Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Trinitatis 02

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Am zweiten Sonntage nach Trinitatis.

Evang. Luc. 14, 16–24.
16. Er aber sprach: Es war ein Mensch, der machte ein groß Abendmahl und lud viele dazu, 17. Und sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, zu sagen den Geladenen: Kommt; denn es ist alles bereit. 18. Und sie fiengen an alle nach einander sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muß hinaus gehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 19. Und der andere sprach: Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 20. Und der dritte sprach: Ich habe ein Weib genommen, darum kann ich nicht kommen. 21. Und der Knecht kam und sagte das seinem Herrn wieder. Da ward der Hausherr zornig, und sprach zu seinem Knechte: Gehe aus bald auf die Straßen und Gaßen der Stadt und führe die Armen und Krüppel und Lahmen und Blinden herein. 22. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast;| es ist aber noch Raum da. 23. Und der HErr sprach zu dem Knechte: Gehe aus auf die Landstraßen und an die Zäune und nöthige sie, herein zu kommen, auf daß mein Haus voll werde. 24. Ich sage euch aber, daß der Männer keiner, die geladen sind, mein Abendmahl schmecken wird.

 ZUm ewigen Abendmahle zu kommen, wo an der Brust Abrahams der arme Lazarus liegt, ist uns am vorigen Sonntage als höchste Angelegenheit des Menschen dargestellt worden. Wie uns der HErr zu diesem ewigen Abendmahle bringen will, das zeigen uns viele Texte. Das heutige Evangelium aber redet von einem Abendmahle Gottes in der Zeit, welches mit jenem Abendmahle der Ewigkeit zwar nicht eins und dasselbe, aber doch ein Vorhof und Uebergang zu demselben und deswegen wichtig genug ist, um von allen denen mit großem Ernste betrachtet zu werden, welche zu den Freuden des ewigen Abendmahles kommen wollen. Gott schenke uns heute die selige Erkenntnis und Frucht dieses Evangeliums!


 „Es war ein Mensch, der machte ein groß Abendmahl und lud viele dazu.“ So beginnt unser Text. Unter dem Bilde des Menschen erscheint hier Gott der HErr. Das große Abendmahl ist ein Bild jener ewigen Fülle und Genüge für Leib und Seele, welche Gott durch Seinen Sohn JEsum Christum der Menschheit gewähren will. Es werden viele zum ewigen Abendmahle geladen, das heißt ohne Bild: Gott ladet viele zu dem ewigen Leben und Seinen Freuden. Er ladet sie, d. i. Er thut es freiwillig, will die Menschen aus freier Gnade bei Seinem ewigen Mahle haben, Er will es und zwingt doch auch wieder niemand. − Heilige und heilsame Gedanken, allgemein bekannt, weil sie so oft und viel gepredigt werden, und doch nie und nirgends genug erwogen! Haltet sie fest, theure Freunde, und laßet sie nicht länger ohne die Würdigung, die ihnen geziemt! Unter dem Bilde eines Mahles wird schon im alten Testamente oftmals die Seligkeit des Reiches Gottes dargestellt; des Leibes zeitlicher Genuß dient, den ewigen Genuß Leibes und der Seele vorzubilden. Kein Aug hat gesehen, kein Ohr hat es gehört, es ist in keines Menschen Herz gekommen, was Gott in alle Ewigkeit hinein den Menschen für ein Leben voll Lust und Herrlichkeit bereitet hat; aber Er hat es gethan und macht es ihnen kund, läßt sie nicht ihre eigenen Wege gehen, ruft ihnen freundlich zu, erbietet sich ihnen zum Vater, Sein Haus zum Vaterhause, Seine Ruhe zu ihrer Ruhe und Seine Freuden zu ihren Freuden, so weit sie als Geschöpfe dieselben zu faßen vermögen. − Ich weiß, meine Brüder, ich habe wiederholt, was ich schon einmal gesagt habe; aber es geschah absichtlich und ich bin der Meinung, Gedanken so voller Gnaden, wie die bereits vorgetragenen, können nie oft genug wiederholt werden. Sie sind ein tägliches Brot der Seele, welche, je länger sie dieselben genießt, ihrer desto froher wird.


 Wir dürfen jedoch nicht gleich vornherein die seligmachende Liebe Gottes zu allgemein nehmen. Es heißt nicht: „er lud alle dazu,“ sondern nur: „er lud viele dazu“. Die Ladung ist nicht allgemein, wie sich das aus dem Verfolg des Gleichnisses von selbst ergeben wird. Bleiben wir strenge bei dem Ausdruck: „er lud viele“, ziehen wir den Blick eine kleine Zeit in engere Grenzen zurück, um ihn dann desto fröhlicher in immer weitere Kreiße der Gnade Gottes wandern zu laßen.

 Von der Zeit der Ladung unterscheidet das Gleichnis eine spätere Stunde, wo der Knecht ausgieng, um den Geladenen zu sagen: „Kommet, es ist alles bereit!“ Die Ladung geht der Berufung vorher, wie die Weißagung der Erfüllung. Ehe die Mahlzeit fertig ist, kann man zum Mahle weder gerufen werden, noch gehen; aber es kann einem angezeigt sein, daß ein Mahl bereitet werde und daß man zur Stunde, da es fertig, Theil haben und einen Ruf bekommen solle. Ehe Christus der Menschheit ewiges Leben erworben und bereitet hat, kann man nicht zum ewigen Leben gerufen werden, wenn schon man Kunde davon haben kann, daß Er darauf und daran sei, Leben und unsterbliches Wesen zu bereiten. Man kann zum ewigen Leben wohl geladen sein, aber nicht berufen, bevor der HErr gerufen hat: „Es ist vollbracht!“ Rückwärts von dem Berg Golgatha und dem Charfreitag liegt die Zeit der Ladung, vorwärts liegt die Zeit der Berufung. Es scheidet sich hiemit die Zeit des Alten und| des Neuen Testamentes − und in der Zeit des Neuen Testamentes, also der Berufung leben wir.

 Berufen werden zu allererst die Geladenen, also diejenigen, welche wußten, daß Gott der HErr vorhabe, ein großes Abendmahl zu halten, und daß sie daran Theil bekommen sollten. Das waren denn freilich keine Heiden, denn die Heiden waren fremde von den Testamenten der Verheißung. Man kann auch nicht einmal sagen, daß alle Juden zu den Geladenen gerechnet werden können; denn ein großer Theil der Juden war, wie gegenwärtig ein großer Theil der Christen; sie wußten nicht, wie große und reiche Verheißungen ihrem Volke gegeben waren, kümmerten sich auch wenig darum, lebten ein eitles, weltliches, nur zeitlichen Bestrebungen gewidmetes Leben. Zu den Geladenen kann man nur diejenigen Juden rechnen, welche wie die Hohenpriester, Priester, Schriftgelehrten die Weißagung kannten und in den Zeichen der Zeit, in dem Auftreten Johannis und des HErrn selber Aufforderung genug finden konnten, die Fülle der Zeit und die nahende Aufrichtung des göttlichen Reiches warzunehmen. Diese geladenen, der Verheißung und des göttlichen Gnadenrathes kundigen Juden erscheinen in unserm Gleichnis als der Mittelpunkt des Volkes Israel und der ganzen Welt, von denen aus die himmlische Berufung Gottes in Christo JEsu seinen Lauf nimmt und alle Lande erfüllt. Zwar lesen wir nicht, daß ihnen Gottes Ruf zu seinem Abendmahle mit besonderem Fleiße zugetragen wurde; aber sie vernahmen die schallenden Stimmen, die zum Mahle riefen, wie andere immer und sie konnten dieselben gründlicher verstehen; ihnen vor allen mußte sich die frohe Kunde, daß nun das Mahl bereitet sei, ins Herz prägen; weil sie die meisten Vorkenntnisse hatten, verstanden sie zuerst, was es galt; weil sie geladen waren, begriffen sie zuerst die Berufung. − Die Zweiten, welche zur himmlischen Mahlzeit berufen wurden, waren die Menschen, welche mit den ersteren die Straßen und Gaßen derselben Stadt bewohnten, oder, ohne Bild zu reden, die andern Juden, welche zwar die Weißagung und Ladung des HErrn im alten Testamente nicht wie die erste Klasse der Berufenen verstanden, aber doch zu dem Volke Gottes gehörten, welches vor allen Völkern auserwählt war und durch die Wahl der Gnaden das erste Anrecht auf das Abendmahl Gottes hatte. Gegenüber der ersten Klasse waren diese zweiten „Arme, Lahme und Krüppel“ an Weisheit und Verstand; aber es wird ihnen nichts desto weniger die himmlische Berufung zu Theil, und ob sie schon hinter jenen zurückstanden, so kamen sie ihnen dennoch gleich und vielen vor. − Von den Juden aus geht endlich die Berufung zu denen, welche nicht mehr zu derselben Stadt gehörten, sondern draußen auf den Landstraßen und an den Zäunen ihre Hausung hatten, welche gegenüber den Juden wie eine arme, verkommene Schaar von Landstreichern erschienen, unter denen kein Geladener war, deren keiner von dem Reiche Gottes, das da kam, etwas Rechtes verstand, deren keiner sich träumen ließ, in der ewigen Gottesstadt ein Bürgerrecht und einen Theil am ewigen Abendmahle zu haben. Hiemit werden nicht undeutlich die Heiden bezeichnet, − und wir sehen also, daß die Berufung weiter reichte, als die Ladung, daß diese nur einen Theil von Israel, jene alle Welt umfaßte, daß das Neue Testament alle Menschen, das Alte Testament kaum ein einziges Volk umfaßte und mit seinen Segnungen zu sättigen vermochte und vermag. Denn es ist in diesem Stücke jetzt noch wie damals.


 Die Berufung der drei genannten Menschenklaßen geschah nun, wie wir aus unserm Texte ersehen, mit stufenaufwärts ansteigender Bemühung. Auf die Geladenen wird zur Zeit der Berufung die geringste Mühe gewendet. Ihnen war schon zur Zeit der Ladung eine so treue Aufmerksamkeit und ein so großer Fleiß gewidmet worden, daß es nun ganz einfach mit der Botschaft geschehen ist: „Kommet, denn es ist alles bereit“. Mehr Mühe und Fleiß wird schon den Armen, Krüppeln, Lahmen und Blinden zugewendet, welche in der Stadt herum wohnen. Sie kennen die Weißagung nicht sehr und die Ladung ist ihnen unbekannt; drum werden sie mit besonderem Erbarmen angesehen, sie werden nicht bloß gerufen, sondern hineingeführt zum Abendmahle, − eine Ausdrucksweise, welche auf den großen Ernst Gottes und seiner berufenden Gnade in Anbetracht des jüdischen Volkes hindeutet. Indes wird weder die Liebe des berufenden HErrn, noch sein Haus bloß durch das jüdische Volk erfüllt; die hereingeführte Menge ist für beide zu klein.| Deshalb werden nun die herbeigebracht, welche an den Zäunen und auf den Landstraßen ihr Leben verbringen, d. i. die Heiden, und denen wird die größte Mühe gewidmet; sie werden nicht bloß gerufen, nicht bloß geführt, sondern genöthigt, zu kommen. Je größer die Unbekanntschaft mit dem Gnadenrathe Gottes, desto dringender die Berufung, das springt in die Augen. Jedoch erweist sich die Gnade nicht bloß in dem Maße dringender, in welchem die Blindheit, die Unwißenheit, der geistliche Mangel größer ist; sondern wir bemerken auch, daß die berufende Gnade Gottes mit der größeren Willigkeit der Berufenen Schritt hält. Die wenigste Mühe der Berufung wird auf die Geladenen gewendet, und sie sind es grade auch, welche dem Rufe am ungescheutesten und undankbarsten widerstreben. Die Zahl gelehrter Juden, welche zum Abendmahl kamen, war am geringsten. Schon zahlreicher waren die andern, geistig weniger bedeutenden Juden, die Armen, Krüppel, Lahmen und Blinden − und siehe, sie werden ehrenvoll hereingeführt. Die Heiden aber, welche an den Zäunen und auf den Landstraßen der Welt wohnen, kommen in Schaaren, und sie werden mit aller Freundlichkeit und Leutseligkeit hineingenöthigt und der Ruf des Evangeliums ergeht an sie so stark, als wäre es hauptsächlich und vor allen auf sie mit dem ganzen Abendmahle abgesehen gewesen. Je mehr Willigkeit, desto mehr Entgegenkommen und Dringen Gottes. Es wird im Evangelio allen Menschen Gnade angeboten, aber die Kräfte des Evangeliums erfahren die Willigen am meisten, − und um so süßer wird das Evangelium, je lieber es an- und aufgenommen wird.
 Wenn die Berufung Gottes eine gesetzliche wäre, so könnte man sich denken, warum ein Theil der Berufenen nicht kommen mochte. Wer würde zu Gott gerne kommen, wenn sein Ruf mit Hinweisung auf das Gesetz, welches alle übertreten haben und welches deshalb über alle seinen Fluch bringt, geschehen würde? Es würde nicht zu verwundern sein, wenn gar niemand käme. Nun geschieht aber die Berufung Gottes durch das Evangelium, welches für die Vergangenheit Vergebung verkündigt und Freude die Fülle und liebliches Wesen zur Rechten Gottes ewiglich denen verheißt, welche gehorchen mögen. Wie geht nun das zu, daß da ein Mensch nicht willig ist, dem Rufe nachzugehen, der keinem droht und allen Leben und Friede verheißt? Man sollte es nicht für möglich halten, wenn man es nicht alle Tage sähe und erführe. Denn was die Geladenen vom Gehorsam gegen Gottes Ruf abhielt, das hält auch heute noch bei uns, die wir auf das freundlichste genöthigt werden, so gar viele ab. Das Wort des HErrn bewährt sich jetzt wie früher. Der Mensch vergißt sein Ziel, zu welchem er berufen ist, und hat er das vergeßen, ist es ihm entrückt oder gering geworden, dann kann er allerlei Dinge für Zweck und Ziel achten, welche nur Durchgangspunkte und nur Wege oder Mittel zum Ziele genannt werden sollten. Als Gott den Menschen im Paradiese gegen die Anfechtung des Satans sicher stellen wollte, gab er ihm Herrschaft über die Thiere und trug ihm auf das Land im Paradiese zu bauen, − und damit er nicht einsam dem ewigen Leben entgegengienge, gab er ihm eine Gehilfin zu, die ihn wie er sie fördern und niemals hindern sollte. Das ist auch jetzt noch des HErrn Wille. Indem der Mensch sein zeitlich Tagewerk an Vieh und Land vollbringt, stößt sich die Anfechtung; indem er sich mit seinem Weibe verbindet, wird es ihm desto lieblicher, Gott zu dienen; indem seine Seele nach Gottes Willen geringere Werke thut, stählt sie sich zu höheren und größeren, und die Liebe des zweiten Grades zu den Seinen hindert nicht, sondern fördert die Liebe vom ersten Grade, die Liebe zu Gott. Wie schrecklich ist es nun, wenn sich das alles verkehrt, wenn das Zweite zum Ersten, der Durchgangspunkt zum Wohnort und zur Bleibstätte, die Fremde zur Heimath und jedes von Gott verordnete Förderungsmittel zu einem Fallstrick und zur Versuchung wird, in der man fällt. Man soll vor allem und am ersten nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit trachten, das andere soll − als unbedeutenderes Lebensgut − zufallen: und nun wird das durch Gottes Gnade zufallende Kleine zur Hauptsache, darüber man das höchste Gut verliert, und um ein Linsengericht verkauft man die Erstgeburt, welche ein Anrecht auf weit aussehende, ewige Verheißungen gibt. Welch eine Täuschung, welch ein Selbstbetrug, welch ein Jammer, ehe man ihn einsieht und fühlt, und vollends wenn man ihn fühlt und einsieht! Und welch eine Leere, welch eine Eitelkeit der Seele, wenn nun Weib und Habe dahin fährt, ein jedes seine Straße, und die arme Seele inne wird, daß sie Gottes Berufung| um Vergängliches ausgeschlagen und das Einzige, was ewig bleibt, schnöde von sich gewiesen hat! In der That, ein Grauen vor einem solchen Ergehen überfällt mich. Ich greife prüfend in mein Inneres und seh euch, meine Brüder, sorgend und fragend an, ob doch unter uns keiner ist, der gleich den Geladenen um des Weges willen das Ziel versäumt hat oder noch versäumt? Eine warnende Stimme ergeht an uns alle und mächtig schrecke uns von jedem Selbstbetrug das Wort auf: „Ich sage euch, daß der Männer keiner, die da geladen sind, mein Abendmahl schmecken wird!“ Sie wolltens nicht schmecken, da sie an zeitlichen Gütern genug hatten; so sollen sies nicht schmecken, auch wenn sie darben und darnach hungern; das ist ihre Strafe − und die werde nur niemals die unsrige!

 Damit sie nicht die unsrige werde, damit wir, die Genöthigten, nicht einerlei Urtheil mit den Geladenen empfangen, so laßt uns des Rufes achten, den wir so völlig unverdienter Maßen empfangen. Die Ladung geschah durch Propheten, die Berufung, die Hereinführung zum Mahle, die Nöthigung geschah zuerst durch die Apostel, Propheten und Evangelisten des neuen Testamentes, gegenwärtig geschieht sie durch Aelteste, Hirten und Lehrer, also freilich durch Männer von ungleich geringerer Würde als in den ersten Zeiten. Nicht wenig Menschen ärgern sich an dem geringeren Ansehen derjenigen, welche jetzt berufen, und glauben, apostolischen Männern habe man weit leichter glauben, ihrer Botschaft sich weit leichter hingeben können. Allein sie befinden sich doch in einer gefährlichen Versuchung, aus welcher sie Gott, der HErr, durch das Licht Seines heiligen Geistes erretten wolle. Nicht zu erwähnen, daß auch die Berufenden der ersten Zeit ihren Zeitgenoßen nicht so sehr und hoch erschienen, wie sie wirklich waren und hernachmals erkannt worden sind, haben sie doch auch dem Inhalt nach keine andere Berufung gebracht als wir armen Aeltesten, Hirten und Lehrer, und was ihre göttliche Beglaubigung anlangt, so war sie zwar außerordentlicher, in die Sinne fallender, aber die unsrige ist nicht minder außer Zweifel und alles Zutrauens werth, sintemal auch uns der heilige Geist gesetzt hat, zu weiden die Gemeine Gottes, welche er durch sein eigenes Blut erkauft hat. Der HErr hat am Ende nur ein einziges Amt zur Berufung der Welt gestiftet und alle Unterschiede, welche unter seinen Boten jemals Statt hatten oder noch haben, sind doch nicht so groß, als die Einheit und Einigkeit, welche unter allen ist. Um derselben willen sagt auch der HErr im Evangelio nicht von Knechten, die er zur Berufung der Welt ausgesendet habe, sondern von Einem Knechte, von dem Knechte. Alle Seine Diener sind vor Ihm wie Ein Mann und sollten es auch vor den Augen der Menschen sein. Die Menschen sollten nicht auf die verschiedene Würde der Berufenden sehen, sondern auf den Einen göttlichen Auftrag, den sie haben, auf die Berufung. Man sollte nie den Knecht verachten, den man hört, und eines andern warten, sondern sich das Wort gesagt sein laßen: „Heute, so ihr Seine Stimme höret, verstocket euer Herz nicht!“ Es thut den Knechten Gottes weh, wenn sie mit ihrer Friedensbotschaft kalt von den Thüren gewiesen werden; aber ihr persönliches Wehe ist das Geringste, Gott tröstet sie wieder. Hingegen daß die Menschen, welche Gottes Knechte von den Thüren weisen, damit die himmlische Berufung abweisen, das Abendmahl der Zeit und eben damit das ewige Abendmahl versäumen, sich um die Gnade Gottes bringen, verloren gehen sollen und werden, − das, das, ja das ist schlimm, sehr schlimm, das ist ein unüberwindliches Wehe für die abgewiesenen Knechte hier und für die Abweisenden selber mindestens dort in der Ewigkeit. Deshalb wiederhole ich es und zwar mit möglichstem Nachdruck: Man sollte keinen Knecht verachten, der zum Abendmahl ruft! Jeder sollte dem Rufe deßen Gehorsam leisten, den er hört, damit er nicht mit dem Knechte auch die Zeit versäume, die ihm für seine Berufung zugemeßen ist.


 Von dieser Zeit der Berufung und ihrer Dauer, habe ich euch, meine Freunde, ehe wir schließen, noch etwas zu sagen. Für die Welt im Allgemeinen dürfen wir annehmen, daß die Zeit der Berufung dauern werde bis ans Ende und bis zur Wiederkunft des HErrn. Der HErr fristet das Alter der Welt in keiner andern Absicht, als in der, noch vielen Tausenden die Stimme Seiner Berufung und damit Seiner Gnade kund werden zu laßen. Was die Einzelnen anlangt, so haben wir Ursache genug, zu versichern, daß ihrer einem jeden die Stimme der Berufung| bis ans Ende vergönnt sein werde. Wenn wir von einer Ordnung des Heils reden und innerhalb ihrer von gewissen Stufen; so ist nicht die Meinung, daß eine Stufe nach der andern ganz in derselben Weise zurückgelegt werden müße, wie bei einer natürlichen, aufwärts führenden Treppe, wo man die nächste Stufe füglich nicht eher erreichen soll, als bis man die vorige erstiegen und sie damit überwunden hat. Die Stufen der Heilsordnung sind zwar allerdings von der Art, daß man die zweite oder dritte nicht erreicht, ehe man die erste unter den Füßen gehabt hat; aber man würde das Gleichnis von einem Stufengang doch zu weit treiben, wenn man die Behauptung aufstellen wollte, man werde mit einer jeden Stufe vollständig fertig und überwinde sie ganz, ehe man die nächste beschreite. Man wird erst berufen und dann erleuchtet und dann gerechtfertigt und dann geheiligt im rechten einigen Glauben; aber die Berufung ist nicht zu Ende, wenn man anfängt, erleuchtet zu werden, die Erleuchtung hört nicht mit der Rechtfertigung auf, − sondern im Gegentheil: Berufung und Erleuchtung gehen auch im Zustande der Heiligung fort und selbst der Heiligste auf Erden vernimmt die Berufung alle Tage wieder. So lange noch „Stücken Finsternis“ im Menschen sind, hat er noch einen Fuß in der Welt, welchen vorwärts zu setzen er berufen wird. So geht also die Berufung nicht bloß immer zu, indem sie sich immer an andere Menschen wendet; sondern sie ist ein immer schallendes Wort auch an dieselben Personen, welche sie einmal vernommen haben. Je heiliger einer wird, desto lauter und dringender ergeht sie an ihn, und je mehr ihr das Werk gelingt, desto unabläßiger läßt sie sich hören, ruft, führt freundlich von dem, was im Menschen noch Welt ist, hinweg und nöthigt mit angelegentlichster Liebe zum Abendmahle des HErrn und von Genuß desselben zu Genuß bis zum Vollgenuße hinzu. Wenn aber das Leben zu seiner Grenze gekommen und der letzte Hauch verweht ist, wenn es stille wird in der Brust des Sterbenden; dann schweigt auch sie, dann wird auch sie stille, und in der Ewigkeit gibts keine Berufung mehr. Hier ist die Zeit der Berufung − hier ist das Abendmahl, zu welchem sich alle Berufenen versammeln sollen; wer hier des göttlichen Mahles nicht genoßen hat, kommt auch nicht zum ewigen Abendmahle, in Abrahams Schooß, in Lazari Gesellschaft. Darum ist die Lebenszeit eine so ernste, folgenschwere Zeit und die Berufung eine so hochwichtige Sache, und grauen- und schaudervoll ist der gesetzte Fall, daß wir vielleicht die Berufung, wie der reiche Mann, versäumen und unser ewiges Heil verträumen möchten. Es werden die Geladenen verworfen, welche den Ruf verachten; ein unwiderrufliches Gotteswort verweigert den Geladenen, die nicht hörten, für immer den Theil am ewigen Abendmahle. Wie viel mehr werden wir, die wir gerufen, geführt, genöthigt sind und noch immer werden, Ausschließung von den ewigen Freuden zu gewarten haben, wenn wir Gottes treuen Zuruf nichts achten und seine heilsame Gnade mit Füßen treten! Die Genöthigten, zu denen Gott den ganzen Tag liebende Arme und rettende Hände ausbreitet, sind gewis nicht minder schuldig, als die Geladenen, wenn sie zum Mahle hier, zum Mahle dort nicht kommen, wenn sie verloren gehen! Darum prüfe sich ein jeder, jedermann schlage an seine Brust und eilends stehe jeder auf vom Schlaf der Sünden und folge dem himmlischen Rufe: Ein warnender Aufruf geschehe insonderheit an die Anfänger im Haushalt und an die Neuvermählten, die noch nicht über Hab und Gut und über Frauenliebe sich erheben können, die Gefahr laufen, um Ackers und Viehes oder auch um des Weibes willen die edle Seele zu verabsäumen und das Abendmahl hier und dort zu verlieren! Eine Warnung ergehe auch an die alten, geübten Haushälter, die den Haushalt wohl verstehen, und eben deshalb in seinen Feßeln freiwillig gehen und durch ihr Geschick und ihre Gabe angehalten werden, das ewige Heil zu bedenken! Eine Warnung endlich ergehe auch an alle Arbeiter im heißen Sommer: der glühende Sonnenstrahl und die dringende Arbeit helfen zusammen, die Seelen zu benebeln, das Ohr für den himmlischen Ruf zu betäuben, das Auge zu blenden, daß man die Straße nicht recht erkennt, die man wandelt! Wann mehr als im heißen Sommer drückt die irdische Hütte den zerstreuten Sinn! − Der HErr unseres Berufes gedenke unser in Seinem Heiligtum und verleihe uns allen, daß wir Seinen Ruf vernehmen und Ihm folgen mögen. Seinem Rufe nach laße Er uns zum sichern Frieden des ewigen Lebens gelangen! Amen.




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