Ein unvergeßliches Schwesternpaar

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Autor: Ludwig Grobe
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Titel: Ein unvergeßliches Schwesternpaar
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 452–455
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein unvergeßliches Schwesternpaar.


Zugleich ein Blick in den „patriarchalischen“ Staat.


Am 15. December 1793 notirte der Thorschreiber des unteren oder Römhilder Thores zu Hildburghausen unter Anderm: „Seine Herzogliche Durchlaucht Prinz Karl von Mecklenburg nebst zwei Prinzessinnen Töchtern.“ Dies waren Louise und Friederike von Mecklenburg-Strelitz, welche ihrem Glücke entgegenfuhren, indem auf den Weihnachtsabend die Feier ihrer Doppelhochzeit zu Berlin festgesetzt war. Die jugendlichen Schwestern hatten bei einer Begegnung zu Frankfurt am Main die Herzen eines fürstlichen Brüderpaares gewonnen, welches die der französischen Revolution folgenden kriegerischen Ereignisse dahin gerufen.

Louise oder Keine sonst auf Erden,“ so tönte es wider in dem Herzen des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, während sein jüngerer Bruder Ludwig sich zu Friederiken hingezogen fühlte. Nachdem König Friedrich Wilhelm der Zweite zu Darmstadt die Geschwisterpaare verlobt hatte, reisten die Bräute in Begleitung ihres Vaters nach Hildburghausen, um ihre Schwester Charlotte zu besuchen, welche mit dem dort residirenden Herzog Friedrich vermählt war.

Während Louise als Königin von Preußen zur Zeit der tiefsten Erniedrigung des Staats und zugleich der höchsten Erhebung des Volksgeistes durch ihre Größe im Unglück die gefeiertste Frau ihrer Zeit wurde, blieb Charlotte, die gleichbegabte und gleich ausgezeichnete Schwester, an die Unbedeutendheit eines kleinen Hofs gefesselt, der noch außerdem nach einer kaum, und zwar durch eine kaiserliche Debitcommission, beseitigten Ueberschuldung des Ländchens, auf eine Einnahme angewiesen war, welche heute die erste beste Primadonna verschmäht. Daher ist ihr Name neben dem ihrer königlichen Schwester in der großen Oeffentlichkeit kaum genannt worden. Dieses Unrecht des Schicksals auszugleichen, die ihrer Zeit nur in beschränkten Kreisen würdig verehrte Herzogin Charlotte vollbürtig neben ihre Schwester Louise vor das Auge der lebenden Generation zu stellen, ist der Zweck dieses Artikels.

Charlottens Gemahl, der durch übel geleitete Erziehung wenig gebildete, aber talentvolle und wohlmeinende Herzog Friedrich, begann seine Regierung damit, daß er seine Hofhaltung möglichst einzuschränken suchte. Für das geistige Wohl des Volkes sorgte die Herzogin; mit ihrem Erscheinen durchwehte ein neuer, frischer Geisteshauch die Residenz an der Werra. Ja, es erscheint als ein Glück dieser Ehe, daß die Erziehung der Herzogin ebenso trefflich, wie die des Herzogs verwahrlost gewesen war. Ihr Vater, der damalige Erbprinz und spätere Herzog und Großherzog Karl von Mecklenburg-Strelitz, der zur Zeit ihrer Geburt, den 17. November 1769, als Gouverneur und Befehlshaber der englisch-hannöverischen Truppen in Hannover residirte, hatte nach dem Tode seiner Gemahlin Friederike Caroline Louise von Hessen-Darmstadt seinen sechs Kindern, deren ältestes, Charlotte, erst dreizehn Jahre alt war, in der Schwester der Verstorbenen, Charlotte Wilhelmine Christiane, eine zweite Mutter gegeben; sie gebar ihm den Prinzen Karl, einen Helden auf dem Schlachtfelde wie auf der Bühne, auf letzterer nicht nur als Schauspieler in seiner Darstellung des Mephisto, sondern auch als Dichter des Lustspiels „die Isolirten“ von Bedeutung, welches er unter dem Namen Weißhaupt erscheinen ließ.

Ein Mann von hoher Geistesbildung, Menschenkenntniß und Welterfahrung und erfüllt von den Ideen des Philanthropismus, überwachte der Vater auf das Sorgfältigste die Erziehung seiner Kinder, welche ein Fräulein von Wolzogen leitete, eine mit hervorragenden Geistesgaben ausgestattete Dame, die namentlich den Sinn für Poesie und Musik frühzeitig zu wecken verstand und somit zuerst die Bahn vorzeichnete, die namentlich Charlotte mit großem Eifer und Erfolg beschritt. Auch die Großmutter, Wittwe des Landgrafen Georg von Hessen-Darmstadt, nahm sich der Enkel liebreich an und sah sie oft an ihrem Hofe.

Am ersten September 1785 zog die Sechszehnjährige, schön wie ein Maimorgen, in ihrer neuen Heimath Hildburghausen ein, geleitet von ihren Eltern und Geschwistern Therese Amalie, nachherigen Fürstin von Thurn und Taxis, Friederike, die sich nach dem frühen Tode ihres ersten Gemahls mit Friedrich von Solms-Braunfels, dann mit Ernst August von Hannover vermählte, Georg, welcher im Jahre 1860 als Großherzog von Mecklenburg-Strelitz starb, und der elfjährigen Louise.

Die Neuvermählten, die sich vorher nie gesehen hatten, faßten eine innige Zuneigung zu einander, und bald äußerte sich ein sehr wohlthuender Einfluß der jungen Frau auf ihren äußerst gutherzigen und bildsamen Gemahl, dessen Schwächen sie mit feinem Tacte zu übersehen verstand. Während sie sich nicht direct in die Regierungsangelegenheiten mischte, wußte sie doch durch Vermittelung ehrenhafter Männer, die ihr volles Vertrauen besaßen, auf den Herzog einzuwirken, wenn es das Wohl des Landes galt.

Dreizehn Kinder, von denen jedoch sechs früh starben, entsproßten der glücklichen Ehe. Aber nicht nur ihren Kindern, deren Erziehung sie selbst mit äußerster Sorgfalt leitete, auch den Bewohnern des Ländchens war Charlotte eine wahre Mutter. Noch lebende Zeugen wissen nicht genug zu rühmen, wie sie, wenn es noth that, überall, auch persönlich, helfend und fördernd sorgte, soweit es die freilich mitunter sehr knappen Geldverhältnisse erlaubten. Eine Reihe von Schul- und Wohlthätigkeitsanstalten hat Stadt und Land ihrem Einflusse und der jugendlichen Energie des von Pestalozzi unterrichteten „Educationsrathes“ Dr. L. Nonne (nachmaligen Begründers der „Dorfzeitung“) besonders zu verdanken.

Für ihre weiteren Bestrebungen fand sie in Hildburghausen einen gut vorbereiteten Boden. Bald schaarte sich ein Kreis edler, für Wissenschaft, Ton- und Dichtkunst begeisterter Männer um die liebenswürdige Fürstin, die wie ein geschickter Bühnenleiter es meisterhaft verstand, einem Jeden die passendste Rolle zuzutheilen.

So übertrug sie die poetische Inscenirung der damals sehr beliebten theatralisch-musikalischen Feste, die nicht nur im Schlosse, sondern auch in Wald und Flur, namentlich bei der malerischen Ruine Straufhain, dem einstigen Sitze hennebergischer Grafen, und in dem nahe daran gelegenen herzoglichen Landsitze Seidingstadt veranstaltet wurden, dem Dichter Johann Christian Wagner. Einer Enkelin desselben verdanken wir die Mittheilung des schönen Pastellbildes, nach welchem unser Holzschnitt gefertigt ist, der die Herzogin in ihrer Jugendblüthe darstellt. Er war ein Hofpoet im edelsten Sinne des Wortes. Jenen Festen, vorher in langweilig verzopftem Damon- und Galatheastil, wußte er größeres Interesse, geschmackvollere Form und tiefern Gehalt zu geben. Besonders liebte es die Herzogin, solche Rollen zu wählen, die ihr Gelegenheit gaben, durch launige und witzige Worte oder durch heitern Scherz die Versammlung anzuregen. So liegt uns ein nettes Gedichtchen vor, welches sie als Milchmädchen recitirte. Alte Leute gedenken noch mit Freuden, wie einst der ganze Hof in Bauerntracht am sogenannten Eichelsbrunnen lagerte, wobei die [453] Hofmusici in Gestalt einer Zigeunerbande lustig aufspielten. Da nahte gravitätischen Zuges die ganze Gemeinde des nahen Dorfes Häselrieth und begrüßte unter Vortritt des Schulzen an ihrer Flurgrenze die neuen Standesgenossen, die sich durch eine reichliche Bewirthung revanchiren mußten.

Verbunden mit Wagner durch gleiches poetisches Schaffen war der Superintendent Christian Hohnbaum, der Rodacher Patriarch, „ein lebender Mann und doch ein Gedicht“, dessen Lebensbild C. Kühner in seinem Buche „Dichter, Patriarch und Ritter“ mit Meisterhand gezeichnet. Oft zog ihn die Herzogin in ihre vertrauten Kreise und veranlaßte ihn, ihre sinnigen Feste durch seine Lieder zu verherrlichen. Frisch sprudelte in den Hofcirkeln der Quell seines Witzes, und vor seinem freimüthigen und treffenden Worte hatte nicht nur manches schnippische Kammerkätzchen und üppige Hofjunkerchen, sondern sogar der Herzog selbst großen Respect. Dieser hatte dem Superintendenten einen „Gaul“ versprochen, der aber durchaus nicht kommen wollte. Da gab es einst an der Hoftafel sogenannte „Windbeutel“.

„Echtes Hofgebackenes,“ meinte Hohnbaum.

„Wie so?“

„Verspricht viel und hält wenig.“

Der Herzog nahm sich Das zu Herzen, und heimgekehrt fand Jener ein stattliches Pferd im Stalle. – Einmal sprach der Fürst bei dem Pfarrer Kühner zu Eishausen, dem Lehrer seiner Töchter, ein, wo Hohnbaum gerade anwesend war. Bei einem Gespräche über den großen Wildstand, der dem Bauer das Feld verwüste, entfiel diesem das Wort: „Ich glaube, Durchlaucht haben Ihre Hirsche lieber als Ihre Bauern.“ Da verließ der hohe Herr ohne Gruß das Zimmer und ging zornig im Garten auf und ab, mächtige Wolken aus seiner Meerschaumpfeife blasend. Bald war aber der Zorn verraucht, und er rief dem Superintendenten zu: „Brauchen nicht gleich so grob zu sein! Aber da, da, da – hab’ grad weiter nichts zum Verschenken, da nehmen Sie Das!“ Sprach’s, nahm seine Pfeife aus dem Munde und schenkte sie dem Freimüthigen.

Auch der „letzte Ritter des Frankenlandes“, wie ihn Jean Paul nennt, Freiherr Christian Truchseß von Wetzhausen auf Bettenburg, wie mit so vielen literarisch und poetisch thätigen Zeitgenossen, so auch mit der Herzogin Charlotte in regem Ideenaustausche, war ein Hauptmitglied an der Tafelrunde der Ritter vom Geiste zu Hildburghausen. Eine Strecke in dem die Bettenburg umgebenden prächtigen Parke, wo die Nachtigallen am schönsten sangen, nannte der Freiherr mit sinniger Anspielung auf die herrliche Stimme der Herzogin „Charlottenplatz“.

Wo Patriarch und Ritter weilten, durfte der Dritte im Bunde nicht fehlen; auch des Dichters Spuren finden sich in Hildburghausen: Friedrich Rückert verfaßte hier im Jahre 1808 seine ersten Jugendgedichte; auch im Jahre 1810 verweilte er daselbst einige Monate bei einem Oheim. Konnte auch den in der Stille Schaffenden das geräuschvolle Leben am Hofe nicht anziehen, so gelang es eifrigen Bemühungen doch, seine Muse dahin zu citiren. Davon zeugen drei liebliche Gedichte; das eine verfaßte er, als Prinzessin Theresa dem Kronprinzen von Baiern die Hand reichte, die beiden andern verherrlichen die Festlichkeit, als sich Prinzessin Louise drei Jahre später mit dem Erbprinzen von Nassau vermählte. Und als im Jahre 1814 einem aus Frankreich zurückkehrenden preußischen Kürassierregimente in Hildburghausen ein feierlicher Empfang zu Theil wurde, da rief Rückert den Tapfern mit Bezug auf die von einer am Regierungsgebäude angebrachten Tribüne herabschauende Fürstin zu:

Seht ihr sie wieder?
Kennt ihr sie schon?
Eure Louise,
Die euch zur Schlacht
Vom Paradiese
Lenkte mit Macht!
Denkt ihr der Theuern?
Sehet, der Euern
Schwester ist diese;
Naht mit Bedacht!

Unter denen, welche diese Truppen begrüßten, befand sich auch der vom Feldzuge glücklich heimgekehrte älteste Sohn der Herzogin, Erbprinz Joseph. Während Rückert mit seinem zurückhaltenden, mitunter schroffen Wesen dem Hofe fern blieb, hatte dagegen ein anderer Dichter mit demselben im intimsten Verkehre gestanden, unter dessen Aegide man Hildburghausen sogar zu einem Werra-Athen zu machen gedachte, nämlich Jean Paul, der von der gesammten gefühlsseligen Frauenwelt angebetete Lieblingsdichter Charlottens. Mit offenen Armen von seinen Verehrern und Verehrerinnen empfangen, saß er hier bald „recht weich“. Hören wir, wie er in einem Briefe an seinen Freund Otto die Herzogin portraitirt: „Erstlich denke Dir, male Dir die himmlische Herzogin mit schönen, kindlichen Augen, das ganze Gesicht voll Liebe und Reiz und Jugend, mit einer Nachtigallenstimmritze und einem Mutterherzen; dann,“ fährt er fort, „denke Dir die noch schönere Schwester, die Fürstin von Solms, und ebenso gut, und die Dritte, die Fürstin van Thurn und Taxis, welche Beide mit mir an einem Tage mit den gesunden und frohen Kindern ankamen. … Diese Wesen lieben und lesen mich, und wollen nun, daß ich noch acht Tage bleibe, um die erhabene schöne vierte Schwester, die Königin von Preußen, zu sehen, Gott wird es aber verhüten.“ Dies ist jedenfalls so zu verstehen, als graue ihm, wie vor der Götter Neide, vor so einem außerordentlichen Glücke. In der überschwenglichsten Weise aber feiert er die Schwestern in der Vorrede zu dem ihnen gewidmeten „Titan“, was wir dort nachzulesen bitten.“*[1]

Wie der Dichter für die Herzogin schwärmte, sehen wir ferner aus einem anderen Briefe vom 27. October 1799, wo es heißt: „Ich wußte voraus, daß der Hof in Seidingstadt war, wo ich heute auf eine Nacht hinfuhr. Die schöne Herzogin war gerade bei meinem Einfluge hier und ließ mich sogleich auf ein paar Minuten vor dem Einsteigen kommen. Außer einer Geliebten weiß ich nichts Schöneres als diese süße Gestalt. Hätt’ ich nur Zeit und Wetter, eine Woche lang blieb ich unter ihrem Dache. In Seidingstadt logirt’ ich im Schloß – die Herzogin sang, sowie man sie besingen sollte – ich las ihr vor. Sie und der Mann nöthigten mich zum zweiten Tag und sie fuhr im regnerischen Abende mit mir in eine zwei Stunden ferne schöne Gegend.“

Der Mann, das heißt der Herzog, hatte nämlich mit ihm zuerst nicht viel Wesens gemacht, merkte aber bald, daß der Dichter auch in materiellen Dingen kein Kostverächter war; er sah mit Betrübniß, daß er sich nicht genug Spargel genommen, und pries ihm das zarte Fleisch eines Hirschkalbes an, das der leckere Gourmand aber nicht sonderlich fand. Im Eifer der Unterhaltung soll der Verehrer von Frau Rollwenzel’s trefflichem Gebäcke einst an der Hoftafel sämmtlichen Johannisbeerkuchen aufgezehrt haben, so daß nichts mehr da war, als er weiter gereicht werden sollte. Ueberhaupt wirkt der Gegensatz von sphärenhafter Ausdrucksweise, gefühlsseliger Schwärmerei und materieller Gesinnung in Jean Paul höchst komisch. Wir sind nämlich so indiscret, aus seinen Briefen zu verrathen, wie er unmuthig darüber war, daß, was er sich durch den Hof an Gasthofessen und Trinken erspare, der Bader wieder forttrage, da er sich den „verdammten Kinn-Igel“ öfter scheeren lassen müsse.

Schließlich machte ihn sein Wohlgefallen an einem guten Tropfen Hildburghäuser und Ilmenauer Bier bei Hofe unmöglich; denn derselbe böse, dem Gerstensaft entstiegene Dämon, der ihn einst beim „Hofbüttner“ auf das Bett warf, so daß er, zu Hofe befohlen, nicht in der Verfassung war, zu erscheinen, packte ihn zu Ilmenau mit eiserner Faust und verhinderte ihn, in die Arme seiner Geliebten, Caroline von Feuchtersleben, zu eilen, mit der ihn Herder, nebst Wieland auch ein gern gesehener Gast Charlottens, verloben wollte. Es scheint, als ob die Lösung dieses Herzensbundes dem Dichter nicht viel Schwierigkeiten bereitet habe; er wandte sich nach Meiningen, von Herzog Georg auf das Wärmste empfangen, und später nach Coburg. Aber weder hier noch dort hielt der flatterhafte Liebling der Musen lange Stand; doch zog es ihn immer wieder nach Hildburghausen zu der angebeteten Herzogin zurück.

Wenn diese auf dem Gebiete der Poesie zwar anregend, doch nicht selbst schaffend wirkte, so leistete sie dagegen in musikalischer Hinsicht ganz Außerordentliches. Und da mag Jean Paul in seiner Schwärmerei kaum übertrieben haben, wenn er sagt, sie singe „wie eine Himmelssphäre, wie ein Echo, wie aus Nachtigallen gemacht“; denn sie war nicht etwa Dilettantin, sondern Virtuosin, ja, wir können kühn behaupten, eine der größten Sängerinnen ihrer Zeit. Von der Natur mit einer silberreinen, volltönenden

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Die Gartenlaube (1874) b 454.jpg

Herzogin Charlotte von Hildburghausen.
Nach einem Pastellbilde aus dem herzoglichen Schlosse.


und sehr biegsamen Stimme begabt, erhielt sie ihre erste musikalische Bildung durch den Italiener Giuliani in Hannover und übte, als dieser Unterricht mit ihrer Vermählung aufhörte, ihre Kunst unter anderen Meistern rastlos weiter. Auch ihren Gemahl, der sie in den Hofconcerten mit der Violine zu begleiten pflegte, wußte sie dafür zu begeistern. Ihre Lieblingscomponisten waren Sarti, Martini, Paisiello, Cimarosa, Graun und Mozart, dessen „Titus“ und „Entführung“ sie wieder besonders bevorzugte. Mit dem Sänger und Componisten Righini aus Bologna, der italienische und deutsche Musik vortrefflich zu vereinigen verstand, sang sie in Berlin oft Duette, wenn sie dort zum Besuche bei ihrer königlichen Schwester war. Und nicht nur ein begünstigtes Publicum bei Hofe durfte ihren Tönen lauschen, auch den geringsten Bürger der Stadt erfreute sie wenigstens einmal im Jahre mit ihrem Gesange, indem sie die Sopransoli in Graun’s „Tod Jesu“ übernahm, ein Oratorium, welches während der Charwoche alljährlich in der Stadtkirche zu Hildburghausen aufgeführt wurde. Ohrenzeugen wissen namentlich die feierliche Rührung ihres Vortrages der Recitative und Arien nicht genug zu preisen. „Mit jedem Tone,“ sagt der berühmte Componist Goethe’scher, Schiller’scher und Klopstock’scher Gedichte, der preußische, dann westphälische Capellmeister Joh. Fr. Reichardt, in seinem „Musikalischen Wochenblatt“, „schien sie ihr eigenes, begeistertes Gefühl auf die Zuhörer zu übertragen, und keiner erschien als leerer, bedeutungsloser Klang; alle sprachen sie in ihrer Silberreinheit, gleich einer Sprache höherer Wesen, zum Herzen und erregten bei dem empfänglichen Zuhörer dasselbe hohe Gefühl, welches in ihr selbst lebte.“ Auch spielte sie gut Clavier, wobei sie ihr Gemahl mit der Violine oder der bedeutendste aller Clarinettisten, der sondershäusische Capellmeister Hermstedt, mit seinem Instrumente begleitete, dessen bevorzugter Schüler, der noch lebende hochbetagte Kammermusikus Mahr, [455] uns manch schätzenswerthe Erinnerung aus jenen Zeiten mitgetheilt hat.

Zum letzten Male, es war im Jahre 1816, sang die Herzogin in Schiller’s Glocke von Romberg, der sein und des Dichters Werk selbst dirigirte. Denn viele musikalische Größen genossen die Gastfreundschaft des Hofes. Da entzückte das herrliche Violin- und Harfenspiel des Spohr’schen Ehepaares die Hörer, abwechselnd mit Methfessel’s lustigen und feurigen Weisen. Auch Ludwig Böhner, der musikalische Ahasver, schlich öfter, das Notenpacket unter dem Arme, um das Schloß herum und fand trotz seines gar nicht hoffähigen, abgeschabten Fräckleins gute Aufnahme, er, der ein thüringer Mozart hätte werden können, wenn nicht seine vielfachen Schrullen und üblen Angewohnheiten uns diesen Stolz geraubt hätten.

Die Hofcapelle, deren wirklicher Intendant die Herzogin war, erfreute sich in der musikalischen Welt eines guten Klanges und zwar unter der Direction des jugendlichen Johann Lorenz Schneider aus Burgpreppach in Franken, der später für Coburg gewonnen wurde, wo er als hoher Neunziger starb. Namhafte Mitglieder waren unter Andern der Componist von „Dein Wohl, mein Liebchen“, Johann Andreas Zöllner, der als Oboist und Contrapunktist bekannte Heuschkel aus Harras, der Lehrer Carl Maria’s von Weber, welcher hier einige Zeit wohnte, und des Cellovirtuosen Dotzauer aus Häselrieth.

Auch der dramatischen Kunst wandte die Herzogin ihre volle Theilnahme zu. Man spielte bei Hofe oder im Hoftheater, wozu ein früherer kunstsinniger Fürst ein ehemaliges Ball- und Fechthaus, das mit den Schloß-Parkanlagen in Verbindung stand, hatte herrichten lassen. Jetzt spottet man freilich über das verwetterte Gemäuer an der Werra, mit seinen zugigen Logen, kellerartigem Parterre und der halsbrechenden, mehr einem Tartarus als einem „Olymp“ ähnelnden Gallerie, Alles das umhangen von einigen ornamentalen Pappen- und Lappenfetzen, die von früherer Herrlichkeit zeugen. Man soll aber nicht vergessen, daß zu einer Zeit, da viele andere deutsche Städte und Residenzen, die jetzt mit herrlichen Gebäuden prunken, nicht im Entferntesten daran dachten, sich einen derartigen Raum zu beschaffen, derselbe zur Hebung und Belebung des Kunstgeschmackes vortreffliche Dienste geleistet hat.

Der Herzog verschrieb, freilich für theures Geld, Sänger, Schauspieler und Tänzer in Ueberfluß nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Frankreich und Italien. Decoration und Garderobe waren prächtig. Da sah man die Meisterwerke des Corneille, Racine und Voltaire in Reifröcken, himmelhohen Frisuren, Schuhen mit kothurnähnlichen Absätzen als Costüm einer Dido oder Iphigenie in italienischer und französischer Sprache aufführen. Doch treffen wir bereits auch Spuren von „Herrn Lessing“, und von da an brach sich die deutsche Kunst auch hier mit Macht Bahn.

Unter den berühmten Operncomponisten, die auch hier ihren Tactstock schwangen, heben wir besonders Ditters von Dittersdorf hervor, den echten Volkstondichter, der hier die lustigen Weisen seines „Doctor und Apotheker“, „Hieronymus Knicker“ und „Orpheus der Zweite“ ertönen ließ.

Rührend ist es, zu vernehmen, wie die Muse der Tonkunst tröstend und ermuthigend selbst noch am Sterbelager der Herzogin weilte. Sie hatte, um ihre bereits wankende Gesundheit zu stärken, eine Reise nach der Schweiz gemacht; bald nach der Rückkehr wurde sie auf ihr letztes Krankenlager geworfen. In Trauer umstanden dasselbe die Verwandten, welche von überall herbeigeeilt waren, in Rathlosigkeit die Aerzte. Da kam das Gerücht, Hermstedt sei angekommen, und bald ertönte im Nebenzimmer sein herrliches Spiel.

„Das ist mein bester Arzt,“ äußerte freudig überrascht die Kranke und fühlte sich wunderbar gestärkt.

Aber auch dieser konnte nicht helfen. Sie starb am 14. Mai 1818. Ihre entseelte Hülle deckt auf dem Friedhof zu Hildburghausen – denn unter ihren Mitbürgern wollte sie ruhen – eine kolossale eherne Leuchte, das rechte Bild ihres Lebens und Strebens.

Wie innig die Liebe war, die sie mit ihren Geschwistern und vor Allem mit der Königin Louise verband, dafür zeugt noch heute ein vergessenes Denkmal, dessen Abbildung die nächste Nummer der Gartenlaube bringen soll.

Dr. L. Grobe.



  1. * Auch mitgetheilt im Jahrg. 1860 der Gartenl., S. 213. D. Red.