Die Gartenlaube (1888)/Heft 30

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1888
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Alle Rechte vorbehalten.
Die Alpenfee.
Roman von E. Werner.
(Fortsetzung.)

Endlich wurde die Tafel aufgehoben und man kehrte in die Gesellschaftsräume zurück; die Stimmung war zwangloser und heiterer geworden. Es bildeten sich überall einzelne Gruppen, das Lachen und Plaudern klang lauter und die ganze Gesellschaft wogte und fluthete so durch einander, daß es schwer ward, jemand darin aufzusuchen. Das mußte Oberregierungsrath Ernsthausen zu seinem tiefsten Aerger erfahren; sein Fräulein Tochter hatte sich vorläufig unauffindbar gemacht.

Ernst Waltenberg hatte seine Dame nach dem Wintergarten geführt und saß, die lebhafte Unterhaltung von vorhin fortsetzend, an ihrer Seite, als das Brautpaar eintrat. Wolfgang stutzte einen Moment, als er die beiden erblickte; dann verneigte er sich kühl gegen Waltenberg, der von seinem Sitze aufsprang, um der jungen Braut Platz zu machen, und sagte:

„Alice klagt über Ermüdung und wünschte den stilleren Wintergarten aufzusuchen – wir stören doch nicht?“

„Wen?“ fragte Erna ruhig.

„Sie und Herrn Waltenberg. Sie waren ja in so lebhafter Unterhaltung und wir würden sehr bedauern –“

Statt aller Antwort ergriff Erna die Hand ihrer Kousine und zog sie an ihre Seite.

„Du hast recht, Alice, Du mußt Dich erholen; es ist selbst für stärkere Naturen, als Du es bist, eine Aufgabe, der Mittelpunkt eines solchen Festes zu sein.“

„Ich wollte mich nur auf einige Minuten zurückziehen,“ sagte Alice, die in der That etwas angegriffen aussah. „Aber wir scheinen wirklich gestört zu haben; Herr Waltenberg war mitten in einer gewiß sehr interessanten Schilderung und brach plötzlich ab, als wir eintraten.“

„Ich sprach von meinem letzten Aufenthalt in Indien,“ erklärte Waltenberg, „und ich habe die Gelegenheit benutzt, Baroneß Thurgau eine Bitte vorzutragen, die ich auch an Sie richten möchte, gnädiges Fräulein. Ich habe im Laufe der zehn Jahre, die ich fern von Europa zubrachte, eine Menge fremdländischer Schätze gesammelt. Sie wurden gelegentlich nach Hause gesandt und jetzt ist ein förmliches Museum daraus geworden, das ich eben von kundiger Hand ordnen und ausstellen lasse. Darf ich mir einmal den Besuch der Damen erbitten? Selbstverständlich auch den Ihrigen, Herr Elmhorst! Ich glaube Ihnen manches Interessante zeigen zu können.“

„Ich fürchte nur, daß meine Zeit es nicht erlauben wird, Ihrer freundlichen Einladung zu folgen,“ entgegnete Elmhorst mit einer Artigkeit, die etwas Eisiges


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Hungrige Gäste. Originalzeichnung von E. Ravel.

[502] hatte. „Ich habe nur noch einige Tage zur Verfügung bis zu meiner Abreise.“

„Sie wollen abreisen? So kurz nach Ihrer Verlobung?“

„Ich muß, denn ich kann bei dem jetzigen Stande unserer Arbeiten keinen längeren Urlaub in Anspruch nehmen.“

„Sind sie damit einverstanden, gnädiges Fräulein?“ wandte sich Waltenberg an Alice. „Ich sollte meinen, die Braut hat in solchem Falle doch das erste Recht.“

„Das erste Recht hat die Pflicht, Herr Waltenberg – in meinen Augen wenigstens.“

„Nehmen Sie es so ernst damit – auch jetzt noch?“

Wolfgangs Augen blitzten auf, er verstand dies „auch jetzt noch?“ und verstand auch den Blick, der dem seinigen begegnete; er hatte ihn so erst vor wenigen Stunden in einem andern Antlitz gesehen. Der stolze Mann biß die Zähne zusammen; zum zweiten Male wurde er heute daran erinnert, daß er für die Gesellschaft nur der „künftige Gemahl von Alice Nordheim“ war, der sich mit dem Gelde seiner Braut von jeder übernommenen Verpflichtung loskaufen konnte.

„Für mich ist jede Pflicht eine Ehrensache,“ erwiderte er kalt.

„Ja, wir Deutsche sind Fanatiker der Pflicht,“ sagte Waltenberg nachlässig. „Ich habe diese nationale Eigenthümlichkeit einigermaßen abgelegt in der Fremde. – O mein gnädiges Fräulein, schon wieder dieser strafende Blick! Ich werde mich noch unmöglich machen bei Ihnen mit meiner unseligen Aufrichtigkeit; aber bedenken Sie, daß ich aus einer ganz anderen Welt komme und nach europäischen Begriffen gänzlich verwildert bin.“

„In Bezug auf Ihre Ansichten scheinen Sie das allerdings zu sein,“ versetzte Erna scherzend, aber doch mit einiger Schärfe.

Er lächelte, und sich auf die Lehne des Divans stützend, beugte er sich tiefer herab.

„Ja, ich muß erst wieder zum Menschen und braven Deutschen erzogen werden. Vielleicht nimmt sich irgend jemand barmherzig meiner an. Glauben Sie, daß es der Mühe lohnen würde?“

„Alice, hältst Du es wirklich aus in dieser schwülen, erstickenden Temperatur?“ fragte Wolfgang mit kaum verhehlter Ungeduld. „Ich fürchte, sie ist Dir nachtheiliger als die Hitze in den Sälen.“

„Aber dort ist ein solches Gewühl von Menschen,“ warf Alice ein. „Bitte, Wolfgang, laß uns noch bleiben!“

Er preßte die Lippen zusammen, konnte aber bei dem so deutlich kund gegebenen Wunsche seiner Braut nichts anderes thun als sich fügen.

„Es ist Tropenluft,“ sagte Waltenberg achselzuckend.

„Ja wohl! Erdrückend und entnervend für jedes Wesen, das gewohnt ist, frei zu athmen.“

Die Aeußerung klang beinahe schroff, aber der, dem sie galt, schien es nicht zu bemerken; sein Auge hing noch immer an Erna, während er erwiderte:

„Die Palmen und Orchideen fordern sie doch! Sehen Sie nur, gnädiges Fräulein, sie entzücken das Auge selbst hier in der Gefangenschaft. In der mächtigen Tropenwelt, wo sie in voller Freiheit aufragen und ranken, ist der Anblick ein überwältigender.“

„Ja, sie muß schön sein, diese Welt!“ sagte Erna leise und ihr Blick irrte träumerisch über die fremdartige Blüthenpracht hin, die ringsum aus dem Grün hervorleuchtete und den ganzen Wintergarten erfüllte mit ihrem süßen, aber betäubenden Duft.

„Sie waren lange im Orient, Herr Waltenberg?“ fragte Alice in ihrer kühlen theilnahmlosen Art.

„Jahrelang, aber ich bin so ziemlich in allen Welttheilen zu Hause und kann mich rühmen, sogar bis in die Tiefen von Afrika eingedrungen zu sein.“

Wolfgang wurde aufmerksam bei den letzten Worten.

„Als Mitglied einer wissenschaftlichen Expedition vermuthlich?“ warf er hin.

„Nein, das hat für mich nie einen Reiz gehabt. Ich hasse nichts so sehr als den Zwang, und bei solchen Unternehmungen kann man nicht seine persönliche Freiheit wahren. Man ist gebunden an das Reiseziel, an die Gefährten, an alles Mögliche, und ich bin es gewöhnt, darin nur meinem eigenen Willen zu folgen.“

„Ah so!“ Um die Lippen Wolfgangs spielte ein halb verächtliches Lächeln. „Ich bitte um Verzeihung; ich glaubte wirklich, Sie seien als Pionier der Wissenschaft nach Afrika gegangen.“

„Mein Gott, wie ernsthaft Sie das alles nehmen, Herr Elmhorst,“ sagte Waltenberg spöttisch. „Muß denn jedes Leben notgedrungen eine Arbeit sein? Ich habe niemals gegeizt nach dem Ruhm des Forschers; ich habe die Freiheit und Schönheit der weiten Welt in vollen Zügen getrunken und mir immer neue Kraft und neue Jugend geschöpft aus diesem Zauberquell. Wenn ich anfangen sollte, ihn nutzbar zu machen, wäre seine Poesie für mich dahin.“

Elmhorst zuckte die Achseln und in einem anscheinend gleichgültigen Tone, in dem sich gleichwohl etwas Verletzendes barg, entgegnete er:

„Jedenfalls eine sehr bequeme Art, sich das Leben einzurichten! Mein Geschmack wäre es trotzdem nicht, und es ist wohl überhaupt nur den wenigsten möglich. Man muß dazu nothwendigerweise im Schoße des Reichthums geboren sein.“

„So unbedingt nothwendig ist das nicht,“ gab Waltenberg ebenso zurück. „Man kann ja auch durch irgend einen Glücksfall reich werden.

Wolfgang richtete sich empor mit einem so tief gereizten Ausdruck, daß man sah, er hatte eine sehr scharfe Antwort auf den Lippen; aber auch Erna sah das und kam ihm zuvor, indem sie dem Gespräch rasch eine andere Wendung gab.

„Ich fürchte wirklich, mein Onkel muß es aufgeben, Sie wieder bei uns heimisch zu machen,“ sagte sie. „Sie sind so verloren in den Zauber Ihrer Tropenwelt, daß Ihnen in der Heimath alles klein und dürftig erscheint. Ich glaube, nicht einmal unsere Bergwelt vermag es noch, Ihnen Bewunderung abzugewinnen; da aber finden Sie in mir eine entschiedene Gegnerin.“

Waltenberg wandte sich zu ihr; er mochte ihre Absicht errathen und wohl selbst fühlen, daß er zu weit gegangen war.

„Sie thun mir unrecht, mein Fräulein,“ erwiderte er. „Ich habe sie noch nicht vergessen, die heimische Alpenwelt mit ihren hochragenden Gipfeln, ihren tiefblauen Seen und – den holden Gestalten der Sage, die sie bevölkern; diese Erscheinungen,“ hier verschleierte sich seine Stimme, „wie aus Duft und Alpenschnee gewoben mit der weißen, märchenhaften Blume der Gewässer in den blonden Locken!“

Das Kompliment war kühn; aber die Art, wie es gesagt wurde, nahm ihm das Verwegene und die Augen des Mannes strahlten aus in leidenschaftlicher Bewunderung, als sie an der weißen, wie in Schneeduft gehüllten Gestalt des schönen Mädchens hingen.

„Alice, hast Du Dich jetzt erholt?“ fragte Wolfgang laut. „Wir dürfen uns heute wirklich nicht so lange der Gesellschaft entziehen; komm, laß uns in den Saal zurückkehren!“

Die Worte klangen beinahe befehlend; Alice erhob sich folgsam und legte ihren Arm in den seinigen, sie verließen in der That den Wintergarten.

„Herr Elmhorst scheint eine bedeutende Anlage zum Befehlen zu haben,“ sagte Waltenberg sarkastisch, indem er ihnen nachblickte. „Der Ton hatte schon etwas von dem künftigen Herrn und Gebieter, und das am Verlobungstage! Ich finde, Fräulein Nordheim hat eine in mehr als einer Hinsicht überraschende Wahl getroffen.“

„Alice ist eine sehr sanfte, fügsame Natur,“ bemerkte Erna einsilbig.

„Um so schlimmer! Ihr Verlobter scheint gar nicht das Bewußtsein zu haben, daß diese Verbindung allein ihn zu einer Stellung erhebt, auf die er persönlich wohl nie hätte Anspruch machen können.“

Die junge Dame hatte sich erhoben und war zu einer Pflanzengruppe getreten, deren schwere, purpurfarbene Blüthen aus dunklem Grün niederhingen. Erst nach einer sekundenlangen Pause erwiderte sie:

„Ich glaube, Wolfgang Elmhorst ist nicht der Mann, der sich ‚erheben‘ läßt.“

„Und weshalb hätte er denn sonst – Verzeihung, ich möchte keinen Vorwurf gegen Ihren künftigen Verwandten aussprechen.“

Erna antwortete nicht und er schien ihr Schweigen als eine halbe Zustimmung zu betrachten, denn er fuhr ernster fort: [503] „Glauben Sie, daß bei dieser Bewerbung ideale Gründe maßgebend waren?“

„Nein!“

Das Wort kam eigenthümlich herb von den Lippen des Mädchens, aber das Antlitz senkte sich noch tiefer herab auf die Purpurblumen.

„Das ist auch meine Ansicht und damit steht mein Urtheil über Herrn Elmhorst fest. – Bitte, mein Fräulein, athmen Sie nicht so unausgesetzt den Duft dieser Blüthen ein; ich kenne ihn, er ist berauschend, aber tückisch und wird Ihnen Kopfschmerz zuziehen, seien Sie vorsichtig damit.“

Erna richtete sich empor und fuhr mit der Hand über die Stirn.

„Sie haben recht,“ sagte sie mit einem tiefen Athemzuge. „Es ist wohl überhaupt Zeit, daß wir zu der Gesellschaft zurückkehren – ich bitte, Herr Waltenberg!“

Er schien nicht ganz damit einverstanden zu sein, bot ihr aber mit voller Artigkeit den Arm und führte sie in die Säle, wo die Gesellschaft noch vollzählig beisammen war.

In einer Ecke saß der Oberregierungsrath mit seinem grimmigen Vaterzorn und mit Frau von Lasberg, die es sich angelegen sein ließ, das Feuer noch zu schüren. Sie hatte durch Nachfrage bei der Dienerschaft festgestellt, daß die Tischkarten in der That vertauscht worden waren, und ließ ihrer Empörung darüber freien Lauf. Sie sprach in leisem, aber nachdrücklichem Tone auf den unglücklichen Vater einer solchen Tochter ein und schloß ihre Rede endlich mit der vernichtenden Erklärung:

„Mit einem Worte – ich erlaube mir das Benehmen des Doktors empörend zu finden!“

„Ja, es ist empörend!“ murmelte Ernsthausen wüthend. „Und dabei suche ich Wally seit einer halben Stunde, um mit ihr nach Hause zu fahren, und kann ihrer nicht habhaft werden – es ist ein schreckliches Kind!“

„Ich hätte ihr den Besuch des Festes unter keiner Bedingung gestattet,“ eiferte die alte Dame. „Ich erklärte der Frau Baronin schon damals, als sie mir ihr Herz ausschüttete, daß sie energische Maßregeln ergreifen müsse.“

„Das haben wir ja bereits gethan,“ versicherte Ernsthausen verzweiflungsvoll, „aber es half nichts. Meine Frau hat schon Migräne von all dem Aerger, und das pflegt bei ihr tagelang anzuhalten! Ich bin durch mein Amt in Anspruch genommen – wer soll da diesen Irrwisch hüten und all seine tollen Streiche pariren?“

„Schicken Sie Wally aufs Land zu dem Großonkel,“ rieth Frau von Lasberg. „Da ist kein persönlicher Verkehr mit Gersdorf möglich, und wie ich den alten Baron kenne, wird er auch einen Briefwechsel zu verhindern wissen.“

Der Oberregierungsrath sah aus, als sei plötzlich ein Lichtstrahl in die Finsterniß seiner Seele gefallen; er ergriff den Vorschlag mit einer förmlichen Begeisterung.

„Das ist eine Idee!“ rief er. „Sie haben recht, gnädige Frau, vollkommen recht! Wally soll zu meinem Onkel, schon in den nächsten Tagen, schon übermorgen. Er war ja außer sich über die Sache und wird jedenfalls der beste Hüter sein; ich schreibe ihm gleich morgen früh.“

Er war so erfüllt von diesem Gedanken, daß er schleunigst aufbrach und von neuem versuchte, seiner Tochter habhaft zu werden, aber das war ein schwieriges Unternehmen. Er hätte ebenso leicht einen Schmetterling fangen können; denn Wally entwickelte ein unglaubliches Talent, gerade dann zu verschwinden, wenn der Vater sie endlich zu Gesicht bekam. Ernst Waltenberg, der ja auch zu den Eingeweihten gehörte, wurde zweimal als Blitzableiter dem nahenden Ungewitter entgegengestellt und mußte es mit seiner Unterhaltung ableiten. Inzwischen tauchte die kleine Baroneß unter in irgend einer plaudernden Gruppe und kam an einer ganz anderen Stelle wieder an die Oberfläche. Sie schien die ganze Gesellschaft als eine Versammlung von Schutzgeistern zu betrachten, die sie je nach Bedarf verwendete, und sogar der Minister, der hohe Chef ihres Vaters, der gleichfalls anwesend war, mußte sich in dieser Eigenschaft benutzen lassen.

Sie flüchtete schließlich zu Seiner Excellenz und klagte in beweglichen Worten, daß der Papa durchaus schon nach Haus fahren wolle, während sie noch so gern bliebe. Der alte Herr nahm sofort Partei für das reizende Kind, und als der Oberregierungsrath auftauchte und sich mit einem grollenden „Wally, der Wagen wartet!“ der jungen Dame bemächtigen wollte, fiel ihm jener freundschaftlich in die Rede.

„Lassen Sie ihn warten, lieber Geheimrath. Man darf der Jugend ihr Recht nicht verkümmern und ich habe der Baroneß versprochen, Fürsprache einzulegen. Sie bleiben noch, nicht wahr?“

Ernsthausen wüthete innerlich, während sein äußerer Mensch sich höflich zustimmend verbeugte; als Anerkennung dafür verwickelte ihn der Chef in ein sehr eingehendes Gespräch und gab ihn erst nach einer Viertelstunde frei. Jetzt aber kannte der Baron keine Rücksicht mehr; er brach geradezu ein in das feindliche Lager, wo seine Tochter höchst vergnügt zwischen Waltenberg und Gersdorf Stellung genommen hatte. Da trat ihm der Doktor mit voller Artigkeit entgegen.

„Herr Oberregierungsrath, ich wollte mir erlauben, Sie morgen oder übermorgen aufzusuchen. Darf ich bitten, mir irgend eine Stunde zu bestimmen?“

Ernsthausen warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

„Ich bedaure, Herr Doktor, dringende Geschäfte –“

„Ganz recht, davon wollte ich eben mit Ihnen reden,“ fiel Gersdorf ein. „Es handelt sich um eine Angelegenheit der Bahngesellschaft, deren juristischer Vertreter ich bin, wie Sie ja wissen; und Seine Excellenz der Herr Minister hat mich an Sie gewiesen. Sie gestatten aber wohl, daß ich Sie nicht im Ministerium, sondern in Ihrer Wohnung aufsuche, da ich noch eine Privatsache mit Ihnen besprechen möchte.“

Der Baron konnte leider nicht im Zweifel sein über diese Privatsache; da er aber den Juristen in dieser Eigenschaft nothgedrungen empfangen mußte, so richtete er sich in seiner ganzen Vornehmheit auf und antwortete kühl:

„Uebermorgen um fünf Uhr Nachmittags stehe ich zu Ihren Diensten.“

„Ich werde pünktlich sein,“ versicherte der Doktor, sich mit einer Verbeugung von Wally verabschiedend. Diese fand es nun endlich für gut, sich der väterlichen Gewalt zu fügen und sich fortführen zu lassen, aber draußen auf der Treppe erklärte sie mit voller Energie:

„Papa, übermorgen lasse ich mich aber nicht wieder einsperren. Ich will dabei sein, wenn man um meine Hand wirbt.“

„Uebermorgen bist Du bereits auf dem Lande,“ versetzte Ernsthausen mit Nachdruck. „Du fährst mit dem ersten Zuge; ich bringe Dich der Sicherheit wegen selbst auf die Bahn und an der Station nimmt Dich der Großonkel in Empfang, bei dem Du vorläufig bleiben wirst.“

Wallys Köpfchen fuhr ganz entsetzt aus der weißen Kaputze. Einen Moment lang war sie sprachlos; dann aber nahm sie eine äußerst kriegerische Stellung an.

„Das thue ich nicht, Papa! Ich bleibe nicht bei dem Großonkel; ich laufe davon, zu Fuß laufe ich nach der Stadt zurück!“

„Das wirst Du bleiben lassen,“ sagte der Oberregierungsrath. „Ich dächte, Du kenntest den alten Herrn und seine Grundsätze. Du bist nach seinem Tode eine Partie ersten Ranges, merke Dir das!“

„Ich wollte, der Großonkel reiste nach Monaco und verspielte dort all sein Geld,“ schluchzte Wally zornig, „oder er adoptirte ein Waisenkind und vermachte ihm sein ganzes Vermögen.“

„Kind, um Gotteswillen, was hast Du für entsetzliche Einfälle!“ rief Ernsthausen erschrocken; aber die kleine Baroneß fuhr in voller Empörung fort:

„Dann wäre ich keine ‚Partie‘ mehr und dann könnte ich Albert heirathen. – Ich will alle Tage beten, daß der Großonkel solch einen dummen Streich macht, trotz seiner siebzig Jahre!“

Damit sprang sie, noch immer schluchzend, in den Wagen und warf sich in die Polster. Der Vater folgte ihr, aber er murmelte verzweiflungsvoll:

„Ein schreckliches Kind!“

Droben in den Festräumen begann es allmählich leerer und stiller zu werden. Einer nach dem andern verabschiedete sich, bis endlich der Präsident, der soeben die letzten Gäste entlassen hatte, sich allein mit Wolfgang in dem großen Empfangssaale befand.

[504] „Waltenberg hat uns eingeladen, seine Reisesammlungen zu besichtigen,“ sagte er. „Ich werde dazu schwerlich Zeit haben, aber Du –“

„Ich noch weniger,“ fiel Elmhorst ein. „Die drei Tage, die ich überhaupt noch zur Verfügung habe, sind schon vollauf in Anspruch genommen.“

„Ich weiß, aber Du wirst trotzdem Alice begleiten müssen; sie und Erna haben bereits zugesagt, und ich wünsche überhaupt nicht, daß diese Einladung abgelehnt wird.“

Wolfgang stutzte und sah seinen künftigen Schwiegervater forschend an, dann fragte er rasch:

„Wer und was ist dieser Waltenberg eigentlich, Papa? Du scheinst ihn mit einer ganz besonderen Rücksicht zu behandeln und doch tauchte er heute zum ersten Male in Deinem Hause auf. Du kennst ihn von früher her?“

„Allerdings. Sein Vater war bei verschiedenen meiner Unternehmungen beteiligt. Ein tüchtiger, umsichtiger Geschäftsmann, der Millionen hätte verdienen können, wenn er länger gelebt hätte. Leider hat der Sohn gar nichts geerbt von diesen praktischen Eigenschaften. Der zieht es vor, kreuz und quer durch die Welt zu reisen und sich bei allen möglichen wilden Völkerschaften herumzutreiben. Nun, sein Vermögen erlaubt ihm ja dergleichen Extravaganzen, und jetzt verdoppelt es sich beinahe. Seine Tante, die einzige unvermählte Schwester seines Vaters, ist vor einigen Monaten gestorben und hat ihn gleichfalls zum Erben eingesetzt. Er ist überhaupt nur zurückgekommen, um diese Angelegenheit zu ordnen, und spricht schon wieder von Davongehen – ein unbegreiflicher Mensch!“

Der Ton, in welchem Nordheim von dem Manne sprach, den er so auszeichnete, verrieth, daß er persönlich gar keine Sympathie für ihn hegte, und Elmhorst schien in dem gleichen Falle zu sein, denn er stimmte sofort ein:

„Ich finde ihn unerträglich! Er sprach ja bei Tische nur von seinen Reisen und in einer Art, als wolle er Vortrag darüber halten. Man hörte nur von ‚blauen Meerestiefen‘, von ‚hochragenden Palmen und träumerischen Lotosblumen‘– es war kaum mehr zum Aushalten! Fräulein von Thurgau allerdings schien ganz hingerissen davon zu sein. Offen gestanden, Papa, ich fand, daß diese poetisch orientalische Unterhaltung viel zu vertraulich war für den ersten Tag der Bekanntschaft.“

Die Worte sollten sarkastisch sein, aber es barg sich eine nur mühsam verhehlte Gereiztheit dahinter. Der Präsident bemerkte das jedoch nicht, sondern erwiderte ruhig:

„In diesem Falle habe ich gegen die Vertraulichkeit durchaus nichts einzuwenden, ganz im Gegentheil.“

„Das heißt – Du hast eine bestimmte Absicht mit den beiden?“

„Gewiß,“ versetzte Nordheim, etwas verwundert über das Hastige, Gepreßte dieser Frage. „Erna ist neunzehn Jahre; man muß jetzt ernstlich an ihre Vermählung denken, und ich habe als Verwandter und Vormund die Pflicht, sie möglichst gut zu versorgen. Das Mädchen wird so unendlich gefeiert in der Gesellschaft, aber mit einem wirklichen Antrage hat sich ihr noch keiner genaht, sie ist eben keine Partie.“

„Nein, sie ist keine Partie!“ wiederholte Wolfgang wie mechanisch und dabei richtete sich sein Blick auf das Nebenzimmer, wo die Damen noch weilten. Alice saß auf dem Sofa und Erna stand vor ihr; die Thüröffnung umschloß wie ein Rahmen die schlanke, weiße Gestalt.

„Ich kann das den Männern nicht verdenken,“ fuhr der Präsident fort. „Ernas einziges Erbtheil sind die paar tausend Mark, die für den Wolkensteiner Hof gezahlt wurden, und wenn ich meiner Nichte auch selbstverständlich eine Aussteuer mitgebe, so ist das doch so gut wie nichts für einen Mann, der gewohnt ist, Ansprüche an das Leben zu machen. Waltenberg braucht nicht auf Vermögen zu sehen; er ist selbst reich, aus gutem Hause, kurz, eine glänzende Partie. Ich habe sofort nach seiner Rückkehr den Plan gefaßt, und ich denke, die Sache wird sich machen.“

Er setzte das alles so kühl und geschäftsmäßig auseinander, als ob es sich um eine neue Spekulation handle. Im Grunde war die „Versorgung“ seiner Nichte ja auch nur ein Geschäft für ihn, ebenso wie die Verlobung der eigenen Tochter. In dem einen Falle wurde Vermögen, in dem andern Intelligenz eingetauscht für die Hand des jungen Mädchens, und Nordheim konnte sich auch ganz rückhaltlos darüber aussprechen gegen seinen künftigen Schwiegersohn, der genau auf demselben Standpunkte stand und nach denselben Grundsätzen gehandelt hatte. In diesem Augenblicke aber lag eine eigenthümliche Blässe auf dem Gesichte des jungen Mannes, und es war ein seltsamer Ausdruck, mit dem seine Augen an jenem Bilde hingen, das sich noch immer in der Thüröffnung zeigte, vom hellsten Kerzenglanze umflossen.

„Und Du glaubst, daß Fräulein von Thurgau einverstanden ist?“ fragte er endlich langsam, ohne den Blick abzuwenden.

„Sie wird doch nicht die Närrin sein, ein solches Glück von sich zu stoßen! Freilich, das Mädchen ist unberechenbar in seinen Launen, starrsinnig wie der Vater und in manchen Punkten gar nicht zu regieren. Wir beide passen überhaupt nicht zusammen, das zeigt sich oft genug, aber diesmal, denke ich, werden wir übereinstimmen. Ein Mann wie Waltenberg mit all seinen excentrischen Neigungen ist grade nach dem Geschmack Ernas. Ich glaube, sie wäre im Stande, sein tolles Wanderleben mit ihm zu theilen, wenn er sich nicht entschließen kann, es aufzugeben.“

„Warum denn nicht?“ sagte Wolfgang herb. „Es ist ja so ungemein poetisch und interessant, dies Leben in der Fremde, ohne Beruf und Vaterland. Man ist losgelöst von allen Pflichten; man schwärmt und träumt unter den Palmen und verträumt schließlich das ganze Leben im thatenlosen Genuß. Ich finde es erbärmlich, wenn ein Mann mit seinem Dasein nichts weiter anzufangen weiß; mir wäre das unmöglich!“

„Du ereiferst Dich ja förmlich,“ sagte Nordheim, ganz erstaunt über diesen heftigen Ausfall. „Du vergißt aber, daß Waltenberg von Hause aus reich gewesen ist. Du und ich, wir mußten arbeiten, um emporzukommen; für ihn existirte diese Nothwendigkeit nicht; er stand von Anfang an auf der Höhe, und solche Menschen taugen selten für eine ernste Thätigkeit.“

Er wandte sich zu einem Diener, der soeben eintrat, und gab ihm noch einige Befehle. Wolfgang stand finster und unbeweglich da; seine Augen hingen noch immer an jener weißen Gestalt, an der Erscheinung „wie aus Duft und Alpenschnee gewoben, mit der märchenhaften Blume der Gewässer in den blonden Locken“, und unhörbar, aber mit dem Ausdruck der tiefsten Bitterkeit murmelte er: „Ja, er ist reich – und darum hat er das Recht, glücklich zu sein!“

(Fortsetzung folgt.)




Der Hypnotismus, sein Nutzen und seine Gefahren.
3. Der Hypnotismus in Pforzheim, ein Beitrag zur Geschichte des hypnotischen Unfugs in Deutschland.
(Schluß.)

Bevor wir in unserem Bericht fortfahren, müssen wir vorausschicken, daß die schon erwähnte außerordentliche Gewalt der Eingebung auf Hypnotisirte sich auch in Pforzheim durch zahlreiche Versuche des Herrn W., der die einschlagende Litteratur besonders studirt hatte, bewahrheitete. Es gelang Herrn W., seine wachen Medien zur Ausführung von Aufträgen zu bringen, die er ihnen während des Zustandes ihres hypnotischen Schlafes mündlich aufgegeben hatte. Wir wollen nur einzelnes aus diesen sehr reichhaltigen Versuchsreihen namhaft machen.

Von zwei schlafenden Medien, welche angeblich nie Klavier gespielt hatten, was schon die Betrachtung ihrer schwieligen, arbeitsgewohnten Hände sehr wahrscheinlich machte, erhielt das eine den Auftrag, das Lied „Heil dir im Siegerkranz“, das andere den Walzer des Coaksmannes auf dem Piano vorzutragen. Ohne das mindeste Zaudern setzte sich erst der eine, dann der andere nach dem Erwachen ans Klavier und leistete mit beiden Händen spielend seine Aufgabe. Klang zwar auch die Weise steinerweichend, so wurde sie doch auffallend flott zu Gehör gebracht und jedermann konnte unschwer die beabsichtigten Tonstücke erkennen. Auch zu einer vierhändigen Improvisation wurden beide neugebackene Pianisten veranlaßt, die trotz ihrer schauderhaften Klänge doch eine gewisse Gesetzmäßigkeit herauszuhören gestattete. Einem andern wurde während

[505]
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Ein Schäferidyll.
Nach dem Oelgemälde von L. Blume-Siebert.

[506] des Schlafes versichert, er sei ein erst seit wenigen Tagen in Pforzheim wohnender geborener Norddeutscher. Nach dem Erwachen ins Gespräch gezogen, bediente er sich, der bis dahin sich nur in Pforzheimer Mundart hatte ausdrücken können, völlig dialektfreier Rede, was sich bei ihm komisch genug ausnahm. Das Nichtsehen anwesender Personen oder das vermeintliche Erblicken nicht anwesender konnte stets mit Leichtigkeit durch Eingebung während des hypnotischen Schlafes erzielt werden, ebenso positive und negative Täuschungen jedes anderen Sinnes.

Ein Medium, Herr J., glaubte nach dem Erwachen die ihm im Schlafe angekündigte junge Dame zu sehen, die Braut eines Bekannten, und stellte derselben einen der anwesenden Herren auf dessen Wunsch vor, reichte ihr auch schließlich galant den Arm, um sie, wie ihm vom Experimentator bedeutet worden war, auf den Bahnhof zu führen. Er würde sich zweifellos dorthin begeben haben, hätten ihn nicht Herr W. eilends von der Straße zurückgeholt und von seiner Sinnestäuschung befreit. War dem Schlafenden gesagt worden, dieser oder jener der anwesenden Herren sei nicht mehr zugegen, so konnte keine Frage des bezeichneten Herrn an das wiedererwachte Medium das letztere zu irgend einer Antwort bewegen, während es sich mit den anderen Anwesenden vernünftig unterhielt. Aufgefordert, die im Zimmer vorhandenen Personen zu zählen, brachte es in der That eine Person zu wenig heraus. Ganz wie man es verlangte, hörte der eine nach dem Erwachen eine schöne Musik, der andere innerhalb einer bestimmten vorhergesagten Frist einen heftigen Knall etc. Bemerkenswerth war ein Versuch, bei welchem dem schlafenden, gegen Nadelstiche empfindungslosen Medium gesagt wurde, es werde soeben mit einem glühenden Eisen berührt und die gebrannte Stelle werde nach dem Erwachen sich röthen, anschwellen und eine Blase erzeugen. Gleichzeitig berührte Herr W. die Wange der Versuchsperson mit seinem Finger. Nach dem Erwachen war das Medium anfangs gesprächig, klagte aber sehr bald über brennenden Schmerz auf der Wange; hierbei röthete sich die berührte Stelle zusehends und begann sich zu erheben. Zu einer Brandblase kam es indeß nicht.

Nun, diese durch hunderterlei Versuche festgestellte Macht der Eingebung ist es wohl jedenfalls gewesen, die zu anderen nicht unbedenklichen Erscheinungen, welche sich immer mehr steigerten, die erste Veranlassung gegeben haben mag. Ich meine nämlich die später für Pforzheim so charakteristisch gewordenen Tobsuchtsanfälle Hypnotisirter, deren allmähliche Entwickelung ich nunmehr schildern will. Der Anfang derselben reicht ziemlich weit zurück. In einer in der zweiten Junihälfte 1886 im Privatkreise angestellten Versuchsreihe ward nämlich in einem sehr brauchbaren Medium während des wachen Zustandes der Halbhypnose die Vorstellung erweckt, daß es in einem Walde in der Nähe Pforzheims von Strolchen angegriffen und verwundet worden sei und sein kostbares Dasein nunmehr mit Erfolg gegen dieselben vertheidige. Das Medium, ein kräftiger junger Arbeiter, spielte seine Rolle wunderschön. Mit wuthverzerrtem Gesicht ringend, gebärdete es sich, als ob es auf der Brust eines unsichtbaren Gegners kniee, denselben an der Gurgel packe und seinen Kopf wiederholt triumphirend gegen die Erde aufschlage. Die Scene sah so wildnatürlich aus, daß der Experimentirende ihr durch Erwecken des Mediums schnell ein Ende machte. Als Tags darauf mit dieser und noch einer andern Versuchsperson abermals vor größerem Zuschauerkreise experimentirt wurde, wiederholte sich die Wahnvorstellung und die Kampfscene ganz von selbst, mit allen ihren Einzelheiten ein getreues Spiegelbild des Vorganges am Tage vorher darstellend. Nur war diesmal der Ingrimm des um sich Schlagenden ein noch größerer und das Erwachen erschien etwas verzögert. Merkwürdigerweise zeigten sich nun bald auch bei anderen Medien ähnliche Erscheinungen. Die Fälle wurden verschieden besprochen. Namentlich hieß es, ein älterer Herr aus Freiburg, welcher, nebenbei bemerkt, viel in Spiritismus und ähnlichen Liebhabereien macht, habe sich dahin geäußert, daß solche Tobsuchtsanfälle immer dann eintreten, wenn ein bei den Versuchen Unbetheiligter mit seinem ungünstig wirkenden „magnetischen Fluidum“ den Hypnotisirten zu nahe trete oder sie gar berühre. Diese ganz unzutreffende Erklärung der oben erwähnten Fälle wurde nun allen Einwürfen zum Trotz so oft unvorsichtigerweise in Gegenwart wacher, hochgradig empfänglicher oder auch hypnotisirter Personen wiederholt, daß sie suggestiv wirken mußte. Thatsächlich traten von da ab dergleichen Anfälle immer häufiger ein; sie wirkten gewissermaßen ansteckend, weil ein Medium sie bei dem andern sah und unbewußt demselben nachahmte, namentlich da es viel zu viel von dieser Erscheinung während der Hypnose zu hören bekam.

Eine Zeit lang schien es in der That, als ob die Anfälle des tobenden, wilden Umherschlagens mit den Armen nur auf zufälliges, selbst ganz harmloses Eingreifen dritter Personen erfolgten, wiewohl umgekehrt in zahllosen Fällen trotz eines solchen Eingreifens keine Spur irgend welcher unangenehmen Wirkung bemerkbar wurde. Später trat sogar wiederholt das Symptom der Tobsucht während der Hypnose vollständig spontan ein, das heißt ohne jegliche Einwirkung anderer, so daß ein von vornherein bestehender ursächlicher Zusammenhang abgeschlossen sein dürfte. Am wahrscheinlichsten ist, wie gesagt, unbeabsichtigte Eingebung die Quelle der ganzen Manie gewesen. Ueberhaupt wurde die Erscheinung, daß die Medien allgemein anfingen wild zu werden, erst im Herbst wahrgenommen. Herrn W., der seine Versuchspersonen gut kannte und zu behandeln wußte, passirte sie höchst selten. Er ergriff in solchen Fällen den Uebelthäter, preßte ihn und seine Arme an sich oder gegen die Wand, machte ihn dadurch zunächst wehrlos und unschädlich und erweckte ihn sodann durch unbedeutende Bewegungen seiner eigenen freien Rechten vor dem Gesicht desselben. In zwei, drei Sekunden war auf diese Weise der ganze Anfall gedämpft und das erwachende Medium wußte nichts von seiner eben begangenen Unart. Außerordentlich wirksam und beruhigend erwies sich bei solchen Anlässen im Momente des Erwachens der Blick Herrn W.s, der das Medium stets noch durch Anrufen zwang, ihn selbst anzusehen. Etwas bedenklicher sah die Sache schon aus, wenn gleichzeitig mehrere Versuchspersonen zu toben und mit einander wüthend zu ringen begannen, wobei zunächst die im Wege stehenden Stühle, auf denen die Medien bis dahin gesessen hatten, mit Gepolter umgeworfen wurden und zur Seite flogen. Auch hier bewährte sich die Meisterschaft des Herrn W., der in allen vorgekommenen Fällen den wirren Menschenknäuel schnell trennte und in kürzester Frist Ruhe schaffte, bevor irgend jemand auch nur den mindesten Schaden hatte nehmen können. Weniger harmlos sollte sich die Erscheinung in der Folge bei anderen Experimentatoren gestalten.

Zunächst kam es in Brötzingen, dem nächsten Nachbardorfe Pforzheims, vor, daß Arbeiter abends im Wirthshause einen ihrer Genossen in Hypnose versetzten. Sehr bald wurde das Medium wild und tobsüchtig, woraus sich eine förmliche Keilerei entwickelte, da niemand den Rasenden zu bändigen und zu normalem Zustand zurückzuführen vermochte. Es mußte aus Pforzheim mitten in der Nacht ein Arzt herbeigeholt werden, der, am Orte der That angelangt, das Zimmer voller Menschen und die bewaffnete Macht des Dorfes in Person zweier Gendarmen und eines Wachtmeisters aufgeboten fand. Der hochgradig erregte Patient wurde alsbald kunstgerecht dem normalen menschlichen Bewußtsein wieder zurückgegeben. Während ihn aber der Arzt mit einigen kräftigen Worten auf das Unsinnige, sich zu solchen Versuchen herzugeben, aufmerksam machte, begannen bei jenem bereits wieder die Zeichen neuer Hypnose, aus der er abermals und zwar diesmal dauernd herausgerissen wurde.[1] Vielleicht mochte die hierbei eröffnete, wenig verlockende Aussicht, bei erneuertem Hypnoseanfall fünfundzwanzig geeigneten Orts aufgezählt zu erhalten, suggestiv gewirkt und den Mann munter erhalten haben.

In ein Pforzheimer Restaurant tritt eines Abends ein Experimentator, hinter ihm einige seiner Medien, die sich gerne da einstellten, wo Versuche zu erhoffen waren, weil da erfahrungsgemäß mit Freibier und fester Leibesstärkung nicht gekargt zu werden pflegte. Ein im Zimmer bereits anwesender junger Gast, ein ungläubiger Thomas, ruft dem Hypnotiseur, seinem Bekannten, höhnend zu, seine Experimente beruhten doch nur auf Schwindel.

„Was, Schwindel?“ entgegnet jener entrüstet, und, zu den Medien gewandt, ruft er die verhängnißvollen Worte: „Ihr seid keine Menschen! Ihr seid Hunde! Auf, packt mir den da!“

Der Erfolg war ein ganz überraschender, denn flugs ließ sich die ganze Schar aus alle Viere nieder und begann ein wüthendes Gebell und Geblaff, so gut sie es mit ihren hierin noch ganz ungeübten Kehlen zuwege bringen konnte. Gleichzeitig stürzte sich [507] die Meute auf den ungläubigen Thomas und begann, an diesem emporspringend, sich zum Theil auf die Hinterbeine zu erheben, worauf alsbald die bereits ortsüblich gewordene hypnotische Prügelei ihren Anfang nahm. Unser Thomas nahm Reißaus, so lange es heil davonzukommen noch möglich war, und der Experimentator beruhigte seine Schar und gab ihr die Erkenntniß ihrer Menschennatur und Menschenwürde wieder zurück.

Noch etwas besser ging es in einem geselligen Verein, wo gleichfalls Demonstrationen mit 7 bis 8 empfänglichen Personen angestellt wurden, die schon oft hypnotisirt worden waren. Eine Zeit lang ging alles gut und schön; als aber einer der anwesenden Herren eines der Medien vor einem besonderen Tische Platz nehmen und auf das Ticken einer auf diesem liegenden Taschenuhr achten ließ, um es durch den Eindruck dieses gleichmäßig wiederkehrenden Geräusches in Hypnose zu versetzen, da wurde unvorsichtigerweise vor diesem harmlosen Versuche gewarnt und hinzugesetzt, es könne dadurch Tobsucht entstehen. Diese Aeußerung wirkte suggestiv, denn in der That stellte sich bei der Versuchsperson Hypnose und bei der ganzen Mediengesellschaft Tobsucht ein, welche binnen kurzem den Schauplatz friedlicher, fröhlicher Unterhaltung in ein Schlachtfeld verwandelte, wo Kampfesrufe ertönten, Tische und Stühle krachend zur Seite flogen, Bier in Strömen auf den Fußboden floß, Püffe, Stöße sowie noch weit handgreiflichere Thätlichkeiten hinüber und herüber flogen und die Vernünftigsten in schleuniger Flucht ihr Heil suchten. Nicht ohne Mühe gelang es, aus dem wirren Knäuel der Recken die tollgewordenen Medien herauszubekommen, welche dann der Experimentator mit kundiger Hand bändigte, bis die hochgehenden Wogen ihrer Gemüthsstimmung sich beruhigten und wieder friedlicher Denkungsart Platz machten.

Doch das Beste, ein farbenreiches Schlußtableau, kam im Dezember, als Pforzheims vereinte Tiger dem berechtigten Drange nicht mehr widerstehen konnten, im Gasthofe „Zur Post“, dem Hauptschauplatz ihrer alltäglichen Frühthätigkeit, einmal ein friedliches abendliches Festmahl zu feiern. Dasselbe verlief ursprünglich, durch verschiedene künstlerische Veranstaltungen verschönt, aufs prächtigste. Herr S., ein ebenso gewandter Tiger wie Hypnotiseur, hatte dem zur Würze des Mahles dienenden Programm eine Vorführung seiner Kunst einverleibt, die ihm nur zu sehr gelingen sollte.

Als nämlich die Herren Tiger sich genugsam durch Speise und Trank auf die ihnen noch bevorstehenden Aufregungen und Anstrengungen vorbereitet und gekräftigt hatten, ließ Herr S. seine Medien aufmarschiren und zeigte deren vielseitige Fähigkeiten und Künste. Eine geraume Weile ging alles ausgezeichnet, bis durch irgend welche jetzt schwer festzustellende Zufälligkeiten der Funke ins Pulverfaß flog und die Tobsuchtsleidenschaft entfesselte. Mit einem der Medien soll, wie gesagt wird, ein Theilnehmer des Mahles, ein holländischer Geschäftsreisender, im Vorzimmer auf eigene Faust experimentirt haben, was schon zu einer beginnenden kleinen Balgerei führte, die von Herrn S. gedämpft wurde. Das war der Vorbote des Sturmes, der sehr bald im Saale selbst mit der medialen Hauptperson zum Ausbruch kam und in seiner Ausdehnung alle bisherigen derartigen Erfahrungen weit übertraf. Da wurden die Medien zu Tigern und manche Tiger sehr bald zu flüchtenden Lämmern, was übrigens unter den obwaltenden Umständen für die meisten das Beste war. So begann denn die große Schlacht, reich an wechselvollen Episoden, das schönste, was Pforzheim der Sport des Hypnotismus an packenden dramatischen Situationen gebracht hat. Im Handumdrehen veränderte sich der Anblick des Schauplatzes. Geballte Fäuste, blutige Nasen, Beulen – das alles war das Werk eines Augenblicks. Stühle krachten und splitterten im Getümmel, Tische flogen zur Seite und wurden umgestoßen. Ungezählte Teller, Flaschen und Gläser sollen da ein unrühmliches Ende gefunden haben und unter der Wucht der die Luft durchsausenden Wurfgeschosse der Kronleuchter bös mitgenommen worden sein. Einen großem schönen Spiegel wollte man retten, nahm ihn herab, versäumte es aber, ihn fortzuschaffen und ließ ihn an die Wand gelehnt stehen. Das Hauptmedium K. ergriff ihn mit beiden Händen und schlug die Vorderfläche dem ihm in den Wurf kommenden Herrn R. auf den Kopf, daß alsbald die Scherben zum Glück nicht des Kopfes, sondern des Glases davon flogen.

Was der Thür zunächst war, ergriff die Flucht. Einer der Herren Tiger soll mit beiden Armen einen Tisch ergriffen und sich mit ihm gegen den Ansturm des Mediums gewehrt haben, das Möbel wie einen Schild benutzend. Unter andern Tischen hatte gleich anfangs hier und da ein weniger wehrhafter Tiger einen zeitweiligen Zufluchtsort gefunden. Bald war der Saal geräumt und K. im alleinigen Besitz des Kampfplatzes. Er durchschritt denselben im Gefühl des Sieges, ergriff da und dort einen Stuhl, hob ihn empor und stauchte mit kräftigem Rucke die Vorderbeine desselben gegen den Boden, daß nur die splitternd abkrachende Lehne in den Händen des Tobenden zurückblieb, welche er alsbald mit Ingrimm wegschleuderte. Auch warf er nach allen, die Miene machten einzudringen, mit Stühlen und anderen schweren Geschossen. Ungehindert durchmaß er, vor dessen riesig gewachsenen Kräften alles scheu zur Seite wich, den Flur und gelangte hinab auf die Straße, fand es aber sehr bald wieder gerathener, den Saal aufzusuchen, von wo er der Küche einen Besuch abstattete. Da Herr S. die Geister, die er gerufen, weder bannen noch meistern konnte, so blieb als letzter Rettungsanker in der Noth nur noch der eiligst herbeigerufene Herr W. übrig. Dieser erschien nachts gegen 1 Uhr auf der Wahlstatt. Er fand K., der indeß schon einmal kurz vorher von einem anderen Herrn erweckt, aber später nochmals in Hypnose und Tobsucht verfallen war, ein großes Küchenmesser schwingend, allein in der Küche vor, wo er bereits zum Zeitvertreib verschiedenes Geschirr umhergeworfen und zerschlagen hatte. Herr W. ging dem Rasenden kühn zu Leibe, packte mit einem Griffe beide Handgelenke desselben und versenkte ihn, nachdem er selbst eine Hand freibekommen hatte, in tiefsten hypnotischen Schlaf. Nunmehr entzog er dem still Daliegenden das Messer und weckte ihn kunstgerecht. Leider kam es jedoch bald darauf durch irgend welche Störung zu nochmaligem Toben und zum Austausch von abermaligen handgreifliche Liebenswürdigkeiten, bis man von anderer Seite den Thäter schließlich beim Rockkragen packte und seinen Kopf dem Strahle der Wasserleitung aussetzte. Das führte denn zur Abkühlung seiner Leidenschaftlichkeit und zu endgültigem Erwachen. Zwar erklärte K. zunächst, noch nicht sehen zu können, da offenbar der hypnotische Zustand noch nicht vollkommen gewichen war. Herr W. hob nunmehr in regelrechter Weise auch das letzte Uebel, und so schloß die berühmte Tigerschlacht in der „Post“. Zu bedauern war ein anderer Festtheilnehmer, den man im Getümmel für ein rasendes Medium angesehen hatte, während doch nur die Geister des Weines aus ihm in allzu lebhafter Sprache redeten: da er sich wiederholt unnütz machte, wurde er nach kurzem Handgemenge vom Kellner unsanft an die frische Luft befördert, bei welcher Gelegenheit auch sein Trommelfell zeitweilig benachtheiligt worden sein soll. Ein anderer Tiger hatte in der Eile der Flucht auf dem Flur ein Fenster eingeschlagen, um sich nach einem andern Raum hin retten zu können. Viel Heftpflaster und Bleiwasser zu kühlenden Umschlägen soll noch in jener Nacht verbraucht worden sein, und wer in den nächsten Tagen mit Beulen, dicker, blauer Nase und schönen Kratzwunden im Gesicht betroffen wurde, der konnte mit Sicherheit darauf rechnen, ohne weiteres nach seinen Erlebnissen aus dem Tigeressen gefragt zu werden. Der angerichtete Schaden wurde auf alle Theilnehmer als eine Kriegssteuer umgelegt, der sich jedermann willig unterwarf; „denn schön war’s doch gewesen,“ sagte mir erst kürzlich einer der Augenzeugen. Vielleicht wäre damals die Tigerschlacht, wenn auch nur in engerem Rahmen, auch noch ins „ewig Weibliche“ übertragen worden, denn auf einem Damenkränzchen sollte, nachdem bereits mit Erfolg das Gedankenlesen geübt worden war, zum Hypnotisiren übergegangen werden. Die schöne, kühne Unternehmerin wurde aber von einer Genossin, welche die Greuel des Tigeressens in der „Post“ mit eigenen Augen hatte schauen müssen, von ihrem sträflichen Beginnen zurückgehalten, so daß der manches Interessante in Aussicht stellende Plan nicht zur Ausführung kommen konnte. Uebrigens wurde nunmehr jedes nicht von beruflicher Seite und nicht zu rein wissenschaftlichen Zwecken ausgeübte Hypnotisiren mit Recht seitens der Behörde unter Strafandrohung gestellt. Jetzt ist’s in Pforzheim von der Sache still geworden, oder es wird höchstens noch in der Erinnerung an die vergossenen schönen Ereignisse geschwelgt.

Unser Bild von Pforzheims Erfahrungen auf diesem Gebiete würde indeß ein unvollständiges sein, wenn wir nicht auch des wiederholten strafenden Einschreitens der Behörde gedenken wollten. Das Bezirksamt erließ von Anfang an gegen solche, die in [508] Wirthshäusern durch hypnotische Versuche Störung verursacht hatten, „wegen groben Unfuges“ Strafverfügungen in Höhe von je 20 Mark. Es mag sich das von Anfang Juni bis Ende Dezember 1886 wohl 6–8 mal verschiedenen Anstiftern gegenüber wiederholt haben. In dem hervorragendsten Falle dieser Art erkannte das Schöffengericht gegen zwei Ausübende auf eine Strafe von 40 beziehungsweise 20 Mark. Am theuersten kam der in Brötzingen erlebte Fall seinem Anstifter, einem jungen Metzger, zu stehen, nachdem derselbe noch im Mai 1887 das Opfer des bereits erzählten Tobsuchtsanfalles abermals hypnotisirt hatte. Dasselbe wollte gerade ein Glas Wein zum Munde führen, als den Thäter Lust zu neuen Streichen überkam. Durch Anstarren und Streichen machte er jenen starr und hypnotisirt, welcher Zustand mit achtzehnstündigem Schlaf des Opfers endete. Einen ihm zuerkannten Strafauftrag in Höhe von 20 Mark nahm der Schuldige nicht an. Das Schöffengericht in Pforzheim erkannte auf das Vorhandensein von Freiheitsberaubung und fahrlässiger Körperverletzung und verwies den Fall vor die Strafkammer zu Karlsruhe. Hier wurde gegen den Thäter auf eine Gefängnisstrafe von 14 Tagen erkannt. – Soweit unser Berichterstatter!

Mögen diese Zeilen dazu beitragen, unsere Leser über die Gefahren der Laienhypnose zu belehren und sie zur Selbsthilfe gegen dieselben dort zu veranlassen, wo gesetzliche Bestimmungen dem gefährlichen Treiben keinen Einhalt gebieten können.




Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.
Am Leuchtthurm.
Novelle von Gerhard Walter.
(Schluß.)

Wilde Freude faßte mich, als ich Hildegard mitten in der Brandung auf dem Stein erblickte. Also doch noch einmal mit ihr zusammen! Nun war ich dicht bei ihr. Ich riß das Segel herunter und drehte hinter dem Stein auf, im Schutz vor der See, die ihren Gischt schon hoch über ihn hinspritzte. Ich hatte noch Wasser genug unter dem Kiel. Aus dem tanzenden Boot reichte ich dem bleichen Mädchen die Hand, ein schneller, behender Sprung, und sie stand in der Jolle und fiel nieder auf die Ducht. Wir sagten kein Wort, das Segel vor, und hinaus flogen wir auf das tiefe Wasser.

Da war ich mit ihr allein!

Um uns rauschende, brausende, schäumende See. Und dann das Schreien der nach Land zu fliegenden Möven. Ueber uns der dumpf sausende, seine Flügel hebende Sturm und der dunkel sich verhüllende Himmel. Keine Farben ringsum, als die schwarzgrüne, weiß überschäumende See, und dort hinter uns die in mattem Gelb scheinenden Dünen.

Und wir beiden im arbeitenden Boot allein über der Tiefe. Schweigend fuhren wir in das Wetter hinein. Sie saß still am Mast, die Hände im Schoß, und schaute hinaus auf die immer ungestümer einherrollenden Wogen. Spritzer um Spritzer kam über. Ihr dunkles Haar flatterte im Wind. Wasserperlen glänzten darin und zerrannen. Jetzt traf ein zischender Guß sie ins Gesicht. Sie legte die feinen, weißen Finger über die Augen. Wie Thränen quoll und rann es darunter hervor.

Jetzt brach ich das Schweigen. „Setzen Sie sich auf den Boden des Boots!“ bat ich; „sonst kann Sie das Segel über Bord fegen.“

Sie ließ sich hinabgleiten und kauerte dort, ein geängstetes, zagendes, zartes Weib.

„Fürchten Sie sich, Hildegard?“

Sie ließ die Hände sinken und sah mich an. "Ja!“

Ich hätte beinah gesagt: „ich wollte, wir gingen zusammen unter!“ – Wir mußten noch weiter in See hinaussteuern, wenn ich nicht an den Klippen scheitern wollte, die vom Leuchtthurm aus längs des Strandes sich, jetzt unter Wasser, weithin erstreckten.

„Hildegard, wir sind zum letzten Mal beisammen, und nicht Sie und nicht ich haben diese Stunde bestimmt; es war Gottes Wille. Sobald ich Sie an Land gebracht habe, gehen unsere Wege ganz aus einander. Nutzen wir diese Minuten aus, um es zwischen uns klar zu machen.“

Sie nickte langsam.

„Also erst zu Ihnen. Sind Sie glücklich?“

Schnell hob sie das Gesicht.

„Glücklich?“ sagte sie mit schmerzlichem Lächeln. „Haben Sie schon einen glücklichen Menschen gesehen? Ich dachte vielleicht gerade darüber nach, als ich da auf dem Stein saß und über das heranbrausende Meer hinsah – ich weiß nicht, wie lange es gewesen ist! Ich konnte trockenen Fußes über den Schlick bis zu dem Stein hingehen, und ich freute mich tief versunken, wie die Wellen nach mir hinaufleckten, und wie sie weiß wie kochende Milch am Gestein herunterrannen; und über dem wilden Schauspiel und meinen Gedanken vergaß ich des Heimwegs, bis er mir abgeschnitten war und hinter wie vor mir die See kochte; und gerade wollt’ ich’s wagen und durch die Brandung an Land zu gehen versuchen – da sah ich ein Boot und winkte ihm. Daß Sie es waren, wußte ich nicht, sonst hätte ich es wohl nicht gethan; denn ich hätte vorher gewußt, daß Sie mir diese Frage vorlegen würden. – Sie sagen, eine Braut muß glücklich sein? Ja denn; ich – ich bin glücklich in dem Gedanken an den Wirkungskreis, der mir beschieden sein wird, an das Vertrauen, dem ich gerecht werden soll. Das ist viel! – Sei es denn gesagt: die Zeit dessen, was die Menschen Liebe nennen, die liegt hinter mir. Aber lassen wir das! Die Würfel sind gefallen!“

Sie sprach ruhig, ergeben.

„Hildegard – warum haben Sie den Mann genommen?“

„Ich sagte es Ihnen!“ antwortete sie sanft. „Ich bin seinem Hause zu unendlichem Dank für viel, viel Liebe und Güte verpflichtet; und ich –“ sie stockte – „und ich hatte nichts, was mich zurückhielt!“

Wieder kam eine See über und übersprühte uns beide. Stärker, heulender sang oben der Sturm aus.

„Also nichts!“ sagte ich, und mir war’s mit einem Mal, als sollte ich das Segel loswerfen und die Ruderpinne aus den Händen schleudern – „also nichts!“

Da legte sie die Hand auf meine. Voll tiefen Leides ruhten ihre Augen auf mir.

„Nichts, seitdem ich las von dem Duell, das Sie um jener Witwe willen ausgefochten da erst gab ich Sie auf!“

„Herr Gott!“ mehr konnte ich nicht sagen.

„Ich schrieb, ohne Namen zu nennen, dorthin; ich bekam zur Antwort, es sei alles wahr! Da wußte ich, daß Sie mich vergessen hätten!“

„So! Also das war der Grund! Nun erlauben Sie mir, Ihnen hier im Angesicht Gottes zu sagen, daß es nicht wahr war! Hören Sie?“

„Ich höre!“ sagte sie traurig. „Aber ich sah Sie auch mit dem Mädchen vom Leuchtthurm siegesfroh in den Saal treten und sah Sie tief versunken mit ihr reden und scherzen, und wie Sie kein Auge hatten und kein Ohr für etwas anderes, und ich hörte das Reden der Leute – und das that mir weh – obgleich ich verlobt war, und ich mußte mir viel Gewalt anthun!“

Ihre Lippen bebten. Jetzt standen wirkliche, klare Thränen in ihren Augen. Ich preßte die Zähne zusammen und sagte kein Wort, zu den Segeln aufschauend.

„War das auch nicht wahr?“ fragte sie mit erstickter Stimme.

Ich hatte die eine Hand frei und reichte sie ihr hin: „Legen Sie Ihre Hand hinein!“ Sie that es.

„Wenn ich jenes Mädchens Lippen je mit den meinen berührt und wenn ich je ein Wort von Liebe zu ihr gesprochen oder sie im Arm gehalten oder meine Gedanken um sie geworben haben, daß ich sie sündig für mich begehrt hätte zu Ernst oder frevlem Scherz, dann will ich scheiden von Ehre und Namen und Amt! Das ist bündig, nicht wahr?“

Sie nickte wieder, und dies Mal perlten die Thränen über ihr Gesicht, und sie hielt sie nicht zurück. „Also alles, alles Irrthum!“ flüsterte sie und rang die Hände im Schoß.

„Und nun richte ich an Sie noch eine Frage, Hildegard; die letzte: warum verbargen Sie sich vor mir, wenn Ihr Herz [509] noch mein gedacht; warum ließen Sie sich nicht finden so viele Jahre hindurch?“

Sie war blaß geworden „Weil ich nicht mehr die war, die Sie geliebt hatten; weil Unehre auf meinen Namen gekommen war; weil mein Vater“ – sie stockte – „weil er einen bösen Tod starb und keiner ihm zu Grabe folgte und weil sein Andenken nicht das eines Gerechten war, als wir arm und nur Erben seiner Unehre aus unserm Hause nach furchtbaren Tagen in die Welt zogen. Darum wollte ich mich nicht an Sie drängen; darum verbarg ich mich. Und als ich nach Jahren ruhiger und vernünftiger dachte, – was konnte ich denn dafür? – da kam jenes Andere – und ich legte der Stimme meines Herzens Schweigen auf! Nun wissen Sie alles! Theilen mit andern konnte ich nicht!“

Es war auch über mich eine Ruhe gekommen, die mir selbst unerklärlich war. War es die jetzt mächtig wachsende Gefahr von außen her, die alle meine Geistes- und Körperkräfte in Anspruch nahm, oder war es der klare Blick, den ich in unser beider Vergangenheit und Zukunft that, der mir die Kraft einer Art ruhiger Verzweiflung gab? Ich weiß es nicht.

„Gut; zu Ende, Hildegard! Nun gieb mir noch ein einziges Mal die Hand – so, Du einzig, unendlich und ewig Geliebte – nun zieh in Frieden! Aber jetzt gilt’s!“

Wir waren querab vom Leuchtthurm, um den ich herum mußte, um meinen Fahrgast an Land bringen zu können. Bis dahin hatte ich das Boot schräg gegen die heranrollende See gesteuert, und ob es auch wild genug stampfte, so hatte es doch immerhin noch gute Stütze am gerefften Segel. Es lag zu weit nach Lee über, als daß wir viel Wasser hätten überbekommen können, und wieder nicht weit genug, daß wir Wasser geschöpft hätten. Aber jetzt kam der Augenblick der Gefahr. Nun mußte ich Ruder geben und abdrehen, so daß das Boot, wenn auch nur eine kurze Zeit lang, quer gegen die hohe See zu liegen kam.

Jetzt kam es dazu – wenn wir herumkommen konnten, ehe die nächste See heranbrauste! Tief lag das Boot auf der Seite; der Dollbord streifte im Wasser – ich hielt die Schot klar zum Loswerfen. Hildegard hatte die Hände um den Mast geschlungen und blickte aus großen entsetzten Augen auf die dunkeln weißschaumigen Seen.

„Sie kommt, sie kommt!“ schrie sie laut – und schloß die Augen, das Gesicht neigend.

Ja, sie kam, wir konnten nicht schnell genug drehen in dem hohen Seegang. Höher und höher schwoll sie an; deutlicher das Rauschen; – wie der Schaum perlend herniederläuft über den Kamm – hohles Brausen – ein Wirrsal von Gischt, ein durcheinander Fluthen und Gießen. Jetzt hat sie das Boot erreicht; sie verdeckt den Horizont als dunkle fluthende Mauer – nun kämmt sie über, nun überschüttet sie das Boot; siedend, sausend, zischend, dröhnend bricht sie über uns zusammen; krampfhaft halte ich das Steuer in der Rechten, mit der Linken decke ich meine Augen; das Boot senkt sich – nun müssen wir kentern! – ich sehe auf, fast liegt das Segel auf der fortstürmenden See; das Boot hebt sich – unter ihm her schießt milchweiß die Woge, die uns bedroht; den Brecher haben wir zwar bekommen und das Boot ist halb voll Wasser, Hildegard und ich triefen – aber es ist noch nicht vollgeschlagen und nicht gekentert! Nun fällt es ab – jetzt laufen wir mit den Seen, die an uns vorbei spülen, mit windverwehten Kämmen rauschend, weißstreifig, vom Sturm gehetzt; – aber jetzt schlingert der Kahn von Bord zu Bord und schöpft mit beiden Seiten; im Boote schwabbert das Salzwasser herüber und hinüber, und immer mehr kommt über. „Hildegard“ – rufe ich, – „schöpfen Sie, wir laufen voll.“ – Aber meine arme Blume lag da, halbtodt vor Angst in dem wilden Kampfe, zitternd, die Stirn an den Mast gedrückt. Ich bücke mich und öse mit einer Hand, so gut ich kann; aber was fruchtet das! Jetzt läuft uns eine See von achtern auf, ich höre sie, sehen kann ich sie nicht; nun braust es siedend hinter mir, nun läuft es mir über Kopf und Nacken, nun ergießt sie sich ins Boot – wir erreichen nimmer den Strand! – – Noch einmal solche See, und – da blicke ich auf: wir sind dicht am Leuchtthurm! Und da steht Brar Volkers und donnert mir mit dem Sprachrohr zu: „In Lee von dem Thurm – an die eisernen Stiegen! Hart das Ruder! Schot anholen!“

Wieder liegen wir quer vor der See; das Boot geht schwer; es muß ja sinken – nur noch eine kleine, kleine Weile hält’s über Wasser. Barmherziger Gott – nur nicht so nah der Rettung verderben! Nun in den Schwall hinein, der an dem Felsen vorbeifluthet, dann kommt das stillere Wasser! Ich bin halb geblendet vom Salzwasser – fahre ich richtig? – „Dicht heran, dicht heran!“ dröhnt die mächtige Stimme des Alten; undeutlich sehe ich Wiebkes Gestalt über mir – nun fluthet’s heran, donnernd, übermächtig: „ Greif’ die Fangleine! Das Boot hackt weg! Vier Mal um den Arm!“ höre ich’s noch schallen. Da fliegt die Leine auf mich zu; ich fasse Hildegard mit dem linken Arm um den Leib; eisern krampfen meine Finger um die Leine – plötzlich schnürt sie mir den rechten Arm fast ab in ihren Windungen, aber ich lasse nicht los; unter mir weicht es – ich tauche unter – was braust mir so donnernd vor den Ohren? Ich werde durchs Wasser gezogen, über mir bricht sich die Brandung; jetzt wache ich auf, dicht vor mir sind die eisernen Stufen; nur zwei davon kann ich noch sehen – ich lasse die Leine und klammere die Finger der Hand um die Geländerketten – die See treibt mich heran, meine Füße stehen – ich habe Grund auf einer der unteren überflutheten Stufen. Von oben strecken sich Arme mir entgegen. Halb reiche ich sie hinauf, die blasse, besinnungslose, halb ertrunkene Hildegard, halb ziehen sie


Die Gartenlaube (1888) b 509.jpg

Die heißen Schwefelquellen von Hammam-Meskoutine in Algier.

[510] sie; matt hängt das liebliche Haupt, schlaff hängen die Arme, ich klimme nach. Wiebke und der Vater tragen sie schweigend hinein und legen sie auf den Tisch, an dem ich das Glas zerbrach, das ihr Verlobter ihr brachte. Ihre Brust hebt sich in langsamem Atmen, und ich stürze auf meine Kniee nieder am Tisch und lehne die Stirn an die Platte: „Gott sei Dank!“

Ich springe auf und sage zu Wiebke: „Nun wollen wir sie in Ihr Zimmer tragen und auf Ihr Bett legen!“ Wiebke sieht mich still und ernst an und sagt: „Ja, ich will für sie sorgen!“ So tragen wir sie die Stufen hinauf und legen sie nieder. „Nun entkleiden Sie sie, Wiebke; und wenn sie die Augen aufschlägt, dann lassen Sie’s mich wissen.“ – So wurde Hildegard gerettet! Es war Abends sieben Uhr. –

Halb todt sank ich selbst auf mein Bett nieder, nachdem ich mit zitternden Händen mich des triefenden Zeugs entledigt hatte. Da tappte es mit schweren Schritten nach oben; ohne anzuklopfen, trat Brar Volkers ein, ein breites Lachen auf dem verwitterten Gesicht, und hielt mir eine große Flasche entgegen. Er zog den Pfropfen ab und rieb quietschend damit an dem Glas entlang. „Bißchen was Gut’s!“ sagte er mit seinem tiefen Kehlton: „Alter Cognac! Seven Stars, sehen Sie ’mal; vor langen Jahren ’mal selbst aus Bordeaux mitgebracht. Riechen Sie erst! nicht wahr, die reine Eau-de-Cologne? Das hilft dem alten Adam wieder auf die Beine; habe der Kleinen auch einen Schluck voll heruntergegossen, sie schluckte nicht schlecht und kam wie neu zu sich! Nun nehmen Sie ordentlich einen!“ Er hielt mir die Flasche beinah an den Mund. Trotz des Ernstes der Lage konnte ich mich eines Lächelns nicht erwehren bei dem Gedanken, daß ich mit Hildegard aus einer Cognacflasche tränke! Wer mir das je prophezeit hätte! Wohlige Wärme durchströmte mich nach dem starken Trunke. – Brar Volkers sah vergnügt auf mich: „Ja, ja, sie sagte auch: ‚O, wie das brennt!‘ aber sie kriegte gleich ein bißchen rothe Backen wieder.“

Ich drückte dem braven Mann die Hand und er ging.

In der Thür blieb er noch einmal stehen: „Na, ich will die Buddel lieber hier lassen; aber das Boot ist weg,“ sagte er; „das müssen der Herr Amtsrichter schon bezahlen!“ Ich nickte ihm zu. Wie gern!

Nicht lange danach kam ein andrer, leichter Fuß vor meine Thür; halb im Schlafe hörte ich, wie’s anklopfte, und sah Wiebke behutsam eintreten, und mein Abendessen auf den Tisch stellen.

„Nun schläft sie,“ meldete sie fröhlichen Gesichts, als ich mich aufrichtete. „Erst war’s ihr sehr schlecht, als sie zur Besinnung kam; sie hatte schon eine ganze Menge Salzwasser geschluckt; oder nachher gab ich ihr heißen Thee mit Rum, und nun ist sie ganz warm und sieht nur noch ein bißchen blaß aus. Sonst fehlt ihr gar nichts. Jetzt gehe ich nach unten, um das Abendbrot zu machen für Vater; ihr kann nichts geschehen. Ich sehe auch mal wieder nach!“

Sie verschwand.

Ich lag in einem eigenthümlichen Zustande halber Betäubung. Draußen tobte jetzt der Sturm mit voller Wuth und schlug die starken Schwingen um den Thurm, als wollte er ihn niederwerfen in die rasende Fluth, die donnernd ihre Seen an ihm zerschellen und ihre Schaumkronen hoch an ihm emporklettern ließ, bis sie zerstiebend und tosend zusammenbrachen, sich überstürzend im vergeblichen Ansturm. Es war ein Wettern und Brüllen und ein Brausen und Branden und Sieden, als müßte die See das Land und die Klippen und das Menschenwerk, das stolz und sicher auf ihnen stand, verschlingen und in die Tiefe betten. Und dem Wüthen da unten hatte ich sie – Hildegard entrissen. Aber wozu? Für wen? Ein anderer wird sie in die Arme schließen und ihr Herz suchen – „aber es wird ihm nie gehören!“ sagte eine Stimme in mir. „Was hilft’s Dir,“ fragte eine andere, „daß sie unglücklich wird, wenn Du nicht glücklich wirst? Er wird sich trösten. Sie bleibt die Einsame.“ Ich drückte das Gesicht in die Kissen und stöhnte.

Es duldete mich nicht länger im Bett. Ich stand auf und zog mich an. Mir ward wohler, als ich am Fenster stand und hinaussah in die tobende See. So weit ich sehen konnte – ein Aufruhr! Vom Lande war nichts zu sehen. Der aufgepeitschte Wassernebel von den verwehenden Seen verhüllte es wie mit weißlichem Schleier. Es fing stark an zu dunkeln, es war also schon spät. Ich hatte länger gelegen, als ich dachte. Der fast noch volle Mond stand schon hoch am Himmel, jetzt von schweren, dahinjagenden Wolken verdeckt, nun wieder hellen, gespenstigen Schein über das wüthende Meer werfend.

Ich trat zurück und setzte mich an den Tisch. Mein Abendessen stand unberührt. Ich konnte keinen Bissen nehmen. Ich stützte den Kopf in beide Hände und starrte auf den Streifen gelben Mondlichtes, der durch das schmale Fenster auf dem Tisch und dem Fußboden sich malte. Da kamen wieder die leichten, behenden Schritte die Treppe herauf und hielten vor meiner Thür an. Es klopfte mit leichtem Finger. Ich schaute nicht auf, als auf meinen Ruf Wiebke eintrat. Ich sah nur ihr Kleid.

„Nehmen Sie’s nur fort,“ sagte ich; „ich kann nichts essen!“

Sie kam näher. Eine Hand streckte sich vor und legte etwas vor mich hin, daß mein Auge darauf fallen mußte. Es war ein kleines, dunkelrothes, verwaschenes, zerknittertes, etwas besticktes Seidenband – mein Herzschlag stockte; war denn hier höllisches Blendwerk im Spiel? Mein Lesezeichen? Ich blickte auf – Wiebke? – Ja – und nein! ihre Gestalt – ihr Zeug – aber das Mondlicht fiel auf ein anderes, süßes, blasses Gesicht – das liebste mir auf Erden; dunkles, strähniges, feuchtes Haar fluthete um Stirn und Schultern – Hildegard? War sie todt? Nahm ihr Geist Abschied von mir? Ich starrte wortlos, regungslos die liebliche, stille Erscheinung an – da that sie die Lippen auf und sagte mit leiser Stimme:

„Du sagtest: ‚wenn Du mir das Band wieder bringst, will ich Dich wieder in mein Herz fassen!‘ Da liegt es, nimm mich an Dein Herz!“

Ich stand auf und trat zu ihr und that die Arme weit auf – sie warf sich hinein! Langsam beugte ich mich über sie, langsam senkte ich meinen Mund auf ihren; sie schlang den Arm um meinen Hals – kein Wort von ihr, von mir – draußen brüllte die See, heulte der Sturm – aber wir hörten’s nicht: unsere Seelen flogen auf, weit, weit über Wetter und Leid!

Sie lehnte schwerathmend in meinem Arm. Ich führte sie ans Fenster, in den vollen Mondenglanz und sah ihr ins Gesicht und sah, wie das blasse Licht in ihren Augen sich spiegelte.

„Hast Du je einen glücklichen Menschen gesehen?“ fragte ich leise mit ihren Worten. Sie lächelte wundersam zu mir auf. „Ich sehe zwei!“ antwortete sie ebenso.

Und die zwei saßen im Kämmerlein hoch oben unter der Laterne des Leuchtthurms, einsam, weltverloren, sturmumrast; über ihnen fiel lichter, goldener, friedlicher Schein in das tosende Wetter, über die stürmende See – und goldener Schein des Friedens war in ihre Herzen gefallen nach Qual und Sturm und Noth. Fritz! Die Stunden!

Der Mond zog oben seine Bahn, höher, immer höher; was waren uns Stunden? Sie saß neben mir an meine Schulter gelehnt.

„Immer, immer warst Du meines Lebens Glück und Leid!“ flüsterte sie; „immer rang mein Herz nach Dir, immer standen die Tage vor mir, in denen Du mich im Arme hieltest! – O was hab’ ich geduldet um Deinetwillen! Und nun kommt das Glück, das unfaßliche, und blendet meine Augen mit seinem Glanz: Dein sein, Dir gehören – und los von den gräßlichen Fesseln! Küsse mich!“ rief sie und schlang wieder die Arme um mich, „mach meine Lippen rein, die seinen Mund dulden mußten.“ Und ihre Lippen waren heiß. –

Der Mond stand über dem Thurm, es war nach Mitternacht; nur blasser Schimmer der Sommernacht fiel noch in meine Kammer. Immer noch saßen wir beisammen.

„Ich erwachte,“ so erzählte sie; „neben meinem Bett brannte Licht. In seinem Schein glänzte Wiebkes Silberschmuck in dem offenen Kästchen auf ihrer Kommode und zog meinen Blick an. Auf den silbernen Ketten und Spangen lag, halb in Seidenpapier verborgen, ein goldenes Schmuckstück – ein Armband. Mir war’s, als hätte ich es schon gesehen mit den blauen Vergißmeinnicht darauf. Gerade so eines hatte ich vor zwei Tagen auf seinem Tisch unter allerlei Papieren in einem zierlichen Kästchen liegen sehen; ich glaubte, es sei für mich zum Geburtstag bestimmt – Du weißt, übermorgen, und fast reute es mich, daß ich’s bemerkt. Neben dem Schmuckkästchen Wiebkes lag ein Haufen zerknitterten Papieres; ich erhob mich im Bett und griff danach – und erstarrte: darunter stand jene selbige Schachtel und nachlässig daneben geworfen lag an Blatt Papier, ein beschriebenes – von seiner Hand ohne Namen; er bat sie, morgen in [511] das Dünenthal zu kommen, zur Abendstunde; er müsse Wichtiges und Geheimes mit ihr reden; und recht süß und vorsichtig hatte er seine Worte gestellt. Wie ich es las, trat erst Ekel in meine Seele, und dann fing sie an, aufzujauchzen: ‚Du bist frei, Du bist frei!‘ – Auf der Rückseite stand mit Bleistift Wiebkes Antwort: ‚Das Armband schicke ich zurück. Ich mag kein gestohlenes Geschmeide, es gehört wohl Ihrer Braut. Ich komme nicht nach den Dünen, und Sie nicht wieder zum Thurm; ich mag Sie nicht, so wenig wie Ihr Gold!‘ So ungefähr. Ich drückte die Hände auf mein pochendes Herz: ‚Erlöst! Er und ich!‘ Ich meinte Dich.“

Wiebke kam; ich zeigte ihr alles mit zitternder Hand und sagte ihr alles.

„Es wäre eine Versuchung gewesen von manchem andern; von ihm nicht!“ bekannte sie ehrlich und half mir mit freundlich geschäftiger Hand.

„Sie weiß, wo ich jetzt bin! Und ich bin bei Dir, bei Dir!“ jauchzte Hildegard. „Alle Noth ist vorbei; nur habe mich lieb!“

„Und das Band?“ fragte ich und hielt sie fest im Arm.

„Als ich an jenem Tage ins Boot stieg, an dem Du es im Zorn hinabwarfst, sah ich es auf dem stillen Wasser neben dem Kahn treiben, wie’s langsam gegen die Felsen getragen wurde von den spülenden kleinen Wellen. Da tauchte ich die Hand ein und nahm es mit – tiefes Leid um Dich im Herzen; zum Andenken an Dich – an meine Jugend – an mein Glück! Und hab’s alle Stunden bei mir getragen! … Und nun will ich gehen,“ sagte sie und stand auf und legte mir die Hände auf die Schultern. „Der Mond wird bald untergehen, und es schickt sich eigentlich nicht, daß ich Dich auf Deiner Kammer besuche zur Mitternachtszeit; aber Du bist mir nicht böse darum, nicht wahr? Und unser Herrgott wird’s auch nicht sein; heut’ war Deine Stube eine Kirche, denn seine lieben Engel waren mit dabei; nicht wahr, bei unserem Verlöbniß?“

Ja, der Mond ging unter; aber funkelnd ging unsere Sonne auf, Ströme goldigen Lichtes ausgießend über unseren Weg. Es giebt doch Glück, auch auf Erden schon!




Als ich erwachte am nächsten Morgen, da war mir’s wie ein Traum. Allmählich kam mir das ganze Gefühl der Erlösung aus jahrelangen Banden einsamen Leids, das Gefühl der seligen Gewißheit und ich hob die Hände in unendlicher Freude! So blühten uns zwei Tage eines Glückes, wie es wenigen beschieden ist. Wir saßen zusammen und horchten hinaus, wie da immer noch Odins wilde Jagd mit Pfeifen und Heulen über die brandende Nordsee fuhr, und bauten uns unsere eigene Welt. Sie lag vor mir auf den Knieen, die Arme aufgestützt und das Gesicht in die Hände gelegt – so sah sie zu mir auf mit den blauen Augen, umwallt von dem langen dunklen Haar, und welch ein Feuer strahlte aus den Augen, welche Welt lag für mich darin!

„Weißt Du, was ich wollte?“ fragte sie ernsthaft.

„Nun?“

„Daß wir so allein blieben! So ganz nur Du mir und nur ich Dir angehörig! O, wenn Du wüßtest, wie lieb ich Dich habe!“

Ich wußte es.

„Kennst Du das Lied von den zwei Königskindern?“ fragte sie weiter, „die nicht zu einander kommen konnten, denn das Wasser war viel zu tief?“

Ich dachte an den ersten Abend unten im Thurm und an Wiebkes Gesang.

„Für uns war’s nicht zu tief! Wir waren die Königskinder, aber uns hat’s zusammengebracht. Und wenn ich Dich jetzt wieder lassen sollte –“ wie glomm es auf in ihrem Blick! – „ja, dann hieß es auch zum Schluß: ‚Und länger konnt’ sie nicht leben!‘“ Sie sprang auf und legte die Hände um meinen Nacken zusammen, und ihr langes Haar wallte um mein Gesicht, wie sie sich über mich seligen Mann neigte: „Alles, alles, was ich seit jenen Tagen ins Herz zurückdrängen mußte, jetzt ist’s über seine Dämme getreten – ich bin wieder dieselbe, die im Schloßgarten Dein Arm umfing, wie die Nachtigall ihre letzten Weisen sang; aber ich bin älter, mein Herz ist stärker; ich will, ich muß jetzt Dein sein mit allem, was in mir lebt und lebendig geworden ist; es soll keine Falte meines Herzens sein, in die Du nicht hineinschaust, kein Gedanke, den Du nicht kennst – aber ich will auch Dich haben; ganz –!“ Starke Leidenschaft brach aus ihren Augen; holdselig stand sie vor mir.

Zwei Tage lebten wir so hoch über der Welt, während kein Verkehr mit dem Lande möglich war. Aber doch ging die Rede zwischen uns und dem Hause, zu dem sie bisher gehört, häufig genug hin und her. Der Leuchtthurm stand in telegraphischer Verbindung mit Stagersand, und von dort gingen die elektrischen Boten nach Fischbeck, uns von drüben, ihnen von hüben Kundschaft zu bringen. Brar Volkers war so verständig gewesen, gleich am ersten Abend beruhigende Nachricht hinüber zu senden, und von den prächtigen alten Leuten, wie von dem minder prächtigen Domänenpächter, ihrem Sohn, liefen Trost- und Mahntelegramme genug ein.

Hildegard behandelte alle, die von ihm kamen, mit einer grenzenlosen Verachtung, die an Haß grenzte. Eben war wieder eines angekommen; sie hielt es mir entgegen, lachend, daß die weißen Zähne unter der feinen Oberlippe hervorblitzten. Wenn sie mich anlachte, war’s anders!

„Hier, lies!“ sagte sie. Ich las: „Theure; sobald morgen ein Verkehr möglich ist, komme ich hinüber und hole Dich; wir sehnen uns unbeschreiblich nach Dir!“

Wiebke lachte auch.

„Na, ich gönne es ihm!“ sagte sie leichthin, „aber die Augen!“

Nur Brar Volkers saß ernst und bedächtig und rauchte stark aus seiner Kreidepfeife und sagte nichts.

Am nächsten Morgen war der Sturm abgeflaut und die See niedergegangen. Wir standen oben auf der Galerie des Thurms, Hildegard auf meinen Arm gelehnt und eng an mich geschmiegt, und beobachteten den Strand durch meinen Kieker.

Ich reichte ihn ihr: „Schau hin; da wird ein Boot klar gemacht!“ Helles Roth stieg in ihre Wangen; ich richtete ihr das Glas. „Ja,“ sagte sie, und ich fühlte, wie ein leichtes Zittern durch die schlanke Mädchengestalt ging – „nun sehe ich einen gelben Strohhut. Ich fürchte mich!“ sagte sie, das Glas sinken lassend und ihr Gesicht an meiner Schulter bergend; „laß uns hier oben bleiben!“

„Das geht nicht, Hildegard; Aug in Auge müssen wir Abrechnung mit ihm halten!“

Sie richtete sich auf: „Nun gut denn! Du hast recht; ich habe eine gute Sache! Laß uns gehen! Aber um eines bitt’ ich Dich: laß mich ihn allein empfangen, wenn das Boot landet; willst Du? Aber bleib’ in der Nähe, in der Wirthsstube, sonst fürchte ich mich doch!“

Langsam gingen wir die hohe Treppe hinunter. Vor Wiebkes Zimmer machte sie sich los: „Ich komme nach! Geh’ in die Wirthsstube und komm mir zu Hilfe, wenn’s sein muß!“ Die kleine Hand war doch kalt, die sie mir reichte.

Sie stand unten an der Landungsstelle; noch immer in Wiebkes Kleidern, jetzt sogar mit dem reichen Silberschmuck auf der Brust, das aufgenommene Haar unter das schwarzseidene Kopftuch mit den abstehenden Flügeln gezwängt. Das Boot kam näher. Der Mann mit dem gelben Strohhut winkte vergnügt mit der Hand. Hildegard stand ruhig, an den Bootsdavit gelehnt. Ich sah, wie sie mir verstohlen und verständnißinnig zunickte; der etwas kurzsichtige Herr hielt sie offenbar noch für Wiebke.

Nun kam das Boot näher. Hildegard beschattete die Augen, wie von den Sonnenstrahlen geblendet, mit der Hand. An Gestalt und Wuchs waren sich beide Mädchen ziemlich gleich, so daß ein Irrthum verzeihlich war. An dem so emporgehaltenen Handgelenk funkelte ein goldenes Armband – jenes mit den blauen kleinen Vergißmeinnicht. Er mußte es blitzen sehen. Er winkte mit seinem Tuch; er freute sich offenbar über den Anblick, den das schöne Friesenmädchen dort oben bot, das zu seinem Empfang da stand. Das Boot schoß herum und das niedergeholte Segel verbarg ihm auf kurze Zeit ihre Gestalt. Kaum war das Boot nahe genug, so sprang er gewandt heraus; Hildegard ließ die Hand von ihren Augen sinken und blickte ihn an – er taumelte einen Schritt zurück.

„Hildegard!“ stotterte er – „nein, diese Ueberraschung! Du siehst ja entzückend aus in dem Anzug –“

„Ja wohl, besonders mit dem schönen Armband, nicht wahr? Ist es nicht wundervoll?“ fragte sie und streckte ihm die Hand [512] entgegen. Sie suchte ihre Stimme fest zu machen, aber ihr Busen wogte in mächtiger Aufregung.

„Um Gott!“ rief er und war bleich geworden – „wie kommst Du dazu?“ entfuhr es dem Fassungslosen, Ueberraschten.

„Laß unsern Herrgott aus dem Spiel!“ sagte sie ernst und ihre großen Augen lagen mit einem unaussprechlichen Ausdruck auf ihm; „nehmen wir an, ich hätte es gefunden, und dies dazu!“ Sie griff in die Tasche und hielt ihm den Brief entgegen. „Da Sie das Armband so gut wieder erkannt haben, ist die Frage, ob Sie die Handschrift hier anerkennen, wohl überflüssig – hier!“ Sie knitterte das Blatt zusammen in der kleinen Hand und warf es ihm vor die Füße; „und hier!“ das Armband klirrte auf den Fels; „und hier!“ ein kleiner Goldreif sprang auf und rollte über die Granitquadern ins Meer. Ohne einen weitern Blick wandte sie dem Wortlosen den Rücken und ging langsam auf die Thür des Thurmes zu.

Er sah nicht sehr geistreich aus in diesem Augenblick. – Plötzlich aber fuhr er auf und lief ihr nach. Er faßte ihren Arm. „Hildegard!“ keuchte er, „was soll das? Bist Du wahnsinnig?“

Mit vornehmer Bewegung machte sie ihren Arm los. Kalt und feindselig sah sie ihn an, das Haupt zurückgeworfen, die volle Unterlippe etwas vorgeschoben. Sie sagte kein Wort. Mich hatte sie doch noch anders angeschaut damals im Kursaal!

„Hildegard, was machst Du?“ rief er heiser; „so höre mich doch! Was ist denn mit Dir vorgegangen?“ Ihre Lippe schürzte sich in bitterer Verachtung. Sie blickte über ihn weg nach dem Fenster, an dem ich stand, und winkte mir. Sein Auge folgte unstet ihrer Bewegung. Jetzt strömte wieder dunkles Roth über sein fahl gewordenes Gesicht und es leuchtete auf in seinem Blick. „Ah!“ rief er.

Ich trat hinaus.

„Sprich Du mit dem Herrn!“ sagte Hildegard kalt und trat in den Thurm.

Du? Du?“ stammelte er und machte einen Schritt auf mich zu – „Herr, was ist hier vorgegangen? Stehen Sie mir Rede!“

„Kommen Sie mit,“ sagte ich und zog ihn in einen Winkel des vorspringenden Felsens, wo man uns nicht sah vom Thurme aus; „die Sache ist sehr einfach: Sie haben sich so wenig als Mann von Ehre gegen Ihre Braut benommen – Sie werden die Thatsache selbst nicht leugnen wollen, denn die Beweise sind ja erdrückend – daß Sie nichts Besseres thun können, als die Lösung Ihres Verlöbnisses ohne weiteres anzuerkennen –“

„Den Teufel will ich!“ schrie er mich an.

„Es wird Ihnen wohl nichts anderes übrig bleiben; denn ich vertrete die Interessen des Fräuleins von jetzt an –“

„Sind Sie verrückt, Herr? Mit welchem Recht?“

„Als ihr zukünftiger Gatte!“

Er sah mich an, als ob er falsch gehört hätte.

„Ihr – zukünftiger – Gatte, sagten Sie?“ Er lachte laut auf. „Das ist ja eine reizend anständige Gesellschaft hier! Auf diese Art von Leuchtthurm will ich doch die Polizei aufmerksam machen! Die Tochter und die Gäste scheinen gleich gut zu sein –“

Da langte mit einem Male ein dicker Arm in Flaus gekleidet um die Ecke und faßte den Fassungslosen in des Wortes eigenster Bedeutung am Kragen. Er sah sich um, so gut er konnte, und schaute in Brar Volkers’ grimmiges dunkelrothes Gesicht.

„So? Der Polizei wollen Sie mich melden?“ grollte der Alte im heißen Zorn; „und meine Tochter und das Fräulein wollen Sie hier schlecht machen? Nun will ich Ihnen ’mal etwas sagen: die Polizei wohnt da drüben an Land; und nun machen Sie nur schnell, daß Sie hinkommen; sonst könnten Sie hier vorher noch die Fäuste eines alten Seemanns kennen lernen, daß Ihnen Hören und Sehen vergeht –“ Und nun brach die Wuth los bei dem Alten. „Was?“ donnerte er und schüttelte den Machtlosen – „und Sie haben mir hier mein Kind, mein Mädel verführen wollen?“ –

Und was nun kam, das schenke ich dir, Fritz; aber bei jedem Kraftwort flog der geknickte, jeden Widerstand aufgebende Herr vor der Eisenfaust, die ihn hielt, vorwärts oder rückwärts.

„Und nun fort!“ brüllte Brar Volkers und schob ihn vor sich her, „und Gnade Ihnen Gott, setzen Sie je den Fuß wieder hier auf den Felsen!“

Jetzt waren sie beim Boot; mit einem letzten Stoß warf er den großen Mann hinein, daß er über die Duchten fallend hinschlug. „Ab!“ schrie er dem Schiffer zu, der in stummem Entsetzen zugehört hatte und sich beeilte, dem Befehl zu folgen.

Der Domänenpächter setzte sich aufrecht und drohte mit der Faust hinauf gegen mich und ihn, ohnmächtige Wuth im Gesicht.

„Hier, Sie haben noch ’was vergessen!“ rief Brar Volkers; „verschenken Sie’s nur anderswo, wo Sie mehr Glück damit haben!“

Damit schleuderte er das Armband mit kräftigem Fußtritt vom Stein hinaus, daß es klirrend gerade ins Boot fiel, in dem der Schiffer das Segel setzte – und hin fuhr es! Ich athmete auf. Als ich in die Thurmstube trat, fiel mir Hildegard wortlos um den Hals.

Nur einen Schmerz hatte sie noch zu überwinden, einen harten Absagebrief der Mutter, von der sie so herzlich viel hielt. „Wie weit Sie im Recht oder Unrecht sind meinem Sohn gegenüber, will und kann ich nicht untersuchen; aber es wäre Unnatur, wenn von Stund’ an nicht jegliche Verbindung aufhörte. Schreiben Sie mir nicht – ich nehme keinen Brief von Ihnen an!“

Thränen standen in ihren Augen, als sie mir das Schreiben zeigte.

„Thut’s Dir leid?“ fragte ich.

„Sprich so etwas nicht!“ sagte sie, in ihren Thränen lächelnd; „ich brächte Dir wohl noch andere Opfer!“ –

Am Nachmittag nahmen wir Abschied vom Thurm und seinen Bewohnern. Brar Volkers schüttelte mir herzhaft die Hand. Mit einem Male ließ er meine schon ziemlich zerarbeitete Rechte los, trat an den Kredenztisch und schenkte vier Gläser goldigen Portweins ein.

„Hier, Fräuleinchen, das trinken Sie nur ruhig aus; das kratzt nicht so wie der Cognac neulich! Und nun glückliche Reise, und wenn Sie im Sommer ’mal wieder an die See reisen, dann kommen Sie nur immer zu uns! Prost!“

Hell klangen die Gläser zusammen. So schieden wir.

Wiebke steuerte wieder wie an jenem Tage das Boot, das uns nach Stagersand brachte. Was lag zwischen damals und jetzt! Hildegard hielt meine Hand und sah zu mir auf. Mein Lebensglück lag in diesem Blick. Da ragte der Stein aus dem Wasser, auch jetzt noch umspült von der Brandung. Wir schauten hinüber – und schauten uns an: es war der Grundstein des Hauses, in dem wir wohnen wollten.

Um’s kurz zu machen: Wiebke war sehr bewegt, als wir Abschied von ihr nahmen, und fiel Hildegard weinend um den Hals. „Ich mag gar nicht in den alten langweiligen Thurm zurück!“ klagte sie; „nun wird’s wieder so gräßlich einsam!“ Mir drückte sie mit abgewandtem Gesicht die Hand und stieg ins Boot, hißte ihr Segel und schaute nicht um, so lange wir ihr nachsahen; und wir standen auf dem Steg, Hildegards Arm lag in dem meinen, und ich verglich diese Stunde mit jener, als ich damals in bitterer Seelenqual mit Wiebke hier ins Boot gestiegen war.

Hildegard sah träumerisch ins Wasser.

„Denkst Du an die Rose, die in Euer Boot fiel?“ fragte sie.

„Ja!“ sagte ich erstaunt, „wie kommst Du darauf?“

Er hatte sie mir wie im Scherz von der Brust genommen und sie hinabgeworfen; ich dachte nichts Böses dabei, aber es that mir doch weh; doch wie er oben auf dem Thurm ihr das Glas zutrank, da ging mir eine Ahnung auf. Und je öfter er hinüberfuhr, desto deutlicher wurde sie. O wie elend war mir zu Muth! Und als Du mich fragtest im Boot, ob ich glücklich sei – da hätte ich aufschreien können vor Leid. Aber ich durfte Dich nicht in mein gequältes Herz schauen lassen und Du durftest damals am wenigsten von allen Menschen wissen, was für Gedanken durch meine Seele auf dem Stein gezogen waren, die mich alles um mich her vergessen ließen: ich dachte an Dich und wußte, daß ich zu lebenslänglichem Unglück verurteilt sei! Und nun ist alles, alles neu geworden!“ –

Ich brachte Hildegard zu meiner Schwester. An einem Novembertage, gerade als der erste Schnee niederrieselte, traten wir aus der Kirche, fröhliche Brautleute, ein glückseliges Paar; nicht rührselig und mit feuchten Augen, jubelnder Lebensmuth leuchtete mir aus den tiefblauen Augensternen der wonnereichen Frau, die laut und frisch „Ja“ gesagt hatte. Es war Vollmond an diesem Novemberabend, wie in jener Nacht im Leuchtthurm. Hell fiel sein bläuliches Licht auf die verschneiten Felder

[513]
Die Gartenlaube (1888) b 513.jpg

Kaiser Wilhelm II. auf dem Exerzierfelde.
Originalzeichnung von F. Wittig.

[514] und in breitem Strahlenbündel in unser Zimmer. Wir standen am Fenster. Ihre Arme lagen um meinen Hals und meine Hand wühlte in dem dunklen gelösten Gelock ihres Haares, das um sie niederwallte. Ihr Mund lag dicht an meinem Ohr; da sang sie wieder leise:

„Und du kannst noch zehn Jahr warten,
Zehn Jahr sind bald herum!“

Wundersam sah sie mich an und ein silberhelles glückliches Lachen erklang von den rothen Lippen, die sie mir bot! –

Du fragst nach der schönen Wiebke? Sie ist seit anderthalb Jahren mit einem königlichen Lotsen verheiratet; wir waren von Stagersand aus beide auf ihrer Hochzeit und haben bei ihrem Buben kürzlich Gevatter gestanden. Wir haben ihr zur Hochzeit ein schweres goldenes Armband geschenkt. Meine Frau war erst dagegen; aber Wiebke wurde roth vor Freude, als sie es anlegte. Sie ist jedenfalls die hübscheste Frau an der Küste und ihr Mann ist ein forscher Seemann mit zwei sehr hellen, scharfen Augen im Kopf.

Da hast Du die Geschichte meiner Liebe, Fritz. Ich wünsch’ Dir nur, sei so glücklich wie ich, dann gehst Du gesegnet auf Erden. Hildegard läßt Dich hundertmal grüßen! Sie trägt mir’s auf, indem sie als reizende sorgliche Hausfrau in die Laube tritt, eine Kanne mit dem schäumenden Trunk in der Hand. Ja wohl, nun singe ich wieder wie einst:

„Das schwarzbraune Bier, das trink’ ich so gern,“ wenn sie’s mir schenkt – und „die schwarzbraunen Mädel, die küss’ ich so gern“ – wenn sie mein eigen sind, heut’, morgen und allezeit!

Auch Aennchen läßt Dich grüßen. Ist eine allerliebste Pastorsfrau geworden. Sie ist zu Besuch bei uns. Sie sitzt gerade drinnen am Klavier und spielt:

„Das Lieben bringt groß’ Freud’,
Es wissen’s alle Leut! “

Hat recht! Ich weiß es; Du weißt es auch! Vale faveque! Auf deutsch: „Behüt’ Dich Gott! und behalte mich lieb!“




(Nachdruck mit Quellenangabe gestattet.)
Eine Eisenbahnreise im Jahre 1893.

Es war am 14. Juli 1893. Die letzten Termine waren überstanden. Die Gerichtsferien hatten begonnen, auch die Schulferien. Alles drängte den Bahnhöfen der Stadt zu, die aber bei Leibe nicht mehr Bahnhöfe hießen, sondern „Empfangsgebäude“.

Seit Beginn des Jahres war in ganz Deutschland die große Eisenbahnreform in Kraft getreten, welche mein Freund Dr. Eduard Engel in Berlin vor fünf Jahren auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege einer Druckschrift, damals zunächst theoretisch, begonnen hatte, auf demselben Wege also wie mancher andere Reformator – und seither hatten die Gedanken des Büchleins ihren Siegeszug gehalten durch die Spalten der Tages- und Fachpresse, durch die Parlamente des Reichs und der Einzelstaaten, schließlich sogar – wenn auch von manchem Kernfluch über die grundstürzende Neuerung begleitet, durch die Eisenbahnämter und – die obersten Stellen der Reichs- und Landeseisenbahnen. Und seit Beginn des laufenden Jahres 1893 hatte man in Deutschland den großen Sprung ins Dunkle gewagt, und die „Eisenbahnreform“ Dr. Engels durchgeführt, welche in Buchform vor fünf Jahren, 1888, Hermann Costenoble in Jena in Verlag genommen hatte.

Der Lärm in der in- und ausländischen Presse über die Ergebnisse dieser deutschen Neuerung war in der ersten Hälfte des Jahres 1893 ein so ungeheurer, so betäubender gewesen, daß ich seit Januar grundsätzlich nichts mehr darüber gelesen hatte. Daß unsere Eisenbahnfinanzen infolge dieser Neuerung keineswegs dem unvermeidlichen Bankerutt zueilten, den Hunderte von Eisenbahnfachmännern vorher geweissagt hatten, war bereits ausgemacht. Mich interessirte aber viel mehr, als diese keineswegs unwichtige Frage, die andere: wie man nach den zu gesetzlichem Ansehen gelangten Grundsätzen der Eisenbahnreform meines Freundes nun reisen werde. Das persönlich zu erproben, hatte eine Kette widriger Umstände, vor allem Zeitmangel, bisher gehindert. Neugierig wie ein Kind, nahte ich mich nun Mitte Juli des Probejahres sammt meiner Familie dem Empfangsgebäude und in diesem dem „Fahrscheinschalter“ – auch das Wort „Billet“ war von der Hochfluth der Sprachreinigung längst verschlungen worden.

Seit mehr als dreißig Jahren war ich in diesem „Empfangsgebäude“ der Thüringischen Eisenbahn zu Leipzig zur Zeit der Sommerreisen Stammgast. Hier hatte einst der Bräutigam die Briefe an die in der Schweiz wohnende Braut in den Nachtschnellzug geworfen. Von hier war er ausgezogen, um sie heimzuführen. Hier waren später die Kinder in den Wagen gehoben worden, um mit den Eltern alljährlich die fröhliche Sommerfahrt in die schweizer Berge anzutreten. Höher und höher wuchsen Sie heran und theurer und theurer wurde die Fahrt. In der Zeit, da es noch keine kombinirten Rundfahrtbillets und Extrazüge gab, wurden jedesmal rund 370 Mark in Leipzig für die Fahrt nach Basel, und ebenso viele Mark in Basel für die Fahrt nach Leipzig, an dem Schalter aufgezählt, nur um die Fahrt zweiter Klasse für sieben Personen zu bestreiten. Die große Ausgabe für Ueberfracht des Gepäcks war dabei ungerechnet.

Mit dem seligen Gefühl eines Bürgers der Vorzeit, wenn dieser vor dem erlegten Landesdrachen stand und demselben nun beruhigt in das nimmersatte Maul blickte, nahte ich diesmal an der Spitze meiner Lieben dem thüringischen Schalter und forderte sieben Fahrscheine zweiter Klasse nach Basel für den Blitzzug – der, beiläufig bemerkt, nun in elf bis zwölf Stunden von Leipzig bis Basel fuhr.

„Nach Basel?“ versetzte lächelnd der Beamte. „Giebt’s nicht mehr seit Engel. Sie meinen ‚dritte Zone‘, da können Sie nach allen Richtungen bis an die Grenzen des Deutschen Reiches reisen, wohin Sie wollen.“

Die Worte klangen berauschend schön und verlockend. Vor fünf Jahren hätte jedermann diese „dritte Zone“ in der berühmten „vierten Dimension“ gesucht, natürlich ohne Sie zu finden. Ich wollte aber doch noch etwas mehr über diese „dritte Zone“ hören, ehe ich aufs Gerathewohl mit meiner ganzen Familie darauf los oder in Sie hineinfuhr.

„Wodurch unterscheidet sich denn diese ‚dritte Zone‘ von den übrigen Zonen, z. B. den beiden ersten?“ fragte ich.

„Z. B. den beiden ersten?“ versetzte der Beamte mit himmlischer Geduld und mit mildem Lächeln. „Das ist auch nicht zutreffend, wenn Sie etwa damit andeuten wollen, daß wir noch mehr als drei Zonen hätten oder annähmen. Sie lesen wohl wenig Zeitungen, lieber Herr?“

„Gar keine über die Eisenbahnreform.“

„Das muß wohl sein. Denn seit sechs Monaten sind alle Blätter tagtäglich damit beschäftigt, unsern so einfachen Zonentarif dem lieben Publikum einzuprägen. Hier nebenan hängt der Anschlag. Bitte, lesen Sie ihn und entscheiden Sie sich dann. Das Gedränge am Schalter ist jetzt zu groß zur Fortführung unseres Gespräches.“

„Schön.“

Ich las den Anschlag. Er war in der That von verblüffender Einfachheit. Denn er lautete: „Es werden im ganzen Deutschen Reiche nur neun Arten von Eisenbahnfahrscheinen (Billets) ausgegeben, nämlich:

1., für die erste Zone (25 Kilometer Entfernung in jeder Richtung von der Abfahrtsstelle mit eintägiger Gültigkeit) zu folgenden Preisen:

III. Klasse II. Klasse I. Klasse
25 Pfg. 50 Pfg. 2 Mark.

2., für die zweite Zone (26 bis 50 Kilometer Entfernung in jeder Richtung von der Abfahrtsstelle):

III. Klasse II. Klasse I. Klasse
50 Pfg. 1 Mark. 4 Mark.
Gültigkeitsdauer einen Tag.

3., für die dritte Zone Entfernung über 50 Kilometer in jeder Richtung (mit dreitägiger Gültigkeit der Fahrscheine):

III. Klasse II. Klasse I. Klasse
1 Mark. 2 Mark. 6 Mark.

Für die Benutzung des Blitzzuges sind je zwei Fahrscheine der Klasse zu lösen, welche man benutzen will.“

Ich machte mir nach dieser Anweisung die Kopfrechnung: „Leipzig-Basel ist ‚dritte Zone‘. Sieben Billets – Vergebung ‚Fahrscheine!‘ – zweiter Klasse kosten also sieben mal zwei Mark, also 14 Mark mit dem gewöhnlichen Zuge, die doppelte Zahl Fahrscheine für den Blitzzug 28 Mark! Das heißt sieben Personen zahlen zusammen wenig mehr als die Hälfte des Fahrpreises, den Anno 1888 eine einzige Person für sich erschwingen mußte, um in dem damals viel langsamer fahrenden Schnellzug von Leipzig nach Basel zu reisen (52 Mark 30 Pfg.)!“

„Weh Dir, daß Du ein Enkel bist!“ rief ich mir bei dieser Entdeckung im Stillen zu. „Wie schade, daß dieser ebenso einfache als bescheidene Tarif nicht schon seit dreißig Jahren in Geltung ist! Ich hätte viele Tausende dabei erspart, und die Eisenbahnen hätten – wie die Erfahrung zeigt – sich auch nicht schlechter dabei gestanden. Excellenz Varus Maybach, geben Sie mir doch meine Legionen Mark wieder! Ach, das ist ein frommer Wunsch!“

„Geben Sie mir also vierzehn Fahrscheine zweiter Klasse nach der dritten Zone,“ sagte ich laut zum Schalterbeamten.

„Aber wollen Sie nicht lieber erste Klasse nehmen?“ fragte mich dieser Verführer zur Verschwendung. Die Wagen zweiter Klasse sind nämlich nach den Vorschlägen des Eisenbahn-Evangelisten Engel bedeutend unbequemer geworden als früher. Die Wagen erster Klasse dagegen bedeutend bequemer. Ihre Reisegesellschaft würde einen Salon oder zwei Fahrabtheilungen erster Klasse für sich haben. Die Sitze sind sehr bequeme, tiefe, breite Polsterstühle, verschiebbar, mit Schemel, zur Nachtfahrt als förmliche Betten auseinander zu klappen. Sie haben da schwere Teppiche auf dem Fußboden, elektrisches Licht, Wascheinrichtung mit allem Zubehör. Ein doppelter, mit dämpfender Füllung versehener Fußboden, beste Federn, holzgefüllte Wagenräder bieten alles, was bisher zur Verminderung des Fahrgerassels und Wagenstoßens erfunden ist. Und der Preis für diesen –“

„Hochgenuß des Jahrhunderts, wollen Sie sagen –“

„Richtig, mein Herr, beträgt von Eydtkuhnen bis Trier und von Emden bis Basel, von Verviers bis Freilassing sechs Mark im gewöhnlichen, zwölf Mark im Blitzzuge. Von Leipzig nach Basel zahlen Sie also für Ihre vierzehn Fahrscheine zum Blitzzuge wenig mehr als früher ein einziges Billet erster Klasse (70 Mark 50 Pfennig) auf derselben Strecke oder ein zeitraubendes ‚kombinirtes Rundfahrtbillets‘ zweiter Klasse hin und zurück (71 Mark 60 Pfennig oder 75 Mark 50 Pfennig). Sie könnten aber, wenn Sie dazu Lust hätten, für dasselbe Geld auch die doppelte Entfernung im Deutschen Reiche durchfahren, als die von Leipzig nach Basel, denn die Entfernung spielt heute nur bei Abgrenzung der drei Zonen, sonst gar keine Rolle mehr.“

[515] Der Mann hatte mich. Ich nahm 14 Fahrscheine erster Klasse dritter Zone für 84 Mark. Sie sahen eigenthümlich aus. Auf der Vorderseite stand nämlich nur:

 
Von
Leipzig, Thüringer Bahnhof
I. Klasse I.
Dritte Zone
6 Mark.
Umwenden!

Auf der Rückseite stand in kleinem Druck:

Dieser Fahrschein berechtigt nur zur einmaligen Fahrt nach jeder beliebigen Eisenbahnstation des Deutschen Reiches. Er ist beim Betreten des Bahnsteigs der Abgangsstation vorzuzeigen und beim Verlassen des Bahnsteigs der Endstation abzugeben.
Er hat nur Gültigkeit für drei Kalendertage.
Der Benutzer einer höheren Klasse als der, zu welcher dieser Fahrschein berechtigt, wird mit einer sofort zu entrichtenden Ordnungsstrafe von 10 Mark belegt und hat außerdem strafrechtliche Verfolgung zu gewärtigen.

Die nächste meiner Sorgen war die Aufgabe des Gepäcks. Das war in den alten Tagen des Eisenbahnbetriebes, die mit 1893 zu Ende gegangen waren, in der That ein sorgenreiches Geschäft für einen Familienvater gewesen! Denn mit den 25 Kilo „Freigepäck“, welche die alte Betriebsordnung dem norddeutschen Eisenbahnreisenden gewährte – Süddeutschland kannte überhaupt kein „Freigepäck“ außer dem kleinen Handgepäck – war bei längeren Sommerreisen übel auszukommen, namentlich für Damen. Mit trübem Blick sah man damals die unbestechliche scharfe Nadelzunge der Eisenbahnwage höher und höher schnellen, bis alle Gepäckstücke der Familie aufgeladen waren – und dann kam die bittere Eröffnung des Gepäckbeamten, daß irgend ein fabelhafter Betrag, zwanzig, dreißig Mark und darüber als „Ueberfracht“ zu zahlen sei.

Wir hatten diesmal, im Vertrauen auf die Weitherzigkeit der Eisenbahnreform auch im Gepäcktarif, eine schwere Menge Gepäck eingeladen, fünf Koffer zu je 50 Kilo. Ich war sehr neugierig auf den Kostenbetrag.

An Stelle der vier bis fünf Leute, welche ehedem das Verwiegungs- und Einschreibegeschäft des Gepäcks besorgt hatten, war diesmal ein einziger Beamter zur Stelle, welcher meine von den Trägern ihm vorgelegten fünf Koffer und Körbe abwog, sich die Fahrscheine vorzeigen ließ und fragte, wohin das Gepäck eingeschrieben werden solle.

„Nach Basel,“ sagte ich.

„Gut.“

Im Nu hatte er auf zehn Scheinen das einzige Wort Basel ausgefüllt, klebte fünf der ausgefüllten Scheine auf die Koffer und Körbe und gab mir die andern fünf. Diese Scheine sahen so aus:

 
Nr. 3840(–3844).
Von Leipzig, Thüringer Bahnhof
 
nach . . . . Basel . . . .
1 Mark (Blitzzug).
 

„Fünf Mark für die fünf Stück,“ sagte er.

„Fünf Mark?“ fragte ich erstaunt über die Billigkeit der Forderung.

„Ja, fünf Mark,“ wiederholte er. "Wenn sie den gewöhnlichen Zug benutzt hätten, würden Sie nur die Hälfte zu bezahlen gehabt haben. Nach Stationen der ersten und zweiten Zone gar nur 25 Pfennig für 50 Kilo und das Doppelte im Blitzzug.“

„Aber das ist so fabelhaft billig. Kommt denn da die Bahn auf ihre Kosten?“

„Allerdings,“ versetzte er. „Denn früher waren unsere Gepäckwagen nur zu drei Prozent gefüllt. Der Fahrgast schleppte sich – namentlich in der menschenunwürdigen, nun für immer abgeschafften vierten Klasse, aber auch in den übrigen - mit einer erdrückenden Traglast Handgepäck oder begnügte sich mit einem lächerlich kleinen Vorrath von Wäsche, Kleidung, von Reisegepäck überhaupt, nur um die unerschwinglichen Passagiergepäckpreise zu sparen. Jetzt zahlt ein Koffer von 50 Kilo von Eydtkuhnen bis Basel nicht mehr als 50 Pfennig, bis 50 Kilometer Entfernung nur die Hälfte. Und die Folge ist, daß unsere Güterwagen gefüllt sind und einen schönen Ertrag geben.“

„Freilich werden Sie auch die Beamtenkräfte stark haben vermehren müssen, um diesen gesteigerten Güterverkehr zu bewältigen?“ wandte ich ein.

„Ganz im Gegentheil!“ rief der Beamte. „Früher standen hier drei bis vier Beamte, wie Sie sich erinnern werden; zwei an der Wage, zwei im Schreibzimmer, und die Verwiegung und Beklebung, die Aufsuchung des richtigen Gepäckscheins mit dem im voraus vorgedruckten Bestimmungsort, unter Tausenden solcher Scheine, die Eintragung des Gewichtes, die schwierige Berechnung der Fracht oder gar Ueberfracht nahm für manchen Passagier fünf Minuten in Anspruch. Das ist jetzt einfach unmöglich. Ich besorge allein, wie Sie sehen, die ganze Arbeit, und zwar bequem; denn ich habe in jeden Schein nur den Bestimmungsort einzuschreiben. Allein an Beamtengehältern spart die Bahn infolge dieser Vereinfachung und Verbilligung des Passagiergepäcks Millionen jährlich.“

„Hier sind fünf Mark, danke verbindlichst.“

Wir traten auf den Bahnsteig (Perron). Der Zutritt zu demselben war nur mit Fahrschein erlaubt und unsere Fahrscheine wurden vorgezeigt und „eingeknipst“, sowie wir den Bahnsteig betraten. Kein Schaffner stand vor dem langen Zug, welcher das einsteigende Publikum bevormundete und unterwegs den Zug begleitete. Vielmehr sorgten große Aufschriften an den Wagen dafür, daß der Reisende sich nicht verstieg. Ueberall stand in riesigen Buchstaben: „Nach Frankfurt über Eisenach-Bebra-Elm“, auch an der Lokomotive.

Die Farben des Anstrichs der drei Wagenklassen stimmten genau überein mit der Farbe der Fahrscheine zu den drei Klassen: grün, braun und roth.

Niemand konnte sich versteigen. Niemand bedurfte unterwegs eines bevormundenden oder kontrollirenden Schaffners. Die Tausende von Schaffnern, welche in der alten Zeit während der Fahrt in steter Lebensgefahr geschwebt hatten, waren abgeschafft, und zwar theils pensionirt, theils minder unnützen und gefahrvollen Beschäftigungen des Eisenbahndienstes überwiesen. Nur ein einziger Kontrollbeamter tauchte plötzlich einmal unterwegs auf, welcher die Fahrscheine einsah und dann bei der nächsten Station wieder verschwand.

Wir hielten nur viermal auf der Fahrt bis Frankfurt und legten den Weg in sechs Stunden zurück. Es war Mittag geworden. Wir hatten hier anderthalb Stunden Aufenthalt, ehe der Blitzzug nach Basel abging, und begaben uns ist den Speisesaal des Centralbahnhofes. Der Speisesaal befindet sich im Bereiche des Bahnsteiges und ist abgesperrt nach außen, so daß nur mit Fahrscheinen versehene Gäste dort verkehren und eine nochmalige Fahrscheinvorzeigung beim Besteigen des Basler Zuges nicht nöthig ist.

Dann nimmt uns dieser Zug auf, und in fünf Stunden zieht die Bergstraße bis Friedrichsfeld, die Rheinebene bis Karlsruhe, der Schwarzwald zur Linken, später der Wasgenwald und der Kaiserstuhl zur Rechten an uns vorüber. Nachmittags sechs Uhr laufen wir in Basel ein, nachdem wir Leipzig vormittags gegen sechs Uhr verlassen haben. Und diese Fahrt erster Klasse mit Gepäck kostet auf die Person nicht ganz 13 Mark. So reist man Mitte Juli 1993. – Wirklich? –
Hans Blum.




Blätter und Blüthen.

Kaiser Wilhelm II. auf dem Exerzierfelde. (Mit Illustration S. 513.) Ehe der letzte schwere Schicksalsschlag das deutsche Volk traf und ihm nach einer kurzen Spanne Zeit den zweiten Kaiser entriß, konnte man alltäglich um die zwölfte Mittagsstunde an der Ecke der „Linden“ und der Friedrichstraße in Berlin dichte Menschenansammlungen bemerken, welche gespannt nach einer Richtung die endlose Straße hinunterblickten. Hörte man dann in der Ferne den vollen Klang der Militärmusik und sah die blitzenden Truppenzüge sich nähern, so fuhr es wie ein elektrischer Funken durch die hier angesammelte, nach vielen Hunderten, ja Tausenden zählende Menge; alles schob und drängte sich nach vorwärts, Hüte und Taschentücher wurden geschwenkt, brausend ertönten Hoch- und Hurrahrufe, und freundlich grüßend dankte für diese Huldigungen der an der Spitze eines Infanterieregimentes einherreitende Kronprinz Wilhelm.

Anstrengungsreiche Stunden lagen dann bereits hinter ihm, denn seitdem er an seinem diesjährigen Geburtstage, dem 27. Januar, zum Generalmajor und Kommandeur der zweiten Gardeinfanterie-Brigade ernannt worden war, verstrich fast kein Tag, an welchem er nicht einen Theil desselben dem ihm unterstellten Truppenkörper gewidmet hätte, sei es, daß er dem Exerzieren auf einem Kasernenhofe beiwohnte, daß er unvermuthet bei den Turnübungen erschien oder die einzelnen Offiziercorps zu ausführlichen dienstlichen Besprechungen und Instruktionen um sich versammelte, wobei der Thronfolger, wenn es nöthig war, „kein Blatt vor den Mund nahm“, wovon das Rügen verschiedentlicher Modeausschreitungen ein offenkundiges Zeugniß abgelegt hat.

Ganz besonderen Eifer aber widmete der Prinz den Inspizierungen seiner Brigade auf dem Tempelhofer Felde. In früher Morgenstunde, wenn Berlin allmählich erst erwachte, ritt er, entweder mit dem zur Besichtigung bestimmten Regimente oder auch allein, nur von einem Adjutanten begleitet, zu der weiten historischen Ebene jenseit des Kreuzberges. Mit sichtlicher Hingebung, mit von hohen Militärs begeistert gerühmtem sichersten Verständniß lag er dort seinen verantwortungsvollen Pflichten als Brigadekommandeur ob. Es war ein schönes, von einer sich an der Tempelhofer Chaussee hinziehenden langen Zuschauerkette oft genug bewundertes Bild, den ritterlichen Hohenzollernsohn auf seinem stattlichen Goldfuchs, gefolgt von einer glänzenden, aus Offizieren aller Waffengattungen gebildeten Suite, dahinsprengen zu sehen, hier selbst das Kommando übernehmend, da den Parademarsch grüßend, dort sich an die Spitze der stürmend vorgehenden Kolonnen setzend, dann gleich darauf sich zu einem andern Bataillon verfügend und, nachdem das Signal ertönt, an der Seite reitend, genau den Schritt der einzelnen Glieder verfolgend, um nachher, wenn sich die Stabsoffiziere um ihn versammelt, detaillirte Kritik zu üben.

Berlin ist bekanntlich eine durch und durch militärische Stadt, und der Berliner hat ein feines, sich von Jugend an äußerndes Verständniß [516] für alles Soldatische; daß der Enkel Kaiser Wilhelms eben durch und durch Soldat ist, hat ihm schon früh, gerade in der Reichshauptstadt, die Sympathien der weitesten Kreise eingetragen, als deren lautes Echo man jene oben erwähnten Huldigungen betrachten konnte. Aber auch seitdem die Kaiserkrone das jugendliche Haupt des bisherigen Kronprinzen Wilhelm schmückt und er als Kaiser Wilhelm II. den Thron seiner Väter bestiegen, hat er schon vielfach seine Sorgfalt für die Armee, seine rege Antheilnahme an derselben bewiesen. „So gehören wir zusammen – Ich und die Armee – so sind wir für einander geboren und so wollen wir unauflöslich fest zusammenhalten, möge nach Gottes Willen Friede oder Sturm sein“ so lautete es in seinem ersten Armeebefehl. Trotz der so zahlreich an ihn herantretenden Regierungsgeschäfte erübrigte Kaiser Wilhelm doch noch immer Zeit, sich direkt mit seinen Truppen, zunächst durch die Oertlichkeit veranlaßt, mit denen des Gardecorps, in Verbindung zu setzen. Von seiner Sommerresidenz, dem Marmorpalais bei Potsdam, kommend, besuchte er in der Generalmajorsuniform des Garderegiments zu Fuß gerade während der letzten Wochen wiederholt ohne jegliche vorherige Anmeldung das Bornstedter Exerzierfeld und übernahm mehrfach persönlich die Führung der Regimenter, beispielsweise jüngst die seines Leibhusaren- und die des 3. Gardeulanenregiments, als schneidiger Reiter zuerst alle Hindernisse überwindend und an der Spitze der Kavalleriemassen dem markirten Feinde entgegenstürmend. Daß dieser Feind auf lange hinaus nur eben ein markirter sein möge – wer hätte im Deutschen Reiche nicht diesen Wunsch, zumal ihn, alle Kriegsgerüchte und Kriegsgelüste mit einem Schlage vernichtend, Kaiser Wilhelm selbst, umgeben von den Fürsten seines Reiches, vor den Vertretern des gesammten Volkes so warm erst kürzlich geäußert! Wir werden diesen denkwürdigen historischen Vorgang unsern Lesern in einer der nächsten Nummern in getreuer bildlicher Darstellung vorführen.

Schäferidyll. (Mit Illustration S. 505) Es gab eine Zeit, wo die Schäferidyllen Mode waren und wo man auf allen Porzellantassen und Tellern die lieben Schafe mit ihren Hirten und Hirtinnen sah. Das war die selige Rokokozeit, in welcher selbst eine Königin wie Marie Antoinette in ihrem Trianon sich mit dem ganzen Hofe an selbst ausgeführten Schäferspielen ergötzte; doch das waren buntbebänderte elegante Salonschäfer, und auch die Maler und Dichter liebten es, solche Gestalten auf die Leinwand zu zaubern oder in ihren Versen zu feiern. Heutigentags ist man, wie das reizende Genrebild von Blume-Siebert zeigt, der Wahrheit der Natur wieder nahe gekommen. Das ist ein urwüchsiger alter Schäfer, der hier sein Enkelchen und zugleich das jüngste Lämmlein der Herde auf seinem Schoße hält und mit schmunzelndem Behagen sich darüber freut, wie das Kleine sich an dem zarten Thierlein ergötzt und jedenfalls verspricht, einmal des Großvaters Laufbahn einzuschlagen, auf der man es zwar nicht zu Gold und Ehren, doch zu friedlichem Behagen bringen kann. Und auch die Mutter, die mit nicht geringerer Freude auf ihren Liebling blickt, die Tasse, aus der er gewiß oft getrunken, in der Hand, ist ein echtes Landweib, frisch und kernig, und keine Chloe oder Daphnis hat zu ihr Modell gesessen. Auch der treue Schäferhund betrachtet das Familienbild mit Antheil, während das Mutterschaf offenbar mit Angst über dem Geschicke seines Sprößlings wacht.

Ein Schwefelbad in Algier. (Mit Illustration S. 509.) Auf der Eisenbahnlinie Bona-Constantine, unweit von Guelma, liegt die kleine Station Hammam-Meskontine (Bad Meskontine), welcher im Vorjahre die Reisegesellschaft des Wiener wissenschaftlichen Klubs einen Besuch gemacht hat. Von der üppigen Vegetation der Landschaft an beiden Seiten des Bahnweges vermag man sich kaum einen richtigen Begriff zu machen, es ist ein wahres Paradies, das sich den Blicken der Reisenden zeigt. Knapp vor der Station Hammam-Meskontine, zur Linken der Bahnlinie und nur wenige tausend Schritte von derselben entfernt, erscheint plötzlich ein etwa 100 Klafter hoher, fast freistehender Hügel, von dem sich kaskadenartig die schneeweißen siedenden Wasser schäumend herabstürzen. Dichte Dampfwolken steigen von den kleinen Quellenteichen oben auf der Höhe des Hügels auf, in denen das kochende (96 Grad Celsius) sprudelnde Schwefelwasser brodelt und unaufhörlich in neuen reichen Mengen aus dem vulkanischen Innern der Erde aufquillt. Ein märchenhaft schöner Anblick bietet sich dem Beschauer schon im Eisenbahncoupé oder auch vom Fuße des rauchenden Hügels aus dar. Hundert und hundert Stufen, die sich aus dem sich ansetzenden schwefelsauren Kalk im Laufe der Jahrhunderte vielleicht der Jahrtausende, gebildet haben schaffen da eine Scenerie, die eine geradezu imposante Wirkung ausübt. Vom grellsten Weiß der Schaumkämme der Meereswogen und des Schnees unserer Alpen bis ins Orangegelb und Rothbraun und Blaugrau wechseln die Farbentöne der einzelnen Partien dieses kegelförmig aus dem Thale aufstrebenden Hügels … Und wirft die glühende Sonne Afrikas in diese herabstürzenden dampfenden Wasserbäche, in diesem tausendfache Wassergeriesel, das den kleinen Berg wahrhaft lebendig macht, ihre Strahlen, dann glitzert diese Zauberwelt in Milliarden Demanten auf.

Daß sich das phantasiereiche Arabervolk eine phantastische Legende zu diesem Märchenhügel und zu den unweit desselben frei aufragenden Felsenriffen gedichtet hat, eine Sage, die noch heute im Munde der dortigen Bevölkerung lebt, wird nicht Wunder nehmen … Die Mythe der Araber erzählt, daß das brausende Geräusch, das aus dem Innern des Hügels tönt, eine Musik sei, welche die Djenouns, die Dämonen, welche diese Tiefen bewohnen, anstimmen, und daß alle diese Felsenriffe und Steintrümmer ringsum einst weidende Schafe, Ziegen, Pferde, Männer, Frauen und Kinder gewesen sind, welche den Zorn dieser unterirdischen Mächtigen auf sich geladen haben. Jeder einzelne dieser Riesensteine, die zu Füßen des wasserspeienden Hügels wie eine Trümmerwelt liegen, ist den Arabern ein Schrein, in welchen die Römer kostbare Schätze eingeschlossen haben; doch wurden die Schlüssel zu diesen Behältern von ihnen hinweggenommen und nur die Christen allein vermögen diese geheimnisvollen Kassetten zu öffnen.

Theodor Storm †. Am 4. Juli ist ein deutscher Dichter gestorben, der auch über den Kreis seiner begeisterten Anhänger hinaus sich einen angesehenen Namen verschafft hatte. Theodor Storm war ein dichterischer Aquarellmaler und seine stimmungsvollen Natur- und Lebensbilder haben einen eigenartigen Reiz; vor allem gelang es ihm, idyllisches und märchenhaftes Stillleben zu schildern. Sein poetischer Blumengarten ist nicht gerade groß, doch es sind anmuthige und würzige Blüthen, die ihn schmücken. Er ist in erster Linie als Novellist berühmt geworden, denn seine „Gedichte" (1852) obschon sie in mehreren Auflagen erschienen, haben wohl in vielen Kreisen Anklang gefunden wegen ihrer Sinnigkeit und ihres schlichten Gefühlston; aber es wurde kaum eins derselben volksthümlich. In seinen Novellen jedoch ist er ein eigenartiger Miniaturmaler. Es sind bisweilen ganz kleine hingehauchte Figurenbilder idyllischer Genrescenen, die aber gleichsam mit der stillen Friedenslampe eines tiefinnerlichen Gemüthslebens beleuchtet werden. Oft liegt etwas von jenem träumerischen Zug darin, den wir in Wilhelm Jensens Romanen finden. Seine bekannteste Erzählung ist „Immensee“ sie ist in einer großen Zahl von Auflagen erschienen, neuerdings in einer Prachtausgabe; wir erwähnen noch „Im Sonnenschein“, „Ein grünes Blatt“ , „In der Sommermondnacht“, „Ein stiller Musikant“, „Die Regentrude“, „Renate“.

Ein Bildniß und eine kurze Lebensskizze des Verewigten brachte die Gartenlaube im vorigen Jahrgang Seite 597 und 610 zu seinem 70. Geburtstage. Nun hat der Dichter die glänzenden Augen für immer geschlossen und von seinem schönen Poetensitz in Hadenmarschen wurde seine sterbliche Hülle nach Husum gebracht, der theuren Vaterstadt, wo er zum langen Schlummer bestattet sein wollte. Eine unendliche Zahl von Leidtragenden hatte sich versammelt, grüne Lorbeerkränze und Kränze von Garten- und einfachen Feldblumen bedeckten den Trauerwagen, Bürger Husums, Mitglieder der Regierung, Vertreter der deutschen Schriftstellerwelt, Freunde des todten Sängers von nah und fern gaben ihm das letzte Geleit. Thränenden Auges verabschiedete sich am Grabe auch die geliebte Frau mit den Söhnen und Töchtern.

Himmlische Diamanten. Der Goldregen ist jedermann aus der Sagen- und Märchenwelt bekannt. In Wirklichkeit findet er bekanntlich nicht statt; er ist nur eine sinnvolle Schöpfung der menschlichen Phantasie. Aber Thatsache ist es, daß mit den leuchtenden Meteoren manchmal Diamanten zur Erde niederfallen. Der Beweis ist erst neuerdings geliefert worden. Am 1. September 1886 war ein Meteorstein in einem Gewichte von vier Pfund im Distrikte von Krasnoslobodsk, Gouvernement Pensa in Rußland, niedergefallen. Bei der vorgenommenen wissenschaftlichen Untersuchung fanden sich in dem unlöslichen Rückstande kleine Theilchen, welche härter als Korund waren und sich auch durch ihre Dichte und die anderen specifischen Eigenschalten als Diamanten kennzeichneten; die Steinmasse enthielt etwa ein Prozent Diamant. – Leider besitzt der himmlische Diamantenstaub nur einen wissenschaftlichen Werth, aus dem Verkauf desselben wurde man keinen besonderen Gewinn erzielen, da der aus dem Weltall kommende Diamant demjenigen ähnlich ist, den wir in winzigen Partikelchen künstlich zu erzeugen vermögen, dem schwarzen sogenannten Karbonat.

*

Vom Werth des deutschen Waldes. Der deutsche Wald ist unbezahlbar, er ist der Liebling der Nation. Dichter haben ihn unzählige Male verherrlicht und politische Kämpfe wurden um den Waldbesitz und die „Waldfreiheit“ geführt. Wir wollen trotzdem versuchen, den Werth desselben in klingender Münze zu berechnen. Natürlich kann dabei nur von einer annähernden Summe die Rede sein. Von den 311 Millionen Hektaren Wald, welche in Europa noch stehen, besitzt das Deutsche Reich 13,9 Millionen Hektar Waldboden. Hier und dort wurde der Kapitalwerth einzelner Waldstrecken berechnet und für die königlich sächsischen Staatsforsten wurde das Sümmchen von 292 Millionen Mark ermittelt. Legen wir dasselbe als Werthschätzung für den Wald in allen deutschen Staaten zu Grunde, so erhalten wir die runde Summe von 24 Milliarden Mark, die den Kapitalwerth des deutschen Waldes darstellt. Das ist ein hübsches Nationalvermögen, welches Dank der fürsorglichen modernen Forstwirthschaft noch unsern Ururenkeln erhalten bleiben wird.



Kleiner Briefkasten.
(Anonyme Anfragen werden nicht berücksichtigt.)

B. K. in Trier. Auch in diesem Jahre sollen die Kriegergräber und Denkmäler von Metz wie alljährlich von dem Kriegervereine dieser Stadt in Gemeinschaft mit 20 andern Kriegervereinen in Lothringen am 14. und 18. August geschmückt werden. Da das Material zur Ausschmückung nicht ausreicht, so werden von den Vereinen alle Kameraden und Gönner der Kriegergenossenschaften um Geldspenden ersucht.

O. R. in St. Unter den letzten Photographien Kaiser Friedrichs nach dem Leben zeichnen sich die von den Hofphotographen Byrne u. Komp. Richmond Surrey (bei London) aufgenommenen durch eine vorzügliche technische Ausführung aus. Dieselben sind im größerem und kleinerem Format bei William Luks 14 Bedford Street in London erschienen.

G. O. in H. Spitzenklöppelschulen unter königlicher Verwaltung bestehen in Jöhstadt, Hammer-Unterwiesenthal, Unterwiesenthal, Oberwiesenthal, Elterlein, Ehrenfriederdorf.

Frau L. B. in R. W. v. Hillerns Roman „Aus eigener Kraft“ erschien im Jahrgang 1870 der Gartenlaube.

M. E. in Essen. Wir ersuchen behufs brieflicher Beantwortung Ihrer Anfrage um Mittheilung Ihrer genauen Adresse.

W. M. in Tilsit. Ja, wenden Sie sich direkt an die Vorsteherin des betreffenden Hospitals.


  1. Im Sommer des Jahres 1887 hatte dieser Fall noch ein gerichtliches Nachspiel, wovon weiter unten die Rede sein soll.