Ein Brief von Fr. Hecker

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Textdaten
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Autor: Friedrich Hecker
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Titel: Ein Brief von Fr. Hecker
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 416
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[416] Ein Brief von Fr. Hecker. Wir können heute unseren Lesern die gewiß Allen willkommene Mittheilung machen, daß Fr. Hecker auf unsere ausdrückliche Bitte hin die Gartenlaube mit einer Reihe von „Bildern und Erinnerungen aus seinem Leben“ erfreuen wird, die schon nächstens beginnen werden. Er schrieb dem Redacteur dieser Blätter schon Ende April:

„Ich habe allerdings hier ein merkwürdiges Leben durchgerungen. Losgeschleudert aus einem glänzenden, behäbigen Leben, hat die Hand, voll Schwielen, den Weg bahnen müssen, da ich zum politischen Aventurier nicht gemacht bin, die von der Aemterjägerei unzertrennliche Selbsterniedrigung verabscheute, die Advocatur meist stark in der Nähe des Galgens arbeitet, und ich für das Wort smartness keinen anderen Ausdruck als Hallunkerei auftreiben konnte. Ich zog eine ärmliche Unabhängigkeit einem glänzenden, oder besser gesagt, gleißenden Leben aus dem öffentlichen oder anderer Leute Seckel vor und schwang lieber die schwere lange Ochsenpeitsche, als daß ich beim König im Frack antichambrirt hätte.

Trotzdem nahm ich am öffentlichen Leben den regsten Theil, wurde mit den meisten politischen Größen persönlich genau bekannt, und verfolgte sie mit ebenso scharfen Augen, als ich dem Roßtäuscher und Viehhändler in’s Gesicht zu schauen hatte, um nicht über’s Ohr gehauen zu werden.

Als ich mich hier niederließ, war Alles weite wilde Prairie; wo jetzt Eisenbahnen sausen und blühende Städte stehen, jagte ich den Hirsch, den Turkey, das Prairiehuhn, oder fing meine Stiere mit der Schlinge, um sie jochbändig zu machen. Heute auf einer stamptour (Fußtour) gegen die Sclavenhalter-Aristokratie, bald darauf in toller Jagd zu Pferde hinter dem Wilde in tiefen Wäldern her, und gehend schlafend auf dem gefrorenen Boden zwischen mächtigen Feuern. Hier in der Hinterwäldlerhütte primitivsten Styls, derb in ungesuchtem Verkehr mit Rowdies und Desperados. Den treusten Freund im Gürtel, den Revolver und das lange Bowie-Messer. Dann drei Jahre Bivouac, nur neunmal ein Dach und Fach über dem Kopf, hungernd fechtend, die Kleider modernd auf dem Leibe, und wieder herrliche, frohe Tage, voll Aufregung und Genuß. Mit welch’ merkwürdigen Menschen bin ich zusammengestoßen! Grant war eine meiner ersten Bekanntschaften, da er das einundzwanzigste und ich das vierundzwanzigste V.-St.-Reg. commandirte. Lincoln hatte mir Anekdoten von einem Hunde erzählt, als ich neue Uniformen für meine zerlumpten, strapazirten, halb und ganz barfüßigen Truppen verlangte; und ein bekannter Bravo hatte so den Narren an mir gefressen, daß er mir seine Liebe nicht besser ausdrücken konnte, als daß er mir sagte: Wenn ich einen Kerl in die Ewigkeit wissen wolle, möge ich’s ihm nur zu wissen thun, in vierundzwanzig Stunden sei er verschwunden.

Kurz, wenn ich auf die letzten zwanzig Jahre zurückblicke, so liegt ein so buntes Bild vor meinen Augen, als ich es sah, da ich an der afrikanischen Küste zum ersten Mal landete und meine Reisegefährten, Mecca-Pilger, von ihren Glaubensgenossen friedlich empfangen wurden und Esel, Kameele, Berberhengste und der ganze Menschencarneval die Solo’s dazu lieferten.

Nun müssen Sie wissen, daß ich, besonders im Sommer, im Felde, Weinberg, Obstgarten etc. thätig sein muß und nur ruck- und zeitweise am Schreibtisch verweilen kann. Auch schreibe ich nur dann, wenn ich so recht mich dazu aufgelegt und angeregt fühle. – Wenn man Erlebtes wiedergeben will, ist es sehr schwer, rein objectiv sich zu verhalten, und so wenig ich es liebe, das liebe Ich wie eine Monstranz im Publicum herumzuschleppen, so ist bei solchen Darstellungen doch nicht ganz zu vermeiden, daß die schreibende Person sichtbar wird.

Wahrscheinlich werde ich diesen Sommer die erste Excursion auf der Pacific-Bahn von St. Louis nach San Francisco mitmachen. Das gäbe sicher einen interessanten Reisebericht. Ein interessantes Charakterbild wäre auch ein Thüringer, der, ein Theilnehmer am Frankfurter Attentat, hierher geflüchtet, sich 1835 als Jäger und Trapper der Pelzhandelsgesellschaft auf drei Jahre engagiren ließ, dann elf Jahre in den Rocky-Mountains als Free-Trapper zubrachte und 1848 nach Belleville zurückkam. Ich lernte ihn 1849 kennen. Aus dem fröhlichen Thüringer war ein schweigsamer Mensch geworden, der viel vom Indianer angenommen hatte. Es gelang mir nach einiger Zeit, ihn mittheilsam zu machen, und ich lauschte seinen Erzählungen mit höchstem Interesse. Sein Name war Schreiber. Er starb in dem Delirium des Nervenfiebers, den Todtengesang singend, den die Blackfeet-Indianer am Marter- und Todespfahl singen.

Mit herzlichem Gruße Ihr Hecker.