Ein Opfer deutscher Fürstenwillkür

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Autor: Max Ring
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Titel: Ein Opfer deutscher Fürstenwillkür
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 117–119
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Christian Friedrich Daniel Schubart
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Ein Opfer deutscher Fürstenwillkür.


Die Gartenlaube (1866) b 117.jpg

Schiller besucht Schubart im Kerker.


Auf dem hohen Asperg, der alten Würtemberger Zwingfeste, saß ein Gefangener in seiner dunkeln Zelle, durch deren vergitterte Fenster kaum eine Handbreit des blauen Himmels drang. Seine Physiognomie kündigte eine sanguinische Künstlernatur an; er war ein angehender Dreißiger, kräftig und untersetzt, mit geistvollen Zügen, hoher Stirn, glänzenden Augen und vollen, sinnlichen Lippen, wie geschaffen, um den Becher der Lust bis zum Grunde zu leeren, ein Trinklied im Kreise froher Zecher zu singen oder unter blühenden Rosen ein schönes Mädchen zu küssen. Hinter ihm lag ein vielbewegtes Leben, reich an Abenteuern, an stürmischer Begeisterung [118] und wilder Verzweiflung, an hohen Gedanken und niedrigen Verirrungen, an inneren Krämpfen und Ringen zwischen dem guten Genius und dem bösen Dämon in der eigenen Brust.

Jetzt lag er hier, in dem rauchgeschwärzten Kerker, auf halb verfaultem Stroh in tiefster Einsamkeit, fern von dem tröstenden Anblick und der Gesellschaft der ihm unentbehrlichen Menschen, gefoltert von Langweile, Hunger, Frost, Körperleiden und Seelenangst. Schlaflos wälzte er sich auf dem traurigen Lager und dachte an das arme, sanfte Weib, das er so schwer betrübt, an seine Kinder, die er so innig geliebt, und Thränen der bittersten Reue flossen über seine blassen, von der Kerkerluft gebleichten Wangen.

„Gefangener Mann, ein armer Mann!“ seufzte er tief.

Der Seufzer aber wurde zum Lied, das er mit dem spitzen Dorn seiner Schuhschnalle in die schwarze Wand seines Kerkers kratzte.

„Gefangener Mann, ein armer Mann!
Durch’s schwarze Eisengitter
Starr’ ich den fernen Himmel an
Und wein’ und seufze bitter,
– – – – – – – – –
– – – – – – – – –
Mich drängt der hohen Freiheit Ruf;
Ich fühl’s, daß Gott nur Sclaven
Und Teufel für die Kette schuf,
Um sie damit zu strafen.“

So sang der unglückliche Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart in seinem Gefängnisse auf dem Asperg, wo ihn die Willkür des Tyrannen ohne Schuld und Urtheil festhielt.

Er war am 26. März 1739 zu Obersontheim in dem liederreichen Schwaben geboren und in Aalen erzogen, wo sein strenger Vater, das Amt eines Schullehrers und Musikdirectors bekleidete. Bis zu seinem siebenten Jahre galt er für dumm und beschränkt, aber plötzlich war sein Geist erwacht. Auf einmal zeigte der Knabe ein bedeutendes Talent, besonders für Musik, und machte die überraschendsten Fortschritte. Nachdem er die gelehrten Schulen zu Nördlingen und Nürnberg besucht, sollte er auf die Universität nach Jena gehen, aber die Stürme des eben begonnenen siebenjährigen Krieges hinderten ihn am Weiterreisen, so. daß er vorläufig in Erlangen blieb. Hier führte er ein lustiges und wildes Studentenleben; statt der Hörsäle besuchte er die Kneipe und den Fechtsaal, und wo es am tollsten herging, war gewiß der eben so gutmüthige wie leichtsinnige Schubart zu finden. Die gewöhnlichen Folgen blieben nicht aus; seine Ausschweifungen zerrütteten seine Gesundheit, seine Gläubiger warfen ihn in’s Gefängniß und der strenge Vater rief den verlorenen Sohn nach Hause zurück.

Schubart gelobte Besserung und bereitete sich für den geistlichen Stand vor, zu dem ihm indeß jeder innere Beruf fehlte, obgleich seine hinreißende Beredsamkeit ihn vorzugsweise zum Kanzelredner zu bestimmen schien. Da die Beförderung allzulange auf sich warten ließ, so nahm er vorläufig die Stelle eines Präceptors in dem Ulmischen Städtchen Geislingen an, wo er sich mit der Tochter des dortigen Oberzollers Bühler verheirathete. Bald war ihm seine Stellung unerträglich. Das ewige Einerlei des Unterrichts von Schülern, die zum Theil der niedrigsten Volksclasse angehörten, und die ihm aufgebürdeten, entehrenden Nebenbeschäftigungen ekelten ihn an; sein Gehalt, das er noch dazu mit dem alten, dienstunfähigen Schulmeister theilen mußte, konnte selbst den bescheidensten Ansprüchen nicht genügen. Dazu kam noch die ganze Beschränktheit der kleinen Stadt und häusliche Zerwürfnisse mit der Familie seiner jungen Frau, die an dem Leben und Treiben des genialen Mannes vielfach Anstoß nehmen mußte.

Um sich zu zerstreuen, besuchte er das Wirthshaus, wo er beim Weine seiner übersprudelnden Laune bald in Versen, bald in Prosa freien Lauf ließ. Da konnte es freilich nicht an Aergerniß bei den Frommen des Städtchens und besonders bei der ihm vorgesetzten Geistlichkeit fehlen. Fortwährend regnete es Verweise, Ermahnungen, Strafpredigten auf das leichtsinnige Haupt des armen Schullehrers, der die Würde seines Amtes so wenig beobachtete. Der Aufenthalt in Geislingen wurde ihm unter diesen Verhältnissen zur wahren Hölle und er sehnte sich weit fort. Nur ein Trost, eine Freundin war ihm geblieben, die himmlische Muse, welche ihm in seiner ärmlichen Schulstube zuweilen erschien und sein düsteres, verworrenes Leben mit ihren goldenen Strahlen erhellte und verklärte.

Seine Lieder blieben nicht unbekannt und warben ihm Freunde, zu denen Wieland und Haug zählten. Letzterer eröffnete dem unglücklichen Schullehrer und Dichter die Aussicht auf die Stelle eines Organisten in der neuen Residenz des Herzogs, in Ludwigsburg; Schubart griff danach mit beiden Händen, leider zu seinem eigenen Verderben. Mit den besten Vorsätzen kam er nach dem würtembergischen Versailles, wo damals das üppigste und ausschweifendste Hofleben herrschte. Vergebens suchte sich der neue Organist im richtigen Gefühle seiner Schwäche durch das Lesen der Michaelis’schen Bibelübersetzung und Gellert’s Moral zu schützen; die Verführung war zu groß. Liebenswürdige Roués und schöne Hofdamen zogen den geistreichen Mann in ihre Kreise, indem sie sich an seinem Witz, seinem geselligen und poetischen Talent, namentlich aber an seinem genialen Flügelspiel, ergötzten. Französische Tänzer, italienische Sänger und Sängerinnen fesselten und entzückten den geborenen Künstler. Bald sah er ein verschwenderisch ausgestattetes Ballet, von dem berühmten Noverre in Scene gesetzt, bald hörte er eine glänzende Oper von Jowelli componirt und dirigirt, worin die reizende Cesari und der herrliche Aprili die ersten Partien sangen, während im Orchester sie die bezaubernde Violine eines Lolli begleitete. Dann schwärmte er wieder bei einem Bacchanal, wo die Frivolität sich mit allen Reizen des Geistes schmückte, oder eilte zu einem Rendezvous mit einer schönen Schülerin, der er abwechselnd in Musik und Liebe Unterricht ertheilte.

So lebte dieser neue Tannhäuser in dem Venusberg zu Ludwigsburg, verfallen den bösen Geistern eines sittenlosen und ausschweifenden Hofes. Seine schlichte, in bürgerlicher Zucht und Sitte aufgewachsene Frau bat ihn vergebens, sich von dem Treiben des „vergoldeten Lasters“ fern zu halten. Als aber alle ihre Vorstellungen und Warnungen nichts fruchteten, beschloß sie auf Anrathen ihrer dem Dichter feindlichen Familie, Schubart zu verlassen und mit ihren beiden Kindern in das Haus ihrer Eltern zurückzukehren. Seinen Bitten und Beschwörungen gelang es, sie wieder zu versöhnen und nach Ludwigsburg zurückzuführen. Bald jedoch waren die ihr gegebenen Versprechungen von dem Leichtsinnigen vergessen, und von Neuem stürzte er sich mit Ungestüm in den Strudel der wildesten Lust.

Wieder war es ein Geistlicher, der hochmüthige Special Zilling, der ihm den Aufenthalt in Ludwigsburg verleidete. Der stolze, bigotte Pfaffe, welcher einen so hohen Begriff von seiner Amtswürde hatte, daß der eigene Bruder als Küster ihm mit einer tiefen Verbeugung den Amtsrock umhängen mußte, ärgerte sich meist, daß Schubart’s ausgezeichnetes Orgelspiel, die Kirche mit Zuhörern füllte, während seine langweilige Predigt sie leerte. Leicht wurde es ihm, sich an dem untergebenen Organisten zu rächen, indem er ihn wegen seines sittenlosen Lebenswandels vor dem geistlichen Gericht anklagte und in den Thurm brachte. Aber noch mehr, als seine Gegner, arbeitete Schubart selbst an seinem Verderben, als er, seinem angeborenen Hang zur Satire folgend, ein Spottgedicht auf einen angesehenen Hofmann veröffentlichte und die Litanei in frivolen Versen parodirte.

Das Maß war voll und der Unverbesserliche wurde aus seinem Amte gejagt. Längere Zeit führte er ein geniales Vagabundenleben, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf umherirrend, bald hungernd und durstend, bald an der Tafel vornehmer Gönner schwelgend, die er durch sein bezauberndes Flügelspiel entzückte. An dem Hofe des kunstsinnigen Carl Theodor von der Pfalz fand er gastliche Aufnahme; von Neuem eröffnete sich ihm die Aussicht auf eine feste Anstellung aber durch einen Tadel auf die Mannheimer Akademie, dieses Schooskind des Kurfürsten, verscherzte er wiederum sein Glück. In seiner Rathlosigkeit folgte er dem bairischen Gesandten nach München wo er gegen eine Versorgung sich zum Katholicismus bekehren wollte. Aber die über ihn eingezogenen Erkundigungen lauteten so ungünstig, daß man den Neophyten laufen ließ.

Auf’s Neue ergriff er den Wanderstab und zog nach Augsburg, wo er im Wirthshause die Aufmerksamkeit der Gäste durch seinen Geist und seine hinreißende Beredsamkeit auf sich lenkte. Er wurde bald bekannt und ein unternehmender Buchhändler machte ihm Anerbietungen. Schubart versuchte zuerst einen Roman, den er nicht vollendete; darauf gab er eine Zeitschrift heraus, die „deutsche Chronik“, welche sofort bei ihrem Erscheinen das größte Aufsehen erregte. Er war zum Journalisten geboren und brauchte nur seine beim Wein gesprochenen und improvisirten Worte niederzuschreiben [119] oder zu dictiren, um die größte Wirkung hervorzubringen. Hätte Schubart um meine Zeit in Frankreich gelebt, so wäre er vielleicht ein so bedeutender Redner wie Mirabeau geworden, in Deutschland wurde er ein Zeitungsschreiber.

In seinem vielgelesenen Blatte erhob er muthvoll die Fahne der Freiheit, kämpfte er mit den Waffen des Spottes und der Begeisterung gegen katholische und protestantische Jesuiten, gegen geistlichen und politischen Despotismus, für Aufklärung, Toleranz, voll Liebe zum Vaterlande. Jetzt erst hatte er den eigentlichen Schwerpunkt gefunden, den ihm allein zusagenden Wirkungskreis, aus einem armen Schulmeister für Kinder war er der Lehrer des Volkes geworden. Seine Erfolge wirkten auch günstig auf seine Sittlichkeit und sein Familienleben zurück. Alle liebenswürdigen und guten Eigenschaften des zwar leichtsinnigen, aber gemüthvollen Mannes entwickelten sich und blühten in dem geeigneten Boden des bürgerlichen Lebens auf.

Doch das Schicksal wurde nicht müde, ihn zu verfolgen und zu prüfen. Da der Bürgermeister von Augsburg dem Erscheinen des Blattes Hindernisse in den Weg legte, so wanderte Schubart nach dem nahen Ulm, wo seine Zeitschrift ihren Höhepunkt der Verbreitung erreichte und er selbst an der Seite seiner Frau und der indeß herangewachsenen Kinder die glücklichsten Tage verlebte. Sein Name wurde in ganz Deutschland mit Achtung genannt, sein in der That großes Talent fand immer mehr Anerkennung und sein Charakter gewann mit jedem Tage an Festigkeit und Zuverlässigkeit. Natürlich fehlte es dem witzigen Journalisten, dem Vorkämpfer für Recht und Freiheit nicht an offenen und geheimen Gegnern, obgleich er die ohnehin so engen Schranken der damaligen Preßgesetzgebung niemals überschritten hatte.

Plötzlich wurde Schubart, durch Bubenlist auf Würtembergisches Gebiet gelockt, auf Befehl des Herzogs von den gemeinen Schergen der Gewalt verhaftet und auf den hohen Asperg gebracht, wo er zehn Jahre widerrechtlich von demselben Tyrannen gefangen gehalten wurde, vor dem ein größerer Dichter, Friedrich Schiller, noch zur rechten Zeit entfloh. Vergebens verwendeten sich die ersten Männer Deutschlands für die Freilassung des Unglücklichen; Herzog Carl blieb unerbittlich, da er, damals in seinem pädagogischen Stadium, den gefangenen Dichter erziehen und bessern wollte.

Sein Werkzeug war der bekannte Oberst Rieger, die widerlichste Erscheinung eines militärischen Pietisten, ein Frommer im Soldatenrock, zugleich mit der irdischen und himmlischen Fuchtel bewaffnet, in der einen Hand die Bibel und in der andern die Kriegsartikel, ein doppelter Despot und eitler Narr dazu. Seinen Quälereien und Torturen war es endlich gelungen, den Geist des Gefangenen zu verdüstern, seinen Muth zu brechen und seine Seele mit den Schreckbildern der Hölle zu erfüllen. Die Einsamkeit des Kerkers, Krankheit des Körpers und das Bewußtsein früherer Schuld unterstützten die Bemühungen des militärischen und geistlichen Zuchtmeisters, so daß Schubart selbst mit der Zeit ein Pietist aus Verzweiflung wurde. Seine Belehrung schaffte ihm manche Erleichterung; er durfte jetzt Bücher lesen, die ihm bis dahin vorenthalten waren, sein geliebtes Clavier wieder spielen und Besuche empfangen; ja sein Peiniger wurde förmlich stolz auf seinen berühmten Gefangenen, den er wie ein Wunderthier den Fremden auf Asperg zeigte. Er ließ sich von ihm bei seinem Geburtstage ansingen, klatschte dem in einem Festspiel auftretenden „Prologus“ Beifall und rief laut „da capo! als dieser ihn mit den Worten: „Edler Rieger!“ anredete. Wenn aber Schubart nach seiner Meinung in der Kirche nicht andächtig und eifrig betete, oder der halbverrückte Rieger eine Anwandlung seines so häufigen üblen Humors hatte, so ließ er ihn seine Ungnade schmerzlich genug empfinden, indem er ihn durch Entziehung der kleinen Freiheiten peinigte und mit wahnsinnigen Strafreden und Schmähungen überhäufte.

Eines Tages erschien der spätere und mildere Commandant bei seinem Gefangenen in Begleitung eines jungen Mannes, welcher die Uniform eines Militärchirurgen trug. Der Fremde war hoch aufgeschossen; das feine, zarte Gesicht voll Sommersprossen, die Haare röthlichblond, die hervorragende Nase stark gebogen, aber von der hohen Stirn und aus den strahlenden Augen leuchtete der Himmelsstrahl des Genius. Der Commandant stellte den Unbekannten als einen Dr. Fischer dem Arrestanten vor und forderte den Letzteren auf, eine vor längerer Zeit von ihm verfaßte Recension über die damals erschienenen „Räuber“ von Schiller vorzulesen, da der eingeführte Herr gern das Urtheil Schubart’s über das neue Stück hören wollte. Dieser ließ sich nicht bitten und las seine Kritik, welche mit dem Wunsche schloß, den Dichter der Räuber persönlich kennen zu lernen.

„Da steht er vor Ihnen!“ rief der Commandant lachend, indem er auf den Fremden deutete.

Schiller?“ fragte Schubart überrascht und noch immer zweifelnd.

„Ich bin es selbst und gekommen, um meinen berühmten Landsmann zu sehen.“

Lautlos stürzte der Gefangene in die Arme des jungen Dichters, den er weinend an sein für alles Große und Schöne mächtig schlagendes Herz drückte.

Mit seinen Thränen taufte der Johannes der neuen Poesie den dichterischen Heiland seines Volkes, der das Evangelium der Freiheit und Menschenliebe verkündigte.

Einige Wochen darauf schrieb er an seine Gattin aus dem Gefängnisse: „Schiller ist ein großer Kerl, ich lieb’ ihn heiß, grüß ihn!“ Später dichtete er seine Ode an Schiller:

„Dank Dir Schiller, für die Wonne,
Die Deinem Gesang entquoll!
Meines Berges Genius, der Riese,
Ein Schätzer hohen Sangs,
Lauscht Dir, daß der Kolbe von Stahl
Entsank seiner wolkigen Rechte!“

Schubart’s Geist und Schicksal blieben nicht ohne Einfluß auf das fernere Leben Schiller’s. Als dieser in dunkler Nacht das elterliche Haus verließ und vor dem Tyrannen floh, um sich die Freiheit der Poesie zu wahren, umschwebte ihn das Bild des gefangenen Dichters auf dem Asperge, und wenn auf seinen späteren Wanderungen der Versucher an ihn herantrat, die Verführung ihm ihre weichen Arme entgegenstreckte, da erschien ihm wohl der unglückliche Tannhäuser und warnte ihn:

„Daß ihn Laura’s Zauberblick
Nicht lockt’ in der Wollust Lache.“

Mit prophetischem Mund aber verkündigte der neidlose Schubart:

„Dein Schiller wird es thun.
Gott gab ihm Sonnenblick,
Und Cherubs Donnerflug,
Und starken Arm, zu schnellen
Pfeile des Rächers vom tönenden Bogen.“

Endlich öffneten sich auch für den armen Schubart die Pforten seines Kerkers, nachdem er zehn Jahre und vier Monate ohne allen Grund gefangen gehalten wurde. Der Herzog empfing den Dichter in gnädiger Audienz und ernannte ihn gleichsam zur Entschädigung zum Hofdichter und Director des Schauspiels und der Oper. Aber die Zeit der Jugend, wo ihn das Theater lockte, war vorüber; dagegen widmete er sich mit ungebrochener Kraft der wieder aufgenommenen „Deutschen Chronik“. Mit seinem Scharfblick erkannte er die Größe und Bedeutung der eben ausgebrochenen französischen Revolution. „Die Sonne des Jahrhunderts,“ prophezeite er, „wird untergehen vom wallenden Dampfe der Leichen verfinstert, aber aus dem allgemeinen Brande, aus dem Schutte der Zerstörung wird Europa aufsteigen in neuer Gestalt.“

Nur einen Blick durfte er in das gelobte Land der Freiheit thun, nur noch kurze Zeit das Glück an der Seite seiner in schwerster Prüfung bewährten Gattin, umringt von seinen Kindern und Enkeln, genießen. Die lange Kerkerhaft und die schweren Körper- und Seelenleiden, wie namentlich auch seine Verirrungen, hatten seine Gesundheit zerstört. Vier Jahre nach seiner Freilassung starb er am 10. October 1791 und wurde auf dem äußern Spitalkirchhofe, dem sogenannten Hoppebau, begraben. Kein Denkmal bezeichnet die Stätte, wo der Dichter der „Fürstengruft“, der Sänger „Friedrich’s des Einzigen“, der „Deutsche Chronikenschreiber“ liegt. Eine schauerliche Sage aber erzählt, daß Schubart lebendig begraben und bei Oeffnung des Sarges auf dem Bauche liegend, mit blutig gekratzten Nägeln gefunden worden sei. Wie sein „ewiger Jude“ konnte der Geist des gefangenen Dichters noch im Grabe nicht die Ruhe finden, indem er, von heftigem Freiheitsdrang beseelt, seinen Sarg zu sprengen suchte. So lebt Schubart im Andenken seines Volkes, das noch heute seine Lieder singt, vor allen den rührenden Abschiedssang:

„Auf, auf, ihr Brüder, und seid stark,
Der Abschiedstag ist da!“

Max Ring.