Ein Herrenhaus der Wissenschaft im hohen Jura

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Autor: Stephan Born
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Titel: Ein Herrenhaus der Wissenschaft im hohen Jura
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 761–763
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Zu Gast bei Eduard Desor
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Ein Herrenhaus der Wissenschaft im hohen Jura.
Von Stephan Born.


Weit über die Grenzen des Cantons Neuchatel und der Schweiz hinaus ist in den letzten Jahren der Name eines Landgutes bekannt geworden, welches weniger durch prunkvolle Anlagen als durch den Reiz seiner Zurückgezogenheit, vor Allem aber durch die edle Gastfreundschaft seines in der wissenschaftlichen Welt rühmlich bekannten Eigenthümers allsommerlich eine größere Anzahl hervorragender Persönlichkeiten zu längerem Aufenthalte versammelt.

Seiner Abstammung nach ein Franzose, denn er ist in der Hugenottencolonie zu Friedrichsdorf bei Frankfurt geboren, seiner Erziehung nach ein Deutscher, doch durch langjährigen Aufenthalt auf republikanischem Boden von Herzen ein Schweizer, hat Professor Eduard Desor, der Eigenthümer von Combe-Varin – so heißt jenes Landgut – die Wurzeln seiner Existenz in drei verschiedenen Ländern befestigt, während er durch seine weiten Reisen nach nordischen Regionen wie nach dem Wüstensand Afrikas und durch seine mehrjährige Thätigkeit auf dem amerikanischen Continent mit seinen Zweigen weit hinüberragt über die begrenzte Lebenssphäre eines Stubengelehrten und überall einen reichen Kranz von blühenden Freunden und wissenschaftlichen Genossen sein eigen nennt. Was Wunder, daß sich von Zeit zu Zeit auf Combe-Varin die bedeutenderen Männer verschiedenster Nationalität zusammenfinden, um sich hier als alte Bekannte die Hände zu drücken; denn die Wissenschaft hat seit lange schon die morschen Tempelwände ihrer ersten Heimath niedergerissen, von Tag zu Tage vermehrt sie ihre friedlichen Annexionen, und was sie dem Reiche der Unwissenheit und des Vorurtheils abgerungen, das hat sie der Menschheit gewonnen.

Den bequemsten Weg von Neuchatel nach Combe-Varin bietet die interessante Eisenbahn Franco-Suisse, welche in zahlreichen Tunnels den Jura durchschneidet, um bei Pontarlier die französische Grenze zu erreichen. Bei der Station Noiraigue entsteigen wir dem Waggon und wandern in einer kleinen Stunde nach dem Pontsthal, in welchem Desor’s Landhaus steht.

Ganz eigenthümlich ist der Reiz, welchen dieses Hochthal, dessen Haupterwerbszweig Uhrenindustrie und Viehzucht bilden, auf den Besucher ausübt. So wie er die hohe Gebirgskette überschritten, von deren kahlen Kuppen er noch einen Abschiedsblick auf den heitern See und die weißen Firnen der Alpen geworfen, tritt er hinab in eine von waldigen Anhöhen eingeschlossene grüne Mulde, an deren Rändern weißschimmernd ihn die sonnenbeschienenen Dörfer und Weiler als der Aufenthalt stiller, glücklicher Menschen begrüßen. Es weht ihn an wie festliche Sonntagsruhe nach wogendem Alltagstreiben, und wer sich müde gekämpft daheim in den Mühen des Lebens, dem sind urplötzlich die Sorgen weggewischt von der glühenden Stirn, das Herz fühlt sich selig beruhigt, es fühlt sich berührt von dem milden Hauche des Friedens.

Unendlich wohl namentlich thut die ungeheure Wiesenfläche des Thales, die nur hier und da durch einzelne Häuser und Bäume unterbrochen wird und mit den zahlreichen läutenden Viehheerden uns an ein patriarchalisches Leben der Thalbewohner gemahnen möchte, wenn nicht die Fenster an den rothbedachten Häusern, welche sich an den Berglehnen zu größeren Dörfern zusammendrängen, uns an moderne Cultur und einen Gewerbfleiß erinnerten, der aus diesem stillen Thale alljährlich Tausende und Tausende von Taschenuhren über alle Welt versendet. Die Abwesenheit eines rauschenden Baches wie überhaupt jedes nennenswerthen Wassers trägt wesentlich zu dem besondern Charakter der Landschaft bei und erhöht den Eindruck der in sich abgeschlossenen Ruhe, mit welchem sie uns so wunderbar überrascht. Ja, diese Welt für sich birgt zwischen ihren umgipfelten Wänden [762] ihre eigenen Zauber und Geheimnisse; jenen frohmüthig sich hinzugeben, diesen mit offenen Sinnen fragend und forschend nachzugehen, darin liegt der unendliche Reiz eines Sommeraufenthalts in Combe-Varin, dessen freundlicher und geehrter Wirth, wenn uns der Räthsel zu viele entgegentreten, es gern übernimmt, uns der unerwarteten Auflösung nahe zu führen.

Ehemals ein Jagdhaus adeliger Familien, verräth das Hauptgebäude dieses Landsitzes noch heute seinen ursprünglichen Zweck in den zahlreichen alten Kupferstichen, welche die Wände des Hausflurs schmücken und sich sämmtlich auf das edle Waidwerk beziehen. Anspruchslos und nach der Landessitte nur durch seine Thurmknöpfe auf dem Dache als ein Herrenhaus bezeichnet, erscheint das Gebäude auf den ersten Blick als zu kurzem Landaufenthalt bestimmt, und deshalb hat sein jetziger Eigenthümer ihm diesen bescheidenen Charakter gelassen und auch den von ihm herrührenden Anbau ohne jeglichen Luxus aufgerichtet. Wer unter diesem einfachen Dache einkehrt, soll jeden Anspruch auf conventionellen Glanz von sich werfen. Behagliche Ruhe, ein anregendes Gespräch in gleichgestimmter, heiterer Gesellschaft, ein vortreffliches Mahl, ein gesunder Spaziergang in Wald und Wiese – wer von einem Sommeraufenthalt auf dem Lande etwas Anderes verlangt, der scheint uns der rechten Lebensweisheit noch zu entbehren.

Combe-Varin hat unter seinem jetzigen Besitzer viele edle Häupter beherbergt, echte Ritter vom Geiste, und wer die Namen liest, welche zur Erinnerung an die Gäste die Bäume zieren, die uns in langer Reihe nach dem Wohnhause hin geleiten, der kann sich einer freudigen und stolzen Erregung nicht erwehren, von so auserlesener Gesellschaft, die sich gleichsam in Spalier hier aufgestellt, begrüßt zu werden. Da winken uns von den markigen Stämmen, den Säulen einer lebendigen Ehrenhalle, Namen von bestem Klange entgegen: die deutschen Gelehrten Liebig, Virchow, Vogt, Eisenlohr, Schönbein, Dove, Wöhler, Moleschott; die Schweizer Studer und Escher von der Linth; die Franzosen Martins und Lehon; die Italiener Godzadini, Capellini und der liebenswürdige Abbate Stoppani; die Amerikaner Lessly und Lyman; der Engländer Ramsey, und viele andere von gleich guter Währung.

Hier und da mahnt uns ein Kreuz bei dem Namen des Gastes, daß dieser den letzten Tribut der Natur gezollt, welcher er sein Leben lang ein treuer Knecht gewesen. Da steht ein solches unter dem Namen Greßly’s, des wunderlichsten und krausbärtigsten aller Originale; dort ein Kreuz auf einer mächtigen, greisen Tanne, die an einsamer Stelle ihre breiten Aeste tief niederbeugt zur schattigen Erde, über dem Kreuz der Name Theodor Parker, des großen nordamerikanischen Reformators.

Unter diesem so eigen gestalteten, ernsten, einsam wurzelnden Baume hat er so oft geruht, der fremde, selbst so eigenartige Denker, und über der Menschheit weiten und oft so zerklüfteten Bildungsweg gesonnen. Sehnsüchtig blickte er wohl oft genug der Sonne nach, wenn sie im Western hinter den Bergen verschwand um drüben, jenseits des Oceans, seine ferne Heimath mit dem glühenden Morgenroth zu begrüßen. Und mit den goldenen Strahlen schweiften die Gedanken hinüber, die beredten Wanderer, und brachten einen warmen Morgengruß dem Vaterlande, den geliebten, verständnißvollen Freunden. Ob er es wohl ahnte, daß er sie nicht mehr wiedersehen sollte?

Er war ein seltener, vollgemünzter Geist, ein ganzer Mann aus dem Stoffe gebildet, wie ihn patriarchalische Zeiten einst zu Propheten gebraucht: klar, sittenrein, unbeugsam und doch ganz Aufopferung, ganz Liebe; furchtlos gegen jeden Widersacher, die Beredsamkeit seine einzige, aber unwiderstehliche Waffe, mit welcher er die Gegner verstummen machte, die Freunde fesselte; gehorsam den Gesetzen der Republik, unerschrocken gegenüber dem Gesetzgeber, unermüdlich im Kampfe für die Freiheit in des Wortes humanster und vollster Bedeutung, so war Theodor Parker.

Im Rücken des Hauptgebäudes und des daran sich schließenden Pachthofes erhebt sich ein prächtiger Wald, der allgemeine Zufluchtsort in heißen Sommertagen. Hier traf ich einmal bei einem meiner Besuche auf Combe-Varin Karl Vogt mit Pinsel und Palette gegenüber einem riesenhaften Wurzelstock, den er sich zu seinen Malerstudien ausersehen. Karl Mayer von Eßlingen lag neben ihm auf dem weichen Moose und erzählte seine tragischen Erlebnisse als Redacteur des Stuttgarter „Beobachters“ mit so heiterer Laune, daß es weithin durch den Forst von schallendem Gelächter widertönte. Da hörte ich auch eine Geschichte, welche einem anderen Gaste von Combe-Varin, dem berühmten Erfinder der Schießbaumwolle und Entdecker des Ozons, dem Professor Schönbein, begegnet war.

Er hatte mit Desor und mehreren anderen Freunden einen Ausflug an den Doubs gemacht, dessen malerisches Felsenbett anderthalb Stunden oberhalb des bekannten Uhrenortes Le Locle die Schweiz von Frankreich trennt. Schönbein hatte sich an das jenseitige Ufer begeben und sich daselbst in ein Gespräch mit einem Menschen eingelassen, den er auf dem Felde beschäftigt sah. Es war zur Zeit, als Savoyen eben dem französischen Kaiserreich einverleibt worden, und die Unterhaltung richtete sich sofort auf diese brennende Tagesfrage. Der Fremde sagte mit dem selbstbewußten Tone eines Mannes, welcher der grande nation angehört, und auf das schweizerische Ufer hindeutend: „Vous serez bientôt annexés comme les autres“ (Sie werden bald annectirt werden wie die Andern.) Darüber gerieth nun Schönbein in einen heiligen Zorn, denn der Basler Professor war wenige Jahre vorher Schweizerbürger geworden und schwärmte für sein neues Vaterland. Seine Entrüstung gegen den hochmüthigen, annexionslustigen Franzosen giebt sich denn auch in heftigen Worten kund; sein Gegner erhitzt sich gleichermaßen, der Streit wird lauter und lauter und zieht endlich die Freunde herbei, in erster Reihe Desor. Zwei Worte aus dem Munde des Unbekannten verrathen seinem französischen Ohr, daß er es hier mit keinem echten Gallier zu thun habe. „Wo sind Sie denn eigentlich zu Hause, mein lieber Freund?“ redet er ihn auf gut Deutsch an.

„Aus Mitzingen!“ klingt die Antwort ein wenig kleinlaut.

„So geben Sie nur Ihrem Widersacher die Hand, er ist ja auch dort zu Hause!“

Zwei Schwaben, die sich als Franzose und Schweizer gegenseitig annectiren wollen – ist das nicht auch ein Bild deutscher Gemüthlichkeit?

Wenn man den Wald von Combe-Varin mit seinen herrlichen Riesentannen aufwärts steigt, deren Stämme die Segel des stolzesten Dreimasters tragen könnten, gelangt man an einen Aussichtspunkt, der uns stundenlang durch seine wunderbare Schönheit zu fesseln vermag. Wir stehen am Rande eines furchtbaren Abgrundes, dessen steile und zerrissene Wandung sich wohl eine halbe Stunde weit von Osten nach Westen hinzieht. Auf einem der Felsenvorsprünge erhebt sich ein einfacher Pavillon, unter dessen Dach die Besucher sich oft des Abends zusammenfinden. Von hier aus schweifen ihre Blicke mit Vorliebe gen Westen hinüber nach dem oberen Val de Travers. Schimmernde Streifen, die da und dort aus dem grünen Gelände hervorleuchten, verrathen uns den Lauf der Areuse, an deren Ufern, da das Thal bedeutend tiefer liegt, als das von Ponts, sich fruchtbare Aecker hinziehen. Schmucke Städtchen weisen uns ihre rothen Ziegeldächer und schlanken Kirchthürme. Diese zahlreichen Ortschaften waren im vorigen Jahrhundert armselige Dörfer, jetzt zählen sie große Geschäftshäuser, die mit reichen Comptoirs in Hongkong in Kanton und Schanghai glänzen und für den bezopften Mongolen die Uhren paarweise liefern, denn der schlaue Chinese kauft sich für seine zwei Westentaschen ein Paar Uhren, die sich gegenseitig controlliren müssen. In diesem Thale ist auch das Centrum der Absynth-Fabrikation, jenes besonders in Frankreich und im südlichen Europa viel verbreiteten Liqueurs, der im Uebermaß getrunken, Gehirnerweichung und andere liebliche Krankheiten herbeiführt.

Aber auch Namen von bedeutenden Männern knüpfen sich an dieses wundervolle Thal. Dort drüben in Motiers erblickte Vattel, der berühmte Verfasser der Lehre vom Völkerrecht, das Licht der Welt; hier unten im Schlosse zu Travers – fast das einzige Gebäude, welches dem letztjährigen Brande entgangen – schrieb Jean Jacques Rousseau seine „Briefe aus dem Gebirge“, eines seiner schärfsten Manifeste gegen die Finsterlinge der dogmatischen Theologie.

An den Pavillon, von welchem aus wir so eben Rundschau gehalten, knüpft sich leider auch eine tragische Erinnerung. Zahlreiche Gäste hatten sich im Sommer 1859 in Combe-Varin versammelt, mehrere derselben waren von ihren Frauen begleitet und diese gestalteten den Aufenthalt unter dem gastlichen Dache [763] zu wahrhaft ländlichen Festen. Die Einweihung jenes Pavillons auf der weithin schauenden Felsenhöhe brachte anmuthige Geschäftigkeit in die kleine Damenwelt. Frau Reinwald, die verdienstvolle Vorsteherin des deutschen Hülfsvereins in Paris, und Frau Moleschott, des berühmten Physiologen anmuthige Gattin, hatten Kränze gewunden und damit den neuen Pavillon geschmückt, in welchem zum ersten Male die fröhliche Gesellschaft sich zusammenfand. Unter den Gästen befand sich diesmal auch ein Freund Desor’s, Hans Lorenz Küchler, der unerschrockene Vertheidiger Trützschler’s, Mögling’s und vieler anderen am badischen Aufstande Betheiligten vor dem Kriegsgerichte in Mannheim. Küchler, der sich in Heidelberg der deutsch-katholischen Bewegung angeschlossen hatte, war in Combe-Varin mit dem amerikanischen Reformator Theodor Parker zusammengetroffen und hatte sich ihm als einem gleichgestimmten Geiste auf das Innigste befreundet. Es sollte ein Bund für das Leben sein – in Wirklichkeit für eine Spanne Zeit. Auch er nahm Theil an der Einweihung jenes Pavillons. „Küchler“ – erzählt sein Biograph Venedey im ‚Album von Combe-Varin‘ – „war an jenem Tage so freudig erregt, so lebendig, geistreich und froh, wie er es nur selten gewesen sein mag. Die ganze Gesellschaft stachelte er mit seinem spielenden Humor oft zur heitersten Stimmung hinauf. Ihm fehlte nur Eines, um ganz glücklich zu sein, die Gegenwart der Seinigen. Er brach seinen Besuch mit der Absicht ab, heimzukehren und seine Frau an seiner Statt nach Combe-Varin zu schicken, damit auch sie des Glückes theilhaftig werde, das er so voll genossen.

Er eilte hinunter nach Noiraigue, um den nächsten Bahnzug zu benutzen; er eilte dem Tode entgegen. In Neuchatel nahm er das Dampfschiff. Im Augenblick, als er bei Nidau das Land wieder betrat, sank er plötzlich zusammen, vom Schlage getroffen, und die Kränze, welche Frauenhände zu einem Feste gewunden, schmückten sein frisches Grab.

Auch Parker sollte den nächsten Frühling nicht überleben. Nachdem er scheinbar gekräftigt im Herbst 1859 Combe-Varin verlassen hatte, um den Winter in Rom zuzubringen, erlosch sein kampfbewegtes Leben in Florenz, nachdem er noch seinen Freund Desor zu sich gerufen, in dessen Armen er seinen letzten Odem aushauchte. Als er den Tod herannahen fühlte, bat er seine Freunde, ihn aus den päpstlichen Staaten zu führen; nicht auf dem Boden des priesterlichen Despotismus wollte der begeisterte Kämpfer für die Freiheit des Glaubens, der Vertheidiger und Beschützer der Unterdrückten und Sclaven, die Augen schließen. Sein Wunsch ward ihm erfüllt.

Wir haben den Tribut der Erinnerung den Todten gebracht. Kehren wir nun zu den Lebenden zurück! Aus den Namen der Gäste, die wir bisher genannt, läßt sich auf den Reichthum der Unterhaltung schließen, welche die Gesellschaft in steter Anregung erhält. Von mancher berühmten wissenschaftlichen Abhandlung wurde hier an der Abendtafel Kenntniß genommen, ehe sie in die Hände des Buchdruckers wanderte. In einem schmucklosen Zimmer dieses ehemaligen Jagdhauses las Justus Liebig die Correcturen seiner „Geschichte des Feldbaues“. Hier wurden in Dove’s Gegenwart die ersten Scharmützel über die Eiszeit und den Ursprung des Föhns geschlagen; Scharmützel, die in neuester Zeit den großen Berliner Meteorologen zu hitzigen Gefechten hingerissen haben.

An einem solchen Abendtisch zu Combe-Varin ließ sich die liebenswürdige Gemahlin des trichinenkundigen Virchow von einem verführerischen Stück rohen Schinkens in ihren hygienischen Grundsätzen erschüttern. „Du wirst doch nicht!“ sagte der erschrockene Gemahl beim Anblick der gefährlichen Schüssel. „Freilich werde ich!“ antwortete lachend die Frau Professor, und sie hatte die Genugthuung, nach einigen Tagen ihren besorgten Eheherrn zu gleichem Wagestück verführt zu sehen.

Es bedarf wohl kaum der Versicherung, daß in einem Hause, welches so hervorragende Chemiker und Physiologen beherbergt, auch die Chemie der Küche und die Physiologie des Geschmacks auf das Glänzendste vertreten sind, und die größten unter den großen Naturforschern, die sich hier zusammengefunden, haben es nicht verschmäht, Marien, der Haushälterin des hagestolzen Wirthes, ein Blatt in ihren reichen Lorbeerkranz zu flechten.

Die öffentliche Stellung, welche Desor im Canton Neuchatel einnimmt, führt natürlich nicht selten auch andere Gäste als Männer der Wissenschaft nach Combe-Varin, und mancher Sonntag hat die Gesetzgeber oder Regenten des kleinen Landes zu fröhlichem Ideenaustausch hier vereinigt gesehen. An den Nachmittagskaffee schließt sich ein allgemeines Bocciaspiel an, wobei einige ernste Herren es an Sicherheit des Wurfs mit dem schwarzäugigsten Italiener aufnehmen können. Auch der altgallische Schleuderspeer der in Folge der antiquarischen Studien des Kaisers Napoleon zu seinem „Leben Cäsar’s“ wieder reconstruirt worden, dient hier zu allgemeinen Uebungen. Diese Waffe wird vermittelst einer Schlinge von kräftigen und geschickten Armen auf eine Entfernung von sechszig Schritt und darüber geworfen. Wir hatten Gelegenheit, auf Combe-Varin der Uebung eines Turnvereins beizuwohnen, wobei der Held des Tages, ein junger Uhrenmacher, seinen Speer sogar mehrmals auf achtzig Schritt in das hölzerne Scheibenbild fest eintrieb. Sollte sich dies Spiel nicht auch auf deutschen Turnplätzen das Bürgerrecht erwerben können?

Nicht minder angenehme Abwechselung als der ebenerwähnte Besuch von Turnvereinen und ähnlichen Gesellschaften bieten den wissenschaftlichen Stammgästen von Combe-Varin die Besuche, welche die höheren und Mittelschulen von Neuchatel dem Präsidenten des Erziehungsraths von Zeit zu Zeit auf seinem Landgute abstatten. Gesang und fröhliche Spiele beleben den Wald und die endlosen Matten, von den benachbarten Ortschaften und Weilern ziehen geputzte Menschen herbei, um theilzunehmen an dem Jubel der Jugend. Das ist ein festlicher Tag für den weiten Umkreis der ganzen Besitzung, und die schönste der Tugenden, die Gastfreundschaft, spendet dann, wie einst in sagenhafter Vorzeit, ihre ungemessenen Schätze und verbreitet ihren Segen über ganze Geschlechter.

Solcher Tage wünschen wir noch recht viele dem Herrn von Combe-Varin und seinen Gästen.