Einsegnungs-Unterricht 1909/1. Stunde

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Einsegnungs-Unterricht 1909
2. Stunde »
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1. Stunde.
Lied 149, 1. 2. 4. Psalm 25, 1–8.


Gebet: O Herr Jesu Christe, der Du in Gnaden, weil Du die Armut der Deinen reichlich erfahren und erlitten hast, verheißen wolltest, daß, wo zwei oder drei in Deinem Namen versammelt, Du mit Deiner Weisheit, Kraft und Stärke bei ihnen weilest, verleihe uns allen die Gnade, daß wir in Deinem Wort unser Leben erkennen und aus Deinem Wort unser Leben fruchtbarlich bessern, bis wir dereinst mit allen Heiligen nach der Angst und Sorge des Lebens unser in Dir verklärtes Bild erschauen und bei Dir leben mögen in Ewigkeit. Amen.












 Es ist ganz gewiß das Allerbeste, was ein Mensch seiner Seele und der Arbeit, die seiner Seele befohlen ist, tun kann, wenn er aus der Welt mit ihrer tausendfältigen Unklarheit, mit ihren Anforderungen, die nicht erfüllt, mit ihren Verheißungen, die nicht eingelöst, mit ihren Sorgen, die nicht getröstet werden können, auf den ewigen Grund aller Dinge flüchtet und mitten im Sturm der Zeit und in der Angst des Lebens, in der Furcht des Kommenden und in der Reue des Vergangenen an den sich hält, der alle Tage und ihren Wandel überdauert, bis der letzte Tag das letzte Werk erschaut. Wir müßten gewiß mit Recht alle in der Irre gehen und wären um Trost gerade an diejenigen gewiesen, die nicht trösten können, nämlich an uns selbst und an unsre Umgebung, wenn wir nicht immer wieder wie Leute, die keinen andern Trost wissen und ohne alle Aussicht auf dem Meere hintreiben, zu dem einen Gestade Seines Wortes, zu der Kraft, die im Worte wirkt, unsre Zuflucht suchen und nehmen könnten und uns mit aller unsrer Kleinheit, Armut, Schuld und Not, mit den Sorgen, die in Seinem Weltplan so viel und doch so wenig, so wenig und doch so viel bedeuten, auf ihn uns zurückziehen dürften, um zu sagen: Hilf Du uns! Schließlich ist das ganze Christenleben, also auch das Leben im einzelnen Beruf der Christenheit, wie wirs treiben,| ein einziger himmelanstrebender, weil aus der tiefsten Not der Unbesinnlichkeit geborner Ruf: „Herr, hilf mir.“ Das ist ja das Wesen alles religiösen Lebens, daß es nicht mehr auf sich, sondern daß es auf ein anderes Leben außer ihm sich zurückbezieht, das da mächtig und groß genug ist, alles Leben in seine Hand zu nehmen und alles Leben zu verklären. Wir haben die Fragen an unsern Herrn immer wieder zu stellen und an diesen beiden einfachen Fragen unser ganzes Leben zu orientieren: „Woher komme ich und wohin gehe ich?“ Es ist ein unermeßner Abgrund von Geheimnis und Heimlichkeiten und Wunderrätseln, die Er dazu gemacht, daß sie in unserm Leben die einzelnen Glaubensartikel und Glaubenswahrheiten bilden: woher wir gekommen sind. Ob ich im Blick auf meinen Leib sage: Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat, oder ob ich im Blick auf meine Seele bekenne: Ich glaube, daß Jesus Christus mich erlöst hat, oder ob ich in Hinsicht auf meine Lebensentwicklung das zugestehe: der heilige Geist hat mich gerufen – immer sind dies die Geheimnisse des dreieinigen Gottes um eine Menschenseele, die Wahrheiten, die im Lauf eines Lebens erfahren und erlebt werden müssen. Das ohnehin so schwere, rätselvolle, wechselreiche Leben würde zu einer unerträglichen Last werden, zu einer Unsumme von Fragezeichen, auf die Antwort zu geben niemand Lust trägt, zu einem solchen Schreckbild von Möglichkeiten, wenn wir nicht immer wieder unser ganzes Dasein auf ein Wort einstellen könnten, und dieses Wort heißt Gott und ich. Man wird im Lauf des Lebens müde, von Zwischenursachen viel zu reden, weil man merkt, daß man auf Zwischen- und Mittelursachen sich so viel einläßt, daß die Hauptursache zurücktritt und schwindet. Man hat es allmählich satt, von all dem zu reden, was im Leben an scheinbaren Aeußerlichkeiten, an Wendungen, Verwicklungen, Aenderungen sich zugetragen hat, und versucht das Rätsel zu lösen, indem man glaubt. Denn Glaube ist nichts andres, als das Rätsel seines Lebens dem befehlen, der es geschürzt und gegeben hat, und die Fragen in seinem Leben dem befehlen, der sie aufgeworfen und erweckt hat. Glauben heißt nichts andres, als vom Sichtbaren los und ledig werden und den Grund seines Ich in der geheimnisvollen Gottesmacht suchen. Es hat mir niemand beweisen können noch bewiesen, von wem ich herkomme; es hat niemand den ersten Grund meines Daseins mir aufgezeigt. Eben darum, weil einerseits das Geheimnis mich ängstet, andrerseits ich doch das Geheimnis wissen muß, wenn ich nicht gedankenlos hindämmern soll, nehme ich die Kraft und wähle mir die Macht, mit der ich alles, was| mich betrifft, beherrschen und überwinden kann, und diese Kraft heißt Glaube.

 Ich glaube! Wir stellen uns freilich mit dieser Macht aus der Reihe der Erfahrungen, denn der Glaube geht der Erfahrung voraus, wie er andrerseits der Erfahrung folgt. Wir hoffen, daß der Glaube uns zunächst die Kraft gibt, über uns selber und über unser Leben ruhig zu werden; wir merken, es treibt alles dahin; wir spüren es, daß alles zu einem Ziel hingeht; es geschieht nichts ziellos unter der Sonne. Es ist uns klar und wird uns immer klarer, daß jeder Tag zur Lösung einer Aufgabe etwas beiträgt; sei es, daß diese Aufgabe als eine zu schwere von uns zurückgewiesen wird, wodurch wir uns freilich den Vorwurf des Ungehorsams zuziehen, sei es, daß jeder Tag einen neuen Opfergang bedeutet, in dem wir Gehorsam lernen, bis wir ihn kennen und im Gehorsam auch die Kraft zu neuer Arbeit empfangen. Wir glauben! Ich meine, wenn eine Christin diese Kraft, die da das Unbegreifliche und Uebersinnliche und Ueberverständliche in sich schließt, in ihr Leben einsenkt und hereinnimmt, wird sie eine Heldin. Wir haben dann wenigstens einen einheitlichen Grund all unsrer Dinge und ein einheitliches Ziel aller unsrer Kräfte. Wir gehen hinein in eine Welt der Rätsel, in eine Menge von Fragen; wir treten heran an große Aufgaben und wissen gar nichts von ihnen, als daß sie uns gestellt sind, und daß der, der sie stellte, auch eine Kraft in sich hat, die groß genug ist, um den Menschen, den er beauftragt, zum Vollzug des Auftrags auszurüsten. Wenn unter uns im Lauf der Jahre der Glaube wächst und unser ganzes Leben, je mehr die äußeren Stützen, die Mittelursachen, wie ichs vorhin nannte, brechen und sich entziehen, auf den Unsichtbaren sich stellt, desto leichter wird es uns, die Sichtbarkeit zu tragen und zu überwinden. Je mehr ein Menschenleben ganz einfach, schlicht, unscheinbar seine Kräfte aus der es umgebenden Gotteswelt in Wort und Weisung zieht, desto klarer und durchsichtiger wird das Leben. Was es umgibt, das bleibt dunkel und ernst, aber was es gibt, das wird hell und licht und klar. So habe ich auch gemeint, in das Leben dieser Dienerinnen des Herrn Jesu die drei Worte hineinwerfen zu dürfen, an denen schließlich jedes Gottesleben, jedes Christenleben sich besinnt. Ich habe geglaubt, die 3 Worte für diesen Einsegnungsunterricht nehmen zu sollen: Berufung, Beruf und Berufe, wobei jedem einleuchtet, daß die Generalüberschrift das Wort Berufung bildet, die Folge dieses Wortes die Tatsache der Beruf ist und dieser Beruf sich in einzelnen Schattierungen vollzieht.

|  Eine Berufung, Ein Beruf – Ein Ausgang und Ein Ziel; mancherlei Weise dieses Ziel zu erreichen, mancherlei Wege zu der einen großen Erfüllung des Gottesgedankens, mancherlei Art; aber Ein Herr. Denn indem wir von dem Wort Berufung sagen und damit jedem Gedanken wehren, als ob unser Leben irgendwie von Zufälligkeiten abhängig sei, haben wir den andern Gedanken, der vorhin angedeutet wurde, mit hereingenommen: Wohin geht unser Leben? Das merkt man: eine Zeitlang geht das Leben eben fort; es sind, wenn ich so sagen soll, Ansätze im Leben, die gewiß Gott geordnet hat, als ob man hier auf Erden sich ansiedeln, einwohnen dürfte: Das ist die Breite des Lebens, wo der Neigungswinkel fehlt, wo man sich auf dieser Erde einrichtet. Es geht eine Zeitlang in einem gewissen geordneten Gang fort: kleine Unterbrechungen können das Ganze nicht aufhalten noch stören. Mancherlei Einschnitte im Leben sind so unscheinbar, daß sie schnell überwachsen und überwuchert werden; da kommt der Herr auf einmal und gibt dem sich hier ansäßig machen wollenden, den Heimatsinn verlierenden Leben eine Neigung nach abwärts für die Jetztzeit und eine Richtung nach aufwärts für die Ewigkeitswelt. Er hat die Aufgabe an uns übernommen, unserm Leben zur rechten Zeit die Erkenntnis beizubringen, daß es ein Ziel hat und wir davon müssen. Unser Volk sagt sehr tiefsinnig: in den Tag hineinleben, während wir aus dem Tage herausleben müßten. Man bringt sein Leben zu, weil faktisch das Leben uns beherrscht; man richtet jeden Tag so leidlich aus, weil in der Tat der Tag unser Herr geworden ist; aber so darfs nicht sein. Gott der Herr muß unserm Leben ein Ziel geben, und das spüren wir, wie mit den mehrenden Jahren und mit der Minderung der Gabe die Aufgabe wächst. Es ist ein ganz eigentümliches Verhältnis und Verhängnis im Christenleben, daß der treue und allmächtige Gott auf diese Weise uns zur Ewigkeit erzieht, daß Er, wenn man auf der Höhe des Lebens steht, uns wieder von neuem in allerlei Niederungen und Senkungen führt, und daß Er damit das Verlangen zur Ewigkeit, wo Anforderung und Gabe, wo Kraft und Leistung einander völlig entsprechen, erweckt. Wenn also in unserm Herzen die Aufgabe des Christenstandes in ihrer ganzen Größe, in ihrer alles hineinnehmenden Bedeutung, in ihrer alles umfassenden Wichtigkeit und Wirklichkeit eingeht, dann sehen wir, es reicht der Ort nicht mehr, da wir’s ausrichten und die Zeit reicht nicht mehr hin, in der wir’s ausrichten; je mehr wir das einzelne erfassen wollen, desto mehr entschwindet die Gesamtarbeit und je mehr wir der Gesamtarbeit nachgehen, desto mehr vergeht das einzelne. Wir| wollen großzügig werden und üben im kleinen nicht Treue; wir wollen treu im kleinen werden und verlieren den weiten Gesichtspunkt: wir werden pedantisch und wollten treu sein; wir werden leichtfertig und wollten groß sein; wir werden großartig und wollten doch verleugnend sein. Es ist merkwürdig, wie Gott der Herr, um einen Menschen auf die Ewigkeit sich freuen zu lehren, falsche Winkel einstellen muß. Ueberall drängt uns auf einmal eine bisher nicht gekannte Welt; von allen Seiten dringt in uns eine Menge von Beziehungen, Aufgaben, Arbeiten herein, an die wir gar nicht dachten und die doch so nahe lagen; wir merken erst, wieviel tausend Menschen an uns ein Recht haben: es wird uns bange, wie wir auch nur einer Arbeit genügen sollen. Und da tritt das Wort an uns: Mensch, gedenke, daß du ein Ziel hast; und das Ziel heißt: „Ihr sollt vollkommen sein, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Ich meine, wenn wir einmal den Blick auf unsre Dürftigkeit gerichtet haben, welche die Aufgabe kaum ansieht, geschweige denn an sie sich wagt, und wenn wir hineinsehen in das, was noch zu leisten ist, dem gegenüber wir mutlos die Hände sinken lassen, so ist es ein furchtbares, ich möchte fast sagen höhnendes Wort, wenn es nicht aus dem Munde des ewigen, mitleidigen Hohenpriesters käme: „Ihr sollt vollkommen sein.“ Wir wissen, daß all unser Werk Stückwerk ist; wir sehen, wie ein einziger Teil das Ganze verdirbt. Haben wir einmal etwas leidlich fertig, so kommt die Angst über uns, ob nicht ein falscher Beweggrund den ganzen Teig versäuert, der eben fertig gegoren und gebacken ist. Ist einmal etwas erreicht, so möchten wir es zertrümmern und können nimmer: es ist fertig, es steht vor dem Herrn. Wir möchten nicht die edle Ader aus dem Werk herausmeißeln, sondern aus dem wenigen Edlen das ganz Unedle herausbrennen: es ist vorüber, es ist vorbei. Und nun steht den Menschen, die von der Reue und in der Reue täglich leben, das Wort wie ein unsichtbares fernes und unerreichbares Ideal vor Augen, wie ein holder Traum, der die Wirklichkeit um so düsterer erscheinen läßt, das Wort: Ihr sollt vollkommen sein. Also die zwei Erkenntnisse habe ich im Glauben: Ich bin ausgegangen von dem Vollkommenen und um zu Ihm zurückzukehren muß ich vollkommen sein. Ich komme her als ein Meisterwerk von einem großen Künstler, und damit er sein Werk an mir erkenne, muß ich immer mehr ein Meisterwerk werden. Jetzt wird das Leben, das sich eine kleine Weile in der Breite ergehen wollte, so geängstet und die Arbeit des Lebens so ernstlich schwer, und alles, was in diesem Leben uns auferlegt, so sehr bedeutsam und niemand kann uns von diesem Gedanken befreien. Ja, wir können wohl große, große| Zeiten unseres Lebens, ohne die beiden Fragen woher? und wohin? beantwortet zu haben, erleben: das sind eben dann verlorne Zeiten. Und statt daß wir das ganze Kapital auf diese große Aufgabe hinwenden, zertrümmern wir es durch allerlei Gleichgültigkeit und Untreue und Leerheit des Wesens; und je größer und ferner die Aufgabe wird, desto ärmer wird die Kraft sie zu lösen. Aber noch einmal sei es gesagt: auch die schreckhafte Gewißheit ist besser als ein Traum, und wenn man einer Tatsache gegenübersteht, ist es besser, als wenn man eine Tatsache mutmaßt. Daß wir von Gott berufen sind, das glauben wir; und daß wir zu Gott hinberufen sind, das erkennen wir; und zwischen Glauben und Erkennen muß nun das Leben sich bewegen.
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 Aber liegt denn in diesen beiden Fragen: Wohin und woher? das Ganze, was wir brauchen, ist denn in diesen beiden so großen Antworten: „Ich glaube, daß mich Gott geschaffen“ alles enthalten, was uns not tut? Ich meine, wir sollten mehr darauf hinsehen, welch ein großer Trost in dem durch das heilige Gotteswort gehenden Zuspruch liegt: Ihr seid berufen. Also hat jemand, ehe wir’s ahnten, der treue Gott, ehe wir Ihn kannten, uns alle gerufen; Er hat, da niemand um uns sich annahm und niemand unseres Lebens Entwicklung kannte, eine zweifache Tätigkeit, wie der Römerbrief aufzeigt, an uns geübt. Er hat uns vorher erkannt und hat uns vorher bestimmt. Er hat uns vorher erkannt. Wie wunderbar, daß Gott einen Menschen mit dem gesamten Einschlag der Sünde, mit der Gesamtwirkung seiner Missetaten, mit seinen Unarten und Verkümmerungen und Verirrungen ganz genau vorher erkennt und schafft ihn doch; wie rätselhaft, daß Gott der Herr mein ganzes armes Leben mit all dem, was zu Gott und von Gott gewollt, bei all den Veräderungen, Verästelungen und Verzweigungen durch und durch überschüttet hat und dann, obwohl Er sich selber eine große, schwere und leicht zurückschreckende Aufgabe gestellt, uns ins Dasein gerufen hat. Er spricht von vorne herein: „Du hast mir Mühe gemacht mit deinen Sünden“, und dennoch, nachdem Er einmal den Willen gefaßt mich zu schaffen, läßt Er nicht von ihm, sondern stellt mein Leben in die Erscheinung. Wie geheimnisvoll: Er, der Gott, der ganz genau weiß, daß mein Leben eine Menge von Abirrungen darstellt, leitet es dennoch in die Wege. Er hat auch einen Judas, den Verräter, von dem selbst der Heiland sagt: Es wäre besser, er wäre nie geboren, geboren werden lassen; und obwohl Er uns vorher erkannte, mit all dem, was wir sind und nicht sein sollen, nicht sind und sein sollten, hat Er uns auch vorher ein Ziel bestimmt. Und diese beiden Momente beschließen die Berufung. Er hat, nachdem| Er ganz genau durchforscht hat, was wir können und vermögen, und nachdem Er dort eine Gabe, hier eine Gefahr, dort ein Sehnen zu Ihm, hier einen Weg von Ihm genau erschaute und erfaßte, ein großes, unbestimmtes, leitendes und herrliches Ziel uns gegeben; und dieses Ziel ist in Vorherbegrenzung und Vorherbestimmung. Er hat dem Strom der Sünde einen Damm gezogen, und der Menge der Trauer einen Trost verordnet und der großen Aufgabe die rechte Gabe zugerüstet und der rechten Gabe die rechte Pflicht zur Seite gestellt. Er hat mich berufen, ich bin Sein Berufener und das bin ich zunächst mit allen Menschen.
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 Ich bin ein Berufener mit allen Menschen. Sage nicht, was hat dieser Mensch für eine Aufgabe und was hat jener für ein Geschäft; frage nicht, wozu ist dieser Mensch auf der Welt und wozu ist jener bestimmt, sondern schließe dich in die große Menge aller derer ein, die da berufen sind. Gott hat dich berufen, nicht als wenn aus einem Quell, ohne daß ers wüßte und aufzuhalten vermöchte, eine Wasserader um die andre entquillt, nicht als wenn der Regen wahllos fällt und Felsen streift und befeuchtet; du bist nicht kraft eines von Ihm einmal begonnenen, dann nicht mehr gehinderten und schließlich aus Seiner Hand geglittenen Naturprozesses aus Ihm hervorgegangen, sondern Er hat dich berufen, dich ganz einzeln, gerade so wie du bist. Er hat sich an dich mit Seinem Wort gewendet und dieses Wort bist du dann selbst geworden. Er hat einen Gedanken auf dich gerichtet, ehe du warst, und da du wurdest, warst du dieser Gedanke. Das muß einen Menschen aufs allertiefste erfassen: ich bin nicht in diese Welt hineingeglitten und gesunken, durch eine Naturnotwendigkeit hereingefallen, sondern ob ichs gleich nicht wert bin, von Ihm genannt zu werden, vielmehr es wohl verdiente, daß Er meinen Namen aus Seinem Gedächtnis auslöschte und meinen Tag von Seinem Buche tilgte, hat Er mich gerufen. Nicht leise hat Ers gesagt, nicht im Schweigen wie ein Geheimnis, dessen Er sich halb zögernd schämt, sondern mit der Gewißheit, daß Er etwas Großes getan, und mit der Ihm innewohnenden Sicherheit, daß Er eine Tat vollbracht, hat er mich gerufen. Es soll die ganze Welt wissen, daß weil ich bin und wie ich bin, ich ein Wort Seines Rufes bin. Es würde, so sage ich mir täglich, eine Lücke in Seinem Weltenplan und ein Ausfall in Seiner Gedankenwelt, ein Mangel in seinem Ganzen sein, wenn ich nicht da wäre, und ob ich gleich ein Sandkorn in dem großen, großen Gebäude der Ewigkeit bin, und um ein Sandkorn ärmer sein, heißt eben doch ärmer sein. Das müßte uns, Geliebte, aufrichten: Gott hat mich in Ewigkeit gerufen,| wenn mich wie ein betäubender Schwindel die Angst ergreift: ich sei vielleicht hereingeschleudert in dieses Leben; niemand hat sich um mich angenommen, sondern ich sei eben da eingeschlichen als einer, der es nicht wollte. Wenn ich mich in der geradezu verwirrenden Furcht befinde, ich wäre an eine Türe gelegt gewesen und sie ging auf und ich war in einem bevölkerten Saal, in den ich weder wollte, noch gehörte, und nun soll ich mich in diesem Saal bewegen und tun, als ob ich in diesem Saal ein Bürger dieses Hauses wäre, so tröstet mich doch das Wort: ich bin eigens gerufen; jetzt weiß ich, der Vorwurf, daß ich hereindrang, kann mir nicht gemacht werden. Jetzt weiß ich wenigstens, daß der Herr mein Gott, an mich denkt und mich segnet; ich kann in dieser Zuversicht nicht verloren gehen. Das Wort, das Leopold von Ranke sagt: „Du hast mich aus dem Nichts gerufen, hier liege ich vor Deines Thrones Stufen“ ist eine solche Glaubenskraft. Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkst etc. Ps. 8. Und nun halten wir uns an den, den wir nie gesehen haben, dessen Wirkung wir in uns spüren, und nun wenden wir uns an ihn, den Treuen, von dem wir nie etwas gewußt haben, der aber bleibt, und sagen: Du hast mich gerufen; hier bin ich, rede mit mir und tue an mir, was Dir gefällt. Ich meine, wenn wir das eine Wort: ich bin gerufen recht auffassen würden, so würde Majestät, Königsart und Königssinn auf unsrer Stirne leuchten und all die Hindernisse wären dazu da, um mich meines Berufes gewisser und seiner froher zu machen, und alles, was an Schwierigkeiten mein Lebensweg aufweist, wäre da, um ihn zu erhellen. Reden wir, wenn uns alles entsinken will, nie zuerst im 2. Glaubensartikel, sondern beginnen wir mit den Elementen des 1., damit wir von Stufe zu Stufe bis zur Herrlichkeit schreiten dürfen. Beten Sie, wenn Not und Angst über Sie kommt und, wie ein vom Baum gelöstes Blatt Ihre Seele von den Stürmen hin und her getrieben wird; kehren Sie bei dem Felsgrund ein, bauen Sie Ihr armes Leben auf die Tatsache auf: Ich bin ja nicht von mir selber gestrandet in dieses Leben, Er hat mich berufen, vor der ganzen Welt hat Er gesagt, daß Er mich haben wollte. Der ganzen Welt zeigt er, daß Er mein gedenken muß; und so geht durch die Seele der große Trost, den ein Armer braucht, wenn er sich nicht selbst so überaus überflüssig und sein Leben verloren und verkehrt ansehen will: ich bin ja berufen. So sagen wir uns in den schweren Stunden des Lebens, da alles von uns abgleitet, kein Trost mehr verfängt; sagen wir uns die einfache Tatsache, die der Feind nicht widerlegen, die der Arme nicht austilgen, die kein Zweifel wegtun kann: mich hat Gott hereingerufen:| Er weiß warum und wozu, und ich will diesen Ruf bewahren – bin ich doch selbst. Denn die ganze Selbsterfassung, von der soviel geredet wird, und der ganze Wert des Lebens besteht darin, daß ich mich als einen Berufenen weiß, daß ich daran gedenke, ich sei von Gott gerufen. Aber ich weiß, was mich diesen Ruf hat vergessen und was diesen Ruf in mir hat ertönen lassen. Ich weiß, daß ein andrer Ruf an mich käme, der mich glauben machen würde, Gott habe bei meiner Berufung selbstsüchtige Gedanken gehabt, sich selber bereichern und schmücken wollen, ohne mich zu fragen. Es zieht ein Weh durch meine Seele, wenn ich Ihm danken soll, dem ich nicht danken wollte, und wenn Er sich mit mir schmückt, ohne mich zu fragen, ob ich Ihm zum Schmuck diene. Das hat der Feind in jeder Menschenseele erregt, daß ein Geheimnis wie unbefangen eintritt: sie soll danken und will es nicht; sie soll ehren und will es nicht; sie soll den Triumphwagen dessen schmücken, dem zu Ehren sie nicht triumphieren mag. Da hat der Feind der Seele eingeredet, es sei mit dem Ruf Gottes nicht an dem, daß Er an uns gedächte, sondern Er habe an sich gedacht; und nun erwacht das Mißtrauen gegen Gott, und auf einmal fürchten wir, wenn Er uns nicht aus Güte rief, sondern aus Selbstsucht, so könne die Selbstsucht, weil sie etwas Göttliches ist, keine Sünde sein. Dann hat der Feind bei uns gewonnen: er hat die allertreueste Gottesabsicht in unserem Leben, den Reichtum des Gotteswillens über unserm Leben uns verdächtigt. Er selber freilich kann uns nichts geben, aber nehmen kann er uns das Beste; er wird uns nie bereichern, aber nehmen kann er uns bis aufs Blut. Dieser Sündenfall wiederholt sich täglich im Leben und wir spüren in schweren und nächtigen Stunden, wo alles uns so unerträglich wird, das hat der Feind getan. Er hat uns gegen die Treue Gottes gereizt. Das sind nicht Märchen und Legenden in sinniges Gewand gekleidet, sondern das sind die Erlebnisse der Seele, das Mißtrauen gegen Gott: ich werde sein wie Gott; ich werde erkennen, was gut und böse ist: Gott meint es nicht recht. Wie sollen wir der Angst entfliehen, daß statt des Berufenden ein andrer unser Leben beherrscht, der es nicht rief? Und wie sollen wir aus der peinvollen Not entrinnen, daß der Herr, unser Gott, unser treuster Freund uns genommen wird und statt dessen ein Feind sich bereichert, der unser Leben dürr aussaugt und es dann wegwirft. Die Seele steigt höher; sie steht wegen ihres Mißtrauens einen Gottesgedanken, der die Schöpfung überbietet, von Ihm sich lösen; sie nimmt wahr, daß um dieses Mißtrauen zu besiegen Gott das allerhöchste Vertrauen der Welt erweist: „Also hat Gott| die Welt geliebt, daß Er Seinen eingebornen Sohn gab.“ Dem Mißtrauen opfert Er das Kind Seines Vertrauens und dem Zweifel der Seele gibt Er Sein Bestes hin, damit es den Zweifel entsühne und beende, denn das sind die Aufgaben dessen, der aus ewiger Treue in diese Welt des zerstörten Vertrauenslebens hereingekommen, daß Er das Leid, welches diese Zerstörung mit sich bringt und die Schuld, die in dieser Zerstörung liegt, aus Gnaden trägt und durch ein über alle Zweifel erhabenes Opferleben beweist, wie es Gott allein um unsre Seele zu tun sei, um sonst nichts. Dazu seid ihr berufen: ihr, denen die Berufung natürlicherweise vom Feinde verargt und in Zweifel gezogen wird, werdet jetzt unter das Kreuz gestellt, da die Gottestreue sich entäußert bis zum Tod und sollt jetzt auf Den blicken lernen, zu dem der Gedanke des Friedens geworden ist. Ihr seid berufen, damit ihr ja nicht zweifelt, sondern fest glaubt, Gott habe an euch Seine Liebe gewagt und euch zu dem hinbefohlen, der da Seine Liebe im Leid erwies und durch eure Schuld Seine Liebe erweckte und eure Schuld durch Seine Liebe zahlte. Das ist das zweite, was wir unter Berufung verstehen.
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 Die der Feind von Gottes Treue wegrief, die ruft jetzt der Heiland mit ausgebreiteten Armen zu sich: Ich will euch alle zu mir und durch mich wieder zum Vater ziehen; zu denen, die unter einem fremden Joch sich ängsten, die fortliefen und hernach lange ausblieben, wendet Er sich und spricht: Kommt her zu mir alle! Auch diese Berufung ist nicht heimlich geschehen; es ist vor aller Augen offenbar; das Kreuz ist in der Welt errichtet; die Botschaft des Kreuzes, den einen bekannt, von den andern geahnt, allen nötig, geht durch alle Lande, und überall heißt es: Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget! Das ist die zweite Berufung: für uns die Folge, für Ihn eine Begleiterscheinung der Schöpfung, denn bei Ihm ist Schöpfung wie Erlösung in Einer Linie. Er hat, weil Er am Tage der Schöpfung den Zerstörer sah, zugleich die Waffe gegen den Zerstörer erfunden, wenn wir dieses Wort fest ins Herz nehmen, das jedem Gegenruf gegen Gottes Treue mit einem Gnadenruf antwortet. Schaut auf den, der für euch gelitten hat. Und wenn wir dabei stehen bleiben, daß in aller Not Leibes und der Seele, Gutes und Ehre, immer wieder der neue Ruf erschallt: „Ihr seid teuer erkauft, ihr seid erlöst,“ dann wird das Unglück aus unserm Herzen schwinden und das Leid aus unsrer Seele weichen und wir wissen endlich wieder, wo wir hingehören. Wir wissen, Er hat uns berufen: dabei wollen wir für diesen Morgen bleiben; wir wollen uns sagen, daß ichs kurz zusammen fasse, dem Schreck der Ungewißheit, von wem| ich stamme, antwortet der 1. Glaubensartikel: Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat, und der furchtbaren Angst, daß ich dem meiner Erschaffung gegenüber protestierenden Feind vielmehr getraut habe als dem treuen Herrn, antwortet die andere Tatsache: Ich glaube, daß mich Jesus Christus von der Sünde des Mißtrauens gegen Seinen Vater, von der Angst der Not der Gottesferne, von der ungesühnten Schuld, Ihn verloren und keinen andern Freund gewonnen zu haben, erlöst hat, nicht mit äußerer Gabe und Kraft, sondern mit dem gehorsamen Vertrauen, das da im Leid sich bewährte und bewies, und mit dem Ernst der Hingabe, vor der alles schwindet, was Zweifel heißt: Ja, Vater, ja, von Herzensgrund! Amen.
Gebet: Herr Gott, himmlischer Vater, der Du Deines einigen Sohnes nicht verschont hast, sondern hast Ihn für uns alle dahingegeben, auf daß Er unsre Sünde am Kreuz tragen solle, verleihe uns, daß wir in solcher Kraft nimmermehr erschrecken noch verzagen, durch denselbigen Jesum Christum, Deinen Sohn, unsern Herrn. Amen.







Nun ich kann nicht viel geben in diesem armen Leben. L. 99, 9.






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