Ein Besuch auf dem Sonnenstein

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Textdaten
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Autor: Theodor Heinrich Gampe
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Titel: Ein Besuch auf dem Sonnenstein
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 331–335
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein Besuch auf dem Sonnenstein.

„Du wirst nun schau’n die schmerzensreichen
Schaaren,
Die der Erkenntniß höchstes Gut verloren.“

Diese Worte Dante’s durchschwirrten mein Gemüth, als ich doch etwas bangen Herzens an einem sonst goldhellen Morgen die vielen Stufen zum Sonnenstein, der großen sächsischen Seelenheilanstalt, emporklomm. Das Leben ist schon an sich so aufregend und stellt zuweilen unbillige Anforderungen an die Widerstandskraft der Nerven, und da oben harrten meiner, zusammengedrängt, gleichsam auf einen Haufen gekehrt, alle Ideen, Leidenschaften und Irrthümer dieses Lebens – nur in grelleren Farben und Uebergängen und oft in einer absoluten Nacktheit, die auch den Gesunden mit Bangigkeit und Furcht vor sich selber erfüllen kann.

Und dennoch war der Eindruck im Ganzen ein beruhigender. Die tollsten Dissonanzen, die das Gemüth martern, werden am Ende übertönt durch die volle Harmonie der selbstlosesten Menschenliebe, von welcher die Unglücklichen umgeben sind. Man hat bis zum Ueberdrusse die Anklagen vernommen, daß unsere Zeit in krassen Egoismus versunken sei, und man glaubt schließlich daran, aber gerade unsere modernen Spitäler, Versorg- und Irrenhäuser stehen als redende Zeugen da, um diese Anklagen zu entkräften. Wo findet denn die Menschenliebe ihren reinsten und erhebendsten Ausdruck? Im Samariterthume! Und der stolze Sonnenstein, der mit seinen blanken, freundlichen Fensterreihen und seinen altdeutschen Giebeln weithin den Elbgau beherrscht, ist eine der festesten Burgen des modernen Samariterthums; sein Burgherr wägt einen Namen der an sich schon Vertrauen wachruft; er heißt Lessing, und er ist der Neffe des Pfarrersohnes aus Kamenz, der uns in seinem „Nathan“ ein Evangelium der Humanität geschaffen hat.

Ehemals diente die stolze Veste als Zwingburg wider die unterjochten Slavenstämme des Elbgaues, und gleichzeitig bildete sie den Grenzwall gegen die gewaltsamen Rückstauungen der slavischen Völkerwogen von Böhmen her. Im späteren Mittelalter sank ihre Bedeutung als Veste, wenngleich die Schweden vergeblich ihre Batterien darauf spielen ließen. Im Anfange dieses Jahrhunderts wurde sie schließlich in eine Seelenheilanstalt umgewandelt. Damals forderten endlich die Wissenschaft und die Menschlichkeit gebieterisch, daß man die Irren nicht mehr wie wilde Thiere in Ketten lege und mit Zuchthäuslern zusammensperre; sie forderten nicht mehr nur Verwahrung, sondern Heilung, soweit sie möglich. Auch die sächsische Regierung folgte der allgemeinen Reformbewegung man sonderte 1811 im Torgauer Zuchthause die Irren von den Züchtlingen, bildete eine eigene Direction dafür, und diese zog mit dreihundert Schutzbefohlenen im Sonnenstein ein. Damit wäre die Geschichte der Burg in Umrissen gegeben. Unter den Episoden ist nur eine wichtig, und zwar die jüngste; sie verdiente, daß man sie in die französische Sprache übersetzte und sie den Anklägern unserer Armee in Frankreich unter Kreuzband zustellte.

Am 12. September 1813 erschien Napoleon der Erste im Sonnenstein; ihm gefiel der Platz am Thore des Meißner Hochlandes; seine Sachen standen schief; er brauchte feste Stützpunkte für seine Armeen nothwendiger denn je und beschloß den Sonnenstein in eine Festung umzuwandeln.

Das Alles kann man an einem Feldherrn nur natürlich finden, aber nun kommt die abscheuliche Barbarei.

„Que l'on chassee ces fous!“, Man jage diese Narren fort!“ Mit diesen Worten ritt er hinweg. Vertragsmäßig hätte der Sonnenstein durch einen sächsischen Regierungscommissär geräumt und übergeben werden müssen, aber das lehnte man einfach ab, und die Creaturen des Corsen jagten buchstäblich nach dem Befehle „die Narren“ fort, und zwar in einer Zeit von drei Stunden, obwohl der Feind nicht im Geringsten diese Truppenabtheilung bedrängte. Man nahm den Wärtern die Schlüssel ab, trieb die Kranken – auch die bettlägerigen – auf den Höfen zusammen, drängte sie zu den Thoren hinaus und warf hinter ihnen die Thür in's Schloß. Die Niederträchtigkeit ging soweit, daß man nicht einmal den weiblichen Kranken Wäsche und Kleider herausgab, die doch für die französischen Soldaten völlig werthlos waren. Mit Thränen in den Augen bat der Director um Rückgabe eines Theils des Brodvorrathes, den man eine Stunde vorher abgeladen hatte – umsonst. Ohne Brod, ohne Viehstand, ohne Betten zogen 275 Seelenkranke in nothdürftiger Kleidung unter Jammern und Wehklagen hinab in die soldatenüberfüllte Stadt Pirna. Der Anblick soll nach den Berichten von Augenzeugen herzzerreißend gewesen sein, und das dürfen wir ihnen auf’s Wort glauben.

Mildherzige Bürger bereiteten den Unglücklichen Lagerstätten auf den Holzbänken der Pirnaer Stadtkirche. Die Tobsüchtigen und die Nervenfieberkranken mußte man in die Sacristei sperren.

So verfuhren die Herren Franzosen, die uns heute als Barbaren verschreien, in Freundesland – die Vorsehung hat sie gestraft; das Geheul der Irren und Elenden im Gotteshause zu Pirna hat seine Stätte gefunden.

Die Schlacht bei Leipzig öffnete auch den Irren wieder ihr freundliches Asyl, und seit dieser Zeit sind der Anstalt schwere Tage erspart geblieben; selbst Epidemien, die nirgends auf die Dauer ausbleiben, wo viele Menschen beisammen wohnen, sind auf dem Sonnenstein unbekannt.

Gewichtige Empfehlungsbriefe öffneten mir sofort die Anstalt, die sonst vor müßiger Neugier streng gehütet wird, und ich hatte die Genugthuung, gleich einer ärztlichen Conferenz beiwohnen zu können. Obenan saß Geheimrath Dr. Lessing, der Chef der Anstalt, mit einem freundlichen, wohlwollenden Lessing - Kopfe und einem Bismarck-Körper von urgermanischen Dimensionen. Unter seinem Präsidium waren die vier Anstaltsärzte und einige Assistenten neben dem üblicher Protokollanten vereinigt.

Der Dienst beginnt an diesem grünen Tisch sehr früh. Von siebeneinhalb Uhr ab treten sämmtliche Aufseher, Aufseherinnen, Wärter und Wärterinnen an und rapportiren vor der Wissenschaft ihre Beobachtungen, die sie während der Nacht in den Schlafsälen der Irren machen konnten. Hieran schließen sich die ärztlichen

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Die Gartenlaube (1881) b 332.jpg

Männergarten.   Schlosstreppe.   Turnplatz.   Frauengarten.
Genesungshaus.   Heilanstalt Sonnenstein.   Reservelazareth.
Billardzimmer.   Damen-Salon
Männerhof.       Badezimmer III Cl.       Alter Friedhof.       Schlafzimmer III Cl.       Kirche.


Heilanstalt Sonnenstein bei Pirna.0 Originalzeichnung von F. Schreyer.

[334] Visiten, die etwa von achteinhalb bis zehn Uhr währen, und dann folgt die zweite, die Hauptconferenz. Gegen Abend wiederholen sich die Rapporte des Aufseher- und Wärterpersonals, worauf die Aerzte abermals Visiten abhalten und zur dritten Conferenz zusammentreten.

Diese Concilien sind, rein menschlich genommen, vielleicht die interessantesten, die je abgehalten werden können; sie gelten dem innersten Seelenleben erkrankter Mitmenschen. Der gramsüchtige, erschütterte, wahnwitzige oder verödete Menschengeist wird hier zergliedert und bloßgelegt und der Urgrund seines Leidens verfolgt bis in die tiefsten Tiefen – und sollten diese Tiefen auch moralische Abgründe sein. Die Wissenschaft fordert es gebieterisch, und ohne Kenntniß des innersten Wesens der Krankheit fehlt der Boden für einen Heilplan vollends. Die realistische Tragik des modernen französischen Theaters ist nur ein Schattenspiel gegen die Tragik dieser Menschenschicksale, die sich oft in diesem Zimmer aufrollen und immer zu irgend einer Art von Abschluß gebracht werden. In dürftigen Worten: Man hält hier Rath über Neu-Aufnahme, unterrichtet sich über den Verlauf der Krankheiten, stellt Heilpläne fest oder modificirt dieselben, erklärt die Einen für genesen, die Andern für unheilbar, vergleicht und disputirt Diagnosen, erlöst oder verbannt einzelne Unglückliche aus den Isolirzellen oder in dieselben, sondert die verschiedenartigsten Elemente zu Stationen zusammen oder corrigirt die in diesem Punkte unvermeidlichen Mißgriffe und beschließt tausend Dinge, von denen jedes einzelne geeignet ist, auch den Laien mit einem unheimlichen Interesse zu fesseln.

Zu meinem Leidwesen ließen sich die Herren durch den Gast in ihren Berathungen bald unterbrechen, und die achtstündige Wanderung an der Seite des Chefs, eines vielerprobten und in Fachkreisen hochangesehenen alten Praktikers, begann.

Die Verwaltungsräume waren bald besichtigt; sie unterscheiden sich in ihrem geschäftlich-nüchternen Typus nicht von andern großen Anstalten. Auch das Leben auf den weitläufigen Höfen zeigt nichts Absonderliches. Man sieht eine große Schaar meist wohlgenährter, rotwangiger Leute, nett und adrett gekleidet, flink und gewandt den verschiedensten häuslichen Verrichtungen obliegen. Es sind harmlose Irre, die dem Arbeiterstand angehören und die sich auch hier in der Anstalt gern zu einer leichten, aber geregelten Beschäftigung herandrängen. Von Irrsinn kann der Laie nichts an ihnen entdecken; links und rechts treten sie zur Seite und grüßen voll Ehrfurcht ihren Director.

Anders gestaltete sich das Bild im Männergarten. An sich ist dies ein höchst anmutiger Park mit uralten Baumgruppen, wohlgepflegten Kieswegen und gutvertheilten Ruhesitzen. Wunderbar ist die Aussicht, die man von hier aus über das weite Land genießt. Die schöne Lage hat sogar einem benachbarten Gutshof den Namen „Himmelreich“ verschafft. Man blickt hinab auf den gewundenen Elbstrom, der eben die letzten Felsgruppen des Meißner Hochlandes durchbrochen und nun sich in den weiten lachenden Elbgau ergießt. Im Hintergründe erheben sich einzelne Tafelberge der Sächsischen Schweiz und die langgestreckten Gneiszüge des Erzgebirges mit ihren Basaltdurchbrüchen, die wie Riesenheuschober die Bergplateaus beleben. „Das ist auch eine Arzenei für unsere Seelenkranken,“ erklärte der Director im Angesicht der sonnenbeglänzten Gebirgslandschaft.

An den Männergarten schließen sich Pflanzgärten und Felder an, Versuchsfelder, auf denen die Garten- und Feldfrüchte Nebensache sind. Der Spaten gewinnt hier eine seelenheilende Bedeutung.

Auffällig am Männergarten ist, daß ihm alles Unterholz mangelt; man kann ihn so ziemlich mit einem Blick übersehen. Das Leben in diesem Garten ist seltsam und fremdartig.

Unser Auge ist gewöhnt, daß sich eine Anzahl von Menschen nach bestimmten, wenn auch unbewußten Regeln gruppiren; das Interesse concentrirt sich auf einen oder mehrere Sprecher; alle Gesichter richten sich auf einen Punkt und zeigen eine gewisse Analogie, so ungleich ihre Empfindungen auch sein mögen. Wie grundverschieden sind dagegen die Gruppen der Irren; hier fehlt der Mittelpunkt, wenn auch gesprochen wird und oft viel gesprochen wird; die Beziehungen sind verschoben; die Irren stehen durch einander, wie die Bildsäulen in einem Museum, wenn gebaut oder gescheuert wird. Das Volkswort „verrückt“ erhält hier eine räumliche, eine thatsächliche Erklärung, nur könnte man es in „verstellt“ abmildern.

Hier hat Jeder sein eigenes Tempo. Einige gehen wie hinter einem kleinstädtischen Leichenzug; andere eilen, wie die Schneider an hohen Festtagen zu ihrer ungeduldigen Kundschaft; Einzelnen genügt auch dieses Tempo nicht mehr; sie streiten laut mit dem Himmel oder mit dem Fußboden, und ihr Gang ist ein Spiegelbild von der Hetzjagd der Ideen in ihrer kranken, fast immer mit inneren, nur für sie hörbaren Stimmen kämpfenden Seele. Der Morgenländer erklärt diese Art der Irren für heilig; das ist mir hier verständlich geworden. Wie der Schritt sicher, fest und energisch, so ist auch die Satzbildung, in der sie ihren Irrsinn laut werden lassen, meist correct und gut gegliedert; die Stimme ist kraftvoll; der Strom ihrer Worte erhebt sich zuweilen bis zur Begeisterung, bis zur Erhabenheit eines Sehers, und alles Getragene, auch wenn es unverständlich, hat ja auf naive Gemüther immer eine bestimmte Wirkung.

Die gefährlichen, zu Insulten geneigten Kranken erhalten auch zu eigenem Schutze handfeste Wärter als Begleitung. Auffällig häufig sind diese gewaltthätigen Patienten die wohlerzogensten Leute, die für gewöhnlich die besten Manieren an den Tag legen, aber es ist, als ob die künstlichen Schranken, der wohlgefügte Aufbau der Bildung, der auch im Leben so vieles Unheimliche verbirgt, von dem Irrsinn um so gewaltsamer durchbrochen würde, etwa wie ein eingedämmter Krater seine Schranken mächtiger durchbricht, als ein offener.

Weniger aufregend sind die Scenen in den vorhin beregten Pflanzgärten und auf den Anstaltsfeldern. Der Irrsinn verbirgt sich hier völlig hinter einer lustigen Geschäftigkeit; man sieht, die Kranken sind glücklich dabei; der Instinct mag ihnen sagen, daß die physische Arbeit für Körper und Geist eines der vornehmsten Heilmittel ist. Nur der Größenwahn weist sie auch hier im Irrenhause weit von sich; namentlich hat man mit gebildeten Oekonomen und Officieren seine liebe Noth; denn bei ihnen sitzt der Irrwahn, daß die körperliche Arbeit entehre, von gesunden Tagen her zu fest, als daß er schnell ausgerottet werden könnte.

Der Friedhof liegt ebenfalls am Männergarten; er ist ein Idyll. Kein pomphaftes Grabmal drängt sich anspruchsvoll hinein in diesen Gräberfrieden; uralte Bäume beschatten ihn, und die Grabhügel liegen so still und weltvergessen darunter – das ganze Bild ist in die freundlich-ernste Poesie der Todesruhe getaucht. Jetzt schlummern sie still, die Unglücklichen, deren Seele nur zu oft wider die Leibesschranken getobt, bis diese zusammenbrachen und der Friede einzog in das zerrüttete Haus. Hoffen wir zu den Sternen, daß diese ihre Seelen nicht unsterblich gewesen sind, wie sie es nach den Consequenzen frömmelnder Anschauung ja sein müßten!

Ganz im Hintergrunde der Anstalt, am Ende des großen Gartens, erhebt sich das Reservehaus. Director Lessing ließ es zur Vorsorge erbauen, für den Fall, daß epidemische Krankheiten auf dem Sonnenstein ihren hier doppelt unheimlichen Einzug halten würden. Die Epidemien sind ausgeblieben; die herrliche Bergluft scheint ihnen ein unbezwinglicher Widersacher zu sein – dafür haben leider die Seelenkranken so überhand genommen, daß jetzt auch das Reservehaus völlig von ihnen besetzt ist.

Der Gesammt-Krankenbestand auf dem Sonnenstein mag das halbe Tausend bald erreicht haben. Jede Station verfügt über ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und das nöthige Zubehör. Die großen Corridore sind gemeinschaftlich und die Wohnungen der dritten Classe einfach, doch behaglich in ihrer Ausstattung; nichts erinnert an die gewohnte Anstalts Uniformität. Die Kranken wohnen hinter blumigen Gardinen. Im Schlafzimmer, das meist dicht an der Wohnstube liegt, schläft auch der Wärter mitten unter seinen Schutzbefohlenen, nur geschirmt von der Liebe und dem Vertrauen, das er sich bei ihnen zu erringen wußte. Die Betten sind peinlich sauber und die Linnen breiten sich darüber aus wie Schlehdornblüthe. Kranke aus gebildeten Ständen, die wegen Mittellosigkeit in der dritten Classe untergebracht werden mußten, sendet man rücksichtsvoll in eigene Stationen, giebt ihnen entsprechende Wärter und angemessene Beschäftigung und beköstigt sie ihren Lebensgewohnheiten gemäß.

Die zweite Classe weist Zimmer von guter altbürgerlicher Einrichtung auf; sie sehen etwas altfränkisch, aber höchst gemüthlich und behäbig aus, und das Hyperzierliche der modernen französischen Einrichtungen fehlt ihnen glücklicher Weise. Die Kranken der ersten Classe wohnen vornehm, doch ohne Luxus.

Im Reservehaus ist leider einer Station von tieferschütterndem Charakter zu gedenken. Es ist kein Tobhaus – im Gegentheil: [335] hier herrscht die Ruhe des Todes; wie Wachsfiguren stehen die Unglücklichen an den Wänden umher; wie man sie nach dem Ankleiden Morgens hingestellt, so bleiben sie stehen, bis man ihnen zu Mittag die Speisen einflößt. Hier herrscht kein Irrsinn mehr – hier herrscht die Geistesverödung; es sind Lebendig-Todte, die nur noch athmen. Bei einzelnen sind die Glieder wachsartig beweglich; hebt man einen Arm, so bleibt er frei stehen; die Augen sind erloschen; die ganze Haltung der Figur zeigt, daß sie nur steht, weil sie der Wärter lothrecht hinstellte. Man ist betroffen, daß es Mitmenschen geben kann, die nur noch wie Pflanzen vegetiren. Und doch leuchtet gerade hier der Stern der Menschlichkeit wieder um so heller auf. Die Wärter, die hier thätig sind, stehen über dem Samariter; es gehört noch mehr als Menschenliebe, es gehört Entsagung und Heldenmuth dazu, unter lebenden Marionetten, unter Larven sein Leben zu verbringen und diese zu warten und zu pflegen, zu füttern und zu reinigen wie Säuglinge. Wenn ich recht vernommen, sind die betreffenden Wärter genesene Seelenkranke – sie haben selbst gelitten, und so mag die ganze Barmherzigkeit für ihre Leidensgenossen durch die Hand des Schicksals geweckt worden sein.

Im Frauengarten, der ähnlich angelegt ist wie der Männergarten, wiederholen sich dieselben Bilder, nur in’s Weibliche übersetzt. Im Ganzen trifft man hier auf weniger Selbstgefühl, man sieht mehr duldende, leidende, schwermüthige Gesichter. Der Größenwahn, der drüben im Männergarten mit theatralischen Gesten einherschreitet, scheint hier seltener; dagegen waren die, welche an Sinnestäuschungen leiden, zahlreicher; ferner sah ich hier mehrfach das hüpfende Zurückweichen vor einem unsichtbaren Gegenstand, wie es der große Charakterdarsteller Döring als König Lear mit vieler Naturtreue wiedergab.

Merkwürdig war mir, daß sehr viele von den Angeredeten im Anfang die klarsten Antworten gaben; in der Regel sprachen sie augenscheinlich gern und eine zeitlang auch correct, aber allmählich verdunkelte sich das Vorstellungsvermögen; der Redefluß trübte sich mehr und mehr, und zuletzt verlief er in den Sand der verworrensten Anschauungen. Rührend war auch hier die Ehrfurcht und das Vertrauen der Kranken zu ihrem Heilbringer und obersten Wächter, dem Director der Anstalt, so weit sie ihn erkannten. Klagen, mit denen die Irren sehr freigebig sind, habe ich nirgend vernommen; nur ein Weib in der sogenannten Tobstation warf sich mit gutem Anstand dem freundlichen Manne vor die Füße und bat in herzzermalmenden Tönen um Entfernung ihrer Bettstatt aus der Isolirzelle. Natürlich schwebte mir ein Gefängnißraum mit allerhand eisernen Sicherheitsmaßregeln vor; ich wurde neugierig diese Zelle kennen zu lernen, und als ich sie nun sah, war mein erster Gedanke: Wenn doch jeder Arme sich eines so freundlichen, luftigen und gesunden Schlafraumes erfreuen könnte.

Der ganze Unterschied zwischen einer Isolirzelle und einem gewöhnlichen Schlafzimmer besteht darin, daß die Thürschlösser fehlen, die Wände mit glatten Holztafeln überkleidet und statt eines Ofens Heißwasserrohre in zweidrittel Zimmerhöhe angebracht sind. Das Fenster ist nicht kleiner, als jedes andere; nur hat man es durch Jalousien geschützt; dazwischen herein grüßen Weinranken, sodaß trotz des abgedämpften Lichtes ein Vergleich mit einem Gefängnißraum nicht aufkommen kann.

Wie sich die höheren Stände im Leben weniger natürlich geben, so geben sie sich auch im Irrsinn. Lange, lange Reihen von Wohnungen der ersten und zweiten Classe bin ich durchwandert, ohne auf eine Seelenkranke zu stoßen, die auch der Laie sofort als solche erkennen konnte; nur einige hielten sich die Ohren fest zu. Die Damen stickten, lasen, schrieben oder musicirten; sie erhoben sich zur üblichen Vorstellung, worauf nichtssagende Worte gewechselt wurden, denen das übliche verbindliche Lächeln mit der üblichen Abschiedsverneigung logisch nachfolgte – ganz wie in der Welt draußen auch.

Einen freundlichen, schier anmuthigen Anblick gewährte das große Waschhaus. Jugendliche Wäscherinnen in großer Zahl, Irre aus dem Arbeiterstand, mit schneeweißen Jäckchen angethan, rührten mit Krücken in den dampfenden Kupferkesseln oder standen an den Waschfässern und bewegten den Mund nicht langsamer, als die Hände. Die traditionelle Gesprächigkeit am Waschfaß muß sehr tiefe Wurzel geschlagen haben, da selbst der Irrsinn nichts daran ändern kann. Mit einer wahrhaft einschmeichelnden Beredsamkeit und einer glockenhellen Stimme erzählte hier ein blutjunges, bildhübsches Bauernkind von einer „albernen Stimme“, die ihr immer dazwischen spräche, wenn sie etwas reden wolle, und rührend fragte sie, ob der Herr Geheimrath die „alberne Stimme“ nicht bald verscheuchen könne. Es schien ihr schwer auf dem Hetzen zu liegen, daß sie sich in ihrer Unterhaltungsgabe beeinträchtigt sah. Tragischer war der Irrsinn eines anderen jungen Weibes; sie klagte sich des Kindesmordes an und zwar indirect – sie versicherte in Einem fort, sie habe ihr Kind nicht erkälten wollen, wenn sie es auch in die Kälte hinausgetragen. Der Irrenarzt giebt nichts auf derlei Reden, so bedenklich sie auch erscheinen. –

An dem Tobhaus der Männerabtheilung wollen wir geschlossenen Auges vorübergehen; nur über die Zwangsjacke möchte ich einige Worte sagen, weil ihr schrecklicher Name zu ganz irrigen Vorstellungen geführt hat. Diese Jacke, eine ebenso einfache, wie geniale englische Erfindung, ist aus starken Stoffen gefertigt; sie wird auf dem Rücken geschlossen; ihre Aermel haben etwa die doppelte Länge eines Menschenarmes und laufen in schmale Lederbänder aus, die ebenfalls auf dem Rücken verbunden werden, sodaß der Kranke beide Arme wie ein Verwundeter in der Binde trägt; damit sind seine Wärter vor ihm und er ist vor sich selbst geschützt; sein Anblick ist keineswegs so traurig, wie der eines Gefesselten.

Der Mittag unterbrach unsere Wanderung. Um das seltsame Leben in der Anstalt ganz kennen zu lernen, sollte ich unter Irrsinnigen speisen. Meine geheime, ich möchte sagen unheimliche Neugier sollte enttäuscht werden. Die Frau Director machte die Honneurs; der Herr Director präsidirte, und rings um die Tafel saßen fünf Herren aus den besten Gesellschaftskreisen. Der ganze Proceß vollzog sich nicht anders, als man es an guten Hoteltafeln gewöhnt ist, und das Gespräch war gesund und logisch.

„Herr Geheimrath, ich möchte fast glauben, Sie haben mich hier mystificirt!“ rief ich nach Aufhebung der Tafel verwundert aus, „so scharf und so gerecht urtheilen sonst nur vernünftige Leute, und die sind selbst unter den gesunden nicht sehr dicht gesäet.“

Ich gebe zu, es ist die Elite meiner Anstalt, und doch war ein ernsthaft Kranker darunter,“ war des Directors Antwort. Dieser Herr gehört zu denen, die sich jeden Tag einmal „geistig räuspern“ müssen; er schreit in aller Frühe sein Seelenleid in eine gewisse Röhre hinab, und dann ist er für den Tag erlöst von seiner Krankheit und völlig zurechnungsfähig. War der Anfall des Morgens besonders stark, so trägt der Director kein Bedenken, ihn selbst nach Dresden zum Besuch des Hoftheaters oder eines Symphonieconcertes zu beurlauben. O Menschenseele, was für ein dunkles, unauflichtbares Ding bist du!

In den vierzig Jahren, während welcher Director Dr. Lessing als Herr der Samariterburg da oben residirt, fanden 7813 Seelenkranke Aufnahme; davon mußten 1832 als unheilbar erklärt werden, 1502 verstarben in der Anstalt, 1404 wurden relativ und 2592 völlig geheilt entlassen. Wenn man bedenkt, daß den öffentlichen Anstalten immer nur die schweren Fälle zugewiesen werden, so sind diese Heilresultate relativ immerhin erfreuliche.

Für den Wärter gilt als erstes Gebot: verschaffe dir Zuneigung und Vertrauen. Die Furcht wäre bald wachgerufen im Irren, aber sie gewährt nicht die geringste Garantie. O, es mag für diese wackeren Leute oft unendlich schwer sein, in dem listigen, verschlagenen, anmaßenden, zu Insulten geneigten oder gar auf Mord sinnenden Irren immer nur den Kranken zu sehen, dem die Erkenntniß fehlt. Die herzlichsten Liebesdienste werden wild zurückgestoßen, und der Wohlthäter kommt in den Geruch eines Kerkermeisters; er soll die Quelle aller Leiden sein. Er sitzt gleichfalls hinter Schloß und Riegel; er lebt und schläft unter einer Zahl völlig unberechenbarer Menschen; er steht ruhig inmitten einer irrsinnigen Holzmachercolonie, die mit den gefährlichsten Werkzeugen hantirt – er soll die aufregendsten Handgriffe, wie das Schützen der Tobsüchtigen ohne Wortwechsel, rasch und lautlos vollziehen; man fordert von ihm Scharfblick, Beobachtungsgabe, heitere Gemüthsart, Beharrlichkeit und unendliche Langmuth, ja, man fordert einen Mustermenschen – und das Schöne ist, man findet auf dem Sonnenstein unter den Wärtern wirklich solche Mustermenschen.

Den Dank der Menschheit diesen Männern und Frauen!

Möge sich der Menschenfreund, gegenüber dein eben geschilderten Elend, mit dem Trost begnügen, daß die traurigsten Stätten, die trübseligsten Asyle doch hell und versöhnend von der jungen Sonne moderner Humanität durchleuchtet und durchwärmt werden!

Th. Gampe.