Die Stedinger (Arnold Schloenbach)

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Textdaten
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Autor: Arnold Schloenbach
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Titel: Die Stedinger
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45–47, S. 533–536; 549–554; 561–567
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[533]
Die Stedinger.
Historische Erzählung von Arnold Schloenbach.[1]
Motto:     „Wären sie glücklich gewesen, so würde die Welt die Namen ihrer Anführer
kennen, wie sie die Namen der Schweizer Edlen, Walther Fürst, Werner von
Stauffache
und Arnold von Melchthal kennt. Laßt uns wenigstens gerecht  
sein und unsre wackern Landsleute, die freien Bauern Bolko von Barden- 
fleth, Thanno von Huntorp, Detmar von Dieke
und Andere, die Heerführer  
der Stedinger, und diese selbst, der Vergessenheit entreißen. 
Ant. v. Halem: Geschichte des Herzogthums Oldenburg.
I.
Der Stedinger Land und Leute.

Zwischen dem Jadebusen, der Weser und der Hunte, im jetzigen Großherzogthum Oldenburg, lag das Stedinger Land, auf Mooren und Geersten, zwischen gewaltigen Dämmen; abgetrotzt dem Meere und Flusse mit starker Hand und eisernem Willen, mit kluger Vorsicht und sicherem Auge; dennoch seit Jahrhunderten bedräuet von den tückischen Elementen und oft noch umarmt bis zum grausen Tode, wenn die Elemente ihre Fesseln sprengten und ihr donnerndes Rauschen über die Trümmern der Menschenwerke, wie ein dämonischer Spott, aus der Tiefe erscholl. Aber immer auch wieder erhoben sich aus Fluthen und Trümmern neues Land, neue Dörfer, neue Dämme, und immer blühender, schöner und fester. – Es mußte ein gewaltiger Menschenschlag sein, der das vermochte. Und wahrlich, er war es auch. Die kühnsten Holländer, die stärksten Friesen, auch wohl Normannen dazu, hatten nach und nach sich hier angebaut, die Plätze der Ertrunkenen und Verschütteten einnehmend, und Derer, die dann geflohen in Todesangst und gebrochenem Muthe.

Sie vermischten sich mit den stark und muthig heimisch Gebliebenen und so mußte das nun ein Geschlecht werden von besonderer Art; der Stamm, der in freudigstem Lebensmuthe fast täglich um dieses Leben kämpfen konnte; Männer, hoch wie ihr Korn, breit wie ihre Dämme, hart von Sinn und Knochen wie ihre Pflugschaaren; den Wolken, Wogen und Wettern ihre Listen ablauschend, klug wie die Füchse, ehrlich und treu wie die Natur, gesund an Herz und Gedanken wie die frisch aufgerissene Scholle ihrer schwarzen Erde, dabei reich wie ihre Felder. Vor Allem aber: es waren freie Männer. Ein Jeder erbgesessener König auf seinem Grunde, nur Unterthan dem Gesetze, das sie selbst sich gegeben hatten, von eigens erkührten Richtern bestellen ließen und sich ihm beugten, als hielte es der König der Könige vor ihren Augen in seiner Hand.

Nur dem deutschen Kaiser hatten sie Zuzug zu halten mit Mann und Schwert, d. h. wenn er darthat, daß er im Rechte war gegen seinen Feind. Nur dem Erzbischof in Bremen gaben sie Zehnten an Vieh und Frucht, als dem Vertreter des Papstes, dem Schutzherrn ihres christlichen Glaubens; doch wählten sie selbst ihre Priester, bauten selbst ihre Kirchen und Schulen, und keines Gewaltigen Macht durfte sich einmischen in der freien Bauern Rathen und Thaten, Gut und Blut. Schon Kaiser Karl der Große hatte solch hohe Gerechtsame den Stedingern gegeben und jeder ihm folgende Kaiser sie feierlich bestätigt. Zuletzt noch erweiterte und befestigte sie der deutsche Kaiser mit dem rothen Bart und die weisen Erzbischöfe von Bremen hatten immerdar des Papstes heiliges Siegel darauf gedrückt.

Aber der Bauern Freiheit sollte ihr Verderben werden. Der wachsenden Macht der oldenburgischen Grafen war sie ein Dorn im Auge, der sollte herausgerissen werden, wenn auch das Auge mit heraus müßte; so hatten sie beschlossen.

Hart an den Grenzen des Stedinger Landes erbaueten sie Lienen und Lichtenberg und setzten darauf Voigte, die immer weiter eingriffen in der Bauern Thun und Lassen, Hab und Gut; ja die oft der Bauern Weiber und Töchter auf sonntäglichen Kirchwegen überfielen, auf die Burgen schleppten und verunehrten. – Und im Bunde mit den oldenburger Grafen gingen die Erzbischöfe von Bremen: der eiserne Hartwich und der übermüthige Gerhardt. [534] Sie forderten mehr und mehr der Gaben und Gerechtsame für sich; ja, sie sandten eigends Priester hin an Stelle der Priester aus Stedinger Blut, vorgebend: diese lehrten nicht mehr das wahre Christenthum.

Die Stedinger knirschten und brüteten in fürchterlicher Stille; es ging durch das Land wie Kohlendampf vom Mailer, und nur noch ein Stoß – dann mußte der Dampf auseinanderschlagen zu fürchterlicher Lohe. So stand es um der Stedinger Land und Leute beim Beginne unserer Geschichte.



II.
Der Beichtpfennig.

Es war im Sommer des Jahres 1231, da zogen die Stedinger Männer mit ihren Frauen und Kindern nach Elsfleth zur Sonntagskirche; aber nicht so frisch und fröhlich und christlich-andächtig, wie sonsten, denn der Priester, der ihnen dort das heilige Abendmahl austheilen sollte, war ihnen gesetzt worden von Bremen aus, und mancherlei Klagen sprachen gegen seine Forderungen, die nicht nach Recht und Brauch. Es war ein stiller Kirchengang. Am Stillsten von Allen war die Margarethe, des Frohnboten Klaus vom Ipenhof Weib. Sie trug schon hoch ein Kind unter dem Herzen und wollte heute den letzten Kirchgang thun vor der schweren Stunde; wollte das Abendmahl nehmen als Stärkung, und als Sicherheit, wenn ihr ein Unglück begegnen sollte. Deshalb auch hatte sie gestern gebeichtet, recht andächtig und offenherzig, aber dem ungeliebten Priester einen kleinen Beichtpfennig gegeben; eben darum so klein, weil der Priester so viel gefordert hatte.

Nun war der Margarethe, sie wußte nicht wie; es schwante ihr ein Unglück. Aber sie sprach kein Wort davon, und als sie in die Kirche kam, wurd’s ihr wieder ruhig und erbaulich zu Sinne. Nun las der Priester die Messe, dann ladete er ein mit schönem, frommem Worte heranzutreten an heiliger Stätte und das Mahl zu empfangen. Da wurd’s dann Allen feierlich still zu Gemüthe und sie kamen heran, den lauten, wuchtigen Schritt dämpfend zum heiligen Rundgang. Feierlicher Gesang klang hernieder, Weihrauchwolken wallten hinauf und alle Herzen schlugen leise und andachtsvoll. Da auf einmal ein fürchterlicher Schrei aus einer Weiberbrust und ein Klingen auf dem steinernen Fußboden.

Der Schrei kam von der Margarethe und das Klingen von dem Pfennige, den sie gestern dem Priester gegeben, den dieser ihr jetzt statt der geweihten Hostie in den Mund gesteckt, und den sie mit jenem Schrei dem Priester in’s Antlitz gespuckt hatte.

Laut rief sie das hin durch die Stille der Kirche. Wie ein Tiger sprang Klaus, ihr Mann, hervor, hin auf den Priester; der floh entsetzt davon.

Jetzt brach der Aufstand fürchterlich los: der heilige Wein floß auf der Erde wie Blut, die Hostien flogen umher wie Flocken, donnernder Racheruf brach sich an den Wänden, die Fenster klirrten, zitterten, fielen zusammen, Kanzel und Altar nach, – und während die Frauen der todtkranken Margarethe Hülfe gaben, stürmten die Männer dem Priester nach, dem die Todesangst Flügel zu geben schien. Die Voigte der Grafenburgen waren mit Reisigen in der Nähe, griffen ihn und führten ihn hin zu den starken Burgen.

Aber das Klingen des Pfennigs schwoll an zu einem fürchterlichen Orkan. Der letzte Stoß war gegeben: der Kohlendampf schlug auseinander zu gewaltiger Lohe. In wenigen Tagen waren die Burgen Trümmer, unter denen der Priester, die Voigte und viele Reisige lagen; kein oldenburger Mann war im weiten Umkreis mehr zu sehen, und nach der bremischen Grenze, zwischen Ockthum und Lintow, erhob sich ein haushoher Steindamm neben einem breiten Graben, eine starke Brücke über die Acht, von wehrhafter Mannschaft stark gehütet. Einmal versuchten es die oldenburger Grafen hier rächend einzudringen, und büßten es mit Tausenden; dann blieben sie zurück, doch nur, um den rechten Augenblick zu erspähen.

Der Erzbischof von Bremen forderte Auslieferung der Mörder seines Priesters, doch vergebens. Da wurden die Stedinger in den Bann gethan; der einzige Priester ihres Stammes mußte dem strengen Gebote seiner Kirche folgen und die Gebannten verlassen. Vor Allen verflucht wurde die entweihte Kirche zu Elsfleth, und die Stedinger selbst sahen sie nur mit Grausen an, und bauten weit von ihr ab ihre Häuser. Sie blieb so verlassen, daß im Winter über das Eis herübergekommene Wölfe ihre Jungen darin warfen, und wenn die Alten dabei heulten, klang das schauerlich hin durch die öde kalte Nacht, schauerlich den Stedingern durch Kopf und Herz. Sie glaubten sich selbst dann zu hören, wie sie einst da geheult hatten in Wuth und Rache. So hat die Kirche noch zwei Jahrhunderte gestanden, da kamen auf einmal die Wogen der Weser, und nahmen das fürchterliche Wahrzeichen der Volkswuth in ihre vernichtenden Arme.




III.
Die Botschaft.

Unter einer riesigen Linde im Dorfe Bardenfleth hielt der Schultheiß Bolko von Bardenfleth sein freies Gericht. Im länglichen Rund saßen 14 Schöffen ihm zur Seite; Alle in kurzen Mänteln und bloßen Hauptes; nur der Schultheiß hatte das schneeweiße Haupt bedeckt und hielt in der braunen Faust den langen weißen Stab seiner Würde, der hier geehrt und gefürchtet wurde, mehr als da außen das Zepter des mächtigen Kaisers. Ein langer Mantel floß von seinen breiten Schultern herab um die mächtigen Glieder, und sein ernster, weiter Blick ging ehrfurchtgebietend von seinen Schöffen hinüber zur Menge, die sich vor dem mit Haselstäben und Schnüren gehegten, Rund des Gerichtsplatzes aufgestellt hatte. Zu seiner Rechten saß der Schöffe Detmar von Dieke, zu seiner Linken der Schöffe Thanno von Huntorp; neben an der Schöffe Enno von Waldhalden; das waren die gewaltigsten, weisesten und klügsten Männer des Stedinger Landes, die aber Alle er selbst an Gewalt, Weisheit und Klugheit überragte. Vor der Schranke stand Klaus vom Ipenhof, der Frohnbote; vor drei Jahren war er Vater geworden; in derselben Nacht, da die Burgen brannten und die Voigte mit dem bremischen Priester zu Tode fielen. Von der Stunde in der Kirche an, hatte er einen furchtbaren Haß geworfen auf Alles was Priester und Adel hieß, und die Leiden seines Weibes, die in Folge jener Stunde sehr schmerzlich geboren hatte, senkten ihm tief in’s Gemüth die Schwüre unversöhnbarer Rache. Aber kalt wie Marmor von außen, gleichgültig, trotzig wie ein abgesägter Eichenstamm, so stand er da vor den Menschen, so stand er jetzt vor der Schranke, so rief er jetzt nach altem Brauch:

„Herr Schultheiß! Draußen stehen zwei Männer, die begehren Recht.“

„Wer ist’s?“

„Pater Hieronymns, dereinst unser Landesmann und Priester, der uns verlassen mußte, als der Bann über uns erging. Ihn sendet der Erzbischof Gerhardt von Bremen.“

„Seltsam, seltsam!“ sprach der Schultheiß, und in sonderbarer Scheu, in einem Gemisch von alter Liebe und neuem Haß, ging dieses „Seltsam“ durch den Kreis der Schöffen und hinüber durch die Menge.

„Der Andere?“ fragte jetzt der Schultheiß.

„Junker Georg von Oldenburg-Schmidtstein, Neffe und Erbe den regierenden Grafen Burkhardt von Oldenburg und von diesem gesendet.“

Die letzten Worte konnte man kaum verstehen, denn so wie der Klaus den ersten Namen gesagt hatte, da war’s auch losgegangen, nah und weit, als wenn man fern das Meer branden hört oder ein Gewitter sich bricht in engen Thalwänden.

„Wollen die von Oldenburg wieder anfangen? Ich dächte, sie hätten genug:“ so rief es hier.

„Seit wir sie bei Himmelskamp trafen, hätten sie doch merken sollen, daß sie uns nichts anhaben können,“ so rief es dort.

„Es ist kein gut Zeichen, wenn die Boten von Adel und Kirche zusammengehen!“ rief’s aus der Mitte.

Der Schultheiß aber winkte Ruhe und sprach dann: „Wir wollen sie hören, ohne Sorge wie ohne Trotz. Frohnbote, führe sie zu uns.“

Der Frohnbote ging fort, während eine schwüle Ruhe entstand und doch Alle neugierig hinschauten, woher die Erwarteten kommen mußten.

[535] Jugend, Schönheit, frischer Lebensmuth im ganzen Wesen: das sind drei vortreffliche Gaben, um die Menschen zu gewinnen. Die hatte nun der Graf Georg in reichem Maaße, und als er damit auftrat, und blitzende Helmzier, leuchtende Waffen, Gold und Seide das Alles noch hoher und schöner erscheinen ließen, da fuhr über die meisten der ernsten Gesichter ein freundlicher Schein. Nun aber kam ein Schatten.

Pater Hieronymus schritt hinter dem Junker her; das sonst so kräftige Gesicht bleich, zerrissen von tiefem Schmerze, den er, fern von der Heimath, um die geächteten Brüder und Söhne still in sich getragen. Die sonst so milden Züge gehärtet von der Pflicht, die ihm die Geliebten verfluchen lassen mußte, die ihm verbot, ihnen die Hand zu reichen und thränenden Auges auszurufen: „O, liebt mich doch, wie ich Euch liebe! Nehmt mich wieder auf, wo ich so gerne sein möchte! Lieber sterben bei Euch, als leben da Außen!“

Die geächteten Männer fühlten wohl im Augenblicke, was den armen Mann so bewege, und da sie ihn doch nicht freundlich anschauen konnten, senkten sie die Augen nieder.

Der junge Graf trat derzeit dicht vor die Schranke und der Schultheiß rief:

„Seid willkommen! Und wo Ihr eine Klage habt, tretet dorthin gegen Mittag. Es ist des Klägers Platz.“

„Ich stehe hier schon gut!“ warf der Graf keck entgegen.

„Mit Nichten!“ rief der Schultheiß ruhig; „wollt Ihr gehört sein, so richtet Euch nach unserem Brauch.“

Der Junker biß sich auf die Lippen, ging mit gleichgültigem Trotz zum angewiesenen Platze und wollte beginnen.

„Verzieht!“ sprach nun der Schultheiß; „das Gericht will sein Recht. Ihr seid die Letzten. Frohnbote thue Deinen Spruch!“

Und Klaus trat vor und rief:

„Ist hier Jemand, der vor Gericht zu schaffen habe, der versehe sich zu dieser Stund, ehe der Schultheiß den Stab niederlege. Solches frage ich einmal! Zweistund! Dreistund! – Herr Schultheiß, es ist keine Sache mehr vorhanden!“ Und er trat zurück.

Der Schultheiß aber stand auf, hob seinen Stab in die Höhe, entblößte einen Augenblick das Haupt und rief mit weithin schallender Stimme: „Ist Niemand in der Landgemeinde Steding, der es verbietet, daß diese Männer ihre Botschaft werben?“ Tiefes Schweigen. Der Schultheiß wandte sich zu den Boten und rief: „Herr Junker – und Ihr, ehrwürdiger Vater, tretet vor.“

Der Junker trat stolzen Schrittes vor, der Pater blieb ein paar Schritte zurück, den sinnend sorgenden Blick halb auf die Menge, halb auf die Gruppe des Gerichts gelenkt.

„Nun redet, Junker!“ sprach der Schultheiß ernst und milde, und der Junker begann:

„Mich sendet mein Oheim, der Graf Burkhardt von Oldenburg und zwei Fragen läßt er Euch stellen. Erstlich: ob Ihr gewillt seid, die Burgen wieder aufzubauen, die Ihr in offenem Aufstand gebrochen. Zum Zweiten: ob Ihr wollt eine Gesandtschaft schicken sammt Eidschwur, daß Ihr für ewige Zeit wollt Unterthan sein genanntem Grafen und allen seinen Nachfolgern im Lehn, also daß Oldenburg bei Euch habe Hochgericht und Heeresmacht, Bann und Mann, Wald und Wege, Wasser und Weide, den Fund unter der Erde und über der Erde, Pflug und Zug und was mehr des Herrn Recht ist?“

Ein dumpfes Murmeln in der Menge ging zuletzt in lautes Gelächter über und der Schultheiß fragte:

„Herr Junker, ist dies Euch Antwort genug?“

Der Junker wollte auffahren, aber des gewaltigen Mannes dräuernder Blick hinüber zur Menge und dann zum Junker selbst, bannte das schon lose gezückte Schwert in die Scheide zurück. Der Schultheiß fuhr fort:

„Die Antwort habt Ihr schon, doch soll kein Tütelchen von der Form fehlen und sollen Euere Klagen vor der Landgemeinde verhandelt werden. Doch, Herr Junker, erlaubt mir zuvor noch die Frage: Was für Gründe hat Euer Ohm, der gestrenge Herr Graf, für seine seltsame Forderung? Redet frei. Ich trage ruhigen Sinn unter meinem weißen Haare und dieser Stab schützt Euch vor jeder Unbill.“

„Noch mehr mein Schwert!“ warf der Junker trotzig ein, doch wurde sein Wesen nun schon ruhiger, sein Ton freundlicher mit denn er sprach. „Für’s Erste bedarf Kaiser und Reich hier eines Schutzes, damit kein Raum zum Angriff da ist, wenn ein Feind in Euern Sümpfen sich festsetzt; wir wollen Euch also schützen.“

Ein höhnisches Gelächter ging bei diesen Worten über alle Gesichter und der Schultheiß meinte: „Herr Junker, seit Jahrhunderten haben wir uns selbst geschützt gegen den fürchterlichsten Feind, – gegen das Wasser. Seit vierzig Jahren haben wir mit Euch gekämpft und keinen Fuß breit Landes habt Ihr errungen. Und Ihr wollt noch von Schutz reden?!“

„Nun, so müßt Ihr doch mit dem Kaiser enger verbunden sein, zu seinem eigenen Schutz und Trutz zu allen Stunden.“

„Sind’s gewesen, Herr Junker, haben’s bewiesen, als der Kaiser Fritz sein Königreich Jerusalem erobern wollte. Sind wir da in hellen Haufen nach Jerusalem gezogen und haben’s ihm erkämpfen helfen, mehr als sein Adel. So hat der Fritz selbst erkannt und bei unserer Kirchweih flattert die Fahne mit dem halben Monde, die unsere Burschen von Jerusalems Mauern wegrissen. Und so wird’s unter uns sein immerdar. Der Stedinger Heerbann wird nimmer mangeln.“

Dem Junker wurde es sonderbar zu Muthe; die einfache und doch so feierliche Art des Mannes, die so einfach angegebenen Thatsachen, deren Vertreter dort standen in schlichter Einfalt und natürlicher Kraft: sie faßten ihn tiefer und schlossen ihm Gedanken auf, die er bis dahin noch nicht geahnet hatte. Aber Gründe müßte er noch bringen; das erheischte sein Amt und seine Ehre, und er fuhr fort:

„Aber wie, wenn unter Euch selbst einmal Hader kommt? Wer soll da richten und vergleichen? Ihr habt keine Gelehrten des Rechts; Einer ist frei wie der Andere; wer versichert Euch, daß Fried und Stille und Recht in Eurem Lande bleibt?“

„Dieser Stab, Junker Georg,“ rief der Schultheiß mit feierlichem Ton; seine Augen glänzten weithin, seine Gestalt schien zu wachsen, indem er fortfuhr: „Seht, das ist das Zepter unseres Rechts, kein Gold und Edelstein daran, aber das Gericht ist durch ihn so heilig, als stände hier ein Engel Gottes mit flammendem, Schwerte. Diese Schranke ist gehegt nur von Haselstäben und dünnen Schnüren, aber noch nie hat Willkür sie gebrochen. Fest stand sie zu allen Zeiten und wird sie stehen, gleich einer Mauer von Erz und Demant.“ Und so stand der Schultheiß jetzt selbst vor dem Grafen und der Schimmer seines weißen Haares, vom Glanz der untergehenden Sonne beleuchtet, erschien ihm fast wie ein Heiligenschein. Verwirrt bis zum tiefsten Gemüthe fragte er nur noch: „Aber was ist bei Euch Recht? Wer weiß da immer wie zu entscheiden ist?“

„Laßt diesen Knaben Euch antworten,“ entgegnete der Schultheiß und winkte einem zehnjährigen Knaben aus der Menge. Der Knabe trat unbefangen vor und der Schultheiß fuhr fort: „Beliebt es Euch, Herr Junker dem Knaben Fragen vorzulegen, wie sie unter Bauersleuten vorkommen können.“

Der Junker sah den Knaben verwundert an, dann kam ein launischer Humor über ihn und er fragte mit ernstem Angesicht: „Was ist Rechtens im Gericht mein Sohn?“

Der Knabe stemmte sich fest in die Hüften, sah den vornehmen Frager unbefangen an und im Tone des aufsagenden Schülers sprach er:

„Es soll der Richter sitzen auf seinem Stuhle wie ein griesgrimmender Löwe, den rechten Fuß über den linken schlagend und wo er aus einer Sache nicht Rechts kann urtheilen, soll er sie überlegen einhundert und dreiundzwanzig Mal.“

„Das muß denn freilich endlich gerecht werden,“ meinte der Junker gutmüthig lächelnd und stellte dem Knaben eine zweite Frage: „Was machst Du, wenn Du ackerst und einen Flurstein umwirfst?“

„So rufe ich den Schöffen und den Widerpart, daß das Gemärke wieder gesetzt werde und deshalb habe ich nichts verbrochen.“

„Und wenn Du etwas findest, was unter oder über der Erde?“

„Die Schöffen haben gewiesen, daß es soll Jahr und Tag beim Schultheiß gehalten werden, bis Jemand kommt, der es begehrt; so aber Niemand Klage hat, soll es getheilt werden, wie der Schultheiß schafft.“

Der Junker that nun noch mehrere Fragen, die der Knabe alle beantwortete, nach dem alten Buchstaben und dem alten Gesetze und der Junker fragte mit seltsamer Befremdung:

[536] „Sonderbar, woher weiß er das Recht?“

„Woher wir’s Alle wissen, Herr Junker;“ antwortete der Schultheiß. „Wie ich hier richte, so steht unser Recht seit vielen Jahren; der Vater lehrt es seinem Sohn und wo wir uns versammeln an der Schranne, da wird’s stets laut gelesen und vor Allem wird gelesen: daß wir freie Bauern sind! Und deshalb – doch die Sonne sinkt, das Gericht muß zu Ende gehen, die Männer Stedingens haben Eure Botschaft vernommen, – Euch soll Antwort werden.“ Der Schultheiß legte nun noch einmal die Fragen des Boten vor und rief dann dem Frohnboten zu, die Stimmen zu sammeln. Währenddem trat der Graf dicht zum Schultheiß heran, bewegt, theilnahmsvoll schilderte er ihm die Gefahr, die über den Häuptern der Stedinger sich zusammenziehe, die täglich wachsende Macht der oldenburgischen Grafen und ihrer Verbündeten; die Macht der Kirche, die Heermacht deutschen Kaisers; doch vergeblich. Der Schultheiß wieß ernst und starr auf das Volk und seinen Stab.

„Was das Volk will, das thut dieser Stab.“

Der Junker versuchte ihn nun zu schrecken: der Schultheiß sei das Haupt der Empörer, ihn würde also auch die fürchterlichste Strafe treffen, doch der Bedrohte meinte: „Mein [Haupt] steht in Gottes Hand! Falle es, wohin er will. Falle es [nur] für unser Recht!“

Ehrfurchtsvoll ergriff der Junker des Bauern Hand, er versprach ihm hohe Ehren, Reichthum, den alleinigen Richterstuhl für ihn und seine Erben, doch der Schultheiß meinte:

„Tretet an Euern Platz. Die Umfrage ist geschehen, der Frohnbote kommt.“

In seltsamem Gemisch von Ehrsucht und Zorn, von Liebe und [aus] stolzem Trotze, trat der Junker zurück, während der Frohnbote an die Schranke trat und mit erhobener Stimme rief:

„Auf vorgelegte zwei Fragen haben die Männer des Gaues Steding einmüthig ein Nein zur Antwort gegeben und ist auch nicht ein einziges Ja erfunden worden.“

Der Schultheiß erhob sich, schwenkte seinen Stab und rief: „So schließe ich das Gericht!“

„Verblendete! Unglückliche! Haltet ein, Ihr wißt nicht was Ihr thut!“ rief plötzlich der Junker, getrieben von Mitleid und Sorge, im Gefühle seiner und seiner Verbündeten Macht.

„Ihr habt Euern Bescheid, Herr Junker!“ sprach kurz und ernst der Schultheiß. „Das Gericht ist aus!“ Mit diesen Worten legte er seinen Stab nieder und in der weiten, tiefen Stille hörte man nur den einen Laut, wie der Stab auf den Tisch klopfte.

Nun aber kannte der Junker keinen Halt mehr, er sprang vor, legte die Hand an das Schwert und begann mit lauthindräuendem Tone: „Ihr wollt den Krieg – so habt ihn denn! Und so rufe ich Euch hier Tod und Verder–“ weiter jedoch kam der Junker nicht; die Hand, die das Schwert halb aus der Scheide gezogen, drückte es mechanisch wieder zurück; der Mund mit den dräuenden Worten schloß sich, die Zornesblässe des Gesichtes verwandelte sich in leichtes Roth und die todtblitzenden Augen waren in verklärtem Glanze fest auf ein Mädchen gerichtet, das aus dem nahen Hause trat und rasch nach vorne kommen wollte, aber beim Anblick des Junkers, wie gebannt stehen blieb, leise zitternd die Hand auf das Herz gelegt, über und über roth in jungfräulicher Schaam und die großen, tiefblauen Augen mit Gewalt zu Boden gesenkt.

Es war ein wunderbarer, lebensentscheidender Augenblick für diese beiden jungen Herzen. Es giebt eine Liebe, die zücket urplötzlich durch die Seelen, urplötzlich zündend, um im Zünden zu tödten oder zu erlöschen; es giebt eine andere Liebe, die flammt mit düsterrothem Schein wie ein Nordlicht, sie erhellt ohne zu erwärmen; dann giebt es eine Liebe, die steigt auf wie die Sonne, wie die Sonne hinter den Bergen, allmälig, aber immer schöner und klarer; und wieder giebt es eine Liebe, die ist wie die Sonne des Südens auf dem weiten Ozean: sie ist da, auf einmal; ganz und voll, in höchster Klarheit und blendendstem Glanze. Solch eine Liebe war es, die hier auf einmal aufging in Hoheit und Größe! In derem Glanze der Graf und das Bauernmädchen sich fanden und banden; sich verschmolzen zu Einer Liebe, zu Einem Wesen, Einem Herzen! – Sich fanden, ehe sie es wußten, ahneten, ehe sie wußten was Liebe sei. Aber nur zwei von Allen hatten dies erkannt, wenn auch nicht in voller Bedeutung des Augenblicks, so doch mit tiefem Blick in den geheimen Prozeß, den die Natur hier spielte; der Eine weil er haßte, der Andere weil er liebte.

Der Eine war der Klaus vom Ipenhof, der Andere ein junger Bauer, Kurt vom Bühel. Wie Jener den Junker haßte, so liebte Dieser das Mädchen und mit Einem Blicke hatten sich beide Männer verstanden, mit einem Blicke dämonischer Gluth.

Der Schultheiß aber ging dem Mädchen entgegen und sagte: „Du kommst zu guter Stunde.“ Dann führte er das Mädchen dem Junker zu und nannte sie ihm als seine Tochter Elsbeth. Der Junker schwieg, das Mädchen auch und der Schultheiß sagte: „Der Feind bleibt draußen – der Gast soll mir hoch willkommen sein in meinem Hause. Wollt Ihr des Bauern Haus mit Eurer Gegenwart beehren?“

„Gern, gern!“ rief der Junker.

„So gieb dem Junker nach altem Brauch den Gastkuß, Elsbeth,“ mahnte der Vater; aber das Mädchen floh auf einmal wie ein angeschossenes Reh von dannen und während Alle ihr staunend nachschauten, flüsterten Klaus und Kurt sich zu, mit bebendem Munde und unheimlichen Blicken.

[549]
IV.
Ein bewegter Abend.

„Das Mädchen hat seinen eigenen Kopf; war immer etwas absonderlich,“ meinte jetzt der Schultheiß zum Junker, der wie träumend noch hinausschaute, wo das Mädchen verschwunden war. Jetzt wachte er gleichsam auf, und rief: „Das Mädchen kann keine Bäuerin sein!“

„Ihr werdet doch ihre Mutter nicht noch im Grabe beschimpfen wollen“, eutgegnete der Schultheiß, halb ernst, halb komisch.

„O, selig der Leib, der sie gebar?“ rief nun schwärmerisch der Junker aus.

Der Schultheiß schüttelte mit leichtem Lächeln den Kopf und wendete sich dann zum Pater, der die Zeit über in sorgenvollem Brüten bei Seite gestanden hatte:

„Ehrwürdiger Herr! Ihr müßt verzeihen, wir konnten Eure Botschaft nicht mehr geziemend empfangen, derweil die Sonne untergegangen war. Bis morgen müßt Ihr Euch gedulden, und wollt denn auch Ihr nun mein Gast sein? Oder dürft Ihr nicht ruhen, nicht Trank und Speise nehmen, bei dem Ketzer?

Dieses Wort betonte der Fragende mit leise vorwurfsvollem und etwas ironischem Ton. – Der Pater sah ihn mit wehmüthigem Ernste an und antwortete:

„Der Erzbischof hat mir Dispens ertheilt zu diesem Gang in Euer Land. Ich darf.“

„Uns auch die Hand reichen, wie in guter alter Zeit?“ Und der Schultheiß hielt ihm treuherzig die braune, schwielige Hand entgegen. Die Augen des Paters füllten sich mit Thränen; aber er drängte sie zurück, daß sie nicht überströmten, während er mit halber Stimme antwortete:

„Nein, Schultheiß, das darf ich nicht!“

„Nun, doch nicht minder willkommen, ehrwürdiger Herr. – Drinnen beim Weine wollen wir ein gutes Wort mit einander reden. Herr Junker, wenn’s –“

Er wollte sagen, „wenn’s beliebt“ – aber da sah er erst, daß der Junker mit hellem Zorn im Antlitz dem bleichen Kurt vom Büchel gegenüber stand. Es waren schon böse Worte gewechselt, dem Kurt hatte es wüthend an Hirn und Herz gezerrt, was der Jnnker gesprochen von der Elsbeth. Er war zu ihm herangetreten mit höhnischem Erinnern:

„Als wir Euch bei Himmelskamp die Köpfe entzwei schlugen, sahet Ihr nicht so glückselig drein, als jetzt, Herr Junker.“

„Einfältiger Prahler!“ entgegnete der Junker, „ein paar Miethlinge erschlugt Ihr uns; das ist Alles.“

„Nun, Ritter können auch an die Reihe kommen. Aber Söldner-Blut ist fruchtbar; unsere Felder wuchsen prächtig drauf. Vielleicht wachsen sie später noch prächtiger.“

„Frecher, – Du wagst es? Wärst Du dem Ritter nur schwertfähig“ –

„Schwertfähig? Hoho! Junker, Junker! wir sprechen uns noch von wegen der Schwertfähigkeit; verlaßt Euch darauf.“ – Mit diesen Worten klopfte er dem Junker auf die Schulter; heftig stieß dieser den Arm zurück, – zornig wollte Kurt ihn fassen, – neugierig, abwehrend, zudrängend, kamen Männer, Bursche, Knaben hervor; da drehte sich der Schultheiß um, da war aber auch auf einmal Alles still und ruhig. Der Junker warf nur noch rasch einen Blick zurück auf die Menge und folgte mit klopfendem Herzen dem Schultheiß und dem Pater in’s Haus. Der Klaus bekam vom Schultheiß noch den Auftrag, Alles was Füße und Gurgeln habe, zum Abendtanz und Abendtrunk einzuladen. –

„Aber daß Ihr mir den Junker ehrt und seinem Stande gebt, was Recht ist, derweil er unser Gast; führt er sich nicht würdig seines Ranges, so wollen doch wir uns zeigen als wackere Leute. Doch er ist gut im Gemüthe; ich hab’ ihn schon fast lieb gewonnen, – das richte Du aus!“ So schloß der Schultheiß seinen Auftrag an den Klaus und ging dann hin, seine Elsbeth zu suchen. Der Klaus sah ihm nach und murmelte vor sich hin:

„Der Schultheiß wird mir zu vernünftig. O, den Henker über so Halb und Halb. Ich wollt’, es wäre erst wieder Zeit zum Dreinschlagen; dann weiß man doch, woran man ist, und wo das Recht steckt. Mein Recht ist: was ich fassen kann mit meiner Faust. Wenn ich nur zugreifen dürfte, – ich wollte sie schon zusammendrücken.“

Derweil stand Elsbeth vor dem großen Herde, – und war es nur noch das Fener des einen Augenblicks, oder war es das Feuer des Herdes: sie glühte noch immer an Wangen und Augen, und wenn der Schaum auf den Töpfen überlief, sah sie dem ruhig zu und rührte sich nicht; sie zählte die Blasen die zischend von den Kohlen aufstiegen. Wohl hatte der Vater Recht gehabt, wenn er sie ein „absonderliches Mädchen“ genannt; wohl war sie das echte Kind ihrer schwarzen Erde; stark, muthig, rüstig, gesund an Leib und Seele und Gedanken. Kein besseres Hauswesen war zu finden als das, was sie führte, an der frühverstorbenen Mutter Stelle. Kein Vater konnte treuer geliebt, sorgsamer gepflegt [550] werden, als der Vater der Elsbeth es wurde. Sie ehrte die Schöffen, liebte die Nachbarn und Landsleute, hielt treue Freundschaft mit den Mädchen, gute „Kameradschaft“ mit den Burschen und war zuthätig, wo es des Rathens und Thatens bedurfte. – So stand sie hochgeachtet und wenn man will, auch geliebt, auf ihrem Erbe und in ihrem Gaue; aber so die rechte, eigentliche Liebe, die zuthunliche, offen vertrauende Liebe hatte sie nicht. Die Einen meinten: „Wir haben zu viel Respekt vor ihr;“ die Andern meinten: „Sie ist hoffährig;“ dem stritten wieder Andere entgegen, und sagten: „Ja, sie ist stolz, aber sie weiß es nicht, sie will es nicht sein; es würde sie betrüben, wenn sie wüßte, daß sie es wäre.“ „Sie hat kein Herz,“ meinten einige Burschen, die so von fern um sie angehalten und abgewiesen waren. „Sie hat ein Herz, aber ein anderes wie wir,“ hieß es dann.

Was war es denn nun in dem Mädchen, was zu solchem Gerede den Anlaß gab? So wenig und doch so viel. So leicht und doch so schwer zu beschreiben. Es war ein eigenthümliches Etwas, ein Würde- und Hoheitsvolles bei aller einfachen Bauernheit, ein Unnahbares für jeden rohen und gemeinen Sinn; ein nole me tangere gegenüber dem täglichen Brauch des Lebens, bei allem frisch kräftigen Zugreifen und Zuthun, was nur dieses Leben forderte. Dann war sie viel zarter gebaut, auch viel kleiner, wie die übrigen Mädchen und doch eben so stark und rüstig. Sie trug dieselben Kleider, wie alle Andern und doch stand ihr Alles schöner, sonntäglicher, vornehmer. Sie sprach gewiß nichts Anderes, als was die Andern sprachen, aber wie sie es sprach, das war klang- und seelenvoller und oft fühlte man heraus: sie empfindet und denkt auch noch viel mehr als sie spricht; nicht als ob sie das stolz hätte verbergen wollen; nein, sie fand nur nie die Stunde, die Gelegenheit, es auszusprechen; vielleicht hätte sie’s auch nicht gekonnt; vielleicht lag diese neuere, höhere Seele in ihr noch unerschlossen in ihrer jungfräulichen Brust und wartete nur des erweckenden Hauches, des Auferstehungskusses, um auf goldenen Flügeln emporzuschweben. – Und wie sie jetzt so da stand am Herde, da schien dieser erweckende Hauch ihre Seele schon berührt zu haben, und wie sie nun vom Herde weg in das Zimmer treten und dem schönen, prächtigen Jüngling des alten Brauches Gastkuß geben mußte: da schien das der Auferstehungskuß zu sein, der jene Seele zu hohem Fluge durchdrang. Der Kuß dauerte lange, lange – und Beide zitterten dann, als hätten sie ein Verbrechen begangen; aber ein Verbrechen, durch das sie in den Himmel gekommen seien.

Vor dem Fenster aber stand Kurt vom Büchel und glaubte in der Hölle zu sein. Er hatte die Faust auf die offene Brust gelegt und dann drückte er die Nägel in die Brust.

„Eine Stunde an ihrem Herzen und, dafür drei Jahre in der Hölle!“ so hatte er oft gerufen, so war der einzige Bursche des Stedinger Gaues, der für das Mädchen in Liebe entbrannt war; aber auch so, daß wie ein Lavastrom es in ihm kochte.

Er war schon hinausgefahren auf’s Meer, ein bis zwei Jahre lang, bis hinauf zu den Grönländern; aber so kalt es dort auch war, seine Liebe war nur noch heftiger entbrannt.

„Drei Jahre in der Hölle für eine Stunde an ihrem Herzen,“ so rief er jetzt wieder und dann dazu: „Und sechs Jahre in der Hölle für einen Griff an des Junkers Gurgel.“

Durch solch unmittelbare wilde Naturkraft rauschte die Leidenschaft noch hin wie ein fesselloser Bergstrom, grausige Schluchten reißend und die tiefsten Tiefen durchwühlend. Er war schrecklich und bemitleidenswerth, wie er so da stand und durch das Fenster schaute und Musik um ihn her klang und Jubel und Tanz ihn umwogte, und die thönernen Becher ihm klangen wie sein Grabgeläute. Der Klaus trat hinzu und brachte ihm des Schulzen mahnendes Wort und einen vollen Becher, – er nickte nur. Dann hetzte der Klaus ihn bitter und scharf, da zuckte er zusammen.

„Der Teufel soll leben!“ rief er jetzt, indem er dem Klaus den Becker entriß.

„Soll leben! Wir müssen ja doch zu ihm, wie die Pfaffen geschrien haben; da ist’s gut, wenn wir ihm freundlich thun,“ entgegnete der Klaus, und riß den Kameraden mit fort in das dichteste Gewühl der Tänzer und Trinker.

Ein friedlicheres Gespräch hatte während dem zwischen dem Schultheiß und dem Priester begonnen. Sie waren allein; ein alter guter Wein stand vor ihnen und die Abendstunde hatte ihre Milde ausgegossen auf die ehrwürdigen Häupter. Der Schultheiß ergriff den Becher und sagte:

„Laßt den guten, dritten Freund hier zwischen uns mitthaten. Sagt mir, ehrwürdiger Herr, was wollt Ihr Morgen auf dem Landthing vorbringen? Sagt’s jetzt schon, wo ein gutes Wort ein gutes Ort findet.“

„Friede will ich bringen, Schultheiß! Friede!“

„Das ist ein kostbares Wort, Pater; aber – aber – um welchen Preis? Eure Kirche, nehmt’s nicht übel, Pater! Eure Kirche, thut wenig um Gottessohn. Sagt’s kurz heraus: was fordert der Erzbischof?“

„Für sich die neuen Zehnten und für die Oldenburger das Herrengericht. O gebt’s, gebt’s Schultheiß! Lasset Euch versöhnen mit Gott.“

„Das bin ich, Herr Pater! Das hoff’ ich zu sein! Durch guten Wandel, Gebet und Fürbitte. Aber - - Herr Pater – ich wär’ es nicht, wenn ich dazu thät, was Ihr verlangt, denn Eure Kirche verlangt das Unrecht.“

„Rom hat gesprochen in dieser Sache; hat gerichtet.“

„Rom kann nicht richten in seiner eigenen Sache.“

„Was die Kirche spricht, hat Gott gesprochen –“

„Und was das Recht sagt, ist auch Gotteswort. Und unser Recht spricht, daß wir freie Bauern sind; nur Unterthan dem Kaiser und nicht schuldig zu geben Zins, Schoß oder Zehnten, wie Ihr verlangt; als Ihr bei uns waret, – sagt – Herr Pater: war da ein Mann reicher im Stedingerland als Ihr? Gaben wir Euch nicht in Hülle und Fülle, was nur Euer Herz begehrte? Wir gaben’s Euch, als dem Diener Gottes, als dem Verkünder der heiligen Christuslehre, die uns hell und froh und gut gemacht hat, und gaben’s gern, weil wir wollten und weil wir Euch liebten. Ihr verließet uns in unserer Noth. Ihr – – doch still davon; still, sonst rüttelt’s zu sehr am Herzen. Schenkt ein! – So! Und nun trinkt mit mir: Es lebe das deutsche Reich! Es lebe der Kaiser, unser Herr!“

Der Schultheiß war aufgestanden voll Begeisterung; Hand und Stimme zitterten noch von tiefer Bewegung. Der Priester stand ihm gegenüber, den feuchtglänzenden Blick in das goldene Naß gesenkt, und sprach mit bebender Stimme:

„Er lebe!“

Dann klangen die Becher aneinander hell durch die tiefe Stille des Zimmers und ein einsames Licht an der Decke warf seltsamen Schein auf die beiden ehrwürdigen Feinde, die hier so freundsckaftlich vereint waren.

Und auch draußen standen zwei Feinde, vereint in Freundschaft und Liebe: der trotzige, dräuende Graf von Oldenburg und die Tochter des starren Bauern. Sie waren – sie wußten selbst nicht wie – vom Tanze weggekommen, unter eine hohe, breitgeästete Buche getreten, doch immer noch Hand in Hand, wohl gar Arm in Arm, als wenn sie wieder antreten müßten zum Tanze. Sie hatten erst kein Wort mit einander gesprochen; dann sprachen sie auf einmal vom Abschiede, den der Junker morgen früh nehmen müßte. Da bebten Beide, und Eines fühlte das Beben des Andern und bebte darum um so heftiger. Dann sprachen sie auf einmal von Krieg und Tod, von der Fehde zwischen Steding und Oldenburg und Eins warf dem Andern das Verderben vor. Dann sprachen sie wieder nichts; aber sie saßen auf einem Steine und hielten sich leise umschlungen; nun hörte man nichts anderes als das Klopfen zweier Herzen, dann Flüstern, dazu sah man Thränen blinken; dann standen sie wieder auf, – und was sie nun sprachen, das hörte Niemand als die schon leise vergehende Nacht, – das war ihr Abendmahl der Liebe.

„Engel seien um Deinen Schlaf,“ das waren des Junkers letzte Worte, mit denen er Elsbeth küßte.

Sie ließ es ruhig geschehen und schritt dann langsam dem Hause zu.

Der Junker lehnte noch eine Weile an der Buche und schaute glänzenden Auges in den fernaufsteigenden Morgen. Die erste Lerche stieg empor über die grüne Saat, der Nebel dampfte auf, das Meer erglitzerte, das Land lag herrlich, prächtig vor dem schwärmenden Jüngling.

„Mann, Ihr seid glücklicher hier, als wir in unsern Burgen!“ rief er jetzt dem hinzutretenden Klaus entgegen und wollte ihm die Hand reichen.

„Das hab ich nie bezweifelt, darum schwing ich auch das [551] Schwert für unser Glück,“ entgegnete der Klaus, ohne die dargebotene Hand anzunehmen.

„Laß doch das Schwert ruhen, Klaus! – Jetzt wo ich Dich, wo ich die Welt in die Arme schließen und fest, fest an dies heißschlagende Herz drücken möchte. – Klaus! – Komm her! Laß mich sein als Einer der Eurigen.“

Klaus sah den Junker ernst, forschend, doch nicht ohne Theilnahme an. Er hatte ihn schon verwundert betrachtet, als er gekommen war ihn abzuholen zur Ruhe und ihn stehen sah an der Buche, in verklärter Begeisterung. Und nun jetzt erst, so hatte er noch nie einen Menschen gesehen und gehört; nie gedacht, daß ein Mensch so aussehen, so sprechen könne; am wenigsten ein Junker. Aber noch wollte der Haß sich nicht lösen und das Mißtrauen stak zu tief in dem trotzigen Gemüthe. So antwortete er denn jetzt zwischen Trotz und Theilnahme getheilt:

„Wir stoßen Niemanden aus. Das Land ist weit. Wer unser Recht und Gericht anerkennt, mag wohnen bei uns wo er will.“

Der Junker hatte die Antwort überhört. Er war in tiefes Träumen versunken. Wie es in frühern Tagen oft durch seine Seele gezogen war, so stand es jetzt wieder vor seinen Blicken: das Bild eines stillen befriedigten Daseins; vier Pfähle und statt des Schwertes die Pflugschaar und Vogelsang statt Trommetenschall und Gottessegen dabei, statt des Blutes. Frei sein freies Land bauen; Nahrungskraft saugen aus der mütterlichen Brust der Erde und Abends froh sein mit den Fröhlichen und das Weib seiner Liebe zur Seite. Dieses Bild, – o wie faßt es jetzt ihn wieder an, so wunderbar, so mächtig! Und siehe, – so nahe, nahe lag ihm das Gute! Die Seele kündete es ihm an in freudiger Ahnung, das Herz forderte es mit gewaltigen Schlägen, – sollte es nun ein rascher Entschluß, ein kraftvoller Wille nicht erobern können?! Und dieser Entschluß riß ihn jetzt empor aus seinen Träumen, spannte jeden Nerv seines Wesens, jagte sein Blut wild klopfend durch die Adern.

„Mein Roß! Mein Roß!“ rief er jetzt.

„Herr Junker! Herr Junker! Was fällt Euch an?“ mit diesen Worten trat der erstaunte Klaus ihm entgegen, „begebt Euch zur Ruhe! Kommt, kommt!“ und er faßte den Junker gleichsam schützend bei der Hand.

„O laß mich Klaus! Laß mich hinaus in die Dämpfe oder Nebel, den Sonnenstrahlen entgegen. Dort find’ ich Ruhe. Auch in mir flammt eine Sonne empor und jagt die grausen Nebel auseinander, die mich bedrückten. Fort mit dem falben, falschen, todten Schein, der bisher mein Leben war. – Mein Roß! Mein Roß! – Wo ist mein Knappe?“

In diesem Augenblicke trat Ehrenfried der Knappe ihm entgegen, besorgt um seinen edeln Herrn.

„Sattle den Falken! Wir reiten – rasch!“

Der Knappe ging und Klaus trat dicht zum Junker heran; sein eisern kaltes Gesicht war weicher geworden; seine trotzige Stimme klang milder.

„Ihr wollt uns schon verlassen, Junker? Und ohne Abschied?“ „Kein Abschied, Klaus! Ein seliges Willkomm! Nur einen wilden, wüthenden Ritt, daß ich Ruhe gewinne und meine Seele Klarheit. – Klaus, sage mir: Kannst Du beten?“

Da wurde des Klaus Gesicht wieder starr und sein Ton wieder trotzig und mit zuckenden Lippen antwortete er: „Ich hab’s verlernt, seit der Pater fort ist. Nur das Vaterunser kann ich noch, glaub ich; doch hab’ ich’s lange nicht probirt! – Ist auch dem Ketzer nichts nutze.“

Der Junker faßte beide Hände des Klaus, sah ihn tief und herzlich an und sagte mit unendlicher Rührung: „Bete es für mich in dieser Stunde; bete es für Euch Alle.

Ich bin zu glücklich, ich kann nicht beten. Aber bete Du, daß in dieser Stunde ein guter Engel den Sieg behält über den Dämon des stolzen Blutes in mir. Dann wird Alles gut; dann werdet Ihr alle glücklich durch dieser Stunde Entschluß und Entscheidung.“ Damit ließ er die Hände des wie fest gebannt stehenden Klaus leise nieder sinken, sah flammend hin zum Hause des Schultheiß, bestieg das vom Knappen herbeigeführte Roß, schwang sich behend in den Sattel, winkte der blickenden Sonne zu und rief aus: „Ich bin wie ein junger Aar, der zum ersten Male seine Heimath sucht.“ Und auf dem stolzen Rosse flog er dahin, wirklich wie der königliche Vogel der stolzen Firne.

Der Klaus sah ihm nach bis er verschwunden war, dann murmelte er vor sich hin: „Sollte denn doch die Adelsnatur anders sein als die Bauernnatur? So hab’ ich von den unsern noch Keinen reden hören und suche ich an mir herum, so finde ich nirgend ein Loch, wo so kuriose Gedanken herauskommen könnten. Ich will sein Todesbruder sein, wenn er ehrlich ist; aber ich will auch sein Henker sein, wenn er sich falsch hält.“

Das war der bewegte Abend auf dem Stedinger Bauernhof.


V.
Am Grafen-Hof.

Am Grafenhof zu Oldenburg ging’s derweilen auch bewegt zu. Boten und Herolde kamen und gingen. Reisige und Knappen zogen ein und aus. Grafen, Fürsten, Herzoge aus Lüneburg, Braunschweig und Sachsen waren zu schauen. Der Krieg um den deutschen Kaiserthron, den Vater und Sohn mit einander führten, rüttelte und schüttelte das liebe heilige römische Reich zusammen und die kleinen widerhaarigen Fürsten trieben und drängten, ihre Macht zu erweitern; und dies nicht allein gegenüber dem Reiche, sondern auch gegenüber der Kirche zu Rom. Die rüstete und warb, die bannte und segnete dann nun nach allen Seiten hin; sie hatte eben die Albigenser zu Boden geworfen und stand nun wieder da in ungeheuerer Macht über die Welt. Doch aber brodelte, kochte und schäumte es überall im Hexenkessel der Zukunft; – es war eine merkwürdig bewegte, ungeduldige Zeit. Die und die Stedinger hatten nun auch den Erzbischof Gerhardt II. von Bremen nach Oldenburg geführt, um mit dem starken Grafen Burkhardt sich über die Zeitläufte und den Krieg mit Steding zu besprechen. Hier erwartete er den Pater Hieronymus aus Steding zurück, während der Graf seinen Neffen und Erben von dort zurück erwartete. Doch der kam noch nicht und konnte doch schon zurück sein. Der alte Herr war tief erregt, ihm bangte; vielleicht konnte das grause Volk seinen heißgeliebten Erben und Neffen erschlagen haben und damit ihn selbst und alle seine Hoffnungen, denn diese und sich selbst sah er in Georgen; für ihn wirkte, schaffte, kämpfte er, um ihm ein starkes, stolzes Land und ein mächtiges Schwert zu hinterlassen. Und dazu schien ihm jetzt der rechte Augenblick. Als die beiden mächtigen Herrn zusammen beim Weine saßen, meinte er: „Die höchsten Häupter streiten, darüber wachsen wir. Manchmal ist’s gut, daß das Recht nicht Alles in Frieden entscheidet, dann kommt die Kraft und ersetzt das Recht.“

„Die Gewalt, wollt Ihr sagen,“ warf der Erzbifchof ernstmahnend ein.

„Und wenn auch!“ rief der Graf und stieß sein Schwert klirrend auf den Estrich. „Und wenn auch! Jetzt ist die Stunde für uns kleine Fürsten, unsere Macht zu mehren. Seht mein Oldenburg, wie ist’s gestiegen! Und wodurch? Ich habe gehandelt, wo andere schliefen; rasch und entschieden und ich sollte meinen: mein Land ist glücklich.“ Und er hatte Recht, der alte, strenge, harte Herr! Er war sonst kein übler Mann, eben bis auf diese Strenge und Härte, wo es galt seine Macht zu mehren.

Der Erzbischof sah still darein und der Graf fuhr mit erhitzter Stimme fort: „Und jetzt den Hauptschlag, Erzbischof. Mein soll Steding werden! Mein und Euer; ich schwör’s Euch bei diesem Schwerte.“

„Hätten wir’s nur erst! Und wär’s vollendet; o Gott weiß, ich dürste nicht nach Blut und Gewalt; ich möchte so gern den Frieden.“

Und auch der alte Erzbischof sprach wahr. Er hatte den Krieg mit Stediug nur geerbt von seinem Vorfahren, dem fürchterlichen Hartwich und glaubte dessen starker Testamentsvollstrecker sein zu müssen. Denn hatte Rom ihn schon bedräuet, ob des halben Vollzugs, und in seinem streng katholischen Glauben war er doch wirklich der Ueberzeugung: es sei zum Seelenheil der Stedinger nothwendig, daß sie mit Gewalt der Kirche wieder unterthan würden. Noch hoffte er von seiner Sendung und bangte nicht minder wie der Graf um seinen Erben, daß sein Bote so lange blieb. Doch da wurde der Bote schon gemeldet; Pater Hieronymus trat ein und brachte einfach und kurz der Stedinger „Nein.“ Der Erzbischof flammte auf; er wollte seinen Fluch den [552] Stedingern entgegen donnern, doch ließ er ihn nicht bis über die Lippen kommen; der Graf forschte nun nach dem Junker und der Priester erzählte, was er gesehen und gehört: Der Junker habe sich mit des Schultheißen Tochter verlobt, feierlich beim Vater um sie angehalten, das Jawort bekommen und dem Pater zugerufen: „Geht mit Gott, Pater, ich bleibe.“

Der Graf sah stieren Auges den Erzähler an, er rührte kein Glied seines starken Körpers, seine Füße waren wie eingewurzelt im Erdboden, seine Rechte war eingekrallt in den Becher, seine Linke lag wie angeschmolzen auf dem Schnitzwerk des Eichentisches. Die Lippen lagen wie geronnenes Blut fest an den Zähnen; er sah schrecklich aus.

„Ich habe alle Angelhaken gebraucht ihn loszureißen;“ fuhr der Pater fort, „aber umsonst. Er ist wie verzaubert.“

„Ich breche diesen Zauber und muß ich ihm auch den Schädel brechen!“ knirschte jetzt der Graf, doch ohne noch sich zu rühren; „ich will seine Ehre schänden, sein Ritterthum ihm abreißen wie einen gestohlenen Lappen. Ich fluche ihm.“ Erst jetzt begann der Graf konvulsivisch sich zu rühren; die furchtbar angespannten Nerven ließen nach, er wurde matter, weicher und mit fast wehmüthigem Tone meinte er: „Erzbischof, nicht wahr, er wird meinem Fluche nicht widerstehen können?“

„Ich halte ihn für treu und unschuldig,“ erwiederte der Erzbischof mit Sanftmuth; „ich kenne ihn ja, meinen geliebten Schüler; er ist weich, leicht hingebend. Vielleicht haben sie ihn verhext, die bösen Ketzer.“

„Ja, das ist’s! Ja, ja, das ist’s!“ rief jetzt auffahrend der Graf und sprang auf. „Aber die Bauern sollen bluten; sie allein tragen die Schuld. Aber ich will meine Eisenhand auf sie legen und sie zerquetschen, daß sie meinen jungen Löwen mir so zähmten.“

In diesem Augenblicke hörte man im Hofe in eigenthümlich schauerlichem Tone den Büßerchor des „Media vita“ anstimmen.

„Was ist das?“ rief der Graf und sprang an das Fenster, während der Erzbischof erbleichte und der Pater mit schmerzlichen Blicken nach Oben die Hände faltete. Der Graf erblickte vor dem Thore einen Zug von Männern in schwarzer Tracht. Sie trugen ein großes goldenes Kreuz und eine Fahne, mit dem Bildniß eines Lammes. Vorne stand ein langer, hagerer Mann, sein Gesicht gelb und hart wie aus Thon geformt; die Augen voll fürchterlicher Lohe, die ganze Erscheinung unheimlich, gespensterhaft.

„Was ist das?“ rief der Graf noch einmal, während er fast entsetzt vom Fenster zurücktrat.

„Das ist was Schreckliches!“ antwortete der Erzbischof. „Das ist Conrad von Marpurg, der fürchterliche Ketzermeister von Deutschland. Eine finstere Wolke lagert sich über mein Gemüth.“

„Ich weise ihn ab!“ rief der Graf entschlossen; „was will er hier? Ich bin ein freier Herr meines Landes. Ich lasse ihn nicht ein.“

„Bei Euerm Leben, seid ihm willfährig! Er ist mächtiger als wir Alle, mächtiger als der Kaiser, mächtiger als der Papst. Und er ist so unversöhnlich als mächtig. Ich beschwöre Euch, seid ihm gefällig.“

Die Thüre ging auf und einer der schwarzen Männer trat gebeugten Hauptes ein.

„Friede mit diesem Hause und Allen, die reinen Glaubens hier ein- und ausgehen,“ sprach er mit dumpfem Tone und ein „Amen“ klang aus dem Munde der Hörer. Der Mönch erhob sich nun stolzen Hauptes und sprach laut dröhnend durch den weiten Saal:

„Konrad von Marpurg hat dies Schloß zu seinem Sitz erwählt, Graf Burkhardt von Oldenburg, um zu forschen, ob nicht das Gift der Ketzerei eingedrungen ist in diese Lande. Frankreich und die Rheinlande sind gereinigt in Kraft des Feuers. Es gilt einen Kampf auf Leben und Tod. So ist des heiligen Vaters Befehl.“

„Mein Schloß ist gastfrei gegen Jedermann, meldet Euerm Herrn, daß ich ihn erwarte,“ sprach nun der Graf mit sichtlichem Widerstreben; der Mönch murmelte: „Pax vobiscum,“ und schritt wieder gebeugten Hauptes hinaus, die Anwesenden in langer, unheimlicher Spannung zurücklassend. Da auf einmal Pferdegetrappel, ein Reiter sprengte in den Hof, es war Ehrenfried, der Knappe des Junkers Georg, und er rief vom Pferde aus dem an das Fenster geeilten Grafen zu: „Er kommt! Er kommt!“

„Wer kommt?“ herrschte der Graf hinunter.

„Mein gnädiger Herr, der Junker Georg von Oldenburg!“

„Dank dir, o Gott!“ jauchzte der Graf und stürmte zur Thüre hin, – als ihm Konrad von Marpurg den Weg vertrat.



VI.
Das Ketzer-Gericht.

Der Graf trat zurück und mit herber, starrer Stimme rief Konrad von Marpurg: „Ich grüße Euch, wenn Ihr getreu seid.“

„Wir sind’s, und erwiedern Euern Gruß in Ehrfurcht,“ entgegnete der Erzbischof.

„Seid willkommen und ruht Euch aus,“ sagte der Graf.

Der Ketzermeister setzte sich nieder und murmelte: „Ja, ich bin müde geworden im Dienste meines Gottes, der mir ein eisern Amt auferlegte. Der Weg zu Euch war weit und schwierig.“

„Ihr solltet doch ein Roß brauchen,“ meinte der Graf.

„Der Knecht des Herrn verschmäht des Ritters Art. Ich wandere.“

„So thut uns Bescheid mit diesem Becher.“

„Ich trinke nicht Wein.“

„So esset von diesem Eber, den ich selbst erlegte.“

„Ich esse nicht Fleisch. Meine Speise ist, daß ich thue den Willen Dessen, der mich gesandt hat; dabei genügt mir Brot und Wasser und Wurzel. Doch jetzt nicht von irdischen Dingen.“

Er stand auf, sah den Grafen und den Erzbischof mit furchtbarem Blicke an und sprach mit markdurchdringendem Tone: „Warum lebt noch der Name Steding auf Erden?“

„Wir kämpften gegen sie seit Jahren, doch vergebens,“ sprach der Graf, und der Erzbischof ergänzte:

„Gott segnete unsere Waffen nicht!“

„Weil Ihr sie nicht führtet im rechten Glauben!“ zürnte Konrad entgegen und fuhr mit fanatisch-flammenden Blicken fort: „Schmach dem Fürsten, der nicht Leib und Blut für Christum einsetzt, Schmach dem Priester, der noch leben kann, wenn Gottes Feinde in seinem Sprengel leben!“

„Ihr seid zu strenge, hochwürdiger Herr. Die Sümpfe sind kaum zu erobern,“ lenkte der Graf ein.

„Wer glaubt, dem bauen Engel die Brücke.“

„Ihr traft uns, Hochwürdiger, als wir eben gegen diesen Stamm uns beriethen.“

„So ist es Euer Ernst, sie zu vernichten, Erzbischof?“

„Nicht sie zu vernichten, aber zu bekehren, zu besitzen.“

„Doch um sie zu besitzen, müssen wir sie wohl vernichten,“ meinte der Graf.

Der Ketzermeister wandte sich zufriedenen Blickes zum Grafen: „Ihr sprecht weise, sonst hätte Euch der Blitz mit versengt. Ihre Stunde hat geschlagen. Sie sind Ketzer; sie sollen Ketzer sein; wer ist hier, der Zeuge wider sie geben kann?“

Der Erzbischof nannte den Pater Hieronymus, der Graf den Knappen Ehrenfried, die so eben zurückgekommen; auch seinen Neffen, der jeden Augenblick zurückkommen müsse. Er verschwieg, daß nur der Eintritt des Ketzermeisters ihn gehemmt, dem bang Erwarteten schon entgegenzueilen.

„Was thut Euer Neffe bei den Verräthern?“ rief der Ketzermeister mit stechendem Blicke. „Es stirbt, wer mit den Frevlern hält; sucht ihn eilig zu retten, wie einen Brand aus dem Feuer. Laßt die Zeugen vortreten. Zweie genügen: Und Ihr meine Brüder“ so wendete er sich zu den mit ihm eingetretenen Mönchen – merkt auf!“ – Pater Hieronymus, der schon vor dem Eintritt Konrad den Saal verlassen, trat ein. In schlichter Einfalt erzählte er Alles, was er von den Stedingern wußte, alles Gute und Böse, doch des Letzteren nicht viel.

Wie die Schlange ihr Opfer, so sah der furchtbare Meister den Pater an und indem er ihm Abschied zuwinkte, murmelte er vor sich hin: „Du bist auch schon reif zum Verderben.“ Ein stummer Wink zu seinen Mönchen – und sie verstanden, was er gesagt. Furchtsam, an allen Gliedern zitternd, trat nun der Knappe ein.

„Wo ist Dein Herr?“ fragten gleichzeitig der Graf und der Ketzermeister.

[554] „Er muß im Augenblicke hier sein – er jagte mich fast zu Tode voraus, um Euch zu melden, daß er komme.“

„Brav, brav!“ jauchzte der Graf, – doch der Knappe fuhr fort: „Das heißt, um desto eher wieder zu Hause zu sein.“

„Zu Hause?“ fragte der Graf tonlos, während Konrad den Mönchen bedeutsame Winke gab, und dann den Knappen wie mit Schlangenblicken zu durchbohren schien.

„Ja,“ fuhr dieser fort, „er meinte, er sei nun in Steding zu Hause und nur weil sein Schwiegervater, der Schultheiß, durchaus es wollte, daß er herreiten und es ehrlich Euch sagen solle, wie es mit ihm stehe, auf daß Ihr ihm nicht fluchtet hinter seinem Rücken: nur deswegen kehre er zurück. Er war aber doch ganz betrübt dabei und das Mädchen weinte.“

„Blut soll sie weinen! Sollen sie Alle weinen – und er sei verdammt!“ so kochte und zischte es jetzt hervor aus des Grafen Brust.

„Das laßt nun unsere Sorge sein, Graf Burckhardt von Oldenburg, Euer Neffe gehört jetzt mir,“ sagte der Ketzermeister und wendete sich dann fragend zum Knappen. Aber so fragend, daß jede Antwort eine Anklage fürcherlicher Ketzerei sein mußte und so fragend, daß der Knappe nur antworten konnte, was der Ketzermeister wollte. „Du sollst nun dreimal baden in fließendem Wasser am St. Johannistage und hundert Vaterunser beten, auf daß Du gereinigt seiest von der verdammlichen Sünde: gegessen, getrunken, geathmet zu haben mit den Verruchten. Die Kirche begehrt nicht unnöthiges Blut. Deine Sünde war Unwissenheit.“ Mit diesen Worten entließ der Ketzermeister den Knappen, der rasch zur Türe eilte und vor sich hin brummte:

„Was war ich doch für ein Esel, daß ich all die gräuliche Ketzerei nicht gemerkt habe.“ In der Thüre stieß er auf seinen jungen Herrn, schlug bebend drei Kreuze und drückte sich weit ab von ihm vorbei.

Erstaunt blickte der Junker ihm nach, erstaunt blickte er die fremden Männer an und trat keck, mit einem kurzen „Was giebt’s denn hier?“ vor.

Der Graf zückte sein Schwert und wollte aufspringen. Ein Wink Konrad’s gebot ihm Ruhe und Konrad rief:

„Junker Georg von Oldenburg, tretet vor diesen Stuhl.“

Der Junker fuhr auf: „Wer seid Ihr, mir im Schlosse meiner Ahnen zu gebieten? Die Zeichen der Vehme seh ich nicht an Euch.“

„Wahre Deine Zunge, Jüngling! Du stehst unter schlimmer Anklage.“

„Anklage, – hier! Der freie Edelmann?!“

„Niemand ist frei vor Gott und seinem Stellvertreter dem Papst, der mich gesandt hat: Konrad von Marpurg, deutscher Großmeister der heiligen Inquisition.“

Der Junker erbebte. Er sprach leise: „Furchtbare Gewalt! was willst Du von mir?“

„Schweigend höre, wahrhaft rede. Ich schuldige Dich, Jüngling, des Bundes mit Ketzern, der Liebe zu Einer, die das Kainszeichen an der Stirne trägt.“

Nun aber flammte der Junker wieder auf, seine Hände faßten krampfhaft nach dem Schwert, seine Augen sprühten Funken und mit hellem Zorn der Stimme donnerte er: „Schwarzer Pfaffe, Du lügst! Sie ist rein, wie der Leib des Herrn im Abendmahl!“

Der Ketzermeister schlug ein Kreuz; sonst aber blieb er eisern ruhig in Ton und Mienen. Dann fragte er:

„Du liebst das Mädchen im Stedingerland?“

„Wie meinen Gott!“

„Du willst sie ehelichen?“

„Ich will’s! Bei allen Heiligen schwör ich’s!“

„Und willst leben mit den Stedingern?“

„Wie mit meinen Brüdern!“

„Es ist genug!“ Er stand auf, erhob die langen, magern, gelben Arme und rief mit Grabeston: „So künd ich über dich den Bann der Kirche, Gericht soll über dich ergehen auf Leben und Tod zu Ehren Gottes. Graf Burkhardt von Oldenburg, ich übergebe Euch diesen Mann als verhaftet der heiligen Inquisition. Ich rufe auf Eure Macht an Waffen und Schlüssel, daß Ihr ihn aufbewahrt dem Gericht und lasse für ihn haften Euer Haupt, auf Tod und Leib. Führt ihn hinweg.“

„Und dreifache Kette um seinen verrätherischen Leib!“ schrie der Graf. „Er hat gefrevelt an meinem Blute und zum Fluche der Kirche gebe ich ihm den Fluch des Vaters.“

„Zu viel! O gräßlich! Zu viel!“ Das war das Einzige was der Junker sagen konnte, während die Knappen seinen fast geknickten Körper ergriffen und ihn in sonderbarer Mischung von Ehrfucht, Mitleid und Abscheu hinausführten.

Nun aber brach auch die wild Wuth des Grafen mürbe zusammen; tief ergriffen schaute er dem Jüngling nach, – die alte Liebe regte sich in ihm, er schaute mit Entsetzen auf die bleichen todtverkündenden Züge des Ketzermeisters; eine unsägliche Angst um den doch immer noch Geliebten, durchschüttelte ihn und der wilde, starre, trotzige Mann beugte auf einmal sein Knie vor dem armen, kranken Mönche und flehte: „Gnade, Gnade für meinen unglücklichen Jüngling.“

Dem Ketzermeister zuckte ein wilder Stolz durch das glühende Auge, als er den Grafen so vor sich sah; er legte die Hand auf des Grafen Haupt und sprach: „Die Kirch verzeiht dem Büßer; – er büße, er demüthige sich, entsage seiner Liebe und sei gerettet.“

Der Graf wendete nun das flehende Haupt zum Erzbischof: er konnte nicht reden, nur mit dem gebrochenen Auge.

„Ich werde thun, was meines Amtes ist, den Sünder zu bekehren suchen,“ sprach mild der Erzbischof.

Dann faßte er den unglücklichen Mann unter den Arm und führte ihn sanft hinaus.

Der Ketzermeister stand unbeweglich da, sah unbeweglich ihnen nach, dann stieg es in seinen Zügen auf wie Wetterleuchten und die Arme verschränkend, knirschte er vor sich hin:

„Herrschen über die Herrscher, das ist Wollust. Herrschen nicht durch Geburt, durch Prunk, durch das Schwert; herrschen durch den Gedanken, durch den Geist, durch das was Niemand sieht, Niemand hört, Niemand faßt: das ist göttlich. – Arm sein, geknechtet, darben, ohne Weib, ohne Herd, ohne jegliche Freude der Erde, – und den Fuß setzen auf den Nacken Derer, deren Blicke Tausende erzittern machen: das ist die Schwindelhöhe des Lebens; – aber ich werde nicht schwindeln.“ –

Starr wie immer wendete er sich nun zu den zurückgebliebenen Möchen:

„Nach der Zeugen Aussage ist kein Zweifel mehr an der verdammlichen Ketzerei Derer in Steding, und darum soll es brennen im Feuer des Glaubens. Gehet nur hin und prediget das Kreuz aller Orten, das Kreuz gegen Steding. Ich führe dann die Schaar in’s Feld. – Rasch, rasch, – und lasset den Schweiß nicht trocknen an Euren Stirnen.“ –

Er segnete die Möchen, die tief verbeugend sich entfernten und dann wie schwarze Raben unheilverkündend davon flohen.

Die Diener an der Thüre erwarteten des Ketzermeisters Wink, um ihn zum reichsten Ruhegemach der Burg zu führen.

Er aber verlangte zum schlechtesten Ruheort des niedrigsten Knappen geführt zu werden, dort legte er sich auf den steinernen Estrich, nur ein Pferdehaarkissen stützte seinen Kopf und bei Brot und Wasser schlief der mächtigstes mann des deutschen reiches ein und träumte von Roms Herrlichkeit, träumte von Scheiterhaufen und Blutströmen.

[561]
VII.
Im Kerker.

Es war das unterste, das schauerlichste Verließ der Burg, darin der Junker lag; gefesselt an Leib, Arm und Bein; es war kalt und feucht und modrig; im trüben Schein einer Ampel sah er das gelbe Moos an den Wänden gespensterhaft glitzern und leuchten, in der grausigsten Stille hörte er die Tropfen von den feuchten Wänden niederfallen, vielleicht auf Knochen von Menschen, die hier ihren Tod gefunden; und wirklich, – jetzt entsann er sich, – es war eine blutige Erinnerung: als Knabe war er hier gewesen; man hatte ihm gezeigt: „hier hat einer Deiner Ahnen seinen Todtfeind verhungern lassen, der rannte im Hungerschmerz sein Haupt gegen die Mauer, da ist noch das verspritzte Hirn und Blut an der Mauer zu sehen, keine Uebertünchung haftet auf dem Fleck; immer fällt es wieder ab das Weiß, und immer wieder starrt der rothe Fleck.“ – Das war die blutige Erinnerung und jetzt war es ihm, als starre der fürchterliche Fleck ihn an, als grinse daraus das Antlitz des Gemordeten hervor, als träte er zu ihm hin, fasse ihn an, – fürchterlich, fürchterlich, – und er mußte schreien, daß es wiederklang vom Gewölbe. So lag er da, der Arme. Und dann dachte er an Elsbeth, und an die süße Stunde, wo der Schlag ihres Busens ihn durchglüht hatte; – und wie sie nun hoffen und harren und bangen würde, während der Geliebte wund von Ketten, klappernd vor Frost auf faulem Strohe verzweifele, – verflucht von der Kirche, verflucht von seinem zweiten Vater. Er wollte beten, – aber er konnte nicht. Das Vaterunser verwirrte sich in seinem Munde, es war ihm, als ob der lange, hagere, schwarze Kerkermeister mit den fürchterlichen Augen herankäme, ihm den Mund zuhielt und spräche: „Verfluchter, Du darfst nicht beten.“– Und keine Aussicht, keine Hoffnung auf Erlösung! – O, sterben wollte er! Sterben – dies war ihm Nichts, – Nichts, in diesem fürchterlichen Kerker. Nur noch einmal, den blauen Himmel sehen, frische Luft athmen, ein Menschenantlitz sehen, - - horch, da durch die Nacht, durch Moder und Qualen ein Laut, – ein fernes Klirren, – Tritte auf den Stufen, – im Schlosse ein Schlüssel, – ist es Tod, – ist es Leben, – sei was es sei, nur einen Odenzug Luft, und den Ton eines Menschen, – der Kerkermeister leuchtete mit einer Fackel voran.

Der Erzbischof trat ein. Furchtbar erschüttert schaute er sich um und auf den blassen, verstörten Jüngling, der die gefesselten Arme ihm entgegenstreckte und ausrief:

„Gelobt sei Gott! – O, heiliger Mann, Ihr bringt mir Rettung. Ihr könnt nicht Tod bringen.“

Der Erzbischof wollte segnend seine Hände auf des Junkers Haupt legen, dann besann er sich und ließ sie feuchten Auges langsam niedersinken.

Der Kerkermeister entfernte sich.

Starren Blickes schaute der Junker den ernsten Mann an und der sprach: „Niemand kann Dich retten, als Du selbst!“

„Wodurch, heiliger Vater?“

„Durch eine That, die Manneskraft erfordert, schon sie zu denken: Entsage Deiner Liebe.“

„Nimmermehr!“

„Ich fürchtete diese Antwort und darum war ich so still und traurig. O Georg, Georg, mein geliebter Schüler; Du brichst mir das Herz, Du brichst mir’s durch Deine – Schwachheit!“

„Durch meine Stärke, Vater. Es wäre Schwachheit meiner Liebe zu entsagen.“

„Thörichter Knabe?“ rief der Erzbischof aus, mit Thränen im Auge und schönem Zorn auf den Wangen. Und nun erzählte er die Geschichte seiner Jugend, die Entsagung seiner Liebe in hohen, herrlichen, klangvollen Worten, die des Junkers Brust mächtig bewegten. Nun legte er ihm des Menschen Herz und des Menschen Hochmuth und die Gewalt des Willens in tiefer Weisheit dar und der Junker wagte nicht aufzuschauen in das Antlitz des weisen Mannes und doch klopfte auch sein Herz schon höher bei dem Gedanken: seiner Liebe, seinem Glücke zu entsagen und ein neues Leben mit neuen Thaten zu beginnen.

„Doch Sie, – Sie! Was wird aus Elsbeth?!“ so schrie er nun auf einmal auf.

„Rette Dich, um sie selbst retten zu können. Bleibst Du starr, so sind die Stedinger verloren, so wahr mir Gott helfe. Verloren schon um Deinetwillen und Dein Mädchen: sie vor Allen wird verfolgt werden mit fürchterlicher Grausamkeit.“

„Um meinetwillen! – O Vater, Vater! Haltet ein! Oder zeigt mir, daß ich sie retten kann, wenn ich sie verlasse.“

„Ich sinne dazu schon auf einen Plan; tritt herüber zu mir und meiner Waffe, wir retten sie und mit ihr viele Schuldlose.“

„O warum sagtet Ihr das nicht gleich, mein Vater?! Wie könnte ich nun noch zaudern! Sagt mir: was muß ich thun?“

„In wenigen Augenblicken wird Konrad von Marpurg sich hier einfinden zum Urtheilsspruch; dann gelobst Du, ewig zu entsagen, dies Gelöbniß wird Dir Deine Ketten sprengen. Nun?“

[562] „Da meine Hand, heiliger Vater! Nur bleibt mir nahe, daß ich standhaft das Todesurtheil meines Herzens sprechen kann.“

Der Erzbischof drückte den Jüngling an sein Herz, der eng seine Arme und Ketten um ihn schlang. In freudigem Schmerz und schmerzlicher Freude klopften da ein junges und ein altes Herz zusammen, bis Waffen klirrten und Tritte klangen und Konrad von Marpurg mit Burkhardt von Oldenburg eintraten, (bewaffnete und Fackelträger stellten sich am Eingang auf.

„Gerettet! Gerettet!“ rief der Erzbischof, der Beiden entgegen trat.

„Ist’s wahr?! Georg, mein Sohn! Mein wiedergeborener Sohn!“ rief der Graf und wollte hin zum Geliebten und ihn umarmen. Der Ketzermeister aber trat mit den Worten dazwischen: „Noch ist er in Bann.“ Dann wendete er sich zum Erzbischof mit forschendem Blicke: „Die Kraft des Herrn ist groß in Euch gewesen, Erzbischof; fast däucht’s ein Wunder.“ Nun trat er zum Junker, der halb sein Knie beugte und fragte ihn: „Kannst Du aussagen mit feierlichem Eide, daß Du bereuest, was Du gegen den Stellvertreter der heiligen Inquisition gethan, gesagt und gedacht hast?“

„Ja!“ preßte der Junker wie gefoltert heraus.

„Daß Du lösest Dein Verlöbniß mit Deiner von Dir so geheißenen Braut aus dem Stedingerlande?“

„Ja!“ erscholl es, wie aus dem Grabe.

„Daß Du das Kreuz zum Zuge gegen Steding nehmen willst, als Bürgschaft Deiner Glaubenstreue?“

Der Jüngling zuckte zusammen, warf einen verzweiflungsvollen Blick auf den Erzbischof. Der winkte strenge und zugleich milde und ein fast wimmerndes „Ja!“ entrang sich dem Munde des Junkers.

„Beschwöre dies Alles bei der heiligen Dreifaltigkeit!“

„Ich schwöre!“

„So hebe ich aus freier Gnade auf das Urtheil des Bannes über Dich, löse diese Ketten und spreche Dich los von jeder Buße.“

„Und ich schlage Dich hier zum freien Ritter!“ rief der Graf; „der Junker Georg von Oldenburg sollte das Tageslicht nicht wieder sehen; der Ritter soll es stolz begrüßen. Kniee nieder.“

Dem Junker waren währenddem die Ketten abgenommen; er brach fast zusammen unter der neuen Freiheit, er konnte nur leise vor sich hinmurmeln: „Der Ritterschlag an diesem Orte! – O, ein böses Omen!“ Dann kniete er vor dem Grafen nieder. Konrad und der Erzbischof legten die Hände auf sein Haupt, während der Graf ihm mit der flachen Klinge auf die Schulter schlug, sprechend:

„Zu Gottes und Maria Ehr’,
Empfange diesen und keinen mehr!
Für Kirche und Reich stark kämpfen.
Die bösen Lüste dämpfen! – Amen!“

„Amen!“ beteten nun auch der Erzbischof und Konrad. – „Amen!“ beteten die Gewaffneten und Fackelträger. Das gab ein seltsames Summen in dem öden, schauerlichen Raume! – dann tiefe Pause. Der Ritter stand auf, und geführt vom Erzbischof, folgte er still den stillen Männern hinauf an’s Tageslicht, an die Freiheit. Doch Freiheit und Tageslicht, – sie waren ihm im ersten Augenblicke schauerlicher, als die Entsetzen des Kerkers ihm gewesen waren.



VIII.
Ritter und Bauer.

Drei Wochen waren vergangen. In Oldenburg summte und brummte es sonderbar; durch alle Thore zogen Gewaffnete, geistliche Lieder singend, ernst und düster einherschreitend; die Bevölkerung sah sie ernst und düster an; schwarze und rothe Fahnen flatterten unheimlich durch die Straßen; unheimlich war die Luft, drückend heiß wie beim Moorbrand. Ein junger Bauer schritt über den Marktplatz, dem Schlosse zu; hastig, unruhig sich umschauend und dabei murmelnd: „Sind denn die Heiden in’s Land gefallen, daß es einen Kreuzzug gilt? – Und nirgend ein bekanntes Gesicht, das in dem Getümmel der großen Stadt Einen zurechtweise.“ Das Gesicht des jungen Bauers sah gespensterhaft weiß und bleich aus, wie von grausigen Leidenschaften durchschnitten und zerrissen; die Augen funkelten wie Dolchspitzen und die rabenschwarzen Haare hingen ihm wirr um den Kopf. – Noch schaute er sich fragend um, da hörte er von wohlbekannter, aber ängstlicher Stimme und halblaut seinen Namen rufen: „Kurt vom Bühel, um Gotteswillen wo kommst Du her?“

„Ach, ehrwürdiger Herr Pater Hieronymus, fast freut’s mich, Euch zu sehen, aber warum so bange? – So – ich weiß nicht wie?“

„Weißt Du’s denn noch nicht? Du bist ein Kind des Todes, wenn man Dich erkennt, – komm rasch hieher“ und der Pater zog den Bauer unter ein altes Gemäuer, wo sie vor Wenigen sichtbar waren. Nun erzählte er ihm rasch, daß Steding vogelfrei gegeben sei; daß in wenigen Tagen, vielleicht schon Morgen, ein Kreuzzug unermeßlicher Macht gegen sie losziehen werde.

Kurt erstarrte; „also wir sind die Heiden, nach denen ich vorhin fragte?! Uns also gelten alle die Männer, Fahnen und Lieder, – uns, – den guten, treuen Christen?!“ dies war Alles. Was er sagen konnte. Er sah einen Augenblick trübe vor sich nieder, dann den Pater forschend an und fragte: „Und Ihr, hochgelahrter Herr? Und Ihr? – Werdet denn auch Ihr das Kreuz tragen gegen uns? Gegen Eure Brüder?“

„Niemals! Niemals! – und vielleicht ist das mein Verderben,“ antwortete der Pater.

„Ihr habt uns verl - - doch davon nichts mehr; kommt wieder zu uns, Pater. Ihr werdet so lange in der Mitte stehen, bis Ihr platt gedrückt werdet; rettet Euch zeitig aus dieser Mitte heraus, kommt mit mir.“ So sprach Kurt und faßte die willige Hand des gerührten Paters.

„Rette Du Dich selbst, Kurt;“ sprach derselbe jetzt dringend.

„Eile zurück wie der Wind, sonst bist Du verloren.“

„Erst muß ich meine Botschaft werben und sollten mich darüber tausend Henker fassen. – Wo find’ ich ihn? – Ihr wißt ja doch schon, wen ich meine.“ Er sah aus wie eine Gewitterwolke, der Kurt, als er das sagte.

Der Pater verstand ihn und antwortete schüchtern: „Sie haben ihm arg mitgespielt, fürchterlich; da gab er nach; nun ist er elend geworden, ganz elend und zerschlagen. Manchmal ist er wild und trotzig.“

„Ich auch!“ knirrschte Kurt; „doch führt mich zu ihm; ich muß ihn sehen.“

„So folge mir durch dieses Gäßchen; ich führe Dich auf geheimem Weg auf’s Schloß; dort steht er oft auf der Rampe und schaut in’s Land. Ich glaube hinaus nach Steding.“

„Daß darf er nicht mehr, der Verräther,“ sprach Klaus mit bebender Stimme und beide stiegen schweigend hinauf auf’s Schloß.

Der Ritter stand oben; der Pater blieb zurück, – Kurt trat festen Schrittes vor Georg hin. Georg wurde noch bleicher als er schon war; er schlug die matten Augen nieder; dann sah er mit schmerzlichem Blicke den Bauer an. Dieser begann ruhig: „Herr Junker! An dem Abend, da das Mädchen, was ich mehr als meine Seligkeit liebte, Euch als verlobte Braut küßte, mich dann bei der Hand nahm, mich zu Euch führte und sagte: „„Kurt! Habe ihn lieb, meinetwegen, denn er macht mich so glücklich, wie nur ein Erdenkind sein kann,““ seht, da glaubte ich erst, der Boden müßte sich unter mir aufthun und mich verschlingen, Euch und auch das Mädchen. Dann aber faßte ich den Teufel in mir beim Hals und warf ihn zu Boden und trat auf ihn und dann – dann liebte ich Euch; – Gott sei mein Zeuge, – ich that’s, – weil Ihr sie so glücklich machtet. Und dann hielten wir Waffen- und Todesbruderschaft und duzten uns, – und ich will ewig in der Hölle lodern, wenn ich’s nicht gehalten hätte. Und Ihr schwuret auch mir: Ihr wolltet treu hangen an dem Mädchen, allewiglich. Nun sagt mir, Herr Junker, was habt Ihr darauf zu sagen?“ Kurt vom Bühel hatte noch nie so viel hintereinander gesprochen; noch nie so ruhig, so gemessen gesprochen und doch noch nie so gelitten, so grimmig gehaßt als jetzt.

Georg schwankte vor Schmerz wie eine junge Eiche im Sturm.

„O armer Kurt! Armer Genosse! O sag: wie geht es ihr?“

„Sie ist sehr blaß, sehr schwach geworden. Möchte Euch jetzt wohl nicht mehr gefallen. Sie ist weich und still wie eine Märtyrerin. O sie ist noch viel schöner so als ehedem. Und sie hofft auch noch. Ein liebend Herz hofft ja noch über die Hoffnung hinaus; das weiß ich an mir. Aber nun will sie Gewißheit haben. Vielleicht, so sagte sie beim Abschied – und nannte mich dabei lieber Kurt – vielleicht halten sie ihn fest, daß er [563] nicht kommen kann; vielleicht liegt er im Thurme. Geh zu ihm, sagte sie, frag ihn von mir; beschwör ihn bei jedem Kuß und jedem meiner treuen Augen: Ist’s Euer freier Wille, daß Ihr nicht kamet und Euer Mädchen verrathet? So sagte sie, so sollt ich fragen. Und Ihr schweigt Junker? Windet Euch nicht; sprecht ein einfaches Ja oder Nein. Und ist’s ein Ja, nun, um des Mädchens willen will ich’s denn schon einfädeln und verkrümeln, daß es ihr nicht gleich den Tod giebt, wenn auch ich Euch verabscheuen werde. Nun sprecht.“

„So sei’s denn ein starkes, ehrliches „Ja!“ sprach der Ritter, mit ernstem und festem Ton. Dann fuhr er milder fort: „Aber sage ihr auch, daß ich sie noch liebe, liebe bis über die Ewigkeit hinaus; daß mein Her; ihr noch angehört, aber daß die Pflicht – und daß ich sie retten will, retten! Sie und Dich und wen ich kann; sag’s ihr Kurt – sag’s ihr.“

„Ich werde. Aber nun ein Wort zu Euch. Euer Herz ist so faul wie Euere Pflicht. Ich hasse, ich verachte Euch. Und bei Euerm Schwur, den Ihr mir als Waffenbruder gegeben: versprecht mir einen Einzeln-Kampf mit Euch auf dem Schlachtfeld. Ich werde Euch suchen, finden und müßt’ ich durch tausend Söldlinge mich hindurchschlagen. Versprecht Ihr mir’s?“

„Ich verspreche es Dir, doch erst will ich sie retten.“

„Ihr habt sie aufgegeben, Ihr habt kein Recht mehr an ihr; nun ist sie mein und Du sollst, Du darfst sie nicht retten. Das ist mein Amt – und nun –“

In diesem Augenblicke hörte man von ferne ein furchtbares Geschrei, wie von Wahnsinnigen herrührend: „Nieder, nieder mit dem Ketzer! – Gott will es! – Wo ist er?!“ So scholl es grell zur Burg hinauf; hastig stürzte der Knappe Georg’s hervor: „Rettet Euch, Pater! Auf offenem Platze seid Ihr so eben verurtheilt, als Ketzer und Ketzerfreund. Heute Abend sollt Ihr verbrannt werden, man kommt Euch zu suchen.“

Der Pater sah entsetzt sich um.

„Ich verberge Euch, Pater,“ sprach Georg, „rasch in mein Gemach.“

„Die Burg wird durchsucht,“ mahnte Ehrenfried ab; „kein Winkel in Oldenburg verbirgt Euch.“

„Eure Heimath bleibt Euch treu,“ sagte jetzt Kurt, indem er zum Pater herantrat und seine Hand erfaßte, „folgt und vertrauet mir. Ich kenne manche Schliche hier, draußen vor dem Thore stehen meine schwarzen Rappen und sind die erst im Zuge, holt uns kein Teufel mehr ein. Rasch die Kutte herunter; – Knappe, rasch einen Mantel.“

In wenigen Augenblicken war das geschehen. Der Pater faßte die Hand des Bauern und sprach mit tief erschütterter Stimme: „Furchtbares Jahrhundert! Adel und Kirche stößt aus den Gerechten in düsterer Verblendung, nur des Volkes Herz wankt nicht in Liebe und Treue. Gott! Laß dieses Herz nicht brechen.“

Nun davon durch krumme, steile, dunkle Treppen, Gänge und Wege, hinaus zum Thore, da standen die muthigen Rappen vor sicherem Wagen – rasch hinauf und wie im Sturmwind davon, während die heulende Menge der fanatischen Kreuzträger nach dem Geächteten suchte und der Ritter todesbleich auf der Rampe stehen blieb und hinaus schaute zum Stedingerlande.



IX.
Der Kreuzfahrer Weihe.

Während der Bauer und der Pater nach Steding sausten, zogen sich die Haufen der Kreuzfahrer auf dem Markte wieder zusammen. Das rothe Kreuz sollte ausgetheilt werden und der Ketzermeister sollte zum Volke sprechen: so war es herumgegangen. Es war ein ungeheueres Drängen und Wogen von Völkern aus allen Theilen des Reiches; wüste, wilde, verzottelte Gesichter und Kleider vom Rhein und der Elbe, vom Harz und aus Thüringen, aus Westphalen und gar von der Donau und aus Böhmen, darunter eiserne und fanatische Kriegerreihen in Diensten deutscher Herzoge und Fürsten. Und diese selbst kamen nun heran, blinkend in Gold, Stahl und Eisen. Ihnen voran Konrad von Marpurg und dienende Brüder, die Tausende von rothen Kreuzen trugen. Ueber die brausende Menge ging tiefes Schweigen, als Konrad, die Rednerbühne bestieg, feierlich ein Pergament entfaltete und mit weithin dröhnender Stimme also las:

„Wir Gregor IX. römischer Papst, Knecht der Knechte, fordern auf zu streiten auf Leben und Tod mit den verdammten Ketzern, genannt die Stedinger. Denn sie haben mit dem Gifte ihrer Ketzerei viele Unschuldige gemordet. Wer mag ihre Gräuel aufdecken! Höret aber und schauert: Wenn ein Neuling von ihnen ausgenommen wird, erscheint ihm ein Frosch, ihn küssen sie und saugen in sich sein kaltes Gift. Er ist groß, mächtig, giftgeschwollen, einem Ofen vergleichbar.“ Ein wildes Geheul des Volkes unterbrach den Vorleser; er hielt einige Augenblicke ein, dann fuhr er fort: „Nun erscheint dem Neuling ein Mann, furchtbar bleich, glühende Kohlen statt Augen, mager, ohne Fleisch, nur Haut und Gebein, ihn küßt der Elende und mit diesem Kusse verschwindet aus seinem Herzen ganz und gar die Erinnerung an Gott und seine Kirche.“

Das Geheul des Volkes ertönte fürchterlicher. Dann fuhr der Ketzermeister fort, immer neue Gräuel aufzählend, bis das Geheul des Volkes anwuchs zu Meeresbrandung und Nordsturm. Ein Wink des Ketzermeisters aber genügte wieder Ruhe zu schaffen.

„Ihr habt die Gründe vernommen und das Gesetz spricht: „„Du sollst die Gräuel weg thun!““ Seid Ihr bereit?“

„Gott will es! Gott will es!“ donnerte das Volk.

„Ihr seid gesegnet. Bereitet Euch, heiligt Euch. Schon von heute an winkt Euch die Märtyrerkrone. Wir aber verkünden Jedem, der sich das Kreuz anheften läßt und mitzieht in die heilige Schlacht, Ablaß aller bösen Gedanken und Missethaten, deren er schuldig vom Leibe der Mutter an, in Kraft unserer Vollmacht als Legat und Vicarius des allerheiligsten Vaters Gregorius IX. Amen!“

Und „Amen! Amen!“ braußte es durch die Menge.

„Nun knieet und empfanget Kreuz und Segen.“ Die wilde, wüste Menge knieete nieder, kein Laut mehr zu hören, nur das Tappen der Mönche zwischen, neben, über und auf den Knieenden, um die rothen Kreuze auszutheilen.

Konrad heftete nun sich selbst das Kreuz an und den Fürsten, die solches noch nicht trugen; dann ergriff er mit der Linken ein langes, goldenes Kreuz, mit der Rechten ein blankes Schwert, hob Beides in die Höhe und rief: „Der König der Heerschaaren schütze, die für ihn streiten und sein Haus. Er mache scharf Eure Schwerter und fest Eure Schilder. Amen!“

Und auf einmal erklang ein weithin grollendes „Amen!“ dann löste sich die ungeheuere Gruppe und die tiefe Stille auf in neues Wogen, Drängen und Treiben, in neues, wilderes, fürchterlicheres Geschrei und Geheul.



X.
Auf Altenesch.

Eine saftige Anhöhe in der Nähe von Bardenfleth hatte ihren Namen von einer uralten Esche, die hier stand. Die Sage ging: unter dieser Esche hätten noch die Heiden ihren Göttern geopfert, rundum habe sich ein Graben gezogen, der sei oft übergeflossen vom Blute der Gefangenen, die hier geschlachtet seien. Das hatte den Platz unheimlich gemacht im Volke und Niemand saß gerne unter der alten Esche. Nur zu St. Johannis Abend brachten die Burschen Feuerräder hinauf und ließen sie dann hinunterrollen in die Ebene und im Rollen sprangen die Burschen hinüber und die Mädchen nahmen sich Abends von den Brandstücken mit nach Hause, legten sie unter das Kopfkissen und träumten dann den Schatz, den sie bekommen würden. Heute aber war noch nicht Johannis, erst morgen und doch saßen heute zwei Frauen da oben unter der Esche. Es war die Elsbeth und des Klaus Frau, die Margareth, die treu zum Mädchen hielt und mit ihr hinaufgegangen war, wenn auch widerstrebend.

„Wahrhaftig, es duftet nach Blut hier, Elsbeth,“ sagte die Margareth. „Das ist ein schlimmes Zeichen, an solchen Orten giebt’s bald eine Schlacht.“

„Sorgt Euch nicht, Margareth,“ antwortete Elsbeth. „Das Korn duftet gegen die Erndte, wenn so die Sommerhitze darauf brütet.“

„Aber warum bist Du so gern hier?“

„Habt Ihr’s denn noch nicht gemerkt, Frau Margareth? Schaut dort fern, ganz fern hin, im Abendduft! Das sind die [564] Thürme von Oldenburg; Morgens kann man auch das Schloß sehen, wenn die Sonne recht hell scheint. Dort wohnt Er.“

Sie saß da und sprach so, wie der Kurt sie dem Junker geschildert hatte; blaß, weich und still wie eine Märtyrerin und hoffend, noch über die Hoffnung hinaus.

„Nicht, daß ich sein Weib werde, das wäre zu viel gehofft, doch daß er mich noch lieb hat, das glaub’ ich fest und das ist mir genug;“ so antwortete sie jetzt der abwehrenden Freundin und dann schaute sie wieder hinaus in den Abendduft, nach den Thürmen Oldenburgs und auf die Landstraße; dorther mußte ja der Kurt kommen, kommen mit der Gewißheit, ob er sie noch liebe. Und da wirbelte Staub auf und es kam näher, ein Wagen, zwei Pferde, der Kurt und ein Mann im Reitermantel ihm zur Seite; das war Er! Das mußte Er sein! So dachte, zitterte, schrie das Mädchen und konnte sich kaum aufrecht halten und wunderbar verklärt sah sie aus im Glanze der untergehenden Sonne. Aber Margareth hatte schon erkannt, daß Er’s nicht war, da schwankte das Mädchen, wie eine bleiche Lilie auf dem schwanken Schafte im Winde. Die Männer stiegen aus, der Kurt voran.

„Lebt er?“ rief Elsbeth ihm entgegen.

„Er lebt!“ rief Kurt.

„Gott sei gedankt!“ mit diesen Worten faltete Elsbeth die Hände. Kurt stand nun vor ihr mit todesbleichem Gesicht.

„Und - - - ko – kommt – Er?“ so fragte Elsbeth leise, zitternd, und schloß die Augen, weil ihr bangte vor der Antwort.

„Er kommt!“ sagte Kurt und konnte nicht weiter.

„Er kommt!“ lispelte sie in namenloser Seligkeit.

„Er kommt als Feind gegen Steding! Er kommt mit dem rothen Kreuze des Kriegsheers, das uns als Ketzer vernichten wird;“ so brauste jetzt Kurt heraus; da brachen Sinne und Glieder des Mädchens in Ohnmacht zusammen.

Der Priester war währenddem herangetreten und er, Kurt und Margarethe trugen die schwer sich Erholende hinunter in’s Dorf, in das Haus des Vaters. Dort blieb sie unter dem Schutze der Frau, während der Kurt Alle hinauf beschied zum düstern Platz unter der Esche, als einzig würdig der Stelle, zu dem was er zu sagen habe. Die Bauern waren von den Feldern zurückgekommen, Andere, von weiter her, und die Schöffen waren schon da, weil morgen großer Landthing gehalten werden sollte, zu Ehren des St. Johannisfestes und so waren denn die besten Männer bald alle versammelt. Der Kurt trat unter sie und sprach: „Ihr seid Männer, da braucht’s keines Breies drum: Wir sind verloren!“

„Das ist viel auf Einen Schlag: kurz und bündig. Erkläre.“ So sprach der Schultheiß, fest und ruhig.

„Das kann der Pater besser als ich, den hab’ ich mitgebracht, als Einen der unsern wieder. Der mag erzählen.“

Und der Pater erzählte, alles was er wußte und kein Jota weniger und das Verderben stand lebendig vor aller Augen. Aber kein Glied rührte sich; keine Miene zuckte; kein Roth wurde blässer; kein Wort vernahm man, als das des Klaus vom Ipenhof: „Gott sei’s gedankt! Nun gilt’s! Nun kämpfen Hölle und Himmel um uns.“

„Schweige, Klaus!“ rief streng der Schultheiß; „erst Rath, dann That; Schöffe Enno von Waldhalden, was meint Ihr?“

Der Schöffe Enno trat hervor und meinte: „Was dünkt Euch, wenn wir den Bluthunden das Nest räumten? Unsere Schiffe liegen auf der Weser und in den Sümpfen. Diese Nacht packen wir das Beste ein, Kurt kennt das Fahrwasser, die Fackel werfen wir in Aecker, Häuser, Scheunen, und suchen ein Land, wo wir uns neu anbauen.“

Es blieb Alles unbewegt und stumm wie vorher. Man sah Detmar von Dieke an die Stelle des Enno treten und hörte ihn also sprechen: „Nimmermehr! Jedem Volk ist seine Grenze gesetzt von Gott, die soll es schützen und nicht überschreiten. Niemand nähme uns auch auf, weil wir im Bann sind. Seeraub müßte uns nähren und wir müßten ein Land mit dem Schwerte gewinnen. Unrecht leiden, aber nicht Unrecht thun. So sagt der alte Detmar.“

Ein ruhiges Gemurmel des Beifalls ging durch den weiten Männerkreis. Der Schultheiß trat vor: „Auch ich mag das Land nicht lassen, wo ich geboren bin. Ich liebe dies Land wie meine Seele und will begraben sein, wo ich gekämpft habe.“

Ein „Hoch dem Schultheiß!“ rang sich jetzt los aus der Menge und der Enno von Waldhalden rief mit.

„Also wehren wir uns auf Leben und Tod!“ rief der Klaus mit funkelnden Augen.

„Auf Leben und Tod!“ rief der Schultheiß, rief jeder Schöffe und jeder Mann, der dort stand auf Altenesch.

„Aber unsere Weiber?“ fragte Enno.

„Die helfen uns kämpfen und sterben mit uns!“ jauchzte der Klaus.

„Und wenn sie über die Sümpfe sind?“ rief Detmar von Dieke.

„So stehen wir bis auf den letzten Mann und Der fällt und ruft im Fallen: „Es lebe das Recht!“ so flammte es empor aus der Brust des dämonisch ergriffenen Klaus.

„Ist das Euer aller Meinung?!“ So donnerte nun der Schultheiß hin, daß jeder Mann ihn deutlich verstehen konnte und ein gewaltiges „Ja!“ aus aller Munde rauschte durch den goldenen Abend, hinab von der Höhe durch das Thal.

„So helfe uns Gott! So spreche ich Amen!“ sprach nun feierlich der Schultheiß, indem er sein Haupt entblößte und so erscholl denn auch hier ein weites, feierliches Amen. „Und nun gehe Jeder in seine Kundschaft und künde den Beschluß dem Nachbar an. Morgen bei Sonnenaufgang soll ein Jeder gewappnet sein, gewaltig nach seiner Macht. Dann halten wir unsere letzte Landsprache, damit keine ungesühnte Feindschaft und Klage mit uns in’s Grab gehe. Du Kurt, sammelst Deine Seefahrer und besetzest den Norderteich schon nach Mitternacht. Wir schwören einen Eid, daß Keiner sich entziehen will dem Tode für die heimathliche Erde.“ So sprach der Schultheiß mit männlicher Würde und wendete sich dann zum seitabstehenden Pater: „Und Ihr, ehrwürdiger Herr! da Ihr wieder zu uns gekommen seid! Wollt Ihr den Geächteten noch einmal das Wort Gottes lesen? Noch einmal das heilige Mahl ihnen reichen? Noch einmal den heiligen Glockenklang durch unser Land ertönen lassen und so von uns heben des Herrn Fluch und uns bezeugen, daß wir kämpfen im Recht?“

„Ich will’s! Ich will’s! Und stände mein Leben darauf!“ rief begeistert, fast verklärt der Priester.

„Ihr Männer Stedingens: seid Ihr gewillt und bereit, daß der Priester thue wie ich gesagt? Wer da nicht will, der gehe von fernen.“ Doch Niemand ging als der Klaus, vor sich hinmurmelnd: „Ich will keine Gnade, wo ich nicht gesündigt.“

Der Priester erhob nun die Hände, segnete und betete dann mit tiefklingender Stimme ein Vaterunser. Dann ladete er zum letzten Kirchgang ein, bei Sonnenaufgang am nächsten Tage. – Lautlos gingen die Männer auseinander, nur der Schultheiß blieb noch zurück mit dem Pater; da kam weinend die Margareth und sagte, daß Elsbeth schlafe, aber elend, todeselend sei.

Der Pater ergriff des trauernden Schultheiß Hand und sagte: „Schultheiß, Ihr thatet doch ein Unrecht, daß Ihr das zugabt. Wie konntet Ihr’s für möglich halten: Graf und Bäuerin?!“

„Ich träumte die Zukunft schon zu nahe, Pater. Seht, einst muß es doch dazu kommen, daß das Blut braver Menschen sich nicht mehr so scheidet. Und ich trauete auch zu viel! Und ich hatte ihn so lieb. – Und ich dachte auch: Sie ist so schön wie er; und so jung, so keusch und rein wie er; sie ist die Tochter eines freien Mannes; Erbin auf ihrer freien Scholle. Sie hat noch mehr des Goldes und Silbers in ihrer Truhe als er, und – doch! Nun, es war zu weit, zu – zu gut gedacht; aber kein Unrecht.“ Er sah so weich und gerührt, so fromm und einfältig aus, der alte, eiserne, brave Bauer als er so sprach, als er eine Thräne in den Wimpern zerdrückte.

Der Pater sah gerührt ihn an. Das Abendroth legte sich seltsam um die beiden schneeweißen Männer unter der riesigen, oben noch grünen und unten schon leuchtenden Esche. Friede ruhte all überall, die Grillen fangen und die Lindenblüthen gaben weit hin ihren Duft. Schweigend schritten die Männer den Hügel hinunter; sie mußten an der Linde des Gerichts vorbei, der Schultheiß trat hinzu und sprach leise: „Still wie da Außen wird’s in mir. Mein Leben ist ausgelebt. Kein fröhlich Loos war mir beschieden. Das Volk, das ich vierzig Jahre geweidet habe, führe ich in den Tod. Vater, Dein Wille geschehe! Ich will mein graues Haupt neigen in Demuth und den Todesstoß abwarten in starkmuthiger Geduld.“



[565]
XI.
Das Kreuzheer kommt.

Um Mitternacht schon standen sie auf dem Wall des Landes, auf dem Norderdamm, der Kurt und der Enno mit ihren Mannen. Ihre Augen funkelten wie Irrwische hinaus über die Weser. Horch, da rauschte es über dem Flusse, man hörte fernen Ruderschlag und dann Gesang von vielen tausend Stimmen.

„Das sind sie!“ rief der Enno.

„Donner, die waren eilig, sie haben uns überrascht!“ sprach der Kurt; sonst nichts.

Nun theilten sich die Mannen in zwei Hälften; der Enno führte die Einen, der Kurt hielt oben mit den Andern. Nun Ruderschlag und Gesang immer näher und nun dicht vor den Stedingern. Die warfen und schossen auf sie hinunter und die schwimmen konnten, nestelten sich an die Kähne und bohrten Löcher hinein und versanken mit den Kähnen und Denen, die darin waren. Aber das Lied scholl immer lauter und wilder, jemehr der Kähne herankamen; dann kamen auch Viele zu Roß geschwommen über den Fluß. Nun gab’s ein fürchterliches Schlagen und inmitten des Schlagens ein geller Jubelruf: der kam von den Ersten der Kreuzfahrer, die das Land erstiegen hatten. Noch wenige Minuten und der Enno stand auf einem Hügel von Leichen, der Einzige von Allen, die vom Damm in den Graben gestiegen waren. Als er das sah, kletterte er wie eine Katze hinauf und nun fort, fort auf Sturmesflügeln, um Alles wach zu rufen, was da noch dem Tode entgegen schlafe. Auf dem Damme aber stand der Kurt mit Zweihundert, die hatten auch hinunter gewollt, aber der Kurt [566] hatte es nicht gelitten. Hier oben wollt’ er sie packen, die Feinde. Da aber wurd’s auf einmal stille unten, denn die Kreuzfahrer rasteten und vom Flusse stiegen die Nebel auf und verdeckten Alles. Aber durch den Nebel hörte man nun die Kreuzfahrer beten und dann auf einmal ein fürchterliches Geschrei: „Gott will es!“ Dann Alle mit einem Zuge hinauf gegen den Damm, und so wie Einer den Kopf hervorhob, hatte er auch schon die Keule davor oder den Spieß im Halse. Von den Stedingern fiel Keiner. Auch Keiner sprach ein Wort; es war graulich still; man hörte nur, wie die Erschlagenen röchelnd hinunterrollten und unten mit den Köpfen auf die Steine im Fluß schlugen. Da auf einmal trieben Morgenschein und Wind die Nebel auseinander und da sahen erst die auf dem Damme, wie es aussah. Jenseits der Weser zogen erst die großen Schaaren heran, die Banner der Ritter und jede Schaar hinter ihrem Banner, Oldenburg voran und in guter Ordnung setzten sie über den Fluß hinüber. Unten aber lag’s voll Leichen und den Damm herunter war es ganz schlüpferig und die Weser trieb roth von Blut. Nun drängten, die schon da waren wie ein Keil sich zusammen an einer einzigen Stelle und hinauf; da fiel Mann über Mann, doch Einer kletterte über den Andern hinweg, da wurd’s wie ein ganzer Berg von Leichen.

Da stellte sich Konrad von Marpurg an die Spitze; in der Linken sein Kreuz, in der Rechten statt des weggeworfenen Schwertes eine blutigrothe Keule und er war der Erste, der oben stand und rief: „Das Kreuz hat gesiegt! Mir nach!“ – Und Tausende draußen nach und die von den Stedingern noch lebten, wurden die Dämme hinuntergedrängt.

Noch Eine Hoffnung blieb ihnen: die Moore. Auf schmalen Stegen, die durch sie hinführten, flohen die Letzten davon und rissen hinter sich alle Stege ab und stellten sich dann wieder auf; sie glaubten nun sicher zu sein, wenigstens für einige Zeit. Aber der Ketzermeister rief: „Vorwärts, die Krone der Märtyrer winkt!“ und stimmte wieder ein Lied an und unter Gesang ging’s nun stracks in das Moor hinein, als wär’s gefroren. Zahllose sanken, aber über den Vorderdamm stiegen Folgende und so immerzu, bis eine feste Brücke wurde. Keiner schrie beim Ersaufen oder Ersticken; ein Jeder starb als müßte es so sein, und ein Jeder sang fort, bis der Folgende ihm auf den Kopf trat und ihn hinunterdrückte. Die Stedinger sausten Schleudersteine und Pfeile ihnen entgegen, aber jemehr derselben, desto schneller wurde die Brücke fertig. Und nun war sie fertig und der Feind war im Lande.

Die hundert Stedinger, die noch übrig geblieben, zogen sich zurück auf das feste Kloster Ahden, mitten in den Mooren und mit starken Mauern. Dahin zog auch ein Theil der nun gerüsteten Hauptmacht der Stedinger, während ein anderer zum Heidenhügel auf Altenesch hinzog; da wo gestern die Elsbeth gesessen und wo die Margareth das Blut gerochen hatte.

Menschen waren es nicht, die Kreuzfahrer, die jetzt verheerend durch die Gaue zogen, das Korn im Felde niederbrannten, das Vieh auf den Weiden und in den Ställen lähmten, den gefangenen Weibern die Brüste abschnitten und die Kinder in die Flammen warfen; Menschen waren es nicht, es waren Teufel, losgelassen aus der Hölle.

Vergebens baten die Fürsten und der Erzbischof den Ketzermeister: Einhalt zu befehlen, den entsetzlichen Gräueln. Der Ritter Georg sendete einen Boten, der sollte den Stedingern Rettung verheißen, wenn sie sich unterwerfen wollten.



XII.
Die Todesschlacht.

Sie schlugen bis gegen Abend bei Ahden eine fürchterliche Schlacht; dann mußten die Stedinger zurück und Alles sammelte sich am Heidenhügel. – Der Klaus trat erst noch in sein Haus und suchte eine Axt, die Frau schwieg, aber der Knabe, den sie damals in der Kirche unter dem Herzen getragen, fragte: „Willst Du Holz fällen, Vater?“

„Nein, Junge, Köpfe!“

„Das muß hübsch sein, nimm mich mit.“

„Schweig und gieb mir einen Kuß. Und nun lege Dich in’s Bett zum Schwesterchen und dem ganz kleinen Brüderchen. Geh.“

Der Knabe ging. Klaus trat zu seiner Frau und fragte:

„Margareth, was beschließest Du?“

„Ich lebe nicht ohne Dich, und Deine freien Kinder sollen keine Knechte werden.“

„Gieb mir einen Kuß darauf.“

Die Margareth gab ihm einen Kuß, – dann ging der Klaus still fort, die Margarethe ging still zur Scheune und holte Brennstoff herbei, so viel als möglich und legte ihn durch’s ganze Haus. Dann nahm sie ihre Kinder auf den Arm und an die Hand, stellte sich auf den Söller des Hauses und sah hin zum Heidenhügel und eine brennende Fackel stand wohlverwahrt in ihrer Nähe. So wie es der Klaus und die Margareth gemacht hatten, machten es zur selben Stunde noch viele Männer und Frauen im Stedingerland und viele hatten es vorher schon so gemacht.

Am Heidenhügel waren sie nun versammelt, die letzten und besten Männer.

„So schöne, haushohe Johannisseuer haben wir noch nie gehabt,“ sagte der Klaus zum Enno. Der dachte aber an sein Weib, das kurz vorher sich schon den Tod gegeben hatte, – darum schwieg er.

„Da brennt auch mein Haus auf!“ rief jetzt der Klaus.

„Nun wird mein Weib vollendet haben! – Jetzt stürzt das Dach – so! nun ist Alles aus, Alles! Aber unsere Weiber, Enno, haben doch den Andern Muth gegeben.“

„Freilich, freilich!“ murmelte Enno.

„Nun ist mir’s eigentlich erst recht wohl,“ – sprach der Klaus nach kurzer Pause und dann schrie er: „Aber nun bebt mir auch der Spieß in meiner Hand! Die Adern wollen mir bersten! Meine Seele schreit nach Blut, wie das Kind nach der Muttermilch.“

„Ein Herold! Ein Herold!“ rief es auf einmal, – „ein Herold vom Ritter Georg von Oldenburg!“ und Ehrenfried, der Knappe, war vom Rosse gesprungen und in den Kreis der Männer getreten. Zu seinem Verderben dicht vor den Klaus und der stieß ihn im Augenblick den Spieß durch’s Herz, daß er keinen Laut mehr von sich gab. Sprachloses Entsetzen lag da auf Allen.

Der Schultheiß trat hinzu, hörte was geschehen und rief: „O Steding, du bist entehrt in deiner Todesstunde. Bindet den Mörder des Herolds und Ihr Schöffen tretet zusammen und richtet.“

Und die Schöffen richteten den Klaus zum Tode im Augenblicke; nicht zum Tode im Stedingerland, sondern zum Tode von der Hand dessen, der den gemordeten Herold gesendet; der Klaus wurde gebunden in das Lager des Ritters Georg von Oldenburg geführt. Schweigend ließ er’s geschehen; kein Laut kam über seine Lippen. Nun gab der Schultheiß ein geheimes Zeichen, das verstanden zwölf Männer, die sofort zu ihm traten und einen dicht geschlossenen Kreis bildeten. Es waren die Vehmrichter des Landes. Und sie vehmten nun Konrad von Marpurg und setzten zum Vollstrecker des Urtheils denjenigen fest, der der Letzte im Kampfe sei.

So wurd’s beschlossen und ein Jeder gab den Beschluß einem Andern, bis Alle es wußten.

„Wo ist Kurt?“ fragte nun der Schultheiß.

„Er sorgt für Elsbeth und daß das Dorf brenne,“ sagte Detmar von Dieke, – „doch da brennt es schon und der Kurt kommt mit der Elsbeth.“

Ehrfurchtsvoll machten Alle Platz, wo das Mädchen ging. Sie stieg den Hügel hinauf und setzte sich unter der alten Esche auf die Bank. Der Schultheiß stellte sich ihr zur Rechten und hielt das Banner so, daß es sie umwehte. Der Pater stand ihr links und legte seine Hand auf ihr Haupt. Der Kurt ging schweigend den Hügel hinunter und sagte:

„Jetzt nur noch Eines: der Ritter Georg!“

„Der Feind ballt sich zusammen im Thal!“ So stürmte jetzt Thanno von Huntorp hervor; – „wir müssen auf freiem Plan ihm begegnen!“

„Im Namen Gottes also, der uns so schönen, hellen Tag zum Sterben giebt!“ rief der Schultheiß und wendete sich zum Pater: „Thut Euer Amt und gebt uns den Todessegen!“ Er kniete nieder, – Alle ihm nach und der Priester segnete herab vom Heidenhügel die Todesschaar. „Versöhnt mit Gott! Los von der Erde und ihrer Lust. Muth nun und freudige Kraft! Hinab zum Streit!“ So rufend, schwang der Schultheiß das Banner – von fern Trompeten- und Hörnerklang und gräßliches Geheul durch die Lüfte.

[567] Bald entbrannte ein schrecklicher Streit; Elsbeth und der Pater blieben zurück unter der Eschen ruhig und gefaßt.

Aber nicht lange waren sie allein. Ein abgesendetes Häuflein wahnsinnig angefachter Kreuzfahrer stürmte von unbedeckter Seite den Hügel hinauf, – der Pater ihnen entgegen, im Augenblicke zu Boden geschlagen, über den Todten weg mit gräßlicher Gier zur bebenden Elsbeth – schon faßten sie sie an, da sausten Hiebe, links und rechts flogen die Wüthenden auseinander, und in panischem Schrecken davon; solche Hiebe konnten nur aus dem Himmel oder der Hölle kommen, glaubten sie. Der Ritter Georg hatte sie geführt, und jetzt umfaßte er das Mädchen in größter Seligkeit:

„Du bist mein! Du bist gerettet! Auf, auf, folge mir!“

Aber sie konnte nicht folgen, nicht stehen, nicht sprechen; nur in zitternder Lust an seine Brust sich lehnen und ihn anschauen mit unsäglicher Liebe. Da donnerte es auf einmal hinter ihnen: „Ritter Georg von Oldenburg, bei Eurem Schwure: stellt Euch meinem Schwerte!“

Es war Kurt, der den Ritter gesehen, die Schlacht verlassen und hierher gerannt war wie ein angeschossener Eber.

„Zurück, Kurt, oder ich zermalme Dich!“ schrie Georg und faßte mit einer Hand sein hingeworfenes Schwert, während er mit der andern Elsbeth an sein Herz drückte. Kurt wollte auf ihn eindringen, doch Elsbeth deckte ihn rasch mit ihrem schwankenden Körper. Kurt blieb stehen, sah Beide ernst und tief an und sprach:

„Elsbeth, werde klar. Du sollst nun frei wählen. Ritter, laßt sie frei einen Augenblick, bis sie gewählt hat!“ Der Ritter that es; Elsbeth wankte von ihm zurück und stand wie ein Opferlamm zwischen den beiden Männern. „Elsbeth, nun wähle! Das Weib des Ritters darfst Du nie sein; nur seine Geliebte. Willst Du das sein und von uns gehen, den Sterbenden, und von Deinem verwüsteten Vaterlande, oder willst Du den Tod? Elsbeth, ich frage Dich laut und wahrhaftig und ebenso antworte!“

Elsbeth bebte zusammen, sie sah den Ritter nicht an und nicht den Kurt, sie sah hinaus in die dampfende Schlacht; dann schritt sie langsam hin zum Kurt und sagte fest und ruhig:

„Ich will den Tod!“

Und wie sie das gesprochen hatte, ein Augenblick: da lag sie am Boden und das Schwert des Kurt war roth von ihrem Herzblut. „Ich danke Dir!“ das war das letzte Wort, was sie sagte, und der letzte Blick und Wink voll namenloser Zärtlichkeit war auf den Ritter gerichtet. Der kniete nun nieder zu ihren Füßen und drückte der Sterbenden die Augen zu und legte seinen Mantel über die Todte. Dann sprach er klar und fest zum Kurt:

„Gieb mir Dein so geweihtes Schwert und nimm das meine, dann laß uns den Todeskampf begehen, den ich Dir versprochen.“

Sie wechselten die Schwerter, ohne weiter ein Wort zu sprechen; der Ritter küßte das Blut an seinem neuen Schwerte, und nun kämpften Beide den grausigsten Kampf, den wohl je zwei Männer mit einander kämpften. Es dauerte wohl eine Viertelstunde, dann lag der Ritter todt neben Elsbeth und Kurt stürmte den Hügel hinunter in die noch immer wogende Schlacht. Dann kam er zurück, mit einem Pfeil tief in der Brust und kniete nieder an der Leiche der Elsbeth, zog den Pfeil heraus und ließ das Blut hinströmen und mit dem Blute das Leben.

Da kam leisen Ganges und düster brütenden Sinnes der Klaus heran. Er war vom Ritter Georg freigegeben und hatte sich dann wieder beim Schultheiß und den Schöffen gestellt. Die wollten ihn nun nicht dulden unter sich, doch gaben sie ihm noch ein großes Amt: die Urtheilsvollstreckung der Vehme an Konrad von Marpurg, wenn dieser wieder aus Stedingen und Oldenburg fort sei. So durfte er nicht kämpfen mit den Brüdern, nicht sterben auf heimathlichem Boden, der wilde, heiße, kampfesmuthige Klaus. Er trat zu den drei Leichen heran, er schaute in den verrinnenden Kampf und noch einmal über die Lande hin; dann schwur er bei Allem was er nun gesehen: ein treuer Rachebote der Vehme zu sein, und dann ging er, floh er, sich verbergend, wo ein Menschenantlitz war, bis er hinaus kam über Steding und Oldenburg. Er hat seine Heimath nicht wiedergesehen.

Im Thale unten wurde der letzte Kampf, wurde Stedingen zu Boden geschlagen; das letzte Banner hielt der Schultheiß und ließ es nicht los, bis es mit ihm sank und kein Mann blieb übrig. Was von Alten, Mädchen und Kindern und Knaben fliehen konnte, floh zu den Friesen. Die Fürsten und der Erzbischof wendeten nun freilich ihre Macht gegen den Ketzermeister und den Rest seines fürchterlichen Heeres; ließen die Todten begraben am Heidenhügel und schenkten Gnade denen, die noch lebten. Aber Steding war nicht mehr und freudlos und traurig zogen die Sieger wie Besiegte heim.



  1. Es war im schönen Wein- und Friedensjahr 1842, als wir im Rheinischen Dichter-Verein, „der Maikäfer“, Gottfried Kinkel’s ersten dramatischen Versuch: „Die Stedinger“, mit vertheilten Rollen lasen. Die hohe Dichterkraft darin empfanden wir Alle; ebenso, daß Stoff und Stück nicht eigentlich dramatisch seien. Ein Epos oder eine Erzählung schien uns damals schon als dem Stoffe angemessener. Nach Jahren führte mich mein Weg nach Oldenburg; das Manuskript des Kinkel’schen Werkes noch in Händen, studirte ich an gründlichster und nächster Quelle die Geschichte des Großherzogthums und damit die Geschichte der Stedinger. Dann besuchte ich die Schauplätze der Begebenheit im Stedinger Lande selbst, und meine Erzählung wurde dort schon fertig bis auf’s Niederschreiben, was jetzt erst geschah. So verdanke ich sie eigentlich Kinkel und seinem ersten Drama was zu bekennen mir als schöne Pflicht erscheint.
    Der Verfasser.