Ein Trinkspruch des Marschall Vorwärts

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Autor: Karl Braun-Wiesbaden
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Titel: Ein Trinkspruch des Marschall Vorwärts
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 158–160
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein Trinkspruch des Marschall Vorwärts.

Von Dr. Karl Braun-Wiesbaden.

Friedrich Gentz, ein Schriftsteller und Politiker von großer Kenntniß und noch größerer Begabung, hat bis zum Jahre 1815 in den Kriegen wider die französische Fremdherrschaft Großes und Verdienstliches geleistet, dann aber, der Genußsucht, Geldgier und politischen Gleichgültigkeit verfallen, seinen Geist und seine Feder dem österreichischen Reichskanzler Fürsten Metternich zur Verfügung gestellt, der Beides verwandte, um Europa zum Stillstand zu zwingen und in Deutschland den Culturfortschritt und den von diesem getragenen nationalen Gedanken zu bekämpfen. So wenig uns die Person des Gentz während der letzten Periode seines Lebens und Wirkens sympathisch sein kann, so lehrreich sind uns auch heute noch seine Schriften – nicht nur seine eigentlichen Bücher und Denkschriften, sondern auch seine übrige literarische Hinterlassenschaft, welche erst nach seinem Tode publicirt ward.

Ich will heute nur von seinen Tagebüchern reden, welche zum Theil von Varnhagen selbst, zum Theil von dessen nunmehr auch verstorbener Nichte Ludmilla Assing aus Varnhagen’s Nachlaß herausgegeben worden sind (siehe „Tagebücher von Friedrich von Gentz. Aus dem Nachlasse Varnhagen’s von Ense“. Vier starke Bände. Leipzig, 1872 bis 1874).

Dieses Tagebuch hat Gentz nur für sich selber geschrieben. Es ist daher frei von allen jenen Fehlern, woran die meisten Selbstbiographien leiden, die oft nur Denkmale der Eitelkeit ihrer Verfasser sind.· Als Beispiel einer solchen, ich möchte fast sagen: „als abschreckendes Exempel“ nenne ich die Erinnerungen des Berliner Komikers und Geheimen Hofrathes Louis Schneider.

Friedrich Gentz hat keine Ursache, sich selbst Etwas vorzumachen. Er schreibt mit der rücksichtslosesten cynischen Offenherzigkeit, auch z. B. über Geld- und Liebesaffairen. Was die ersteren anlangt, so figuriren auch darunter jene großen Summen, welche er von auswärtigen Potentaten bezog. Er nennt sie „Geschenke“. Wir würden sie, da er Staatsbeamter war, „Bestechungen“ nennen. Aber alle jene Summen vermochten die Finanzen des Herrn Gentz nicht aufzubessern. Er war wie ein Sieb mit tausend Löchern, das Alles wieder gleich durchließ, wie er selber sich denn auch in seinen Tagebüchern, die zum Theil in französischer Sprache abgefaßt sind – nicht ganz mit Unrecht; denn gewisse Dinge lassen sich auf Deutsch nicht so gut sagen – „un panier percé“ nennt, das ist ein durchlöcherter Korb, in welchem kein Geld hält.

Ich will jedoch dieses Thema nicht weiter ausspinnen, sondern von Gentz’ Aufenthalt in Karlsbad im Jahre 1818 berichten und daran eine Anekdote vom alten Marschall Vorwärts knüpfen, welche nur Wenigen bekannt ist.

Im Juli und August 1818 war dieses böhmische Bad wieder der Sammelplatz ausgezeichneter oder vornehmer Personen aus den verschiedensten Ländern Europas. Da waren Deutsche, Oesterreicher, Ungarn, Franzosen, Engländer, Italiener etc. Da waren Dichter, Schriftsteller, Magnaten, Grandseigneurs, Lordschaften, Feldherren, Staatsmänner, Diplomaten, Publicisten etc. Goethe, Fürst Lobkowitz, Graf Kolowrat, Fürst Blücher, Fürst Schwarzenberg, Fouché, die Herzogin von Sagan, Louis Rohan, Fürst Metternich, Adam Müller, Frau Catalani mögen beispielsweise genannt sein. Gentz, der auch da war, kennt sie Alle, „dejeunirt“, „dinirt“ und „soupirt“ bei Allen und berichtet über Alle. Von Fouché z. B. sagt er in seiner frivolen Weise:

„Bei Fouché, dem ‚Duc d’Otranto‘, mache ich um ein Uhr unter dem Namen eines Dejeuner à la fourchette ein köstliches Diner und sehe die sehr liebenswürdige Duchesse und schöne Tochter aus erster Ehe. Gefiel mir ‚bei den Königsmördern‘ sehr wohl.“

Lord Stewart führt den Gentz bei dem Fürsten Blücher ein, und als der Letztere dem Fürsten Schwarzenberg zu Ehren ein Diner giebt, befindet sich auch Gentz unter den Geladenen, die im Uebrigen dem Stande der Militärs und der Diplomaten angehören. Bei diesem Diner wurde „nichts als Deutsch“ gesprochen. Gentz hält es für nöthig, dies als etwas sehr Seltenes, oder, wie er sagt, als etwas „Merkwürdiges“ hervorzuheben und zu bezeichnen.

„Merkwürdiges Diner!“ schreibt er wörtlich, „es wird nichts als Deutsch gesprochen!“

Wenn bei einem Diner, welches der (damals ebenfalls in Karlsbad anwesende) Lord Stewart giebt, „nichts als Englisch“ gesprochen wird, so findet Ehren-Gentz das ganz natürlich. Wenn aber bei einem Diner, das der größte deutsche Feldherr an einem Orte, wo die deutsche Sprache herrscht, einer Anzahl von Gästen giebt, deren Muttersprache deutsch ist, nur deutsch gesprochen wird, so findet das Gentz „merkwürdig“, um nicht zu sagen „bedenklich“.

Jetzt stehen wir Deutschen auf einem anderen Standpunkte. Im Auslande sprechen wir die Sprache des Auslandes. In unserem eigenen Hause sprechen wir unsere eigene Sprache. Wir sind nicht mehr genöthigt, und noch viel weniger stolz darauf, die Kleider anderer Leute zu tragen.

Der Fürst Bismarck, der sich hierdurch und noch durch manche andere Dinge von dem Fürsten Metternich zu seinem Vortheil unterscheidet, hat die deutsche Sprache auch in dem diplomatischen schriftlichen Verkehr eingebürgert, und wenn er mit einem Ausländer dessen Sprache spricht,[1] so versteht er in den Fällen, wo es noth thut, dem Ausländer auch bemerklich zu machen, dies geschehe nur aus besonderer Gnade. Dafür ein Beispiel:

Als Fürst Bismarck 1871 in Versailles mit dem klugen alten französischen Diplomaten Adolphe Thiers unterhandelte, bedienten sie sich Beide der französischen Sprache; denn Thiers verstand kein Deutsch, wie die Mehrzahl der französischen Diplomaten. Eines Tages fiel es Thiers ein, den Reichskanzler mit einer wahren Sündfluth französischer Phrasen zu überschütten. Darauf antwortet Bismarck wiederholt deutsch. Thiers stutzt und versteht nicht. Er fragt ganz bestürzt (natürlich französisch):

„Aber was ist Das? Jch verstehe Das nicht – diese Sprache! Warum sprechen Sie denn nicht Französisch?“

„Weil ich dazu nicht verpflichtet bin. Ich habe es bisher nur aus Gefälligkeit gesprochen.“

„Aber warum fahren Sie nicht fort Französisch zu sprechen?“

„Weil Sie die Verhandlung von dem Gebiete der Thatsachen auf das Gebiet der Phrase hinüber gespielt haben. Auf diesem Gebiete bin ich Ihnen nicht gewachsen, wenn wir Französisch sprechen. Deshalb spreche ich von nun an Deutsch.“

Thiers sah sein Unrecht ein. Er enthielt sich von nun an aller Phrasen. Bismarck sprach wieder Französisch, und die Verhandlungen nahmen einen gedeihlichen Fortgang.

Das nur im Vorbeigehen.

Kehren wir zurück zu dem Festmahl, das Fürst Blücher im Sommer 1818 in Karlsbad gab! Der unzweifelhaft vornehmste seiner Gäste war also der österreichische Fürst Schwarzenberg. Er hatte bekanntlich während der Schlacht bei Leipzig, welche Blücher durch sein energisches Vorgehen zu Gunsten der Verbündeten entschied, das formelle Obercommando. Schwarzenberg hatte sich aller höchsten Titel, Orden, Ehren und Würden zu erfreuen, mit alleiniger Ausnahme des Titels „Marschall Vorwärts“. Diesen Titel hatte das „Volk in Waffen“ nur dem alten Blücher verliehen, aber nicht dem Fürsten Schwarzenberg. Vielleicht hatte es sowohl zur Verleihung, wie auch zur Versagung seine besonderen Gründe. Aber wir müssen uns bescheiden, dieselben nicht zu kennen; denn das Volk unterscheidet sich dadurch von den Gerichten, daß es seinen Urtheilen keine Entscheidungsgründe beigiebt. Damit soll aber durchaus nicht gesagt sein, daß deshalb seine Urtheile schlechter wären, als die der Gerichte.

Genug, bei diesem Festmahl, welches Fürst Blücher dem Fursten Schwarzenberg und anderen mehr oder weniger ausgezeichneten Männern gab, ereignete sich Etwas, worüber Gentz schweigt, das uns aber von anderer Seite verbürgt ist, namentlich von dem preußischen General Ludwig Freiherrn von Wolzogen.

Bei Tafel herrschte von Anfang an eine gewisse Spannung. Man schien Etwas zu erwarten. Namentlich steckten die Diplomaten die Köpfe zusammen. Sie flüsterten unter einander. Das schickte sich eigentlich nicht an der Tafel eines Mannes, wie des Marschall Vorwärts. Aber dennoch, wenn man die Nachricht, [159] welche sie einander mittheilten, hätte verstehen können, würde man ihnen das Geflüster nicht allzusehr übel genommen haben.

Sie flüsterten nämlich einander ganz leise, heimlich verstohlener Weise in die Ohren, der Marschall Vorwärts werde die Tafelrunde mit einem Toast überraschen, und zwar mit einem Toast auf den Fürsten Schwarzenberg – und – das war noch das Interessanteste von Allem – sogar mit einem Toaste auf den Fürsten als Feldherrn. Das versetzte Alle in Spannung; denn der Marschall Vorwärts war zwar bekannt als glühender Patriot und als schneidiger Feldherr, als Mann von enormem Scharf- und Schnellblick und von unwiderstehlicher Thatkraft – Eigenschaften, die er bis in das höchste Alter hinein bethätigte, wo es Noth that, aber es war durchaus nicht seine Liebhaberei, dieselben in bloßen Worten kundzugeben. „Blücher als Redner“ – das gab’s nicht. Wenigstens wußte davon Keiner seiner Gäste. Sie wußten wohl, daß er es verstand, seine Armee mit kurzen kräftigen Worten zu packen und zusammen zu halten. Daneben wußten sie auch, daß er seinen Gedanken brieflichen und schriftlichen Ausdruck zu geben verstand, aber dieser Ausdruck war etwas eigenthümlich: Scharf, kurz, pikant, oft geradezu epigrammatisch, immer den Nagel auf den Kopf treffend, mit einem Worte oder mit ein paar Worten ein Ding oder einen Menschen genau charakerisirend. Aber zugegeben mußte andererseits wieder werden, daß seine schriftlichen Auslassungen aller und jeder Grammatik spotteten; daß sie nicht nur der Puttkamer’schen, sondern auch jeder andern Orthographie offenen Hohn entgegensetzten, und daß sie nur eine einzige Regel gelten ließen, nämlich die: „Schreibe wie Du sprichst!“

Um eine Probe zu geben, so schloß ein Brief, den Blücher kurz vor der Leipziger Schlacht schrieb, in dem er die Aussichten als günstig darstellte und den Eifer seiner Untergebenen lobte, mit der eigenthümlichen Wendung:

„Ob ich aber det misrabelig Faultir von enen franzeeschen Zigeiner rankriegen werde auf das Champ de Batalg – det weß ich nicht.“

Er meinte damit Bernadotte, den schwedischen Kronprinzen, mit dessen achselträgerischem Benehmen, Zögern und Ausweichen Blücher sehr unzufrieden war, und nicht Blücher allein.

Ueberhaupt pflegte der Marschall Vorwärts aus seinem Herzen keine Mördergrube zu machen und die Dinge bei dem Namen zu nennen, den er für den richtigen hielt, selbst auf die Gefahr hin, daß seine Ausdrücke nicht immer die feinsten und ausgewähltesten waren. Man pflegte das den „Blücher’schen Salonton“ zu nennen.

Auch über den Fürsten Schwarzenberg hatte Blücher oft ohne alle Umschweife und mit echt militärischem Freimuthe seine Meinung ausgesprochen, namentlich auch über die Fehler, die er bei Leipzig gemacht, wo er den größeren Theil der österreichischen Armee in das sumpfige Dreieck zwischen der Elster und der Pleiße postirt harte, von wo aus gar nichts zu machen war, und wo er Napoleon dem Ersten nach Lindenau zu ein Loch offen gelassen, durch das er denn auch richtig entwischt ist. Sonst wäre es da dem „Ersten“ ergangen, wie dem „Dritten“ bei Sedan.

Schwarzenberg war ein tüchtiger Mann, aber kein Feldherr. Es fehlten ihm die Eigenschaften Blücher’s. Er mußte sich zu sehr auf Andere verlassen und hatte keine glückliche Hand in der Auswahl seiner Vertrauensmänner. Auf der andern Seite muß man zu seiner Vertheidigung sagen: Seine Lage war außerordentlich schwierig. Er commandirte nicht ein einheitliches Heer, sondern einen aus einer Coalition zusammengesetzten kolossalen, aber gleichsam unorganischen Truppenkörper, der in Folge dieser seiner Schwäche sehr oft in Gefahr war, wieder in seine einzelnen Bestandtheile aus einander zu fallen. Hier aber, bei Leipzig, kam Alles auf richtiges Zusammentreffen und correctes Ineinandergreifen an. „Getrennt marschiren, vereint schlagen!“ Das war leicht gesagt, aber hier recht schwer auszuführen.

Zudem waren die Monarchen, aus deren Truppen die Armee zusammengesetzt, alle drei persönlich zugegen. Unzweifelhaft hatte Jeder von ihnen ein Necht auf das Ohr des obersten Commandanten, dem sie ihre Truppen anvertraut hatten.

Die drei Souveraine waren aber nur bis zu einem gewissen Punkte unter einander einig, in allen übrigen Dingen gingen sie weit aus einander. Rußland hatte bis jetzt nichts Großes geleistet; seine Armee hatte im Jahre 1812 beinahe ebenso sehr gelitten, wie die der Franzosen. Dagegen machte Kaiser Alexander Ansprüche auf ganz Polen und gedachte als der Agamemnon unter den verbündeten Herren zu glänzen.

Preußen wollte gründlich aufräumen in Deutschland und unter allen Umständen Napoleon stürzen. Daß dies allein helfen könne, darüber waren der überlegene, klare und höhere Blick eines Gneisenau und der glühende Haß, der richtige Instinct eines Blücher vollkommen einig. Auch Friedrich Wilhelm der Dritte wollte sein Land vollständig entschädigt wissen für die erduldeten entsetzlichen Leiden und unzweifelhaft sicher gestellt gegen die Wiederkehr derselben. Die Rheinbundstruppen hatten übel gehaust in seinen Landen, und vielleicht war es deshalb, daß er die Rheinbundsfürsten nicht allzu sehr liebte. Auch hatte sich Preußen, damals noch ein armes Land von nur fünftehalb Millionen Seelen, angestrengt, daß es solches spürte bis in das innerste Mark seiner Knochen; das wollte es nicht umsonst gethan haben.

Kaiser Franz und Metternich waren ganz anderer Meinung. Sie wollten die eigene Macht stärken und, so weit es zu diesem Zwecke nöthig war, die Macht Napoleons schmälern, aber bei Leibe nicht vernichten. Sie hätten ihm gern irgend einen Ausweg offen gelassen, sei es über Magdeburg oder über Erfurt. Sie wollten sich ihn zu Rathe halten, damit nicht die Preußen oder die Russen zu sehr in die Höhe wüchsen. Vor Allem aber fürchteten sie sich vor einem Nationalkrieg, wie ihn Preußen auffaßte. Sie wollten nur einen Cabinetskrieg. Der alte verderbliche Spruch: „Lieber zwei Provinzen verlieren, als an den deutschen Volksgeist appelliren“, galt hier noch immer. Man schwärmte für mittelalterliche Romantik oder für das, was man sich fälschlicher Weise darunter vorstellte. Man liebte die Rheinbundsstaaten, weil man sie unter habsburgischer Aegide gegen Preußen zu vereinigen dachte. Eine gleiche Stellung glaubte man in der italienischen Viel- und Kleinstaaterei einnehmen zu können. Man wollte die alte „Standesherrlichkeit“ wieder aufbauen, und haßte Preußen, obgleich es absolutistisch und weil es aufgeklärt und modern war.

So gingen in den Leipziger Tagen die Ansichten in den obersten Spitzen aus einander, und auch Jeder der Souveraine hatte wieder eine ganze Schaar von Vertrauensmännern und Rathgebern um sich, welche ebenfalls nicht einig unter einander waren. So war denn da eine Menge die Action lähmender, einander kreuzender und bekämpfender Einflüsse gewesen, unter welchen Niemand mehr gelitten, als der alte Marschall Vorwärts, der ohnedies stets einen bösen Zahn hatte auf die „Federfuchser“.

Es genügt, auf das Alles hinzudeuten, um es Sachkundigen begreiflich zu machen, wie man an der Tafelrunde in Karlsbad sehr neugierig war: erstens überhaupt eine Toastrede aus dem Munde des Marschall Vorwärts zu vernehmen – zweitens eine solche auf Schwarzenberg – und drittens eine auf Schwarzenberg als Feldherrn.

So saß man denn da in namenloser Spannung.

Nach dem Braten aber erhob sich der Fürst Blücher, und es gab eine feierliche, lange und bange Stille. Es war, als wenn ein Engel durch die Luft flöge.

„Meine Herren!“ sagte der Marschall Vorwärts, „trinken wir auf das Wohl eines Feldherrn, den wir die Ehre haben, in unserer Mitte zu sehen – eines Feldherrn, der drei Monarchen in seinem Hauptguartier hatte und dennoch den Feind schlug!“ –

Da war es denn kein Wunder, wenn Fritz Gentz der Meinung war, das sei ein „merkwürdiges“ Diner gewesen und es sei bei demselben „nichts als Deutsch“ gesprochen worden – – –

Ich habe keine verbürgten Nachrichten darüber, aber ich bin fest überzeugt, daß damals, 1818, in der Zeit der Denuncianten und „Demagogenfänger“, auch dem Fürsten Blücher sein Trinkspruch übel genommen wurde, und wenn er nicht der „Marschall Vorwärts“ gewesen wäre, dann hätte es ihm blühen können, von den „Kamptz- und Schmalzgesellen“ eingesteckt zu werden.

Wenn er aber einer nachträglichen Rechtfertigung bedurft hätte, so würde er sie in den Jahren 1870 und 1871 gefunden haben, wo an der Spitze der deutschen Armee, welche Napoleon den Dritten niederwarf, ein einheitlicher Wille stand. Statt der drei Adler von 1813, wovon verschiedene mehrere Köpfe besaßen, war es 1818 nur einer, und dieser eine Adler hatte nur einen [160] Kopf, und zwar einen sehr treuen und guten, und deshalb gelang das schwierige Werk 1870 schneller und besser, als 1813 und 1814.

Es wäre eine sehr dankenswerthe Aufgabe für einen Fachmann, eine Parallele zu ziehen zwischen 1813/14 und 1870/71, zwischen dem Kampf gegen Napoleon den Ersten und dem wider Napoleon den Dritten, eine Parallele zwischen dem, was wir mit den „hohen Verbündeten“, und dem, was wir Deutsche allein ausgeführt haben. Ich sage: ein solches Buch müßte geschrieben werden von einem militärischen Fachmann, aber doch für alle Nicht-Fachleute verständlich; denn an dem Ruhme unserer Waffen haben alle Deutsche den nämlichen Antheil.


  1. Bekanntlich ist der Fürst Bismarck unter Anderem auch ein Sprachgenie. Ebenso der Dr. Stephan, der Staatssecretär der Reichstelegraphen und Posten.