Die Gemälde-Galerie des Grafen Schack − Kapitel 7

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Adolf Friedrich von Schack
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Kapitel VII.
Untertitel: Karl von Piloty. Franz von Lenbach
aus: Die Gemälde-Galerie des Grafen A. F. von Schack in München
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Dr. E. Albert
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: München
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[34]
VII.


Früh lernte ich den trefflichen C. von Piloty kennen, der von damals bis vor kurzem, in inniger Liebe für die Kunst, und in unermüdeter Sorgfalt für die Ausbildung und das Wohl junger Künstler thätig, an der bayerischen Akademie als deren Direktor wirkte. Er malte ein höchst glänzendes, lebensgrosses Porträt von mir, das auf der Ausstellung vom Jahre 1863 allgemeine Bewunderung erregte und sich jetzt im Besitze meines Bruders befindet. Grosses Aufsehen hatte schon, als ich in München eintraf, Pilotys Bild „Wallenstein und Seni“ gemacht, welches eine Zierde der neuen Pinakothek bildet, und an dieses reihten sich bald andere, überall mit hoher Anerkennung aufgenommene Gemälde. Meine Galerie durfte nicht ohne ein Werk von seiner Hand bleiben; und trotz seiner Ueberhäufung mit Arbeiten erbot er sich auf meinen Wunsch, ein grösseres Bild eigens für mich zu malen. Ich wählte eine früher von ihm entworfene Skizze, an der ich lebhaftes Gefallen fand. Das Gemälde, das er hiernach mit virtuoser Meisterschaft vollendete, stellt Columbus auf dem Schiffe vor, wie er die Küste der neuen Welt erblickt. Der Moment ist glücklich erfasst; in dem ernst bewegten Antlitz des Columbus spiegelt sich, was in seiner Seele vorgeht. Nach langen Jahren der Mühsal und des Ringens hat er nun das Ziel erreicht, das ihm schon seit seiner Jugend in jeder Stunde vorgeschwebt; was als Traum, als eitles Hirngespinst von aller Welt verlacht wurde, wird Wahrheit. Vor ihm steigt die längst versunken geglaubte Atlantis auf; Wunder werden nun in die Wirklichkeit treten, grösser als Marco Polo sie in Indien erblickt. Himmelhohe Berge, vor denen die Alpen wie Hügel versinken, werden im Morgenrote eines neuen Welttags vor ihm strahlen, und immergrüne Thäler sich vor ihm aufthun, deren Frieden seit der ersten Erdenfrühe nicht gestört worden ist. An Riesenströmen und donnernden Wasserstürzen, im Urwalddickicht und unter dem Schatten mächtiger Palmen wird er dort der sorgengequälten Menschheit ein Asyl bereiten, wohin sie aus den Stürmen der in Trümmer sinkenden alten Welt flüchten kann.

Die überlebensgrosse Gestalt des Columbus ist von würdiger majestätischer Haltung. Der Nachthimmel mit dem Bilde des Orion, und die doppelte Beleuchtung durch den Lampenschein und das Sternenlicht, macht einen in hohem Grade überraschenden Effekt. Man hat mir vorgeworfen, ich sei ein Feind des Realismus; ich bin aber vielmehr ein Feind der Willkürlichkeit, mit welcher dergleichen Stichworte gebraucht werden. Für einen leeren, gedankenlosen Realismus freilich habe ich ebensowenig Sympathie, wie für einen hohlen, verblasenen Idealismus; wenn aber der Realismus sich in den Dienst höherer Ideen begibt, wenn er echt künstlerische Zwecke verfolgt, wie in dem Bilde Pilotys, so weiss ich ihn hochzuschätzen.

Noch sehr jung und fast gar nicht bekannt war vor zwanzig Jahren der jetzt als grösster Porträtmaler Deutschlands berühmte Franz von Lenbach. Ich sah zuerst eine unübertreffliche Kopie, die er nach einem Bilde des Rubens in der Münchener Pinakothek gefertigt hatte, und machte ihm, infolge hiervon, den Vorschlag, nach Italien zu gehen und verschiedene Gemälde für mich zu kopiren, für die ich seit langer Zeit eine besondere Vorliebe hegte. Von der überaus erfolgreichen Thätigkeit dieses Künstlers in der Nachbildung vorzüglicher Meisterwerke der alten Kunst kann ich erst später sprechen, wenn von den Kopien die Rede sein wird, die zu den grössten Schätzen meiner Sammlung gehören. Andere Originalbilder Lenbachs, als Porträts, sind in äusserst geringer Zahl vorhanden; doch war ich so glücklich, mehrere derselben an mich zu bringen. Der Hirtenknabe ist eines der frühesten, die er überhaupt gemalt hat; und da es in seiner Art meisterhaft genannt werden muss, erregt es Erstaunen, wenn man denkt, dass es die Arbeit eines Anfängers ist. Die Richtung, welche er später einschlug, als er sich in begeisterter Anschauung der alten Kunst gebildet, erkennt man darin noch nicht. Es ist in realistischer Weise behandelt, und der oberflächliche Beschauer wird besonders die naturgetreue Wiedergabe der Wirklichkeit bewundern. Doch die erste nähere Betrachtung ergibt sogleich, dass der Jüngling, der dies in seiner Art einzige Bild schuf, schon damals weit über den gewöhnlichen Realismus hinaus war. Wie ist das Leben und Weben der Natur an einem glühenden Sommermittage, das Wimmeln und Sich-Bewegen in Gräsern und Kräutern hier aufgefasst; wie das Tote und Seelenlose hier lebendig gemacht und vergeistigt! Wir glauben den sengenden Brand, die blendende Glut der Sonne zu sehen und zu fühlen, möchten uns mit dem Knaben, der sich in göttlicher Faulheit dahinstreckt, von den Mittagsstrahlen durchwärmen lassen! Kaum hat Murillo Schöneres in dieser Art hervorgebracht. – Ein weibliches Porträt (Fräulein Schubart, die spätere Gattin des Dichters Paul Heyse vorstellend), zeigt Lenbach schon auf einer ganz anderen Bahn, auf welcher er dann mit so überraschendem Erfolge weitergewandelt ist. Hier erkennt man in jedem Pinselstriche das Studium der grossen Meister dieses Fachs; aber es ist keine Nachahmung, sondern eine selbstschöpferische Kunst, die sich an den Mustern

[35] der alten Zeit gebildet hat. Der Künstler hat kein bestimmtes Vorbild vor Augen gehabt; seine Lieblinge waren vor allen: Tizian, der grösste Porträtmaler, den die Welt gesehen, Tintoretto, Rubens, Van Dyk, Rembrandt und Velasquez; dann auch Reynolds und Gainsborough, die beiden trefflichen Engländer, die sich würdig an jene hohen Meister anreihen. – Wie er sich von ihrem edlen Geiste hat durchdringen lassen, zeigt besonders sein Selbstporträt, das 1867 auf der Pariser Ausstellung Aufsehen erregte. Man kann ein gutes Bildnis daran erproben, ob es auch ohne Rücksicht auf die dargestellte Person Interesse hervorruft; wenn es den Charakter, das innere Wesen eines Menschen, nicht bloss dessen äussere Physiognomie wiedergibt, so wird es nach Jahrhunderten ebenso interessiren, wie heute. Nur dann ist es ein ächtes Kunstwerk, und auf diesen Namen haben Lenbachs Bildnisse vollgültigen Anspruch. An seinem Selbstporträt ist oft getadelt worden, es habe das Aussehen eines alten Bildes; man glaube, es stelle einen schon vor Jahrhunderten Gestorbenen vor, und infolge seiner allzu tiefen Farbe werde es mit der Zeit bis zur völligen Unkenntlichkeit nachdunkeln. Das letztere ist mir nicht wahrscheinlich; denn in den vielen Jahren, seit ich das Bild besitze, hat es sich nicht verändert. Aber auch der Vorwurf, der in der ersten Bemerkung enthalten sein soll, scheint mir unbegründet; wie es glorreich für einen Dichter wäre, ein Drama geschrieben zu haben, das für ein Werk Shakespeares gelten könnte, so gereicht es auch nur zu Lenbachs Ruhm, wenn Kunstfreunde sagen, sein Bild könne von Rembrandt gemalt sein.
Schack 35 b.jpg

Einen ganz eigenen Schmuck, wie ihn keine andere besitzt, habe ich meiner Galerie durch zwei Landschaften und ein Genrebild dieses Künstlers verliehen. Sie sind auf folgende Art entstanden. Lenbach hatte sich im Spätsommer 1867 auf meinen Wunsch nach Madrid begeben, um einige der herrlichsten Bilder des dortigen Museums für mich zu kopiren. Ihn begleitete, zu demselben Zweck, der damals erst zwanzigjährige, sehr begabte Ernst von Liphart, Sohn meines langjährigen Freundes, des berühmten Kunstkenners. Im April 1868 brach ich dann selbst nach Spanien, dem Lande meiner besondern Vorliebe, auf, um mit den beiden Malern einen Ausflug nach Andalusien zu machen. Ich verweilte zunächst einige Wochen in Madrid, in den Kunstschätzen des einzigen Museums schwelgend, und meine vielen litterarischen Freunde aufsuchend. Sodann reisten wir nach Cordova ab. Hier, wie in ganz Andalusien, konnte uns für die Denkmale der maurischen Herrschaft in welchen, nebst den unvergleichlichen Naturschönheiten, die Hauptanziehungskraft dieses paradiesischen Landstriches besteht, mein eigenes Werk über „Die Kunst und Poesie der Araber in Spanien und Sicilien“ als Führer dienen. Mich veranlasste zu dieser Reise zugleich der Wunsch, durch wiederholte eigene Besichtigung der Reste arabischer Kunst die Irrtümer, die sich in mein Buch eingeschlichen haben konnten, für eine neue Auflage zu berichtigen. Auch Lenbach und Liphart hatten durch Lektüre meines Werkes lebhaftes Interesse für das hochgebildete Volk gewonnen, das bis auf heute so glänzende Zeugnisse seiner Kultur auf spanischem Boden hinterlassen hat. In Cordova verbrachten wir halbe Tage in der grandiosen Moschee, dem vielleicht merkwürdigsten Bauwerke der Welt, um sie uns in allen ihren Teilen einzuprägen. Die Moschee von Damaskus, von welcher Viele eine übertriebene Vorstellung haben und die ich seitdem zweimal besucht, kann gar nicht mit ihr in Vergleich kommen; dieselbe ist in ihrer jetzigen Gestalt auch ein viel jüngerer Bau, da der ältere durch Timur verwüstet und niedergebrannt worden ist. Wir forschten, aber fruchtlos, auf einer öden, mit Steingeröll und Gestrüppe überdeckten Felsplatte am Guadalquivir nach sicheren, noch an ihrer Architektur erkennbaren Resten des Chalifenpalastes, der dort gestanden. Gibt sich die Hinfälligkeit und Wandelbarkeit alles Irdischen [36] noch irgendwo eindringlicher kund, als an dieser Stätte? Da wo einst die muhamedanischen Herrscher in höchster Machtfülle gethront, erhob sich später die Zwingburg des abscheulichen Gerichtshofes, der jeden Bekenner des Islam mit Folter und Holzstoss bedrohte. Nun sind Chalifenschloss und Inquisitionspalast in denselben Schutt zusammengesunken, so dass die Steine des einen sich nicht von denen des anderen unterscheiden lassen.

In San Francisco de la Arrizafa, unfern der Stadt, überraschte uns der üppige verwilderte Garten eines dortigen kleinen Meierhofes, der in aller Pracht südlicher Vegetation prangte; wir glaubten in ihm die Reste der berühmten Gartenanlagen zu erkennen, mit denen Abdurrahman I. sein Lustschloss (Ruzafa) umgeben, und in welchen er das erste Exemplar der bis dahin in Spanien unbekannten Palme gepflanzt hatte. Der für mich wichtigste Ausflug, den wir von Cordova aus machten, galt dem Kloster San Geronimo; hier sollten vor nicht lange Trümmer des feenhaften Lustschlosses Azzahra entdeckt worden sein, das Abdurrahman III. seiner Geliebten errichtete und mit überschwenglicher Pracht ausstattete, derart dass es als Wunderwerk von Reisenden aller Länder besucht wurde. Ich hatte schon in Madrid erfahren, es sei, bald nach jener Entdeckung, eine Gesellschaft zusammengetreten, um an dieser Stelle Ausgrabungen im grossen Massstabe zu machen; doch sei wegen der politischen Unruhen, die alsbald ausgebrochen, der Plan nicht weiter verfolgt worden. – Wir gelangten mit einem Führer, der die Lokalität genau kannte, zu dem Hügelabhange, an welchem man einige, nun in das Museum nach Cordova gebrachte Ueberreste maurischer Architektur und Kunst entdeckt hatte, und den ich auch ganz mit den von arabischen Geschichtsschreibern gelieferten Angaben über die Lage des alten Lustschlosses in Uebereinstimmung fand. Aber wir gewahrten, trotz des eifrigsten Suchens, nichts als Steingebröckel, das kein charakteristisches Merkmal maurischer Kunst mehr an sich trug. Gerne hätte ich noch länger auf dem Platze geweilt; indes mahnte uns der Führer zu schleunigem Rückzuge, weil einige in der Nähe weidende Stiere von der besonders wilden andalusischen Race drohend gegen uns heranschritten. Wie ist es doch möglich, dass in unserer Zeit, wo Ninive, Troja, Ephesus und Mykene wieder aus ihren tausendjährigen Gräbern emporsteigen, sich keine Unternehmungslust regt, um das Zauberschloss der Ommajaden wieder an das Tageslicht zu fördern? Ueber die Lage scheint mir kein Zweifel zu sein. Wir glaubten an jenem Hügelhange, beim Kloster San Geronimo, noch die drei Terrassen zu erkennen, über welche sich der Palast, oder vielmehr das Gewimmel von Palästen, mit seinen grossartigen Gärten hinbreitete.

Auch in Sevilla folgten wir den Spuren der Araber, weilten viel in dem glänzend restaurirten Alcazar, wurden nicht satt, die märchenhaft schöne Giralda zu betrachten, durchforschten alle Kirchen, von denen zu vermuten war, dass sie einst Moscheen gewesen, und liessen uns von einem kundigen Sevillaner auch in Privathäuser führen, die durch ihre Architektur kundgaben, dass sie noch aus der Zeit der Araber stammten. Die prachtvolle Kathedrale, wohl die imposanteste aller Kirchen germanischen Stils, lockte uns täglich in ihre erhabenen Hallen und fesselte uns zugleich durch die Gemälde des Murillo, den wir auch im Museum der Stadt und in dem Hospitale de la Caridad bewunderten. Einem Stiergefecht, das gerade stattfand, wohnten wir nicht bei; denn obgleich dasselbe in dem dortigen Cirkus, dem grössten von Spanien, und durch die andalusische Nationaltracht, die man bei solchen Gelegenheiten noch in ihrem alten Glanze sieht, einen malerischen Anblick geboten haben würde, verabscheuten wir doch diese Metzgerschauspiele zu sehr, als dass wir, nach früherem Besuche eines einzigen, einem zweiten hätten zuschauen mögen.

Von Gibraltar ward ein Ausflug an die afrikanische Küste, nach Tanger, gemacht, das den beiden Malern durch die Trachten und Physiognomien der Bewohner überaus interessant war; sie nahmen einige Skizzen von Land und Leuten auf und wünschten sehr, zu diesem Zweck noch länger zu bleiben; allein ich konnte mich nicht zu langem Aufenthalte in dieser unwirtbaren und noch halb barbarischen Stadt entschliessen, um so weniger, als ich schon früher dort gewesen war und beträchtliche Excursionen in das Innere des Landes unternommen hatte, die nur unter starker Eskorte gewagt werden konnten. Lenbach versichert noch jetzt, dass ihn Tanger durch seine ganze fremdartige Erscheinung und die wilde Originalität seiner Bewohner mehr angezogen habe, als das freilich in anderer Hinsicht unendlich merkwürdige Kairo, das er seitdem gesehen hat. Ich begreife dies wohl, aber nur in einer Hinsicht; selbst in Oberägypten und Nubien habe ich nirgends so sehr den Eindruck von der Barbarei eines Volkes empfangen, wie an den von mir berührten Oertlichkeiten des Kaisertums Marokko; Tanger, als Hafenplatz, ist noch die civilisirteste derselben. Aber, wie wird man sich, wenn man auch nur einige Tage in dieser Stadt geweilt hat, der Vorzüge Europas bewusst! –[1]) Unser nächstes Ziel, und das Hauptziel der ganzen Reise, war das wundervolle Granada, das ich nun zum fünften Male besuchte, und wo ich früher zwei ganze Sommer verlebt hatte. Ich glaubte es nie so herrlich erblickt zu haben, und in vollem Masse bestätigte sich mir die schon früher gewonnene Ueberzeugung, es sei der schönste von allen Punkten der Erde, die ich auf meinen vielen Reisen gesehen. Eben war die Wonnezeit des Jahres angebrochen, welche hier wegen der hohen Lage und der Nähe des Schneegebirges später beginnt, als in den niedern Gegenden; die Vega, wie die von den Schlössern der Maurenkönige gekrönten Höhen, prangten im frischesten Grün des Frühlings; überall unter den üppigen Laubbögen blinkten und murmelten die silbernen Wellen der vom schmelzenden Schnee der Sierra Nevada geschwollenen Bäche. Die Granatbäume, die nirgends in gleicher Pracht gedeihen, hatten sich mit dem glühenden Rot ihrer Blüten geschmückt, und in allen Wipfeln erscholl der schmetternde Gesang der Nachtigallen. Mir war, als sei ich in meine Heimat zurückgekehrt. Hier grüsste mich jeder Platz wie ein alter Bekannter, und ich ruhte nicht, bis ich sie alle meinen Begleitern gezeigt hatte. Wir liessen bald von der unvergleichlichen Alameda am Genil aus die Blicke auf die noch tief in ihrem Schneemantel gehüllten Gipfel der Sierra gleiten, bald durchschweiften wir die romantische Schlucht des Darro, auf welche die roten Türme und Zinnen der Alhambra durch dichtes Laubgrün herabschauten; vor allem aber luden uns die Säle und Hallen der letzteren ein, täglich viele Stunden in ihnen zu verträumen. Indes auch die anderen Ueberbleibsel arabischer Baukunst, den Garten der Königin jenseits des Genil, das sogenannte Cuarto-Real, mit dem undurchdringlichen Schatten seiner Laubgänge, den freilich nur noch mit Schutthaufen überdeckten Hügel Dinadamar besichtigten wir, um abends in den Gärten des Generalife, unter den riesigen [37] Cypressen ruhend, den Sonnenuntergang zu geniessen. Wer kann sich je eines solchen Anblicks ersättigen? Meine beiden Begleiter waren so berauscht von der Herrlichkeit Granadas, dass sie in den ersten Tagen ganz ihre Kunst vergassen und nur in dem Genusse schwelgten, welchen die zauberische Natur bot. Dann aber fühlten sie das Bedürfnis, einigen der empfangenen Eindrücke Dauer zu verleihen und die dazu besonders geeigneten Ansichten in Umrissen und Farbe festzuhalten. Lenbach hatte nie zuvor eine Landschaft gemalt und hat es auch später nie wieder gethan; aber er wollte doch versuchen, in wie weit er es vermöge. Zu diesem Behufe begaben wir uns jeden Morgen in der Frühe, bevor die Sonnenstrahlen noch zu lästig wurden, auf den Turm der Infantinnen, eine der arabischen Warten, die an der Umfassungsmauer der Alhambra emporragen; und während die Beiden Pinsel und Palette führten, sass ich neben ihnen, ein Buch in der Hand, oft jedoch das Auge über dasselbe hinweg in die Weite schweifen lassend. Das kleine Gemälde, das Lenbach hier zu Stande brachte, stellt die Aussicht, die sich droben aufthut, in der einen Richtung dar, wo die Vega von der Sierra Elvira begrenzt wird. Dies ist die Gegend, wo Santa Fé liegt, jene Stadt, welche aus dem von Ferdinand und Isabella zum Zwecke der Eroberung Granadas geschlagenen Lager entstanden ist. Von dem nämlichen Dache, von welchem aus das Bild aufgenommen wurde, oder von dem nächsten Turme, mögen oft die maurischen Königinnen auf das Schlachtgetümmel der Vega hinabgeblickt haben, wie sich die christlichen Ritter in ihrer Stahlrüstung mit blinkenden Schwertern und die beturbanten Mauren mit Lanzen und gekrümmten Ataghanen bekämpften. Die Aussicht nach links auf den sogenannten „letzten Seufzer des Mauren“ konnte leider auf dem Bilde nicht Platz finden; nur das geistige Auge sieht dort jenen Hügel, von welchem der unglückliche Boabdil, auf seinem Wege in die Verbannung, zum letzten Male auf sein Granada zurückschaute. – Nachdem uns die Mittagsglut nach Hause getrieben, durchschweiften wir in den späten Nachmittagsstunden den nun sehr verödeten Albaïcin, jenen Teil der Stadt, der in den meisten seiner Gebäude einen noch völlig arabischen Charakter trägt. Dann ward die Terrasse vor San Nicolas aufgesucht, wo man unter sich die Darro-Schlucht und darüber hinweg, auf der Höhe, die Alhambra gewahrt. Als wir zuerst die Terrasse betraten, auf der ich schon früher so manche Abendstunde verbracht, waren die beiden Künstler wie überwältigt von der Pracht der ihnen zu Füssen liegenden Landschaft und äusserten, dass dieselbe nur einen einzigen Fehler – den nämlich der Unwahrscheinlichkeit – habe; gelänge es einem Maler, sie getreu wiederzugeben, so würde man sagen, er habe das Bild der Phantasie, nicht der Natur entnommen. Wenn dann die sinkende Sonne die Gegend mit ihrem glühendsten Rot übergoss, und weiter das Licht, nach und nach erbleichend, durch alle Farben des Regenbogens hinspielte, legte Lenbach, der die Aussicht zu malen begonnen, oft verzweifelnd die Palette beiseite. Sein Bild, auf dem man die lang hingedehnten Mauern, Zinnen und Türme der Alhambra vor sich erblickt, wurde dennoch vollendet. Es zeigt zwar, dass er kein eigentlicher Landschaftsmaler ist, was er selbst auch nicht im Entferntesten behauptet; aber das Werk ist interessanter, als die Arbeiten von hundert geschickten Abschreibern der Natur, weil hier ein bedeutender Künstler, ebenso, wie er in seinen Porträts das innere Wesen des Menschen darzustellen weiss, die Seele der Landschaft wiedergegeben hat, welche sich ihm im begeisterten Moment enthüllt. Der Besitz dieses Bildes macht mich wahrhaft glücklich; denn es versetzt mich so lebhaft, wie kein anderes, in die alte Maurenstadt zurück. – Ein drittes, nur kleines Gemälde, das Lenbach hier noch entwarf, gehört mehr dem Genre an, aber jenem höheren, wovon Schwind so vortreffliche Beispiele gegeben hat. Es stellt den Tocador de la Reina vor, jenen kleinen, reizenden Pavillon, der, unfern des Comaresturmes auf der Alhambra in schwindelsteiler Höhe über dem Darro schwebt. Im Vordergrunde sitzt der junge Liphart, mit Zeichnen beschäftigt, und unter den Arkaden des Tempelchens stehe ich, die Blicke nach dem Generalife hinübersendend, dessen Umrisse an dem gegenüberliegenden Abhange hervordämmern. Die noch grandiosere Aussicht nach rechts hin auf die Schneegipfel der Sierra Nevada ist durch das kleine Gebäude verdeckt.

Als die Sommerhitze lästig zu werden begann und auch der grüne Teppich der Vega nach und nach gelbere Farben annahm, brachen wir wiederum nach Norden auf. Wir besuchten noch Saragossa, den Montserrate, dieses Wunder malerischer Naturschönheit, und kehrten über Barcelona, durch Südfrankreich und die Schweiz, nach Deutschland zurück. An Arbeiten, die Lenbach seitdem für mich beendigte, hat meine Galerie noch einige Studienköpfe und Porträts aufzuweisen. Darunter ist das eines Mönchs von erstaunlicher Tiefe der Charakteristik; so mag Torquemada ausgesehen haben, der aus Herzensbedürfnis und aus inniger Ueberzeugung, ein gottgefälliges Werk zu vollbringen, im Zeitraume weniger Jahre zehntausend Ketzer verbrannte. – Im Malen meines eigenen Bildnisses konnte der Künstler sich nie Genüge thun und hat, nachdem er schon 1862 mich porträtirt, sehr häufig, wenn er seine frühere Arbeit erblickte, eine neue begonnen; diese vertauschte er dann abermals mit einer neuen, bis die beiden, jetzt noch vorhandenen Porträts als letzte Resultate so vielen Fleisses übrig blieben.

  1. Nachdem ich Tanger im vergangenen Februar des Jahres 1884 von neuem besucht, habe ich wesentlich andere Eindrücke von dort heimgebracht. Der marokkanische Hafenplatz hat sich sehr zu seinem Vorteil verändert. Die Schwärme zudringlichen Gesindels, welche früher daselbst dem Reisenden auf Schritt und Tritt lästig fielen und in fast drohender Weise ein Almosen heischten, sind verschwunden. Es herrscht vollkommene Sicherheit bei Tage wie bei Nacht, und man kann die fremdartigen Scenen orientalischen Volkslebens, welche der Ort bietet, behaglich geniessen, ohne sich in seiner Eigenschaft als Europäer von Aufdringlichen oder Feindseligen verfolgt zu sehen. Als ich eines Morgens aus dem Hôtel Central, welches den besten Gasthöfen der Schweiz kaum nachsteht, auf den weiten Marktplatz trat, fand ich denselben und die umliegenden Lokalitäten mit einer Karawane von mehr als hundert Kameelen überdeckt, welche in der Nacht aus Fez angelangt waren. Eben dort traf ich täglich einen Rawi oder Märchenerzähler, um welchen sich stets Scharen der Eingeborenen drängten. Die höchst fruchtbaren Umgebungen von Tanger bieten reizende Spaziergänge; aber bei dem im Texte erwähnten früheren Aufenthalte hatten wir dieselben wegen andauernder Regengüsse nicht besuchen können, und diese Ungunst des Himmels trug wohl viel dazu bei, dass mir damals Tanger in einem unvorteilhaften Lichte erschien.