Die Gartenlaube (1877)/Heft 34

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1877
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 34.   1877.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Teuerdank’s Brautfahrt.

Romantisches Zeitbild aus dem 15. Jahrhundert.
Von Gustav von Meyern.
(Fortsetzung.)

Auch von den beiden anderen Reitern hatte der ältere, ein behäbiger Forstmann, dessen wohlgenährten Wangen und rosig gefärbter Nase unschwer anzusehen war, daß er sich für die Strapazen des Waidwerks und die Unbilden der Witterung mit einem guten Jagdfrühstück und voller Flasche zu entschädigen liebte, die Herannahenden bemerkt und zeigte sie eben dem jüngeren.

„Sehet dort, gnädiger Herr!“ sagte er ehrerbietig, „der Graubärtige ist mein Collega, der Wildmeister von Verviers.“

„Gut denn! Sitzen wir ab,“ erwiderte der Angeredete und schwang sich aus dem Sattel. Diensteifrig trat der Junker herbei und nahm ihm die Zügel ab.

„So recht, Jünkerlein!“ lobte Jener, ihm freundschaftlich auf die Achsel klopfend. „Rufe den Reitknecht, Ceschy.“ Und der Junker, mit leuchtendem Blicke aus den großen Augen für die Gunstbezeigung dankend, führte die schäumenden Pferde dem Trosse zu, indeß die beiden älteren Reiter sich nicht ohne Mühe aus dem Sattel hoben.

Der Andere aber warf den grauen Reitermantel ab, der in Form eines langen engen, zum Reiten auf beiden Seiten bis an die Hüften aufgeschlitzten, kragenlosen Ueberrocks seine Gestalt umhüllt hatte, und stand jetzt da in der Fülle frischer Jugendkraft, er, der zwanzigjährige Kaiserssohn, der Erbe des heiligen römischen Reiches.

Wahrlich, die guten Aachener hatten vollen Grund, zu glauben, daß die vielumworbene Maria von Burgund ihn und keinen Anderen zum Gemahl erkiesen würde, wenn sie frei zu wählen hätte. Diese hochgewachsene, muskelkräftige Jünglingsgestalt mit der Haltung voll ungesuchter Hoheit, den Kopf von den Schläfen bis zum Nacken von dichtem Goldhaar umwallt, das edle Antlitz mit dem tiefblauen, fröhlich-kühnen und großdenkenden Auge, der gewölbten Stirn und der Adlernase, die, wenn auch noch durch die jugendlich vollen Wangen gemildert, über den Zügen herrschte und ihnen im Verein mit dem vortretenden Kinn das Gepräge frühzeitiger Thatkraft verlieh – die ganze Erscheinung ein Bild jugendlich männlicher Schönheit, würde vergeblich unter den damaligen Thronerben Europas ihres Gleichen gesucht haben. Und nicht zum Mindesten mochte er es dieser seiner blendenden Persönlichkeit danken, daß der Ruf der Ritterlichkeit und der Meisterschaft in Führung jeder Waffe ihm schon in so früher Jugend durch alle Lande voranging und die höchsten Erwartungen an seine künftige Thronbesteigung knüpfte.

Bezeichnend genug ragte ihm eine lange, gerade Adlerfeder schräg über das bräunliche Barett hinaus, das in Form eines altgriechischen Helmes mit seitwärts aufgeschlagener Krämpe schräg nach vorn fiel. An ein Jagdkoller aus Gemsleder, auf der Brust und an den Ellenbogen gespalten und das Hemd sichtbar lassend, wie beim Junker, nestelten sich auch bei ihm unter dem stählernen Kettengürtel knappe, unten in breit geschnäbelten bräunlichen Halbstiefeln endende Beinkleider, unter denen die muskelkräftigen Formen elastisch spielend hervortraten. Das Kreuzschwert hing am losen Hüftgurt, der Jagddolch am Kettchen des Stahlgürtels und ein elfenbeinernes Horn mit Silber beschlagen an einer Schnur um die Schulter. Uebergeschnallte goldene Sporen, in ihrer Länge dem Schnabel des Schuhes entsprechend und mit großen Radspitzen gezackt, vollendeten den Anzug.

So stand er, die Burgundischen erwartend, die schon von fern ehrerbietig die Häupter entblößt hatten und ihm jetzt vom Waldvogt entgegengeführt wurden.

„Willkommen, Ihr Herren Burgunder!“ rief er ihnen in der ihm eigenen treuherzig jovialen Weise zu. „Es freut mich zu sehen, daß Ihr so gute Nachbarschaft mit dem deutschen Reiche pfleget! Die Wildsau ist ein gemeinschädlicher Feind, und meine Base von Burgund wird nichts dagegen haben, wenn wir über einige ihrer borstigen Unterthanen auf unserer Seite Gericht halten!“

Tief ergriffen von dem Anblicke des kaiserlichen Jünglings, und im Innersten getroffen von dem Lobe guter Nachbarschaft aus seinem Munde, vermochte der graubärtige Wildmeister kein Wort über die Lippen zu bringen und verbarg nur mit Mühe die Scham, die er empfand, hinter einer tiefen Verbeugung. Der Rothbärtige aber, der als langjähriger Begleiter hoher Herren sich sehr wohl auf den freien Jagdton verstand, kam ihm zu Hülfe.

„Das möchte sich doch fragen, mon Seigneur,“ antwortete er, kühn gemacht durch die joviale Anrede, mit frechem Lächeln, „ob es burgundische oder deutsche Sauen sind!“

„Ei,“ lachte der Prinz, „wer kann da zweifeln? Ihre Vorfahren werden ihre Frischlinge lieber drüben im schönen Ardennenwalde, denn hüben auf dem sumpfigen Moore gesetzt haben!“

„Halten zu Gnaden, bei uns heißt es: die Sau liebt den Sumpf.“

„Und bei uns leider, sie liebe die Felder des Bauern! Aber wir werden ja sehen, wo sie selbst ihre Heimath sucht!“

„Dann werdet Ihr Recht behalten, mon Seigneur, denn alle die Dämme in dem Moore dort, wo das Wild liegt, münden in einen Hauptstrang nach Westen, und dahin muß es durchbrechen, wenn es sich mit Rüden, Halloh und Bolzen treiben [564] läßt. Ist aber ein mächtiger Eber dabei, Herr – der hält gern Stand!“

„Desto besser!“ rief mit Eifer, wie zu erwarten war, der Prinz. „Der ist für mich!“

„Wenn Ihr wollt, mon Prince, so kann ich Euch leichtlich einen Platz anweisen, wo er Euch, auch wenn er ausbricht, nicht entrinnen mag. Aber seid Eures Stoßes sicher, Herr, denn es ist ein gar schlimmer Feind.“

„Ein Wildschwein!“ lachte der Prinz geringschätzig und ohne den lauernden Blick des Anderen zu bemerken.

„Verzeihen Eure Gnaden,“ nahm jetzt, sich plötzlich ermannend und den Blick fast flehend zum Prinzen erhebend, der Graubärtige das Wort. „Es ist so, wie mein Collega sagt, der Eber ist ein Unthier, und heißt bei uns 'der Schrecken der Wälder'! Nehmt Euren Leibschützen mit, Herr!“

Der Rothbärtige schoß einen giftigen Blick auf den Alten, dann aber verzog er den Mund zu einem ironischen Lächeln.

„Thut es, mon Seigneur, mein Herr Collega hat Recht! Dort sehe ich einen Jagdgesellen mit einer schweren Hakenbüchse – scheint Euer Leibschütz zu sein –, den nehmt zu Eurem Beistand. Ihr seid annoch ein junger Herr, und leichtlich könnte Euch die Furcht übermannen.“

Aus hinterlistigem Verstecke, mit lächelnder Miene, aber fast spöttischem Tone gesprochen, traf das Wort, wie ein gut gezielter Pfeil.

„Furcht?“ brauste Maximilian auf, ihm einen stolzen Blick zuwerfend. „Kennt Ihr die in Burgund? Bei uns wird sie nicht gelehrt und am wenigsten die Kaisersöhne!“

„Verzeiht, mon Prince, bat demüthig der Rothbärtige. „Es war gut gemeint.“

Im Augenblicke war Maximilian besänftigt.

„Ich glaub's Euch!“ warf er halb scherzend hin. „Und mögt Ihr auch meinen Worten glauben. Ein Jeder nach seiner Weise! Aber mich gelüstet's, mit Eurem 'Schrecken der Wälder' ein deutsches Wort zu sprechen. Führt mich auf den Platz.“

Und er ließ sich zwei kurze, wuchtige Speere mit ungewöhnlich massiver, dreischneidiger Stahlspitze reichen und wollte aufbrechen, als ihn der Waldvogt aufhielt.

„Herr,“ rief der Behäbige fast erschrocken, „gedachtet Ihr nicht vorerst einen Imbiß zu nehmen?“

„Nach gethaner Arbeit, Vogt!“ lachte Maximilian. „Mein Sprüchwort ist allezeit: Wie der Rost am Eisen, so frißt der Müßiggang am frischen Muth der Seele.“

„Folgt wenigstens dem guten Rath, Prinz, und nehmt die Hakenbüchse mit,“ fiel jetzt mit ernstem Ton der alte Ritter ein, der bisher schweigend, aber beobachtend, zur Seite gestanden hatte.

„Ei, Herberstein, alter Hofmeister, was fällt Euch ein?“ spottete Maximilian. „Die Büchse für die Morgenpirsch, wenn der Gemsbock oder der Hirsch auf hundert Armeslängen steht. Aber den Eber habt Ihr mich selbst gelehrt mit dem Sauspieß abzufangen ... Vorwärts denn! Zeigt mir den Platz, Herr Wildmeister von Theux! Du, Jünkerlein, kommst allein mit mir; Ihr, Vogt, laßt die Pferde im Walde koppeln und vertheilt die Jagdhüter mit den Rüden auf den Dämmen; Ihr aber, Herberstein, haltet mit dem Herrn Wildmeister von Verviers die Südseite gegen den Wind.“

Eilig schritt er mit dem Rothbärtigen westwärts. Der Junker nahm seinen Jagdspieß und wollte, die Armbrust an den Gürtel hängend, nachfolgen. Aber der Ritter hielt ihn zurück.

„Weg mit dem Kinderspielzeug!“ raunte er ihm zu. „Nehmt die Hakenbüchse und lasset auch gleich das Gäblein am Haken; da habt Ihr Lunte und da Stahl und Stein. Hab' Euch wohl mit der Büchse umgehen sehen beim Scheibenschießen; jetzt kann es Eurem Herrn dienen, gebt wohl Acht!“

„Povero me! Sie ist schwer wie eine Karthaune und der Prinz wird mich schelten.“

„Lasset ihn schelten, wann es zu spät ist,“ brummte der Alte, ihm die schwere Büchse über den Nacken hängend. „Seid Ihr doch sein verzogener Liebling, und Euer welsches Mundwerk ist noch nie um eine Ausrede verlegen gewesen.“

Mit stillem Seufzer gehorchte der Junker und folgte, den Schaft des Spießes als Stütze gebrauchend, mit gebogenem Rücken seinem Herrn. Aber meisterlich bewies er, wie gut er sich nicht nur auf Ausreden, sondern auch auf praktische Finten verstand, denn so oft sich der Prinz nach ihm umsah, wußte er sich schnell also hoch emporzurecken, daß jener in der That nichts von seiner pflichtwidrigen Bewaffnung gewahrte.

So gelangten sie nach einem halbstündigen Marsche an einen nach Westen abfallenden Hang, auf dem sie über dürres Weideland das Moor umschritten. Westwärts öffnete sich der Ausblick über den benachbarten Grenzwald auf die letzten Höhen des hohen Venn, die sich am fernen Horizonte mit den Ausläufern der Ardennen zu vermischen schienen.

„Sehet, mon Seigneur,“ sagte der Rothbärtige, zwischen zwei alten Weiden stehen bleibend, „hier hinaus läuft der Hauptdamm, den das Sauwild annehmen muß, wenn es dort in unsere Wälder wechselt. Es wäre ein guter Platz, weil man rechts und links ausweichen kann. Ich würde ihn wählen, obwohl ich auch nicht eben furchtsam bin. Aber freilich, der Damm ist hier so breit, daß sicher ein gut Stück Wild entkommen wird, und da ich mir nicht wieder Euren Zorn zuziehen möchte, so muß ich Euch sagen, daß dort, einen Bolzenschuß weiter in das Moor hinein – sehet, wo ein Weidenstumpf wohl vier Fuß hoch hinausragt, – der Hauptstand ist. Aber, wie gesagt, es ist Gefahr dabei, denn der Damm mißt dort nicht über vier Schritte.“

„Das ist mein Platz!“ rief Maximilian. „Nun sucht Euch den Eurigen. Und Du, Junker,“ wandte er sich rückwärts zu diesem, „deckst Dich hier fein hinter dem Weidenstamm und treibst mir keinen Fürwitz! Ich kenne Dich darauf.“

Befriedigt lächelnd lüpfte der Rothbärtige die Kappe und verfolgte seinen Weg, um nordwärts das Moor zu umschreiten und sich von jenseits der Hatz anzuschließen. Maximilian seinerseits ging den Damm entlang, und der Junker, sich sicher glaubend, wollte sich eben mit Wonne seiner schweren Bürde entledigen, als dem Prinzen der unglückliche Gedanke kam, sich noch einmal nach ihm umzuwenden; dabei fiel ihm das verbotene Schießgewehr in die Augen.

„Diamine!“ rief er, überrascht stehen bleibend, halb zornig, halb lachend hinüber. „Was hat denn der Page mit der Donnerbüchse vor?“

„Große Dinge, Signor mio!“ rief der Junker schalkhaft zurück. „Da Ihr mich immer fürwitzig scheltet, gedachte ich zu zeigen, daß ich auch vorsichtig sein kann. Und da Ihr die Büchse nicht für Euch wolltet, so habe ich sie für mich genommen.“

„Wohl bekomm's! Was Du damit erlegst, esse ich mit Haut und Haar.“

„Aber gesengt und geröstet, mio Principe, und mit 'sauce truffée', di grazia!“ lachte der verzogene Page. Und lachend auf ihn zurücknickend, ging der Prinz seines Weges.

Der Junker aber bohrte sorgsam die beiden stumpfen Spitzen der oben am Haken der Büchse sich drehenden Stellgabel in die Erde, richtete versuchsweise den schweren Lauf nach dem Weidenstumpf auf dem Damm, zielte, nickte befriedigt vor sich hin, besichtigte dann das pfannenartig gehöhlte Zündloch und die Lunte in dem gebogenen Hahn, ließ den schmalen, plumpen Schaft zur Erde nieder, schlug mit dem Stahl Feuer aus dem Stein, daß die Funken blitzten, und steckte, als ein einziger Schlag hingereicht hatte, das ihm vom Ritter mitgegebene Stück Lunte zu entzünden, das schwelende Ende sorgsam in ein Loch auf der Rückseite des Weidenstammes, vergewisserte sich auch, ob der Wind den Geruch abwärts trüge, und ließ sich dann, ermüdet von der Last, neben seinem Speer an einer Stelle nieder, von wo er, halb aufrecht am Stamme sitzend, das Moor überblicken konnte.

„Corpo di Baccho,“ sagte er sich dabei, „wenn ich nicht mein Leben für den Prinzen ließe, nicht zehn Pferde hätten mich dazu gebracht, die sechszigpfündige Arkebuse da eine Stunde Weges zu schleppen! Aber der alte Grimmbart blickte so sorglich drein. Und er mag Recht haben. Davvéro! Was sehe ich? Der Damm wird immer schmaler! Jetzt ist der Prinz beim Weidenstumpf. Wo will er sich decken, wenn ein Rudel vorbeijagt? Si, si! Jetzt versucht er hinter den Stamm zu treten! Er sinkt ein – es geht nicht! Jetzt prüft er die Seitendeckung – va male – ein Anstoß, und er würde im Sumpfe liegen! ... Ecco, er kehrt um! Das fehlte – der und umkehren! Müßte ein Anderer sein. Einen Anlauf will er nehmen ... da hebt er schon sein Schwert mit der Hand, er setzt an, er springt ... affé, bravo, bravo, er steht auf dem Stumpf! Aber er wankt, er wird fallen ... su, su! ... Lode al cielo, er hat einen [565] Ast ergriffen, er hält sich! – Jetzt kappt er mit dem Dolch das Gezweig nach vorn. Jetzt stemmt er sich auf das rechte Knie und holt mit dem Speer aus ... va ben, va ben! Was sagst Du nun, Du rothbärtiger Hallunke, hast geglaubt, einen Prahler zu narren, daß er beschämt umkehre? Oh bella!“

Den Kopf weit vorgebeugt, mit glänzenden Augen jede Bewegung begleitend und mit südlicher Lebendigkeit ihre Zwecke sich deutend, hatte der junge Welschtyroler eben seinen Commentar beendet, als ein Hornsignal des Prinzen erscholl, dem bald darauf ein zweites antwortete. Noch ein Augenblick, und die öde Stille des Moores war in eine Scene der wilden Jagd verwandelt. Lautes Jubelgeheul der entfesselten Meute mischte sich mit dem Halloh der von Ost und Nord vordringenden Jagdleute und Waldhüter, um von den nächsten Höhen und dem Waldrande in doppelt und dreifach sich kreuzendem Echo widerzuhallen, und verbreitete rings ein diabolisches Getöse, daß Alles, was Leben hatte im Moore, voll Schrecken entfloh. Sumpfschnepfen, Wildenten, Schneegänse stoben in jäher Flucht in die Lüfte; auch der schwarze Schwan hob sich majestätischen Fluges in sein sicheres Element und sah eine Weile von droben auf die ihm machtlos nachgesandten Bolzen mit so königlichem Anstand herab, als nehme er sie wie eben so viel Zeichen der Huldigung mit auf die nordische Heerfahrt. Zugleich aber brach es und prasselte es drunten weithin im Röhricht, und vor dem immer wüthenderen Geheule stob es und schnob es auf den schmalen Dämmen in schwarzen Massen, wie auf Commando, dem einen Hauptstrange nach Westen zu, daß dem jäh emporspringenden Junker schier das Herz erbebte.

„Ohi, animo!“ rief er sich selber zu, riß die glimmende Lunte aus der Höhlung des Stammes, entzündete mit derselben die Lunte im Hahne der Büchse und griff zum Spieße. Aber ein Blick auf den Prinzen, und er dachte nicht mehr an sich. Wie festgewurzelt am Boden, starrte er, die Hand über den Augen, auf das Schauspiel, das sich ihm eröffnete.

Nicht einzeln oder in kleineren Gruppen, wie auch der Prinz gewähnt haben mochte, nein, Kopf an Kopf, dicht zusammengedrängt, einem einzigen schwarzen Heerwurm gleich, schob sich scheinbar langsam und doch in rasender Gangart vor den von fern nachstürmenden Rüden die ganze kaum übersehbare Masse des Schwarzwildes dem Weidenstumpfe zu. Jetzt erst wurde es deutlich, wie unrettbar verloren dort ein Jeder gewesen wäre, der nicht den einzigen Vortheil des Baumes zu benutzen verstanden hätte. Denn so hart an den beiden Rändern des Dammes ras’ten die Reihen des Schwarzwilds dahin, daß nicht selten ein Stück in den Sumpf rutschte und mit grunzendem Angstschrei sich vergeblich herauszuarbeiten suchte, und so erschüttert wurde der knorrige Kopf des Stumpfes von dem Beben des Bodens unter der galoppirenden Menge und ihrem wiederholten Anprall an den Stamm, daß der Prinz, unfähig aufrecht zu stehen, sich auf ein Knie niedergelassen hatte und, mit der Linken eine Hand voll Gezweig ergreifend, den Jagdspeer nur zur Abwehr gebrauchte.

Längst war er dem mit giftigen Blicken zur Seite schielenden Gethier in die Augen gefallen, und manch’ ein „hauend Schwein“ kündete ihm im Vorbeitoben mit wüthenden Lufthieben zur Genüge das Loos an, das ihn unten erwartet haben würde. Aber unaufhaltsam wurden sie weiter geschoben, und bald war der Augenblick gekommen, wo er im Stande war, unter den letzten Reihen seine Auswahl zu treffen. Da – siehe – ein mächtiger Eber! Sollte dieses das berühmte Unthier sein? Schnell stand der muskelkräftige Jüngling aufrecht und schleuderte den Speer. Quer durch den Bug drang der Stahl, und lautlos sich überschlagend verendete das tödtlich getroffene Thier. Eben wollte Maximilian herabspringen, um den Speer wieder zu gewinnen. Da erdröhnte der Damm von Neuem, und wahrlich, das erst war das wirkliche Ungethüm, der „Schrecken der Wälder“! Fast in der Höhe des Stumpfes schnob es daher, den schrägen, vor Bosheit glühenden Blick auf seinen Feind gerichtet, und führte schon von ferne mit den spannlangen Hauern nach rechts und links so gewaltsame Schläge, daß dem Prinzen keine Wahl blieb: hier galt es nur noch, zuvorzukommen. So faßte er denn blitzschnell seinen Entschluß und schleuderte, trotz der ungünstigen Richtung von vorn, dem Ungethüm auf drei Armeslängen den zweiten Speer mit sicherer Hand hinter das Schulterblatt, daß aus der zerschnittenen Bugader ein rother Bogenstrahl hervorschoß. Aber den Sitz des Lebens selbst zu durchbohren, war ihm nicht gelungen. Vorwärts im Schusse bei ihm vorbeistürzend, sank das riesige Thier in die Kniee, hieb wüthend um sich, hob sich wieder, wollte umwenden, dem Todfeinde entgegen, aber der schräge Speerschaft machte jede Wendung unmöglich – mit dumpfem, heiserem Geheule schleppte es sich weiter. Auf einen Blick übersah der Prinz die Lage. Eine solche Trophäe durfte er mit keinem Anderen theilen. Sein Schwert aus der Scheide reißen, herabspringen, dem Ungethüm nacheilen und ihm von der Rückseite die Klinge durch’s Blatt stoßen, war das Werk eines Augenblicks. Dann riß er aus dem jählings Verendeten den Stahl, schwang ihn in der Luft und ließ ein triumphirendes „Hussah“ erschallen.

Aber „Hussah, hussah! Hatz, hatz!“ erscholl auch von Norden her der Ruf des Rothbärtigen, und zwei flüchtige Keiler, von den vordersten der Rüden rechts und links gepackt und sie abschlagend, kamen daher gesaust. Rückkehr zum Baume war schon nicht mehr möglich, Ausweichen auf dem schmalen Damme ebensowenig. Mit einem Ruck suchte der Prinz noch seinen Speer aus dem Eber zu reißen, aber das Gewicht des Unthiers lag zu gewaltig darauf. Es schien um ihn geschehen! Wie sollte ein Mensch solchem Anpralle Widerstand leisten! – Da that er das Letzte. Den getödteten Eber als Schutzwall benutzend, kniete er dicht am Rande des Dammes hinter ihm und hielt, als die Keiler vor den Rüden her auf ihn losstürzten, plötzlich sich aufrichtend, mit lautem Anruf den Anstürmenden das Schwert entgegen. Das Mittel wirkte; sie stutzten und wurden im gleichen Augenblicke von den Rüden gepackt. Aber mit mächtigen Hieben dieselben zurückwerfend, hoben sie sich eben mit doppelter Wuth zu dem verderblichen Sprunge auf den Prinzen: da krachte weithin dröhnend ein Schuß, und wie von unsichtbarer Gewalt auf die Seite geschleudert, stürzte der eine der Eber gegen den andern. Ja, so gewaltig war die Wirkung der achtlöthigen Kugel aus dem schweren Rohre der Hakenbüchse des Junkers, daß sie durch den ersten Eber hindurch auch noch den zweiten verwundete.

Triumphirend schwenkte der glückliche Schütze sein Barett, und in Wahrheit konnte er stolz auf seine That sein. Schon mehrmals hatte er, hinter seinem Stamme gedeckt, in fieberhafter Hast den Lauf gerichtet, stets waren ihm des Prinzen Erfolge zuvorgekommen. Jetzt aber, als er die Lebensgefahr seines Herrn gewahrte, im Augenblicke der höchsten Noth, war er mit rascher Entschlossenheit und sicherer Hand sein Retter geworden. Doch nicht zufrieden, ihn von dem einen Feinde befreit zu haben, griff der brave Junge nach dem ersten Ausbruch seines Jubels auch noch zum Speer und sprang ihm in heller Kampflust, flüchtig wie ein Hirsch, auch gegen den zweiten zu Hülfe. Aber nicht lange. Kaum eine Minute des Laufes, und er blieb stehen, stutzte, und, wie von plötzlichem Schrecken erfaßt, wendete er um und gab schneller, als er gekommen, in verzweifelten Sätzen Fersengeld. Selbst das helle Gelächter des Prinzen, das hinter ihm drein schallte, konnte ihn in seiner wilden Flucht nicht eher aufhalten, als bis er den schützenden Weidenstamm wiedergewonnen. Dort erst faßte er festen Fuß und fällte ritterlich den Speer. Es war eben zur rechten Zeit. Denn der zweite der Eber, als er sich von dem Anpralle seines Cameraden aufgerafft, hatte trotz seiner Verwundung dem Schwertstoße des Prinzen noch ausweichen können und sein Heil in schleppender Flucht gesucht. Der Anblick des wüthenden Thieres aber war genügend gewesen, dem vorwitzigen Pagen die unheilvolle Katastrophe eines Begegnisses auf dem Damme so lebhaft vor Augen zu führen, daß er die so lächerliche Flucht vor dem Fliehenden dem sichern Verderben vorzog. Und wie wenig er gesonnen war, den Schimpf auf sich sitzen zu lassen, bewies er jetzt; denn kaum bot ihm der Eber im Vorüberstürzen die Breitseite, als er denselben mit sicherm Stoße regelrecht abfing.

„Ehi,“ rief er, stolz auf seine Beute zeigend, zum Prinzen hinüber, „was sagst Ihr jetzt?“

„Ma bravo!“ gab der Prinz zurück, und mit einem Hornsignal das Ende der Hatz verkündend, kam er zum Pagen herüber.

„Oh bella, bellissima!“ lobte er, den Eber besichtigend, „Mitten durch’s Blatt! Aus dem Trientiner Jünkerlein kann mit der Zeit noch ein echter Deutscher werden!“

„Grazie tante, Signor mio!“ dankte spöttisch-verbindlich der [566] Schelm. „Sagt doch der Deutsche selbst: Hinter den Bergen wohnen auch noch Leute!“

„Und recht schnellfüßige!“ lachte Max.

„Bagatella, mi Principe! Es war nur verstellte Flucht!“

„Verstellte Flucht? Ei sieh den welschen Schönfärber! Ich sage Dir, Ceschy, Deine Flucht sah einer wirklichen so ähnlich, daß Du meisterlich gespielt haben müßtest!“

„Oh, oh, scusa! Eine Wildsau ist ein brutales Thier und kein Gegner, gegen den man die Sporen verdienen kann! Aber dazu gebt mir Gelegenheit, und Ihr werdet nicht wieder lachen!“

„Bei Gott nicht! Verzeihe mir's! Du bist ein Braver und mein Retter und wirst die Sporen früh genug tragen!“

Fast gerührt nahm Maximilian den schwarzlockigen Pagen beim Kopf und drückte dem Ueberglücklichen einen Kuß auf die Stirn.

Dann wandte er sich, um nach den Jagdgenossen auszusehen. Der Erste, der vom Damme her nahte, war der Rothbärtige. Mit Ingrimm hatte dieser im Vorübergehen die stolzen Trophäen erblickt, die der Prinz den burgundischen Wäldern entrissen, und in bitterer Enttäuschung war ihm in seiner Muttersprache ein „Que le diable l'emporte!“ über die Lippen gefahren. Aber nicht minder überkam ihn ein Gefühl des Grauens vor der gewaltigen Hand, die Solches mit blanker Waffe vollbracht, und mahnte ihn zur Vorsicht. So trat er jetzt demüthig auf den Prinzen zu und wußte in meisterlicher Verstellung seine Glückwünsche in die schmeichelndsten Worte zu kleiden.

„Das ist er leibhaftig, der 'Schrecken der Wälder',“ rief er rückwärts deutend, „der von keiner anderen Hand fallen durfte, als von der Eurigen, mon Seigneur! Ich werde eilen, die Mähr unserem gnädigen Fräulein in Gent kund zu thun.“

„Steht Ihr in so naher Verbindung mit dem Hofe von Gent?“ fragte nicht ohne Ironie der Prinz.

„Pardon, mon Seigneur, es kehrt ein Bote dorthin zurück, der mir große Bestellung von Schwarzwild für die Hoftafel überbracht hat – zu Ehren der französischen Ambassade!“

„Französische Ambassade? Burgund hat ja Krieg mit Frankreich!“

„Aber man spricht von einem Waffenstillstand, Herr! Der Bote sagt, die Ambassade sei erwartet, um Frieden anzubieten und ein Verlöbniß zwischen dem Dauphin und unserem gnädigen Fräulein.“

Maximilian horchte im Stillen hochauf, aber er verbarg den Eindruck, den die Nachricht auf ihn machte.

„Wirklich?“ warf er hin. „Ich meinte, in Gent regiere jetzt der Herzog von Cleve, der kein Freund der Franzosen ist?“

Ein eigenthümlicher Ausdruck im Auge des Rothbärtigen, als er den Namen aussprechen hörte, fiel ihm wohl auf, aber er wußte ihm keine Bedeutung beizulegen.

„Der Herzog von Cleve?“ erwiderte dieser fast geringschätzig. „Der Herr Herzog soll viel Anhang beim Volk haben, aber man sagt ihm wohl mit Unrecht nach, daß er für unser gnädiges Fräulein an seinen Sohn denke. Der Prinz wäre darnach, einen Herzog von Burgund abzugeben! Verzeiht, Herr, aber es macht mich lachen! ... Nun, mag der Herr Herzog sehen, wie er mit dem Dauphin fertig wird! Meine Bestellung ist für den Hof, mag dort regieren wer will, und ich wünsche mir Glück, daß der Himmel Eure Hoheit hergeführt hat, denn es wird mir Ehre und Belohnung eintragen, wenn ich unserem Fräulein Jagdbeute von so hoher Hand abliefern kann.“

„Dann schickt Eurer Herrin den 'Schrecken ihrer Wälder' mit meinem Gruß!“

„Ein köstlich Stück zum Schmuck der Jagdhalle im Fürstenhof, mon Seigneur, aber nicht für die Tafel! Ist ein uralt Thier! Dort in der Waldschlucht aber haben wir jetzt das ganze Rudel beisammen, und es kann uns nicht mehr entkommen, wenn Ew. Gnaden uns, zu Ehren unseres Fräulein, mit Ihren Leuten dazu behülflich sein wollten. Wir haben auf Ew. Gnaden gerechnet, und es wird für Euch nach solcher harten Arbeit ein lustig désert werden, mon Seigneur!“

„So sei es!“ entschied fröhlich Maximilian. „Habt Ihr uns auf unserer Grenze diese herrliche Beute verschafft, sind wir Euch als gute Nachbarn drüben das Gleiche schuldig, und gern wollen Wir Uns Unserer Base von Burgund verbindlich zeigen!“

Alsbald kam auch der Ritter mit dem Waldvogt, dem Wildmeister und dem ganzen Troß herangesprengt.

„Wohlan, Ihr Herren,“ rief der Prinz ihnen zu, „der 'Schrecken der Wälder' ist gefallen, beschaut Euch Unsere Beute, und dann vorwärts, dem Rudel nach! Wir sind gesonnen, Unserer lieben Base in Gent ein Dutzend Stück für die Hoftafel zu senden, und da Ihr dieses Mal leer ausgegangen seid, so sollet auch Ihr zu Eurem Rechte kommen!“

Besorglich schaute der Ritter drein, und als die Uebrigen sich von dem Pagen zu dem erlegten Hauptstücke führen und sich von ihm berichten ließen, benutzte er ihre Abwesenheit, Maximilian mitzutheilen, was ihn beunruhigte.

„Der Jagdzug über die burgundische Grenze will mir nicht mehr behagen, Herr!“ sagte er. „Der alte Wildmeister selbst ließ wie von ungefähr die Frage fallen, ob Ihr bei so unruhigen Zeiten nicht Scheu empfändet, Euch über die Grenze des Reichs hinaus zu wagen. Und als ich hoch aufhorchte und ihm antwortete, er habe Euch ja selbst dazu aufgefordert, fragte er in seiner mürrischen Art, ob auch wohl keine Zwistigkeiten mit dem deutschen Reiche bevorständen, wie vor drei Jahren, als Karl der Kühne Köln belagerte? Er bemerke, daß seit einiger Zeit neugeworbene Clevische Mannschaften anstatt gegen die Franzosen gegen die deutsche Grenze zögen.“

„Ei, sieh da!“ lachte Maximilian auf. „Sollte der schlaue Clever Witterung haben und Furcht vor mir empfinden? Ich hörte schon von fern dergleichen.“

„Da dem aber so ist, Herr, so kann ich Euch nur abrathen, ohne starke Bedeckung über die Grenze zu gehen.“

„Ei, mein alter Hofmeister, seit wann giebt es beim Jagen, in Begleitung des Nachbarn selbst, eine Grenze?“

„Es ist nicht das, Prinz! Aber wo Unsicherheit möglich ist, dahin soll sich der Erbe des römischen Reiches nicht muthwillig und ohne Zweck begeben.“

„Ohne Zweck und muthwillig? Ich sehe es mit anderen Augen an. Wenn Maria eine Sendung Wildpret von meiner Hand erhält, so wird ihr ein solches Zeichen meiner Nähe und meiner Gedanken an sie auch das Vertrauen auf meine Hülfe neu beleben. Wie dem aber auch sei, ich habe es dem rothbärtigen Wildmeister zugesagt.“

„Nehmt es zurück, Herr!“ bat eindringlich der Alte. „Gerade dem würde ich am wenigsten trauen. Man sieht ihm im Gesichte den Welschen an. Glaubt mir, Prinz, in meinem Alter lernt man beabachten. Er hat keinen guten Blick, und Ihr habt ihm nicht eben Freundliches gesagt.“

„Und doch konnte mich Niemand eindringlicher vor der Gefahr des Platzes dort warnen. Nein, mein Alter, Eure Sorge für mich macht Euch mißtrauisch; ich aber möchte Argwohn am wenigsten gegen Jemand zeigen, der mir eine so herrliche Beute verschafft hat.“

„Ein Vorwand, der ihn nicht kränken kann, ist bald gefunden, Herr. Zieht nur den Junker dabei zu Rathe! Ist ein welsches Handwerk, und er versteht sich darauf.“

„Laßt mir den Junker, Alter! Er ist brav wie Einer, und wer weiß, ob Ihr mich ohne seinen Meisterschuß noch am Leben sähet. Nein, nein, gehet hin, sehet Euch die mächtigen Gesellen an, die wir erlegt haben, und dann zu Pferde! Es bleibt dabei, wir reiten.“

(Fortsetzung folgt.)




Das treue deutsche Herz.
Ehrenkranz für einen Liedertafel-Vater.

„Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst! Auf wenige unserer deutschen Sänger des Volkes dürfte dies Wort berechtigtere Anwendung finden als auf Ihn, der sein oft schmerzlich ernstes Leben durch die heitere Kunst zu verschönen und die Ideale seiner Jugend über alle Schatten, mit welchen das Leben sie zu verdunkeln drohte, bis in ein gottbegnadetes hohes Alter hinauf ungetrübt zu bewahren wußte.

Mit dem Namen „Julius Otto“ wachen tausend liebe

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Die Gartenlaube (1877) b 567.jpg

Julius Otto.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

Erinnerungen in uns auf, die wie sonnige Jugendträume uns noch im Alter umspielen. Und wer sich die Empfänglichkeit für dieselben bewahrt hat, der wird uns zustimmen, daß der Krone des deutschen Sängerthums ein köstlicher Edelstein entfallen ist, als in Dresden am Abend des 5. März dieses Jahres das „treue deutsche Herz“ des geliebten Sängers, des Altmeisters des deutschen Liedes, Julius Otto’s, zu schlagen aufgehört. „Ihm schenkte des Gesanges Gabe, der Lieder süßen Mund Apoll“, und diese Lippen hat der Tod verschlossen, der Quell der Lieder ist versiecht, welche das Saitenspiel des fast dreiundsiebenzigjährigen Sängers noch vor wenigen Monden durchrauschten. „Ach, sie haben einen guten Mann begraben, und uns war er mehr,“ so mochte mancher der Männer, Sänger und Freunde denken und fühlen, als wir im Schneegestöber des neunten März die letzte Blume, die letzte Hand voll Erde auf den Sarg hinabgeworfen, der die sterblichen Reste des Unvergeßlichen umschloß und uns sein stets so liebevoll freundliches Antlitz für immer entzog! Auf sein nun schon grünes und blühendes Grab wollen wir keine sogenannte Lebensbeschreibung, sondern nur ein Blatt der Erinnerung an den lieben Sänger und Freund niederlegen, mit der Mahnung: „Vergeßt den treuen Todten nicht, und schmücket auch seine Urne mit dem Eichenkranz!“ Mögen diese wenigen Zeilen hierzu beitragen, und gelingt es ihnen, dann ist ihr Zweck erfüllt.

Am ersten September 1804 wurde Ernst Julius Otto auf der Festung Königstein im Königreich Sachsen geboren, wo sein Vater Apotheker war. Der wackere Cantor Albani in Königstein, sein erster Lehrer, entdeckte zuerst und bildete des Knaben musikalische Fähigkeiten. Im neunten Lebensjahre spielte der kleine Julius beim Gottesdienste die Orgel und sang bei Kirchenmusiken die Sopransoli. Seiner schönen Stimme verdankte er seine Aufnahme als Alumnus (Freischüler) der altberühmten Kreuzschule in Dresden, und zwar zugleich als Rathsdiscantist (Solosänger) mit einem wöchentlichen Gehalte von zehn guten Groschen, einer für damalige Zeit und für einen zehnjährigen Jungen bedeutenden Summe. Cantor Th. Weinlig gab ihm den ersten theoretischen Unterricht in der Musik, den Weinlig’s Nachfolger, Fr. Uber, so erfolgreich fortsetzte, daß er einmal, durch Krankheit am eigenen Schaffen behindert, dem dreizehnjährigen Otto die Composition einer Cantate für Chor, Solo und volles Orchester übertragen konnte, welche in der Kreuzkirche unter des jungen Componisten eigener Direction aufgeführt wurde. Der außerordentliche Erfolg dieses Wagnisses gab ihm Muth zum Componiren zahlreicher ähnlicher Musikstücke, von denen seine Abschieds-Motetten bei feierlichen Entlassungen der Abiturienten der Kreuzschule sich allgemeiner Anerkennung erfreuten.

Mit großem Fleiße bereitete sich Otto auf sein Fachstudium, die Theologie, vor und erwarb sich namentlich in der lateinischen, griechischen und hebräischen Sprache so tüchtige Kenntnisse, daß er als Primaner nicht nur lateinische Disputationen im Beisein des Rectors leitete, sondern auch manchem lateinischen Gedichte das Dasein schenkte.

Achtzehn Jahre alt bezog Otto die Universität Leipzigs, ließ [568] sich hier jedoch sehr bald von dem begonnenen Studium der Theologie abwendig machen, um sich der ihn unwiderstehlich anziehenden Musik mit Leib und Seele für immer hinzugeben. Die damaligen Cantoren der Thomasschule, Schicht und Weinlig, wie die Dirigenten der Gewandhausconcerte, Schulz und Pohlenz, trugen wesentlich zu dieser Bekehrung bei und unterstützten ihn treulich. Die ersteren brachten zahlreiche seiner neuen geistlichen Compositionen in der Kirche zur Aufführung, die letztgenannten förderten durch die Erlaubniß des freien Besuches von Proben und Aufführungen der Concerte wesentlich sein Studium der berühmtesten Tonmeister der verschiedenen Zeiten. Mit Eifer widmete Otto sich zugleich dem Studium der Philosophie und Geschichte; namentlich Prof. Wendt, selbst ein großer Verehrer und Kenner der classischen Tonmeister, belebte und förderte auf’s Eifrigste die Schöpfungskraft des vielseitig begabten Jünglings. In diese Zeit fällt die erste Veröffentlichung eines Trio für Piano, Violine und Violoncello in Es, einer vierhändigen Sonate, von Variationen für Clavier (alle bei Hofmeister in Leipzig erschienen), von drei Liedern für Sopran (bei Breitkopf und Härtel) und einer Ballade: Der Brautkuß (im eigenen Verlage).

Von 1825 an finden wir unsern Julius Otto wieder in Dresden, und zwar bald als angestellten Lehrer für Clavier und Gesang an dem berühmten Blochmann’schen Erziehungsinstitute. In richtiger Würdigung seiner Befähigung ward Otto schon im Jahre 1828 vom Dresdener Stadtrathe anfangs interimistisch und Ostern 1830 definitiv zum Cantor und Musikdirector der Dresdener drei evangelischen Hauptkirchen berufen, welche Stelle er volle fünfundvierzig Jahre bekleidete. Wie hohe Verdienste er sich um die von ihm geleitete Kirchenmusik und den Gesang der Kreuzschüler erworben, dafür zeugen seine Gemeinde und seine Schüler zu Hunderten. In diesem langen Zeitraume schuf Otto neben seiner anstrengenden amtlichen Thätigkeit eine Fülle der trefflichsten Compositionen, deren vollständige Aufzählung den uns hier gegönnten Raum weit überschreiten würde. Sein Name ward bald weit und breit genannt und bekannt, seine Schöpfungen im Gebiete des Männergesanges flogen über Länder und Meere, und wo irgend in fernsten Erdtheilen deutsche Männer aufeinander trafen, da fanden und verbanden sie sich in den echt deutschen Harmonien von Julius Otto’s volkstümlichen Gesängen. Das in den „Gesellenfahrten“ (Dichtung seines früh verstorbenen Sohnes Julius) enthaltene Lied „Das treue deutsche Herz“ zählt nicht ohnerachtet, sondern vielleicht gerade um seines deutschsentimentalen Grundzuges willen zu den populärsten deutschen Volksgesängen.

Von seinen Compositionen für Männergesang mit Orchester fanden die weiteste Verbreitung seine Cyklen mit verbindender Deklamation: „Der Sängersaal“ (Gedicht von Marlow), „Burschenfahrten“, die schon erwähnten „Gesellenfahrten“, „Soldatenleben“ und „Spinnabend“ (sämmtlich Dichtungen seines Sohnes Julius) und der melodienreiche „Liedertafel-Jahrestag“ (Dichtung von Fr. Hofmann), welchen aus Otto’s Feder eine köstliche „Tischrede“ schmückt. Ebenfalls viel gesungen wurden „Im Walde“ (von Gärtner), „Am Meeresstrande“ (von Klopsch), „Das Märchen vom Faß“ (von Waldow), sowie die humoristisch-satirischen Opern „Die Mordgrundbruck“, „Die Liedertafel in China“, „In Schilda“, „Nach Nürnberg“. Für ein Lied „In die Ferne“ für eine Stimme und Pianoforte (gedichtet von Kletke) erhielt Otto den vom Mannheimer Musikverein ausgeschriebenen Preis von neun Ducaten; im Jahre 1846 setzte die Gesellschaft Harmonie in Trarbach an der Mosel ein Fuder (gleich vierzehn Eimer) des feinsten Moselweines als Preis für die beste Composition eines Liedes zum Lobe der Mosel aus. Julius Otto, Vater und Sohn, gingen für Composition und Dichtung dieses Moselliedes als Sieger hervor. Methfessel beglückwünschte Beide mit folgendem Distichon:

„Kaum hat sich Vater und Sohn zum Preise der Mosel verbunden,
Rollt auch der heilige Geist donnernd im Fasse herbei.“

„Von diesem Fasse Wein,“ so schreibt einer seiner Schüler und Verehrer in Dresden dem Verfasser dieser Zeilen, „mußte Jeder trinken, der zu ihm kam, und ich hatte sogar das Vergnügen, dasselbe im Keller mit abziehen zu helfen, besinne mich auch noch, daß er vorher mir und seinem Sohne Arwed etwas Oel zu trinken gab, damit wir nicht so schnell grau würden.“ In demselben Brief wird „Otto’s Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit bei Prüfung angemeldeter Chorschüler, besonders wenn es solche schüchterne Dorfjungen waren, wie ich,“ mit dem weiteren Bemerken rühmend hervorgehoben: „Wenn er Einen so freundlich ansprach, bekam man Courage und sang das Vorgelegte frisch herunter. Wen er einmal geprüft und als zuverlässig befunden, in den setzte er unbedingtes Vertrauen, das nicht so leicht zu erschüttern war. Auch seine Schüler sah er gern heiter und vergnügt, und bei vorkommenden Festlichkeiten, Ausflügen und dergleichen erheiterte es ihn selbst zumeist, wenn die Jungens etwas über den Strang schlugen.“

Fassen wir seine Compositionsthätigkeit zusammen, so war sie hauptsächlich fruchtbar für die Kirche, für den Männer- und den Kindergesang. Wir erinnern an seine drei Charfreitags-Oratorien (der Sieg des Heilands, die Feier der Erlösten, des Heilands letzte Worte), eine Missa in F, Kyrie und Sanctus in Es, Kyrie und Gloria in D, drei Oster-Cantaten, zwei Pfingst- und drei Weihnachts-Cantaten, zwei Cantaten zum Todtenfest und zwei zum Reformationsfest, sämmtlich für gemischten Chor mit Orchester; ferner an sein Oratorium Hiob (Dichtung von Julius Mosen), gleich vielen andern geistlichen und weltlichen, zum Theil oben bereits genannten Compositionen theils für Männerstimmen mit Orchester, theils für gemischten Chor ohne Orchester. Für die Kinderwelt schuf er die Kinderfeste („Das Schulfest“, „Das Weihnachtsfest“, „Das Pfingstfest“, „Das Vaterlandsfest“, sämmtlich Dichtungen von Friedrich Hofmann), auf Anregung seines Verlegers Conrad Glaser in Schleusingen. Diese „Kinderfeste“ haben schon weit über anderthalbtausend Aufführungen erlebt und unsern Julius Otto zum Liebling auch der deutschen Jugend erhoben. Außerdem sind seine „zwölf leichte vierhändige Rondos für Clavier“ noch den besten instructiven Clavierstücken für Kinder beizuzählen. Mit der Composition „Frühlingslandschaft“ (bekannt unter dem Titel „Der lange Magister“) gewann Otto 1852 beim Düsseldorfer Musikfest den Preis. Ueber das Schicksal zweier Opern: „Das Schloß am Rhein“ und „Der Schlosser von Augsburg“ können wir nichts berichten, da Otto in seinen Aufzeichnungen, auf welchen unsere Mittheilungen hauptsächlich beruhen, derselben nicht besonders erwähnt. Seine letzten Compositionen vom December 1876 sind: „Das weiße Kreuz im rothen Feld“ für die Schweizer Turner und „Röslein“ für den Regensburger Liederkranz; nach Ordnen seines musikalischen Nachlasses wird sich gewiß noch manches hübsche Lied für Männergesangvereine finden.

Otto schuf mit staunenswerther Schnelligkeit und hatte nicht die Eitelkeit, jede seiner Schöpfungen durch den Druck zu veröffentlichen. Große Thätigkeit entwickelte er bei Gründung des deutschen Sängerbundes in Coburg im Jahre 1862; bis zum Jahre 1874 blieb er Mitglied des Ausschusses dieses 30,000 Sänger umfassenden Bundes. An der Herausgabe der ersten drei Hefte des Liederbuches für den deutschen Sängerbund hat Otto den hervorragendsten Antheil genommen. Einen schönen Triumph erlebte er noch 1874 beim zweiten Bundessängerfeste in München, wo seine Composition „Dornröschen Straßburg“ (gedichtet von Gärtner) mit ungetheiltem Beifall aufgenommen wurde.

In seinem Familienleben blieben ihm schwere Schicksale nicht erspart; vier geliebte Gattinnen, mit deren jeder er, wie er selbst schreibt, sehr glücklich gelebt, sowie zehn Kinder gingen ihm im Tode voran, darunter der in der Sängerwelt beliebte Dichter Julius Otto, im Alter von vierundzwanzig Jahren (geb. am elften Juli 1825, gest. am fünften November 1849), und der ebenfalls sehr begabte achtzehnjährige Sohn Arwed. Seine fünfte Gattin und sein trefflicher Stiefsohn Dr. med. Karl Thieme, jetzt auf Reisen in Rom und Neapel, sind seine einzigen Hinterlassenen.

Die allgemeine Anerkennung, Dankbarkeit und Liebe der gesammten Sängerwelt in Deutschland, Rußland, in der Schweiz, in Amerika und Australien hatte dafür gesorgt, daß er in seinem Studirzimmer, umgeben von mehr als sechszig Ehrendiplomen, die wie Trophäen von den Wänden blickten, wie ein König in seinem Reiche thronen konnte, ohne Scepter zwar, aber mit der Feder in der Hand, bis zum letzten Athemzuge begeistert für alles Schöne und jeden Fortschritt im Gebiete der Tonkunst mit regem Interesse verfolgend. Lichtpunkte seines Alters waren der 8. November 1874 und der 30. December 1875.

[569] Am erstgenannten Tage, an welchem vor fünfundzwanzig Jahren der junge Julius Otto in Pirna zur Erde bestattet worden war, fand in den städtischen Anlagen daselbst im Beisein vieler Deputationen und Sängervereine die Enthüllung des in edlem Styl ausgeführten, mit einem sehr ähnlichen Relief- Portrait des Dichterjünglings geschmückten Denkmals desselben statt. Hofrath Dr. Julius Pabst aus Dresden hielt die Festrede; nach dem Schlußworte derselben: „So falle denn, verhüllender Schleier, und offenbare, wie deutsche Sänger ihre Dichter ehren“, flossen Thränen über die Wangen des greisen Vaters im Anblicke der wohlgetroffenen Züge des längst heimgegangenen Sohnes und Schaffensgenossen. Auch General-Musikdirector Dr. Julius Rietz ehrte die erhebende Feier durch seine Gegenwart.

Am 30. December 1875 fand aus Anlaß von Otto’s Rücktritt von seinen Aemtern im „Belvedere“ der Brühl’schen Terrasse in Dresden ein solennes Festmahl statt, bei welchem der Gefeierte mit dem von seinem Könige ihm verliehenen Ritterkreuz erster Classe vom Albrechtsorden erschien. Mit Jugendfrische dirigirte er unter Anderen sein von sämmtlichen anwesenden Sängern trefflich gesungenes Lied vom treuen deutschen Herzen. Ein großartiges Fackelständchen vor seiner Wohnung war diesem Feste vorangegangen. Der jetzt bestehende große „Julius-Otto-Bund“ dankt jenen Tagen seine Begründung.

In den grünen und blühenden Anlagen der romantisch gelegenen Bürgerwiese, auf dem Wege, den der Verewigte während langer Jahre zur Zeit seines Sommeraufenthalts in Zschärtnitz und Strehlen täglich zurücklegte, beabsichtigen seine dankbaren Verehrer ihm ein würdiges Denkmal mit seinem Relief-Portrait zu setzen. Manches ist zur Herbeischaffung der hierzu erforderlichen Mittel seitens der Dresdener Freunde und Sänger geschehen, allein es reicht bei Weitem nicht aus; darum auf, Ihr Alle, die Ihr diesseits und jenseits der Meere an den Liedern Julius Otto’s Euch erhebt und erfreut, die Ihr den hellen Edelstein seiner Kunst zu würdigen wißt, tragt Euer Scherflein, ob klein ob groß, rasch und freudig bei, damit bald, neben dem der Vollendung nahen Gustav-Nieritz-Denkmal, das Julius-Otto-Denkmal sich erhebe und Volksdichter und Volkssänger mit ihren zwar uns Lebenden bekannten freundlichen Gesichtszügen auch auf kommende Geschlechter herabblicken und sie mahnen: „Vergeßt der treuen Todten nicht!“

a –.




Die Elektricität als Heilmittel.
Von Dr. med. Pierson.


Es ist wohl schon manchem unserer Leser passirt, daß ihm von dem Hausarzte, den er wegen eines hartnäckigen Nervenschmerzes (Neuralgie) oder irgend eines anderen Nervenleidens befragt hatte, der Rath gegeben wurde, er solle sich „elektrisiren“ lassen. Gewöhnlich ist der Patient von diesem Ansinnen wenig erbaut, denn bei dem bloßen Worte „elektrisiren“ taucht in ihm eine dunkle Vorstellung von einem heftigen Schlage auf, den er einmal in der Schule, bei Gelegenheit der Erklärung der Elektrisirmaschine, oder auch auf einem Jahrmarkte erhalten hatte, wo ein solcher Apparat der schaulustigen Menge gezeigt wurde und wo schließlich auch bei unserem Patienten die Neugierde den Sieg über eine gewisse heimliche Furcht davongetragen und er an seinem eigenen Körper die Wirkungen der Elektricität in der angegebenen Weise erprobt hatte. Natürlich sind derartige Reminiscenzen wenig geeignet, das Vertrauen des Publicums zu der Heilkraft der Elektricität zu erwecken, indessen hoffen wir durch die nachfolgenden Zeilen unsere Leser zu überzeugen, daß die Furcht vor einer elektrischen Cur, wenn sie von einem gebildeten Arzte vorgenommen wird, vollständig unbegründet ist; ehe wir jedoch zur Besprechung unseres eigentlichen Themas übergehen, möchten wir noch darauf hinweisen, daß das sogenannte „Magnetisiren“ mit der medicinischen Wissenschaft im Allgemeinen und der elektrischen Heilmethode im Besonderen nicht das Geringste zu thun hat; letztere beruht auf wohlbegründeten physikalischen Gesetzen, der thierische Magnetismus aber ist lediglich Sache des Glaubens, nicht des Wissens, und liegt deshalb gänzlich außerhalb des Bereiches einer wissenschaftlichen Erörterung.

Betrachten wir nunmehr die verschiedenen Elektricitätsquellen, so haben wir zunächst die bereits erwähnte Reibungselectricität zu nennen, welche in der bekannten, von dem Magdeburger Bürgermeister Guericke im Jahre 1671 construirten Elektrisirmaschine durch Reibung einer Glasplatte an einem mit einem Reibstoff bestrichenen Lederkissen erzeugt wird. Man nimmt nun an, daß durch diese Reibung die in allen Körpern schlummernde Elektricität in der Weise vertheilt wird, daß auf der Glasscheibe die sogenannte positive, auf dem Reibzeuge negative Elektricität sich entwickelt. Setzt man die eine der beiden Elektricitäten durch einen leitenden Körper, z. B. einen Metalldraht, mit dem Erdboden in Verbindung, so häuft sich die entgegengesetzte Elektricität auf der Maschine an und kann durch eine geeignete Vorrichtung, den Conductor, auf den menschlichen Körper übertragen werden. Unser Körper gehört nämlich zu den die Elektricität leitenden Stoffen, wenn er auch ein weit weniger guter Leiter ist, als z. B. die Metalle; man hat berechnet, daß der Widerstand, den der Körper eines einzigen Menschen der Elektricität entgegensetzt, zwei Mal so groß ist, als der des gesammten transatlantischen Kabels; hieraus ergiebt sich, daß die Elektricität einen hohen Spannungsgrad haben muß, um diesen Widerstand zu überwinden, und es erklärt sich somit auch die Erschütterung, welche unser Organismus durch die Einwirkung der mit einer bedeutenden Spannung versehenen Reibungselektricität erfährt.

Eine bedeutend stärkere Wirkung läßt sich durch die sogenannte „Leydner Flasche“ erzielen. Dieselbe stellt ein in- und auswendig nicht ganz bis zum Rande mit Staniol belegtes Glasgefäß dar; der innere Beleg wird durch einen am oberen Ende mit einem Knopf versehenen Messingdraht mit dem Conductor (Leiter) einer Elektrisirmaschine, die äußere Fläche mit dem Erdboden in Verbindung gebracht; es sammelt sich alsdann positive Elektricität auf der Innenfläche, negative auf der Außenfläche der Flasche an. Wird nun dem Knopfe positive oder negative Elektricität mitgetheilt, so verbreitet sich dieselbe über den inneren Ueberzug und in Folge dessen wird an dem äußeren Ueberzug die entgegengesetzte Elektricität entwickelt; die Flasche ist nunmehr geladen; die Entladung findet statt, sobald zwischen Knopf und äußerem Ueberzug eine Verbindung hergestellt wird, wobei unter Funkenbildung die beiden entgegengesetzten Elektricitäten sich vereinigen. Lassen wir also die Entladung durch den menschlichen Körper bewerkstelligen, so erhält man den eingangs erwähnten „elektrischen Schlag“, dessen Heftigkeit von der Stärke der Ladung und der Größe der Oberfläche der Flasche abhängig ist. Kleine Thiere kann man durch eine solche Entladung tödten, aber auch beim Menschen hat man durch die Einwirkung einer Batterie von Leydner Flaschen Lähmungserscheinungen, ja selbst den Tod in ganz derselben Weise und mit demselben Leichenbefunde eintreten sehen, wie man ihn nach Blitzschlag beobachtet. Zu medicinischen Zwecken wurde die Reibungselektricität in früherer Zeit vielfach verwendet, allein wegen der Gefährlichkeit und Umständlichkeit des Verfahrens kam man später mehr und mehr davon ab, zumal da die beiden anderen, gleich zu erwähnenden Formen der Elektricität viel wirksamer und bequemer für die ärztliche Anwendung sind.

Unsere zweite Elektricitätsquelle ist die von dem Italiener Galvani im Jahre 1789 zufällig entdeckte Berührungselektricität, nach diesem später Galvanismus genannt. Dieselbe wird gewöhnlich dadurch erzeugt, daß man zwei durch einen Draht verbundene Metallplatten, z. B eine Zink- und eine Kupferplatte (statt des einen Metalles nimmt man auch häufig ein Stück Kohle) in eine Flüssigkeit, z. B. verdünnte Schwefelsäure, eintauchen läßt. Es entwickelt sich nun auf der Zinkplatte positive Elektricität, welche durch die leitende Flüssigkeit zum Kupfer geht; die negative Elektricität des Kupfers dagegen strömt durch den Draht zu der Zinkplatte. Auf diese Weise entsteht ein continuirlicher [570] elektrischer Strom, der so lange andauert, bis das eine Metall von der Flüssigkeit total aufgelöst ist. Es giebt nun verschiedene Vorrichtungen dieser Art, die man nach ihren Erfindern als Daniell’sches, Bunsen’sches, Grove’sches Element bezeichnet; durch Verbindung mehrerer solcher Elemente erhält man die galvanischen Batterien.

Unsere dritte Elektricitätsquelle ist die von dem großen englischen Physiker Faraday im Jahre 1831 entdeckte Inductionselektricität, die man zu Ehren ihres Entdeckers auch Faradismus nennt. Dieselbe beruht auf der Beobachtung Faraday’s, daß ein galvanischer Strom im Moment seines Entstehens und Vergehens in einem benachbarten, ebenfalls die Elektricität leitenden Körper, z. B. einem Kupferdraht, elektrische Ströme zu erzeugen im Stande ist. Wenn man also z. B. einen auf einer Holzspule aufgewickelten übersponnenen Kupferdraht mit einer galvanischen Batterie verbindet und in diese Spule eine ebenfalls mit Kupferdraht umwickelte Rolle hineinschiebt, so entsteht in dem Augenblicke, wo der galvanische Strom geschlossen wird, das heißt wo die beiden entgegengesetzten Elektricitäten Gelegenheit finden, sich zu vereinigen, ein momentaner elektrischer Strom in dem Drahte der innern Rolle, ebenso in dem Augenblicke, wo der galvanische Strom wieder unterbrochen wird. Man kann die Wirkung dieses „inducirten“ Stromes dadurch erhöhen, daß man in die Rolle einen Eisenstab einlegt; derselbe wird nämlich durch den elektrischen Strom magnetisch und wirkt in Folge der in diesem Zustande zwischen Magnetismus und Elektricität bestehenden eigenthümlichen Wechselbeziehungen wieder verstärkend auf den Strom zurück.

Man kam nun bald dazu, eine Vorrichtung zu ersinnen, mittelst deren auf einfache Art ein galvanischer Strom in rascher Aufeinanderfolge unterbrochen und wieder geschlossen werden kann, und da der ursprüngliche Strom durchaus nicht stark zu sein braucht, um Inductionsströme zu erzeugen – ein bis zwei Elemente genügen vollständig – so gelang es den Bemühungen der Mechaniker sehr schnell, handliche Apparate zur Erzeugung des Faradismus zu construiren; es ist deshalb auch begreiflich, daß die Inductionselektricität rascher zu allgemeiner medicinischer Anwendung kam, als der über vierzig Jahre früher entdeckte Galvanismus.

Wenden wir uns nun zu den Wirkungen, welche der elektrische Strom auf den gesunden menschlichen Körper ausübt, so müssen wir als die auffälligste die schon von Galvani an einem Froschschenkel beobachtete Zusammenziehung der Muskeln bezeichnen. Am deutlichsten zeigt sich diese „elektrische Muskelcontractilität“, wenn man den einen Pol einer galvanischen Batterie oder eines faradischen Apparates mit einem Bewegungsnerven, den anderen mit dem zugehörigen Muskel in Verbindung bringt; es entsteht sodann bei Schluß des Stromes eine lebhafte Zuckung, eine schwächere bei Oeffnung desselben; so lange der Strom ununterbrochen fließt, wird keine Muskelzusammenziehung wahrgenommen, wenn nicht ein ganz enorm starker Strom angewendet wird; in diesem letzteren Falle tritt eine anhaltende, krampfartige Zusammenziehung des Muskels ein. Je rascher man den Strom unterbricht, desto energischer fallen die Zuckungen aus, weshalb auch der faradische Strom mit seinen fortwährenden Unterbrechungen zur Hervorrufung von Muskelbewegungen besonders geeignet ist. Durch den Willenseinfluß lassen sich diese künstlich erzeugten Bewegungen bis zu einem gewissen Grade unterdrücken, doch gehört schon eine große Willensanstrengung dazu, der Wirkung eines starken faradischen oder galvanischen Stromes erfolgreichen Widerstand zu leisten.

Neben diesem Bewegungsphänomen machen sich aber auch Wirkungen auf die Haut bemerklich, und zwar sind diese um so bedeutender, je trockner die Haut ist. Der galvanische Strom erzeugt bei mittlerer Stärke ein gelindes Brennen, der faradische eine mehr prickelnde Empfindung; gleichzeitig wird die Haut geröthet. Will man nun hauptsächlich auf die in der Haut verbreiteten Gefühlsnerven wirken, so leitet man den Strom durch Vermittelung metallischer Conductoren auf die trockne Haut; sollen dagegen die tieferen Theile, namentlich die Muskeln, von der Elektricität beeinflußt werden, so überzieht man die Conductoren mit nassem Schwamm oder Leder und sorgt für gute Durchfeuchtung der Haut, am besten mit warmem Salzwasser; es wird alsdann die schmerzhafte Hautreizung fast ganz vermieden. Mit diesem einfachen Verfahren ist es dem genialen französischen Arzt Duchenne von Boulogne gelungen, den elektrischen Strom genau auf diejenige Stelle des Körpers zu „localisiren“, welche der Behandlung bedürftig erscheint, und er gründet hierauf sein System der localisirten Faradisation, welches von ihm im Jahre 1850 veröffentlicht wurde.

Faraday’s Entdeckung stellte die Errungenschaften des galvanischen Stromes auf dem Gebiete der Heilkunde, welche wir A. von Humboldt, Hufeland und Anderen zu danken haben, gänzlich in den Hintergrund, um so mehr, als durch Duchenne der Nutzen der Inductionselektricität zu Heilzwecken in so glänzender Weise dargethan wurde. Als daher in der Mitte der fünfziger Jahre der geistvolle Berliner Arzt Robert Remak es unternahm, den galvanischen Strom wieder in die ärztliche Praxis einzuführen, stieß er überall auf Unglauben und Widerspruch, und es blieb erst dem letzten Jahrzehnt vorbehalten, die Angaben Remak’s einer genaueren Prüfung zu unterziehen, seine Versuche sorgfältig zu wiederholen und so allmählich die Grenzen der Wirksamkeit des faradischen sowohl, als des galvanischen Stromes festzustellen.

Nach dem jetzigen Standpunkt können wir sagen, daß Dank den Forschungen Remak’s beide Formen der Elektricität gleichberechtigt neben einander stehen, indem die Faradisation hauptsächlich für die Behandlung der Empfindungs- und Bewegungsnerven, die Galvanisation wesentlich für die des Centralnervensystems (Gehirn, Rückenmark und sympathischer Nervenstrang) und der Sinnesorgane sich eignet.

Während ferner die Inductionselektricität einen mehr anregenden, reizenden Einfluß hat, übt der Galvanismus auf solche Theile, die sich im Zustande krankhaft gesteigerter Reizbarkeit befinden, eine beruhigende Wirkung aus.

Ehe wir jedoch zu der Anwendung der Elektricität gegen Krankheiten übergehen, müssen wir in Kürze noch die Erscheinungen betrachten, welche der galvanische Strom im gesunden Organismus hervorruft, abgesehen von den bereits erwähnten Wirkungen auf Haut und Muskeln, die er mit dem Faradismus theilt.

Leitet man einen etwas starken galvanischen Strom durch Anwendung der Conductoren am Kopfe zum Gehirn, so entsteht sehr bald ein Gefühl von Schwindel; gleichzeitig bemerkt man ein deutliches Schwanken des Kopfes nach der Seite, an welcher sich der positive Pol befindet. Nicht selten tritt während oder nach der Galvanisation des Gehirns Schläfrigkeit, manchmal wirklicher Schlaf ein.

Sehr lebhaft werden die Sinnesnerven von der galvanischen Elektricität erregt. Kommt man mit einem Conductor in die Nähe des Auges, so treten verschiedene subjective Lichterscheinungen, Blitzen, Bilder von verschiedener Farbe u. dgl. ein. Bei Galvanisation der Gehörnerven entstehen je nach der Stärke und Dauer des Stromes Klingen, Pfeifen, Sausen und ähnliche Geräusche. Am Geschmacksorgane äußert sich die Wirkung der Galvanisation durch eine eigenthümliche metallische Geschmacksempfindung. Die Wirkungen der Elektricität auf die sonstigen inneren Organe sind noch nicht so genau studirt, jedoch ist kein Zweifel, daß sie alle von dieser mächtigen Kraft mehr oder weniger beeinflußt werden.

Wenn wir nun zu der eigentlichen Elektrotherapie, das heißt der Verwendung der Elektricität zur Heilung von Krankheiten kommen, so können wir im Allgemeinen sagen, daß die Krankheiten des Nervensystems den wichtigsten Gegenstand der elektrischen Heilmethode abgeben und zwar sind hier in erster Linie die Lähmungen zu nennen[WS 1]. In der That giebt es kein Mittel, welches bei dieser Bewegungsstörung so erfolgreich wirkt, und wenn wir auch zugeben müssen, daß in manchen Fällen auch die Elektricität erfolglos bleibt, so namentlich oft bei der durch Schlagfluß entstandenen halbseitigen Lähmung, so können wir doch die für die betreffenden Kranken freilich nicht sehr trostreiche Behauptung aufstellen, daß alsdann mit anderen Mitteln auch nichts zu machen ist. Immerhin läßt sich durch eine sorgfältig geleitete elektrische Behandlung auch in diesen Fällen fast immer ein gewisser Grad von Beweglichkeit herstellen, der anderweitig nicht zu erzielen ist.

Nächst den Lähmungen sind viele Krampfzustände der elektrischen Behandlung zugänglich; so z. B. kennt man verschiedene Fälle des früher für unheilbar gehaltenen Schreibekrampfes und ähnlicher durch einseitige Ueberanstrengung gewisser Muskelgruppen entstandener Zustände, wozu unter Anderm der sogenannte [571] Clavierspielerkrampf gehört, welche durch Elektricität geheilt worden sind. – Eine wichtige Rolle spielt auch die Elektrotherapie bei vielen Krankheiten der Gefühlsnerven, namentlich bei den verschiedenen Neuralgien, die als Gesichtsschmerz, Hüftweh, Gürtelschmerz etc. im Publicum unliebsam bekannt sind. Selbst ganz veraltete Fälle dieser Art werden manchmal durch wenige elektrische „Sitzungen“ geheilt; freilich setzen diese Zustände auch bisweilen die Geduld des Patienten wie des Arztes auf eine schwere Probe. Organische Hirn- und Rückenmarkskrankheiten werden nur ausnahmsweise durch die Elektricität geheilt, wohl aber häufig gebessert und aufgehalten; sehr erfolgreich wirkt die Elektricität bei nervösem Kopfschmerz, namentlich bei der sogenannten Migräne, dieser Plage des weiblichen Geschlechts; ebenso in vielen Fällen von Hysterie und beim Veitstanz.

Außer den Krankheiten des Nervensystems sind noch besonders die verschiedenen Rheumatismen als eine Domäne der Elektrotherapie zu nennen. Die elektrische Behandlung des Muskelrheumatismus datirt schon aus ziemlich früher Zeit; dagegen haben wir erst ganz neuerdings die Elektricität als ein vortreffliches Mittel gegen Gelenkrheumatismus kennen gelernt; die heftigen Schmerzen, welche eine Haupterscheinung dieses Leidens bilden, können durch Anwendung von Faradisation rasch und dauernd beseitigt werden; indessen sind freilich für die Heilung der Krankheit selbst in der Regel noch andere Mittel erforderlich.

Es giebt nun noch eine ganze Reihe von Krankheitszuständen, bei welchen die Elektricität theils als wesentliches Mittel, theils in Verbindung mit anderen Heilmethoden in Anwendung gebracht wird; wir müssen indessen doch zugestehen, daß wir in dem oben Gesagten das Gebiet der Elektrotherapie in der Hauptsache abgegrenzt haben. Es erübrigt noch zu bemerken, daß die Faradisation der Zwerchfellsnerven vielfach mit schlagendem Erfolg zur Wiederbelebung von Scheintodten, so namentlich bei Kohlenoxydgasvergiftung angewendet worden ist; der Vollständigkeit halber erwähnen wir schließlich die in der „Gartenlaube“ erst kürzlich besprochene Verwendung des elektrischen Stromes zur Nachweisung des Todes; die elektrische Muskelerregbarkeit erhält sich nämlich noch einige Zeit nach erfolgtem Ableben, nimmt alsdann rasch ab und ist nach spätestens drei Stunden vollständig erloschen; da nun bekanntlich die meisten der gewöhnlich als „sichere Zeichen des eingetretenen Todes“ angeführten Merkmale theils unzuverlässig, theils erst längere Zeit nach erfolgter Auflösung zu constatiren sind, so läßt sich auch in diesem Punkte die hohe Bedeutung der elektrischen Untersuchung nicht verkennen.

Das Princip der Arbeitstheilung macht sich, wie in allen anderen menschlichen Bestrebungen, so auch in der Medicin mehr und mehr geltend; zu den vielen schon bestehenden „Specialitäten“ ist neuerdings auch die Elektrotherapie gekommen, was großentheils daher rührt, daß die Anwendung der Elektricität gewisse technische Schwierigkeiten mit sich bringt und sich in Form von Pillen oder Pülverchen nun einmal nicht verabreichen läßt. Indessen fängt man von allen Seiten an, für die Verbreitung der Elektrotherapie in weiteren ärztlichen Kreisen zu wirken. So hat man ganz neuerdings an der Universität Leipzig eine selbständige Professur für diesen jungen Zweig der Heilkunde errichtet, um den angehenden Aerzten Gelegenheit zur Ausbildung in der Elektrotherapie zu geben und es kann nicht fehlen, daß die übrigen deutschen Hochschulen diesem Beispiele folgen werden. Hoffen wir, daß nun auch das Publicum seine alten, heutzutage durch nichts mehr begründeten Vorurtheile gegen ein Mittel aufgebe möge, welches, zu rechter Zeit und in richtiger Form angewendet, als eine der mächtigsten Waffen gegen das uns allseitig bedrohende Heer von Krankheiten bezeichnet werden muß.




Der goldige Quell von Pilsen.


In Boheim, dem Lande der Heilquellen, wetteifert seit etwa 15 Jahren die Menschenhand mit der Natur auch ihrerseits durch künstliche Quellen den Ruhm der Heimath in alle Welt zu tragen, und wer weiß, ob sie heut nicht schon Siegerin ist, ob nicht das „Pilsener“, dem unser Aufsatz gilt, mehr genannt wird, als der altberühmte Sprudel. Wer hätte nicht davon vernommen und wer nicht schon einmal den kühlen Trank genossen?

Im Jahre 1842 errichteten die Bürger Pilsens, zunächst nur um für sich ein gutes Bier zu brauen, auf einem Grundstücke an der Radbusa ein Brauhaus von bescheidenem Umfange. Die Einrichtung war auf vierundsechszig österreichische Eimer berechnet, und damit dachte man dem täglichen Bedürfniß der Stadt selbst genügen zu können. Man braute, und man sah, daß es gut war, und nannte es im freudigen Glauben, daß das Ideal erreicht sei, „Bairisches“, obgleich es augenscheinlich mit dem bairischen nicht die mindeste Aehnlichkeit aufwies.

Der ideelle Ruf des Bieres verbreitete sich sehr schnell, aber die reale Anerkennung ließ noch lange auf sich warten; man rühmte es auswärts, doch man trank es noch nicht. Vielleicht war nur der frühere Mangel an Verkehrswegen daran schuld, vielleicht auch die nicht gerade glückliche Lage des Ortes; das kleine Pilsen liegt unweit der böhmischen Urwälder. Aber die Anerkennung des Echten ist eine logische Nothwendigkeit, die auch unter den ungünstigsten Umständen nicht ausbleiben kann. Im Jahre 1850 machte sich die erste Vergrößerung der Anstalt nöthig, und im Jahre 1862 fand der Verfasser bei einer Durchreise schon eine Brauerei ersten Ranges vor. Allein trotz immer neuer Zubauten hielt von jetzt an die Erzeugungkraft nicht Schritt mit der Vernichtungskraft der sich gewaltig mehrenden Bekenner des flüssigen, grüngoldigen Evangeliums. Sechs Jahre später entstand neben der alten eine zweite Brauerei auf Antheil, die gleich von vornherein auf eine immense Zeugungskraft angelegt wurde, und von jetzt an datirt erst der ungeheure Aufschwung der Pilsener Bierbrauerei überhaupt und es will scheinen, als ob die jüngere geschäftsfreudige Braunixe die großen Abzugsschleußen für die ältere mit gezogen hätte. Auffallend ist, daß sich seit jener Zeit der Verdoppelung jede der Brauereien ebenfalls verdoppeln mußte. Doch keine sei auf Unkosten der anderen gerühmt; es sind ein Paar ebenbürtige Schwestern, ein Paar Riesinnen, die unter ganz gleichen Grundbedingungen hantiren; sie vermälzen beide nur böhmische Gerste, sie würzen nur mit Saazer Hopfen, sie kochen beide mit demselben eisenhaltigen Quellwasser, das nach der Fama den Hauptbeitrag zu dem berühmten Wohlgeschmack liefern soll, sie lagern beide ihre Biere in denselben Sandsteinfelsen, es ist sonach nichts natürlicher, als daß beide gleich stark begehrte Producte liefern.

An Nährwerth stehen die bairischen Biere offenbar höher als das Pilsener, doch die neuere Zeit, die sich mit festen Nahrungsmitteln kräftiger nährt, wendet sich mit Vorliebe den weniger scharf gemälzten und dafür stärker gehopften Bieren zu.

Ueber den Geschmack des böhmischen Goldquells etwas sagen zu wollen, verbietet sich; es ist das eben Sache der Gefühlsnerven; man könnte nur sagen, es ist stark gehopft und es schmeckt nach Kohlensäure, außerdem läßt sich vielleicht noch ein allgemeines Urtheil hinzufügen, etwa angenehm etc., was aber die Hunderttausende während der Wiener Weltausstellung in die Pilsener Restaurants lockte, sie wissen es nicht. Die feinsten Grade in der Qualität sind eben undefinirbar.

In den statistischen Angaben, welche die volkswirthschaftliche Bedeutung der beiden Brauereien vor Augen führen werden, fasse ich der Erleichterung wegen beide zusammen; die ältere nimmt etwa mit 7/11, die jüngere mit 4/11 an den Zahlen Theil.

Die Ausdehnung der Gebäude ist eine großartige, sie erstrecken sich über eine Fläche von vierzig Hectaren, bedecken sonach die Aecker eines vollen Hufengutes und würden für sich schon eine ansehnliche Stadt abgeben. Die Zahl der arbeitenden Hände ist bei Brauereien, in Anbetracht aller andern Verhältnisse, eine ziemlich geringe; man sieht ungeheuere Räume, in denen sich eine Menge gangbares Zeug umdreht und Arbeiten verrichtet, und doch ist keine Menschenseele dabei sichtbar. Nur siebenhundert Männer halten von den Comptoiren bis hinab zu den Waschhäusern die weitläufigen Werke im Gange. Außer den Directoren führen noch etwa zwanzig Personen die kaufmännische Leitung, dreihundertfünf Brauburschen mälzen, brauen und verfüllen, hundertsechszig Faßbindergesellen liefern die Fässer hierzu, und was übrig bleibt von den siebenhundert, führt [572] die Scheuerbürste. Zweihundert Pferdekraft in Dampf bewegen außer wenigen Maschinen nur die Stoffe hin und her. Die Anfuhr und Abfuhr aller Lasten geschieht auf der neuen Brauerei mittelst Locomotive; die ältere konnte ihrer unebenen Lage wegen kein Gleis erbauen, muß daher einen Fuhrpark halten.

An Gerste, dem vornehmsten Bestandtheile des Bieres, verbrauchen beide jährlich ein Quantum von dreihundertfünfzigtausend österreichischen Metzen, etwa einundzwanzig Millionen fünfhunderttausend Liter. Zur Versinnlichung dieser Zahlen sei angeführt, daß ein Acker, der diese Menge erzeugen sollte, drittehalb Quadratmeilen oder ungefähr vierzehntausend Hectaren groß sein müßte. Man sagt, Hopfen sei ein Unkraut, nun, wohl Dem, dessen Acker solch ein Unkraut trägt, die Saazer Hopfenbauern streichen für die nöthigen 3500 Centner Unkraut alljährlich die Summe von einer Million vierhunderttausend Mark ein.

Die Feuer unter den Dampfkesseln, den Malzdarren und den ungeheueren Sudpfannen fressen jährlich zweitausend Wagenladungen Kohle. Ebenso muß auch für den zweiten Hauptfactor in Brauereien, die Kälte, gesorgt werden. Siebentausend österreichische Kubikklaftern oder achthunderttausend Centner Eis sind nöthig, um die äußerste Klärung zu bewerkstelligen. Eine gleichzeitige Anfuhr dieser wahrhaften Gletschermassen würde vierundsechszigtausend Pferde erfordern. In dem milden Winter von 1872 zu 1873 war das Eis in Pilsen ein kostbarer Artikel, mehrere tausend Wagenladungen mußten die Locomotiven aus den Gebirgen herbeischleppen, ohne daß der volle Bedarf gedeckt werden konnte. Es ist gut, daß unsere Erde wieder der Eisperiode zusteuert. Zehntausend Centner Pech hat der Böhmerwald jährlich Tribut nach Pilsen zu entrichten. Doch zur Hauptsache, zu den Biermassen.

Man glaubte bei der Gründung mit vierundsechszig Eimern das tägliche Bedürfniß Pilsens zu decken, heute muß weit mehr sein für den Hausbedarf in den Brauereien selbst. Der Hauskellerbeamte der bürgerlichen Brauerei versicherte, daß er fünfzig Eimer täglich an das Personal verzapfen lasse; um nicht fehl zu greifen, nehme ich den Actiendurst nur mit dreißig Eimer an, die Notiz wird dadurch an Frappanz nichts einbüßen, denn das sind achttausendachthundert deutsche Seidel oder halbe Liter auf nur siebenhundert Kehlen.

Was man übrig lassen muß, fordert natürlich ein ganzes Heer von Zechern; und die Zahl Derer, die da glauben Pilsener zu trinken, ist Legion; leider schlagen betrügerische Wirthe oft mit sehr zweifelhaftem Gebräu Capital aus dem rechtlich erworbenen Rufe des Pilsener Bieres und, was das Schlimmste ist, sie schädigen ihn bei dem, der nicht im Stande ist, die Täuschung zu erkennen.

Den stärksten Antheil an dem Verbrauche nimmt Oesterreich selbst. Nächstdem stellt der reichsconsolidirte Germane seinen Mann. Die berühmtesten Bierstädte Baierns, München voran, sind nicht die geringsten Abnehmer. In dem waldfrischen Schlesien, in dem sonnigen Rheinland, im rührigen Sachsen und Thüringen, bei den Holsten, bei den Schwaben wie bei den Aelplern erfreut man sich an dem krystallklaren, bernsteinfarbigen Bierquell. Selbst von hoher Stelle zu Berlin ergingen Befehle an die jüngere Braunixe, ob im allerhöchsten Auftrage, weiß ich nicht, jedenfalls ist der königliche Trank auch eines kaiserlichen Durstes würdig.

Der Magyar, der Pole trinkt das beliebte Naß des unbeliebten Teutonen; es perlt champagnerlustig auf den Tafeln der sarmatischen Großen, und selbst der gemeine Russe räumt ihm hie und da neben dem Sanct Wutky noch ein Plätzchen in seinem Herzen ein. Auch in Italien und in Frankreich werben die reifenumschnürten Pilsener Apostel eifrig um Proselyten.

Obgleich der Franzose noch mißtrauisch auf die „neue germanische Invasion“ hinblickt, im Geheimen gesteht er, wie der Verbrauch zeigt, doch zu, daß die Schaumraketen unwiderstehlich sind, wie die Kanonen von Krupp. Die böhmischen Riesinnen werfen ihre Netze aus über den Ocean. An allen Strömen der neuen Welt kennt und verehrt man die Töchter der Radbusa, und ein etwas stärker gebrauter Trank aus der Actienbrauerei geht in Flaschen über die Prairien und die Rocky Mountains bis hin zu dem fernsten Mitarbeiter der „Gartenlaube“, nach San Francisco; es durchkreuzt den Aequator nach Java, Indien und den La Platastaaten; der Malaie, der Hindu, der Gaucho trinkt es oder sieht es trinken von dem sonnengebräunten Europäer; es sucht den himmlischen Sohn des Reiches der Mitte auf; es steigt über die Anden zu den Enkeln der Azteken und Altperuaner.

Daß solche Mengen von Bier, die sieben bis acht Monat lagern müssen, große Kellereien beanspruchen, daran dachte schon der Leser, doch wird seine Vorstellung kaum die Wirklichkeit erreicht haben. Reihen wir die hohen, gutventilirten Gewölbe, die nach allen Richtungen hin von den Hauptstollen aus abzweigen, aneinander, so erhalten wir einen Tunnel von der Länge einer vollen deutschen Meile. Hier lagern stätig für fünf Millionen Mark Bier. Friedlich und schweigsam liegen die Faßungeheuer neben- und übereinander, nur zuweilen vernimmt man ein unheimliches Knurren, wie stille Seufzer gewaltsam unterdrückter Freiheit.

Alle hier angegebenen Zahlen fundiren auf statistischen Ausweisen, zum Theil von amtlicher Natur; beide Brauereien zahlen bei höchster Tagesproduction viertausend Gulden Brausteuer, im Jahre etwa einundeinhalb Millionen Mark. Wahrlich, ein Finanzminister hat Ursache, den Durst in seinem Reiche zu fördern.

Das Brauen selbst ist ein ziemlich einfaches Verfahren, wenn nicht die Chemie hineinsündigt. Malzersatzmittel, aber noch mehr die des Hopfens, als da sind: Belladonna, Quassia, Bitterklee, Strychnin, Kokelskörner, Herbstzeitlose, Colchicum und ähnliche liebliche Gegenstände, machen den Brauproceß freilich verwickelter; doch sei gleich zur Ehre einer zahlreichen Berufsclasse hinzugefügt, daß die Welt wohl sehr viel auch über die Geheimnisse an den Braupfannen fabelt. Man rechnet sich vor: mit wie wenig Strychnin läßt sich ein Centner Hopfen für zweihundert Gulden zur Nothdurft ersetzen? Man findet das krampfhaft verlockend, aber man bedenkt nicht, daß jeder Braubursche eine Zunge im Munde führt, die theurer werden könnte, als der beste Saazer Hopfen. Daß es vorkommt, ist unstreitig, Schelme giebt es in jedem Stande, freilich kann ein brauender Schelm mehr Unheil anrichten, als tausend Einbrecher, er bricht Tausenden in die Schatzkammern der Gesundheit. Für die Pilsener Etablissements in dieser Angelegenheit einzutreten, ist wohl überflüssig, man müßte dort selbst Kokelskörner bis zur Betäubung genossen haben, wenn man angesichts der großartigen Erfolge von dem alten guten Recepte abweichen wollte.

Geeignetes Wasser, Gerste, Hopfen und Hefe in rechter Zusammensetzung, dann eine sorgfältige Behandlung, schließlich eine tadellose Reinlichleit – das schafft uns, abgesehen von einigen Handwerksvortheilen beim Gähren und Klären, einzig und allein ein gesundes gutes Bier; die neuere Zeit hat nur die Behandlung verbessert, an den Stoffen haben die Jahrtausende seit der Erfindung nichts hinzusetzen können als Werthloses und Niederträchtiges. Das Weitergehende, die Finesse, das Exquisite im Geschmacke einzelner Biere läßt sich nicht absichtlich herstellen; diese Tränke werden, so scheint es, von Launen der Natur begünstigt, die oft mit dem Fachberufenen ein wahres Versteckenspiel treiben. Was hat man nicht Alles schon nachbrauen wollen, und wie wenig ist es gelungen! Auch die Oertlichkeit muß auf die feinsten Grade des Gelingens von Einfluß sein; man hat z. B. Pilsener Wasser nach auswärts verfrachtet, man hat aber kein Pilsener Bier daraus gebraut.

Wer von den geehrten Lesern sich für ein einfaches Brauverfahren interessirt, der folge mir durch die ganz modern eingerichtete neue Brauerei, die wegen ihrer äußerst vortheilhaften Anlage den übersichtlichsten Betrieb zuläßt.

Sobald die Gerste im Brauhaus ankommt, bringt man sie durch ein Paternosterwerk auf die Sortirmaschine, ein Werk, welches selbstständiger arbeitet als so mancher Mensch, man braucht sich stundenlang nicht um dasselbe zu kümmern; Alles, was hier die Eigenschaft eines Gerstenkorns nicht besitzt, wird durch eine sinnreiche Vorrichtung beseitigt, ebenso werden alle leichten schlechten Körner, als unwürdig einer so trefflichen Veredelung, herausgeworfen. Ein Schneckenwerk, das heißt eine Welle, an der in schneckenhausförmigen Windungen Flügel angeschraubt sind, die sich innerhalb einer Röhre umdrehen, rollt und drängt die gereinigten Körner auf die Speicher, wo sie, zu wahren Hügeln aufgethürmt, ihres Schicksals harren.

Den natürlichen Fall benutzend, lassen die Mälzer das nöthige Quantum nach dem Souterrain und zwar vorerst [573] in die Quellbottiche ablaufen. Vom Dampf herbeigeholtes Radbusawasser quellt das Korn auf und bereitet es, wie der Regen auf dem Felde, zum Keimen vor. Ist das geschehen, so öffnen sich die Zapfen und die jetzt sehr dickbäuchig gewordene Gerste rutscht abermals abwärts nach unterirdischen Räumen, die jedoch eher an versunkene Rittersäle denn an Kellereien erinnern. Die Wölbungen sind auf schlanke Säulen gestützt und der Fußboden ist mit geschliffenen Kehlheimer Platten belegt. Geübte Hände breiten hier die Körnermassen nur durch den Wurf der Schaufel so gleichmäßig aus, daß sie wie hingelegte Teppiche erscheinen. Das Korn erholt sich wieder von seinem kalten Bade, durch das Zusammenliegen entsteht Wärme und bald schickt es sich an, wie auf dem Acker draußen Wurzelkeime zu treiben. Doch man unterbricht den Proceß, sobald der Blattkeim vom Wurzelstock aus Dreifünftel der Kornlänge erreicht hat, denn das ist das sicherste Zeichen, daß sich der gewünschte Vorgang erfüllt hat. Gewisse Eiweißstoffe verwandeln sich nämlich in Diastase (ein chemischer Sammelbegriff) und das wieder ermöglicht die spätere Verwandlung des Stärkemehls in Zuckerstoff. Die Menschenhand hat hier durch gute Ventilation und durch äußerste Sorgfalt im Wenden der Körner nur für eine ganz gleichmäßige Entwickelung der Keime zu sorgen; im Uebrigen thut sich die Sache von selbst. Jetzt holt ein Fahrstuhl die süß gewordenen Körner, nun Malz genannt, in die Darren. In diese dunklen Gewölbe mündet fortwährend durch einen feinen Drahtboden ein Luftstrom ein von achtunddreißig bis vierzig Grad Réaumur, man verdampft die Feuchtigkeit aus den Malzmassen und eine gelinde Röstung ist das Endresultat.

Der Grad des Darrens bedingt die Farbe des Bieres; viele Brauereien setzen noch extra gedarrtes scharfes Farbmalz hinzu, warum, ist freilich nicht einzusehen, die dunkle Farbe begünstigt unstreitig das Fälschen in obscuren Wirthshauskellern, denn wohl auch hier geschehen heimtückische Attaquen auf die unglücklichen Gehirnnerven der Menschheit. Wenn die Putzmaschine die sogenannte Malzblüthe, d. h. die Wurzelkeime abgestreift, nimmt ein Schneckenwerk sich abermals der Körner an und bringt sie auf die Schrotmühle, wo sie zermalmt werden, damit sich der Gehalt für den Sudproceß bloßlegt. Hiermit ist das Mälzen vollendet und der Dampf fördert das Malz über nach den ungeheuren Küchen, Sudhäuser genannt. Zunächst geht der Schrot nach einem Vormaischer, ein ringsum verschlossenes eisernes Gefäß, das ihn in angefeuchtetem Zustand in die offenen Maischbottiche abgiebt. Man verhütet damit eine Verstäubung der mehligen Stoffe. Das Maischen, jedenfalls von Mischen hergeleitet, ist nichts als eine Vermengung des Malzes mit heißem Wasser. Die dickflüssige Masse wird übergeführt nach der Maischpfanne, und man setzt den Proceß fort durch ein allmähliches Kochen – ein rotirendes Kettenwerk auf dem Grunde dieses Gefäßes sorgt dafür, daß an den Feuerflächen nichts anbrenne, und wirbelt nebenbei die sinkenden Stoffe nach aufwärts.

Wir übergehen die nochmalige Zurückführung nach dem Maischbottich; es brächte nichts Neues; auch eine Treberaufhackmaschine, die innerhalb eines Bottiches und inmitten eines feinzertheilten kochenden Wasserstromes arbeitet, ist bei ihrer complicirten Construction des Raumes wegen nicht gut zu beschreiben, sie vermittelt die äußerste Verwerthung des Malzes. Der verlorene Sohn würde sich heut kaum noch von den Trebern moderner Brauereien ernähren können. Die Centrifugalpumpen schlürfen auf's Neue die heißen Wogen aus dem Läuterbottich auf und bringen sie in die Würzpfannen. Man setzt hier das Gewürz, den Hopfen zu und wir stehen damit auf dem Gipfel des Brauverfahrens.

Ein zweistündiger intensiver Kochproceß entnimmt dem Hopfen das ätherische Oel, den Bitterstoff und das Hopfenharz, und dann treibt der Dampf die dicke Flüssigkeit auf die Kühlschiffe, schmiedeeiserne Kästen, die in großen luftigen Häusern aufgestellt sind. Hier setzen sich die festen Stoffe zu Boden und das junge Bier klärt sich etwas und kühlt aus. Ist die Witterung dem nicht günstig, so müssen Eiswasserapparate nachhelfen, Röhrenwerke, in denen sich Bier und Eiswasser, selbstverständlich getrennt, entgegenströmen. Sechshundert Stück riesengroße Gährbottiche stehen in den Gährkellereien bereit, die abgekühlten Fluthen aufzunehmen; man setzt hier von einem Gebräu zum andern verpflanzte Hefe zu, und diese veranlaßt die Gährung, welche wieder den Zuckergehalt zum guten Theil in Alkohol und Kohlensäure verwandelt. Ist die Hefe ganz oder zum Theil ausgestoßen, je nachdem es Lager- oder Schankbier werden soll, so leitet der natürliche Fall den Bierbach abwärts nach den sehr tief im Schooß der Erde liegenden Lagerkellereien, die wir schon aus früheren Erwähnungen kennen. Sind die Dickbäuche einer Kellerabtheilung verfüllt, so wird das Bier eingeschlagen, das heißt, man vermauert in regelrechter Weise den Eingang.

Nach dem Princip der Einzelhaft muß der Trank den letzten Besserungsproceß durchsitzen; dabei ist sein Gefängniß entweder mit Ober-, Stirn oder Unter-Eis gefüttert und eine stetig gleiche Temperatur von nur drei Grad über Null sorgt dafür, daß er in seiner Klärung nicht gestört werde, denn jeder Wärmezufluß trübt ihn sofort auf's Neue. Nach drei Vierteljahren erfolgt der Aufbruch; mit Kennermiene stehen die fackelerleuchteten Gestalten schweigsam in den schweigsamen Gewölben um das leisrieselnde Zapfenloch; ein Blick durch das Glas nach dem Licht und der Trank gleitet lautlos über die Zungen, bis ein gegenseitiges Kopfnicken die von der Erwartung gebannte Sprache löst und die Bestätigung giebt, daß der aufgeschlossene Trank sich würdig seinen Vorgängern anreiht und hinausgehen kann, die Welt zu erfreuen. Unzählige kleine Eimergebinde werden herbeigerollt und aus den großen Fässern verfüllt. Eine Dampfmaschine von zwanzig Pferdekraft thut den Tag über nichts, als sie hebt ähnlich einer Fördermaschine in Bergwerken die flüssigen Goldschätze zu Tage aus und in die dicht am Förderschachte harrenden Waggons. Wir wollen die Pichhäuser, die ausgedehnten Waschhäuser und Binderwerkstätten, sowie die Wohnungen und Küchen der Leute, die nach gutem altem Handwerksbrauch im Hause verköstigt werden, übergehen, man gönne uns dafür noch einige allgemeine Worte für die, denen die böhmischen Königstropfen noch böhmische Dörfer sind.

Daß sie gut schmecken, ist zur Genüge angedeutet, aber wie bekommen sie? Nun, wer den Trank auf die Nagelprobe stellen will, wir stehen ein, er riskirt nichts dabei und wenn es auch ein wenig über die Nagelprobe gehen sollte. Es ist dies zwar eine Empfehlung, die zugleich eine bedenkliche Beichte enthält, doch die Wahrheit wird ja nicht zu theuer erkauft und wir sind ja Alle keine Tilly's und wollen uns dessen freuen. Also: Zur Gesundheit!
Th. Gampe.




Charlotte Venloo.
Von E. Werber.
(Schluß.)


„Man konnte mir keine Stube für mich allein im Hospital geben,“ erzählte Don Huesbar, „und legte mich zu einem andern Blatternkranken, der ein Gutsbesitzer von Cuba war und Berduz hieß. Eines Tages kam ein Vertrauter zu mir und sagte mir, ich sei in Madrid des Betruges angeklagt und schon am nächsten Tage könne ein Verhaftsbefehl in Barcelona eintreffen. Wir wurden sehr schlecht im Hospitale verpflegt. Stundenlang ließ man uns allein; Berduz lag im Sterben. Ueber unseren Betten, welche einander gegenüber standen, hing eine Schiefertafel, die den Namen des Kranken trug. Ich verließ mein Bett und trat zu Berduz.

‚Wie befindet Ihr Euch, Sennor?‘ fragte ich.

Er antwortete mir nicht; sein Odem war kaum zu fühlen und seine Augen waren gebrochen. Da ergriff ich ihn mit beiden Armen, trug ihn in mein Bett und legte mich in das seine. Wir waren Beide so von Blattern bedeckt, daß man unsere Gesichtszüge nicht unterscheiden konnte. Als nach einer Stunde der Krankenwärter herein kam und an mein Bett trat, in dem Berduz jetzt lag, sagte er:

‚O, der ist schon todt – ich dachte, der Andere ginge zuerst.‘

Dann trat er zu mir und fragte:

‚Wie geht es Euch?‘

‚Schlecht,‘ antwortete ich.

[574]
Die Gartenlaube (1877) b 574.jpg

Am Wachterl. Nach der Natur aufgenommen von Professor Braun in München.

Er fühlte nach meinem Puls und sagte:

,Euer Puls geht kräftiger als Vormittags.’

Gleich darauf wurde Berduz’ Leiche hinausgetragen. Einige Wochen später verließ ich Barcelona so entstellt, daß Niemand mich kannte. Ich ging nach Madrid, um meine Frau zu suchen, und erfuhr, daß sie Spanien verlassen habe. Ich suchte sie in England und in Frankreich, in Italien, Deutschland und hier.“

„Und warum suchten Sie sie? Dachten Sie, Charlotte werde die Frau eines ehrlosen Mannes bleiben?“ sagte Caspar langsam und mit grausamer Betonung.

„Mein werther Schwiegervater,“ erwiderte kaltblütig Huesbar, „verzeihen Sie, wenn ich mich wundere, daß ein Mann von Ihrem Alter so voreilig urtheilen kann!“

„Voreilig?“ rief Caspar, „Sie nennen das voreilig urtheilen, nachdem die Justiz, wie der König Sie verurtheilten?“

„Was ist die Justiz? Was ist der König? Menschen, die [575] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt.



nach hergebrachten Formen verhandeln, nach oberflächlicher Untersuchung ein Urtheil sprechen. Hätte meine Frau an mich geglaubt –“

„Was sollte sie glauben?“ fragte Caspar.

„Hätte sie nicht so schnell aufgehört, mich zu lieben –“

„Sprechen Sie!“ drängte Caspar.

„Zu wem soll ich noch sprechen? Meine Frau hat keine Liebe, folglich auch kein Verständniß für mich; Sie, mein Schwiegervater, halten mich offenbar für ein Scheusal and würden mir mit Genuß das Zeichen des Galeerensträflings auf die Schulter brennen. Und Sie, meine Herren –“

„Warum sind Sie geflohen,“ fragte ich, „anstatt sich zu rechtfertigen, wenn Sie es konnten?“

„Dem Könige gegenüber hätte ich nie eine Rechtfertigung erlangt, auch nicht der Justiz gegenüber, aber“ – jetzt wurde seine Stimme groß und gebietend, und sein Auge flammte –

[576] „aber das Volk, das Volk hätte mich nicht nur vertheidigt, sondern es hätte mich auch gerächt. Hätte ich gesprochen, so wäre eine Revolution entstanden, die Menschen, die ich ernährt habe, wären nach Madrid gezogen und, wie man meine Fenster mit Steinen einwarf, so hätten sie des Königs und der Richter Fenster eingeworfen und das Blut wäre in Strömen geflossen.“ Er streckte seine feinen Hände gegen uns: „An diesen Händen klebt kein Tropfen Blut, kein Fluch der Armen und kein Geld. Wenn Du vor mir schauderst, Charlotte, so weißt Du nicht, was Du thust. Nicht einen einzigen Diamant habe ich Dir gegeben; nicht ein einziges Goldgewebe von Tunis habe ich um Deine Hüften geschlungen; keine perlengestickten Schuhe habe ich an Deine kleinen Füße gesteckt, und ich konnte doch alles umsonst haben, wenn ich wollte! Ich habe Deine Füße mit ehrfurchtsvollen Küssen bedeckt, und waren sie am Abend müde, so schliefen sie in meinen brüderlichen Händen ein.“ Seine Stimme erstarb. Es entstand eine tiefe Stille, und ich dachte: ein Engel geht durch's Zimmer; ist’s ein guter oder ein böser? –

Charlotte saß mit zurückgebeugtem Haupte und geöffneten Lippen; sie rang nach Athem. Henry’s Haupt hing auf die Brust gesenkt, und seine Brauen zogen sich zusammen. Caspar allein hatte seine Fassung bewahrt; sein graues Auge war kühl geblieben, und er sagte mit fester Stimme:

„Ich verstehe nicht, was Sie sagten, Don Huesbar.“

„Das weiß ich wohl, mein strenger Schwiegervater. Und Charlotte, versteht auch sie mich nicht?“

„Noch nicht – reden Sie!“ erwiderte sie zögernd.

„Weißt Du, Charlotte, wie viel die Zölle der spanischen Krone jährlich eintrugen? – Millionen. Und wer bezahlte diese Millionen? Das Volk. Und was that die Krone mit diesen Millionen? Sie verschwelgte sie. Kaum daß ein kleiner Theil davon den Bischöfen und Klöstern zu gute kam, die vielleicht die Armen damit unterstützten. Auf meinen Untersuchungsreisen fand ich Legionen von Armen, die das Salz zu ihren Zwiebeln nicht mehr erschwingen konnten, weil es so theuer geworden war; die Gewerbe schmachteten, denn da das Land nicht Alles, was sie zur Verarbeitung brauchen, selbst liefern kann und die Zölle unerhört waren, so fehlten dem Handwerker die Stoffe. Im Handel war es nicht besser; die Hoflieferanten machten gute Geschäfte, aber der Kleinhandel lag im Sterben. Als ich dies erkannte, wandte ich Alles auf, um die Zölle herab zu drücken; umsonst, ich drang nicht durch. – Trotz der tyrannischen Ueberwachung der Schmuggler gab es Männer von kühnem, unverdrossenem Muthe. Sie gingen über’s Meer und durch die Canäle, über’s Gebirge und durch finstere Schluchten; allen Gefahren trotzend und keuchend unter der Last ihrer Säcke, wurden sie geheime Wohlhäter ihrer Brüder – Schmuggler, die sich selber nicht bereicherten, Schmuggler, die dem Räuber heilig waren; er zeigte ihnen Verstecke im Gebirge, und reichte ihnen seinen Becher zum erquickenden Trunke. Und glaube nicht, Charlotte, daß nur Stürme und Blitz, schwindelnde Höhen und gähnende Abgründe, Steingerölle und wilde Bäche, Sonnenbrand und Reif und Schnee, Schlangen und Wölfe ihr Leben bedrohten, nein – täglich, stündlich, jeden Augenblick lauerte die Muskete des königlichen Soldaten hinter und vor ihnen und zu beiden Seiten. Weißt Du, was es heißt, meine Charlotte, mit einem fünfzig Pfund schweren Sacke auf dem Rücken und einer Flinte auf der Schulter Tage und Nächte lang über spitzige Steine leise, sozusagen auf den Zehen gehen und nicht keuchen dürfen und seine Augen überall zugleich haben und jeden Augenblick des Todes gewärtig sein? O Charlotte, was ist das Geldstück, welches Du mit ruhigen Fingern aus Deiner seidenen Börse nimmst und dem Armen reichst, was ist es gegen das Salzkorn, das der Schmuggler über das Gebirge trägt? – Der König hat für jeden getödteten Schmuggler einen Ducaten gezahlt, einen Ducaten! Und die Soldaten haben manchen, manchen Ducaten verdient.

„Und sieh, Charlotte,“ hier seufzte Huesbar und sprach dann weiter mit einer Stimme voll edelsten, sanftesten Wohllauts, mit einer Stimme, die, wäre ich eine Frau, mich im Angesichte der Galeere selbst an ihn gefesselt hätte – „sieh, Charlotte, dieser Männer Beschützer bin ich gewesen. Ich habe die Soldaten auf falsche Fährten geleitet; ich habe im Gebirge und in den Schluchten von zehn zu zehn Meilen kleine Gewölbe in die Erde bauen lassen zum Verbergen der Waaren, der Lebensmittel, der Strickleitern; ich habe Stationen errichtet, anscheinend Hütten für das Vieh, welche aber Fallthüren und feste Gelasse enthielten, wo die todtmüden Männer ruhen und sich stärken konnten. Wie eine Legende ging im Volke die geheime Kunde von einem Beschützer, und es betete für ihn.

Wenn ich von Dir zuweilen Abschied nahm und sagte, ich müsse eine Untersuchungsreise machen, dann, meine Charlotte, ging ich in’s Gebirge und überzeugte mich, ob alles in Ordnung, ob für meine tapferen Brüder gesorgt war. Dann trug auch ich die Muskete, klomm an der Strickleiter die Abhänge hinab und durchwatete Bäche und schlief unter der Erde; dann war auch mein Kopf einen Ducaten werth. Sieh, Charlotte, hier an der Schulter hatte ich eine kaum geschlossene Wunde, als ich das letztemal vom Gebirge heimkam, und als Du, unwissend, Deine Hand auf meine Schulter drücktest, glaubte ich vor Schmerz zu sterben, aber ich zuckte nicht, und Du warst fünf Jahre mein Weib, mein angebetetes Weib, ohne zu ahnen, welche Gefahren ich für das Wohl meiner Brüder bestand.“

„Huesbar, ich absolvire Sie!“ rief ich, „lassen Sie mich Ihre Hand drücken!“

Er reichte mir seine Hand, die fieberheiß war.

„Don Huesbar,“ sagte Caspar, „wenn auch der Mensch Sie absolviren darf, der Staatsbürger darf es nicht. Sie haben den König, der Sie besoldete, betrogen.“

„Der mich besoldete!“ rief Huesbar höhnend. „Ich habe des Königs Besoldung nicht nöthig gehabt, um meine Frau zu ernähren. Wissen Sie, zu was ich meinen Gehalt verwendete? Ich habe damit die Schmuggler unterstützt, und wäre ich ein Sophist, so würde ich sagen, ich habe dadurch für des Königs Heil gearbeitet, denn er that mit seinem Gelde, ohne es zu wissen, Gutes. Der König hat wohl in den letzten Jahren über die verminderten Zolleinkünfte geklagt, allein hat er deshalb Noth gelitten? Hat man bei Hofe weniger Feste gegeben, weniger Lakaien gehalten? Hat man die Tänzerinnen schlechter bezahlt? Hat man Diamanten und Wagen und Pferde verkauft? Hat man den Hofstaat je in abgetragenen Röcken gesehen? Hat es an der Tafel je an Fasanen und Cyperwein gefehlt? Wahrlich, läge ich auf der Galeere angeschmiedet, jeder Trunk Weines, den ich den braven Schmugglern gab, würde mir die brennende Zunge laben, als tränke ich ihn selbst. Und während ich in den Gerichtsbüchern als Betrüger gebrandmarkt bin, lebe ich im Munde des Volkes als ein Wohlthäter, als ein Held. Das Herz, welches stets der wahrste Richter ist, mag unter Euch entscheiden!“

Er sagte „Euch“, aber er blickte nur auf Charlotte, die mit erloschenen Augen und wie zerschmettert dasaß. Henry stand auf, trat langsam zu ihm und reichte ihm stumm die Hand; dann ging er rückwärts zu seinem Stuhle zurück, den Blick auf Charlotte geheftet und dieser Blick sagte: „Lebe wohl!“

Huesbar kämpfte ein Beben nieder, das durch seinen ganzen Körper zu gehen schien, als der vorsichtige Caspar fragte: „Und welchen Namen denken Sie künftig zu tragen?“

„Den, welchen meine Frau mir geben wird.“

Wir blickten Alle auf Charlotte, die stumm blieb und die Hände rang. Da stand Huesbar auf, kniete vor ihr nieder und küßte den Saum ihres Kleides: „Madonna, wie soll ich heißen?“

Sie sah ihn an, als ob sie ihn nicht verstünde. Auf ihren Lippen irrte eine zuckende Bewegung.

„Bei meinem Leiden, bei Deiner Herzensgüte, beim Andenken der Tage des Glückes beschwöre ich Dich, Madonna: ein Wort! Ein Wörtchen!“

Da blickte sie über sein Haupt zu Henry hinüber, der gebrochen an der Wand lehnte und an dem nichts mehr zu leben schien als die Augen. Huesbar’s Blick folgte dem Charlottens und traf auf Henry – er ächzte. – Und als er sich langsam erhoben hatte, sprach er: „Als ich noch jung war und alle Frauen liebte mit jener Liebe, welche keine ist, sagte ein braunes Mädchen, das ich verließ, zu mir: ‚Möge Dich die Liebe fassen wie der Sturm die stolze Eiche und Dir ganz die Seele spalten! Mögest Du in ihrem Feuer, wie im Licht der Abendfalter, Dich versengen und verzehren!‘“ Und dann sagte er mit Thränen in der Stimme: „Charlotte, ich gehe. Gieb dem jungen Manne dort, dem Du Dein Herz gegeben hast, auch Deine Hand! Huesbar ist todt und liegt in Barcelona begraben. Werde glücklich!“

[577] „Tödte mich, Juan, tödte mich!“ rief Charlotte, sich erhebend und ihre Arme öffnend.

„Dich tödten, Charlotte! Ich – Dich – tödten!!“

„Juan, Juan, Erbarmen! Gieb mir den Tod, gieb ihn mir als eine Gnade!“ rief sie und warf sich zu seinen Füßen.

Huesbar zitterte, wie ein Thurm zittert, wenn die Erde unter ihm bebt.

„O, umfasse meine Kniee nicht!“ rief er, „entferne Deine Hände von mir, Charlotte! Zerbrich mich nicht vor diesen Männern hier, laß mir ein wenig Kraft – ein wenig!“

Caspar hob sie auf und führte sie zum Divan; sie war wie todt.

„Jetzt lebet wohl – ich gehe zurück in die Felsen der Sierra.“ Mit diesen Worten schritt Huesbar zur Thür. Da trat Caspar auf ihn zu und legte ihm die Hand auf den Arm:

„Don Huesbar,“ sagte er, „konnten Sie glauben, ich habe heute nicht gehandelt, nachdem ich Sie gestern erkannte? Ich habe dem Gesandten entdeckt, wer Sie sind, und ihn um seinen Schutz gebeten. Er hat in aller Stille Ihre Ausweisung aus Belgien erlangt. Sie finden in Ihrer Wohnung zwei Bewaffnete, welche Sie an die Grenze geleiten werden.“

Huesbar's Auge sprühte. Seine Stirn verfinsterte sich, und ihre Adern schwollen. Er schlug die Arme über einander und sagte mit schneidendem Hohne: „Wie, mein zärtlicher Schwiegervater der Zweite, so viele Mühe haben Sie sich gemacht? So gute Reisegesellschaft haben Sie mir verschafft?“ Und er lachte, wie die traurigen Engel der Verdammniß lachen mögen. Mir wurde das Blut zu Eis – Charlotte erhob das Haupt und starrte ihn an. Und nun richtete er sich hoch auf, und über seine Gestalt und seine gemarterten Züge ergoß sich ein wunderbarer Adel; er maß den erschreckten Caspar vom Scheitel bis zur Sohle: „Glaubst Du, fanatische Amphibie, ein spanischer Edelmann lasse sich von Gensd’armen über die Grenze geleiten? Glaubst Du, Bedienter meines Schwiegervaters, ich nähme mein Schicksal aus Deinen Händen an? Bei Gott und meiner unsterblichen Seele! Die Hunde sollen mich nicht fassen!“ Und schneller, als ich es niederschreiben kann, lief er zum Kamine, bückte sich, und holte etwas aus dem dunklen Herde hervor und erhob sich wieder: „Charlotte!“ rief er wie von fern her; ein Knall erschütterte die Wände des Zimmers – Huesbar stürzte entseelt zur Erde. – Mit einem Schrei, den ich im Jenseits, auf dem seligsten der Sterne nicht vergessen werde, warf sich Charlotte über ihn. Henry wankte hinzu; er hob knieend ihr Haupt empor und glaubte sie todt. Und da – da strich er sanft mit der Hand die bleichen Wangen und – und lachte leise und gutmüthig!

„Henry,“ sagte ich mit Anstrengung, „steh’ auf! Wir wollen sie in ein anderes Zimmer tragen.“

Er sah mich an mit Augen, in denen nichts war als ein Fieberglanz und – o Schauder! er lachte wieder leise und gutmüthig. Mir war, als wände sich eine Schnur um mein Herz, immer fester, immer fester. Langsam löste ich Charlottens Haupt aus seinen Händen; er ließ es geschehen und sah mich gutmüthig an und lachte – lachte – lachte! – Er war wahnsinnig.




Seine Mutter kam und schloß sich mit ihm im Irrenhause ein. Als die Herbststürme wehten, sagte man ihr, daß Henry unheilbar sei; da brachten wir, sie und ich, ihn heim in die Ardennen. Charlotte, die unglückliche Frau, nahm den Schleier im Kloster der Franziskanerinnen in Brüssel.

Henry war sanft und harmlos wie ein Kind. Zuweilen spielte er auf der Geige wirre Melodieen voll schnarrender, peinlicher Töne; dann und wann zog sein Bogen, wie früher, edle, schluchzende Töne, so wie Nachtigallen schluchzen. Er hatte keine Erinnerung mehr dessen, was geschehen war, keine Erinnerung mehr von Charlotte. Gegen Ende des Frühlings zerfiel er zusehends, und als die Haidebüsche an den Abhängen der Berge purpurn wurden, da entschlief er.

Seine Mutter ging nach Brüssel und brachte Charlotte die Nachricht von seiner Erlösung.

„Ist jetzt Friede in Ihrem Gemüth?“ fragte sie.

„Friede?“ sagte Charlotte. „Nein. In meinem Gemüth sind Gram und Reue. Ich hätte sterben sollen, als Huesbar starb; ich wollte es so gern, aber ich war feig; ich hatte Furcht vor dem Jenseits – und Huesbar gab mir doch ein Beispiel hohen Muthes. Jetzt, jetzt ist es zu spät, und ich trage die Folgen meiner Schwäche. Was ich hoffte, ist nicht geschehen. Der Schmerz hat mich nicht getödtet. Er zerbricht mich nicht, und er löscht mich nicht aus. Zwei, die mich liebten, sind jetzt in der Ewigkeit; vielleicht ziehen sie mich bald zu sich hinauf – dann werden wir Schwester und Brüder sein.“

Ich ward der Sohn von Henry’s Mutter. Belgien ward meine Heimath, denn unsere Heimath ist nicht dort, wo wir geboren wurden, sondern da, wo wir lieben. Mutter Flomberg starb in ihrem sechszigsten Jahre, acht Jahre nach Henry’s Tode; mein Stern, ganz in Trauerflor gehüllt, erlosch, ach – nur langsam. – Ich gehe in mein achtzigstes Jahr, und Mutter Flomberg’s Häuschen in dem ich wohne, ist baufällig geworden, wie ich. Wer wird von uns beiden zuerst zusammenbrechen?




Blätter und Blüthen.


Ein Gnadenstoß dem Beelzebub. Wenn uns die Zeitungen von hier und dort wiederum vorgenommenen Teufelaustreibungen berichten, so ersehen wir aus diesen Thatsachen, daß das Licht der fortgeschrittenen Cultur den Teufel noch keineswegs aus dem Glauben und Leben der civilisirten Völker vertrieben hat. Freilich reicht seine Macht heute nicht weiter als der verfinsternde Einfluß eines selbstsüchtigen Pfaffenthums, aber dieser Einfluß erweist sich bekanntlich als ein beträchtlicher und beherrscht noch große Schichten unserer modernen Gesellschaft. Der gesammten ultramontanen Bewegung, die ihre Hauptstütze in der Unwissenheit des großen Haufens sucht, ist der Teufel ein unentbehrlicher Helfershelfer, und man darf einen wesentlichen Theil ihrer sichtlichen Wirkungen und Erfolge auf die Rechnung dieses beängstigenden Schreckgespenstes setzen. Auch die pietistischen Jesuiten des lutherischen Clerus möchten zu ihren Bestrebungen gern den Beistand eines so wichtigen Bundesgenossen gewinnen. Seit Jahrzehnten machen sie unablässig die fabelhaftesten Anstrengungen, dem protestantischen Volke den leibhaftigen Teufel von Neuem an die Wand zu malen. Man braucht nur ihre Predigten zu hören, nur ihre Bücher, Tractätchen und frömmelnden Blättchen anzusehen, um sich von der Heißspornigkeit des Eifers zu überzeugen, mit dem sie diese wohlberechnete Absicht verfolgen. Kurz und gut, das durch alle Jahrhunderte der Menschheit sich fortwälzende Teufels-Ungeheuer, diese unheilstiftende Ausgeburt schwarzer Knechtungsgier, ist nicht gestorben, sondern bewahrt in seinem abgeschwächten Zustande noch Reste einer offenbar so verderblichen Lebenskraft, daß es wahrlich an der Zeit ist, ihm endlich den längst verdienten Gnadenstoß zu geben. Den geheimen und offenen Umtrieben der pfäffischen Agitationen wird man gründlich nicht beikommen, so lange man den Teufelsglauben nicht tödtlich in's Herz getroffen hat.

Dies aber kann nur auf dem Wege der Aufklärung und Belehrung des Volkes geschehen, und für diese Belehrung reicht eine vernunftgemäße Prüfung des Gegenstandes allein nicht aus. Es muß vielmehr den Leuten auch deutlich gezeigt werden, wie ein solcher Wahnglaube überhaupt entstanden und von welchen interessirten Seiten er emsig gepflegt und zu einer Macht herangebildet worden ist, wie er sich entwickelt und was er inmitten der Menschheit geleistet und angerichtet hat. An genügender Ausbeute für diesen Zweck fehlt es nicht, von den Forschungen einer neueren Wissenschaft, den großen Erkenntnissen und Ermittelungen der vergleichenden Religionsgeschichte wird sie in hinlänglichstem Maße geliefert. Der Teufelsglaube ist in seiner Entstehung, seinem Werden und Walten, in seiner Laufbahn durch die Weltgeschichte wissenschaftlich erkannt, und es handelt sich nur darum, dieses gelehrte Wissen so weit zu einem Gemeingut zu machen, als es für die Klärung und Veredelung des Volksbewußtseins, für seine Befreiung von wüsten, unsauberen und nur der hohnlachenden Unterjochung dienenden Vorstellungen nothwendig ist.

Besonders erfreulich ist es daher, daß ein helldenkender Gelehrter, der Professor der Naturwissenschaften Geh. Medicinal-Rath Dr. Karsch, kürzlich in der clericalen Hauptstadt Westfalens drei Vorträge gerade über dieses Thema gehalten und dieselben nunmehr auch durch den Druck dem größern Publicum zugänglich gemacht hat. Das Büchlein führt den Titel „Naturgeschichte des Teufels“ (Münster, Brunn's Verlag) und beweist uns in jeder Zeile, daß dem Stoffe seitens des Verfassers die ernstesten Studien gewidmet worden sind. An der Hand der Religionsgeschichte zeigt er uns, wie der Teufel als ein ursprünglich heidnischer Aberglaube durch Vermittelung des Judenthums in’s Christenthum verpflanzt, wie er unter den Händen der Ultramontanen zu einer albernen Fratze ausgebildet wurde und hier in der Entsetzlichkeit der Ketzer- und Hexenprocesse seine hauptsächlichste Blüthe entfaltet, seine fürchterlichsten und schmachvollsten Triumphe gefeiert hat. Wie wir aber seine Macht zu grauenvoller Herrschaft aufsteigen sehen, so sehen wir sie allmählich auch zu ihrer jetzigen Verdünnung und Abschwächung herabsinken.

Dies Alles wird uns in so übersichtlicher Kürze und doch so erschöpfend in so gemeinverständlicher Sprache und theilweise so humorvoll und ergötzlich vorgeführt, daß sich jeder irgend gebildete Leser von der Lectüre dieses Werkchens neben der nützlichen Belehrung auch wohlthuenden Genuß versprechen darf. Die Absicht ist eine höchst dankenswerthe, möchte sie durch eine Verbreitung des Buches, das nur eine Mark kostet, in den weitesten Kreisen des Volks erreicht werden!

[578] „Am Wachterl“. (Mit Abbildung S. 574 und 575.) Die Straße von Berchtesgaden über Ramsau nach Reichenhall führt hinter Ramsau über einen Sattel, auf welchem das Wirthshaus steht, das unsere Abbildung zeigt. Dieser bis zu einer Höhe von 2805 Fuß über dem Meer aufsteigende Paß verbindet die beiden hohen Nachbarn, den Lattenberg und den Reiter-Steinberg, deren imponirende Felskolosse weit hinauf zur rechten Zeit mit frischem duftigem Wald geschmückt sind. Weil in der Nähe des Sattels der Schwarzbach entspringt, der eiligst die Höhen hinunter in die Saalach stürzt, und über den Sattel mit hydraulischer Kraft die Soole vom Berchtesgadener Salzberg geleitet wird, um von da in die Reichenhaller Sudhäuser zu laufen, so ist wohl für diese Soolleitungen eine Tafel aufgestellt mit der Aufschrift: „Schwarzbach-Wacht“. Das Volk macht in seiner Weise kurzen Proceß, indem es sich an das letzte Wort der Tafel hält und das Wirthshaus schlechtweg „am Wachterl“ nennt. –

Ein solches Wirthshaus auf der Straßenhöhe ist ein Platz, an welchem Niemand ohne Anhalt vorbeikommt und wo der Herrgott Heerschau halten könnte über die unterschiedlichsten Sorten seiner Menschenkinder. „Denn,“ um mit Tell zu reden:

          „Hier geht
Der sorgenvolle Kaufmann und der leicht
Geschürzte Pilger, – der andächt’ge Mönch,
Der düstre Räuber und der heitre Spielmann,
Der Säumer mit dem schwerbeladnen Roß,
Der ferne herkommt von der Menschen Ländern,
Denn jede Straße führt an’s End’ der Welt.
Sie ziehen Alle ihres Weges fort“ –
Doch hier bleibt Jeder eine Weile hängen.

Letztern Vers konnte Tell nicht anfügen, weil er nur in einer Hohlgasse, nicht vor einem Wirthshause stand, als er jene Worte sprach. Unser Bild zeigt uns allerdings etwas andere Gesellschaft, als die düster-gefärbte der Dichtung. Kann auch ein so heiteres, herrliches Land, wie es ab und auf vom Sattel das Auge begrüßt, viel Anderes da herauf senden, als was unser Künstler, der Münchener Professor L. Braun in einer guten Stunde am Wachterl angetroffen und verewigt hat? Wir haben darin keine Composition, wir haben die Abspiegelung der Wirklichkeit vor uns, wie sie jeder „Saison“-Tag auf dem reizenden Plätzchen bietet, denn wer von Berchtesgaden nach Reichenhall geht, kommt nicht aus einem Alpenparadiese heraus, in welchem Ramsau aller Künstler liebster Hockwinkel ist.

Von den Abstechern, die von der Straße ablocken, sind die Wimmbach-Klamm und der Hintersee, der seine großartige Bildergalerie 2510 Fuß über dem Meere aufgestellt hat, die besuchtesten. Von da an, wo man die Straße wieder betritt, steigt sie sanft zum Sattel empor; aber da heißt es: das Umsehen nicht vergessen! Wie schön vor uns die Gegend uns anlacht, so mächtig schaut hinter uns der Watzmann herüber und erwartet die ihm gebührende Beachtung.

Nordwärts geht es steiler vom Sattel zur Tiefe hinunter; auch bekommt dort der Wanderer tiefes Waldesdunkel, eine kühne Brücke und einen rauschenden Wasserfall zur Beigabe, bis er bei Jettenberg ankommt und, nachdem er im Forsthaus sich kräftig gelabt, von da in ganz anders gearteter Landschaft dem nur noch zwei Stunden entfernten Reichenhall zustrebt.

Wer aber ein forschendes Auge und sinniges Gemüth besitzt, der hält es stundenlang am Wachterl aus und blättert in dem Bilderbuch, das der Reisenden-Strom da vor ihm Blatt um Blatt aufschlägt. Denn Post und Wagen, Reitpferd und Schustersrappen sind unaufhörlich in Bewegung, um vom Baume der Menschheit immer frische Blätter und Blüthen da vorbei zu treiben, und wer sich auf der Leute Zungen und Sitten versteht, kann da manchen Schatz aus dem Volksherzen heben, den er daheim niemals gefunden hätte. Gott gesegne es Allen am Wachterl!




Eine Hôtel-Unsitte! „Ueberziehen Sie mir doch die Steppdecke, wie es sich gehört, mit einem ordentlichen Bettüberzuge, statt nur ein Laken darum zu schlagen, welches bei der geringsten Bewegung sich herunterschiebt und veranlaßt, daß man die bloße Decke auf dem Körper hat, nachdem sich jede Nacht damit ein Anderer in gleicher Weise zugedeckt hat!“

„Wir haben keine Bettüberzüge,“ erwidert das von mir angeredete Zimmermädchen, „auch wird so Etwas nie verlangt.“

„Nun, so verlange ich dies wenigstens, denn es ist eine Ferkelei sich so zudecken zu sollen! Wenn Sie keine weißen Bezüge für Fremdenbetten haben, so ist vielleicht ein gestreifter grober Bezug von Gesindebetten da! Nur rein und sauber will ich es haben! Für die bloße Umlegung eines Lakens danke ich und verlange für mein Geld eine vollkommene Lagerstätte!“

Diese Unterhaltungen haben sich auf meinen vielen Reisen und in den besten und größten Hôtels (in Deutschland namentlich am Rhein, Westfalen, Süddeutschland etc.) zwischen mir und den Hôteldomestiken so oft wiederholt, und trotzdem ist seit den vielen inzwischen vergangenen Jahren noch nicht die geringste Abhülfe dafür geschafft, daß ich doch endlich an den bessern Geschmack und den Sinn für Reinlichkeit und Sauberkeit aller Reisenden appelliren muß, um zu ermöglichen, daß man auch einmal gegen diese Unsitte energisch Front mache!

Nachdem man auf dem besten Wege ist, der Trinkgelderbettelei der Hôtelbediensteten ein Ende zu schaffen, wäre es wirklich an der Zeit, auch für die Beseitigung der oben gerügten Unsitte mit aller Kraft einzutreten. Viele Hôtelwirthe, die durch guten und oft kaum verdienten Zuspruch der Fremden ein hübsches Vermögen erworben haben, glaubten den Ansprüchen der Zeit zu genügen, wenn sie ihre bescheidneren Gasthäuser zu den elegantesten Hôtels mit herrlichen Speisesälen, Marmortreppen etc. umbauen ließen, und während man durch derlei äußeren Glanz die Gäste in größerer Zahl heranzulocken sich bestrebte, waren die letzteren in den meisten Fällen einfältig genug, sich davon blenden zu lassen und nebenher die alten Unsitten und Gebräuche mit in den Kauf zu nehmen.

Ich habe in den besuchtesten und elegantesten Hôtels, neben den geschmackvollsten Conversations- und Speisesälen, nicht nur Zimmer mit rauchenden Oefen, gewisse Orte unsauber, vor allen Dingen aber gefunden, daß man dem Fremden nicht einmal eine ordnungsmäßig überzogene Steppdecke oder für den Winter, anstatt des lächerlichen Plumeaus, ein anständiges gutes Deckbett geben konnte! Sollte man es glauben, daß hiergegen kaum Einer der vielen Reisenden seine Stimme erhoben hat, und daß meine vereinzelten Einwendungen nur staunende Mienen hervorgerufen haben?

Man denke sich einmal recht in die sehr unerquickliche Situation hinein, fast jede Nacht auf der Reise in einem andern fremden Bette schlafen zu müssen, in welchem vorher wer weiß welch gesunder oder kranker Mensch gelegen hat! Nun ist wenigstens Unterbett und Kopfkissen mit geschlossenem reinem Ueberzuge bedeckt, an Stelle eines ebensolchen Deckbettes oder einer Decke erhält man aber die oben beschriebene Decke mit dem umgelegten Laken! Verkennen ohnehin die meisten Gastwirthe oder Hôteliers schon den eigentlichen Zweck ihres Geschäfts, daß sie dem Reisenden den Aufenthalt angenehm machen und ihn die Entbehrung häuslicher Bequemlichkeit vergessen lassen sollen, so sollten sie doch wenigstens so viel guten Geschmack besitzen, daß sie ihren Gästen nicht zumuthen, unter inficirten wollenen Decken schlafen zu müssen.

Das Hôtelwohnen ist nur dann angenehm, wenn dem Fremden saubere Zimmer und Betten, gute Speisen und Getränke bei anständiger Bedienung und alle sonstigen Bequemlichkeiten in damit harmonirender Weise geboten werden, wenigstens ähnlich den soliden Verhältnissen, in denen sich ja doch wohl die Mehrzahl der Reisenden daheim in der eigenen Familie bewegt. Nicht prunkhafte Säle und reichhaltige „Menus“, nicht betreßte Portiers oder Marmortreppen – alles nur für die kleinste Zahl der vielen Touristen ein gewohnter Luxus – vermögen die Behaglichkeit bei den meisten Reisenden zu erzeugen und die gerügten Unsitten zu verdecken.

Vielleicht trägt gegenwärtiger kleiner Hinweis dazu bei, die Reisenden aufzumuntern, sich für ihr theures Geld in den Hôtels nicht Alles bieten zu lassen.




Allen liebenden Vätern zur Warnung. „Sehr geehrter Herr!“ schreibt ein betrübter Vater, „mein Junge sollte Landwirth werden; da er mir aber fortwährend die Ohren volljammerte, es wäre sein moralischer Tod, wenn er nicht studiren könne, so ließ ich ihn in Leipzig seit Michaelis 1876 studiren. Kürzlich führte mich eine Besuchsreise durch Leipzig. Ich gehe mit meinem Sohne spazieren und frage ihn, was das für ein Haus sei. Was antwortet der Schlingel? Er wisse es nicht, seine Studien ließen ihm keine Zeit, in den Straßen herumzulaufen, um sich jede Kneipe anzusehen. Ein Vorübergehender erklärte mir bereitwilligst, daß es die Universität sei. Tableau! Starr blicke ich meinen Jungen an. ‚So,‘ sagt er, ‚das ist die Universität? Von dieser Seite sieht sie so aus? Das wußte ich noch nicht. Ich bin immer von der andern Seite gekommen!‘ Was sagen Sie dazu? Er hat in den dreiviertel Jahren nicht ein einziges Colleg besucht. Natürlich nahm ich ihn sofort von Leipzig weg. Das Stückchen war mir doch zu stark. – Aber das Beste kommt noch. Gestern finde ich auf seinem Arbeitstisch ein Gedicht, in dem der Junge die ganze Geschichte erzählt und sich offenbar noch über mich lustig macht. Sind das die Resultate heutiger Bildung?“




Aufruf. Die Schleswig-Holstein'schen Herren Officiere, Aerzte und Militär-Beamten aus den Jahren 1848 bis 1851 werden ersucht, über ihren dermaligen Stand und Aufenthalt und ihre Laufbahn seit der Auflösung der Armee und Marine, am 31. März 1851, eine kurze Notiz an die Redaction der „Gartenlaube“ – Leipzig – portofrei einsenden zu wollen. Sehr dankbar würde man auch für Angaben über die verstorbenen Cameraden, deren letzte Stellung und Wohnstätte sein.

Der Herausgeber der Ranglisten pro 1848 bis 1851 beabsichtigt aus diesem Material eine Zusammenstellung als Brochüre am 24. März nächsten Jahres, dem Tage der Errichtung der Armee und Marine vor dreißig Jahren, erscheinen zu lassen.




Englische Proceßkosten. Ende Juli wurde eine Ausgabeübersicht des Tichborne-Processes veröffentlicht. Die ganzen Unkosten der Verwaltung und Ausgaben beliefen sich auf 60,074 Pfund Sterling, 19 Schillinge, 4 Pence. Von diesen betrugen die Sporteln der Advocaten 23,676 Pfund, 17 Schillinge; die der Zeugen, Agenten etc. 18,712 Pfund, 6 Schillinge, 1 Penny; die der Papierhändler und Drucker der Justiz 10,268 Pfund, 5 Schillinge, 11 Pence; die der Stenographen 3637 Pfund, 10 Schillinge, 4 Pence; und die der Jury 3780 Pfund. Das Pfund Sterling zu 20 Mark berechnet, beträgt die Summe nach unserem Gelde 1,201,499 Mark.




Eine Mutter von fünf Kindern, die Frau eines armen deutschen Lehrers, welcher bei einem sehr geringen Einkommen seine zahlreiche Familie kaum ernähren kann, bittet um ihrer Kinder willen um eine abgelegte Nähmaschine. Die Redaction der „Gartenlaube“ wird etwaige Anerbieten gern entgegennehmen.




Kleiner Briefkasten.
Herrn d’Abrest in Sistowa. Ihr letzter Kriegsartikel: „Am Tage von Plewna“ traf nach Schluß der Nummer hier ein und kann erst in acht Tagen zur Aufnahme kommen.
D. Red.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. ergänzt nach: Heft 44, S. 748