Die Potemkinsche Stadt

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Textdaten
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Autor: Adolf Loos
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Titel: Die Potemkinsche Stadt
Untertitel:
aus: Adolf Loos: Sämtliche Schriften in zwei Bänden – Erster Band, herausgegeben von Franz Glück, Wien, München: Herold 1962, S. 153–156
Herausgeber: Franz Glück
Auflage:
Entstehungsdatum: 1898
Erscheinungsdatum: 1962
Verlag: Herold
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Erscheinungsort: Wien
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft: erstdruck in „ver sacrum“, organ der vereinigung bildender künstler österreichs, 1. jahrgang, heft 7, juli 1898, s. 15 ff. UB Heidelberg
Quelle: PDF bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[153]
DIE POTEMKINSCHE STADT
(juli 1898)


Wer kennt sie nicht, die potemkinschen dörfer, die der schlaue günstling Katharinas in der Ukraine erbaut hatte? Dörfer aus leinwand und pappe, dörfer, die die aufgabe hatten, eine einöde für die augen ihrer kaiserlichen majestät in eine blühende landschaft zu verwandeln. Aber eine ganze stadt soll der schlaue minister gar fertig gebracht haben?

Das ist wohl nur in Rußland möglich!

Die potemkinsche stadt, von der ich hier sprechen will, ist unser liebes Wien selbst. Eine schwere anklage, deren beweis mir wohl auch schwer gelingen wird. Denn ich brauche dazu hörer mit einem so verfeinerten rechtsgefühl, wie sie in unserer stadt leider noch spärlich zu finden sind.

Wer sich für etwas höheres ausgibt, als er ist, ist ein hochstapler und verfällt auch dann der allgemeinen verachtung, wenn niemand durch ihn geschädigt wurde. Wenn aber jemand diesen effekt durch falsche steine und andere imitationen zu erreichen sucht? Es gibt länder, wo einem solchen menschen das gleiche schicksal zuteil würde. In Wien ist man aber noch nicht so weit. Nur ein kleiner kreis hat das gefühl, daß dabei eine unmoralische handlung, ein schwindel geschieht. Nicht nur durch die unechte uhrkette aber, nicht nur durch die wohnungseinrichtung, die sich aus lauter imitationen zusammensetzt, sondern auch durch die wohnung selbst, durch das wohngebäude will sich heute jeder für etwas höheres ausgeben, als er ist.

Wenn ich den ring entlang schlendere, so erscheint es [154] mir immer, als hätte hier ein moderner Potemkin die aufgabe erfüllen wollen, jemandem den glauben beizubringen, er würde in Wien in eine stadt von lauter nobili versetzt.

Was immer das Italien der renaissance an herrenpalästen hervorgebracht hat, wurde geplündert, um ihrer majestät, der plebs, ein neues Wien vorzuzaubern, das nur leute bewohnen, die imstande sind, einen ganzen palast vom sockel bis zum hauptgesims allein innezuhaben. Im parterre die stallungen, im niedrigen, untergeordneten mezzanin die dienerschaft, im hohen, architektonisch reich durchgebildeten ersten stockwerke die festräume und darüber die wohn- und schlafräume. Einen solchen palast zu besitzen, gefiel den wiener hausherren gar wohl, in einem palast zu wohnen, gefiel auch dem mieter. Den einfachen mann, der nur ein zimmer und ein kabinett im letzten stockwerke gemietet hatte, überfiel ein wohllüstiges gefühl von feudaler pracht und herrengröße, wenn er sein wohngebäude von außen betrachtete. Liebäugelt nicht auch der besitzer eines falschen brillanten mit dem glitzernden glase? Oh über den betrogenen betrüger!

Man wird mir einwenden, daß ich den wienern falsche absichten unterschiebe. Die architekten sind schuld daran, die architekten hätten nicht so bauen sollen. Ich muß die baukünstler in schutz nehmen. Denn jede stadt hat jene architekten, die sie verdient. Angebot und nachfrage regulieren die bauformen. Der, der dem wunsch der bevölkerung am meisten entspricht, wird am meisten zu bauen haben. Und der tüchtigste wird vielleicht, ohne je einen auftrag erhalten zu haben, aus dem leben scheiden. Die anderen aber machen schule. Man baut dann [155] so, weil man es eben gewohnt ist. Und man muß so bauen. Der häuserspekulant würde am liebsten die fassade glatt von oben bis unten putzen lassen. Das kostet am wenigsten. Und dabei würde er auch am wahrsten, am richtigsten, am künstlerischsten handeln. Aber die leute würden das haus nicht beziehen wollen. Der vermietbarkeit wegen ist der hausherr gezwungen, diese, und gerade diese fassade anzunageln.

Jawohl, anzunageln! Denn diese renaissance- und barockpaläste sind nicht einmal aus dem material, aus dem sie hergestellt erscheinen. Bald geben sie vor, aus stein, wie die römischen und toskanischen paläste, bald aus stuck, wie die wiener barockbauten, gebaut zu sein. Sie sind keines von beiden: ihre ornamentalen details, ihre konsolen, fruchtkränze, cartouchen und zahnschnitte sind angenagelter zementguß. Gewiß hat auch diese technik, die erst in unserem jahrhundert angewendet wird, ihre volle berechtigung. Aber es geht doch nicht an, sie auf formen, deren entstehung mit der beschaffenheit eines bestimmten materials eng verknüpft ist, nur deswegen anzuwenden, weil ihrer anwendung keine technischen schwierigkeiten im wege stehen! Aufgabe des künstlers wäre es gewesen, für das neue material eine neue formensprache zu finden. Alles andere ist imitation.

Darauf kam es dem wiener der letzten bauepoche auch gar nicht an. Ihn freute es sogar, mit so geringen mitteln das teure material, das als vorbild diente, nachahmen zu können. Als echter parvenü glaubte er, daß die anderen den schwindel nicht merkten. Das glaubt der parvenü immer. Von der falschen hemdbrust, dem falschen pelzkragen, von all den imitierten dingen, mit denen er sich umgibt, glaubt er zuerst sicher, daß sie ihren zweck vollständig [156] erfüllen. Allein die, die über ihm stehen, die, die dieses parvenü-stadium schon überwunden haben, die wissenden also, sie lächeln über seine nutzlosen anstrengungen. Und mit der zeit gehen auch dem parvenü die augen auf. Bald erkennt er dieses, bald jenes unechte bei seinen freunden, das er früher noch für echt gehalten hat. Dann gibt er’s resigniert auch für sich selbst auf.

Armut ist keine schande. Nicht jeder kann in einem feudalen herrensitz auf die welt gekommen sein. Aber seinen mitmenschen einen solchen besitz vorzuspiegeln, ist lächerlich, ist unmoralisch. Schämen wir uns doch nicht, in einem haus mit vielen anderen, uns sozial gleichstehenden menschen zur miete zu wohnen! Schämen wir uns doch nicht der tatsache, daß es stoffe gibt, die uns als baumaterial zu teuer sind! Schämen wir uns doch nicht der tatsache, menschen aus dem neunzehnten jahrhundert zu sein, nicht solche, die in einem hause wohnen wollen, das seiner bauart nach einer früheren zeit angehört! Ihr würdet dann sehen, wie schnell wir den ureigenen baustil unserer zeit erhalten würden. Den haben wir sowieso, wird man einwenden. Ich meine aber einen baustil, den wir mit gutem gewissen der nachwelt überliefern könnten, auf den noch in ferner zukunft mit stolz hingewiesen würde. Diesen baustil hat man aber in unserem jahrhundert in Wien noch nicht gefunden.

Ob man aus leinwand, pappe und farbe holzhütten darzustellen sucht, in denen glückliche bauern leben, oder aus ziegeln und zementguß vorgebliche steinpaläste errichtet, in denen feudale großherren ihren sitz zu haben scheinen, im prinzip bleibt es das gleiche. Über der wiener architektur dieses jahrhunderts schwebte der geist Potemkins.