Die rothe Erde

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Autor: Felix Dahn
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Titel: Die rothe Erde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 93
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[93]
Die Gartenlaube (1887) b 093.jpg

DIE ROTHE ERDE.

Ballade von Felix Dahn.


Herrn Kaiser Karl zu Aachen
      Kam’s über die Augen schwer:
„Ich fühl’s, nicht wird mich wärmen
      Die Frühlingssonne mehr.

Noch einmal muß ich umschan’n,
      Wie’s steht in meinem Reich:
O wär’ ich bei Avaren
      Und Arabern zugleich!

Zugleich am gelben Tiber,
      Zugleich am grünen Rhein:
Zu groß ist ach! das Erbe,
      Der Erbe ist zu klein. – –

Die Nächsten sind die Sachsen:
      Bis dorthin reicht’s wohl noch;
Sie kämpften dreißig Jahre
      Und ich bezwang sie doch!“ –

Er zieht mit Graf und Bischof
      Nochmal durch Sachsenland:
Der Männer sieht man wenig:
      Todt sind sie, landverbannt.

Auf öder, brauner Heide,
      Vom Eichbaum überragt,
Liegt ein Gehöft, den Dachfirst
      Vom Roßkopf überschragt.

Welk über’n tiefen Ziehbrunn
      Nickt der Hollunder schwer:
Und frische Hügelgräber, –
      Sehr viele! – rings umher. –

Ein Weib tritt auf die Schwelle:
      Es zerren an ihrem Rock
Die Knaben mit dem Trutzblick,
      Die Mädchen im Flachsgelock.

Sie gaffen auf die Fremden,
      Auf die bunte Reiterschar:
Es beugt sich aus der Sänfte
      Ein Mann in weißem Haar.

Er streicht den Kopf dem Jüngsten:
      Der greift nach der Spange licht:
„Wer ist’s?“ forscht scheu die Mutter.
      „Herr Karl! – Kennst du ihn nicht?“

Laut auf kreischt die Entsetzte
      Und reißt die Kinder fort:
Herr Karl! Der Tod!“ – Sie verschwinden
      Im nahen Buschwald dort. –

Der Kaiser nächtet im Kloster.
      Leer ist’s um den Altar:
Kein Laie, – nur die Mönche. –
      „Was scheint dort fern so klar?

Was leuchtet durch das Fenster?“
      „O Herr – – ’s ist nicht geheuer:
Die Sachsen sind’s im Walde
      Bei Wodan’s Opferfeuer.“ – –

Am andern Morgen rheinwärts
      Der Kaiser kehrt die Fahrt;
Er schweigt. – Er betet manchmal,
      Er streicht den weißen Bart.

Das Roß führt ihm ein Sachse,
      Der alle Steige kennt.
Das Erdreich steht zu Tage,
      Wo der Pfad die Hügel trennt.

Warm dampft es aus den Schollen, -
      Karl beugt vom Sattel sich:
„Roth ist hier rings die Erde,
      Seit wann? Woher das? – Sprich!“

Da hob der graue Führer
      Zu ihm den Blick empor:
„Grün war der Wiesenanger,
      Die Heide braun zuvor;

Zweihunderttausend Sachsen,
      Die starben blut’gen Tod: -
Davon ist in Westfalen
      Die Erde worden roth.“

Da schüttelt Frost den Kaiser:
      „So tief – die Erde roth?
Herr Christus, lösche die Farbe:
      Ich that’s auf Dein Gebot.“

Starr hat er in die Wolken,
      Auf den Boden starr gesehn:
Der Boden blieb derselbe: –
      Kein Wunder ist geschehn. -

Schwer krank kam er nach Aachen
      In seinen goldnen Saal:
Er raunte mit sich selber,
      Hauptschüttelnd, manchesmal.

Er fragte: „Ist’s noch roth dort?“
      Als er im Sterben lag.
Roth blieb Westfalens Erde
      Bis auf den heut’gen Tag. –