Eine Nichte Klopstock’s

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Textdaten
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Autor: Adolf Ebeling
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Titel: Eine Nichte Klopstock’s
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 674–676
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Eine Nichte Klopstock’s.


„Rathen Sie einmal,“ schrieb ich vor einigen Tagen an eine befreundete Dame in Köln, die ich seit Langem als eine große Verehrerin des Messiassängers kenne, „rathen Sie einmal, was für einen Besuch ich diesen Nachmittag gemacht habe! Doch nein, Sie rathen es nie und nimmer und wenn Sie sich den Kopf auch noch so sehr zerbrächen.“

Dieselben Worte kann ich jetzt dem Leser zurufen, und auch er würde sich gleichfalls vergeblich bemühen, wenn es ihm nicht der obige Titel bereits verrathen hätte. Aber er wird mir gewiß Recht geben, daß der Fall interessant genug ist, um ausführlicher darüber zu berichten. Eine wirkliche, leibliche Nichte Klopstock’s, eine Tochter seines jüngeren Bruders, lebt hier in Metz und ist jedenfalls eine der interessantesten Persönlichkeiten, die durch die Eroberung der Reichslande wieder ihre ehemalige deutsche Nationalität gewonnen haben.

Zufällig, wie so oft im Leben, bin ich zu der Bekanntschaft mit dieser Dame gekommen, die noch dazu als Hamburgerin meine nächste Landsmännin ist und die ich jetzt fast als meine Verwandte betrachten möchte, denn meine Großeltern waren mit der Klopstock’schen Familie sehr befreundet. Der Archivar auf der hiesigen Präfectur, dessen Familie ebenfalls deutschen Ursprungs ist und mit dem ich seit einem Jahr täglich verkehre, hatte mir freilich schon früher manchmal gesagt, daß er jeden Sonntagnachmittag eine alte Tante besuche, die er in hohen Ehren halte.

„Sie ist über achtzig Jahre alt,“ erzählte er mir eines Tages, „eine Hamburgerin von Geburt und, was Sie besonders interessiren wird, eine Nichte von Klopstock.“

Im ersten Moment meinte ich, daß der Mann scherzte. „Eine Nichte von Klopstock!“ rief ich verwundert, „wie ist das möglich?“

„Ebenso möglich,“ entgegnete der Archivar lächelnd, „wie Sie der Neffe eines Ihrer Oheime sind … wenn Sie es indeß nicht glauben wollen,“ fuhr er fort, „so begleiten Sie mich, ich stelle Sie meiner Tante gern vor, und Sie werden ihr sehr willkommen sein.“

Natürlich ließ ich mir das nicht zweimal sagen; ich sagte eine vorher projectirte Spazierfahrt nach den Schlachtfeldern ab, und wir machten uns sofort auf den Weg.

Die Tante des Archivars wohnt in einem Hause am Mosel-Quai, der nach den Lustgärten der Esplanade führt, mithin im schönsten Stadttheile, und die Aussicht von ihrem Wohnzimmer umfaßt das ganze herrliche Thal, mit dem Strom, mit Wäldern und Weinbergen und mit vielen Dörfern auf dem weiten Höhenzuge, wo auch die gewaltigen Forts liegen, was man Alles nie genug bewundern und beschreiben kann. Sie wohnt übrigens nicht allein, sondern mit ihrer gleichfalls verwittweten Tochter, und beide Damen scheinen sich in ihrer stillen, freundlichen Häuslichkeit sehr glücklich zu fühlen. Hier wird es mir aber wohl gestattet sein, nur von der Mutter allein zu reden. Der Archivar stellte mich als Landsmann, das heißt als Hamburger vor, und wir befanden uns bald in einem sehr lebhaften und für mich äußerst interessanten Gespräche. Wie durch einen Zauberschlag stand auf einmal meine ganze Jugendzeit vor mir und mit ihr die frühesten Erinnerungen meiner Kindheit. Aber was waren diese Erinnerungen gegen diejenigen der alten Dame, die fast drei Viertheile eines vollen Jahrhunderts umfaßten! Ich sehe noch das wehmüthige Lächeln in ihren sanften, gealterten Zügen, als ich im Laufe der Unterhaltung bemerkte, daß ich seit bald zwanzig Jahren meine Vaterstadt nicht wieder gesehen. „Ich seit sechszig Jahren nicht,“ entgegnete sie. Aber wie frisch und klar war trotzdem ihr Gedächtniß geblieben, und wie lebendig und getreu schilderte sie zum Beispiel das Klopstock’sche Haus in der Königsstraße und das dicht daranstoßende meines Großonkels, seines langjährigen Freundes.

Nach Klopstock’s Tode lag freilich noch ein ganzes Menschenalter dazwischen, bis ich als Kind in jenem Hause aus- und einging, oft mit schwerem, zagendem Herzen, und zwar aus Furcht vor Madame Meyer. Diese Madame Meyer hatte dort nämlich eine Knabenschule errichtet, und ihr verdanke ich mein erstes Bischen Wissen im Lesen, Rechnen und Schreiben, das sich aber ohne die tägliche Nachhülfe meiner Großmama daheim wohl auf Null reducirt haben würde. Madame Meyer war eine grämliche Alte, die in ihren dürren Fingern stets ein langes Lineal hielt, mit dem sie uns bei dem geringsten Versehen unbarmherzig auf die Hände schlug, mir namentlich bei dem Einmaleins, das mir nicht in den Kopf wollte. Aber wie oft beim Kommen und Gehen schaute ich zu der weißen Marmortafel hinauf, die über der Hausthür prangte und auf welcher mit goldenen Buchstaben eine lange Inschrift stand, von der ich heute nur noch die erste Zeile weiß: „Hier wohnte und dichtete Klopstock.“

Und in eben diesem Hause hatte die alte Dame, die mir gegenüber saß, gleichfalls ihre Kinderzeit verlebt, aber um einige vierzig Jahre früher, also noch im vorigen Jahrhundert. Sie wußte demungeachtet besser Bescheid darin als ich: die enge Treppe mit dem schweren balustradenähnlichen Holzgeländer und der großen spiegelblanken Messingkugel am Ende; oben nach vorn die zwei Wohnzimmer Klopstock’s, beide damals mit grünen Tapeten und Vorhängen; in dem hinteren Zimmer die kleine Thür, die mein Großonkel hatte durchbrechen lassen, um dem Freunde näher zu sein und nicht über die Straße gehen zu müssen, wenn sie des Abends ihre traditionelle Schachpartie machten. Von diesen Schachpartien wußte die Tante (sie heißt eigentlich, nach ihrem Gatten, Madame Kämmerer, aber ich bitte den Leser, mir zu erlauben, den obigen gemüthlicheren Titel beizubehalten) viel zu erzählen. So unter Anderm den Umstand, daß der gute Klopstock, der sonst die Milde und Sanftmuth selbst war, über jede Störung während des Spiels sehr ungehalten wurde, zumal ihm mein Großonkel die meisten Partien abgewann. Dieser hatte schon deshalb leichteres Spiel, weil er leider so gut wie ganz taub war.

Manchmal kam auch noch der alte, fast erblindete Büsch hinzu (eine andere Celebrität Hamburgs), der sich die Stellung der Figuren sagen ließ und dann Klopstock mit seinem Rathe unterstützte, was wieder mein Großonkel nicht hören konnte.

„Wir Kinder,“ erzählte die Tante weiter, „mußten unterdessen unten im Parterrezimmer bleiben und sehr still sein, wenn wir nicht vor der Zeit zu Bette gebracht werden wollten. Einmal, wo wieder die drei Herren oben waren, banden wir einen kleinen Blumenstrauß und hätten ihn gar zu gern hinaufgebracht, aber wir wagten es nicht. Endlich mußte ich als die Jüngste daran. Ich schlich mich leise und auf den Zehen in das Zimmer; Büsch sah mich nicht und Ebeling hörte mich nicht; der Onkel indeß drohte mir mit dem Finger, nahm mir aber doch den Strauß ab und küßte mich. Dann lief ich wieder davon und meinte, eine wahre Heldenthat vollbracht zu haben. Ich war damals sechs Jahre alt.“

„Die Geschichte spielte also im vorigen Jahrhundert,“ ergänzte ich, „mithin vor etwa vierundsiebenzig Jahren.“ (Büsch starb bekanntlich schon Anno 1800.)

[675] Bei dieser Gelegenheit bestätigte sich wieder die bekannte psychologische Erfahrung, daß alte Leute sich ihrer ersten Jugendeindrücke weit besser erinnern als der späteren dazwischenliegenden Zeiten.

„Wäre es vor vierzig oder fünfzig Jahren passirt,“ sagte die Tante, „so würde ich es wahrscheinlich lange nicht so gut wissen.“

Bei Klopstock’s Tode (am 14. März 1803) war sie bereits elf Jahre alt, und sie befand sich unter den weißgekleideten Mädchen, die mit Rosen- und Eichenkränzen vor dem Leichenwagen gingen, dem ein Prachtexemplar der Messiade auf schwarzem, silbergesticktem Sammtkissen nachgetragen wurde[1], wie man sonst hohen Verstorbenen ihre Ordenssterne nachträgt …. hier wog dies eine Buch wohl alle Ordenssterne auf. Auch von dem Leichenbegängniß selbst, bekanntlich eines der großartigsten und glänzendsten, das je einem deutschen Dichter und Schriftsteller zu Theil geworden, hatte sie eine Menge Einzelheiten im Gedächtniß behalten. Am ergreifendsten war der Moment der Ankunft in Ottensen vor der Meta-Linde, wo aus der zurückliegenden, weitgeöffneten Kirche brausende Orgeltöne herausschallten, während ein zahlreicher Männerchor den ersten Vers des berühmten Klopstock’schen Vaterunsers sang – vielleicht eines der erhabensten Gedichte unserer gesammten Literatur:

Um Erden wandeln Monde,
Erden um Sonnen,
Aller Sonnen Heere wandeln
Um eine große Sonne:
Vater unser, der du bist im Himmel!

Der weite Kirchhof und die angrenzenden Straßen waren schwarz von Menschenmassen. Tausende knieten nieder und schluchzten und weinten laut, und unter den Klängen jenes Gesanges wurde der Sarg in die Gruft gesenkt, mit Blumenkränzen und Lorbeerzweigen überschüttet …. ein geliebter Landesfürst, ein König hätte nicht schöner und herrlicher bestattet werden können. Wochen und Monate lang pilgerten die Bewohner von Hamburg und Altona täglich hinaus, um das Grab zu besuchen, das man bis auf den heutigen Tag und mit Recht ein heiliges Vermächtniß der deutschen Nation nennen darf – „Saat von Gott gesäet, dem Tage der Garben zu reifen.“

Die gute Tante hatte Thränen in den Augen, als sie mir dies erzählte, und der Leser wird mir gewiß gern glauben, daß ich nicht minder gerührt war. Neunundsechszig Jahre waren seitdem vergangen und das elfjährige Mädchen, das einst unter den Hauptleidtragenden an dem Sarge unsers großen deutschen Dichters gestanden – als deutscher Dichter war Klopstock jedenfalls einer der größten! – saß mir jetzt als achtzigjährige Matrone gegenüber. Gewiß ein seltsames Spiel des Schicksals.

Die würdige Frau gewann indeß bald ihre frühere Heiterkeit wieder und zeigte mir nun verschiedene Andenken aus jener längst entschwundenen Zeit: – Bücher, Bilder, Portraits und Medaillen, unter den letzteren die schöne, jetzt so selten gewordene, große silberne Medaille, die man gleich nach Klopstock’s Tode, aber nur in sehr wenigen Exemplaren prägte: auf dem Revers die trauernde Polyhymnia am Grabe des Dichters. –

Wie war aber die Tante, trotz ihrer deutschen Geburt, Französin geworden und nach Frankreich und endlich nach Metz gekommen? Eine sehr nahe liegende Frage, die sich uns um so lebhafter aufdrängt, als es sich hier um ein Mitglied aus einer der deutschesten Familien im ganzen Vaterlande, der Klopstock’schen, handelt. Die Antwort ist einfach. Fräulein Klopstock verheirathete sich im Jahre 1811, also zu einer Zeit, wo Hamburg bereits dem napoleonischen Kaiserreiche einverleibt war, mit dem Sohne des französischen Obersten Kämmerer, der gleichfalls, wie schon der Name sagt, deutscher Abkunft war, und ihr Gatte wurde auch sofort als Beamter an der hamburgischen Postverwaltung, die natürlich damals eine französische war, angestellt. Die jungen Eheleute machten darauf die ganze schwere Zeit mit, die über Hamburg hereinbrach: die schreckliche Beschießung im Mai 1813 und den Einzug des Marschalls Davoust, der die unglückliche Stadt mit Feuer und Schwert verwüstete, den Bankschatz von vier Millionen Thalern raubte, eine Contribution von fünfzig Millionen Franken mit grausamer Härte eintrieb und gegen zehntausend unschuldige und friedliche Einwohner durch Niederbrennen der Vorstädte in wenig Tagen um Obdach und Habe brachte. Als die Franzosen endlich Hamburg räumen mußten, ging auch Kämmerer nach Frankreich zurück, natürlich in Begleitung seiner jungen Gattin, die auf diese Weise ihre Nationalität wechselte. Ihr Vater, Klopstock’s jüngerer Bruder, der als Privatgelehrter und Literat in Hamburg lebte, war bereits gestorben; wer weiß, was sonst geschehen wäre, namentlich wenn der alte Klopstock selbst ein Wort mitzusprechen gehabt hätte.

Das Ehepaar zog nach Longwy, einem festen Städtchen im Moseldepartement, hart an der luxemburgischen Grenze, wo der Gatte das Amt eines Postdirectors bekleidete und zwar bis zu seinem Tode im Jahre 1834. Ihre einzige Tochter verheirathete sich gleichfalls an einen Postbeamten, und als auch dieser gegen Ende der vierziger Jahre gestorben war, siedelten beide Wittwen nach Metz über, hauptsächlich um ihren dort lebenden französischen Verwandten, zu denen auch der oben erwähnte Archivar gehört, näher zu sein. Dort lebten sie still und zurückgezogen in sorgenfreier, gemüthlicher Häuslichkeit – und dort leben sie noch heute. Die Mutter, die ich hier stets die „Tante“ genannt habe, ist mittlerweile achtzig Jahre alt geworden, aber noch von seltener Geistesfrische und auch körperlich ganz gesund und wohlauf. Ich kann es mir schon meiner Leserinnen wegen nicht versagen, hier noch schließlich ein flüchtiges Portrait von ihr zu entwerfen. Sie erinnerte mich ganz an die alte Pflegemutter in der Stifter’schen Erzählung „der Hagestolz“: „eines jener schönen alten Frauenantlitze, die so selten sind. Ruhige, sanfte Farben waren auf ihm und jedes der unzähligen kleinen Fältchen war eine Güte und eine Freundlichkeit.“ Auch die „schneeweiße, gekrausete Haube“ und die „feinen silbernen Haarlöckchen“ fehlten nicht; die Haube war überdies noch mit violettem Seidenband zierlich garnirt und von einer breiten gleichfarbigen Schleife unter dem Kinn zusammengehalten. Das lichtgraue, seidenglänzende Kleid paßte ganz dazu, fast wollte es mir etwas zu jugendlich erscheinen; aber wenn ich dann wieder in die klaren und so überaus freundlichen Augen der Dame hineinsah, auch das lebhafte Mienenspiel ihres Gesichtes und ihre leichten Bewegungen betrachtete, so konnte ich mir nur schwer einreden, daß sie bereits das sechszehnte Lustrum überschritten und daß das erste Decennium ihres Lebens noch dem vorigen Jahrhundert angehörte. Und doch hatte auf die blonden Locken dieses nun ergrauten Hauptes einst der Dichter Klopstock seine segnende Hand gelegt und das blühende Mädchenantlitz geliebkost und gestreichelt, wenn die Kleine ihr Pensum gut hersagen konnte; dann auch erzählte sie mir, wie sie bei dem Onkel buchstabiren und lesen gelernt hatte. Wahrlich eine andere und ungleich schönere Erinnerung, als die meinige, freilich in demselben Hause, aber bei der häßlichen Madame Meyer.

Die harte Belagerung von Metz vor zwei Jahren machten Mutter und Tochter muthig und, Dank ihrer vielen Freunde, ohne weitere Noth und Entbehrung mit; jetzt aber, wo Stadt und Land wieder deutsch geworden sind und es sich auch für unsere beiden Damen um die Wahl einer Nationalität handelte, haben sie sich sofort für Deutschland entschieden.

„Wenn man Klopstock heißt,“ sagte mir die Tante mit leuchtenden Blicken, „so kann man nur für Deutschland optiren.“

Ein nobles, echt deutsches Wort und ganz des großen Oheims würdig. Die Tochter theilt diese Gesinnung, und die Damen sprachen dieselbe schon offen aus, als sie noch nicht einmal sicher waren, ob die Reichsregierung auch die französischen Pensionen und Jahrgehälter mit übernehmen würde. Jetzt wissen wir längst, daß dies in liberalster Weise geschehen wird, aber wenn es auch nicht der Fall wäre, so hätte es wohl nur eines Winkes nach Deutschland hinüber bedurft, um in dieser Beziehung sofort alle Besorgniß zu heben. Gottlob ist das nicht nöthig, aber manchen Leser dieses Blattes dürfte meine Mittheilung dennoch erfreut haben, und er denkt vielleicht jetzt mit größerer Theilnahme nach der Hauptstadt von Deutsch-Lothringen hinüber, seitdem er weiß, daß eine Nichte des Sängers der Messiade (zugleich der letzte Nachkomme dieses Mannes) in ihren Mauern weilt.

Die Tante selbst lebt ganz in dieser Erinnerung. Sie hat merkwürdiger Weise, obwohl sie seit sechszig Jahren nur selten Gelegenheit fand, Deutsch zu sprechen, ihre Muttersprache nicht vergessen und liest noch oft in den Gedichten ihres großen Oheims. Dann sitzt sie am Fenster ihres freundlich und sauber [676] ausgestatteten Zimmers, das mir fast wie ein kleiner Tempel vorkommen will, und schaut hinaus in die weite herrliche Mosellandschaft, wenn die dunkelblauen Berge im fernen Abendfeuer leuchten und glühen …. die rothen und goldenen Wolken der hier untergehenden Sonne bilden ja zugleich die Aurora der aufgehenden für die andere Hälfte unserer Erde. Den gewöhnlichen Wunsch „Langes Leben!“ können wir der guten verehrten Frau allerdings nicht widmen, weil sie bereits ein so hohes Alter erreicht hat, wie es nur wenig begünstigten Menschen hienieden zu Theil wird – wohl aber ein sanftes Scheiden und – denn …

Das Grab ist nur die dunkle Pforte,
Die in das lichte Jenseits führt –

ein seliges Erwachen.

Metz, September 1872.

Adolf Ebeling.




  1. S. unter Anderm „Klopstock’s Gedächtnißfeier von Dr. F. J. L. Meyer. Hamburg 1803“.