Ein literarischer Abend des alten Dresden

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Autor: A. v. Sternberg
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Titel: Ein literarischer Abend des alten Dresden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 572–574
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein literarischer Abend des alten Dresden.
Von A. v. Sternberg.

Die Uhr auf dem Neustädter Rathhause schlug sechs, als eine Reihe Wagen in die kleine Gasse am Kohlmarkt einfuhr und vor einem Hause mit einer ansehnlichen hohen Einfahrt und einem mit Quadersteinen gepflasterten Hofe stille hielt. Hier wohnte die Frau Reichsfreiherrin von der Recke, eine Dame aus dem kurländischen Adel und Schwester der schönen Herzogin Dorothea von Kurland. Sie gab heute eine ihrer literarischen Zusammenkünfte, die in Dresden in kurzer Zeit zu einer Art Berühmtheit gelangt waren und dieses theils der Persönlichkeit und dem Range der Gastgeberin, theils dem Umstande dankten, daß Tiedge, der Dichter der „Urania“, eines fromm didaktischen Epos im Geschmacke von Klopstock’s Oden, bei der Reichsfreiin als ihr immerwährender Gast und Hausgenosse lebte. Dieses Zusammenleben eines schönen Geistes mit einer Dame von Stande war damals nichts Neues, und bot durchaus keinen Stoff dar zur Bespöttelung oder zum frommen Kopfschütteln; das öffentliche Urtheil nahm es an wie etwas, was sich von selbst versteht und durchaus nichts gemein hatte mit jenen zärtlichen halbverschleierten Verhältnissen, die die Liebe knüpfte und das Geheimniß unter seine Obhut nahm. Man hatte die Fürstin Galitzin, eine Dame, die nach Deutschland kam, um die Philosophie zu studiren, mit Herrn Hemsterhuys herumziehn sehn; dann entschlüpfte aus dem gräflichen Hause zu Ziebingen eine der reizenden Töchter und schloß sich dem Dichter Tieck an. Endlich machte die Frau von Staël in Begleitung August Wilhelm von Schlegel’s ihre berühmten Reisen in der Verbannung, und in neuester Zeit haben wir Frau von Hahn mit ihrem Freunde, der zugleich ihr Führer und ihr Schutz war, ihre beschwerlichen Fahrten auf die Höhen des Libanons antreten sehn.

Drei hohe, mit alterthümlicher Pracht ausgestattete Räume waren an diesem Abende den Gästen geöffnet. Wer außer den Empfangabenden kam, fand Frau von der Recke mit ihrem Freunde in einem Cabinete, in welchem ein Kamin brannte und wo in einer Nische ein kleines grünes, hartgepolstertes Sopha sich befand, auf dem die Hausfrau ruhte, während ihr Freund ihr etwas vorlas. Heute war dieses Cabinet verschlossen, gleichsam das Allerheiligste war den Blicken entzogen. Eine Reihe von Kupferstichen, unter denen sich einige Gemälde von Hackert befanden, schmückte die Wände, die im Styl der pompejanischen Wandflächen bemalt waren. Die Kupferstiche stellten die Gegenden vor, die die Dame auf ihrer letzten Reise nach Italien besonders beachtet hatte. Zwischen diesen Bildern eingestellt befanden sich auf Consolen kleine Vasen und Büsten, und auf den Tischen und Commoden standen Alterthümer in Bronze. Dies war das erste Zimmer; das zweite enthielt als einzigen Schmuck der Hauptwand das lebensgroße Bild der Herzogin von Kurland, gemalt in der Mode zur Zeit des Consulats und die schöne Frau darstellend, wie sie sich träumerisch auf die Seitenlehne eines antiken Ruhebetts stützt. Man konnte den Zügen dieses Gesichts ansehn, daß es schwankte zwischen dem weltlichen Gelüste, zu gefallen als schöne Frau, und dem Bestreben, die Würde einer Fürstin festzuhalten. Die andern Wände nahmen Familienportraits ein, und man sah hier manchen ehrenvesten alten kurländischen Baron, steif wie die Lehne seines Stuhles, mit einem frommen und nichtssagenden Gesichte dasitzen, während neben ihm seine Gemahlin sich bemühte, mit zierlicher Handbewegung eine Nelke oder einen Vogel empor zu halten. Das dritte Gemach, in welchem ein Helldunkel herrschte, sehr vortheilhaft für den Teint und die Formen der alten Damen, die sich hier zusammenfanden, war in Form eines Zeltes mit Behängen von rosenrothem und weißem Mousselin bekleidet, und wurde von einer von der Decke herabhängenden antiken Ampel erleuchtet, die mit einer Kuppel von purpurrothem Glase bedeckt war. Hier standen die L’hombre Tische für die Herren, die ungestört von dem Geräusch der daranstoßenden Empfangsgemächer hier ihr „Spielchen“ machen wollten. Ein Amor von Alabaster, der in beiden Armen ein Bouquet Wachskerzen emporhielt, stand auf der Marmorplatte des Tisches unter dem alterthümlichen Spiegel. Diese Zimmer, die nach den Anforderungen, die man heutzutage macht, nicht für prächtig, nicht einmal für reich angesehen werden konnten, hatten etwas, was unsere Säle nicht an sich haben, sie gaben den Geist, die Eigenthümlichkeit, ja sogar den Charakter ihrer Bewohner wieder. Man wußte, wo man war. Man befand sich bei einer Frau von Stande, die sich mit der Literatur und den Künsten der Musen beschäftigte. Zugleich liebte diese Frau, eine Menge Antiken um sich her zu sammeln; dies zeigte an, daß sie bereits eine Reihe von Jahren durchlebt hatte, und daß sie, weit entfernt, es wie eitle Frauen zu machen, die die Zahl ihrer Erinnerungen sorgsam verstecken, es im Gegentheil vorzog, öffentlich das Zeugniß zu geben, daß sie sich eines langen, reichen Lebens mit Wohlgefallen erinnere.

Als die Wagen vorfuhren, schwebte eben Fräulein Hermione durch den Saal, um den Dienern, die ihr folgten, noch einige dunkel gebliebene Stellen der Eingangsthüre gegenüber zu zeigen. Dieses Fräulein, das nicht mehr jung war, hatte nichtsdestoweniger etwas höchst Anmuthiges in ihrem Wesen, und da sie stets unhörbar kam und verschwand, so wurde sie scherzend die Sylphe genannt. Sie war eine der vielen Pflegetöchter der Frau von der Recke, die sie in früher Jugend aufnahm, um sie, wenn sich eine passende Heirath für sie fand, reich beschenkt wieder zu entlassen. Als das Geschäft mit den Dienern beendet war, näherte sich Hermione einer jungen Dame, die in der Ecke im Fenster saß und in einem Notenhefte blätterte. Bei ihrer leisen Annäherung erhob sich die Träumende und ordnete rasch vor dem nahen Spiegel ihre schönen, dunklen Locken, die ihr nach der Mode der Zeit tief in die Stirne hingen. Ein weites Florgewand von blendender Weiße, dicht unter den Armen mit einem goldenen Gürtel fest gehalten, umschloß die schlanke jugendliche Gestalt, die unendlich viel Biegsamkeit und Leichtigkeit in ihren Formen zeigte. Ebenso war das Gesicht von einer Munterkeit im Ausdruck, die unwillkürlich mit sich fortriß; das Lächeln der dunkeln Augen, aus dem Schalkheit und Jugendfrische blitzten, war verführerisch. Mit einem Worte, diese junge Frau war in Allem, was reizte und gefiel, die Tochter ihrer Mutter, der berühmten Herzogin von Kurland; seit kurzer Zeit erst vermählt mit dem Erbprinzen von Hohenzollern-Hechingen. Zum Besuche bei ihrer Tante, nahm sie dieser einen Theil der Pflichten einer Wirthin ab, und sie war es, die diesen Salons Licht und Leben gab.

„Schon die Gäste!“ rief die Prinzessin; „und ist meine Tante sichtbar?“

„Noch nicht, die gnädige Frau sitzen noch in ihrem Cabinet.“

„So gehen Sie doch, liebes Hermionchen, und sagen Sie ihr, daß man schon kommt. Und auch an das Studirzimmer Herrn Tiedge’s klopfen Sie. Ich kann doch unmöglich ganz allein mit all den Leuten sein.“

Während die „Sylphe“ entschwand, wandte sich die schöne Prinzessin der Eingangsthüre zu, die sich öffnete und mehrere Herren und Damen einließ. Das Bewillkommnen ging vor sich, und es war, da die leichteren Umgangsformen, die von Paris ausgegangen, sich noch nicht bis hierher erstreckt hatten, von einer ermüdenden Ausführlichkeit. Die Titel durften nirgends vergessen werden, und der jungen Fürstin, die hier fremd war, fiel es schwer, sich auf diese oder jene seltsam klingende Würde zu besinnen. Zum Glück waren nicht alle Herren und Damen betitelt; die schönen Geister hatten gewöhnlich gar keinen Titel, und es war darum auch in dieser Beziehung leichter, mit ihnen zu verkehren. Ein kleiner buckliger Mann trat zuletzt herein, und auf diesen stürzte sich die Prinzessin, gleichsam wie auf einen Rettungsengel; dieser Mann war der Freiherr von Maltitz, ein bekannter und beliebter humoristischer Schriftsteller, der in diesem Kreise nie fehlte und einer der ältesten Freunde des Hauses war.

„Mein theurer Baron,“ rief die Prinzessin, indem sie sich an dessen Arm hing, „kommen Sie, lassen Sie uns die Tante aufsuchen, die wieder einmal in andern Welten schwebt und uns hier allein läßt.“

Der kleine bucklige Baron schlüpfte mit seiner schönen Gefährtin durch eine Tapetenthüre in einen Gang, der in das Arbeitscabinet Elisa’s führte. Die stießen hier auf Hermionen, die soeben zurückkam, ohne die alte Dame in ihrem Schreibzimmer gefunden zu haben. Sogleich kehrte der kleine Zug um, und begab sich auf andern Wegen in das Allerheiligste des Hauses, nämlich in eine nach dem Hofe gehende Stube mit einer kellerartigen Oeffnung und einer Treppe in den Souterrain versehen, die Herr Tiedge zu seinem Arbeitszimmer erkoren hatte. Durch diesen geheimnißvollen Eingang [573] und durch diese Treppe empfing der Dichter der „Urania“ diejenigen Besuche, die zu ihm kamen, ohne die Absicht zu hegen, sich von der Dame des Hauses erblicken zu lassen. Hier saß nun Frau von der Recke, vollkommen zur Soirée geputzt, und ging mit ihrem Freunde die Strophen eines Gedichtes durch, das ihr die Begeisterung, sehr wenig achtend auf passende Zeit und Gelegenheit, in diesen Abendstunden eingegeben.

„Mein Kind,“ rief sie zur Prinzessin und sprach ein paar Strophen laut vor sich hin, „wie findest Du diesen Gedanken? Nicht wahr, er ist schön, er ist erhaben? Aber was willst Du? Ist es schon Zeit? Soll ich kommen?“

„Gewiß sollen Sie kommen, meine engelgute Mama,“ rief der Baron, der als alter Freund des Hauses das Recht hatte, die edle Elisa mit diesem vertraulichen Titel anzureden.

„So werd’ ich kommen. Gib mir den Arm, mein Kind, daß ich mich stütze. Hab ich auch keinen Tintenfleck auf dem Kleide?“

„Keinen!“ rief der Baron, „aber hier – o hier ist ein Lorbeerblatt.“ Er ließ sich auf’s Knie nieder und löste vom weißen Gewande ein kleines Stückchen grünes Band ab.

Frau von der Recke war auf eine einfache, aber dennoch imposante Art geputzt. Da sich Niemand mehr puderte, puderte sie sich noch. Ihr Haar, stark toupirt, war aus der Stirn gestrichen und in einer vollen Wölbung auf dem Scheitel mit einer Art Krone von Flor, Spitzen und Band zusammengehalten. Diese Mode gab dem Gesichte etwas Matronenhaftes und dennoch nichts Altmütterliches. Man hätte denken können, eine altrömische Matrone vor sich zu sehen. Die Züge, obgleich sie spitz und hart waren, ersetzten an Würde, was ihnen an Anmuth abging. Der Hals, durch eine enganliegende Spitzenkrause mit einem Diamantschloß umkleidet, trug steif und ungebeugt das Haupt, in welchem zwei dunkle Augen funkelten, denen man etwas mehr Sanftmuth und etwas weniger Eigenwillen und Herrschsucht gewünscht hätte. Und doch galt Elise für das Modell einer edlen, sanften, liebevollen Natur. Sie war es nicht. Ihre Umgebung, und besonders Herr Tiedge, den sie ihren Freund nannte, hatte nicht selten von ihrer herrschsüchtigen Laune zu dulden. Sie ertrug nie Widerspruch und niemals durfte selbst ein Günstling es wagen, mit dieser Frau von einer harten, unerbittlichen Frömmigkeit wie mit einer andern sterblichen Matrone heiter zu scherzen und vertrauungsvoll sich ihr zu nahen.

So trat sie denn auch jetzt wie eine regierende Fürstin, auf den Arm ihrer Nichte gelehnt, in den Salon und empfing ihre schon versammelten Gäste ganz in der Weise, wie es Fürstinnen thun. Herr von Maltitz und Tiedge folgten den Damen.

Während Frau von der Recke ihre Gäste begrüßte, theilte Herr Tiedge mit leise klagender Stimme dem Baron mit, wie er heute sich übel befinde, wie „Mama“ zwar mit ihm ausgefahren sei, aber wie es nicht erlaubt worden, die Fenster des Wagens herabzulassen, so daß bei dem schönsten Frühjahrswetter auch nicht der kleinste frische Luftstrom seine Lunge berührt. „Und heute,“ klagte der Dichter, „soll ich einen ganzen Gesang meiner „Urania“ vorlesen! Wo die Stimme hernehmen? Ich fühle mich so welk, so matt wie eine Blume auf der Haide, die ihr Köpfchen hängen läßt.“

Und dabei lehnte der arme Sänger in Wirklichkeit sein Haupt leise auf die hohe Schulter seines Freundes. Aber ein Blick Elisens, den sie auf die Zurückbleibenden warf, brachte ihn schnell wieder in die Höhe, und mühsam die verkrüppelten Füße einen vor den andern setzend, beeilte er sich, seiner Freundin nachzukommen, indem er, den Finger auf den Mund legend, dem Baron ein Zeichen gab, kein Wort von dem eben Gesagten verlauten zu lassen.

Als Elisa ihren Platz eingenommen, gruppirten sich die Herren um sie her. Einige, und diese waren alte Freunde des Hauses, nahmen die drei bis vier Tabourets ein, die in der unmittelbaren Nähe der Dame und so gestellt waren, daß die Inhaber dieser Plätze demjenigen Ohre ihrer Wirthin nahe waren, das besser hörte als das andere. Zugleich liebte es Elisa, sich halb zur Seite biegend, mit einem geheimnißvollen oder schalkhaften Lächeln bald diesem, bald jenem ihrer Vertrauten etwas zuzuflüstern, ein Merkmal ihrer ganz besonderen Gunst. Heute saßen auf diesen Stühlen ohne Rücken und Seitenlehne der Oberconsistorialrath W., der Oberbibliothekar F. und der Dichter Winkler, der unter dem Namen Theodor Hell die Spalten der viel gelesenen Abendzeitung redigirte. Diese drei Herren gaben sich Mühe, ein feines und unterwürfiges Lächeln stets auf der Lippe zu haben und ihren Blick unausgesetzt auf ihre Gönnerin zu richten, um nicht den Moment zu versäumen, wo es dieser gefallen würde, etwas „bei Seite zu flüstern.“

Fünf Anstandsdamen, unter denen sich Eine befand, die noch Roth auflegte und Schönpflästerchen anklebte, flankirten auf der linken Seite der Wirthin, und die hohen Lehnen ihrer Stühle dienten einigen alten Herren, die über ihre Füße nicht ganz gut mehr disponiren konnten, zum Stützpunkte. Eine lange Ruhebank auf vergoldeten Füßen und mit rothem Damast überzogen diente dem jüngeren Theile der Gesellschaft zum Sitz, und hier saß die junge schöne Erbprinzessin von Hechingen, und über die Rücklehne der Bergère bog sich der Minister von Jänkendorff zu ihr, der unter dem Namen Arthur von Nordstern gern gelesene Beiträge in metrischer Form wie in Prosa dem Taschenbuche für Liebe und Freundschaft, das der Dichter Friedrich Kind herausgab, lieferte. Der Prinzessin zur Linken saß eine junge Frau von blühendem Aussehen, bekannt als Malerin und Dichterin, Frau von Hellwig, geborne Imhof. Vor ihr stand der geistvolle Baron Ernst Brunnow, der mit Herrn von Maltitz das Schicksal theilte, mit den Vorzügen des Geistes die Mißgestaltung des Körpers verdecken zu müssen. Das Gesicht dieses Mannes glich dem Bilde, das man sich von Hamlet macht: es herrschte darin ein düsterer Zug von Melancholie, gemischt mit einer Ader von Spott und Sarkasmus. Obgleich er demnach nicht schön war, so ruheten doch die muntern Augen der Frau von Hellwig mit ganz besonderem Wohlgefallen auf ihm, und sie schien sich’s angelegen sein zu lassen, allemal durch einen heitern Einfall die Wolken wieder zu vertreiben, die sich auf der Stirn ihres Lieblings sammelten. Frau von Hellwig hatte ihre Freundin mitgebracht, Charlotte von Ahlefeld, ebenfalls eine Schriftstellerin von Ruf, und beide junge Frauen saßen, Eine den Arm auf die Schulter der Andern gelegt, in einer Gruppe, die an ein Gemälde von Grassi erinnerte, der die allegorischen Figuren der Unschuld und der Freude auf diese Art dargestellt hatte. Diese Aehnlichkeit wurde auch sogleich von einer Gruppe Herren entdeckt, die in der Ecke des Zimmers sich aufgestellt hatte und von dort aus die Damen betrachtete, wie ein Blumenliebhaber ein schönes Feld seltener Blumen anschaut, deren Zusammenstellung und Pflege sein Werk ist.

Das Gespräch im Salon war ein Flüstern; es war gegen den Gebrauch, hier im Hause laut zu sprechen, eben so wenig, als es erlaubt war, zu lachen. Die Herren glitten über den Boden, indem sie ihre in schwarzseidene Strümpfe mit Schuhen und Schnallen gehüllten Beine zierlich und geräuschlos hinsetzten. Mit Anmuth beugte man sich über den Stuhl einer Dame, und man sah ihr in’s Gesicht mit einem überraschten und sanften Lächeln. Nie durfte die Conversation so lebhaft werden, daß man sie hörte. Von Zeit zu Zeit erhob sich die winkende Hand der Dame des Hauses, die bald diese, bald jene junge Dame herbeirief, die dann kam, sich tief verbeugte und mit niedergebeugtem Ohr die Worte aufnahm, die man ihr zugedacht hatte, und die oft in einer scherzhaften Zurechtweisung oder in einem mit einer kleinen Bitterkeit versetzten Lobe bestanden.

So angenehm und ehrenvoll auch dieses Alles war, so fanden sich doch einige Mißvergnügte, die die Gelegenheit benutzten, unvermerkt in den zweiten Salon zu entschlüpfen, wo „Vater Tiedge“ an einem kleinem Tische saß, den Wink seiner Freundin erwartend, um die „Vorlesung“ zu beginnen. Ein elegantes Exemplar der Urania, mit unzähligen kostbaren Einlegeblättern und Buchzeichen verziert, lag vor ihm aufgeschlagen, und der muntere Mann benutzte die Pause, wo er von seiner Gebieterin unbemerkt war, um mit dem jungen Anwuchs des Parnasses auf eine ungezwungene Art zu scherzen. Hier sah man Kinder mit Lockenköpfchen, die dem Vater Tiedge auf’s Knie hüpften und ihn um einen Kuß baten. Es befanden sich junge Mädchen von zwölf bis sechzehn Jahren dabei, künftige Sterne dritter und vierter Größe, die bereits angefangen hatten, ihre Verse der Abendzeitung in anonymen und pseudonymen Briefen zu übersenden. Um dieses kleine literarische Serail in Augenschein zu nehmen, eilten die alten Herrn ziemlich zahlreich zu ihren Spieltischen. Aber bei dem Nahen eines Uneingeweihten stob der kleine Schwarm rasch auseinander und verlor sich in die Winkel des Gemachs.

Neben Vater Tiedge, mit gleicher Freude wie dieser an dem jungen Anwuchse, saß Böttiger, berühmter Archäolog und Kunstkenner. Er war aus dem ersten Saale emigrirt unter dem Vorwande, seinem alten Freunde noch einige wichtige literarische Betrachtungen mitzutheilen, in Wahrheit aber, um den jungen Dichterinnen, [574] diesen Melusinen, Theodolinden, Thekla’s und Amenaiden Gesellschaft zu leisten. Das Gesicht des Verfassers der „Sabina“ hatte eine große Menge Züge aufzuweisen, die alle dasselbe ausdrücken, nämlich unbeschreibliches Wohlgefallen an jugendlichen und sich entwickelnden Reizen, und eben brachte er den ganzen Vorrath dieses Muskelspiels in Anwendung, als er zu seinem Schrecken bemerkte, daß eine Bewegung im ersten Salon stattfand, wodurch die Blicke einiger alten Damen in das Nebenzimmer gelenkt wurden.

Elisa erhob sich, um das Zeichen zum Beginn der Vorlesung zu geben. Sie legte die Fingerspitzen auf den Arm ihres Verwandten, eines Reichsgrafen von Medem, und dieser führte sie in den zweiten Salon. Der ganze Zug, Herren und Damen, folgte. Zugleich begab sich die Prinzessin von Hechingen an das Clavier, denn das Recitiren der Verse sollte mit Musik durchflochten und einzelne Lieder aus dem Texte, von Himmel componirt, frei vorgetragen werden.

Eine tiefe Stille herrschte im Gemache. Man hatte sich gestellt und gesetzt in einer gewissen Ordnung; die Herren standen, die Damen saßen. Die Thüren zum Spielzimmer waren geschlossen, denn dort saßen einige alte Herren, die, unbekannt mit den Reizen der Urania und wenig lüstern, sie kennen zu lernen, es sich nicht nehmen ließen, ihren Beifall oder ihr Mißfallen über die erhaltenen Karten, nebst einem Gezänk mit ihren Mitspielern laut werden zu lassen.

Während Herr Tiedge las, füllte sich der vordere Saal mit Gästen, die zu spät kamen und den Vortrag nicht stören durften, demnach nur durch Zeichen aus der Entfernung ein Einverständniß mit ihren darin sitzenden Freunden zu unterhalten suchten. Zu diesen Exilirten gehörten die beiden Brüder von Kügelgen, das seltne Zwillingspaar in der Kunst wie im Leben, Gerhard und Karl, der eine Landschaftsmaler, der andre Portraitmaler, Frau von S –, die geniale mimische Künstlerin, Fräulein von K –, die die Kunst besaß, auf bewundernswürdige Weise Silhouetten zu fertigen, und die daher immer mit einer Scheere und einigen Blättern schwarzes Papier sich in die Gesellschaft begab, und dann einige Herrn, die bereits aus einem andern literarischen Vereine kamen, aus dem poetischen Kreise, dessen Mittelpunkt „Philalethes“ war.

Die ersten funfzig Verse waren gesprochen und das erste Glas Zuckerwasser war geleert; es trat eine kleine Pause ein, während welcher sich die Zuhörer ihrer enthusiastischen Exclamationen entluden. Aber Elisa war mit ihrem Poeten nicht zufrieden. Sie schüttelte leise ihr Haupt, und Herr Tiedge, der auf dieses Zeichen achtete, senkte seinen Blick kummervoll auf die Blätter des Buches. Jetzt ergoß sich der Strom der Melodien. Es wurde das Verzweifeln einer Seele geschildert, die an Gott nicht glauben kann, dann aber, als sie die Pracht des Frühlings sieht, sich entschließt, ihre feindlichen Gefühle aufzugeben, um sich dem allgemeinen Zuge der Herzen zum Himmel anzuschließen. Die Stimme der schönen Prinzessin von Kurland hatte noch nie so seelenvoll geklungen, das Recitativ und der darauf folgende Chor von fünf Männerstimmen thaten ihre volle Wirkung, und die trüben Wolken auf Elisa’s Stirn begannen zu weichen.

Während der Accorde der Musik war ein bleicher, schlanker, noch junger Mann eingetreten, mit feinen, ausdrucksvollen Zügen und einer eigenthümlichen Senkung des Hauptes nach einer Seite. Dieser Mann blieb an der Thüre stehen, halb von einem Fenstervorhang versteckt, und lauschte. Er war jetzt bemerkt worden, und ein freudiges Geflüster ging den Kreis herum; es war der Held des Tages, der erschienen war, Carl Maria von Weber. Elisa erhob sich, und gefolgt von einigen ihrer Vertrauten, ging sie dem Gaste entgegen, eine Ehre, die hier im Hause nicht leicht Jemand empfing. Der berühmte Componist küßte die Hand der Dame und begleitete sie zu ihrem Platze zurück. Hier stellte er sich hinter ihren Stuhl und beantwortete die Fragen, die sie und die zunächst sitzenden Damen an ihn richteten.

Der Abend hatte hier seinen Höhen- und Glanzpunkt erreicht; von da ging es abwärts. Herr Tiedge las, aber man war nicht mehr sehr aufmerksam. Die Damen betrachteten Weber, und die Herren fingen an sich nach dem Souper zu sehnen, das im Nebenzimmer angerichtet wurde. Noch einmal ertönte die Musik, dann wurde das Clavier geschlossen, die Prinzessin erhob sich und erntete die Lobsprüche der Gesellschaft ein. Der Minister ging durch den Saal, indem er Herrn Tiedge an einem Arm und Frau von Hellwig am andern führte. Alles hatte sich erhoben und bewegte sich durch alle drei Säle. An den Spieltischen warf man die Karten zusammen, und ein paar alte Damen, die eingeschlummert waren, wurden erweckt, indem man sie anstieß und ihnen eine Prise Tabak anbot. Die geschminkte und gepuderte Excellenz benutzte einen günstigen Augenblick, um sich im Spiegel zu betrachten und ein lose gewordenes Pflästerchen wieder anzuheben. Fräulein von K–, an einem Seitentisch stehend, beschäftigte sich, unbemerkt die Silhouette Weber’s zu fertigen, und wurde darin gestört, indem ein Herr mit einem breiten Rücken und einem schwarzen Tituskopfe sich beständig zwischen sie und ihren Gegenstand stellte. Herr von Maltitz eilte mit flüchtigen Schritten durch den Saal, bald hier bald da einen lustigen Einfall anbringend, während Ernst von Brunnow, immer tiefsinnig und düster, aus einem Winkel die Gesellschaft beobachtete. Die beiden Brüder Kügelgen, einig in der Kunst wie im Leben, hatten sich zwei der schönsten Damen ausgesucht, und waren im lebhaften Gespräch mit ihnen begriffen. Der junge Parnaß tummelte sich in der Nähe des Speisesaals, durch den Spalt der Thüre hineinblickend und die Schüsseln und Lichter zählend, die in dem Heiligthume erglänzten.

Endlich eröffnete den Zug der Minister mit der im Range am höchsten stehenden Dame, ihm folgte die Dame des Hauses mit ihrem Verwandten, dann Paar auf Paar die übrigen Gäste. Man aß und trank gut und viel, und blieb weit über eine Stunde sitzen. Gesundheiten wurden ausgebracht, Trinksprüche, komische Reime. Mit einem Worte, der literarische Abend schloß heiterer und ungezwungener, als er begonnen. Jedoch blieb sich die Dame des Hauses immer gleich. Nie verließ sie das Gefühl ihrer Würde, nie entglitt ihr ein lautes Wort, ein Scherz, ein Lachen. Die Gesellschaft trennte sich, als die Neustädter Rathhausuhr halb elf schlug.




Hier hast du nun, mein Leser, einen literarischen Abend des alten Dresden. Nicht wahr, er ist etwas steif, etwas pedantisch, allzu förmlich? allein vergleichst Du ihn mit dem, was heutzutage diesen Namen trägt, so wirst Du finden, er hat seine unleugbaren Vorzüge. Vor allen Dingen: es war eine Vereinigung. Kann man aber das lose, zerstreute, in Form wie in Inhalt zerfahrene Zusammenkommen von Männern und Frauen, die sich mit der Literatur beschäftigen, heutzutage so nennen? Unsere Zusammenkünfte sollen natürlich und ungezwungen sein, aber sie sind roh. Unter dem Vorwande, sich frei zu äußern, sagt man sich Beleidigungen und tritt die Sitte mit Füßen. Es ist wahr, die Genialität fand keinen Platz in jenen Gesellschaften, sie stieß überall, wo sie sich zeigte, auf alte Verhacke und Regeln, auf Prüderie und Conventionalismus; allein ist das, was sich heute in unsern Salons breit macht, Genialität? O nein; es ist Salopperie, es ist ein Sichgehenlassen, es ist eine Unkenntniß der Form, die man bereits so lange nicht geübt, daß man sie vergessen hat. Und dann, was lernen wir noch aus jenen Gesellschaften? Daß bei allen literarischen Fehden es vier Stunden an einem Abende geben kann, wo sich die Talente vertragen, wo sie mit einander verkehren, ohne sich den Rücken zu kehren und sich einander auf die Hühneraugen zu treten, mit einem Worte, ohne den Streit aus den Büchern in den Gesellschaftssaal mitzubringen. Das ist etwas – was sage ich! das ist viel.