Die Heimath in der neuen Welt/Erster Band/Sechster Brief

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Fünfter Brief Die Heimath in der neuen Welt. Erster Band
von Fredrika Bremer
Siebenter Brief
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Textdaten
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Autor: Fredrika Bremer
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Titel: Die Heimath in der neuen Welt, Erster Band
Untertitel: Sechster Brief
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Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1854
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Verlag: Franckh
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: Gottlob Fink
Originaltitel: Hemmen i den nya verlden
Originalsubtitel: Sjätte[WS 1] brefvet
Originalherkunft: Schweden
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: Erinnerungen über Reisen in den USA und Cuba
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Sechster[WS 2] Brief.
Westborough, den 2. Decbr. 1849. 

  Meine liebe gute Agatha!

Ich schreibe Dir jetzt aus einem Städtchen in der Nähe von Boston, während mich die Eisenbahnwaggons erwarten, die uns heute Mittag um 5 dahin führen sollen, nämlich mich, Mr. und Mrs. Spring, ihr Söhnchen Eddy und Professor Bergfalk, den ich auch jetzt verlockt habe mit uns zu kommen. Er darf nicht anfangen, sich auch hier in Büchern zu vergraben, wie in Schweden; er muß hinaus, muß zuerst ein wenig von dem Leben und den Menschen sehen und das Dankfest, eines der wahren Nationalfeste der Amerikaner, im Herzen der Staaten sehen, wo es entstanden ist und noch jetzt herzlich lebt. Wenn der Winter kommt, kann er sich in seine lieben Bücher hineinlesen. Es ist wahr, es kostete wenig Mühe, Bergfalk zu überreden, sondern er kam gern und vergnügt mit.

Ich schrieb Dir das letztemal aus New-York, während ich mich dort mit Besuchen abquälte. Auch in Brooklyn wurde es mir nicht besser. Gäste vom Morgen bis zum Abend, und obschon ich unter ihnen mehrere liebenswürdige Menschen traf, so sehnte ich mich doch oft nach nichts anderem, als mich niederlegen und schlafen zu dürfen. Ich muß Dir indeß von solchen Augenblicken erzählen, wo das Interesse der Stunde alle Schläfrigkeit und Müdigkeit verscheuchte und mich wacher machte als je. Unter diesen steht der letzte Sonntag Abend, wo Channing seinen improvisirten Vortrag hielt, oben an. Es war für mich ein wahres geistiges Fest. Er stellte die Idee von einem persönlichen Gott, dem Gott des Christenthums, auf, im Gegensatz zu dem Ueberall und Nirgends des Pantheismus; er entwickelte die aus der göttlichen Persönlichkeit hervorgehende Pflichtenlehre, Gesellschaftslehre, Schönheitslehre, Unsterblichkeitslehre als für jeden Menschen und jede menschliche Gesellschaft geltend, und wies nach, wie blos auf diesem Grund christlicher Socialismus oder christliche Gesellschaftlichkeit Bestand haben und die Menschheit zu ihrem höchsten Ziel führen könne. Channing unterbrach sich nicht ein einzigesmal, wiederholte nicht ein einziges Wort bei diesem Vortrag, der von einer gleichmäßigen Eingebung getragen mit hinreißender Wärme ohne Uebertreibung, ohne Leidenschaft ausgeführt wurde, niemals gegen das Schönheitsgesetz verstieß und in seiner Polemik auch niemals das Gesetz der Gutherzigkeit verletzte. Nur einmal sagte er mit etwas schärferer Betonung: „Die Person, welche den Dualismus der Menschennatur nicht in sich gewahr geworden ist, die nicht mit einem niedrigeren Selbst gekämpft hat, steht entweder außer der Menschheit, oder ist sie tief zu beklagen.“

Der Saal war ganz voll von Leuten und die tiefste Aufmerksamkeit waltete vor. Nach dem Schluß der Rede schloß sich ein Kreis glückwünschender Freunde um Channing. Ich sah auch den Redner des früheren Abends M. H. James zu Channing gehen und freundlich die Hand auf seine Schulter legen, indem er sagte: „Sie haben mir Unrecht gethan, Sie haben mich mißverstanden.“ Er war blaß und schien aufgeregt zu sein, aber vollkommen gut. Ich war an diesem Abend mit Channing allein in einem kleinen Wagen von Brooklyn nach New-York gefahren, und hatte bemerkt, wie er dabei seine Gedanken zerstreuen und sie mit Gegenständen beschäftigen zu wollen schien, die dem Vortrag ganz fremd waren. Jetzt als er mich zum Wagen zurückführte, (er sollte in New-York bleiben, ich aber mit Springs nach Brooklyn zurückkehren) konnte ich beim Abschied nicht umhin zu ihm zu sagen: „Wie glücklich müssen Sie sich nicht heute Abend gefühlt haben!“ — „Ja, o ja,“ antwortete er mit einem halben Seufzer, „aber ich habe ja James wehe gethan!“ Sodann reichte er mir mit seinem freundlich strahlenden Lächeln die Händ und sagte: „Leben Sie wohl, wir werden uns am Morgen wieder treffen.“ Aber wann kommt dieser Morgen? Wir trennen uns jetzt auf lange Zeit. Aber soviel ist wahr, wenn man einen Geist wie Channing trifft, so muß sich das immer wie eine Morgenbegegnung empfinden lassen.

Einer Abendgesellschaft bei Springs erinnere ich mich mit ganz besonderem Vergnügen. Da fehlte es nicht an Raum, Luft, Blumen; auch waren sehr angenehme Menschen da. Eine edelschöne junge Miß Sedgewick deklamirte ein Gedicht mit großem Pathos în ihrer Stimme, aber im Uebrigen ganz leise. Sie und ihre Schwester trugen lebendige Chrysantheme in den Haaren. Ein allerliebstes Mädchen spielte eigene Compositionen, die von Zierlichkeit und Lebendigkeit sprühten, auf dem Klavier. Der junge Cranch sang, man tanzte auch: Es war ein fröhliches, angenehmes Gesellschaftsleben, wo alle das Ihrige beitrugen, und alle das Leben und einander zu genießen schienen.

Am Montag Morgen reisten wir ab, und nahmen den Weg durch Connecticut. Ich verließ New-York und Brooklyn, mit dem Gefühl, als ob eine Menge unbeantworteter Briefe und Einladungen, unbesuchter Schulen und Institute mir nachsprängen und mich festhalten wollten. Ich hatte ein böses Gewissen. Ich entfloh wirklich vom Schlachtfelde. Ich konnte nicht anders. Hätte ich mich verzehnfachen können, so hätte ich nicht ausgereicht, all die Aufforderungen, Einladungen u. s. w. zu beantworten, und ich bin bloß eine einzige Person. Aber ich werde nach New-York zurückkommen. Ich will noch einiges mehr von seinem Besten und seinem Schlimmsten sehen; zu dem letzteren gehört derjenige Theil der Stadt, der „five points“ (fünf Punkte) genannt wird, von 5 zusammenlaufenden Straßen, wo die schlimmste und auch gefährlichste Bevölkerung der Stadt sich aufhalten soll. Ich fragte Mr. D. im Scherz, ob er mit mir durch die „five points“ gehen wolle. Er antwortete mit Bestimmtheit: Nein. — Ach, il bello et il buono findet sich nicht da, aber mehr als das Schöne und Gute suche ich die Wahrheit, die Wirklichkeit in allem und überall. Ich muß auch etwas mehr von den „five points“ im vornehmen Leben New-Yorks sehen, denn ich weiß es, hier wie in allen großen Städten gibt es auch im Leben der höchsten Schichten der Gesellschaft die fünf garstigen oder gefährlichen Punkte. Zum ersten Punkt rechne ich die langen leidigen Schmausereien.

New-York kam mir im Aeußern als eine allzulärmende Geschäftsstadt vor, ohne Schönheit und Interesse. Es sind schöne und stille Quartiere mit schönen Straßen und Wohnungen da, aber dort ist das Leben auf den Straßen todt; in Broadway hinwiederum ist es ein endloses Getöse und Getümmel, ein Drunter und Drüber, und in der eigentlichen City drängt man sich wegen des theuren Lebens, auch herrscht da eine ganz verpestete Luft. New-York ist die letzte Stadt in der Welt, wo ich wohnen möchte. Aber sie ist auch blos als ein großes Hotel, als ein Karavanserai für Amerika und Europa zu betrachten. Auch das ist wahr, daß ich hier immer so beschäftigt und athemlos war, daß ich keine Zeit hatte mich nach etwas Schönem umzusehen. Dagegen lobe ich mein Brooklyn! Dort kann man sowohl leben als schlafen.

Und jetzt weiter auf der Fahrt durch die Thäler von Connecticut zu den kleinen Häusern in Neuengland, dem Heimathland der ältesten Pilger. Nachmittags kamen wir nach Hartford. Auf den Abend waren wir zu Mrs. Sigourney, der Verfasserin „angenehmer Memoiren von angenehmen Ländern,“ eingeladen, und hier schüttelte ich, glaube ich, der ganzen Stadt die Hände, vom Bischof an, einem schönen alten Prälaten, bis zum Schulmädchen, und spielte meine gewöhnliche Gesellschaftsrolle. Mrs. S., eine sehr freundliche, etwas empfindsame, aber recht angenehme Frau in grünem Aufzug, ungefähr 50 Jahre alt, mit einem guten mütterlichen Wesen, wollte mich durchaus über Nacht behalten, und ich durfte schlechterdings nicht nach meinem angenehmen Zimmer im Hotel zurückehren, das ich doch so gern behalten hätte, um ausruhen und schweigen zu können. Am Morgen vergaß ich jedoch die kleine Unannehmlichkeit über dem Frühstück und dem Gespräch mit meiner freundlichen Wirthin und ihrer anmuthsvollen einzigen Tochter. Die Sonne strahlte herein und das Haus hatte den Charakter einer guten liebewarmen Heimath. In solchen ist mir immer wohl zu Muthe und ich hätte mögen länger verweilen können. Mrs. S. schenkte mir ihre gesammelten poetischen Schriften und ich las daraus ein Gedicht, betitelt: Mein Land, wofür ich ihr die Hand küssen mußte, so schön war es und so edel und ächt weiblich der Geist, der darin wehte. Wie gut und schön klingt nicht von einer Mutter die Aufforderung an die Erde der neuen Welt:

„Mutter zu sein allen bedrückten Völkern der Erde, eine neue Heimath und Hoffnung zu geben allen Söhnen und Töchtern der Erde, die zu ihrem Schooße fliehen, ihnen ihren Reichthum, ihre Freiheit, ihr Glück, alle die Segnungen, deren sie entbehren, mitzutheilen.“

Nach der angenehmen Morgenstunde mußte ich wieder fremde Leute sehen und wurde also von meiner freundlichen Wirthin im Wagen ausgeführt, um die Stadt zu besehen, die mir wohl gebaut und wohl gelegen schien. Die öffentlichen Gebäude sind die größten und hübschesten von allen in der Stadt. Aber alle sowohl in als außer der Stadt zeugen von Wohlhabenheit und Behagen. Zur Mittagszeit verabschiedete ich mich von meinen neuen Freunden in Hartford und versprach — wiederzukommen.

Von der Eisenbahn aus begrüßte ich Marcus Springs väterliches Haus, eine ländliche Wohnung, wo er mit mehreren seiner Geschwister auferzogen worden, und die seine Blicke mit Liebe aufsuchten. Der Mond ging auf und glänzte in den Wogen des Connecticutflusses, welchem entlang die Eisenbahn ging. Aus den Fabriken auf der andern Seite des Flusses glänzten Lichter. Ich sah dieses Schauspiel wie im Traum eine Stunde um die andere, und ich sah seine Schönheit mehr als ich sie empfand, denn die Bewegung und das Gerassel der Eisenbahn wirkte betäubend und ermüdend auf mich. Ziemlich spät kamen wir nach Worcester, wo wir zum Maire eingeladen waren, der uns zu Ehren an diesem Abend offenes Haus hielt. Und kaum waren wir angekommen, so mußten wir Toilette machen und in große Gesellschaft gehen. Da in der Stadt gerade eine große Zusammenkunft von Lehrern und Lehrerinnen des Bezirks stattfand, so füllte sich das Haus dermaßen, daß man sich in den Zimmern kaum bewegen konnte, und mein Wirth kannte selbst von Vielen, die er vorstellte, den Namen nicht. Aber dieß ist mir ganz gleich, denn die fremden Namen verstehe und behalte ich jedenfalls nur höchst selten, und die freundlichen Menschen sind mir alle höchst willkommen zu einem freundlichen Händedruck. Wir hatten auch schöne und herzliche Bewillkommnungsgesänge und Blumengeschenke von schönen jungen Mädchen und Männern. Ich spielte ihnen das Lied vom Wassernix vor und Rebekka S. erzählte statt meiner die Legende von dem Nix und dem Pfarrer, deren tiefe Bedeutung immer die Gemüther ergreift und die überdieß eine gute Vertreterin der scandinavischen Naturpoesie ist.

Unter den Gästen in der Gesellschaft befand sich der bekannte Schmid und Sprachkenner Elihu Burritt, ein sehr großer und starkgliedriger Mann mit ungewöhnlich hoher Stirne, großen schönen Augen und überhaupt schönen kräftigen Zügen; ein Mann, der in jeder Gesellschaft Aufmerksamkeit erregen würde, sowohl wegen seiner Gestalt, als auch wegen der ungewöhnlichen Milde und Menschenliebe im Ausdruck seines Gesichtes. Er kam just neuerdings von dem Friedenscongreß in Paris, glaube ich, zurück, und sprach für die Friedensprincipien, von welchen in diesen Ländern der ältesten Pilger Viele sprechen und lehren. Ich erklärte mich als Freundin des Kriegs, eines guten rechtmäßigen Kriegs, so lange wenigstens als der Friede nicht ein großes und gutes Leben auf der Erde hat. Aber wie ist es noch jetzt während des langen Friedens in den Ländern der Erde? Strecken nicht tausend Zwerglein ihre Köpfe empor und fechten mit Stecknadeln oder Federspitzen nach rechts und links, stechend und scharrend, Kleinlichkeitssinn, Selbstsucht, Bitterkeit, kleine Aergernisse und armselige Vergnügungen, Verläumdung und Verdruß in jeder Ecke hervorrufend? Wird nicht der Staat durch tausend kleine Zwistigkeiten und lumpige Händel zersplittert? Da kommt ein ernster, ehrlicher Krieg just gleich dem Riesen, der die Zwerge zermalmt. Die Menschen vergessen ihre kleinlichen Streitigkeiten über gemeinsamen großen Interessen. In diesen werden sie wieder Brüder. Und nach dem Riesen kommen die Götter und mit ihnen die Erneuung des Lebens. Die Menschen müssen noch bedeutend zunehmen an Herz und Verstand, und der Staat in seiner Arbeit, bevor sie einen allgemeinen Frieden ertragen. Dieser muß von innen heraus erarbeitet werden. Unter den Fragen, die man diesen Abend an mich stellte, war auch die: „Was denken Sie davon, daß so viele Leute kommen, um Sie anzusehen?“ — „Ich wünsche nur, daß ich schöner wäre,“ antwortete ich der Wahrheit gemäß.

Unser Wirth war ein Mann von angenehmer Persönlichkeit, offen und freundlich wie ein ächter Amerikaner; seine Frau war eine feine und anmutige kleine Quäckerin mit dem Gepräge von etwas Friedvollem und Fertigem, was die Frauen dieser Religionssekte auszeichnet und sie für mich besonders anziehend macht; mir gefällt ihr stilles Wesen und das trauliche Du, womit sie Jedermann anreden. Sie hatte ein einziges Kind gehabt und verloren, und jetzt hatte sie einen kleinen Jungen an Kindesstatt angenommen, der sie wie eine Mutter liebte und sich nur in ihrer Nähe recht eigentlich wohl befand.

Der nächste Vormittag wurde mit Besuchen in verschiedenen kleinen Häusern zugebracht, worunter auch mehrere Quäckerwohnungen, die sich alle durch Ordnung und Sauberkeit auszeichneten, aber auch, wie mir schien, etwas Steifes und Leeres hatten, das mich bedrücken würde. Hierauf setzten wir unsere Fahrt nach Oxbridge fort, wo wir das Dankfest feiern sollten. Wir wohnten bei einem neuvermählten Pärchen, einem Doktor und seinem Weibchen, einer Schwestertochter Springs. Sie hatten ihr Haus nach einer von Downings Zeichnungen gebaut, auch ihren Baumgarten nach seiner Anweisung angelegt, und lebten hier allein ohne Bedienung, denn die Frau besorgte alle häuslichen Geschäfte selbst. Und dies soll in kleinen Haushaltungen in den Staaten Neuenglands sehr gebräuchlich sein, theils der Ersparniß wegen, theils weil es ungemein schwer hält, gutes Gesinde zu bekommen. Ich lag bei Nacht in einem kleinen Schlafstübchen, das der Landessitte gemäß keine Feuerstatt hatte. Aber die Nacht war sehr kalt und ich fror dermaßen, daß ich kein Auge zuthun konnte. Dazu überkamen mich während der langen Nacht einige minder angenehme Zweifel, ob ich wohl in die Länge das Leben hier und so Manches, woran ich nicht gewöhnt bin, aushalten könnte. Aber als die Sonne aufging, beglänzte sie ein weißes Kirchlein, das mit seinem spitzen Thurm auf einer Höhe gerade vor meinem Fenster aus dem Fichtenwald hervorragte, und die ganze Landschaft glänzte in der Morgensonne so frisch, so nordisch, so schwedisch, daß es mir ganz warm im Herzen wurde und ich mit recht dankbaren Gefühlen das Dankfest begrüßte. Die ganze Gegend, welche die Morgensonne beglänzte, hatte mit ihren Berghöhen und Thälern wirklich große Aehnlichkeit mit dem Land um uns her, und ich dachte an die Weihnachtfrühstunde in unserer Kirche, mit den Lichtern, dem Tannenwald, den beleuchteten Häuschen, dem Bauernvolk, den Schlitten und Glöckchen und diesem ganzen muntern und festlichen Leben. Aber unsere roth bemalten Hüttchen waren hier in weiße Häuschen verwandelt, die um ein Gutes wohlhabender aussahen.

Meine Hände waren so steif vor Kälte, daß ich Mühe hatte mich anzukleiden, und ich zitterte am ganzen Leib, als ich zum Frühstück in den kleinen Salon hinabkam, wo hinwiederum der eiserne Ofen eine wahre Siedhitze verbreitete. Das Frühstück war, wie gewöhnlich im Lande, reichlich und gut. Aber ich kann nicht glauben, daß diese üppigen, erhitzenden Frühstücke gesund sind.

Nach dem Frühstück gingen wir in die Kirche, denn dieser Tag wird im ganzen Land als ein Festtag betrachtet. Der Prediger führte alle Gründe zur Dankbarkeit auf, welche der Staat in seinen allgemeinen sowohl als in seinen besondern Angelegenheiten gehabt, alles Gute was er seit dem Dankfest des vorigen Jahres erlebt habe, und obschon der Mann offenbar keine poetische Natur war und die Geschichte des Jahrs on this solemn and interesting occasion (bei dieser feierlichen und interessanten Gelegenheit) so ziemlich im Chronikenstyl hielt, so wurde sie dennoch durch ihren Inhalt und ihren Zweck lehrreich und erhaben. Warum haben wir nicht, warum haben nicht alle Völker einen solchen Festtag im Jahre? Er ist ein Verlangen des edleren Volksherzens und trägt dazu bei, das edelste Verhältnis der Erde zum himmlischen Geber zu entwickeln. Jetzt haben wir mehrere öffentliche Tage zum Bitten, aber keinen besondern zum Danken. Dies ist nicht recht und edel.

Ich habe mehrere Personen hier über die Entstehung dieses Festes in Amerika gefragt. Aber es ist merkwürdig, wie wenig man sich über seinen geschichtlichen Anfang klar ist. Man weiß blos, daß es während der ersten Zeiten der Einwanderer in Amerika aufgekommen ist und sich dann als Theil und Ausdruck des höheren Volksbewußtseins in der Kirche festgesetzt hat. Ich habe jedoch erzählen hören — und das kommt mir wahrscheinlich vor — daß es im Beginn der Kolonie aufgekommen sei, als nach einer Zeit großen Mangels in derselben und beim Herannahen einer wirklichen Hungersnoth auf einmal fünf Kornschiffe aus England erschienen, weßhalb man in Massachussets lange bei diesem Feste jedem Gast beim Mittagessen fünf Fruchtkörner auf den Teller legte, und diese Sitte soll in gewissen Theilen des Staates noch beibehalten werden. Trotz des Sonnenscheines war es kalt, als wir nach der Kirche durch die ländliche Stadt mit ihren kleinen Höfen und Baumgärten wanderten und die wohlgekleideten Einwohner sich heimbegeben sahen. Alle Dinge und alle Personen verriethen Ordnung und Wohlstand, ohne Prunk und Luxus.

Wir nahmen unser Mittagessen in großer Gesellschaft an einem zugleich reichen und einfachen Tische, bei einem von Springs Verwandten ein. Auf den Abend waren wir bei seiner Schwester und seinem Schwager, die eine große Farm in der Nähe von Oxbridge besitzen und verwalten, den Eltern unserer kleinen Doktorin, bei denen die ganze Familie sich versammelte. Die Hausfrau, eine stille, angenehme, mütterliche Frau, lady-like in ihrem Benehmen, gleich ihrer Schwester im Phalanstère mit innerem Seelenadel und feiner Geistesbildung begabt, gefiel mir ungemein, wie überhaupt die einfachen, herzlichen Leute dieser Gegend im Allgemeinen; sie waren weit inniger und weniger zudringlich mit Fragen, als die Leute, die ich in den großen Gesellschaft getroffen hatte. Wir hatten ein großes Abendessen mit den zwei nothwendigen Dankfestspeisen: einem Truthahn und Kürbispudding. Und es wird behauptet, daß die Truthähne in den Staaten Neuenglands melancholisch aussehen, wenn die Zeit des Dankfestes herannahe, denn da wird eine große Verwüstung unter ihnen angerichtet. Der Pfarrer — der Prediger vom Morgen — sprach einen Tischsegen, der lang geschienen hätte, wenn nicht auch er inhaltsreich gewesen wäre, und so nahmen wir ihn als gut hin, obschon seine Wiederholung der Phrase on this solemn and interesting occasion einige von uns zu einem lächelnden Austausch von Blicken veranlaßte. Nach dem Essen tanzte die Jugend. Ich lehrte das junge Volk „Wallmarweben“ und spielte ihnen auf dem Klavier diesen Tanz vor, der großen Beifall erhielt.

Gegen Mitternacht waren wir wieder in unserm kleinen Hause, wo jetzt Marcus und Rebekka sich mein früheres kaltes Zimmer aneigneten, und man ein Bett für mich in dem hübschen kleinen Salon aufschlug, wo ich ein glimmendes Kohlenfeuer hatte und einen Brief von Downings, der mich noch mehr erwärmte, als das Feuer; — es war beinahe des Guten zu viel. Marcus und Rebekka sagten, sie lieben das kalte Schlafzimmer und seien daran gewöhnt. Und das mag wohl so sein, aber — sie sind auch so gut! … Am Morgen brachte mir meine liebe Wirthin Cafee herein, den sie selbst gekocht hatte, und bediente mich mit ungemeiner Artigkeit. Ich bin dankbar, schäme mich aber ein wenig, und würde es nicht annehmen, wenn ich noch jünger und munterer wäre, als ich bin. Bergfalk hatte ebenfalls tüchtig gefroren, obschon er bei Springs Schwester und Schwager gut beherbergt und verpflegt worden war.

Am Freitag Vormittag fuhren wir zur Hopedale Community (Gemeinde des Hoffnungsthales), einer kleinen Sozialistengesellschaft, etliche Meilen von Oxbridge, bei welcher Springs ebenfalls Verwandte und Freunde haben. Der Tag war mild, die Luft weich und die Fahrt über die noch ganz grünen Felder angenehm. Einer von Springs jungen Neffen kutschirte uns. Hopedale Community ist ein kleiner Staat, der gänzlich auf christlichem Grunde ruht und eine patriarchalische Verfassung hat. Der Patriarch und Vorsteher, Adin Ballou, ein schöner älterer Herr, empfing uns, umgeben von seiner Familie. Jede Familie hatte hier ihr besonderes Haus nebst Baumgarten. Die Meisten waren Handwerker und Ackerbauer. Auch hier wurden wir mit Bewillkommnungsgesängen und Blumen empfangen. Auch hier bemerkte ich bei der Jugend ein ungemein heiteres, frisches Leben, und es war angenehm, diese lebensfrohen Gruppen im Sonnenschein zwischen den kleinen, gemüthlichen Wohnungen hinwandeln zu sehen. Die Kirche des kleinen Staates, die zugleich das Schulhaus ist, erschien mir indessen höchst unkirchlich. Einige moralische Gedenksprüche, wie z. B.: „hofft, hofft immer!“ und „versucht es immer wieder“ u. dergl. standen an den kahlen Wänden zu lesen. Das poetische Element war hier etwas lebendiger, als in dem Phalanstère von New-Jersey. Das moralische bildete indeß auch hier den Kern, und die Poesie war bloß der Zusatz, der Zucker auf den Moralkuchen. Wir aßen in einem angenehmen Häuschen zu Mittag. Man stellte keine Fragen an die Gäste, sondern man begnügte sich, sie gut und freundlich zu bewirthen. Ein Neger und seine Frau kamen hieher, die Mitglieder der Gesellschaft zu werden wünschten. Ich würde mich in Hopedale Community besser befinden, als im North-American Phalanxtery, theils wegen der abgesonderten Wohnungen, theils um des christlichen Glaubensbekenntnisses, und endlich um des Patriarchen willen, der wie ein Mann aussah, welcher alles Vertrauen verdient. Der kleine Staat besteht seit ungefähr sieben Jahren und zählt etliche und dreißig Familien, wie auch einige unverheirathete Personen, im Ganzen etwa 170 Seelen. Jedes Mitglied verpflichtet sich zum christlichen Glaubensbekenntniß, zum Nichtwiderstand und zur Mäßigkeit. Adin Balou hat zum richtigen Verständniß in diesen Angelegenheiten einige Schriften herausgegeben, die er mir schenkte.

Ueberhaupt scheint mir das häusliche sowohl als das gemeinschaftliche Leben in der neuen Staatsgesellschaft, die ich jetzt besucht habe, nicht sehr heiter zu sein; es bietet wenig Genüsse für die Intelligenz und den Schönheitssinn, ist aber von Grund aus achtungswerth, ernst, gottesfürchtig, arbeitsam, und bildet somit im Ganzen ein gutes Fundament für ein kräftiges Volksleben. Aus diesen kleinen Häusern müssen ernste Männer und Weiber hervorgehen, Menschen, die das Leben ernst nehmen und frühzeitig arbeiten und beten gelernt haben. Die Gemeinde von Hoffnungsthal formulirt ihre Zwecke folgendermaßen: „ein kleiner Anfang zu sein für die industriellen Armeen, die ausziehen sollen, um die unfruchtbaren Marken der Erde zu unterjochen, fruchtbar zu machen, zu verschönen und in würdige Wohnplätze für praktisch christliche Gemeinden umzuschaffen, sowie überhaupt allgemeine Verbesserungen zum Wohl der Menschen einzuführen.“ Praktisches Christenthum ist das Feldgeschrei dieser friedlichen Eroberer.

„Selig sind die Friedsamen, denn sie werden die Erde besitzen.“

Jetzt genug von dieser Expedition. Obschon ich mich oft gut unterhalte und mein Interesse vielfach angeregt wird, so sinne ich doch beständig darauf, wie ich mich, mit guter Art davon machen und irgendwo zu einiger Ruhe gelangen könnte. Aber damit sieht es schlecht aus. Jetzt ist auch die Kälte hieher gekommen, die für mich ein harter Tirann ist, und heute ist ein wahrer Sturm. Ich möchte nur wissen, wie es Dir geht, mein holdes Kind, und ob Du es warm und angenehm hast in unsrer stillen Wohnung zu Stockholm. Möge es so sein, meine Agatha, und möge der Winter nicht zu streng für Dich sein!

Boston. Massachusetts. Den 2. Dez. 

Hier bin ich jetzt, mein Herzchen, in einer tüchtigen Kälte, aber in einem warmen, schönen Zimmer in dem großen Hotel Revere House, mit einem glimmenden Kohlenfeuer als Gesellschaft, und hier eingeführt von Marcus und Rebekka, die mich beständig ermahnen: „Machen Sie sich’s komfortabel! Lassen Sie sich Nichts abgehen!“ Heute Vormittag bin ich mit ihnen in der Kirche gewesen und habe eine merkwürdige Art von Predigt angehört von einem Mr. Parker, einer gewaltigen Natur mit großem Rednertalent, einem Geistlichen, der die Moral des Christenthums mit starkem, furchtlosem Geist auf die politischen und gesellschaftlichen Fragen des Tages und des Landes anwendet. Er hat einen Sokrateskopf, große und wohlgebildete Hände, und sein ganzes Wesen, sein Ausdruck und seine Geberden erscheinen mir ächt originell — der Ausdruck einer bestimmten und mächtigen Natur.

Heute Abend werde ich zu einem sozialistischen Meeting gehen, im Fall ich nicht so glücklich bin, auf meinem Zimmer bleiben und einen einzigen Abend ausruhen zu dürfen. Wenn ich meine Freunde darüber hörte, so könnte das freilich wohl geschehen. Aber ich lasse mich von dem Strom fortführen, so lange ich ihm zu folgen vermag. Morgen fahren wir alle zu Emersons, die in einem Städtchen Namens Concord, ungefähr eine Stunde Wegs (d. h. mit der Eisenbahn) von Boston wohnen; und morgen oder übermorgen fahre ich zu Lowells in der Universität Cambridge (ungefähr eine halbe schwedische Meile von hier), wo ich einige Tage bleiben und dann das Nähere über meinen Aufenthalt in Boston bestimmen werde. Verschiedene Wohnungsanerbietungen, die mir hier gemacht worden sind, verlocken mich noch nicht. Ich will mich auch an kein Haus binden, wenn ich nicht ganz gewiß sein kann, daß ich mich da recht heimisch fühlen werde. Der Abschied von Springs, diesen guten Menschen, wird mir hart ankommen. Sie gehören zu der allerbesten Sorte von Menschen und es ist unendlich angenehm, mit ihnen zu leben.

Meine liebe Agatha! Ich schreibe Dir höchst unvollkommen von den Dingen und Menschen hier, aber Dinge und Menschen lassen mir keine Ruhe, um von ihnen zu schreiben. Um so mehr werden wir einmal reden, und um so mehr werde ich einmal schreiben, denn Personen und Verhältnisse leben hier mächtig in mir und auf eine Art, die mich überrascht und neu belebt. Ich fühle es jeden Tag, wie durchaus nothwendig für mein ganzes Leben und meine Entwicklung diese amerikanische Reise ist.

Dienstag den 4. Dez. 

So eben komme ich von meiner kleinen Reise mit Springs und Bergfalk nach Concord, der ältesten Stadt in Massachusetts und Waldo Emersons Residenz zurück. Wir fuhren und kamen in einem wahren Schneegestöber an. Aber die Eisenbahnwagen waren schön, warm und man sitzt da vollkommen behaglich, nur daß man mitunter tüchtig herumgeschüttelt wird, denn die Eisenbahnen dahier sind bedeutend rauher und unebener als diejenigen, auf denen ich in Europa gefahren bin. Emerson kam uns die kleinen Tannenallee vor seinem Hause hinab, trotz des fallenden Schnees baarhäuptig, entgegen; er ist eine stille, edel ernste Gestalt, blaß, mit stark markirten Zügen und Linien, und dunklem Haar. Er schien mir jünger, als ich ihn mir gedacht hatte, sein Aeußeres weniger bezaubernd, aber bedeutungsvoller. Er beschäftigte sich mit uns und namentlich mit mir in meiner Eigenschaft als Frauenzimmer und Ausländerin recht freundlich und angenehm.

Emerson ist eine ganz eigenthümliche Individualität, aber zu kalt und überkritisch, um mich sehr anzusprechen. Ein starkes, klares Auge, immer nach einem Ideal spähend, das er auf Erden nicht verwirklicht findet; in Allem Mängel, Halbheiten und Unvollkommenheiten entdeckend, und selbst zu kräftig, zu metallen, um die Schwachheiten und Leiden Anderer zu verstehen. Denn auch das Leiden verachtet er als eine Schwachheit, die höherer Naturen unwürdig sei. Diese merkwürdige Menschennatur soll niemals krank gewesen sein. Aber Bekümmernisse soll er gehabt und sie tief empfunden haben, wofür auch einige seiner schönsten Gedichte zeugen; doch soll er sich nur kurze Zeit von diesen Bekümmernissen, nämlich dem Tod zweier schöner, geliebter Brüder und seines ältesten Sohnes, eines schönen kleinen Jungen, haben niederbeugen lassen. Auch seine erste Frau hat er nach blos einjähriger Ehe verloren. Emerson ist jetzt zum zweiten Male verheirathet und hat drei Kinder. Sein hübscher kleiner Junge, das jüngste von den Kindern, scheint ihm ganz besonders lieb zu sein. Mrs. Emerson hat schöne, seelenvolle Augen, ist aber kränklich und hat eine Individualität, die der seinigen sehr ungleich ist. Er interessirte mich, ohne mich zu erwärmen. Diese kritische, kristallreine und kalte Natur kann vollkommen achtungswerth, sehr heilsam und in ihrer Art wohlthätig sein sowohl für ihren Besitzer, als auch für Andere, die sich von ihr gradiren und kritisiren lassen wollen. Aber für mich Davids Herz mit Davids Gesängen!

Aber ich werde in Folge der höchst freundlichen Einladung von Emerson und seiner Frau in dieses Haus zurückommen, und dann bekomme ich von dieser sphinxartigen Persönlichkeit mehr zu sehen.

Von dem Naturverehrer Emerson, der keiner Kirche angehört und nicht einmal seine Kinder taufen lassen will (weil er die Natur der Kinder für reiner ansieht, als die der gewöhnlichen, herangewachsenen sündigen Menschen) gingen wir ins Nachtquartier zu einem alten, strengen Puritaner, wo wir langen Gebeten anwohnten, die man an der Wand knieend verrichtete. Die einzige Tochter des Hauses, Elisabeth H., ein schönes, edles und angenehmes Mädchen, das mit dem geliebtesten Bruder Emersons verlobt gewesen war und nach seinem Tod keine andere Bande hatte anknüpfen wollen, interessirte mich. Sie ist offenbar ein edles und gehaltvolles Wesen, und ihre Freundschaft für W. Emerson scheint mir etwas sehr Reines und Vollkommenes zu sein. Auch sie hoffe ich im Verlauf des Winters wiederzusehen.

Heute früh sah es in dem idylisch zierlichen Städtchen Concord überall aus wie ein ächter, schwedischer Winter. Miß H. ging mit mir aus und wir besuchten das Denkmal der ersten Opfer, die im amerikanischen Befreiungskrieg starben, denn sie fielen hier, wo der erste blutige Kampf stattfand. Es war jetzt beinahe eingeschneit; Eis und Schnee bedeckten auch den kleinen Fluß, welcher die Stadt verschönt, und den die Indianer Musketaquid oder den grasigen Fluß nannten. Emerson hat einem seiner frischesten und lieblichsten kleinen Gedichte diesen Namen gegeben. Der Spaziergang in der reinen Winterlust, unter den mit glitzerndem Schnee bedeckten Bäumen und an der Seite von Elisabeth H., deren Atmossphäre für mich belebend ist, wie die reine, sonnige Luft, machte mich leicht an Seele und Leib; und so begegneten wir Bergfalk, der ganz warm und vergnügt aus der Frauenzimmerschule in der Stadt kam, wo er junge Mädchen mathematische Probleme lösen gehört, die er ihnen auf erfolgte Einladung dazu aufgegeben hatte, und zwar gut und leicht lösen. Er war ganz entzückt über die jungen Mädchen und über die Lehrerin, die er als eine höchst gebildete Dame beschrieb. Er hatte eine kleine Rede gehalten, um sein Vergnügen zu bezeugen, und der ehrliche, gefällige Geistliche, der ihn begleitete, war nicht minder warm gegen ihn; auch soll die ganze Mädchenschule höchst entzückt gewesen sein über den Professor, wie er dort und auch sonst auf unserer Reise genannt wurde, denn man versucht es kaum seinen Namen auszusprechen, was man für geradezu unmöglich hält. Ich besuchte auch einige dieser kleinen Häuser, wo Alles ganz komfortabel ist, obschon die Herrschaften sich selbst bedienen und alle häuslichen Geschäfte verrichten. Diesem Gebrauch schenke ich meine Achtung, aber nicht meine Liebe. Und ich befinde mich nicht recht wohl dabei. Man muß sich so entsetzlich für jeden Dienst bedanken und meint dennoch oft, eine simple Magd würde es besser gemacht haben. Wir reisten am Vormittag zurück, ohne Emerson noch einmal gesehen zu haben.

Der schwedische Konsul in Boston, Benzon, der bei uns war, ließ mir durch Rebekka S. sein Haus als Wohnung für den Winter anbieten, was mir sehr angenehm war, obschon ich nicht weiß, ob ich es annehmen soll und kann. Es sind mir viele schöne und freundliche Anerbietungen gemacht worden. Und jetzt, mein Herzchen, bin ich ganz ungeduldig über das unaufhörliche Geklopfe an meiner Thüre mit Visitenkarten und Briefen, und ich bin verdrießlich darüber, daß ich beständig „Herein!“ rufen muß, während ich „Geh fort!“ rufen möchte. Ach! ach! ich bin dieses Willkomms hier, der mir gar keine Ruhe vergönnt, sehr überdrüssig. Ich habe inzwischen hier noch Niemand empfangen, aber gesagt, daß ich auf den Abend zu Hause sei. Morgen werde ich nach Cambridge hinausfahren. Ein abscheulicher Mord ist neuerdings von einem Professor an einem andern Professor begangen worden, und die ganze Universität und Stadt ist davon aufgeregt. Es ist ein unerhörtes Ereigniß; da aber der Angeklagte viele Bekannte und Freunde hat, wie auch als guter Gatte und besonders als guter Vater bekannt war, so kämpfen Viele für seine Unschuld. Inzwischen ist er ins Gefängniß abgeführt worden. Man spricht jetzt kaum von etwas Anderem.

Ich muß Dir noch sagen, daß ich mich trotz aller meiner Strapatzen vollkommen wohl befinde und es während meines Aufenthalts in Boston so einzurichten suchen will, daß ich etwas mehr Ruhe habe. Ich werde einen oder einige Empfangtage in der Woche festsetzen und dafür sorgen, daß ich einige Zeit für mich selbst leben darf. Ich fühle, daß ich dessen bedarf. Bergfalk ist artig und munter und gefällt überall. Er läßt Mama und Dich herzlich grüßen. Grüße herzlich Hagberg, Marie und Christine, unsere Dienstleute und unsere Freunde.

N. S.

Von Emerson muß ich Dir noch sagen, daß ich nicht sicher bin, ob ich ihn richtig beurtheilt habe. Ich gestehe, daß ich mich durch die geringschätzige Art — die sich mehr so im Wesen als mit Worten kundgab — wie er sich über Sachen und Personen äußerte, die ich bewunderte, etwas verletzt fühlte. Ich bin nicht sicher, ob nicht eine gewisse Bestimmtheit, eine Art von Größe, die mir selbst so wenig eigen ist, mich versucht hat die Geschichte vom Fuchs und von der Vogelbeere zu spielen. So viel steht fest, daß Emersons Wesen und Art einen ganz andern Eindruck auf mich gemacht hat als sonst hochmüthige Naturen, bei denen es mir leicht gewesen ist, sie als solche zu beurtheilen und gering zu schätzen. Nicht so mit Emerson. Mit ihm dürfte man nicht so leicht fertig werden. Er kann ungerecht und unbillig sein, aber er ist es sicherlich nicht aus Selbstsucht. In diesem Mann wohnt ein höherer Geist. Und ich muß ihn mehr sehen, ihn besser verstehen lernen.

Es mag im Uebrigen mit dieser Bekanntschaft gehen, wie es will, so werde ich ruhig bleiben. „Wenn wir Verwandte sind, so werden wir uns treffen.“ — Und wenn nicht — — die Zeit ist schon längst vorbei, wo ich sehr wünschte den Menschen zu gefallen. Ich bin durch die Wüste des Lebens gewandert; ich habe mich mit eigener Anstrengung und vielen Mühen auf diesen Horeb hinauf gekämpft, von dessen Spitze aus ich ein gelobtes Land erblickte. Und dieser lange Schmerz und diese große Freude haben die Prachtgestalten, Kronen, Lorbeern und Rosen dieser Welt für immer vor meinen Augen erblassen gemacht. Ich kann von ihnen noch auf Augenblicke bezaubert oder geblendet werden; aber das ist bald vorüber. Was sie geben, macht mich nicht reicher; was sie nehmen, nicht ärmer. Ich könnte in gewissen Stunden zu ihnen sagen, wie Diogenes zu Alexander sagte: „Geh mir aus der Sonne!“ Ich möchte nicht einmal zu diesem stolzen Sterndeuter Waldo Emerson gehen, wenn ich nicht meinen eigenen Himmel mit Sternen und Sonnen hätte, deren Herrlichkeit er kaum ahnen dürfte.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Sjunde
  2. Vorlage: Siebenter