Ein Tag des Kaisers

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Textdaten
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Autor: Georg Horn
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Titel: Ein Tag des Kaisers
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aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 487–490, 492
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein Tag des Kaisers.


„Das Tusculum des Kaisers“ war die Ueberschrift eines früheren Artikels der Gartenlaube, in welchem das Oberhaupt des deutschen Reiches auf seinem Landsitze in seinen Mußestunden dargestellt wurde. Der gegenwärtige Artikel macht es sich zur Aufgabe, die Leser dieses Blattes einen Blick in die Wohnung des Kaisers und in das Geschäftsleben desselben in Berlin thun zu lassen.

Von den Jahren 1834–1836 hat sich der Kaiser, damals Prinz Wilhelm von Preußen, durch Meister Langhans sein eigen Haus an der Ecke des Opernplatzes und der Linden, an der Stelle bauen lassen, wo früher das alte markgräflich Schwedt’sche Palais stand. Der Raum war verhältnißmäßig sehr beschränkt, weniger nach der Tiefe des Bauplatzes hin – denn in dieser Richtung geht das Gebäude bis zur Behrenstraße hindurch – als vielmehr nach der Frontseite, die von der einen Seite durch die königliche Bibliothek, von der andern durch das niederländische Palais begrenzt und beengt wurde. Und doch hat Meister Langhans in diesem Bau ein Musterwerk geliefert, nicht nur in der edlen einfachen Architektur desselben, die in nachfolgender Zeit für eine ganze Reihe von größeren Privatbauten maßgebend wurde, sondern auch in der Ausnützung des ihm zu Gebote stehenden Raumes. Die Front desselben erstreckt sich nach den Linden nur in einer Länge von zweihundertneunzig Fuß, sie hat in der ersten Etage nur eine Reihe von dreizehn Fenstern, nach der Bibliothek zu sogar nur drei Fenster Tiefe, und doch ist in dem Innern desselben so viel Platz, daß die Repräsentationsräume der ersten Etage eine Gesellschaft von wenigstens achthundert Personen aufnehmen können, ohne daß im Mindesten ein Mangel an Raum fühlbar würde. Langhans hat durch die Ueberbauung der Höfe drei großartige Prachträume geschaffen, den sogenannten weißen runden Marmorsaal, die gelbe Galerie und den Adlersaal, von denen kein einziger in der Front liegt, und diese großartigen Räume nebst einem daran stoßenden Wintergarten sind so geschickt untereinander verbunden, daß man eine große Gesellschaft in denselben sich ein- und ausbewegen lassen kann, ohne daß eine Stauung des Verkehrs entstünde. Das königliche Schloß hat weit kolossalere Festräume, aber nicht die Bequemlichkeit in den in der Hofsprache sogenannten Doublesappartements, wie das Palais unter den Linden. Hier hat der Kaiser seit dem Jahr 1836 seinen Wohnsitz aufgeschlagen. Dazwischen liegt nur eine Unterbrechung in den Jahren 1848 und 1849 nach jenen sturmbewegten Märztagen, in denen das Palais, um es vor der Wuth des Pöbels zu schützen, durch eine Aufschrift mit Kohle als Nationaleigenthum erklärt wurde. Es war dies ein kluges Auskunftsmittel, aber in keiner Weise ein Rechtstitel, der den Prinzen von Preußen nach seiner Rückkehr nach Berlin abgehalten hätte, in sein Haus wieder einzuziehen und dasselbe unter den mannigfachsten politischen Strömungen, unter den durchgreifendsten Veränderungen des inneren und äußeren Staatslebens, in denen auch seine Thronbesteigung mitbegriffen ist, bis zum heutigen Tage zu bewohnen. Zur Unterscheidung von dem großen königlichen Schlosse wird die Wohnung des Königs unter den Linden speciell „Das Palais“ genannt.

Im Schlosse hält sich der Kaiser nur auf, wenn er große Staatsacte vornimmt, wie zum Beispiel die Eröffnung des Reichstages oder der Kammern, oder wenn er größere Gesandtschaften empfängt, wie damals die japanesische, wenn er große Feste giebt, oder fremde hohe Gäste bei sich beherbergt. Die einzigen Gäste, die im Palais Aufnahme finden, sind die Tochter des Hauses, die Großherzogin von Baden, und der Bruder der Kaiserin, der Großherzog von Sachsen. Einen ständigen Aufenthalt hat der Kaiser auch selbst in seinem Lieblingsschlosse, dem Schlosse von Babelsberg, nicht. Er geht dahin, wie ein Privatmann in sein Gartenhaus vor’s Thor geht, er schläft eine, zwei, drei Nächte dort, aber immer wieder kehrt er nach Berlin in das Palais zurück, in welchem all die vielfachen Fäden der obersten Staatsleitung zusammenlaufen.

Der Tag des Kaisers beginnt des Winters wie des Sommers zwischen sechs und sieben Uhr. Sowie sich der Monarch von seinem Lager erhebt, ist er auch sogleich für das Staats- und Geschäftsleben fertig. Er kennt nicht jenen Vielen so angenehmen Uebergangspunkt der Pantoffeln und des Schlafrocks, er hat derartige Kleidungsstücke nie besessen; gleich gestiefelt und gespornt und mit dem Militärüberrock angethan, tritt er in den Tag hinein und begiebt sich durch die Bibliothek in das derselben zunächst gelegene Gemach, in sein Arbeitszimmer. Dasselbe bildet die Ecke zwischen dem Opernplatz und den Linden, zwei Fenster gehen nach dem ersteren, nach der von wildem Wein bewachsenen Veranda hinaus, eines nach den Linden, und durch dasselbe fällt der Blick unmittelbar auf das Denkmal Friedrich’s des Großen. Der erste Gang des Kaisers hat in der Regel ein kleines Pult zum Ziel, welches an dem ersten Fenster der Veranda steht; in dasselbe ist ein sogenannter Tageskalender eingezogen, er enthält unter der betreffenden Tageszahl einen Rückblick auf die Tage gleichen Datums aus den verschiedenen Lebensperioden des Kaisers, auf die irgend ein für ihn bemerkenswerthes Factum fiel; jeder Tag hat seinen religiösen oder poetischen Spruch, und das Ganze ist eine Arbeit des gleichsam vortragenden literarischen Rathes des Kaisers, des Geheimen Hofraths Schneider. Der nächste Gang des Kaisers pflegt nach dem ersten Fenster des an das Schreibzimmer anstoßenden Audienzgemaches zu sein. Dort hängt der Barometer, der namentlich im Frühjahr bei den Truppenbesichtigungen ein Factor von unbestrittenem Einflusse ist.

An dem linken Fenster des Eckzimmers steht ein Schreibtisch von polirtem Mahagoniholz mit einem Geländer, nicht sehr groß; die Platte desselben, mit Ausnahme eines kleinen, zum Schreiben bestimmten Raumes ist mit Paketen zusammengebundener Briefe, mit Schreibmaterialien jeder Art, mit kleinen Gegenständen bedeckt, an deren sorgfältiger Aufbewahrung man erkennen kann, daß sie für den Besitzer werth- und bedeutungsvoll sind; da ist unter Anderm, um nur Einiges zu erwähnen, ein kleines Portefeuille in bunter Seide auf weißem Grunde gestickt, dessen Farbe nun auch schon verblichen; über und neben dem einfachen Porcellanschreibzeuge sind die Miniaturbilder der Kaiserin Augusta aus der Zeit ihrer Verheirathung, ferner der Schwester des Kaisers, der Kaiserin Charlotte von Rußland, dann die Photographien seiner Kinder, Schwieger- und Enkelkinder, diese aber nur in ganz einfachen photographischen Visitenkarten, aufgestellt. Wenn der Kaiser seinen Blick höher hebt, dann fällt derselbe auf die weißen, lorbeerbekränzten Marmorstatuetten seines Vaters Friedrich Wilhelm des Dritten und seines gewaltigen Ahnen Friedrich des Großen, von dem in der Familie nur als von dem großen Könige gesprochen wird. In dieser stillen und dem Kaiser so lieben Gesellschaft nimmt er seinen Morgenkaffee ein; dann geht er an die Lectüre der Zeitungen, von denen ihm der „Reichs- und Staatsanzeiger“, die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ und die „Spener’sche“ gebracht werden. Die ersten beiden sieht er durch, die „Spener’sche“ liest er. Was ihm aus in- und ausländischen [488] Zeitungen noch zu wissen nöthig ist, darüber bekommt er eine kurzgefaßte Uebersicht in aufgeklebten Auszügen aus denselben.

Alle Gemächer, die zu dem Appartement des Kaisers gehören, und es sind deren sieben, tragen noch in der fast schmucklosen Wandbekleidung den Stempel der Einfachheit jener Zeit, in denen sie entstanden sind. Was ihnen heut zu Tage das Gepräge des Luxus und des Reichthums giebt, und was ihnen in noch weit höherem Grade den Stempel der Individualität desjenigen, der diese Räume bewohnt, aufdrückt, das hat sich erst im Laufe der Zeit angesammelt, sei es durch Ankäufe, oder auch durch Geschenke, und so kann man wohl sagen, daß dieses Eckzimmer mit den großen Oelbildern, welche die Wände bedecken, mit den Möbeln, den Geräthen, den fast unzähligen größeren und kleineren Kunstgegenständen, welche die Tische, die Sophas, die Stühle, die Wände zieren, fast ein kleines Museum bildet, in welchem sich die Lebensgeschichte des Mannes verkörpert, dessen Dasein insofern zu einem der glücklichsten zu rechnen ist, als sich in ihm das Streben der Jugend, die Arbeit des Mannesalters noch in späten Jahren zu einem Erfolge verklärt haben, wie es vor ihm wohl nur wenigen Sterblichen vom Schicksal beschieden worden ist. Aber wie nach Schiller’s Ausspruche das Genie der Fleiß ist, so kann man in eben derselben Anwendung vom Kaiser sagen, daß das höchste Pflichtgefühl, daß unablässige Arbeit auch die Gewähr ihres Erfolges in sich tragen.

Die in diesem Zimmer befindlichen Gegenstände sind meistens Geschenke und Arbeiten der Kaiserin. Sie selbst überwacht diesen Raum mit der zarten Sorgsamkeit einer treu waltenden Hausfrau, damit nichts dem Gemahle fehle, nichts ihn störe oder unangenehm berühre. Da steht in dem Schreibgemache eine lange breite Tafel, mit Büchern, Karten, Andenken, Papieren jeder Art bedeckt; an einer Ecke ist der Platz für alle an den Kaiser gelangenden Sendungen, und es ist ein ziemlicher Stoß, der jetzt der Erledigung harrt. Auf einem einfachen ledernen Stuhle daneben sitzend, macht sich der Monarch an die Arbeit, er öffnet eigenhändig jeden Brief, ja fast jedes Packet, das seine Adresse trägt. Mit Hülfe einer Stahlbrille liest er alle an ihn gerichteten Sendungen, und macht sogleich auf den Rand der Eingaben die nöthigen Bemerkungen, in welcher Weise der betreffende Briefschreiber unmittelbar beschieden werden solle oder von den betreffenden Ministerien Recherchen anzustellen oder Berichte einzufordern sind. Auf dem Bodenteppiche liegen mehrere große, dunkle lederne Mappen, die in Messingbuchstaben die Aufschriften des Militär- und Civilcabinets und der verschiedenen Ministerien tragen. In diese Mappe legt der Kaiser die betreffenden Eingaben und verschließt dieselben. So gelangen sie an ihre demnächstige Bestimmung. Wenn diese Arbeit beendet, läßt der Kaiser den Flügeladjutanten vom Dienst eintreten. Derselbe überreicht den Rapport des Commandanten von Berlin und giebt eine Uebersicht der angesetzten Vorträge und Audienzen. Darauf bestimmt der Kaiser, welche persönliche Meldungen er von Militärs im Laufe des Vormittags entgegennehmen will.

Gegen ein halb zehn Uhr ist die Zeit, wo die Kaiserin ihren Morgenthee einnimmt, und das ist der Moment, wo sich das kaiserliche Ehepaar seinen Morgengruß bietet. Von der Bibliothek führt eine äußerst kunstvoll construirte eiserne Wendeltreppe in die Beletage, in die Appartements der Kaiserin. Auf diesem Wege begiebt sich der Gemahl in die obern Gemächer und verweilt bei der Kaiserin, während sie ihr Frühstück einnimmt. Es werden da, wie in jedem andern Hause, häusliche Angelegenheiten besprochen. Der Haushofmeister, der Castellan treten ein. Ersterer bringt das Menu für die Tafel, die Kaiserin sieht dasselbe durch, setzt hinzu und streicht, giebt Anordnungen etc. Ist dies geschehen und sind beide Ehegatten allein, dann liest die Kaiserin ihrem Gemahl aus Zeitungen oder Büchern vor, und darauf machen beide Herrschaften zusammen einen Gang durch die ganze Front der nach der Lindenseite gelegenen Gemächer, oft kommen auch der Kronprinz oder die Kronprinzessin dazu, und so lange bleibt der Kaiser bei seiner Gemahlin, bis der Adjutant durch das Sprachrohr, welches von den untern in die obern Gemächer geht, ankündigt, daß der Vortrag da sei. Dann geht der Kaiser hinab, und unten in der Bibliothek warten seiner schon der Ober-Chef und Hausmarschall Graf Pückler und der Hofmarschall Graf Perponcher. Den Vorträgen dieser obersten Beamten des kaiserlichen Haushalts reihen sich andere an, Audienzen etc. Die betreffenden Persönlichkeiten halten sich in dem Adjutantenzimmer, dessen Fenster rückwärts nach dem Hofe gehen, und welches den einzigen Zugang zu den übrigen Gemächern des Kaisers bildet, so lange auf, bis die Reihe an ihnen ist, und sie durch den Flügeladjutanten angemeldet werden. Auf dem braunen doppelsitzigen Ledersopha in der Mitte desselben mag schon Manchem das Herz gepocht haben in Erwartung des gewichtigen Momentes, wo der Officier vom Dienste vor ihn hintrat mit der Aufforderung, ihm zu folgen, indem der Kaiser ihn erwarte, zu einer Entscheidung vielleicht, die für das Schicksal des Einzelnen, wie für den Staat von tief eingreifender Bedeutung war.

Für die militärischen Meldungen, für die Audienzen ist ein Salon bestimmt, in den man unmittelbar vom Adjutantenzimmer aus eintritt; er ist nach den Linden hinaus gelegen, und seine Fenster sind die ersten beiden links vom Portale des Palais. Hier sind auch die Fahnen und Standarten der Berliner Garnison aufgestellt. In dem zunächst gelegenen Salon ist auf einem Tische ein Tableau des Schlachtfeldes von Königgrätz ausgebreitet, auf einem anderen großen Tische nahe am Fenster eine Sammlung der verschiedensten Gegenstände aus lapis lazuli aufgestellt, vom größten bis zum kleinsten, vom Petschaft bis zum Armleuchter und zur Pendule aus diesem Stoffe angefertigt – eine äußerst kostbare Sammlung, die der Kaiser so nach und nach zusammengebracht hat, und die wieder seine Vorliebe für die blaue Farbe und speciell für das Königsblau bekundet. Das ist das Vortrags-, gewissermaßen das Amtszimmer des Kaisers, während das vorhin geschilderte Eckzimmer sein Privatarbeitszimmer genannt werden kann. Der Kaiser selbst hält diesen Unterschied ziemlich strict inne; in seinem Privatzimmer nimmt er z. B. die Vorträge der Würdenträger seines Hauses und Hofes entgegen, wie z. B. des Oberstkämmerers Grafen Redern, des Ministers des königlichen Hauses Freiherrn v. Schleinitz, des General-Intendanten des Hoftheaters v. Hülsen, etc., in dem Vortragszimmer jedoch arbeitet er mit den Organen der Staatsgewalten, und zwar zunächst mit denen, durch deren Vermittelung ihm alle Entscheidungen aus den Ministerien vorgelegt werden, also mit dem Chef des Civilcabinets, dem Geheimen Cabinetsrath v. Wilmowski, dem Chef des Militärcabinets, dem Obersten v. Albedyll, wohl auch zuweilen mit den Ministern selbst. In der Mitte des Salons steht ein ziemlich großer viereckiger, mit grünem Tuch beschlagener Tisch mit einem großen Schreibzeug von Gußeisen; an diesem Tisch giebt der Kaiser seine Unterschriften. Hier werden die Ministerconseils abgehalten, hier wurde über alle die großen Ereignisse der jüngsten Vergangenheit entschieden, von hier aus wird Preußen, wird das Reich regiert. Während dieser Arbeiten sitzt der Kaiser, oft auch lehnt er im Fenster, und ab und zu richtet sich sein Blick über die Mousselinvorhänge hinweg hinaus auf die Straße, und so kommt es auch wohl oft vor, daß er einem oder dem andern der Vorübergehenden, der ihm persönlich bekannt ist, mit der Hand grüßend zuwinkt. Den Militärüberrock tragt er dabei offen; sowie aber draußen eine Truppe vorüberzieht, so hat diese Bequemlichkeit ein Ende; dann wird Alles strammer angezogen, die rothen Klappen übereinander geknöpft, und so steht der Kaiser im vorschriftsmäßigen Anzuge da, als ließe er die Truppe an sich vorbeimarschiren. Wenn er auch vor ihrem Auge unsichtbar bleibt, das hindert ihn nicht, der militärischen Vorschrift zu genügen, der Truppe ein Beispiel der Achtung zu geben, die er von ihr selbst verlangt. Er duldet als Militär keine Unregelmäßigkeit, erlaubt sich aber auch selbst keine, auch wenn es Niemand bemerkt.

Die Aesthetik seines Lebens ist die der Pflicht, und alles Zuwiderhandeln ist ihm verhaßt, nicht nur darum, weil es unpraktisch, sondern auch weil es in Gedanken unlauter wäre. So liegt er auch den laufenden Geschäften des Tages auf das Gewissenhafteste ob. Es mögen wohl auch bei ihm Tage kommen, wo er körperlich nicht disponirt, wo er geistig nicht gestimmt ist zum Arbeiten, aber solchen Anwandlungen giebt er niemals nach. Die Pausen zwischen den einzelnen Vorträgen und Audienzen benutzt er, um ab und zu nach seiner Bibliothek zu gehen. Dieselbe hat eine sehr ebenbürtige Nachbarin an der königlichen Bibliothek, an die sie unmittelbar anstößt. An den beiden Seitenwänden des Gemachs ziehen sich hohe Bücherschränke von hellem polirtem Holze entlang. Sie enthalten die Privatbibliothek des Kaisers, die von dem Geheimen Hofrath Schneider in Ordnung gehalten wird. Jeden Sonnabend Morgens erscheint dieser, um über die literarischen Einsendungen, über die Ankäufe Vortrag zu [489] halten und den Kaiser, der im Drange der Geschäfte selbst wenig zum Lesen kommt, über die literarischen Erscheinungen im Laufenden zu erhalten. Aber nicht nur Bücher, Karten und Prachtwerke sind in diesem Raume angehäuft, sondern auch Kunstgegenstände jeder Art, die der Monarch entweder angekauft, oder zum Geschenk erhalten, oder auch in einer der unzähligen Verloosungen und Bazars, an denen er sich selbstverständlich betheiligen muß, gewonnen hat. Unter diesen Sachen hält er ab und zu Umschau, um Eines oder das Andere zu einem Geschenk, einer Ueberraschung auszuwählen, und das gewöhnlich, während er sein zweites Frühstück verzehrt. Dasselbe wird vom Jäger oder einem Lakaien gebracht, und die Platte, auf der es servirt ist, hat eine bestimmte Stelle auf einem der niedrigen Schränke, in denen die großen Kupferwerke liegen. Viele Leute in Berlin, die nicht Kaiser sind, würden beim Anblick des Butterbrodes, der paar Schnitten kalten Fleisches sich sagen: Wie haben wir das bei uns zu Hause Alles reichlicher! Und dies einen Tag wie den andern, nur so lange es Hummer giebt, wird von dieser Lieblingsspeise des Kaisers dem Fleische etwas beigelegt. Früher stand neben der Platte eine halbe Flasche Moselwein, von welcher aber der Kaiser nur etwa zwei kleine Gläser trank, die andere Hälfte wurde zum Diner aufgehoben. An die Stelle desselben ist zum Frühstück jetzt Tokayer getreten.

In den Pausen zwischen Vorträgen und Audienzen kommt auch oftmals die Kaiserin herab; namentlich in Zeiten, wo sich der Kaiser nicht recht disponirt fühlt, führt sie die Sorge um den Gemahl häufig nach dessen Gemächern. Mit welch schwerbeladenem Herzen mag sie im letzten Winter oft die schmale Treppe herabgestiegen sein!

Bis gegen drei Uhr gehört der Tag den Geschäften, nur an einem einzigen Tage in der Woche, am Freitage, fallen diese für die Staatsangelegenheiten aus. An diesem Tage hört der Kaiser die hohen Beamten in Angelegenheiten seines Hauses und Hofes. Der Letzte, der im Laufe des Vormittags vorgelassen wird, ist der Privatsecretär und Verwalter der Privatschatulle, der Geheime Hofrath Borck. Derselbe hat alle Unterstützungsgesuche und Gnadengeschenke bis zu einem gewissen Betrage unter sich und in seine Hand ist vom Kaiser viel Vertrauen gelegt. Er hat über die Gelder, die er ausgiebt, Niemandem Rechenschaft zu geben, aber der Kaiser weiß auch, was er an dem Manne besitzt und daß dieser der würdige Sohn eines Vaters ist, der ihm viele Jahre gedient hat und an dessen Stelle der Sohn nachgerückt ist. Von äußerem militärischen Habitus, kurz und wenig sprechend, ist Geheimrath Borck ein Mann, der, im guten Sinne des Wortes, lebt und leben läßt. Bei seinem offenen rechtlichen Charakter, bei der liebenswürdigen Bonhomie seines Wesens weiß er immer den Dingen eine günstige Seite abzugewinnen und im wohlwollenden Sinne zu erörtern. Das hat sich bei so vielen Gelegenheiten kundgegeben und so ist es auch gekommen, daß der Genannte zu den bekanntesten und beliebtesten Persönlichkeiten Berlins gehört.

Um drei Uhr hält vor dem Seitenportale des Palais eine offene zweisitzige Kalesche, bespannt mit zwei Trakehner Rappen. In diese steigt der Kaiser ein, und fort geht es die Linden entlang durch das Brandenburger Thor nach dem Thiergarten hinaus, etwa eine halbe bis drei Viertel Stunde lang – nicht länger. Denn wenn der Kaiser das Palais wieder betritt, dann weiß er schon Einen im Vorzimmer seiner harren, und zwar den Mann, dessen Geschäfte meistentheils am wenigsten Aufschub leiden, der in seiner Mappe die wichtigsten Entscheidungen vorlegt, den Fürsten Bismarck. Für ihn ist der Kaiser stets zu sprechen; es giebt wohl Tage, wo der Reichskanzler zu anderer Zeit im Palais erscheint, aber Gott behüte uns vor solchen! denn dann ist er immer Sturmvogel. In den Zeitperioden jedoch, wo die Politik ruhige Fluth ist, gehört seinem Vortrage die vierte Nachmittagsstunde.

Wenn dann so der Kaiser die Pflichten seines hohen Amtes abgethan, kann er sich mit vollem Bewußtsein redlich und mühsam gethaner Arbeit zur Tafel setzen, und um seinen Appetit brauchen wir uns dann nicht zu sorgen. Ist die Kaiserin von Berlin abwesend, so kommt es wohl selten vor, daß der Kaiser Gäste um sich sieht, nur etwa bei besonderen Gelegenheiten, wie z. B. bei Geburtstagen fremder Souveraine, nach Truppenbesichtigungen etc. Gewöhnlich speist er dann allein. Häufig wohl geht er dann selbst zu Gast bei einem Generale oder einem Minister. Aber auch während der Anwesenheit der Kaiserin in den Wintermonaten kommt es vor, daß die Herrschaften beim Diner allein sind. Die Zusammensetzung des Menu richtet sich vollkommen danach ein, ob das Diner nur für den Kaiser und die Kaiserin servirt wird, oder für zwanzig, für dreißig, für hundert Gäste. In ersterem Falle ist es ganz einfach; etwas Anderes ist es natürlich, wenn Gäste zugegen sind; dann entspricht es auch vollkommen den Erwartungen, welche sich jeder Eingeladene von einem kaiserlichen Haushalte zu machen versucht fühlt und wohl auch berechtigt ist. Während jeder minder gut situirte preußische Staatsbürger sich nach dem Mittagsessen zur weitern Pflege seines Leibes gemächlich auf dem Sopha ausstrecken und ein Stündchen auf das Ohr legen kann, ist solche Annehmlichkeit dem Beherrscher von vierundzwanzig Millionen Preußen nicht beschieden, oder vielmehr, er erlaubt sich dieselbe nicht. Denn nach dem Diner warten seiner schon wieder neue Einläufe, Telegramme etc., auf die er resolviren muß oder auch wohl in eigenhändigen Briefen sich äußert, und das bis in die Abendstunden hinein.

Während für die Berliner die königlichen Theater um halb sieben Uhr beginnen, ist für den Kaiser der Anfang erst dann, wenn er seine Geschäfte abgethan hat. Fast täglich besucht er das Theater, sei es das königliche Schauspielhaus oder das Opernhaus; oft geht er an einem Abende in beide. Seltener, daß er einer Vorstellung in einem Privattheater beiwohnt. Er liebt die Abendunterhaltungen durch die dramatische Kunst ebenso sehr, wie sein Vater Friedrich Wilhelm der Dritte dieselben gepflogen hat, theils wegen der angenehmen heitern Anregung, die er durch dieselben empfängt, theils aber auch wohl wegen der Ruhe, die er, allein oder auch nur mit der Kaiserin und seinem Bruder Karl in seiner Loge sitzend, nach all’ den Mühen und Anstrengungen des Tages sich hingeben kann. Die Theaterzeit ist für den Kaiser die einzige Erholung des Tages; während er an anderen Orten für tausenderlei Interessen bereit sein muß, während er, der Mächtigste im Staate, anderswo durch unzählige Rücksichten gebunden ist, fühlt er sich hier in seiner Loge als Herr seiner selbst; hier bleibt er abgeschlossen für sich, hier kommt nichts an ihn heran, was ihm störend oder unangenehm ist. Denn selbst die Geselligkeit, welche ihm die Kaiserin durch eine größere oder kleinere Anzahl von Gästen fast jeden Abend in ihren Salons bereitet, selbst diese bringt ihm oft nicht jene Behaglichkeit, nicht das günstige Sichausruhen, das jeder Privatmann nach des Tages Last und Mühen sich verschaffen kann. Es treten hier in den verschiedenen Persönlichkeiten so viel mehr oder minder versteckte Absichten und Wünsche an ihn heran, es ist der Charakter gewisser Angelegenheiten, daß sie sich am besten beim Thee zwischen zwei Fauteuils einleiten oder besprechen lassen, kurz, es warten in den rothen Salons der Kaiserin so viel Rücksichten auf ihn, daß diese Thees und Soirées eben nur wieder zu einer geistigen Arbeit für ihn werden. Kommt dann die Jahreszeit heran, wo in dem Zimmer über seinem Schreibgemache, in dem kleinen Salon der Kaiserin, allabendlich nicht mehr die Lüstres aufflammen, hält sich die Kaiserin des milden Klimas wegen in Coblenz oder in Baden-Baden auf, dann verbringt er die Zeit nach dem Theater in seinem Eckzimmer, trinkt eine Tasse Thee, ißt ein Butterbrod und fertigt dabei alle Einläufe ab, die an der bekannten Tischecke im Verlaufe des Abends wieder aufgespeichert worden sind. Nicht eher sucht er das Lager, als bis Alles erledigt ist; um sich jedoch bei der Arbeit frisch und wach zu erhalten, sitzt er auf einem hohen Lederstuhle und hat dabei die betreffenden Papiere auf einem mit grünem Tuche überzogenen Pulte vor sich liegen. Erst wenn der letzte Federzug gethan – gegen elf Uhr – giebt er dem Kammerdiener das Zeichen, daß er sich zur Ruhe begeben wolle.

Das Schlafzimmer des Kaisers liegt zwischen der Bibliothek und dem Adjutantenzimmer; es hat nur ein großes Fenster, welches nach rückwärts in einen kleinen Garten sieht. Den Boden bedeckt ein Teppich, von dem man gerade nicht sagen kann, daß er noch sehr schön sei. Mehrere große Mahagoni-Schränke enthalten die Uniformen des Kaisers, welche er am meisten zu tragen pflegt. Um die eine Seite des Schlafgemaches läuft ein Metallgestell, in dessen Einschnitte die Säbel und Degen des Kaisers gestellt sind. Es [490] mögen deren über fünfzig sein; die Körbe haben einen Lederüberzug, und an jedem hängt ein kleines Stück Pappdeckel, auf dem von des Kaisers eigener Hand geschrieben steht, welche historische Bedeutung die Waffe im Allgemeinen, und welche sie für ihn speciell habe. Eigenthümlich ist auch eine Pyramide von Spazierstöcken, von denen jeder einzelne für den Besitzer eine Erinnerung sein mag an Personen, von denen sie ihm verehrt, an Orte, wo sie im Gebrauch gewesen sind. Daneben steht ein [490] polirter Schreibtisch mit einem etageförmigen Aufsatz. Er hat als solcher ausgedient, seine Fächer dienen nur noch als Platz für mehrere Uhren in Etuis und eine große Anzahl von Ordensdecorationen, auf deren Etuis von des Kaisers eigener Hand die Namen derselben aufgeschrieben sind. Auf dem mittleren Aufsatze erhebt sich jene Gypsbüste der Königin Louise, die, nach ihrer Todtenmaske angefertigt, das edelste der Frauenbilder in einer dichten Umhüllung von Flor darstellt. Am Morgen ist es das Bild des Vaters, welches dem Kaiser an seinem Schreibtische entgegentritt, am Abend ist es das der Mutter, deren Andenken ihm in die Ruhe der Nacht nachfolgt, und die Hand des Sohnes hat auf ihr Haupt einen Kranz von Lorbeeren gelegt.

Sonst hat das Schlafzimmer des Kaisers nur noch einige einfache Geräthe; in der Nische des Fensters stehen einige Toilettegegenstände und Vorrichtungen, in der Ecke daneben ein kleiner auseinander zu klappender Waschtisch mit einem weißen Blecheinsatze und einer Waschschüssel von weißem Porcellan. An die grüne Wollengardine ist der Theaterzettel und darüber eine alte, sehr einfache Taschenuhr angesteckt. Ein Beweis, wie pünktlich der Kaiser in allen Dingen ist, wie treu und sorgsam er seine Zeit wahrnimmt, sind die Uhren an den verschiedenen Stellen des Schlafzimmers; auch über seinem Bette hängt eine solche, unmittelbar unter dem aus Holz geschnitzten Bilde des Gekreuzigten. Sie muß jedenfalls für den Kaiser einen hohen Werth haben. Wie fände sie sonst, schlicht und materiell werthlos, wie sie ist, hier einen Platz? Das Bett selbst, in dem der Kaiser seine Ruhe hält, steht in einer Nische, dem Fenster gegenüber; es ist von polirtem Holze und von jener Form, die vor etwa vierzig Jahren modern war, dabei schmal, wie alle Berliner Betten, und von einer grünseidenen Steppdecke überbreitet. Der Kaiser hat die Gewohnheit, mit dem Kopfe hoch zu schlafen. Neben dem Bette befindet sich ein mit einer Wachstuchdecke [492] überzogener Nachttisch aus Tannenholz mit geschnitzten Beinen, ein Möbel, wie es in seiner übergroßen Unscheinbarkeit Mancher nicht in dem Schlafzimmer eines Kaisers suchen würde. Aber der Mann, der für Deutschland, der für Preußen eine neue Aera des Glanzes und der Größe geschaffen hat, ist für sich und seine Person von einer fast puritanischen Anspruchslosigkeit. Ein Bild davon ist die ganze Einrichtung dieses Schlafzimmers.

Georg Horn.