Die Wasser- und Wetterkatastrophen dieses Hochsommers

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Titel: Die Wasser- und Wetterkatastrophen dieses Hochsommers
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aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 571–572
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Wasser- und Wetterkatastrophen dieses Hochsommers.

Seit Menschengedenken ist das deutsche Land nicht von einer ähnlichen Fülle des Unheils infolge von Wasserkatastrophen heimgesucht worden, wie in den letzten Juli- und ersten Augusttagen dieses Jahres! Die Nachrichten überstürzten sich, aus Sachsen, Schlesien, Anhalt, der Mark, aus Böhmen, Nieder- und Oberösterreich, dem Salzkammergut, aus Salzburg und Steiermark, aus dem bayrischen Berchtesgaden drangen die erschütternden Meldungen auf uns ein, und von überallher hatten sie nicht nur unermeßliche Verluste an Hab und Gut in Stadt und Land, die Zerstörung von ungezählten Häusern, Brücken, Kulturanlagen aller Art, sondern auch den Verlust von zahlreichen Menschenleben zu berichten. Die Gleichzeitigkeit dieser ganz gleichartigen Heimsuchungen in weit auseinanderliegenden Gegenden, das grausenerregende Nebeneinander von verwüsteten weiten Landstrichen, welche jetzt unser Mitleid, unsere helfende Teilnahme fordern, die ins Riesenhafte angewachsene Summe von Verlusten, die auch das umfassendste Hilfswerk nur lindern, aber nicht ersetzen kann, sie geben diesen Wasserkatastrophen den Charakter eines nationalen Unglücks, das überall mitempfunden und überall auch mitgetragen wird! Noch sind die Sammlungen zur Abhilfe des großen, von uns schon besprochenen Notstandes der durch Hagel Beschädigten in Württemberg und Elsaß-Lothringen im Gange, da nimmt diese noch weit umfassendere Heimsuchung mit zwingender Gewalt die öffentliche Mildthätigkeit in Anspruch. Und gerade in der Zeit der Ernte mußte sie über uns hereinbrechen! Schon standen allenthalben die Garben des gold’nen Korns auf den Feldern und der Landmann sah schon im Geiste die reichliche Mahd in sicherer Scheuer geborgen, da bricht das Unheil über das Land…. „Der Damm zerreißt, das Feld erbraust, die Fluten spülen, die Fläche saust! Die angeschwollenen Ströme überschwemmen Felder um Felder und nehmen die reifen Garben, die Frucht unsäglicher Müh’ und Arbeit, mit sich fort. Und die Wogen fluten weiter über die Dämme der Straßen und Eisenbahnen und zerstören die sicheren Geleise des Verkehrs für Handel und Wandel! Sie dringen ein in die Dörfer und Städte und vernichten die Wohn- und die Arbeitsstätte vieler Tausende von Menschen, sie reißen aus dem Kreise der Seinen den Vater und Erhalter in die Fluten und spotten der weinenden Witwen und Waisen!“

Noch füllen, während wir dies schreiben, die Spalten der Tagesblätter fortgesetzt neue Berichte aus den heimgesuchten Gegenden mit einem Wirrsal von erschrecklichen Einzelheiten. Wir müssen darauf verzichten, alle die vielen einzelnen Orte aufzuzählen, welche in Wassersnot gerieten, und müssen uns genügen lassen, hier den Umfang und den Verlauf in große Zügen nur zu skizzieren. Da läßt sich bei all den Einzelkatastrophen denn feststellen, daß, so weit ihre Wirkungsgebiete auseinanderliegen und wie verschieden ihr Verlauf war, sie alle doch durch die gleiche Ursache veranlaßt wurden: durch lang andauernden wolkenbruchartigen Regen, welcher Flüsse und Bäche jählings anschwellen ließ. Diese Art der Ueberschwemmungen ist wegen der heimtückischen Plötzlichkeit ihres Ausbruchs und der rasenden Schnelligkeit ihrer Entwicklung viel gefährlicher als die Hochfluten, welche alljahrs im Frühling die Schneeschmelze in den Gebirgen herbeiführt. Und ihre Gefährlichkeit nimmt den höchsten Grad an, wenn diese jähen Regengüsse in dem Quellgebiete von Flüssen erfolgen, die mit starkem Gefälle und durch enge felsige Schluchten ihren Weg zu den Menschenstätten suchen. Als vor zwei Jahren ein solcher Wolkenbruch die furchtbare Katastrophe im württembergischen Eyachthal herbeiführte, hat die „Gartenlaube“ das Wesen dieser elementaren Gewaltausbrüche näher geschildert (vergl. Jahrgang 1895, S. 466). Diesmal ist nicht nur ein einzelnes kleines Gebirgsthal, sondern es sind gleich große Teile des Königreichs Sachsen, von Preußisch-Schlesien, Oesterreichisch-Schlesien und von Böhmen, sowie der weiteren obengenannten österreichischen Kronländer von solchen anhaltenden Wolkenbrüchen heimgesucht worden. Und fast überall läßt sich das Quellgebiet der großen und kleinen Flüsse, die zur Hochflut anschwollen, als Ursprungsstätte erkennen! Dort, wo Sachsen, Schlesien und Böhmen zusammenstoßen, befinden sich nicht nur die Quellen der kräftigen Oderzuflüsse, welche Schlesien, aber auch Teile von Sachsen und Böhmen verheert haben, sondern auch der Ursprung der Elbe, die in Böhmen und Sachsen so schrecklich gewütet hat, während viele ihrer Nebenflüsse auf gleiche Weise zur Ueberflutung gebracht wurden. Bei und in Wien hat der sonst unbedeutende Wienfluß, der vom Wiener Wald kommt und gerade Gegenstand umfassender Regulierungsarbeiten war, durch einen drei Tage anhaltenden Regenguß seine verheerende Gewalt erlangt, und in den österreichischen Alpen sind Traun und Enns nebst vielen andern Zuflüssen der Donau durch gleiche Ursache zu jenen Hochfluten angeschwollen, welche Eisenbahndämme brachen, Tunnel zum Einsturz brachten, unzählige Brücken niederrissen, den Gmundner See und andre Salzkammergutseen aus ihren Ufern emportrieben und Ischl, den Aufenthalt des Kaisers von Oesterreich, auf Tage isolierten. Aus der Aufeinanderfolge der Hiobsposten am 30., 31. Juli, am 1., 2. August ließ sich meist klar erkennen, wie die aus dem Gebirge stammende Hochflutwelle bis zum Mittellauf der Flüsse in der Ebene vordrang, so z. B. aus der Görlitzer Neiße, die nach ihrem Zerstörungswerk in Böhmen, Sachsen und Schlesien mit vernichtender Wucht diese Flutwelle bis in die Mark, nach Forst und Guben, sandte.

Als ein Hauptherd der Ueberschwemmungen, welche reichsdeutsches Ländergebiet heimgesucht haben, läßt sich unter diesem Gesichtspunkt das Riesengebirge mit dem ihm vorgelagerte Lausitzer und Glatzer Bergland erkennen. Ueber den panikartigen Ausbruch der Wassersnot in den Thälern des Bober, des Queis, des Zacken u.s.w., der Elbe und der Aupa haben die Tagesblätter besonders ausführlich berichten können auf Grund von Briefen, welche Sommerfrischler in Hirschberg, Schmiedeberg, Krummhübel, Warmbrunn, Hain, Johannesbad, Spindelmühle unter dem Eindruck der furchtbare Vorgänge in die Heimat schrieben. Die Katastrophe erfolgte vielfach mitten in der Nacht. In der Finsternis mußten die Bewohner der Häuser, in deren Keller und ersten Stockwerken sich die Flut mit rasender Wucht ergoß, versuchen, sich und ihre Habe zu retten. Daher die erschreckend vielen Verluste von Menschenleben! Trotzdem, daß überall sehr bald Militär und die Feuerwehr aufgeboten war, um beim Rettungswerke zu helfen, und die wackeren Mannschaften darin ihr möglichstes thaten, haben viele Personen, die sich auf Dächer oder Bäume geflüchtet hatten, wenn überhaupt, erst nach langem verzweiflungsvollen Harren ihre Rettung finden können. In Hirschberg, das so lieblich im Thale des Bober gelegen ist, mußten die Bewohner eines Hauses, die sich durch das Dach auf einen Baum gerettet hatten, sich volle 18 Stunden auf diesem aushalten. Die Frau eines Arbeiters, der auf einem Fensterbrett Halt gefunden hatte, klammerte sich volle 16 Stunden an das Querholz eines Fensterkreuzes. Beide befanden sich die ganze Zeit über bis an die Brust im Wasser und sahen schon ihren Tod vor Augen, weil das Wasser nur noch zwei Fuß bis zur Stubendecke zu steigen hatte. In anderen Häusern hatten sich die Bewohner auf das Dach geflüchtet und schrieen von dort um Hilfe oder winkten mit weißen Tüchern, ihnen doch beizustehen. Leider war das bei der reißenden Flut nicht möglich. Jeder Kahn wäre sicher zerschellt. In der höchsten Not nahm dann ein Kommando des Jägerbatallions seinen Weg über die Straupitzer Eisenbahnbrücke, um so den Bedrängten zu Hilfe zu kommen. Man bediente sich eines Floßes, allen voran war der Jäger Dunkel. Er brachte vier Kinder, darunter eins von vierzehn Tagen, sowie die Mutter unversehrt aus dem ersten dieser Häuser. Bei dem letzten Versuch, auch den Vater herüberzuholen, ertrank er. Er ist hinübergegangen in die verklärte Schar jener, zu deren Preise Bürgers „Lied vom braven Mann“ immer wieder in der Volksseele aufklingt, wenn die Chronik der Unglücksfälle Thaten solchen Heldentums verzeichnet. Doch nicht nur diesen einen hat die Geschichte dieser Schreckenstage zu verzeichnen. Beim Rettungswerk in Sprottau stürzten vier Männer in die Fluten. Zwei gingen sofort unter, während die beiden andern sich an Bäumen festzuklammern vermochten. Der eine, Bauführer Schulz, mußte ohne jede Nahrung 21 Stunden in dieser verzweifelten Lage ausharren, ehe seine Rettung gelang. Bei den wiederholten Versuchen, diese beiden Männer zu retten, [572] büßten der Feuerwehrmann Lange aus Sprottau und ein Mann aus der Umgegend, Laugsch, ihr Leben ein. Besseren Lohn fand die Tapferkeit des Gerichtsadjunkts Dr. Maly in Trautenau. Dort, im Quellgebiet der Elbe, wo die Aupa furchtbar gewütet hat, wurden ganz besonders viel Menschenleben bedroht. Von Feuerwehrmännern angeseilt, stürzte sich der Genannte in die tobenden Fluten, um den Bewohnern eines gefährdeten Hauses Hilfe zu bringen. Er lud einen Mann auf und nahm in jeden Arm ein Kind. Mehr als zehnmal durchmaß der Wackere hin und zurück die Fluten, immer wieder trotzte er der Todesgefahr, bis alle – 32 Personen – gerettet waren! Kaum war er mit dem letzten in Sicherheit, da sank auch krachend das Haus in die Fluten. Noch gar manches Beispiel ähnlichen Opfermuts ließe sich anführen, doch müssen wir leider auch hierin auf Vollständigkeit verzichten.

Vom Quelllauf der Elbe selbst wurde in Spindelmühle ein Teil des großen Gasthofs „Zum Deutschen Kaiser“ eingerissen. Dieser vielbesuchte Sommerfrischort liegt vor dem Ausgang des Bärengrundes. Etwa 100 Personen befanden sich in dem Gasthaus. Da das Wasser gegen das andre niedrigere Ufer zu übertrat, hielt man das Haus trotz seiner Lage am Fluß für nicht gefährdet, auch dann noch, als gegen 10 Uhr abends der wütende Strom die Brücke wegriß. Da bahnte sich noch vor Mitternacht das tückische Element einen Weg zurück in das alte Bett, das erst durch eine Stromregulierung dem Flusse abgewonnen worden war, und zwar dicht hinter dem Hause. Nun stürmten mit den Wellen Baumstämme und Felsblöcke gegen seine Wand. Und gegen 2 Uhr nachts krachte der so bestürmte eine Flügel des Gasthofs in sich zusammen. Zum Glück ohne Leben zu gefährden, da sich die Gäste alle nach der Seite zu geflüchtet hatten, wo am neuen Bett des Flusses das Wasser zurückgewichen war, das bald noch weiter zurückwich, so daß es schließlich auch möglich wurde, sich watend hinüber auf's andere Ufer in das Wirtshaus „Zur Elbe“ zu retten. Ein Opfer erforderte aber doch auch diese Katastrophe: ein Kellnerbursche ertrank bei der Flucht.

Aehnlich wie bei Wien der Wienfluß hat bei Dresden die kleine Weißeritz, welche, in zwei Armen vom Erzgebirge herabkommend, sonst so munter und anspruchslos am schönen Tharandt vorbei durch den idyllischen Plauenschen Grund der Elbe zufließt, Verheerungen angerichtet, die im erstaunlichsten Kontrast zu ihrer Größe und ihrem Charakter stehen. Wohl macht nur die Wirkung der Wasserhose, deren vom Himmel niederstürzende Flut sich des Bettes der Weißeritz bemächtigt hatte, die ungeheure Katastrophe erklärlich, welche mit rasender Gewalt Häuser und Brücken, in Löbtau sogar das neue Rathaus, niederriß und allein in Deuben hundert Familien obdachlos machte und vielen Menschen das Leben raubte, doch zeigt das Schicksal des letzteren aufblühenden Fabrikortes auch gerade, wie sehr das bergige Terrain am Grade der Wirkung beteiligt war. Wurde die Friedrichstadt Dresdens von der Weißeritz schwer geschädigt, so haben die Elbufer der Alt- und Neustadt nicht weniger unter der Hochflut der Elbe zu leiden gehabt. Als am 1. August ihr Spiegel einen Höhestand zeigte, wie er seit Jahrhunderten bei einem Sommerhochwasser nicht zu verzeichnen gewesen, da mußte auch das große allbeliebte Volksfest, das jährlich auf der „Vogelwiese“ am Elbufer von der Dresdener Bogenschützengilde veranstaltet wird, aufgesagt werden. Am furchtbarsten hat die Elbe dort gehaust, wo die Berge der Sächsischen Schweiz ihr Bett einengen und die aus Böhmen sich heranwälzende Flut, die dort schon unendlich viel Schaden gethan, von den vielen angeschwollenen Berggewässern frischen Zuwachs erhielt. Die reizenden Hochthäler dieser herrlichen Landschaften, welche man sonst nur als Stätten der Rast und Erholung kennt, erschienen in wilddurchwogte Seen verwandelt. Gerade der durch Wolkenbrüche veranlasste Austritt von sonst harmlosen Zuflüssen der Elbe hat auch verursacht, daß die Elbstädte Schandau, Pirna und Königstein so hart mitgenommen wurden.

Das dichtbewohnte gewerbreiche Sachsen hat überhaupt der Ueberschwemmung die zahlreichsten Angriffspunkte geboten. Hat doch die Görlitzer Neiße, die in ihrem Quellgebiet das böhmische Reichenberg besonders heimsuchte, auch die sächsische Lausitz mit Zittau schwer geschädigt, Häuser, Brücken, Fabriken, Gehöfte, Tier- und Menschenleben vernichtend; stießen doch die beiden gleichfalls hochangeschwollenen Mulden vom Rande des Erzgebirges, gleich ihren Zuflüssen, durch die bevölkertsten Industriebezirke; mußte z.B. doch der Betrieb der Freiberger Erzgruben vieler Zwickauer Kohlenschächte, zahlreicher großer Fabriken in Chemnitz und andern hervorragenden sächsischen Städten eingestellt werden! Am 31. Juli war in Sachsen der Verkehr von nicht weniger als 26 Eisenbahnlinien gestört. Wie in Schandau der Vicebürgermeister Stadtrath Max Müller in den Fluten umkam, so haben – von Deuben abgesehen – auch verschiedene andre sächsische Städte und Dörfer Todesfälle zu beklagen. Aber auch schöne Erfolge des nie rastenden Rettungswerks hat der Bericht aus Sachsen zu verzeichnen! Als z. B. am 31. Juli ein Kommando Pioniere in Döbeln eintraf, wo die tobende Mulde ganz besondere Gefahr schuf, wurde vom Rittergut Schweta gemeldet, daß sich auf der „Bischofswiese“ die Einwohner auf die Dächer geflüchtet hätten und andre wieder bei dem Versuche, sie von den Dächern auf Kähnen zu retten, ins Wasser gestürzt und an Bäumen hängen geblieben seien. Es wurden zwei Pontons mit 15 Pionieren dorthin dirigiert und 23 Personen durch sie aus der gefährlichen Lage befreit.

Je mehr wir uns das Bild dieser furchtbaren Heimsuchungen deutlich machen, um so lebhafter regt es an zu der Frage: Giebt es denn keine Mittel, um endlich einmal der Wiederkehr so schrecklicher Katastrophen mit Erfolg vorzubeugen?! Wohl sind in Schlesien und anderwärts amtliche Untersuchungen darüber im Gang, wir können nur lebhaft wünschen, daß sie bald, recht bald, sich in Thaten umsetzen! Gegenüber den lautgewordenen pessimistischen Stimmen, welche die Möglichkeit von solch vorbeugenden Maßregeln überhaupt leugnen, möchten wir jedoch nachdrücklich wiederholen, was schon von zwei Jahren an dieser Stelle geschrieben wurde: Wohl sind Wind und Regen Gewalten, über die wir keine Herrschaft besitzen. Wir sind nicht imstande, Wolkenbrüche zu verhüten, ja nicht einmal dieselben vorherzusagen. Und doch kann manches geschehen, um die verderblichen Folgen derselben, die Ueberschwemmungen mit ihren Verlusten an Hab' und Gut und Menschenleben, zu verhüten oder auf ein geringeres Maß zurückzuführen. Man muß in das Gebirge hinaufgehen und dort, wo sich die ersten Wasserrinnsale sammeln, durch zweckmäßige Anlagen das Gefälle vermindern, so daß die Wasserfluten sich in Mulden und Becken stauen und langsamer zu Thal abfließen. Und wenn dadurch bei besonders starken Wolkenbrüchen Ueberschwemmungen vielleicht nicht gänzlich verhütet werden, so wird doch ihr Umfang und ihr erster Anprall gemildert. Wind und Wetter können wir nicht gebieten, aber die Wasserläufe in unsrer Heimat müssen wir soweit möglich beherrschen und regeln!

Dies für die Zukunft! Die Gegenwart aber fordert weit unmittelbarer ein Werk der Hilfe, an dem sich gewiß jeder Deutsche beteiligen wird, dem ein warmes Herz in der Brust schlägt. Die Zahl der aller Habe Beraubten zählt nach Tausenden, die Verluste, welche viele hundert Gemeinden betroffen, nach vielen, vielen Millionen! Wo solche Thatsachen das Mitleid und die Mildthätigkeit herausfordern, bedarf es kaum weiterer Worte. Gleich nach den ersten Nachrichten hat sich denn auch überall der schöne Drang bethätigt, den vielen so plötzlich Verarmten schleunigst Hilfe zu bringen. Die Landesregierungen haben es sich angelegen sein lassen, das so dringliche Wohlthätigkeitswerk einheitlich zu organisieren, und in der Reichshauptstadt ist ein „Centralkomitee für die Ueberschwemmten Deutschlands“ ins Leben getreten, an dessen Spitze die Stadtbehörden stehen, und das auch die durch Hagel so schwer heimgesuchten Gegenden in Württemberg und Elsaß-Lothringen in den Kreis seiner Wirksamkeit gezogen hat. Für die Annahme von Verträgen wirkt als Centralstelle die Städtische Hauptstiftungskasse in Berlin (Rathaus). Auch die Leser der „Gartenlaube“ werden zur Steuer der Not das Ihrige beitragen und gern ihre schon so oft erprobte Mildthätigkeit auch diesmal wieder bewähren. Möge jeder sein Scherflein, und sei es noch so klein, beisteuern zur Linderung der großen, großen Not! Wer nicht vorzieht, es an eins der bestehenden Hilfskomitees zu senden, der möge es uns anvertrauen. Wir sind gerne bereit, auch die geringste Gabe entgegenzunehmen und ihrer Bestimmung zuzuführen, sowie auch seinerzeit in der „Gartenlaube“ darüber Quittung zu leisten.