Elegie auf den Tod des Bruders meines Freundes

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Autor: Johann Wolfgang von Goethe
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Titel: Elegie auf den Tod des Bruders meines Freundes
Untertitel:
aus: Annette. S. 58-63
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1767
Erscheinungsdatum: 1767
Verlag: ohne Angabe
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Johann Wolfgang Goethe Annette, 2. Aufl., Faksimile-Neudruck der Ausgabe Leipzig 1767. Frankfurt a.M.: Insel-Verlag, 1965. Scan auf Commons
Kurzbeschreibung: Erste handschriftliche Gedichtsammlung Goethes; die Abschrift erfolgte durch seinen Leipziger Freund Ernst Wolfgang Behrisch
Erstdruck des Zyklus 1896: Goethes Werke, hrsg. im Auftr. der Großherzogin Sophie von Sachsen, [Abth. 1]: Bd. 37 [Jugendschriften]. Weimar: Böhlau, S. 32-35 Commons
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[58]
Elegie

auf den Tod
des Bruders meines Freundes.

Im düstern Wald, auf der gespaltnen Eiche,
Die einst der Donner hingestrekt,
Sing' ich um deines Bruders Leiche,
Die fern von uns ein fremdes Grab bedekt.

5
Nah schon dem Herbste seiner Jahre
[59]
Hoft er getrost der Thaten Lohn;

Doch unaufhaltsam trug die Baare
Ihn schnell davon.

Du weinest nicht? - Dir nahm ein langes Scheiden

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Die Hofnung ihn hier noch einmal zu sehn.

Gott ließ vor dir ihn zu dem Himmel gehn;
Du sahst's und konntest nichts als ihn beneiden.

Doch horch - Welch eine Stimm’
[60]
voll Schmerz

Tönt in mein Ohr von seinem Grabe?

15
Ich eil’, ich seh’, sie ist’s! Ihr Herz

Liegt mit in seinem Grabe.
Verlassen, ohne Trost liegt hie,
Mit ängstlicher Gebehrde
Zu Gott gekehrt, als hofte sie,

20
Das schönste Mädgen an der Erde.


Nie hat ein Herz so viel gelitten,
Herr, sieh herab auf ihre Noth,
Und schenke gnädig ihren Bitten
Sein Leben, oder ihren Tod.

25
[61]
O Gott, bestrafest du die Liebe,

Du Wesen voller Lieb und Huld?
Denn nichts als eine heil’ge Liebe
War dieser Unglükseel’gen Schuld.

Sie hoft im hochzeitlichem Kleide

30
Bald mit ihm zum Altar zu ziehn;

Da riß sein Fürst von ihrer Seite
Tyrannisch ihn.

O Fürst, du kannst die Menschen zwingen,
Für dich allein ihr Leben zu zubringen,
Das wird man deinem Stolz’ verzeyhn;

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[62]
Doch willst du ihre Seelen binden,

Durch dich zu denken, zu empfinden,
Das muß zu Gott um Rache schreyn.

Wie ward sein groses Herz durchstochen,
Als er, der nie sein Wort gebrochen,

40
Sein Wort zum erstenmale brach,

Zum erstenmal es der Geliebten brach,
Der, eh es noch sein Mund versprach,
Sein Herz ein ewig Band versprochen.

Als Bürger der bedrängten Erde

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Sprach er, kann ich nie deine seyn;
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Doch von der Furcht, daß ich dir untreu werde,

Soll dich mein Tod befreyn.
Leb' wohl, es wein bey meinem Grabe
Jed' zärtlich Herz gerührt von meiner Treu,

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Dann eil' die stolze Tyranney,

Der ich schon längst vergeben habe,
Daß sie des Grabes Ursach sey,
Unwillig fühlend, schnell vorbey.