Die unblutige Eroberung einer Stadt

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Titel: Die unblutige Eroberung einer Stadt
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 581, 583
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[581]
Die Gartenlaube (1870) b 581.jpg

  Lieutenant von König erobert mit drei Husaren Saargemünd.   Synagoge.
Nach einer Originalzeichnung eingesandt von unserem Berichterstatter Horn im Hauptquartier.
 Hospital der französischen Verwundeten.

[583] Die unblutige Eroberung einer Stadt durch vier braunschweigische Husaren, ein Reiterstückchen, das wir in unserer letzten Nummer schon kurz erwähnten und zu welchem wir heute die versprochene, an Ort und Stelle aufgenommene Illustration bringen, schildert uns unser Specialcorrespondent, Herr Georg Horn, noch in folgender ausführlicherer Weise:

Lieutenant v. König, von Bliescastel aus zur Recognoscirung über die französische Grenze ausgeschickt, war mit seinen drei Mann Husaren unbeanstandet durch die ersten französischen Dörfer gekommen; dieselben schienen ausgestorben, Niemand zeigte sich – Fenster und Thüren waren verschlossen. Er ritt auf der großen breiten Straße weiter; rechts und links und vorwärts war nichts vom Feinde zu sehen. In der Ferne trat quer ein Höhenzug hervor, an dessen Abhängen, je näher die Patrouille kam, Gärten und Landhäuser bemerkbar wurden, weiter kamen die Schornsteine von Fabriken, die Spitzen von Kirchtürmen zum Vorschein. Die Patrouille war jetzt an einer Stelle der Straße angekommen, von welcher dieselbe abwärts führte; die Höhen jenseits und diesseits stiegen von der Thalsohle eines Flusses aus, welchen sie sich entlang zogen; es war ein ziemlich breiter Fluß, über den eine Brücke führte, und drüben lag eine Stadt mit stattlichen Häusern. Der Fluß mußte die Saar, die Stadt Saargemünd sein. Das stimmte mit der Sectionskarte der großen Generalstabskarte von Frankreich, die der Officier mit sich führte. Er ritt mit seinen Leuten thalwärts bis in die Nähe der Brücke. Der Zugang derselben war nicht frei; gefällte Bäume waren vor dieselbe gelegt. Ein Ort, zu welchem der Zugang, wie hier, verbarricadiert ist, wird nicht mehr als offener behandelt, sondern als befestigter, und ist allen Consequenzen eines solchen ausgesetzt, z. B. kann er bombardiert werden. Jenseit der Brücke zeigte sich feindliche Reiterei; sie gab auf die Husaren Feuer, welches von diesen erwidert wurde, worauf sich jene zurückzogen. An der Seite der Brücke aus einem Hause kam ein Mann in bürgerlicher Kleidung zum Vorschein. Er wurde von dem Officier angerufen.

„Wie heißt der Maire der Stadt?“

„Baron de Geiger.“

„Gut – bringen Sie ihm diese Karte; wir warten hier auf Antwort.“

Auf ein Blatt Papier hatte der Officier seinen Namen geschrieben – nur „von König“ – die Charge war weggelassen, absichtlich, um der Sache dem Maire gegenüber einen größeren Rückhalt zu geben; hinter einem Lieutenant kann ja höchstens nur ein Zug Mannschaften in Sicht sein, hinter einem Namen ohne Angabe der Charge eine Schwadron, ein Regiment. Auf der Karte war der Maire der Stadt aufgefordert, an der Brücke zu erscheinen. Der Bote stieg mühsam über den Verhau und verschwand jenseits der Brücke.

Es dauerte eine halbe Stunde. Nach dieser kam drüben der Bote in Begleitung eines älteren Herrn zum Vorschein; Beide gingen über die Brücke der Patrouille entgegen, und über den Verhau hinweg entspann sich folgendes Zwiegespräch:

Monsieur, êtes vous le maire de cette ville?

„Zu Diensten, mein Herr, aber sprechen wir lieber Deutsch – ich bin ein Deutscher, ein Altbaier, und seit langen Jahren als Industrieller hier angesessen. Mein Name ist Baron von Geiger, ich bin Ehrenmaire dieser Stadt – Senateur de l'empire.

„Gut, Herr Baron, ich danke Ihnen. Meine Karte haben Sie bereits erhalten, mein Name ist von König. Sind noch französische Truppen in der Stadt?“

„Nein, mein Herr, seit heute Morgen nicht mehr.“

„Aber es ist auf uns von feindlicher Cavallerie geschossen worden –“

„Das waren Nachzügler der Cavallerieregimenter, welche die Stadt bereits bei Ihrer Annäherung geräumt haben.“

„Gut, so bitte ich Sie wenn Sie nicht wollen, daß diese Stadt als ein fester Platz betrachtet werden soll, diese Aufwürfe entfernen zu lassen.“

„In einer halben Stunde, mein Herr, sollen Sie den Zugang zur Stadt frei finden. Ich selbst werde an der Spitze der Einwohner Hand anlegen, diese Hindernisse fortzuschaffen.“

So geschah es auch, und nach etwa drei Viertelstunden ritt der Lieutenant mit gespanntem Revolver, die Husaren mit aufgesetztem Karabiner in die feindliche Stadt ein, umringt von einer dichten, drohend und finster dreinschauenden Bevölkerung, an welche der Maire die eindringlich mahnenden Worte richtete, sich den Verhältnissen zu fügen und sich ruhig zu verhalten. Die Stadt würde geschont werden und den Einwohnern kein Leides geschehen.

Und so gelangte denn der preußische Officier mit seinen Leuten unangefochten bis auf den Markt, bis in die Mitte der Stadt, recognoscirte mit aller Gemüthsruhe von hier aus durch die Seitenstraßen und sprengte dann wieder, an der Spitze seiner Patrouille, in Galopp von dannen und zum Thore hinaus, um dem Prinzen Friedrich Karl zu melden, wie er mit drei Mann Husaren, wie bereits Seite 558 erzählt, die Stadt Saargemünd trotz ihrer Verbarrikadirung eingenommen und besetzt gehalten haben.