Die Gralsburg (Die Gartenlaube 1889)

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Titel: Die Gralsburg
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 68
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1889) b 056.jpg

Die Gralsburg.
Nach einem Oelgemälde von F. Knab.


[68] Die Gralsburg. (Mit Illustration S. 56 und 57.) Zur Erläuterung des Bildes von F. Knab und des Gedichtes von Hermann Lingg, die uns beide, das erste durch seinen architektonischen, das zweite durch seinen dichterischen Schwung die großartige Bedeutung der sagenhaften Burg lebhaft vor Augen führen, erwähnen wir noch, daß diese durch Wagners Musikdichtungen „Parsifal“ und „Lohengrin“ bekannter gewordene sagenhafte Burg sich auf dem unnahbaren Berge Montsalvage oder Mont - Salvatsch in den Pyrenäen erhoben haben soll: eine byzantinische Rotunde mit 72 achteckigen Chören. Das Gewölbe war im Spitzbogenstil ausgeführt, die bunten Fenster von Edelsteinen; aus der Rotunde entwickelte sich durch Lang- und Querschiff der Kirche eine Kreuzform. In der Mitte der Rotunde aber stand der ganze Tempel im Kleinen wiederholt und in ihn hinein, als ins Allerheiligste, trugen die Engel den Gral.

Der Gral war einst der herrlichste Edelstein in der Krone Lucifers. Als dieser aber von Gott sich losgesagt, soll der Legende nach der Stein aus der Krone gefallen sein und, von den Engeln gehalten, zwischen Himmel und Erde geschwebt haben. Alsdann habe der hohle Stein als Abendmahlsgefäß gedient und Joseph von Arimathia in dies Gefäß das Blut des Heilands am Kreuze aufgefangen. Nach der einen Ueberlieferung war der Gral (von einem altfranzösischen Worte stammend, welches ein schüsselartiges Gefäß bedeutet) aus einem einzigen Smaragd geschliffen, wie auch unser Dichter annimmt; nach einer andern Lesart bestand er aus einem Jaspis, dem edeln Steine, durch dessen Kraft sich der Phönix aus der Asche verjüngt und dessen öfterer Anblick Gesundheit und zweihundertjährige Jugend verleiht.

Der erste Wächter des heiligen Grals war Titurel; sein Enkel Amfortas, der den gleichen Wächterdienst versah, hatte sich, den Geboten des Grals zuwider, verliebt in die schöne Orgeluse, war im Kampfe von Gurnemanz mit einem verzauberten Speer verwundet worden, so daß die Wunde nicht heilte und er schwer dahinsiechte. Doch erhielt ihn der Anblick des Grals am Leben; er sollte nur dann geheilt werden, wenn ein Unbekannter ihn nach der Ursache seines Leidens fragen würde. Parsifal war dieser Unbekannte, der Amfortas erlöste und die rettende Frage an ihn richtete. Als Kind war Parsifal im Walde aufgewachsen, von seiner Mutter erzogen, ohne jede Kenntniß der Waffen und des Ritterthums, und als er doch auf Abenteuer ausgeht, giebt sie ihm thörichte Rathschläge mit auf den Weg, die ihm seine Abenteuerlust verleiden sollten. Er verfährt danach und wird so dem Gelächter preisgegeben. Darauf beziehen sich die Schlußverse des Linggschen Gedichtes, während die Eingangsverse darauf hindeuten, daß die Gralsburg von Suchenden nicht gefunden werden konnte; nur der Zufall und gläubiges Vertrauen, ohne den Wunsch, den Gral zu sehen, leitete dahin, dann aber auch stets zum zeitlichen und ewigen Heil des glücklichen Finders.