Ein Fürst unter den Musikern der Gegenwart

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Titel: Ein Fürst unter den Musikern der Gegenwart
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 472
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[472] Ein Fürst unter den Musikern der Gegenwart, erregt Franz Liszt im hohen Greisenalter dieselbe Bewunderung, erweckt die gleiche Verehrung und Anhänglichkeit, wie er schon in jungen Jahren allgemeinster Sympathien sich erfreute. An diesem außergewöhnlichen Manne erscheint Vieles seltsam und wunderbar, und nicht am wenigsten ist es sein reichbewegtes Leben, was vor tausenden und aber tausenden Sterblicher ihn ganz und gar auszeichnet.

Aber wer für den „König der Pianisten“, für den muthigen und phantasiereichen Schöpfer der „symphonischen Dichtungen“, für den Componisten der großartigen Oratorien „heilige Elisabeth“, „Christus“ und so mancher Kirchemnusikwerke Interesse fühlt, sollte der nicht mit Spannung die Einzelheiten seiner persönlichen Entwickelung verfolgen wollen und nicht mit innerer Antheilnahme beachten, wie eine hohe und edle Künstlernatur aus kleinen Verhältnissen sich emporarbeitet und siegreich sich durchkämpft durch die Brandungen des Lebens, die so oft sie umschlangen und sie hinabzureißen drohten? Was Liszt als reproducirender Musiker und als Virtuose geleistet hat, davon sprach und sagte die staunende Welt, wie von den Thaten eines Orpheus; seine bedeutungsvollen Compositionen aber erringen sich, wenn auch nicht ohne Kämpfe, immer mehr Anerkennung und werden noch in späten Zeiten tönendes Zeugniß geben von seiner geistreichen und eigenthümlichen exceptionellen Schaffenskraft.

Fast wie ein Roman, nur daß Nichts auf Erfindung, sondern Alles auf wohl untersuchten Thatsachen beruht, liest sich der erste Band von L. Ramann’s Schrift „Franz Liszt. Als Künstler und Mensch“. (Breitkopf und Härtel, 1880.) Wer diese Biographie einmal zu studiren angefangen hat, wird sie nicht aus den Händen legen, bis er sie zum Schluß gelesen. Aus diesem ersten Bande schon kann der Leser ersehen, was jetzt noch von dem greisen Meister gilt, daß er als Mensch jenen bereits in der Jugend besonders angezogenen Ausspruch des Thomas a Kempis zur Signatur seines Lebens machte:

„Niemand kann zum Frieden gelangen als der, welcher sich selbst entäußert und nicht sich, sondern Anderen lebt[WS 1].“

Die Idee des Mittlerdienstes des Künstlers zwischen dem Göttlichen und der Welt kam ihm früh zum Bewußtsein, ward ihm ein bleibendes Gesetz. „Er war ein Priester der Kunst sein Leben hindurch. Nie hat ein Eigennutz seine Seele befleckt; nie geschah es, daß er seine künstlerischen Dienste einer edlen Sache, seine künstlerische Hülfe Ändern entzogen hätte!“

L. Ramann verfügt über einen gewandten und blühenden Stil und hat den inhalt- und farbenreichen Stoff mit aller Hingabe und Sorgfalt behandelt, sodaß die Lectüre seines obenerwähnten Werkes ebenso viel Genuß wie Belehrung und Erhebung gewährt.

Wir wollen nur bemerken, daß die S. 432, Anmerkung 2, gebrachte Notiz, Liszt sei Präsident des allgemeinen deutschen Musikvereins,[1] auf einem Irrthum beruht. Niemals ist Liszt Präsident des Vereins gewesen. Diese Correctur mag nebensächlich erscheinen, aber der Verfasser, mit Recht (S. 27) auf das „biographische Gewissen“ sich berufend, wird dafür nur dankbar sein.





  1. Geraume Zeit nach Erscheinen dieses Ramann’schen Bandes hat der „Allgemeine deutsche Musikverein“ Liszt zu seinem „Ehrenpräsidenten“ ernannt, in Anerkennung der vielfachen und großen Verdienste, welche Liszt um dieses Institut sich erworben hat, als dessen „Seele“ man ihn füglich bezeichnen könnte. Der kaiserlich deutsche Botschafter in Rom, Baron von Kendell, war es, der im October 1881 Liszt das Diplom überreichte.

Anmerkungen Wikisource[Bearbeiten]

  1. Vorlage: Andere lobt. Wurde in Berichtigung berichtigt.