noch eine andere Zahlungsart kenne, daß es aber nicht rathsam sei, mit derselben Bekanntschaft zu machen. Bei den zufällig oder dienstlich in Bukarest anwesenden russischen Officieren liefen zahlreiche Klagen über den „Bruder Tscherkess“ ein. Für den Augenblick waren diese Klagen wirkungslos, nach zwei Tagen aber ließ sich die Wirkung erkennen. In ganz Bukarest war kein Tscherkesse mehr zu sehen. Es war ihm verboten worden die Stadt zu betreten.

In hohem Grade auffallend war es uns, unter den kaiserlich russischen Tscherkessen auch viele Juden zu bemerken. Es ließ sich das nicht allein an ihren Physiognomien deutlich erkennen, sondern auch an der Art, in der sie mit andern Juden verkehrten und mauschelten. Viele der letzteren sind ihnen aus ihrem Vaterlande nachgezogen. Zu ihnen gesellten sich zahlreiche Israeliten aus Kischeneff und Odessa. Ein noch viel stärkeres Judencontingent stellten Jassy und andere Städte der Moldau zu dem Heere, welche der russischen Armee wie eine Schaar hungriger Raben

[389]
Die Gartenlaube (1877) b 389.jpg

Abnahme der Flagge vom Mast des „Lutsi Dschelil“ durch russische Freiwillige in Sicht der türkischen Dampfer.
An Ort und Stelle aufgenommen von Capitain N. Karasine in Braila.
B. Berg Tabadagh. A. Festung Matschin. C. Türkische Dampfschiffe.

[390] nachzieht, um mit ihr jegliche Art von Geschäften zu machen. Die einen sind Lieferanten von Lebensmitteln und Pferdefutter, die andern Geldwechsler oder Marketender. Die Tscherkessen, um dies zum Schlusse nicht unerwähnt zu lassen, wirthschafteten übrigens in Bukarest in einer Weise, die ihnen die öffentliche Sympathie wahrlich nicht gewinnen konnte.




Aus gährender Zeit.
Erzählung von Victor Blüthgen.
(Fortsetzung.)


Im Hause des Commerzienrathes gab es eine unruhige Nacht, wie in allen andern Häusern. Aber am nächsten Morgen war der Commerzienrath früh zur gewohnten Zeit angekleidet, nur fühlte er, daß sein Kopf wüst war und daß ihm die Erinnerungen, der Lärm der Nacht wie ein Traum vorkam. Er hörte den Kutscher vor seinem Arbeitszimmer, trat hinaus und hieß ihn in die Fabrik hinüber gehen, um zu sehen, wie es mit den Arbeitern stände. Johannes kehrte mit erstauntem Gesichte zurück. „Sie wären versammelt, sagt Trimpop, der Heizer.“

Ein Blitz der Genugthuung erleuchtete das Gesicht des Commerzienrathes. „Sieht Er, Johannes,“ sprach er würdevoll zu dem Kutscher, „das ist die Macht der Wahrheit und des Gotteswortes. Mitten in einer gottlosen Revolution wartet meiner eine treue Schaar.“

„Das soll wohl sein, Herr Commerzienrath,“ sagte der Kutscher und nahm ein paar Kleidungsstücke vom Nagel.

Der Fabrikant ergriff das dicke, schwarzgebundene Buch, welches ihn immer auf seinem Morgengange begleitete, und ging langsam blätternd und lesend hinüber. Er erwiderte kopfnickend und ohne aufzusehen den Gruß der Leute, welche da in dem heute etwas frostig kühlen Raume versammelt waren; er gewahrte nichts von dem heimlichen Lachen, welches über die Gesichter lief. Erst als er auf dem Katheder stand, blickte er empor, und in seinem Antlitz malte sich einiges Erstaunen, als er die Frauenköpfe im Hintergrunde vermißte. Sein Auge flog rasch über die Physiognomien der Männer und blieb mit Befremden auf verschiedenen, ihm völlig unbekannten Gesichtern haften; plötzlich erblaßte er: sein Blick fiel auf Züge, welche Niemand Anderem zugehörten, als dem Fabrikleiter Bandmüller. In völliger Verwirrung begann er zu lesen, aber stockend, ohne das sonstige gewichtige Pathos; er wußte kaum, was er las.

„Ich traue auf den Herrn. Wie sagt Ihr denn zu meiner Seele, sie soll fliegen wie ein Vogel auf Eure Berge? Denn siehe, die Gottlosen spannen den Bogen und legen ihre Pfeile auf die Sehnen, damit heimlich zu schießen die Frommen. Denn sie reißen den Grund um; was soll der Gerechte ausrichten? Der Herr ist in seinem heiligen Tempel; des Herrn Stuhl ist im Himmel; seine Augen stehen darauf; seine Augenlider prüfen die Menschenkinder. Der Herr prüfet den Gerechten; seine Seele hasset den Gottlosen und die gerne freveln. Er wird regnen lassen über die Gottlosen Blitz, Feuer und Schwefel und wird ihnen ein Wetter zum Lohne geben – –“

Ein brausendes Gelächter unterbrach ihn, und das Buch fiel aus seinen zitternden Händen. „Zur Hülfe!“ schrie er heiser, „man will mich ermorden.“ Er sank einen Moment auf den hinter ihm stehenden Stuhl zurück und sprang dann plötzlich wieder empor, um mit einem Satz die Thür zu gewinnen, aber ein halbes Dutzend der Anwesenden fing ihn auf oder stemmte sich gegen die Thür.

„Feiglinge,“ rief der entsetzte alte Herr mit erstickter Stimme, „laßt mich hinaus!“

„Geht nicht, Commerzienrath! Jetzt ist die Reihe an uns. – Abrechnen – wir müssen Abrechnung halten. – Blutsauger! Arbeiteraussauger – wir wollen wiederhaben, was Du den Arbeitern abgepreßt hast. –“ Zwanzig Stimmen schrieen durcheinander; drohende, zornige, giftig lachende Gesichter tauchten in raschem Wechsel vor seinen stieren Augen aus.

Die Haifische!

Plötzlich machte sich im Rücken der Gesellschaft eine heftige Bewegung bemerkbar. „Loslassen,“ rief eine tiefe Baßstimme, „unsern Herrn Commerzienrath loslassen, oder Gottes Donner –“

Die Stimme erstickte in einer Kraftanstrengung, und in einem Wirbel von Armen wurde die mächtige Gestalt des langen Abraham Fenner bemerklich, welcher mit glühend rothem Gesichte rechts und links um sich schlug. Er schien nicht ganz ohne Gesinnungsgenossen zu sein, denn er brüllte kurz nachher: „Vorwärts, Jungens! Dachte mir bald, daß es hier nicht auf Arbeit, sondern auf einen Lumpenstreich abgesehen war. Wer ein ehrlicher Kerl ist, läßt seinen Brodherrn nicht im Stich und wenn es blaue Beulen und Messerstiche regnet.“

Aus dem wirren Knäuel drängte sich geschmeidig der Fabrikleiter Bandmüller hervor und gelangte zur Thür. „Zurück!“ sagte er halblaut zu den Nächststehenden, „ich will das Uebrige schon besorgen, wenn Ihr den Alten festhaltet. Gebt mir die Thür frei!“ Es gelang ihm nach einigen vergeblichen Anstrengungen, soweit zu öffnen, daß er hindurchschlüpfen konnte. Er stürzte durch die schweigenden Säle, welche das erste Morgenlicht erhellte, und über den Hof. Im Hausflure rannte er fast den Kutscher über den Haufen. „Ich muß rasch etwas holen,“ rief er diesem von der Treppe her zu – „daß ich's nicht vergesse, Johannes, Sie sollen auf der Stelle den Amdahler Fuhrmann holen; er möchte mit dem Karren kommen, aber das schwerste Pferd einspannen. – Muß mir der Kukuk auch den gerade in den Weg führen!“ murmelte er zwischen den Zähnen, als er bereits über die Teppiche der Gemächer flog. Im Arbeitszimmer des Commerzienrathes zog er ein Eisen aus der Tasche und hob mit sicherer Hand die Klappe des Schrankes aus dem Schlosse, in welchem die Hornemann'schen Wechsel gelagert hatten und der verhängnißvolle Rest noch immer lagerte. Er brach ein paar Schubladen auf und raffte zusammen, was er darin fand, Gold, Papiere – er wußte nach flüchtigem Hinblicke, daß sie ein Vermögen darstellten. Als er die Taschen gefüllt hatte, funkelten seine Augen von dämonischer Lust, und er fuhr sich mit beiden Händen durch den grau-röthlichen Haarwust. „Nun fort!“ stieß er hastig heraus. „Die Hauptsache bleibt, Alles in Sicherheit zu bringen. Ich denke, es reicht ein Weilchen; die Narren drüben mögen selber zusehen, wo jeder von ihnen seine Rechnung findet.“

Im Hausflure stand noch immer der Kutscher Johannes. „He,“ sagte er, als Bandmüller die Treppe herabgestolpert kam, „sind Sie denn wieder in Stellung bei uns?“

„Natürlich,“ erwiderte der Vorbeistreichende, „seit gestern. Beeilen Sie sich nur, daß Sie zu dem Fuhrmann kommen, sonst giebt es etwas vom Alten!“

„Oho!“ brummte der Kutscher kopfschüttelnd und sah nach der Thür, durch welche Bandmüller bereits verschwunden war; „den Fuhrmann holen ist doch sonst meine Sache nicht!“

Im Hofe warf der einstige Fabrikleiter einen raschen Blick auf das Gitterthor. Es war noch geschlossen. Er kehrte in die Fabrik zurück, verfügte sich aber sofort zu der Eingangsthür für die Arbeiter auf der andern Seite. Deutlich vernahm er einen Knall und ein Durcheinander polternder Männertritte. „Teufel, sie kommen schon; ich bin gar nicht neugierig zu wissen, was sich oben zugetragen hat.“ Er glitt eilig durch den Ausgang auf die schmale Gasse, welche zum Flusse führte, und nahm einen Schlüssel aus der Tasche, mit dem er hinter sich zuschloß. Dann bewegte er sich in mäßig beschleunigtem Tempo auf die Kaiserstraße zu. Hier kam ihm zu seinem größten Verdrusse ein Trupp Leute entgegen. Er drehte das Gesicht mit plötzlicher Wendung auf die Seite und blieb einen Moment stehen, eine häßliche Verwünschung vor sich hin murmelnd, um sie passiren zu lassen, aber man erkannte ihn und kam mit lachendem Zurufe herüber. Man machte sich einen Scherz daraus, ihn zum Mitgehen zu zwingen. Jede Ausflucht, jeder Protest war vergeblich; Bandmüller fügte sich endlich mit innerem Grimme in das Unvermeidliche und schmeichelte sich mit der Hoffnung, unterwegs Gelegenheit zu finden, um unversehens den Lästigen zu entkommen. Uebrigens trugen die Leute sämmtlich Gewehre, welche, wie es schien, neu waren.

[391] Der wilde Tumult in der Fabrik hatte inzwischen nach Bandmüller’s Entfernung noch eine Weile fortgedauert. Während im Hintergrunde der lange Abraham Angreifer um Angreifer von sich schleuderte, wie der Wildeber die Meute, unterstützt, soweit man sehen konnte, von zwei oder drei Genossen, hatte man den Commerzienrath seitwärts auf das Podium des Katheders niedergedrückt. Seine Hände waren wie zwischen Schraubstöcke gepreßt und sein angstverzerrtes Gesicht blickte in die finstern Züge jenes Hotelmann, den er einst seiner Neigung zum Fluchen halber aus der Arbeit entlassen hatte. Der Mann hielt ein gespanntes Pistol in der Hand, und die zornigen Ausbrüche seiner wilden Rachsucht hatten so viel Drohendes wie die Mündung der Waffe, welche beständig über den Augen des Fabrikanten schwankte. Plötzlich ertönte im Hintergrunde ein Schrei – die Folge eines wohlgezielten Hiebes, den Abraham Fenner verabreicht hatte; Hotelmann richtete sich auf – ein Schuß entlud sich –

Einen Moment machte der Lärm eine Pause; um das Katheder träufelte sich bläulicher Dampf – dann wurde die Thür aufgerissen, und fluchtartig schnell drängten sich die zu vorderst Stehenden hinaus; Andere folgten; der Commerzienrath fühlte seine Hände frei – das drohende Antlitz Hotelmann's war verschwunden – –

Was war geschehen? Im Grunde nichts. Der Schuß, welcher Abraham Fenner gegolten, hatte gefehlt; die Kugel war unschädlich in die Wand gefahren – man sah es an dem Kalk, den sie heruntergeschlagen hatte. Das Gewaltsame, Unerwartete des Schusses schien eine Panik erzeugt zu haben, deren ansteckende Wirkung in weniger Zeit als einer Minute den Raum leerte. Nur der Commerzienrath und seine Vertheidiger blieben zurück. Die Rotte stürmte zu dem von Bandmüller verschlossenen Ausgange hinunter; man rüttelte ein paar mal vergeblich und versuchte dann auf der andern Seite das Entkommen zu bewerkstelligen, und es gelang hier, da der Kutscher, welcher den Auftrag auszurichten gegangen war, das Gitterpförtchen offen gelassen hatte. Als man sich auf der Straße besann, hatte Niemand recht den Muth, zurückzukehren. Kein Einziger wußte mit Bestimmtheit zu sagen, welche Wirkung der Schuß gehabt. –

Die Barricade bei der Schmiede war bereits vor Sonnenaufgang fertig gestellt worden und überragte an Höhe den seitlichen Rest des Berges. Dieser war durch Abtragen von Erde abgeschrägt und ersteigbar gemacht worden. Den Bau und die Bergwand auf und nieder kletterten Menschen – ein Ameisengewimmel, wilde, trotzige, oder launig-lustige Gesichter, erhitzt und großentheils auch geschwärzt von der Arbeit und dem Rauche des Feuers, welches auf der Böschung zum Flusse hinunter noch immer brannte und bei dessen Gluth kauernde Gestalten Kugeln gossen. Gewehrläufe blinkten allenthalben, dazwischen auch manche scharfe Waffe, und in die blauen Blousen mischte sich hier und da eine phantastische Tracht. Die Chaussee war auf der zur Stadt führenden Strecke, so weit man sehen konnte, belebt.

Auf der Höhe der Barricade, dort wo sie an die Bergwand stieß, auf der an dieser Stelle noch ein Rest der Teufelszwirnwucherung stehen geblieben war, befand sich Karl Hornemann nebst ein paar Freunden in eifrigem Gespräch. Er war völlig unbewaffnet; seine Hand hielt nichts als ein Fernglas, welches er zuweilen an das Auge führte.

Das Wetter hatte sich geklärt. Ein Sonnenblick flog über die Scene hin, als einer der Männer neben Karl Hornemann einen Ruf der Ueberraschung ausstieß und auf die Chaussee hinausdeutete. In rasendem Galopp kam ein Reiter gesprengt, mit der einen Hand den Hut schwenkend. Der Pascha hob das Glas und erkannte den Friesen.

„Bei Gott, unser Freund Harro!“ sagte er. „Das Pferd schäumt, und mir ahnt, was dieser tolle Ritt bedeutet.“

Der Friese näherte sich rasch; man hörte das Schnaufen des Thieres und den lauten Ruf des Reiters: „Hurrah, sie kommen. Guten Morgen, Kinder!“ Der Kamm der Barricade bedeckte sich mit Neugierigen.

Lebhaftes Winken und Zurufen veranlaßte den Ankömmling, in das Terrain einzulenken, auf welchem einst die Zigeuner gelagert hatten; er sprang hier vom Pferde, ohne sich weiter um dasselbe zu kümmern, und stieg eine Leiter herauf, welche man über den Bergrest hinunterließ. „Die X-er kommen, Cavallerie und Artillerie,“ sagte er drüben, den Freunden die Hände schüttelnd, welche niedergestiegen waren. „Kinder, wie nett Ihr Euch eingerichtet habt!“ Er strich sich das blonde Gelock aus der feuchten Stirn und rang schwer nach Athem, während er mit Wohlgefallen den Bau musterte.

Der Pascha war rasch von ihm weg getreten. „Die Dreißig hier bleiben und mit den Reserven hinter die Bergecke!“ rief er in die umdrängende Menge. „Fort mit euch Andern an die Kaiserbrücke! Reißt hüben und drüben das Pflaster auf und baut so hoch wie Ihr könnt! Für Wagen wird die Requisitions-Compagnie gesorgt haben; im Nothfalle müssen Möbel aushelfen. Nur vorwärts! Baumeister, Du gehst wohl und übernimmst die Leitung?“

Der Abzug begann; einige Minuten später war die Chaussee bis zu der Stelle, wo der Berg ihren Fortgang verdeckte, entblößt. Während die Zurückgebliebenen sich ihren Standpunkt wählten, erzählte der Friese von dem Fremden, der in verflossener Nacht im Wirthshause der Erlenfuhrt Quartier genommen und den man nach Harro's Beschreibung leicht identificirte, von den beiden Husaren, welche, zum Recognosciren vorausgesandt, ebenda abgestiegen waren, und weiter, wie er Zeuge des Gesprächs zwischen den Fremden und den Soldaten gewesen war und daraus die Lage der Dinge erfahren hatte. Mit raschem Entschlusse war er hinausgeeilt und hatte eines der Husarenpferde bestiegen, welche der Knecht am Zügel gehalten. „Ihr könnt euch denken, daß ich den Gaul nicht geschont habe,“ schloß er.

So verging eine Viertelstunde. Da kam der Trupp an, welcher Bandmüller in die Mitte genommen hatte; die Leute baten um die Erlaubniß, bleiben zu dürfen, und sie wurde ihnen im Hinblick auf ihre Bewaffnung gewährt. Harro begrüßte den ehemaligen Fabrikleiter ironisch und erinnerte sofort an die Zigeuner, welche er noch den Abend zuvor bei der Erlenfuhrt gesprochen habe. Bandmüller beeilte sich mit verdrießlichem Gesicht, diesem Gesprächsstoff zu entgehen; er nahm ein Gewehr, welches man ihm reichte, und begab sich auf die Höhe des Bergrestes.

Auf der Barricade rief man „Hurrah!“ In der Entfernung bewegte sich eine dunkle Masse näher, und der Pascha, das abgesetzte Glas seinem Nachbar reichend, sagte: „Husaren und Ulanen.“ Die Besatzung des Bergrestes stieg auf den Kamm und reckte neugierig die Hälse; Niemand beachtete, wie Bandmüller die jenseitige Tiefe mit den Augen abschätzte und das Pferd musterte, welches dort ruhig an dem dürren Grase rupfte. „Treten Sie nicht so weit dort hinüber!“ rief plötzlich sein Nachbar. Zu spät; die Erde rutschte unter den Füßen des Fabrikleiters, und er fiel jenseits auf den Boden. „Hülfe!“ rief er, „die Soldaten – man wird mich fangen.“ – „Die Leiter her!“ schrieen ein paar Stimmen. Bandmüller raffte sich auf und stürzte zu dem Pferde hin; ein Sprung, und er saß im Sattel und jagte auf das Gebüsch hinter der Schmiede zu. Harro stieß einen zornigen Ruf aus und riß einem der Schützen das Gewehr aus der Hand, aber Karl Hornemann fiel ihm in den Arm. „Das ist ein Spitzbubenstreich,“ schrie der Friese entrüstet; „eine Kugel für den Deserteur und Pferdedieb! Erinnerst Du Dich jenes Hendricks, von dem ich Euch im Wiedenhofe erzählt habe? Das ist der nämliche Kerl, der mich schon einmal um ein Pferd gebracht hat – ich möchte jede Wette darauf eingehen.“ Der Pascha sah in verwundert an. „Hendricks, sagst Du? Wie wäre das möglich? Aber gleichviel – und wenn er es wäre: wir haben jetzt keine Kugeln für einen solchen Schurken übrig.“

„Fertig zum Feuern! Sie kommen.“

Aber sie kamen nicht, sondern hielten außer Schußweite und saßen ab. Die Officiere beobachteten das unerwartete Hinderniß mit dem Fernglas; dann schwang sich einer der Husaren wieder auf sein Pferd und ritt im Galopp den Weg zurück, den sie gekommen waren. Ein zweiter ging seitlich an den Busch und schnitt einen Stock ab; man band ein weißes Taschentuch an denselben, und der Husar sowie ein Officier bestiegen ihre Pferde, worauf Beide langsam zur Barricade heranritten, der Soldat die Parlamentärflagge haltend.

„Im Namen des Königs – ich fordere die Besatzung dieses Schanzwerks, sich ruhig in die Stadt zu begeben. Wer binnen einer Viertelstunde noch bei demselben anwesend gefunden wird, hat eine Behandlung als Empörer, im Falle thätlichen Widerstandes nach Kriegsrecht, zu gewärtigen.“

Der ungeduldige Friese sprang auf den Kamm und hob den Arm empor. Der Wind wühlte in seinen wehenden Locken. „Im [392] Namen der Freiheit – ich fordere das löbliche Militär auf, in aller Ruhe seine Casernen zu suchen. Wer sich von nun ab in den Bereich unsrer Gewehre wagen sollte, es sei zu Roß oder zu Fuß, wird als Scherge der Thyrannei behandelt und verfällt der Kugel. Dixi.

Der Officier, ein hübscher junger Bursche mit wohlgepflegtem Schnurrbärtchen, warf ihm einen verächtlichen Blick zu und sprengte mit seinem Begleiter davon. Nach der Rückkunft sah man ihn mit lebhaften Gesten Bericht erstatten. Ein zweiter Officier ging darauf mit zwei Mann Begleitung quer in das Gebüsch; man konnte an ihrer Bewegung erkennen, daß sie, durch die Schmiede gedeckt, sich zu nähern beabsichtigten, wohl um den Terrainwinkel zu recognosciren, welchen der Bergrest neben der Barricade beherrschte. In der That wurden bald darauf hinter der Schmiede zwei Köpfe sichtbar. Eine allgemeine Salve folgte, und weithin im Thale donnerte der Wiederhall.

„Zum Geier!“ rief der Pascha verdrießlich, „wartet doch das Commando ab! Wir sind wahrhaftig nicht in der Lage, Pulver vergeuden zu dürfen.“

Wieder verging eine Viertelstunde. Die drei Abgesandten sah man unversehrt zu den Truppen stoßen. Nichts füllte die gähnende Leere der Minuten, bis endlich ein Mann aus den Reserven ankam und im Namen des Doctor Urban die Mittheilung machte, der Fabrikleiter Bandmüller habe den Geldschrank des Commerzienrathes Seyboldt ausgeraubt. Jetzt wurden die Zungen lebendig; Ausrufe des Erstaunens, Verwünschungen, Selbstvorwürfe, daß man ihn hatte entrinnen lassen, kreuzten sich, und der Pascha hatte alle Mühe, den Friesen zu besänftigen. Bittere Aeußerungen über Urban, den Abtrünnigen, mischten sich in den Lärm. Kaum hatte sich der Bote mit dem Bescheide entfernt, da machte ein fernes dumpfes Rasseln der Episode ein Ende.

Kanonen! Es waren drei – eine halbe reitende Batterie. Die Läufe glänzten in der Sonne, welche eben einen Blick durch die Wolken that. Unheimlich klar sah man die Cavallerie Gasse bilden und die Geschütze auffahren, und man kletterte zum Fuße der Barricade hinab.

„Wollen wir nicht lieber einstweilen hinter den Berg dort gehen?“ fragte eine Stimme. „Hier sind wir doch zu nichts nutze, als Kanonenfutter abzugeben.“

„Jedenfalls müßten Wachen hier bleiben,“ erwiderte nachdenklich der Pascha, „sonst reiten sie während des Schießens um die Schmiede und überrumpeln uns von der Seite her, ohne daß wir es merken.“

Drei Leute meldeten sich freiwillig zum Bleiben, und der Friese bestand hartnäckig darauf, sich ihnen anzuschließen; er ließ sich einen Degen geben, den er umschnallte, und ein Gewehr. Die Uebrigen waren noch nicht in Sicherheit – da donnerte es drüben zwischen den Bergen, und summend und sausend flog das erste Geschoß dicht über die Barricade hin. Der Friese horchte. „Stückkugeln! Gott sei Dank, sie scheinen keine Sprenggeschosse zu haben,“ sagte er. Wieder ein Donnerschlag, ein Krachen und Knistern in der Barricade, – ein paar Splitter flogen herüber. In regelmäßiger Folge schlugen die Kugeln in den Bau, und die Splitter mehrten sich gefahrdrohend. Eine abgeschossene Wagendeichsel fiel hart neben dem Friesen mit sausender Wucht zu Boden. Wolken von Erde, welche die Barricade ausspie, überstäubten die Männer. Ein Dutzend Schüsse, und die Barricade zeigte bereits in ihrer Mitte eine Bresche.

„Sie schießen verteufelt gut,“ brummte Harro. In demselben Moment fiel sein Blick auf das Gebüsch hinter der Schmiede: Pferdeköpfe, blaue und grüne Uniformen brachen aus dem Saum desselben hervor und obendrüber flatterten die schwarz-weißen Fähnlein an den Lanzen. „Da sind sie ja. Köpfe zurück! Laßt sie näher kommen und nehmt Jeder seinen Mann gut auf's Korn!“ Der Boden erzitterte; mit mächtigem Ansturm sausten die Rosse heran. Vier Gewehre feuerten, und vier Stimmen stießen zugleich ein Geschrei aus; ein Husarenpferd stürzte sich überschlagend mit seinem Reiter; ein Ulan wankte und fiel schwerfällig aus dem Sattel. Heulend fuhr eine Kugel durch die Bresche. Einen Augenblick später drängten sich Pferde an die Bergmauer, und die Reiter richteten sich in den Sätteln auf und griffen über den Rand, der vom Pferderücken aus im Stehen zu erreichen war. Die vier Männer stießen und schlugen auf Hände und Köpfe, während zu ihrer Seite der Lärm der herbeistürmenden Genossen ertönte. Die Gefahr wuchs bedenklich; ein Dutzend Leute war bereits über die Mauer gesprungen; ein Ulan stand auf der Barricade und winkte zu den Geschützen hinüber, um sie schweigen zu heißen, bis ihn eine Kugel traf: die Lanze entfiel seiner Hand, und er rollte die halbe Böschung herunter.

Eine Scene unbeschreiblicher Verwirrung folgte: Gewehrschüsse, Pulverdampf, blitzende Klingen, schreiende Kehlen. Durch alles Geräusch hindurch klang die jauchzende Stimme des Friesen, der seinen Degen gezogen hatte:

„Speit die ganze Hölle
Ihre Geister aus,
Auf der Freiheit Schwelle
Schützen wir das Haus.
Laßt die Bogen brüllen,
heulen laßt den Wind – –

Er verstummte plötzlich. Durch den Dampf, den der Wind auseinanderriß, sah man ein paar Soldaten wieder über die Mauer springen; Pferde galoppirten; Schüsse krachten hinterher –

Die Ueberrumpelung war mißglückt. Todte und Verwundete lagen umher. In der Ecke, wo Bergmauer und Barricade zusammenstießen und die nackten Strähne des Teufelszwirns niederhingen, lag der blonde Hüne und hielt ein weißes, von quellendem Blut geröthetes Taschentuch auf die Brust gedrückt. Der Pascha kniete daneben, mit überströmenden Augen. „Harro, mein Freund, mein Bruder, wie stirbt sich's für die Freiheit?“

Ein paar halberloschene Augen sahen ihn an, und schmerzlich zuckte es um den vollen, todtblassen Mund. „Sage Deiner Schwester, sie wäre mein vorletzter Gedanke gewesen, der letzte aber die Freiheit.“ Die Lider des Friesen sanken.

„Doch an keinem Baume,
Und an keinem Strick,
Sondern an dem Traume
Einer Re – – –“

Die Geschütze fingen wieder an zu spielen. Karl Hornemann wischte sich die Augen und sprang auf. „Die Verwundeten aufnehmen! Es ist nichts; wir müssen wieder hinter den Berg gehen.“

Die Bestandtheile der Barricade flogen immer massenhafter in den verödeten Raum, in dem nur stille Leichen lagen. Der Körper des Friesen war in kurzer Zeit völlig überdeckt. Hinter der Bergecke lagen die Verwundeten auf einem Wagen, und die Uebrigen standen in Berathung. Es machte sich entschieden die Neigung geltend, den weiteren Kampf in das Innere der Stadt zu verlegen. „Man sieht ja, daß die Barricade den Kanonenkugeln nicht Stand hält,“ hieß es, „und es wird einen Augenblick geben, wo die Reiter den Weg über die Ausschachtung frei haben werden. Ueberreiten sie uns, so sind wir ohne jede Zuflucht. In der Stadt haben wir die Häuser und wir können der Artillerie in den Rücken kommen.“ So lauteten die vorgebrachten Argumente, aber es ließ sich nicht verkennen, daß der Anblick der Verwundeten, deren Einer sehr übel zugerichtet war, noch überzeugender wirkte, als jene Ausführung.

Die Reiter, welche geraume Zeit nachher kampfdürstig in die Bresche sprengten, fanden keinen Feind mehr. Sie räumten das Ende der Barricade beim Wasser auf und schafften die Geschütze längs der Böschung auf die andere Seite hinüber.

(Schluß folgt.)




Der Krieg
IV. Die „Freude der Welt“ in Trümmern. (Mit einer Karte des asiatischen Kriegsschauplatzes und einer Abbildung S. 389.)

Unsere Leser stehen mit uns dem dermaligen Kriege zweier großer europäisch-orientalischer Mächte vor der Hand noch als ruhiger Beobachter gegenüber, und sie wünschen sicherlich mit uns, daß dieser Standpunkt uns bis zu Ende desselben erhalten bleibe. Abgesehen von der rein menschlichen Theilnahme für die Völker, deren Familienleben nun büßen muß, was die hohe Politik gesündigt hat, und denen wir unser Mitleid nicht versagen, unter welchem Glaubenszeichen sie geboren sein mögen, abgesehen von diesem Blick auf das neue Elend des Kriegs, das wir selbst nun genügend kennen gelernt haben, nimmt die begonnene orientalische Fragelösung eben nur die erste Stelle im Tages-Interesse ein, hetzt die gesammte Kriegsschreiberei

[393] in gesteigerte Thätigkeit und giebt dem Publicum Gelegenheit, aus dem Schatz der von ihm erlebten Ereignisse Vergleiche mit denen auf dem russisch-türkischen Kriegsschauplatz anzustellen.

Wir sind verwöhnt durch die Riesenschritte in der Kriegsführung seit 1859. Was vordem in Jahren geschah, sahen wir seitdem in ebensoviel Monaten, ja Tagen vollbringen. Noch der erste Dänenkrieg von 1848 zog sich drei Jahre hin und ward im Januar 1851 in einer Weise geendet, daß die deutsche Geschichte noch heute darüber erröthet. In großartigem Style begann der Krimkrieg. Zwei Großmächte und eine Kleinmacht (Sardinien) kamen dem „kranken Mann“ gegen Rußland zu Hülfe; die Tage von Troja schienen sich zu wiederholen; so setzte der ganze Kriegszug sich vor einer Stadt fest. Ungeheure Opfer an Gut und Blut kostete diese Belagerung, die allerdings nicht zehn Jahre, aber trotz der modernen Zerstörungsmittel doch allein elf Monate in Anspruch nahm, und noch ein halb Jahr lang wehrte sich Rußland, bis es zu einem demüthigenden Frieden genöthigt werden konnte.

Dagegen war der französisch-österreichische Krieg von 1859 zwischen den zwei damals stärksten Armeen Europas in nicht ganz drei Monaten abgethan. Der Kampf Preußens und Italiens gegen Oesterreich und den deutschen Bund, 1866, war in sieben Tagen entschieden und in sieben Wochen vollendet, daher der französisch-chauvinistische Zeterschrei der „Revanche für Sadowa“. Im letzten französisch-deutschen Kriege geschah die erste Entschiedung (Sedan) schon vier Wochen nach dem ersten

Die Gartenlaube (1877) b 393.jpg

Das Schwarze Meer und der Kriegsschauplatz südlich vom Kaukasus

Kanonenschuß; nach vier Monaten und neun Tagen ergab sich Paris, und nach sieben Monaten, vom Tage der Kriegserklärung an, feierten wir Sieg und Frieden.

Der jetzige russisch-türkische Krieg, von beiden Seiten längst vorausgesehen und vorbereitet, dauert heute, Ende Mai, schon über fünf Wochen. Schon jetzt läßt sich erkennen, daß an eine so rasche Kriegsführung, wie sie den drei genannten Feldzügen gelungen ist, hier nicht gedacht werden kann. Auch wenn beide Kriegsherren, der Czar und der Sultan, ihre Soldaten nicht aus so weiten Entfernungen ihrer über mehrere Erdtheile sich ausbreitenden Reiche herbeizuziehen hätten, würde der Kampfboden selbst es sein, welcher dem Vordringen von beiden Seiten große Hindernisse entgegenstellt. Anders scheint sich dies allerdings auf dem asiatischen Festlande zu gestalten und dort dem Vormarsche der Russen die Natur nicht zuwider zu sein. Desto schlimmer droht aber dort der Feind im Innern und im Rücken, der aufgestachelte Fanatismus der von Rußland besiegten und unterjochten Völker muhamedanischen Glaubens, zu werden. An den Küsten des Schwarzen Meeres wiederholt sich das Kriegsspiel, das einst Deutsche und Dänen aufführten und das König Friedrich Wilhelm der Vierte als einen „Kampf zwischen Hund und Fisch“ bezeichnete. Die flottenlosen Russen müssen sich ihre Küstenorte zusammenschießen lassen, ohne daß ihre Landbatterien den Seeschiffen der Türken bis jetzt Schaden gethan hätten. Die russische Küstenfestung Suchum-Kaleh ist bereits ein Opfer dieser Küstenschutzlosigkeit geworden.

Damit der Leser mit unserem Blatte in der Hand die See- und Landzüge der Türken und Russen an den Ostküsten des Schwarzen Meeres und auf dem Festland südlich vom Kaukasus verfolgen könne, geben wir dieser Nummer eine Karte jenes Kriegsschauplatzes bei. Dieselbe umfaßt das ganze Schwarze Meer, da nicht abzusehen ist, wie weit die Russen zu Land in Kleinasien auch an den Küsten vordringen und wie weit die Türken ihre Küstenverheerungen im Norden ausdehnen werden. Bis jetzt sind die am häufigsten genannten Namen Suchum Kaleh, Poti und Batum an den Küsten und Tiflis, Eriwan, Kars, Ardahan, Bajasid und Erzerum (Ersirum) auf dem Festland.

Mit demselben Erfolg, wie auf dem Schwarzen Meer, hatte die starke Dampfflotte der Türken auf der Donau operiert, und sie schien einen Uebergang der Russen über den mächtigen Strom unmöglich machen zu können, bis derselben Zweierlei entgegengestellt wurde: schweres Geschütz in Küstenbatterien und in der Donau selbst die Höllenmaschinen unter dem Wasser, die Torpedos.

Beiden ist es gelungen, ihre ersten Triumphe zu feiern, und da beide Ereignisse als Thatsachen unumstößlich festgestellt sind, so wollen wir sie nach den zuverlässigen Mittheilungen unserer Berichterstatter erzählen.

Braila, das von den türkischen Monitors am meisten zu leiden gehabt, ist von den Russen dafür mit einem stattlichen Kranz von Batterien geschmückt worden. Da aber, schon nach Vater Homer, „das Eisen den Mann anzieht“, so fühlten auch die türkischen Dampfer sich von diesem Feindesschmuck angelockt und beschauten sich ihn oft in anständiger Entfernung. Am 11. Mai fuhren wieder mehrere derselben in dem „Matschinacanal“ genannten Donauarm auf und ab und kamen den Batterien Nr. 1 und 2 an der Südseite der Stadt so nahe, daß eine Kanonade der Russen auf dieselben begonnen werden konnte. Von den beiden Batterien aus bemerkt man in Nr. 2 nur die Mündung des Canals, während Nr. 1 in denselben hineinsehen läßt; von beiden begann etwa um 2 Uhr das Feuern. Von den Schiffen war das größere die Panzercorvette „Lutfi Dschelil“ (d. i. Freude der Welt) mit fünf Vierundzwanzigpfündern, Capitain Nekib Bey, zweihundert Mann Besatzung; während diese das Feuer aushielt, ohne einen Schuß zu erwidern, zog ihr kleinerer Begleiter sich aus der Feuerlinie zurück. Die Russen ließen sich durch das beharrliche Schweigen des Schiffes nicht irre machen, sondern donnerten aus den genannten Batterien darauf los aus Vierundzwanzigpfündern, Haubitzen und Mörsern, sodaß die Geschosse rings um dasselbe einschlugen, augenscheinlich ohne den Dampfer selber zu treffen. Ein drittes, den Matschincanal daher kommendes Kriegsschiff, das von dem vorsichtigen kleineren ebenfalls eiligst als Schutzwand benutzt wurde, kam auch dem Feuer nicht zu nahe, selbst nachdem dem „Lutfi Dschelil“ wirklich ein russischer Gruß durch die Takelage gefahren war. Um diese Zeit verließ dasselbe Admiral Bujuk Pascha in einer weißen Barke und eilte auf dem Canal wahrscheinlich der Festung Matschin zu, die wir im Hintergrunde unsers Bildes, von dem zweiköpfigen Tabadaghberge überragt, erblicken. Das Schiff blieb schweigsam, auch als die russischen Batterien jetzt, wenn auch etwas lässiger, fortschossen.

Plötzlich steigen aus dem Lufti-Dschelil Ballen von Rauch und Dampf, sich mächtig fortschiebend, auf, dann bricht eines jener Feuerwerke los, die das Herz erschüttern, eine Flammensäule, zerfallend in Flammengarben, [394] hinter welchen eine ungeheure Rauchwolke aufqualmt, dies Alles mit der Begleitung des dumpfen Donners und Rollens, als ob ein Erdbeben vorüber getobt sei.

Als die Stätte wieder sichtbar wurde, war das schöne Schiff bis auf die Spitze des Mastbaumes verschwunden; es war gesunken durch eine Explosion, über deren Verursachung man sich verschiedener Meinung hingiebt. Nach der ersten Annahme sollen zwei Treffer auf einmal hier zusammengewirkt haben; der eine aus einem bronzenen Hinterlader, der andere aus einer Haubitze geschossen, letztere gerichtet von einem Sappeur-Lieutenant Romanoff, jener von dem Commandanten der Batterie Nr. 1, Lieutenant Samojlo, die Beide alle Triumphator-Freuden an diesen Tagen zu genießen bekamen. Und allerdings ist das Verdienst derselben nicht gering, wenn die Aussage des einzigen Geretteten wahr ist, daß dieses stärkste Schiff der Donauflotille dazu bestimmt gewesen sei, jenen Donauwinkel von den Russen frei zu machen, und sollten die Küstenstädte Reni, Galatz und Braila darüber in Trümmer gehen.

Anders hatte es das Kriegsglück beschlossen: jene Städte stehen noch, aber „die Freude der Welt“ ist in Trümmer gegangen und die ganze Bemannung hat, bis auf den einen Geretteten, den Tod gefunden. Obgleich nach der Explosion die russischen Batterien schwiegen, ließen die beiden anderen Schiffe dennoch ihre verunglückten Cameraden im Stiche. Um noch zu retten, was zu retten war, sandte der in Braila commandirende General Saloff, der mit vielen Officieren in der Batterie Nr. 2 dem Strandgefechte beigewohnt hatte, drei Barkassen ab. Zu retten war freilich nichts mehr, als jener Eine, aber gräßliche Menschenfetzen lagen an beiden Ufern des Matschinacanals. Vom gesunkenen Schiffe wurde schließlich die herabhängende rothe Fahne gestrichen und mitgenommen, ein Act, der vom Ufer mit außerordentlichem Jubel begrüßt wurde. Hier befand sich auch Capitain N. Karasine der sofort die treffliche Skizze des denkwürdigen Ereignisses für die „Gartenlaube“ entwarf.

Die türkische Berichterstattung schwieg anfangs über den sehr störenden Zwischenfall, der so mitten in ihre Seesiegesberichte fiel, bequemte sich aber dann zu der Erklärung, daß der Verlust dieses Schiffes ein rein zufälliges Mißgeschick sei; den russischen Kugeln wird die Ehre desselben ganz abgeschnitten und erzählt: ein Feuerwerker an Bord scheine mit der Zubereitung von Patronen beschäftigt gewesen zu sein und eine derselben sich entladen zu haben. Wir erfahren dabei wenigstens, daß das schöne Schiff für 3,200,000 Mark in England gebaut worden, mit der ganzen Mannschaft auch der Befehlshaber Hasim Bey in die Luft geflogen und der eine Gerettete ein Lootse gewesen sei.

Es ist gar kein Zweifel, daß die bisherige Sicherheit der türkischen Flottenbewegung auf der Donau durch dieses „Eckernförde“ von Braila einen Stoß erlitten hat. Dennoch waren diese Batterien offene Feinde, die man sah und gegen die man Schlag gegen Schlag führen konnte. Mit dem zweiten Gegner erstand der Donauflotille ein unheimlicher, aus dem Verborgenen, Unentdeckbaren meuchlings angreifender Feind, gegen den es keine andere Wehr giebt, als die: seine Nähe zu meiden. Wie furchtbar seine Zerstörungskraft ist, das sollte nur kurze Zeit nach dem Untergange der „Freude der Welt“ ein zweites türkisches Schiff und abermals vor Braila erfahren.

„Am 26. Mai früh drei Uhr sprengten die Russen mittelst Torpedoschaluppen den größten türkischen Monitor in die Luft.“ Dieser telegraphischen Nachricht folgte sofort eine zweite nach, welche meldete, daß jene Torpedos, welchen das neue Zerstörungswerk gelungen, in derselben Nacht erst von zwei russischen Marineofficieren in den Matschinaarm der Donau versenkt worden seien. Die Namen der Officiere sind Duboschoff und Schestanoff. Sie rüsteten die rumänische Schaluppe „Rumwunika“ mit Torpedos aus, und als gegen zwei Uhr des Morgens der türkische Monitor Braila gegenüber Dampf machte und in den Donauarm von Matschin einfuhr, schwammen sie mit ihrem Boote an denselben hinan, erreichten ihn, bei dem Mangel an Wachsamkeit auf dem Schiffe, und brachten unter der Wasserlinie desselben, da, wo dessen Panzer aufhört, einen Torpedo an. Sie entkamen auch unbemerkt und gelangten glücklich an die rumänische Küste, während hinter ihnen, wenige Minuten nach ihrem Abstoßen vom Monitor, eine dumpfe Explosion die Luft erschütterte, eine hohe Wassergarbe sich erhob und das geborstene Schiff mit allem Lebendigen in die Tiefe versank.

Die Torpedos sind bekanntlich eine Erfindung des berühmten amerikanischen Erfinders des Dampfschiffs Robert Fulton, der sie nach der zoologischen Bezeichnung des Zitterrochens (Raja Torpedo L.) benannte. Die Zerstörungskunst hat sie bereits in defensive und offensive zergliedert. Ein Defensivtorpedo besteht aus einer mit Sprengstoff (Dynamit oder Pulver oder sonst einer zweckentsprechenden Mischung) gefüllten Glasflasche, in welcher durch einen durchbohrten Kork eine mit Schwefelsäure gefüllte Glasröhre mit einem Gefäße voll eines Gemenges von Zucker und chlorsaurem Kali so in Verbindung steht, daß nur durch das Zerbrechen der Glasröhre die Schwefelsäure auf das besagte Gemenge träufelt, dieses entzündet und dadurch die Explosion bewirkt. Gewöhnlich birgt man die Flasche in einem Holzkasten so, daß die Glasröhre herausragt und durch Anstreifen eines Schiffes zerbrochen werden kann. Diese Art Torpedos wird gewöhnlich an bestimmten Stellen durch Verankerung festgehalten. Neuerdings, wo Dynamit als Sprengstoff vorgezogen wird, nehmen sie ein sehr bescheidenes Maß ein; sie haben die Form eines Cylinders von vierundsechszig Centimeter Länge und am unteren Ende von fünfzig Centimeter Durchmesser; ferner sind dem Ufer näher liegende Defensivtorpedos auch bereits durch elektrische Zündleitung mit Batterien am Strande verbunden, welche die Explosion bewirken, sobald ein feindliches Fahrzeug die Stelle desselben erreicht hat.

Auch die Offensivtorpedos zerfallen bereits in zwei Sorten. Die eine sucht ihr Ziel durch eigene Bewegung. Sie hat die Form einer hinten und vorn zugespitzten Walze, deren im Innern sitzende Ladung durch das Anrennen der vorderen Spitze explodiert. Ein Theil des Innern wird aber als Behälter für comprimirte Luft oder verdichtete Kohlensäure benutzt, die, sobald dem Torpedo die Richtung nach dem feindlichen Schiffe gegeben ist, eine Turbine in Bewegung setzt, welche, von einem Steuer unterstützt, denselben stoßweise vorwärts treibt. Man behauptet, daß ein solcher Torpedo mit Kohlensäureladung in nahe an viertausend Schritt Entfernung noch zerstörend wirken könne. - Die andere Sorte unterscheidet sich vom Defensivtorpedo nur durch den Zünder, der als „Zeitzünder“ so eingerichtet ist, daß er erst nach einer bestimmten Frist nach seiner Entzündung die Explosion bewirkt. Solche Torpedos müssen durch kühne Männer an die feindlichen Schiffe befestigt werden, wie dies in dem vorliegenden Falle vor Braila geschehen ist. Es ist dies ein sehr schwaches Aushülfsmittel für Wilhelm Bauer's „Küstenbrander“ und „Brandtaucher“, den Rußland besaß, ohne seinen Werth zu erkennen. Jetzt würden ein paar Dutzend solcher Bauer'schen „Seeteufel“ den russischen Küsten größere Sicherheit gewähren, als alle noch so kostspieligen Küstenbatterien und die zu Tausenden gelegten Torpedos, die nach dem Kriege noch lange der Schifffahrt große Gefahren bereiten können. Es ist sehr möglich, daß gerade dieser Umstand die Submarine von vielen gegen sie herrschenden Vorurtheilen befreit und der schon halb vergessenen Erfindung eine neue Zukunft vorbereitet.


Blätter und Blüthen.

Die Kaiserglocke, ein naturwissenschaftlicher Scherz. Als ich vor einigen Jahren hier einige naturwissenschaftliche Spielereien mittheilte, wurden dieselben von zahlreichen Lesern mit großem Interesse aufgenommen, und immerhin - ich hoffe es wenigstens - haben dieselben wohl vielfach Anregung zu ernstern Beschäftigung mit der Natur und ihrer Wissenschaft gegeben. In diesem Sinne bitte ich auch das Folgende anzusehen.

Man bindet einen dünnen, doch starken Bindfaden so an einen silbernen Löffel, eine eiserne Ofenkrücke oder ein ähnliches metallenes Instrument, daß dasselbe in seiner Mitte hängt. Die beiden etwa armlangen Enden des Bindfadens wickelt man einige Male um die beiden Zeigefinger, steckt diese letzteren dann fest in die Ohröffnungen, läßt nun mit vorgebeugtem Oberkörper den Gegenstand hin un her schwingen und zu beiden Seiten gleichmäßig gegen eine Stuhlkante anschlagen. Die Wirkung ist eine großartig-überraschende, und sie gewährt eine schöne Veranschaulichung der Lehre von Leitung des Schalls. Mag das Kunststückchen auch hier und da immerhin bekannt sein, in dem weiten Leserkreise der „Gartenlaube“ wird es doch sicherlich vielfach ein neues Vergnügen und hoffentlich auch ernste Anregung bieten.

K. R.

Alfred Meißner, unser geehrter Mitarbeiter, ist zum Felde des Romans zurückgekehrt, auf dem er vor Jahren mit seinem „Sansara“ und seinem „Schwarzgelb“, das in Oesterreich ein literarisches Ereigniß war, so schöne Erfolge erzielte. Sein neuer Roman: „Feindliche Pole“ erscheint gleichzeitig in der (Wiener) „Presse“, dem „Berliner Tagesblatt“ und im Feuilleton der „New-Yorker Staatszeitung“. Den Hintergrund der Erzählung bilden die Kämpfe des Particularismus und der deutschen Einheitsbestrebungen von 1866 bis 1870.


Verloren! Seit dem 28. Januar dieses Jahres ist der junge Wilh. Eschoff aus Biere (Reg.-Bez. Magdeburg), sechszehn Jahre alt, von kleiner schwächlicher Statur, mit lebhaft dunkelbraunen Augen, aus seinem Elternhause verschwunden, ohne daß die tiefbetrübten Angehörigen bisher ermitteln konnten, wohin sich der junge Mann gewendet, ob er noch lebt oder umgekommen ist. Sollte irgend Jemand hierüber Auskunft geben können, so bitten wir im Interesse der unglücklichen Eltern uns sofort Mittheilung zugehen zu lassen.


Berichtigung. Gestatten Sie mir eine nothwendige Zurechtstellung zu der Mittheilung „Ein rettender Adelsbrief“ in Nr. 17 Ihres geschätzten Blattes. Was dort von der Aufsuchung und Aushändigung des Adelsdiploms erzählt wird, mag immerhin seine Richtigkeit haben. Was jedoch den Zweck betrifft, der diesem Adelsnachweis zugeschrieben wird - die Ermöglichung der Heirath des Generals von Todtleben - der, wie alle Welt weiß, selbst einfacher, bürgerlicher Herkunft ist - heirathete, war er Capitain, und wie es überhaupt nicht die Gewohnheit der russischen Herrscher ist, sich um die Stammbäume der Officiersfrauen, selbst bis in die höchsten Chargen hinauf, zu bekümmern, so hatte Kaiser Nikolai wahrlich mehr zu thun, als wegen der Zukünftigen eines Ingenieur-Capitains sich Sorgen zu machen. Die Beziehung zwischen der Hauff'schen Nobilitirung und der Heirath des Generals von Todtleben, wie sie in dem angeführten Artikel erzählt wird, entbehrt jeder factischen Grundlage und ist ein Product freier Phantasie, ebenso wie die russische „Staatszeitung“, der kaiserliche „Erlaß“ und die citirte Stelle desselben.

Friedr. Meyer v. Waldeck

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Tankoo
  2. Vorlage: Sohelklingen
  3. ergänzt