Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Kirchweihfest

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Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)
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Am Kirchweihfest.
Luc. 19, 1–10.
1. Und Er zog hinein und gieng durch Jericho. 2. Und siehe, da war ein Mann, genannt Zachäus, der war ein Oberster der Zöllner und war reich; 3. Und begehrete JEsum zu sehen, wer Er wäre, und konnte nicht vor dem Volk, denn er war klein von Person. 4. Und er lief vornhin, und stieg auf einen Maulbeerbaum, daß er Ihn sähe; denn allda sollte Er durchkommen. 5. Und als JEsus kam an dieselbige Stätte, sahe Er auf und ward seiner gewahr und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend hernieder; denn Ich muß heute zu deinem Hause einkehren. 6. Und er stieg eilend hernieder und nahm Ihn auf mit Freuden. 7. Da sie das sahen, murreten sie alle, daß Er bei einem Sünder einkehrete. 8. Zachäus aber trat dar und sprach zu dem HErrn: Siehe, HErr, die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen, und so ich jemand betrogen habe, das gebe ich vierfältig wieder. 9. JEsus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, sintemal er auch Abrahams Sohn ist. 10. Denn des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, das verloren ist.

 ZWar hat es im Anfange des Christentums und zu den Zeiten, da unser HErr zur Gründung Seines Reiches auf Erden war, wie sich das von selbst versteht, noch keine christlichen Gotteshäuser gegeben, und man konnte deshalb für die Kirchweihtage der späteren Gemeinden keinen Text aus dem Neuen Testamente| wählen, welcher genau und dem Wortlaut nach zur Feier paßte. Aber jene große Weisheit, welche das Altertum bei den Textwahlen im ganzen Kirchenjahre bewies, zeigt sich nichts desto weniger besonders in der Wahl des heutigen Textes glänzend. Denn was in aller Welt könnte für den Kirchweihtag paßender, was tiefer aus dem Herzen der feiernden und jubelnden Gemeinde gesprochen sein, als die Worte des HErrn JEsus: „Ich muß heute zu deinem Hause einkehren. Heut ist diesem Hause Heil widerfahren; denn des Menschensohn ist gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Gesegnet seien die lieblichen Worte und der HErr segne unsre Seelen, wenn wir nun miteinander die Frage beantworten: „Was hat dieß Haus, unsre liebe Kirche, und ihre Weihe mit dem Hause Zachäi und dem Besuche JEsu in Zachäi Haus gemein?!

 Laßt uns der Vergleichung pflegen und uns miteinander freuen, wenn wir viel Aehnlichkeit zwischen diesem Hause und dem Hause Zachäi, zwischen unsrer Kirchweihe und dem Besuche des HErrn in Zachäi Hause finden werden.

 Dieß alte Haus, in dem wir uns heute versammelt haben, ist fürs erste von eben solchen Händen erbaut worden, wie das Haus Zachäi. Seit dem dreizehnten Jahrhundert ist bald dieß, bald jenes Stück dieser Mauern neugebaut worden; mancherlei Zeiten und Menschen haben am Bau geändert und gebeßert. Aber so verschieden die Menschen waren, welche dieß Haus auf seinen gegenwärtigen Stand gebracht haben, und so verschieden sie alle wieder von den Bauleuten waren, die im fernen heiligen Lande zu Jericho Zachäi Haus bauten: in Einem gleichen sie einander alle: sie waren Sünder und wie sie selber unvollkommen und gebrechlich waren an Heiligkeit und Tugend, so ist auch das Werk ihrer Hände hier wie in Jericho ein unvollkommenes geworden. Kann sein, das Haus Zachäi zu Jericho war prächtiger und köstlicher, als dieß arme Haus; so groß aber der Abstand zwischen beiden sein mag, der Abstand aller beiden von der vollkommenen Hütte und den ewigen Wohnhäusern des Friedens wird für beide so ziemlich der Gleiche gewesen sein.

 Die Bauleute unserer Kirche und die von Jericho waren also einander ähnlich. Eben so sind auch die Besitzer, die in beiden Häusern ein- und ausgiengen oder gehen, einander gleich. Zwar Zachäus war ein Oberster der Zöllner und wir sind weder Zöllner, noch Oberste der Zöllner; Zachäus war reich und wir sind größten Theils arm; aber Sünder sind doch beide, Zachäus und wir. Wir haben nicht gesündigt, wie Zachäus, denn ein anderer Stand bringt andere Sünden; aber vor Gottes und JEsu Augen sind wir dennoch einander alle gleich, Sünde ist Sünde, und haben wir so nicht wie Zachäus gesündigt, so wars doch anders; gewis nicht seltener, nicht leichter haben wir gesündigt. − In der Sünde sind wir also Zachäo gleich. Ob wir ihm auch in der Heilsbegier und im Verlangen nach JEsu gleich seien, ist der Prüfung heimzugeben, und wohl zu vermuthen ist es, daß vielen ihr Gewißen den Platz nach Zachäo anweisen werde. Zachäus, obwohl ein Oberster der Zöllner und reich, scheut sich doch nicht, auf den Maulbeerbaum zu steigen und damit etwas Auffälliges zu thun, nur um des HErrn ansichtig zu werden und Ihn mit seinen Blicken zu erreichen. Dieß zeugt doch jeden Falls von einem großen Verlangen und Zuge zu JEsu, zumal wenn wir es im Zusammenhange mit allen den andern Merkmalen nehmen, welche sich sonst von diesem Verlangen und Zuge im Evangelium finden. Ob nun wir irgend unser Verlangen nach dem HErrn, wenn auch nicht durch Auffälliges, doch durch solche Dinge bewiesen haben, welche niemanden auffallen, sondern uns nach allgemeinem Zugeständnis geziemen würden, ob wir, um etwas Kleines anzuführen, nur z. B. von unsern Sitzen hier in diesem Hause so eifrig und begierig auf unsern HErrn und Sein heiliges Wort die Blicke gerichtet haben, wie Zachäus die seinen vom Maulbeerbaum?! Diese Frage mag der Beantwortung eines jeden überlaßen sein. Der Geist des HErrn, der alle Dinge weiß, laße uns in der Antwort nicht irren, sondern prüfe uns und erfahre uns, wie es um uns steht, demüthige uns durch Erkenntnis der Wahrheit und führe uns auf die ebene Bahn, − Hier hätten wir also schon einen Punkt, in dem unsere Aehnlichkeit mit Zachäo zweifelhaft sein könnte. Der Zweifel dürfte sich aber noch steigern, wenn wir das weitere Verhalten Zachäi betrachten und mit dem unsrigen vergleichen. Zachäus war nicht bloß heilsbegierig, sondern alsbald, sowie er JEsum freundlich und huldvoll sah, zu allem Guten willig. Es möchte wenige unter uns geben, auf welche die Freundlichkeit des| HErrn einen solchen Eindruck machte, wie auf Zachäus. „Siehe, HErr, spricht er, die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen, und so ich jemand betrogen habe, das gebe ich vierfältig wieder.“ Aus diesen Worten ist gewis der größte Ernst merkbar, dem HErrn JEsu nachzufolgen. Nicht nur gesteht Zachäus auf eine keineswegs undeutliche Weise seine Sünde, sondern er übt auch die Pflicht der Wiedererstattung auf eine Weise und in einem Maße, welche seine Reue und seine Begier, geheiligt zu werden, außer allen Zweifel setzen. Zachäi Haus war an sich kein Gotteshaus, aber ohne Zweifel wurde es durch seine wahrhaftige Aenderung und Beßerung zu einem Gotteshause. Wie stehts nun mit uns? Wird, ich will nicht sagen die Hütte, in welcher wir wohnen, sondern das Haus, in welches wir zur Anbetung kommen, durch unsere Buße so geziert wie das Haus Zachäi? Ich wollte, ich könnte mir die Freude machen, zum Preise des HErrn meine desfallsige Hoffnung von euch, meine Liebsten, auszusprechen; allein die Wahrheit verbietet es mir, zu sagen, daß meines Wißens irgend einer von uns allen seine Buße so bewiesen hat, wie Zachäus. Wenn deswegen Zachäi Haus und unser Gotteshaus den Vorzug vor einander durch die Besitzer gewinnen müßten, so sollte es schlimm um unsere arme Kirche stehen. Wir wollen aber sehen, was die Vergleichung ferner ergibt.

 Zachäi Haus wird von JEsu bemerkt, der HErr will vor demselben nicht vorübergehen, sondern einkehren, damit der Besitzer Zeit gewinne, den großen Propheten bequemer als vom Maulbeerbaume nach Herzenslust zu schauen; dazu will der HErr nicht leer kommen, sondern es soll dem Zachäus und seinem Hause Heil widerfahren, wie nur irgend einem andern Sohne Abrahams und deßen Hause; der HErr will in diesem Hause den verlorenen Zachäus und die Seinigen suchen und selig machen. Wenn wir das recht bedenken, so können wir das Haus Zachäi nicht anders als hochbeglückt und gebenedeit nennen. Zachäus sah das selbst nicht so im Lichte wie wir; er kannte den HErrn nicht und erkannte Ihn nicht, so sehr er Ihn in der Nähe beschaute. Hätte er gewußt, wer bei ihm Einlaß begehrte, wen er beherbergen durfte, sicherlich würde er sein Haus für nichts Geringeres geachtet haben, als für eine Hütte Gottes; er würde sich gefreut haben, wie Abraham, als der HErr mit den zwei Engeln zu ihm kam, ja wohl noch mehr, da ja der HErr zu ihm in keiner andern Absicht kam, als ihn und die Seinigen selig zu machen.

 So reich gesegnet nun das Haus Zachäi durch den Besuch Christi wurde, so ists doch gerade dieser Segen, um deßen Willen unser Gotteshaus hinter dem Hause Zachäi mit nichten zurückstehen muß, sondern hier wendet sichs. So gewis Zachäi Haus den Vorzug behält, wenn wir uns, unsere Heils- und Heiligungsbegier mit Zachäo und seinem Seelenzustand vergleichen; so gewis leuchtet der Glanz unserer Kirche weit über den des Hauses Zachäi, wenn wir die Gnade Christi ins Auge faßen. Es ist manch graues Jahrhundert vergangen, seitdem unserm HErrn zu Ehren, zum Heile der hiesigen Gemeine dieß Haus gebaut wurde. Der HErr war beim Bau und als derselbe fertig war, wurde Er angerufen, nicht vorüberzugehen, sondern als der vornehmste Bewohner in demselben einzuziehen. Man weihte Ihm den Altar, um zu Ihm zu beten, von Seiner sanften Höhe Segen und Sakrament zu empfangen. Man weihte Ihm die Kanzel, daß Er durch Seine Knechte gepriesen würde und den Honig Seiner Lehre schenkete, um die Albernen weise, die Traurigen fröhlich zu machen und allerlei geistliche Gabe mitzutheilen; man setzte Ihm einen Brunn der Wiedergeburt, wo Er Seine Säuglinge zu Gottes Kindern machen könnte. Und es gefiel Ihm wohl. Er rief am Tage unsrer Kirchweihe: „Ich muß Heute zu diesem Hause eingehen, heute ist diesem Hause Heil widerfahren.“ Und so zog Er ein und seitdem wohnt Er drinnen. Er wohnt zwar überall und wird nicht eingeschloßen von Tempeln, von Menschenhänden gemacht; aber wenn Er überall wohnt und nirgends eingeschloßen ist, warum soll Er denn von unsern Gotteshäusern ausgeschloßen und sie allein vor allen Orten der Welt ohne Seine Gegenwart sein? Hat Er denn nicht viel mehr gesagt: „Wo Ich Meines Namens Gedächtnis stiften werde, da will Ich Mein Volk heimsuchen!“? Wo ist Seines Namens Gedächtnis, wenn nicht, wo man Ihm die Lobgesänge und Dankpsalmen singt, wo man Ihm Bitte, Gebete und Fürbitte opfert, wo Sein Wort gelesen, Sein Heil und Sein Ruhm gepredigt, Seine Sacramente verwaltet, Sein Segen und Seine Absolution gesprochen wird? Gewislich ist der HErr an solchem Orte! Da ist die Pforte des Himmels und Gottes Haus. Ich weiß, daß Lobgesang und Psalm| und Wort und Sacrament auch an andern Orten sich finden könnten; aber sie finden sich nun einmal hier, hier am öftesten, am reichsten, und darum ist auch der HErr hier am liebsten, hier am reichsten. Und wie lang sucht Er nun hier schon Sein Volk heim! In Zachäi Haus war der HErr einmal, in diesem Haus ist Er über sechshundert Jahre der regelmäßigste Gast, ja ein Bewohner gewesen und so wie Er Selbst hier geruht hat, so ist der Friede und Segen weder zu zählen, noch zu wägen, den Er in diesem Hause, in diesen langen Jahrhunderten Seiner Anwesenheit gestiftet hat. Meine lieben Brüder! Es gibt Menschen, welche oftmals mit Spott und Hohn die Frage aufwerfen, was doch Kirchen und Pfarrer nützten? Wie viel hundert mal hat man diese Frage so beantwortet, daß man greifen konnte, nichts in der Welt sei überflüßiger, als Kirchen und Pfarrer. Und doch darf man, ohne nur auf die eigentlichen Segnungen einzugehen, welche vom Hause Gottes ausgehen, getrost auf alles das Böse hinweisen, welches durch ein Gotteshaus und durch das heilige Amt, das vor JEsu steht, verhindert wird. Mit dem vollesten Rechte hat jener Pfarrer auf die Frage, ob man Kirche und Pfarrer abthun dürfe, die Antwort gegeben, man solle dann wenigstens an die Stelle eines jeden Pfarrhauses drei Galgen setzen und er fürchte, sie ersetzten dennoch nicht einmal einen geringen Pfarrer. Wo die Weißagung aus ist, wird nach der Schrift das Volk wüste, und wenn nun trotz der Weißagung des Unkrauts und allerlei Bosheit viel ist, so begreife ich nicht, wie es ohne Weißagung, d. i. ohne Predigt werden sollte. Allein man braucht gar nicht so zu verfahren. Es ist eine Schande für einen Diener Christi und für einen christgläubigen Menschen, wenn er Kirche und Pfarre nicht beßer vertheidigen und die Anwesenheit Christi nicht kräftiger beweisen kann. Ist nicht eine jede einzelne Taufe und Absolution, jeder Segen, jedes Abendmahl weit segensreicher, als alle irdischen Segnungen der Welt? Ist nicht ein einziges Gebet einer versammelten Gemeine um Frieden, beßer als hundert Befehle, Frieden zu halten, wenn gleich Namen von Königen oder Kaisern über oder unter dem Gebote stünden? Ist nicht das Evangelium für Tausende und aber Tausende weit mehr als mans insgemein denkt, eine Aussaat guter Gedanken und Werke? Ich behaupte es und ich denke mit dieser Behauptung nicht zu Schanden zu werden. So weit es mit dem Christentum vor fünfzig Jahren heruntergekommen war und vielleicht an manchen Orten noch ist, so hat doch der Ueberrest von Segen, den man in Gotteshäusern holte und holen konnte, die Welt erhalten, und es würde alles noch viel schlimmer gegangen sein, als es gegangen ist, wenn nicht der Name des HErrn, Sein Segen, Sein Vater unser, Sein Glaube noch für den Riß gestanden wäre. Wenn die Todten, deren Gebeine da außen in den Gräbern ruhen, Zeugnis geben dürften, sie würden mir beistimmen, daß die Gotteshäuser zunächst an den Himmel gränzen und Vorhöfe des Himmels sind, in denen alles ewige Heil den Anfang nimmt, in denen Christus beständig auf die Menschen wartet, um ihnen Seine unaussprechlichen Gnaden und Hilfsleistungen zu gewähren. Welche Christenseele ist im Himmel vor Gott, die nicht entweder in einer Kirche wiedergeboren ist oder doch unzählige Segnungen von der Kirche her empfangen hat? Es wäre hier viel zu reden und sehr ins Einzelne zu gehen. Es sei aber genug, und es ist auch schon die Erwägung des Gesagten genug und hinreichend, um den Satz zu beweisen, daß Christus unsere Gotteshäuser, also auch dieß arme Häuslein, gnädiglich bewohnt und heimsucht, um zu suchen und selig zu machen, was verloren ist; daß auch unser Häuslein weit über Zachäi Haus begnadigt ist, seitdem es eingeweiht wurde.
 Ist nun das wahr, so besitzt eine Gemeine von armen Sündern, wie wir sind, an einem Gotteshause einen herrlichen und großen Schatz, und der Tag, wo ihr Gotteshaus eingeweiht ist, wo JEsus einzog, ist mit vollem Recht ein hohes Freudenfest für sie, er soll im Andenken bleiben und gefeiert werden unter den Festen des Jahres. Kein Fest des HErrn JEsus, kein Sonntag, keine wöchentliche, keine tägliche Gebetszeit wird da recht gefeiert, wo die Kirche fehlt. Man gehe nur in die Orte, wo keine Kirchen sind, man vergleiche nur den Zustand der Bevölkerung mit dem Zustand der Einwohner eines Pfarrdorfes: man wird bald inne werden, was für ein großer Unterschied durch eine Kirche und die Anwesenheit eines Pfarrers gegründet wird. Wohl dem Dorf, welches ein Gotteshaus und einen Seelsorger besitzt! Ein solches lobe den HErrn am Tage der Kirchweihe und freue sich hoch, als über allerlei Reichtum. Auch ihr, meine| Freunde, freuet euch! Freuet euch, ihr und eure Kinder und eure Verwandte, die ihr von fern und nahe zum Freudenfeste geladen habt! Freut euch und jubelt, daß ihr so lange schon ein Gotteshaus habet und in demselben alle Segnungen des HErrn! Freuet euch, daß der HErr unter Euch wohnt, und abermals sage ich euch, freuet euch!

 So sehr ich euch aber zur Freude ermuntere, so halte ich es doch keineswegs für überflüßig, euch vor verkehrter Freude zu warnen. Vergeßet in diesen Tagen niemals, warum ihr euch freuet; trennt die Freude nicht von ihrer Quelle, nämlich vom Dank für die euch geschenkte Kirche. Wißet ihr, was ihr wollet, so könnet ihr euch unmöglich sündlich freuen. Heute kam JEsus in dies Haus, heute weihte Ers, um verlorene Menschen zu suchen und selig zu machen von ihren Sünden: wie könnt ihr also zur Kirchweihfeier Freuden wählen, die selbst Sünden sind? Könnt ihr mit Sünden euch freuen, mit Sünden dem Heiland danken, daß Er gekommen ist, um euch von Sünden zu befreien? Heute richtete Er diesen Taufstein auf, diesen Ort der Wiedergeburt, wo ihr den Bund eines guten Gewißens mit Gott schloßet und dem Teufel, seinen Werken und seinem Wesen entsagtet: und nun wolltet ihr zum Dank dafür des Teufels Werke thun und euern Taufbund brechen? Heute ist der Beichtstuhl in den stillsten Ort dieser Kirche gestellt worden: da besuchte euch der HErr einzeln und küßte euch mit dem Kuße des Friedens und der Vergebung: das zu feiern begienget ihr neue Sünden? Soll ich etwa alle heiligen Orte dieses Hauses, alle heiligen Handlungen, die in ihm verrichtet werden, durchgehen, um euch den widersinnigen Undank zu zeigen, der sich in sündlichen Kirchweihfreuden kund gibt? Es ist doch so klar und in die Augen fallend, daß für die heilige Gabe des Gotteshauses nur heilige Dankesfreude gehört! Warum wollt ihr euch freuen, wie das Volk Israel, zu welchem Mose sprach: „Dankst Du also Deinem Gott, Du toll und thöricht Volk!?“

 Ich weiß, meine Freunde, daß dieß für euch, wenigstens für manche unter euch, eine nöthige Warnung ist. Aber ich bin auch durch die Erfahrung belehrt, daß ich nicht auf den Gehorsam rechnen kann, der euch gegen Wort und Amt des HErrn von Ihm Selbst geboten ist. So will ich schon heute thun, was Hiob nach jedem Freudentage seiner Kinder gethan hat, ich will in meine Stille gehen und Opfer und Schalen voll Rauchwerks zurichten, auf daß ich für euch bete und die Hand des HErrn in Christo JEsu euch segnend zuwende. Der HErr verleihe, daß niemand von euch allen also sündige, daß er nicht wiederkehrete, daß er verbittert und verstockt würde! Die da sündigen, mögen das letztemal sündigen und der eklen Freude satt werden. Und was meine Seele für euch alle noch viel lieber betet und euch wünscht, das sei mir wenigstens an etlichen erhört, daß ihr nämlich weise werdet zum Guten, ehe die Versuchung zur Sünde kommt, daß ihr in der Versuchung bestehet, wenn sie kommt! Amen.




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