Die Ueberraschungen des letzten Kometen

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Titel: Die Ueberraschungen des letzten Kometen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 520
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[520] Die Ueberraschungen des letzten Kometen. Der im Juni nur ganz vorübergehend dem bloßen Auge sichtbar gewordene letzte Komet – nach seinem ersten Entdecker der „Komet Wells“ genannt – hat den mit dem Spectroskop bewaffneten Beobachtern einige gänzlich unerwartete Aufschlüsse gegeben. Wie die Leser der „Gartenlaube“ aus dem Artikel über den vorjährigen Kometen (Jahrg. 1881, S. 498) wissen, haben die seit dem Jahre 1864 der Spectralanalyse unterworfenen Kometen (von denen etwa ein Dutzend genauer untersucht werden konnte) ganz übereinstimmend ein Spectrum ergeben, welches demjenigen glich, das man beobachtet, wenn elektrische Funken durch Leuchtgas, Petroleumdampf oder Alkoholdampf schlagen, das heißt mit anderen Worten: sie zeigten stets das Spectrum einer Kohlenwasserstoffverbindung, welche sich durch drei breite, nach der einen Seite verwaschene Streifen auszeichnet. Der berühmte, vor Kurzem verstorbene Leipziger Astrophysiker F. Zöllner, welcher auf diesem Gebiete bahnbrechend gewirkt hat, schloß daraus, daß die Kerne der Kometen, das heißt die von einer Dunsthülle umgebenen eigentlichen Massen dieser Gestirne, aus denen sich die mächtigen Schweife erst bei ihrer Annäherung an die Sonne entwickeln, vielleicht aus flüssigem Petroleum beständen, also aus einer Substanz, die auch im Erdinnern in großen Massen vorkommt und bei der Zertrümmerung eines größeren Planeten leicht derartige kaltflüssige Weltkörper gebildet haben könnte. Da die Kometenkerne neben dem zurückgeworfenen Sonnenlichte des Schweifs und der Hülle welches sich im Spectrum durch die dunklen Fraunhofer’schen Linien kennzeichnet, deutlich auch eignes Licht ausstrahlen, so entsprang die Frage, ob diese brennbaren Massen in Folge der großen Nähe, in welcher sie bei der Sonne vorübereilen, vielleicht in Gluth oder Brand gerathen. Zöllner glaubte indessen, es möchte sich nur um ein elektrisches Leuchten, etwa wie das andauernde Leuchten einer Gewitterwolke, handeln, wie er denn die entschiedene Abwendung der meisten Kometenschweife von der Sonne als eine elektrische Abstoßung des durch das Sieden der Kometenmasse gebildeten elektrischen Dampfes ansah.

Der Komet Wells zeigte nun zum ersten Male ein gänzlich verschiedenes Spectrum. Nach Beobachtungen, die zuerst von Professor H. C. Vogel aus denn astrophysikalischen Observatorium zu Potsdam angestellt wurden, zeigte derselbe schon im April ein continuirliches (ununterbrochenes) Spectrum, in welchem die Petroleumstreifen anscheinend fehlten oder doch kaum erkennbar waren. Dieses Spectrum wurde von Tag zu Tage heller, namentlich in seinem gelbrothen Theile, und endlich erschienen helle Linien in demselben, unter denen am 1. Juni die Natriumlinie zweifellos bestimmt werden konnte. Ueberstrahlt von dem starken Eigenlichte des Kometen, den man in der ersten Juniwoche an geeigneten Oertlichkeiten am hellen Vormittage neben der Sonne glänzen sah – Nachts stand er für die Beobachtung zu ungünstig – verschwanden die Fraunhofer’schen Linien gänzlich und waren nicht einmal in photographischen Aufnahmen des Spectrums zu erkennen. Diese Beobachtungen sind inzwischen von vielen anderen Astrononnen bestätigt worden, und es hat sich somit zweifellos ergeben, daß der Wells’sche Komet von ganz anderer Art war, als alle seit zwanzig Jahren genauer untersuchten Kometen. Die chemische Verschiedenheit wäre nicht weiter ausfallend, da man seit lange weiß, daß unter den Weltkörpern nach dieser Richtung Verschiedenheiten vorhanden sind, und daß z. B. die den Kometen in manchen Beziehungen ähnlichen Meteor. oder Sternschnuppenschwärme, welche an bestimmten Tagen die Bahn der Erde regelmäßig kreuzen, unter einander chemisch verschieden sind. Das Anfallende bei der neuen Kometenbeobachtung liegt jedoch in dem Unterschiede der Temperaturen. Eine Dampfbildung und Elektricitätsentwickelung im Zöllner’schen Sinne konnte bei äußerst niedriger Temperatur stattfinden; in dem Kern des Wells’schen Kometen waren dagegen glühende Metalldämpfe enthalten, wie wir sonst nur gewöhnt waren, sie auf den Fixsternen und auf der Sonne selbst anzutreffen.

Wir haben darin somit einen sicheren Beweis von der ungeheueren Gluth erhalten, welcher der Wells’sche Komet bei seinem allerdings sehr nahen Vorübergange an der Sonne ausgesetzt gewesen ist. Aber werden wir aus diesen Beobachtungen nicht schließen müssen, daß auch die Kohlenwasserstoffverbindungen der anderen Kometen, wenn sie in ihre Sonnennähe kamen, nicht blos dampften, sondern wirklich brannten, und daß diese Weltkörper im Universum jenen Motten und Mücken gleichen, die um ein offenes Licht kreisen, bis sie sich die Flügel verbrennen?