Durch Indien ins verschlossene Land Nepal/Ein Ausflug zum höchsten Berge der Erde

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Die Mysterien des Swajambunath-Gipfels Durch Indien ins verschlossene Land Nepal
von Kurt Boeck
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[308] Ein Ausflug zum höchsten Berge der Erde. 309

Weise ausgerüstet sind. Dagegen hege ich gar keinen Zweifel, daß beim rich- tigen Ineinandergreifen tüchtiger, wohl ausgerüsteter Alpinisten sämtliche Hoch- gipfel des Himalaja erstiegen werden können, denn nach meinen eigenen Er- fahrungen vermag ich an einen mechanischen Ursprung der Bergkrankheit, die ja von vielen als das Haupthindernis gefürchtet wird, nicht zu glauben. Nachdem Dr. Berson und Dr. Sühring im Lastschiff mehr als zehn Kilometer hoch in die unsere Erde umhüllende, aber mindestens 150 Kilometer dicke Atmosphärve empor- gestiegen sind," ist es nicht ganz unwahrscheinlich, daß sogar der- 8840 Meter hohe Gaurisankar-Everest eines Tages von Menschenfuß betreten werden wird. Eine solche Großtat vermöchten freilich nur ,,Männer von Eisen« zu voll- bringen, die es aushielten, sich diesem Vergkoloß über Samarkand und Chotan, also durch Russischss und Chinesisch-Turkestan und durch Süd-Tibet hindurch zu nähern; von Englisch-Jndien aus ist eine solche Annäherung undenkbar, wenigstens so lange Nepal für Europäer ein so verschlossenes Land bleibt wie bisher und so lange Tibet Europäern von allen anderen Seiten außer von der britisch-indischen Zutritt erlaubt. Wie die großartig geplante-, von hervorragenden englischen Alpinisten unternommene Expedition zur Bezwingung der höchsten Himalaja-Riesen gleich im Anfang am Mount Godwin Austen bei 6000 Meter Höhe aufgegeben werden mußte, ist in No. 226 der Wiener ,,Ostdeutschen Rund- schau-( vom Jahre 1902 mit wohl etwas allzu bitterem Sarkasmus geschildert worden, aber jedenfalls bildet dieser Mißerfolg die denkbar kräftigste Be- stätigung, daß ich die Schwierigkeiten einer solchen Himalaja-Reise in meinen -,,Jndischen Gletscherfahrten« doch wohl nicht ganz so arg ,,übertrieben« habe, wie ein englischer Gentleman, dem dies Buch unbequem war, Nichtkennern einzuflüstern versucht haben soll; daß dieser Gentleman jemals selbst unter dem Donner der Steinlawinen die Girthi-Schlucht durchklettert oder gleich mir die November-Kälte auf den Schneefeldern des Himalaja in dem eigenen Marke verspürt hat, möchte ich danach fast bezweifeln.

Auch die mit der Höhe abnehmende Temperatur kann man ebensowenig wie den sich verringernden Sauerstoffgehalt der Luft für ein unüberwindliches Bergbesteigungs-Hindernis betrachten, da sie in beträchtlichen Höhen verhältnis- mäßig weniger sinkt; zudem gewöhnt sich der Organismus gesunder Vergsteiger bei langem Aufenthalt in hochgelegenen Gebieten an beide Zustände der Atmosphäre überraschend schnell, und aus den Schilderungen der Nordpolfahrer ist bereits zur Genüge bekannt, wie tiefe Kältegrade der Mensch zu ertragen vermag. Schließlich hat ja auch die Ausrüstungstechnik neuerdings in den ,,selbstkochenden« Konserven und den Thermophoren ausgezeichnete Hilfsmittel geschaffen, um stets warme Lebensmittel und Getränke bei der Hand zu haben. Daß Alkohol das s chlechtefte allerHeizmittel für den Menschen abgibt, brauche ich wohl nicht zu betonen.

Um meinen durchaus nicht verhehlten Unmutzu beschwichtigen, den ich über das höfliche aber energische Verbot empfand, den westlich vom Gauri- sankar aus Nepal nach-Tibet führenden Paß und-die ihn umgebenden, noch niemals von einem Europäer.sbetretenen, der Wissenschaft also noch vollständig [309] 310 - Fünfundzwanzigstes Kapitel.

unbekannten Gletschergebiete besuchen zu dürfen, wurde mir in letzter Stunde, wenige Tage vor Ablauf der mir zum Aufenthalt in Nepal bewilligten Zeit zu meiner sreudigsten Überraschung die Erlaubnis eingeräumt, einen Ausflug in das Kukannigebirge zu unternehmen, wo ich über die Gebirgsgruppe des Gauri- sankar von Westen her einen um einige Dutzend Kilometer näheren Überblick gewinnen konnte, als von den zu Beginn der Reise überschrittenen Grenzpässen Nepals aus.

Der zu meiner Begleitung konimandierte Feldwebel jener indischen Sipeu- »kompagnie, die zum Schutze des englischen Gesandten in einigen langen Ka- sernenschuppen neben dem Gesandtschaftsgebäude untergebracht ist, hatte schon nach den ersten Tagen die Lust verloren, mir auf Schritt und Tritt zu folgen; er machte sich die Sache allmählich immer bequemer und blieb manchmal ganz weg. Auch der mir von nepalischer Seite beigegebene Wächter schien es ziem- lich satt zu haben, mit seiner breiten Rohrfeder in das niedliche Bronze-

fläschchen voll roter Tinte, das ihm am Gürtel hing, zu fahren, und auf einer schier endlosen Rolle Bastpapier jeden meiner Schritte und Blicke, jede Frage und jede Bemerkung, die ich mir gestattete, zu buchen. Schließlich mußte auchz er in mein fröh- liches Lachen einstimmen, sobald er sein ungeheures Register meiner Sünden hervorzog, das ich aber nicht etwa mit Leporellos Liste zu verwechseln höflichst bitten möchte. « Als ich die-se Anwandlung von Umgänglichkeit bei dem mir . , nicht sonderlich sympathischen schieläugigen Manne bemerkte THIS Tmtem versuchte ich, den Ausflug in den Zauberkreis des Gaurisankar- aßchen des . , « , , Aufseher5» sho. Everest zu einer wirklichen Freude, zu einem Naturgenuß zu erheben. Es hatte mich doch bisher allmählich verdrossen, unausgesetzt wie ein Sträfling beobachtet zu- werden und zu sehen, wiemein Begleiter jedesmal in seine rote Tinte tauchte, iwenn ichs irgend» eine Notiz in mein Taschenbuch eintrug; was für gelehrte Bemerkungen er dann niederschrieb, mögen die Götter wissen, denn ich bin kein Qrientalist und konnte also seine Hieroglyphen nicht entziffern. Diese dem Wächter vom Durbar vielleicht mehr aus Neugier als aus Mißtrauen aufgetragene und von diesem mit über- triebener Wichtigtuerei vollzogene Berichterstattung über jede meiner Handlungen wollte ich bei der Gebirgstour ein wenig einzuschränken versuchen.

In der Dämmerung des schönsten, klarsten, sonnigsten Dezembermorgens, den ich in Nepal erlebt habe, stand die kleine Trägerkolonne, die mein Zelt, meine Decken, die Feldküche und Proviantvorräte und den Apparat tragen sollte, marschbereit vor der Tür meines Obdachs. Wanderfroh drückte ich meinem gestrengen Hüter mit dem Ersuchen, mir heute nicht unablässig wie mein Schatten zu folgen, einige Backschischmünzen in die Hand,»aber pflicht- schuldigst und mit einigerEmpörung wies-: der brave Mann-die Batzen zurück, zog sein Tintenfläschlein hervor und schickte sich an,, diesen höchst kritischen Vorfall schleunigst zu Protokoll zu nehmen. InmeinerBesorgnis blitzte glück- [310] Ein Ausflug zum höchsten Berge der Erde. -3·11

licherweise ein genialer Einfall durch mein Gehirn: ,«,Kau«f ihm seine ganze Schreibmaschine ab,« « sagte ich zu. mir selbst und knüpfte sofort kaltblütig diesbezügliche Verhandlungen an. .

Natürlich war es nicht leicht, das Geschäft zum Abschluß zu bringen. Ich war aber nicht zaghaft, sondern erbot mich, alle Gegenstände, deren jedes- maliger Gebrauch eine Notiz mit roter Tinte hervorzurufen pflegte, meinen Schrittzähler, Kompaß, Krimstecher, Thermometer, selbst meine Uhr zu Hause zu lassen, und als alles nichts helfen zu wollen schien, ihm sogar mein Notizbuch zur Bewährung anzuvertrauen, was ich um so eher tun konnte, da kaum noch ein freies Blättchen Papier darin zu finden war. Als er dann unschlüssig seinen Blick wie prüfend auf meinem Koffer mit dem Photographierapparat ruhen ließ, wollte ich ihm schon verraten, daß ich überhaupt nur noch zwei unbelichtete Trockenplatten besäße, die ich, in einer Doppelkassette verschlossen-, für die wichtige Ausnahme des höchsten Berges der Erde auf- gespart hätte; um aber seinen Argwohn nicht zu erregen, zog ich es vor, zu sagen, daß auch dieser Apparat, falls er es wünsche, zurückgelassen werden könne, doch hätte ich gern unterwegs eine Abschiedsaufnahme von ihm, meinem fast allzu getreuen Beschützer, gemacht.

Diese edle Absicht schien meinen Eerberus zu rühren.- Ent- blößt von allen Beobachtungsmitteln mußte ich ihm als ein völlig unverfänglicher Reisender vorkommen, um so mehr, als ich in meiner Tasche nach Kräften mit silbernen Rupien klimperte; mit einem hörbaren Ruck entschloß er sich, ließ mir sein auf S. 310 Sågksxjkklsexst abgebildetes Tintenfläschchen in die-Hand gleiten und folgte mir schen Bergstzx in weit respektvollerer Entfernung als gewöhnlich. »U.

Als ich im Begriff war abzumarschieren, fuhr vor meinem s Bungalo ein königlicher Wagen vor, in dem ich unbelästigt vom Straßenstanb lustig dahinrasseln konnte. Aber schon nach wenigen Stunden hatte das Ver- gnügen ein Ende, denn von Baladsch an war die Straße nur mangelhaft und endlich gar nicht mehr gepflastert

Die auffallendste Erscheinung auf dem ganzen Wege war ein überlebens- großes Wischnubild, das auf dem Boden eines Wasserbeckens « lag, woraus in Zeiten der Dürre das Wasser abgelassen wird, um die Gottheit zu ver- anlassen, schleunigst für Regen zu sorgen. Am Rande dieses sonderbaren Götterbades lagerte eine überaus malerische Schar nepalischer Bergbewohner aus der Umgebung des Gosainthan, deren Häuptling einen jener sehr merk- würdigen tibetischen Alpenstöcke trug, die zugleich als Sonnenuhren dienen. Der Stock ist kantig und hat acht Längsseiten, auf denen die Namen der Monate und Stundenziffern in tibetischen Zeichen eingeschnitzt sind; an seinem oberen Ende befindet sich über jedem Längsstreifen ein Loch, in das ein kurzes Stäbchen hineingesteckt wird, aus dessen Schattenlänge am Stabe die Zeit abgelesen werden kann. [311] 312 Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Ich hielt mich ziemlich lange bei diesen Leuten auf, um meinenTräger- trupp herankommen zu lassen und konnte· bei dieser Gelegenheit noch einige Merkwürdigkeiten von den Leuten erstehen, eine Halskette aus Zähnen wilder

Tiere und ein Armband aus Bronze mitEinlagen aus Blei

und Kupferdraht, das dem Besitzer .für einen heilkräftigen

Talisman galt und von dem er sich deshalb gar nicht trennen

Armband eines wollte. Nachdem wir handelseinig geworden waren, mußte

Newarisklaven. ich staunen, wie gleichgültig er gegen die Schmerzen war, die

V-« ihm das Auseinanderbiegen des um das Handgelenk« ge-

schmiedeten Ringes mit Hilfe eines Brecheisens machen mußte,

aber nicht weniger wunderte ich mich über das mädchenhaft zierliche, schlanke

Handgelenk dieses Mannes, der doch imstande war, eine Last Von weit mehr als einem Zentner über Berg und Tal zu schleppen.

Beim Hirtendorf Ds schetpur schlug ich am Schluß des stets nord värts gerichteten Tagesmarsches mein Zeltchen auf. In vollen Zügen konnte ich wieder alle die Freuden eines Himalaja-Biwaks genießen, die ich in meinen ,,Jndischen Gletscherfahrten« . zu oft ausführlich geschildert habe, um mich hier in Wiederholungen dieser mit Worten eigentlich gar nicht wiederzugebenden Ein- drücke ergehen zu dürfen. Daß ich dabei keinerlei Notizen machen konnte, grämte mich wenig, denn ich betrachtete diesen Ausflug mehr wie eine Er- holung nach meinen Arbeiten in Nepal als wie ein Studium

Vor Tagesgrauen war ich wieder auf, um baldmöglichst den etwa drei- tausend Meter hohen Rücken des Kukanni zu. erreichen. Als ich mich ihm auf einem überaus holprigen Bergpfad näherte-, bemerkte ich mit wachsenden Schrecken, daß sich in den« Schluchten unaufhörlich schwere Wolkenmassen bil- deteriO und als höchst unwillkommene dichte Vorhängevor die Umgebung schoben; ich knirschte vor Unmut, denn ich konnte kaum noch Hauf einen deutlichen An- blick des höchsten Berges der Erde hoffen, und dies war für mich um so schmerz- licher, weil diesem Berge bislang noch kein Europäer näher gekommen ist, als mir dies vergönnt war. .

Doch wie man einen Tag nicht eher loben soll, als bis auch sein Abend glückvoll verronnen ist, darf man auch nicht eher jammern, als bis wirklich gar keine Hilfe mehr möglich ist. Gewohnt, daß entstehende zarte Wolkengebilde im Gebirge sich stetig dichter um die Bergkuppen lagern, traute ich meinen Augen kaum, als der ganze wogende Wolkenschleier anfing, sich zu senken, so daß-« seine dicken Dampfballennur die zu meinen Füßen gähnenden Täler von Liku, Taddi Kholas und das vom Trisulganga durchrauschte Tal vonNoakot aus-s- füllten, die alle niedriger liegen, als das Hochtal des Bagmati, aus dem ich kam, mir dagegen allmählich den ganzen Umkreis von Hochgebirgsriesen sent- hüllten, der-sich in einem Winkel von Jk200 von Nordost nach Nordwestgum mich erstreckte» Zunächstiwurden die Schneeberge im Westen sichtbar, der Yasa und- Mutsiputra, dann der Dhaulagiri und der Gosainthanz die beide mehr als 26000 Fuß hoch sind, und dann sank auch zu meiner grenzenlosen Freude und [312] Ein Ausslug zum höchsten Berge der Erde. 313

Überraschung die weiße Gardine vor

dem Mittelpunkt dieses ganz unver-

gleichlichen Panoramas nieder, vor

dem höchsten Gipfel der Erde, dem

Gaurisankar-Everest! Schließlich

grüßten auch die Firnhäupter des

kolossalen Kanschendschunga und

seiner erhabenen Nachbarn, des

Kabrul und des. Jannu, zu mir .

herüber, denen ich von Sikhim Das Gosainthangebirges aus, also ihrer östlichen Seite gegen-

über, acht Jahre zuvor so nahe gewesen war, wie es aus ihren hier eingefügten Bildern hervorgeht.

Doch ebenso wie mein Weilen im Lande Nepal nur eine knapp zu- gemessene Vergünstigung war, schien auch dieser überwältigende, ans Märchen- haste streifende Eindruck nur von kurzer Dauer sein zu sollen. Ein bedroh- liches Emporwallen der mich wie ein Meer von Watte umlagernden Nebel- massen sagte mir, daß dies Zauberbild nur noch wenige Augenblicke verweilen und dann für mich aus immer verschwinden würde. Meine Gedanken fingen an, miteinander zu kämpfen; in der Befürchtung, daß mein Wächter sich wie ein hartherziger Tyrann benehmen und es- nicht zulassen würde, die Schneeberge

aufzunehmen, gebrauchte ich die Kriegslist, ihn selbst, jedoch ohne daß -.er es wußte, die kritische Aus- nahme machen zu lassen, die jetzt diesem Buche zum Schmuck dient.

Jch wußte, wie be- gierig der Mann war, selbst einmal den Gummiball drücken und dadurch den Verschluß des Objektives auslösen zu dürfen. Diesen

. Wissensdrang benutzte ich- und postiertet- einige männ-; liche und weibliche Kulis vor den Apparat, den ich

» . aber vorher auf die hinter

. der Gruppe aufragenden Gipfel Jder Gaurisankarz GveresteGruppe eingestellt

Kanschendschunga, auS Osten gesehen. « hatte-; nachdem ich dann [313] 314 · Fünfundzwanzigstes Kapitel. -

meinem staunenden Hüter das Bild der Leute auf der Mattscheibe gezeigt hatte, begab ich mich selbst zwischen sie und winkte ihm; mit Inbrunst drückte er auf den Gummiball und bannte dadurch die Lichtstrahlen; die »der Gaurifankar-Eve·rest ausftr«ahlte, auf meine Platte, und mit ironischer Verbeugung dankte ich meinem Gehilfen für die hübsche Gruppe seiner Landsleute, die er gemacht hätte. Als er sich dann einen Augenblick entfernte, drehte ich den-Apparat weiter westlich-, um auch die dort sichtbaren Grenzgebirge zu photographierenz freilich habe ich den Argwohn, daß der Mann später heimlich die Kassette aufgezogen hat, um sich zu überführen, daß sich kein Bild darauf befände, denn die Platte belegte sich beim späteren Gntwickeln mit einem Schleier, und nur durch allerlei chemische Kunstgriffe war es mir möglich, das verdorbene Bild wieder herzustellen

Mit einem heiteren und einem nassen Auge nahm ich bei dem unauf-

haltfamen weiteren Emporwogen der Wolken von dem großartigsten Gebirgs- bilde der Erde Abschied;« Wie eins leiser Spott erschien es Umir, daß diese Wiederverhüllung bei dein Grenzgebirge zwischen Nepal und Sikhim anfing, dessen Photographieren von seinem jenseitigen, d.Th. östlichen Abfall aus mir im bitterkalten November 11890so viele Mühen gemacht hatte. . .Über den Namen-« dieses thöchsten Berges der-Erde hat sich unter den Fachgelehrten-· ein-ziemlich · lebhafter Streitentsponneng Herr Regierungsrat Dr. Emil Schlagintweit, ein-Bruder desberühmtenJndienforfchersund wohl die maßgebendsteAutorität hierfür, äußert sich über diese Frage in Petermanns geographischen Mitteilungen (1901, Heft 11) folgendermaßen:

 »Gegenüber den Einwendungen, welche seiner Zeit gegen die Einführung

« und Beibehaltung vonGaurifankar erhoben worden waren, bin ich für den Gebrauch dieses Namens eingetreten, und jetzt bin ich in der Lage, die Berech- tigung hierzu auch gegen den neuesten Versuch zu erweisen, den indischen Namen durch einen tibetischen zu ersetzen.

An .tibetischen. Namen für Everestsind seither bekannt geworden:.

«1-..Chomo Kankar, genauer Jomo gangs dkar. Diesen Namen bringt zuerst Sarat Chander Das, der verkleidet als Pandit 1881J82 im Auftrag des indischen Vermessungsamtes nach Lhasa reiste und jetzt die Stellung eines Regierungsdolmetsch für Tibetifch einnimmt.

Die Offiziere der indischen Trigonometrical Survey hatten von der Mit- teilung ihres Pandits wenig Notiz genommen, weil die Angabe doch un- bestimmt war;- man neigte dazu, in Chomo den Peak Nr. X111, auch Makalu genannt, zu erkennen. «

s Der Name Jomo gangs dkar ist durchaus tibetifch und bedeutet wörtlich Herrin Üdes weißen ·Schnees«, übertragen ,Göttin des Schneelandes Tibets Tibet heißt in der Literatur das Schneeland, und Jomo wird Prinzesfinnen, dann Verkörperungen von Göttinnen in gütiger Form als Anrede gegeben. Die weiße Tårä, eine nepalefifche Prinzesfin, ist die verehrtefte Königin und zugleich Göttin des Landes Tibetz sie nimmt verschiedenes Formen an"und hat [314] Ein Ausflug zum höchsten Berge der Erde. 315

beim Auftreten als gütiges Wesen auch die Gattin Civas, die Gauri, in das buddhistische Pantheon eingeführt. So deckt sich der tibetische Name von Waddell im ersten Teil mit der indischen Bezeichnung Gauri-sankar, und dieses ist überaus wertvoll, mag nun Jomo-Kangkar dem höchsten oder einem weniger hohen Gipfel der Mount Gverest-Gebirgsgrnppe zukommen. .

Rätselhaft bleibt noch Schreibart nnd Bedeutung des Namens der ganzen Everest-Gaurisankarbergkette, der als Labai, Labchi, Labchyi mit dem Zusatz kang, d. i. gangs, Eis, gegeben wurde. Die-Auflösungen und Übersetzungen Von Waddell sind unannehmbar. Jch wandte mich deshalb an S. C. Das in Dardschiling"; derselbe konnte aber noch keinen ortskundigen, gelehrten Mönch (Lama) finden, der die Niederschrift zu geben imstande war, und welche Un- sicherheiten mangels jeglicher Unterlage dem Versuch der eigenen Auflösung sich entgegenstellen, mag zeigen, daß allein der Silbe chi in der Literatursprache 16 Gruppen entsprechen, von denen jedes Wort seine eigene Bedeutung hat-

2. Tserinh chenya, Dsering ghina, genauer Thse ring mched luga.

Der Name ist Tse ring mched ma zu schreiben, er bedeutet »die langes Leben spendenden fünf Schwestern« und hängt zusammen mit der Lebens- geschichte des buddhistischen Heiligen Mila.

Jm Alter wurde Mila im Hochland von Dingri am Nordabhang unseres Gebirgsabschnittes, im ,,Lab ei« Gebirge, seßhaft und starb bei Chubar auf der nepalesischen Seite des Gebirges in einer Höhle. Seine Vannungen der. bösen Geister trugen ihm das Ansehen eines Heiligen ein; als Schutzgott (Yi-dam) erfreute er sich der Hilfe des Gottes Kuvera (tibetisch: r Ham thos sras) und seiner 12 Dienerinnen, Göttinnen der Erde, die in drei Gruppen zu je vier sich gliedern, mit Ekajata -(tibetisch: Naleigma) als Führerin, die wieder als eine Abart von Tara (Gauri) gilt. Jnsbesondere hatte Mila die dritte Gruppe dieser Helferinnen an seiner Seite, und diese befleißigten sich, ihren Herrn bei langem Leben zu erhalten. So ist den vier Lebensspenderinnen im Dienste von Mila nnd ihrer Führerin nach dem Tode ihres Meisters die Ehre zuteil ·geworden,«-Wohnungen in der Nähe der Höhle, in welcher ihr Herr seine Lebenstage beschlossen hatte, in den diese umgebenden, weithin sichtbaren Gipfeln angewiesen zu erhalten-. Der Name Tierin chenya wurde in der Literatur Bezeichnung der Gebirgskette Labei und dann Name des höchsten Gipfels in diesem Gebirgsmassiv.

Es war meinerseits als Vertreter der Arbeiten meiner Brüder der Gebrauch von Everest nicht verworfen, sondern nur vorgeschlagen worden, ihn mit einem Eingebornennamen und zwar Gaurisankar zu verbinden. An diesem Namen halte ich auch jetzt fest, weil dessen Gebrauch wiederholt erwiesen ist und ein fester Beweis, daß Joqu kang kar als Bezeichnung der obersten Spitze gebraucht«wird, nicht erbracht wurde, dies vielmehr nicht einmal wahr- scheinlich ist. Den Anschauungen der Jndier, wie der Tibeter über die höchsten Berggipfel als Wohnsitze der obersten Götter entsprechen der indische wie die tibetischen Namen. Es empfiehlt sich aber immer, an Stelle tibetischer Namen, [315] 316 Fünfundzwanzigstes Kapitel.

die nach den Schwierigkeiten in der Aussprache wie in der Schreibart den polnischen Namen anzureihen sind, indische Namen zu gebrauchen, wo solche zu haben sind, weil sich diese nach Wohllaut und leichter Darstellung ihrer Bedeutung besser zur Wiederholung wie Einprägung eignen, als die schwer- fälligen tibetischen Bezeichnungen. Hierin stimmen alle Mitarbeiter in der Erforschung der tibetischen Literatur überein: Grünwedel in seiner Mhthologie · (Anm. 4 p. 41) und S. E. Das brieflich.; derselbe schreibt: . »Ich und die ganze Hindubevölkerung werden uns . über die allgemeine Einführung und Anerkennung des Namens Gaurisankar an Stelle aller sonstigen Namen freuen, Gauri wie Cankara sind zwei Worte, aber eins im Begriff: Prakriti und

Gaurisankar-Everest, der höchste Berg der Erde, von Ost (au5 Sikhim) gesehen.

Purusha, Natur und Geist, gedacht als ein göttliches Wesen, begleitet Von seiner weiblichen Kraft (Cakti).

Jch habe deswegen als das Ergebnis meiner Untersuchungen den Vor-« schlag zu erneuern, für den höchsten Berg der Gebirgsgruppe in Frage den Namen Gaurisankar-Everest beizubehalten. «

Angesichts der bereits in allen geographischen Kreisen und Werken ein- gebürgerten beiden Namen halte auch ich diesen Vorschlag, beide miteinander zu verquicken, für ebenso praktisch und unparteiisch, wie z. B. bei der Benennung des Viktoria-Nyanza-Sees- in Afrika, doczh muß ich »mich, weilich ja weder Geo- graph noch Orientalist zu sein den Vorzug habe, in dieser Angelegenheit einer — Meinungsäußerung enthalten; ich darf jedoch nicht verhehlen, daß ich die Gelegen- heit nicht verabsäumt habe, wenigstens einen Versuch zu machen, mein Scheer [316] Ein Ausflug zum höchsten Berge der Erde. 817

lein zur Lösung dieses Problems beizusteuern. Ich bat mir nämlich von meinem schriftgelehrten Aufpasser mein Notizbuch aus, skizzierte darin die Kontur des Gaurisankar-Everest und bat ihn, mir die im nepalisch-tibetischen Grenzgebiet landläufigen Namen der höchsten Spitzen darüber zu schreiben. Dem gestrengen Herrn Feldwebel schien keineswegs klar zu sein, was ich mit diesem Ersuchen bezweckte, zumal unsere Verständigung bei meiner sehr geringen Kenntnis seiner Landessprache manche Schwierigkeit hatte und nur durch Mithilfe von etwas Hinduftanisch zu erreichen war. Soviel ich aus

Gaurisankctir-Everest, der höchste Berg der Erde, von West (auS Uepah gesehen. «

seinem Wortschwall und bei seiner undeutlichen, schnarchenden und stotternden Redeweise heraushören konnte, nannte er den Gipfel nach langer Beratung mit den Newari-Kulis mit einem Namen, der- wie Ram Lotsumo Parhar klang; jedem, der die Aussprachsschwierigkeiten tibetischer Dialekte kennt, wird es « nicht unmöglich erscheinen, daß mir-« in dem Lotsumo Parhar eine ver- stiimmelte Form des tibetischen Namen-s Chomo Kankar vorgestellt worden ist, und ich gebe auch gern zu,«daß ich das mir bekannte Wort Parhar, das Berg bedeutet, vielleicht deutlicher herausgehört habenls es gesprochen wurde. Die Hieroglyphen des Schreibers harren aber noch ihrer EnträtselungY da alle von mir bisher angerufenen Linguistenautoritätenv erst wenige dieser Charaktere entziffern konnten. —- « . « [317] 318 Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Jch konnte dieses Werk, das keinerlei Ansprüche auf Vollständigkeit erhebt, wohl kaum mit einem großartigeren Gegenstande beenden, als mit der Wiedergabe der mir zu teil gewordenen Eindrücke des gewaltigsten Vergriesen unserer Erde, dem sowohl von Ost wie von West so nahe gekommen zu sein

bisher noch keinem anderen europäischen Reisenden ver-« gönnt gewesen ist. Durch die beiden Ansichten dieser Ge- birgsgruppe von zwei ent- gegengesetzten Seiten bin ich in der Lage, auch meinerseits einiges Material zu dem Problem oder Versteckspiel dieses merkwürdigen Gipfels beizusteuern, der sich für viele ferner liegende Standpunkte ganz oder teilweise hinter der Berg X111 oder Makalu genannten Spitze verbirgt. So unfäglich genußreich für mich aber die Erinnerungen « an diese unvergleichlichen Naturfchaufpiele auch sind, betrachte ich sie doch nur als eine Folge zahlreicher Glücks- zufälle; ein wahres Gefühl des Stolzes durchpulst mich jedoch beim Anblick der stattlichen Bilderreihen, durch die ich meine Beobachtungen nicht nur mir zur stillen Freude, sondern auch anderen zum bleibenden Nutzen festzuhalten vermocht habe.

Es wäre undankbar, meine Plaudereienüber das ,,verschlossene Land« Nepal abzubrechen, ohne noch eine Überraschung zu erwähnen, die mir den Abschiedvon Nepal versüßte Als ich bereits auf dem Rück- wege von Katmandu nach dem Tschandragiripasse war, be- gegnete ich einem Manne, der mit seiner durch einen riesigen Nasenring geschmückten Tochter aus dem früher zu Nepal gehörigen Alpenlande Kumaon kam, wo ich dasselbe Paar bereits bei meiner ersten Himalaja-Reise getroffen und - Die entweihte photographiert hatte. Wie ich gerade im Begriff stand, diesem Hota. IX-. Hirten seine Lota abzukaufen, Lweil ich sie in der Freude s des Wiedersehens aus Verfehen berührt und dadurch für seine ferneren rituellen Waschungen und Güsse unbrauchbar gemacht hatte-, kam mir ein Adjutant des derzeitigen Staatslenkers Deb Schumscher nachgesprengt,· um mir ein herrliches, schwer mit Silberverzierungen beschlagenes nepalisches Kukrischwert als Scheide-

Kumaonbewohner; das mit einem Nasenring geschmücktej Mädchen trägt den Taftkorb an einem Stirnbande [318] Ein Ausflug zum höchsten Berge der Erde. 319

gruß und wohl auch als Zeichen einzuhändigen, daß ich mir durch mein Ver- halten die Gunst der hohen nepalischen Herrschaften nicht verscherzt hatte. Bei der sprichwörtlichen Sparsamkeit der nepalischen Fürsten muß ich dieses An- denken an das ,,verschlossene Land« ganz besonders hoch in Ehren zu halten suchen! —

Mit wehmutsvoller Freude schließe ich diese Mitteilungen: mit Freude über das, was ich mitteilen konnte, mit Wehmut wegen des vielen, wofür ich nicht die geeigneten Worte zu finden vermochte, oder was hier nicht am Platze wäre. Das eine aber fühle ich, je länger ich lebe und je mehr ich von der Welt kennen lerne, mit immer wachsender Wärme: so reichgesegnet jene Länder in der Nähe des Wendekreises und Äquators unserem erstaunten Auge auch er-

pscheinen mögen, läßt sich doch für uns Kinder einer maßvolleren Zone tat- sächlich auf der Welt kein Land finden, wo sich Licht und Schatten in so freundlichem Wechsel ausgleichen, wo alle Zustände der Natur wie der Kultur das Dasein so erträglich machen, wo Recht und Ordnung und Freiheit jedem ein so reiches Maß von Segnungen spenden wie das Stückchen des Erdballs, das wir Deutschen mit mehr Stolz als wir ihn gewöhnlich zur Schau tragen unser Heimatland nennen könnenl Nur an uns liegt es, wenn wir, unserer ernsten Pflichten vergessend, niedrigen Gesinnungen nachgeben und uns zu einem unzufriedenen Schwächlingsgeschlecht herabwürdigen. Möge nie ein Deutscher den Mut verlieren, an der Hebung berechtigten Nationalgefühls mitzuarbeiten und zu bekämpfen, was die unserem Volke in die Wiege gelegten Gaben ver- giften und verkümmern kannl Wohl dem Deutschen, der frei und offen mit dem Helden in Grabbes »Don Juan und Faust« zu bekennen wagt: »Was ist mir näher als das Vaterland? Die Heimat nur kann uns beseligen, Verräterei, die Fremde vorzuziehnl ——" Nicht Faust wär’ ich, wenn ich kein Deutscher wäre! O Deutschland! Vaterland! Die Träne hängt Mir an der Wimper, wenn ich dein gedenke! Kein Land, das herrlicher als du, kein Volk, Das mächt’ger, edler als wie deines! —-

Unzähl’ge deutsche Adern rollen grad’ So stolz und kühn als Deutschlands Ströme!« —-

Ubschiedsgabe des Durbars von Nepal an den Verfasser. 1A2. [319] Druck von E. Grumbach in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)