Ein Strandspaziergang mit Lebensgefahr

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Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Ein Strandspaziergang mit Lebensgefahr
Untertitel:
aus: Die Burg. Illustrierte Zeitschrift für die studierende Jugend, 2. Jahrgang, S. 449–452
Herausgeber: Prof. J. Hartorius und Oberlehrer K. Faustmann, Mainz.
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Verlag der Paulinus Druckerei
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Erscheinungsort: Trier
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Die Erzählung erschien in einer anderen Abfassung als Novelle bereits 1910 unter dem Titel Im Kugelregen in: Reclams Universum. Moderne Illustrierte Wochenschrift, 26. Jahrgang 1910, S. 1185–1189 und gekürzt und verändert 1913 unter dem Titel Ein gefährliches Abenteuer in: Von Nah und Fern. Illustriertes aktuelles Unterhaltungsblatt für Jedermann. Beilage zur Lienzer Zeitung. Heft/Woche 8, S.4–6.
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[449] Ein Strandspaziergang mit Lebensgefahr.

Selbsterlebtes[ws 1] von W. Kabel.


Ein Zufall hat mich dazu bewogen, den jungen „Burg“-Freunden hier ein Erlebnis zu schildern, wie es wenigen Menschen begegnen dürfte, – ein gefährliches Abenteuer, aus dem jeder leicht die darin enthaltene Lehre für sich entnehmen kann. Mit unheimlicher Klarheit tauchten urplötzlich jene Stunden, in denen ich zum ersten Mal in wirklicher Lebensgefahr schwebte, wieder vor meinem Geiste auf, als mir heute beim Aufräumen einer alten Kassette mit Andenken aus meiner Studienzeit eines jener Nickelmantelgeschosse in die Finger geriet, wie Sie die moderne Waffentechnik für unsere jetzigen Militärgewehre und -karabiner geschaffen hat.

Das sonst ganz unversehrte Geschoß mit den feinen Rillen in dem Stahlmantel, die von dem Einpressen in die Züge des Laufes herrühren, habe ich mir damals vor nunmehr zwölf Jahren als Andenken aufgehoben.

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Und nun das Abenteuer. Mein Intimus Karl und ich hatten im Sommersemester 1901 bereits Mitte Juli die alte preußische Krönungs- und Universitätsstadt Königsberg, wo wir Jurisprudenz studierten, verlassen und waren zu unseren in Danzig wohnenden Eltern heimgekehrt. Für einen der ersten Augusttage verabredeten wir einen längeren Morgenspaziergang, der uns am Strande der Danziger Bucht entlang von dem kleinen Badeorte Brösen nach dem etwa 11/2 Meilen entfernten Seebade Zoppot führen sollte.

Es war ein völlig windstiller Tag. Das Meer lag wie ein Spiegel da, und der Widerschein des klaren Tagesgestirns zog eine breite, flimmernde Bahn über die tiefgrüne, unbewegliche Wasserfläche. Nur hin und wieder rauschte eine Brandungswelle, hervorgerufen durch einen vorüberfahrenden Dampfer, gegen das flache Gestade und ließ die in weißen Streifen aufgehäuften Muscheln mit knisterndem Knirschen sich aneinander reiben … In gehobenster Stimmung schritten wir dahin und machten uns immer wieder auf all die Schönheiten aufmerksam, die die Danziger Bucht mit Ihrem dunklen Hintergrund der Nadelwälder und den in ihren weiten Bogen eingestreuten Villengruppen der Badeorte bietet. Nichts störte die stimmungsvolle Ruhe dieser Vormittagsstunde … Einige hundert Meter vor uns ging eine größere Gesellschaft von Herren und Damen, die wohl ebenfalls nach Zoppot wollten. Sonst war weit und breit kein lebendes Wesen zu sehen.

Nur einige Krähen flatterten am Strande hin und her und suchten nach toten Fischen, die das Meer ausgeworfen hatte …

[450] Plötzlich wies Freund Karl auf einen Husaren, der aus einem sich am Strande hinziehenden Gehölz hervorsprengte, dann bei den Spaziergängern vor uns Halt machte und unter lebhaftem Schwenken seiner Lanze auf sie einredete, wobei er öfters landeinwärts deutete. Doch unbekümmert setzten wir unsern Weg fort, fanden auch nichts auffälliges dabei, daß die Gesellschaft vor uns plötzlich das Ufer verließ und in dem Wäldchen verschwand, begleitet von dem Reitersmann, der sich mit einem Mal auf seinem Grauschimmel umdrehte und auch uns einige Worte zurief, die bei der weiten Entfernung jedoch nicht zu verstehen waren, und die wir in glücklichem Übermut durch fröhliches Hutschwenken beantworteten.

Was der Husar eigentlich wollte, ahnten wir beide nicht. Und daß die Spaziergänger so plötzlich vom Strande abbogen, erklärten wir uns einfach damit, daß ihnen der Marsch durch den lockeren Seesand bei der drückenden Wärme zu beschwerlich geworden war.

„Wahrscheinlich hat der Reitersmann auch uns nur auf den besseren Weg oben auf den Dünen aufmerksam machen wollen“, meinte Karl lachend. Und so stapften wir weiter durch den von der Sonne durchglühten Sand unserem Ziele entgegen.

Weitere zehn Minuten verstrichen. Vor uns dehnte sich jetzt ein langer, flacher Uferstreifen aus, der uns einen Ausblick bis auf die gelblichen Hügel des großen Exerzierplatzes der Danziger Garnison gestattete. Während wir gerade einen Augenblick stehen geblieben waren, um uns eine Zigarette anzuzünden, hörten wir mit einem Male über uns in der Luft seltsame, singende Töne, die wir zuerst für die Stimme irgend eines Vogels hielten und nicht weiter beachteten. Sorglos schritten wir weiter … Dann – immer häufiger über uns dieser zischende Laut, immer häufiger. Wir schauen uns um, unsere Augen suchen nach der Vogelschar, die allein dieses Geräusch verursachen kann. Aber nirgends ein lebendes Wesen, nirgends. Selbst die unbeholfen umherhüpfenden Krähen sind verschwunden … Und plötzlich deutet Karl auf das Ufer, auf die See hinaus …

Jetzt erst bemerke ich, daß um uns herum der weiße Seesand in kleinen Kaskaden aufspritzt, hier ein Wölkchen, dort – überall. Und ebenso sprüht‘s im Wasser in niedrigen Tropfenfontänen mit scharfem Zischen, als würde glühendes Eisen hineingestoßen …

Da weicht mir jede Spur von Farbe aus dem Gesicht – ich fühl‘s so genau –, der zitternden Hand entfällt die Zigarette, halb irren Blickes stiere ich, unfähig, mich zu regen, sekundenlang geradeaus … Vor meinen Augen blitzen farbige Funken auf, ein Schwindel packt mich, und erst Freund Karls verwunderte, arglose Frage … „Aber Herbert, was hast Du nur …?!“ läßt mich meine ganze Energie zusammenraffen, klärt meine Gedanken … Ein schneller Blick nach rückwärts. Und wirklich, was ich ahnte, erblickte ich dort vielleicht fünfhundert Meter hinter uns: In den Dünen flatterte an einer hohen Stange eine große, rote Flagge, die für uns vorhin, als der Husar uns anrief, durch einige Bäume verdeckt gewesen war … Da wurde mir das Furchtbare unserer Lage mit einem Male klar: …

[451] Wir waren in die Feuerlinie einer von dem Exerzierplatz nach der See hin scharfschießenden Truppe gekommen, die uns nicht sah …

Die Fahne bedeutete das Warnungszeichen; der Husar war nichts anderes als der Absperrungsposten, und fraglos hatte er unser Winken mit dem Hut als Antwort aufgefaßt, daß wir seine Worte verstanden hätten, – sicherlich war er nur deswegen, ohne sich weiter um uns zu kümmern, mit den anderen Spaziergängern in das Gehölz eingebogen, – eben in der Hoffnung, daß auch wir dorthin nachfolgen würden …

Alles begriff ich jetzt, alles! In solchen Momenten arbeitet der Geist mit seltener Schärfe, mit unglaublicher Schnelligkeit … Eine Reihe unglücklicher Zufälle allein hatte uns ahnunglos in diese Gefahr gestürzt … Ich hatte in den letzten Tagen keine Zeitung zur Hand genommen, wo, wie ich als Danziger Kind nur zu gut wußte, das Scharfschießen stets vorher angekündigt und auch das gefährdete Gelände genau bezeichnet wurde. Und Karl mußte diese Bekanntmachung offenbar gleichfalls übersehen haben …

Auch mein Freund hatte jetzt alles begriffen. Das zeigte mir ein einziger Blick in sein leichenblasses Gesicht. Was dann weiter geschah, war nur wie kurzer, wüster Traum. Wir mußten heraus aus dieser Hölle, aus diesem Zischen und Pfeifen, das die vorbeisausenden Geschosse erzeugten, aus diesem Kugelregen, dem wir schutzlos preisgegeben waren.

Aber ringsum nur das flache Gestade, kein Hügel, nichts, hinter dem wir hätten Schutz suchen können …

Längst lagen wir nebeneinander lang ausgestreckt im weichen, weißen Sande … Unsere unnatürlich geweiteten Augen suchten nach einer Deckung … Der kalte Schweiß rann uns über die Gesichter.

Und um uns zischte und pfiff es ohne Unterbrechung. Sandwölkchen stäubten ganz in unserer Nähe auf – die Einschlagstellen der Geschosse!

Hier gab‘s kein langes überlegen. Da – vor uns eine Düne, deren gegen die See hin abfallender Hang sicheren Unterschlupf gewährte … Aber 300 Meter sind‘s bis dahin – mindestens 300 Meter!

Ein kurzes Wort der Verständigung. Und dann bewegen wir uns kriechend vorwärts, eng an den Boden angeschmiegt. Ein Mal schreit Freund Karl hinter mir laut auf. Zum Glück hat ihm nur ein dicht neben ihm einschlagendes Geschoß den feinen Sand ins Gesicht gefegt … Aber die Glieder sind mir trotzdem wie gelähmt. Und die 300 Meter nehmen und nehmen kein Ende …

Endlich – endlich …! Wir liegen hinter dem Dünenhang, keuchend, mit geschlossenen Augen … Lange dauerte es, bis wir uns auch nur einigermaßen wieder erholten. Kein Wort sprachen wir.

Und doch taten wir sicher dasselbe, werden vielleicht nie wieder so inbrünstig im Stillen zu Gott gebetet haben, wie damals in unserem heißen Dankgefühl über unsere glückliche Errettung. –

Zwei Stunden später überzeugten wir uns dann mit aller Vorsicht, als längst schon die verhängnisvollen Zeichen des Geschoßeinschlags im Sande und im Wasser aufgehört hatten, ob die warnende, rote Flagge in den Dünen noch immer wehte. Der Flaggenmast war leer. In voller Sicherheit konnten wir jetzt unseren Weg fortsetzen. Dicht vor unserem Schlupfwinkel fand ich dann [452] im Sande liegend jenes Stahlmantelgeschoß, das ich mir bis heute als Andenken aufbewahrt habe.

Ich werde es auch weiter aufbewahren zur Erinnerung an jenen Tag, an dem nur Gottes schützende Hand uns davor rettete, von unseren eigenen Landsleuten erschossen zu werden.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Tatsächlich hat Walther Kabel hier die bereits 1910 in Reclams Universum, Moderne Illustrierte Wochenschrift, 26. Jahrgang auf den Seiten 1185–1189 erschienenen Novelle Im Kugelregen stark eingekürzt und für die Jugend überarbeitet.