Ein Diplomat der alten Schule

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Autor: Rudolf Gottschall
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Titel: Ein Diplomat der alten Schule
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 133–136
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein Diplomat der alten Schule.


In seinem Wirken vom bedeutendsten Einfluß auf die Geschicke Preußens und Deutschlands, in seinem äußeren Auftreten einer der liebenswürdigsten Salondiplomaten, ist Fürst Hardenberg, der als preußischer Staatskanzler zwölf Jahre hindurch sich in so hoher Stellung behauptete, unter allen Vorgängern des jetzigen Reichskanzlers als der bedeutendste zu bezeichnen, obgleich er sich gerade in seinem Wesen am meisten von ihm unterschied; denn er gehörte zu den Diplomaten der alten Schule, denen weltläufige Gewandtheit und die Kunst, mit einer gewissen Grazie über alle Schwierigkeiten hinwegzugleiten, das Ideal ihres Wirkens war, zu den Diplomaten des Salons, während man den Fürsten Bismarck einen Diplomaten des Schlachtfeldes nennen könnte, der selbst mit soldatischer Bravour für seine Theorie von Blut und Eisen eintritt. Auch Hardenberg’s Charakterbild schwankt, von der Parteien Haß und Gunst verwirrt, in der Geschichte. Wie schroff stehen sich die Urtheile der Zeitgenossen über [134] den einflußreichen Staatsmann gegenüber! Berthold Niebuhr nannte ihn den „elendesten Menschen“, einen schwachen Thoren von flachster Unwissenheit, Selbstzufriedenheit und ungeschickter Hand. Bischof Eylert dagegen nennt ihn einen seltenen Mann von klarem Verstande und gewandter Klugheit, einen „geborenen Diplomaten“, schlau, glatt und gewandt, dabei gutmüthig, wohlwollend und treuherzig, frei von den Vorurtheilen der Geburt und des Standes. Ebenso begeistert für ihn ist Ritter Lang, der die Leutseligkeit, Liebenswürdigkeit und Zugänglichkeit Hardenberg’s nicht genug rühmen kann gegenüber dem Benehmen der steifen, schulmeisterischen, hinter einem halben Dutzend Vorzimmern verschlossenen und von Bettelvolk belagerten Minister der deutschen Kleinstaaten.

Zur Klärung des Urtheils über den jedenfalls ebenso bedeutenden wie liebenswürdigen Staatsmann werden die vom Altmeister deutscher Geschichtschreibung, Leopold von Ranke, herausgegebenen Denkwürdigkeiten des Staatskanzlers Fürsten von Hardenberg (vier Bände, Leipzig, Duncker und Humblot 1877) wesentlich beitragen. Der Nachlaß des Fürsten mit seinen Memoiren war bei dem Tode desselben 1822 versiegelt auf fünfzig Jahre in dem Archiv deponirt worden. Nach Verlauf dieser Zeit löste Fürst Bismarck, dem der Archivdirector die Papiere überreichte, das Siegel und gab sie dem ehrwürdigen Historiker, der über ihren Werth entscheiden sollte. In diesem Nachlaß befand sich ein Memoire von Hardenberg’s eigener Hand über die Jahre 1804 bis 1807, die in der Geschichte Preußens eine so unheilvolle Rolle spielen, außerdem eine ausführliche Ausarbeitung über des Staatskanzlers Leben in französischer Sprache, die eine lange Reihe von Bänden füllt und den Zeitraum von 1794 bis 1812 am eingehendsten behandelt. Verfasser derselben war ein Freund Hardenberg’s, Friedrich Schöll. Ranke giebt nun Hardenberg’s eigene Memoiren heraus, ergänzt sie aber, auf Grundlage der Schöll’schen Denkwürdigkeiten, durch einen einleitenden Band und einen Schlußband, der leider auch nur bis zum Jahre 1813 reicht, sodaß die so umfassende Biographie doch nur ein Bruchstück bleibt. Der Sinn, der nach künstlerischem Abschluß und harmonischen Verhältnissen der einzelnen Theile eines Werkes drängt, ist deutscher Geschichtschreibung immer verschlossen; ihre Veröffentlichungen haben meistens einen archivarischen Charakter. Leopold von Ranke giebt uns in seiner gewohnten feinen und geistreichen Weise in den Bänden, wo er selbst das Wort ergreift, ein Bild der politischen Geschichte gegen Ende des achtzehnten und im ersten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts, in welchem er besonders die sich stets verschiebende Gruppirung der Hauptstaaten mit Meisterhand zeichnet. Diejenigen, welche das Biographische, das Anekdotische aus erster Hand erwarten, werden sich freilich enttäuscht fühlen; die Theilnahme Ranke’s ist den allgemeinen Angelegenheiten zugewendet, die er für das eigentlich Lebendige in der Geschichte erklärt. Gleichwohl zeichnet sich auch das mehr persönliche Lebensbild des berühmten Staatsmanns in seinen Hauptumrissen deutlicher als früher ab.

Karl August Freiherr von Hardenberg wurde zu Essenrode am 31. Mai 1750 geboren, aus einem alten Geschlechte, das schon längere Zeit im Dienste des welfischen Hauses stand; seine Mutter war eine geborene von Bülow. Durch einen Hofmeister vorgebildet, bezog Hardenberg schon im Jahre 1766 die Universität Göttingen und begab sich im Jahre 1768 nach Leipzig, wo er Gellert’s Schüler wurde, der von ihm große Erwartungen hegte, doch auch Besorgnisse wegen der Versuchungen, denen er durch sein Temperament ausgesetzt war.

Nachdem er 1770 seine Studien in Göttingen mit dem Examen abgeschlossen, trat er in den hannoverischen Staatsdienst und unternahm nach fehlgeschlagenen Versuchen, in London eine Rathsstelle zu erhalten, 1772 eine Rundreise durch Deutschland, um sich mit den Verhältnissen an den Höfen und im Reiche vertraut zu machen.

Sein Reisetagebuch liegt noch vor; es zeugt für seine scharfe Beobachtungsgabe und giebt ein sprechendes Bild von den damaligen Zuständen des deutschen Reiches. So viele kleine Höfe, so viele verschiedene Physiognomien. Der junge Reisende fällt oft ein sehr entschiedenes Urtheil. Er schildert z. B. den Aufwand des Casseler Landgrafen, die gewaltigen Anlagen am Weißen Stein, ihre Dimensionen, ihre Kosten, nicht ohne Staunen, fügt aber die Bemerkung hinzu: zweckmäßiger würden gute Wege sein, als dieser Prachtbau, der nur dazu diene, den Stolz des Fürsten zu nähren. Der regierende Graf von Neuwied machte auf ihn den Eindruck eines Bürgermeisters aus einer kleinen Stadt; die Gräfin hatte zwei Hofdamen von vornehmer Herkunft und wurde, wenn sie ausfuhr, von sechs Husaren mit gezogenem Säbel escortirt. In Darmstadt fiel ihm das große Exercirhaus auf, welches Landgraf Ludwig hatte bauen lassen; er fand indeß, daß es für den König von Preußen schicklicher wäre, als für den Landgrafen von Darmstadt. „Bei dem Landgrafen gilt nichts als der blaue Rock; er soll ein vortrefflicher Trommelschläger sein. Man hört in Darmstadt nichts als Exerciren, Trommeln, Pfeifen und Werda-Rufen, sowohl Tag als Nacht. Man ißt schlecht bei Hofe, und alles sieht sehr mustricht aus.“

Welch ein Glanz dagegen in Mannheim! Da blühen die Künste, Gemäldegalerien, Musikaufführungen, ein glänzender Hof, die Damen in Juwelen, auf das Reichste gekleidet; der Kurfürst Karl Theodor hat eine Passion für die Frauen; es herrschte ein unanständiger Ton, und man erzählte sich die anstößigsten Geschichten. Desto ökonomischer geht es in Karlsruhe zu; das früher bestehende Serail von Tänzerinnen ist abgeschafft; man speist nur gute Hausmannskost. Die Markgräfin zeichnet und malt gut; sie illustrirt alle Thiere aus Buffon’s Naturgeschichte; sie mußten in natura herbeigeschleppt werden, um sie recht nach dem Leben zu machen. Auch den Herzog Karl Eugen von Württemberg und seine Solitüde schildert Hardenberg; er tadelt ihn, daß er so hart mit seinen Leuten umging. Für alles hat der junge Reisende offenen Sinn, für Ackerbau, Manufactur, für technische und artistische Talente, für neuerschienene Schriften; er schildert das Reichskammergericht in Wetzlar und den Reichstag in Regensburg mit scharfer Beobachtung.

Auf seiner Reise war Hardenberg auch nach Nassau gekommen, dem Stammsitze der Familie von Stein, und Luise, die Schwester des berühmten Diplomaten, machte auf ihn einen tiefen Eindruck; er selbst bekennt, er liebe sie unbeschreiblich, und hat nur Scrupel darüber, daß er kein Engagement habe. Doch es war ihm nicht bestimmt, der Familie des Diplomaten anzugehören, mit dem er später Hand in Hand die innere Umgestaltung Preußens in’s Wert setzen sollte. Nach seiner Rückkehr und nach einem abermaligen Ausfluge, der ihn bis über den Canal führte, gab er den Wünschen seiner Familie nach, welche seine Verlobung mit einer reichen Erbtochter der Gräfin Reventlow in Holstein wünschte. Sie lebte bei einem Stiefvater, Herrn von Thienen; ihre Mutter war in Folge geistiger Störung nicht zugegen. Hardenberg’s Vater begleitete den Sohn auf der Brautreise; alle Arrangements wurden getroffen; nur die Einwilligung der Vormünder in Kopenhagen machte anfangs Schwierigkeiten. Hardenberg schrieb in einem Briefe: „Die Pacta dotalia werden wohl überaus vortheilhaft für mich ausfallen, ohnerachtet wir gar nichts dazu gesagt; mir wird wohl ususfructus an ihrem ganzen Vermögen zugeschrieben werden, und sie wird sich nur 3000 Thlr. jährlich Taschengeld reserviren. Uebrigens bin ich so vergnügt, so zufrieden und so verliebt wie möglich; und was mich am innigsten bei der Sache freut, ist, daß ich sicher bin, daß ich recht sehr und aufrichtig geliebt werde. Meine kleine Braut ist liebenswürdig, gut erzogen; es fehlt ihr gar nicht an Verstande, und was alles dieses noch mehr erhebt, ist eine ungekünstelte Unschuld in ihrem ganzen Betragen, die mich ganz eingenommen hat und die ich nie vorher gekannt hatte.“ Hätte sich die kleine Braut als Frau diese Unschuld bewahrt, wer weiß, ob Hardenberg je der große preußische Staatsmann geworden wäre und ob er sich nicht mit einer untergeordneteren Rolle hätte begnügen müssen. Merkwürdiger Weise war es immer sein Familienunglück, was seine politische Carrière förderte.

Am 8. Juli 1775 fand die Vermählung statt; er war vorher schon Kammerrath geworden; jetzt wurde er zum Geheimen Kammerrath ernannt. Doch sein Ehrgeiz ging darauf, die Ministerstelle in London zu erhalten, schon um die preußische Politik Friedrich’s, zu der er und seine Familie hinneigte, fördern zu können, die von London aus gekreuzt wurde. Seine Reise nach England hatte aber den entgegengesetzten Erfolg; seine Frau, die schon in Hannover durch ihr Benehmen Anstoß erregt hatte, begünstigte den Prinzen von Wales, der in leidenschaftlicher Liebe für sie entbrannt war; die Zeitungen selbst nahmen von diesen Vorgängen Notiz. Hardenberg bat den König um den Posten [135] des Reichstagsgesandten in Regensburg, damit er durch ein öffentliches Gnadenzeichen seine Ehre bei dem Publicum rette, und als der König dies abschlug, verließ der junge Beamte den hannoverschen Dienst. Den glänzenden Aussichten, die sich in Dänemark ihm eröffneten, entsagte er, ja er machte sich von allen eingegangenen Verpflichtungen frei und folgte den Anerbietungen des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig, der ihn zum Großvoigt, Präsidenten der Klosterrathstube und zum Mitgliede des geheimen Rathscolleginms ernannte. Hardenberg riß sich damit von einer Politik los, deren Charakter auf einer Verbindung Englands und Hannovers beruhte, und gesellte sich einem Fürstenhause zu, welches die gemeindeutschen Interessen stets im Auge gehabt und sich von jeher zu Preußen gehalten hatte. In den Verhandlungen wegen des Fürstenbundes war er ein eifriger Vertreter der Anschauungen Friedrich's, soweit es die engen Verhältnisse des verschuldeten Landes zuließen. Wegen einer Schulreform im Sinne Campe's geriet die Regierung in Händel mit den Ständen. Doch diese mißlichen Verhältnisse allein hätten ihm seine Stellung nicht verleidet, wären nicht wieder häusliche Störungen dazu gekommen. Das Benehmen seiner Frau erregte abermals Anstoß; außerdem machte sie einen Aufwand, der sein Vermögen überstieg und ihn in Schulden stürzte.

Sein Haus war auf das Glänzendste eingerichtet; er und seine Gemahlin fuhren in besonderen Wagen mit prächtiger Bedienung aus, Jedem ein Läufer voran. Erregte das Benehmen der Frau wachsenden Anstoß, so war dasjenige des Gatten keineswegs vorwurfsfrei. Die Ehe mußte im Jahre 1787 getrennt werden. Die Gemeinschaft des Vermögens, auf der das Hauswesen beruhte, wurde aufgelöst. Dadurch verlor der an Glanz gewöhnte Minister den beträchtlichsten Theil seines Einkommens, aus welchem die Kosten seines bisherigen Haushaltes bestritten worden waren; auch mußte er die Schulden allein übernehmen. Der Herzog von Braunschweig half aus, doch in spärlicher Weise. In dem folgenden Jahre vermählte sich Hardenberg mit echt diplomatischer Leichtfertigkeit wiederum und zwar mit einer Jugendgeliebten, Sophie von Leuthe, die sich von ihrem Gatten ebenfalls scheiden ließ. Auch sie hatte sich ähnliche Vorwürfe in ihrer ersten Ehe zugezogen wie seine frühere Gemahlin. Seine Leidenschaft wurde mit entgegenkommender Neigung erwidert. Ritter von Lang beschreibt Sophie als eine schöne romantische Dame, die aus Schwärmerei für Hardenberg ihren ersten Mann verlassen habe. Sie wurde indeß bei Hofe nicht nach Wunsch und Anspruch behandelt. Die Herzogin vermied es, sie bei sich zu sehen. Zuweilen mußte Hardenberg bemerken, daß er absichtlich allein geladen worden war, während andre Gäste mit ihren Damen erschienen.

So war durch die neue Ehe seine Stellung in Braunschweig unhaltbar geworden. Vergebens wandte er sich an den Herzog von York und König Georg von England, um wieder in den hannoverschen Staatsdienst eintreten zu können; er erhielt von dem Könige keine Antwort. Bei einem Aufenthalte in Berlin im Jahre 1790 wurde der braunschweigische Minister, der dieser Stellung längst überdrüssig war, dem Markgrafen von Anspach-Bayreuth durch Herzberg empfohlen als der geeignetste Mann, die Umwälzung durchzuführen, welche der Markgraf mit dem verrotteten frühern Systeme und gegen dessen Vertreter in seiner eigenen Regierung begonnen hatte. In der That wurde Hardenberg zunächst brandenburgischer Minister in Anspach, und auf diesem Umwege, nachdem Anspach-Bayreuth definitiv an Preußen gefallen war, preußischer Minister, als welcher er seine weltgeschichtliche Rolle spielen sollte.

Von seinen häuslichen Schicksalen giebt uns Ranke keine Kunde mehr; wir müssen uns an die Memoiren des Ritters von Lang halten. Hardenberg blieb seiner zweiten Frau nicht treu; es entspann sich ein Liebesverhältniß zwischen ihm und einer frühern Schauspielerin, Charlotte Schönemann; sie hatte dem Minister in Frankfurt gegenüber gewohnt, wo er aus den Fenstern seines Hôtels zuerst mit ihr Beziehungen anknüpfte. Frau von Hardenberg vergaß sich aus Rache noch ärger als ihr Gemahl; sie ging von Anspach fort und suchte die Verborgenheit in der Nähe von Leipzig auf. Im Jahre 1801 wurde auch diese zweite Ehe des Ministers aufgelöst. Frau Schönemann war anfangs Freundin und Ehrendame, wurde nach der Schlacht bei Jena Hardenberg’s Gemahlin und später auch Fürstin Hardenberg. Man sieht, daß der große Staatsmann in Sachen der Ehe leider ein sehr weites Gewissen hatte.

Als preußischer Minister trat er jetzt bald in die Mitte der polnischen Ereignisse, in der er mit kurzen Unterbrechungen bis zu seinem Tode bleiben sollte. Die Geschichte seines Lebens ist von jetzt ab auf’s Engste verknüpft mit der Geschichte Preußens. Er folgte dem Könige auf dem französischen Feldzuge, 1792, und verhandelte in Frankfurt mit Lord Malmesbury über die englischen Subsidien, sowie später im Jahre 1794 mit den Vertretern des französischen Wohlfahrtsausschusses; er war es auch, der im Jahre 1795 den übelberufenen Separatfrieden Preußens mit Frankreich zu Basel abschloß.

Bestimmend für seine damalige Politik wurden zwei Gedanken: er war überzeugt, daß zu dem politischen Gleichgewicht von Europa ein mächtiges Frankreich gehöre, und ferner davon, daß ein Verhältniß mit Frankreich dahin führen würde, die Autorität des Königs in Deutschland durch Vermittlung eines Reichsfriedens zu verstärken. Im Jahre 1797 nach Friedrich Wilhelm’s des Dritten Thronbesteigung nach Berlin berufen, betrachtete er sich dort selbst als Provinzialminister, und erst im Jahre 1803, als Napoleon Hannover besetzt hatte, erhielt er das Portefeuille des Aeußern, anfangs als Stellvertreter des Grafen Haugwitz. Ueber diese wichtige Epoche seiner Geschäftsführung giebt er selbst in seinen Memoiren Aufschluß; es war die Epoche des „Durchwindens“ zwischen Frankreich und Rußland. Hardenberg erklärte sich zwar auf das Entschiedenste gegen den jesuitischen Grundsatz der Politik, daß der Zweck die Mittel heilige, und doch war die preußische Politik damals zu Halbheiten und Schleichwegen verurtheilt, welche doch nicht zum Ziele führten, sondern den Untergang der Monarchie zur Folge hatten. Dieser selbst fiel nicht mehr in die Zeit der Hardenberg’schen Geschäftsführung; im Jahre 1806 vor Ausbruch des Krieges hatte er sich auf sein Gut Tempelhof zurückgezogen, von wo er anfangs noch die geheimen Verhandlungen mit Rußland leitete. Die alte Sage, der Erwerb Hannovers durch Preußen sei der Grund seines Rücktrittes gewesen, ist jetzt vollständig widerlegt; Hardenberg stimmte für denselben und hatte als alter Hannoveraner noch ein besonderes Interesse daran.

Das bisherige Wirken Hardenberg’s gehört den Annalen der Diplomatie an; es ist angekränkelt von den Erinnerungen an eine der traurigsten Epochen deutscher Geschichte, wenn er selbst auch von Ranke zu den Staatsmännern gerechnet wird, „in denen das Bewußtsein europäischer Nothwendigkeiten stets lebendig war“. Ruhmreicher und dauernder ist das Angedenken an sein Streben zur innern Wiedergeburt Preußens, in welcher er mit Stein Hand in Hand ging. Wie bedeutend sein Antheil an dem Grundgedanken dieser Reform war, das ist durch seine Denkschrift „Ueber die Reorganisation des preußischen Staats im September 1807“ jetzt offen dargelegt.

Hardenberg geht in dieser Denkschrift nicht ganz soweit wie Freiherr von Stein, indem er z. B. zwar die Aufhebung der Erbunterthänigkeit der Bauern und alle Freiheit für sie zur Erlangung des Eigenthums fordert, aber doch die Aufhebung der Frohnverfassung nicht für nöthig hält. Dagegen proclamirt er nicht nur das Princip der allgemeinen Wehrpflicht, er verlangt sogar, daß die Unterofficiere von den gemeinen Soldaten nach der Mehrheit gewählt würden, ebenso die Officiere ersten Grades von den Unterofficieren. Ueber den Adel, den Fortfall vieler seiner Vorrechte, besonders des Rechts zum ausschließlichen Erwerb der Rittergüter, spricht er sich in durchaus liberalem Sinne aus. Alle innere „Polster der Faulheit“ im Verwaltungswesen sollen fortfallen und dasselbe, besonders auch das Finanzwesen, auf neuen Grundlagen geordnet werden. Zwölf Jahre hindurch, von 1810 bis 1822, hatte Hardenberg als Premierminister und Staatskanzler volle Muße, diese inneren Ordnungen in Preußen durchzuführen, und er hat in der That dem preußischen Beamtenthum jene Grundlage gegeben, auf der es seine jetzt allgemein anerkannten Vorzüge entwickeln konnte.

Jene Denkschrift hatte er in Gemeinschaft mit Altenstein und Niebuhr ausgearbeitet, die er ebenso wie Schön und Stägemann dem König als ausgezeichnete Beamte empfahl, doch für die preußische Reform-Aera wird man mehr als früher und in gleicher Linie mit dem Namen Stein’s denjenigen Hardenberg’s nennen müssen. Auch bei der Verordnung vom 22. Mai 1815, welche [136] eine allgemeine Staatsverfassung im Zusammenhang mit den bereits vorhandenen oder zu bildenden ständischen Einrichtungen der verschiedenen Landschaften für Preußen verheißt, wirkten Hardenberg und Stein zusammen.

Ranke schließt seine Schrift mit einer interessanten Parallele zwischen den beiden Staatsmännern. In Stein lebte der Impuls ursprünglicher Gedanken und Gefühle, in Hardenberg mehr Empfänglichkeit für die allgemeinen Tendenzen, welche die Welt beherrschten. Stein war ein gläubiger Orthodoxer; Hardenberg’s Religiosität hatte mehr einen philosophischen Anstrich; er war ein Mann der allgemeinen Bildung. Stein dachte die Kirche aufrechtzuhalten; Hardenberg verwandte sich für die Universität; Stein hatte mehr aristokratische, Hardenberg mehr demokratische Sympathien, doch hätte keiner darüber das Recht des Ganzen oder den Willen des Königs aus den Augen gesetzt. Die kräftigsten Anregungen zu einer populären Erhebung gegen Napoleon rühren von Stein her – Hardenberg war ihnen nicht entgegen, aber er suchte sie zu mäßigen. Hauptsächlich von Stein ist die Allianz zwischen Rußland und Preußen zum Zwecke einer unmittelbaren Waffenerhebung angebahnt und durchgesetzt worden. Daraus entsprang der Entschluß, der französischen Herrschaft von Grund aus ein Ende zu machen und Napoleon zu stürzen. Eine großartigere Wirksamkeit läßt sich kaum denken. Aber ohne Hardenberg wäre sie doch nicht zum Ziele gelangt. Die ganze Geschicklichkeit eines geübten Diplomaten gehörte dazu, um dem preußischen Staate für seine Wiedererhebung Raum zu verschaffen und dabei doch die Feindseligkeit des übermächtigen Gegners nicht vorzeitig zu erwecken. Wenn in den Augen der Nachwelt Stein als der Größere erscheint, so rührt das daher, daß er sich weniger auf den gewohnten Bahnen bewegte und einen moralischen Schwung besaß, welcher Ehrfurcht erweckte; es war etwas an ihm, das einen großen Mann charakterisirt. Von Hardenberg läßt sich das nicht sagen, aber er hatte den Schwung des politischen Gedankens und alle die unbeugsame Zähigkeit und Unverdrossenheit, die dazu gehört, ihn zu verwirklichen. Von Allem, was ihm gelang, möchte das Vornehmste sein, daß er die Idee einer Coalition gegen die Obermacht Napoleon’s, mit der er sich von jeher getragen hatte, in dem rechten Momente wieder aufnahm und durchzuführen wußte. Davon aber hing die Wiederherstellung Preußens ab. Um Preußen, als Staat betrachtet, hat Hardenberg sich ein nicht hoch genug anzuschlagendes Verdienst erworben. Nach dem großen Kampfe ließ er sein ganzes Bestreben sein, die Einheit des gleichsam umgeschaffenen Staates fest zu begründen. Mit aller Energie zeichnete er ihm auch die Bahnen der Zukunft vor, durch jene Verordnungen, welche die Vermehrung der Staatsschulden an die Einwilligung der Reichsstände knüpfte.

„Tiefer als Hardenberg,“ sagt der Altmeister unserer Geschichtsschreibung am Schluß, „hatte noch niemals ein Staatsmann seinen Namen in die ehernen Tafeln der preußischen Geschichte eingegraben.“

Rudolf Gottschall.