Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Trinitatis 03

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Am dritten Sonntage nach Trinitatis.

Evang. Luc. 15, 1–10.
1. Es naheten aber zu Ihm allerlei Zöllner und Sünder, daß sie Ihn höreten. 2. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murreten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an, und ißet mit ihnen. 3. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: 4. Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat, und so er deren eins verlieret, der nicht laße die neun und neunzig in der Wüste und hingehe nach dem verlornen, bis daß er es finde? 5. Und wenn er’s funden hat, so legt er es auf seine Achseln mit Freuden. 6. Und wenn er heim kommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freuet euch mit mir; denn ich habe mein Schaf funden, das verloren war. 7. Ich sage euch, also wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße thut, vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen. 8. Oder welches Weib ist, die zehn Groschen hat, so sie deren einen verliert, die nicht ein Licht anzünde und kehre das Haus und suche mit Fleiß, bis daß sie ihn finde? 9. Und wenn sie ihn funden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freuet euch mit mir; denn ich habe meinen Groschen funden, den ich verloren hatte. 10. Also auch, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße thut.

 AUs dem Evangelium des letztvergangenen Sonntags wißen wir, daß der gnadenreiche Gott so Heiden, wie Juden zu Seinem Reiche hier, zu Seinem Reiche dort beruft, herbeiführt, nöthigt. Das heutige Evangelium zeigt uns den Sohn Gottes selbst mitten unter Zöllnern und Sündern, wie er das seligmachende Werk der Berufung vollbringt. Daraus erkennen wir den großen Ernst der göttlichen Berufung. Denn wenn der HErr Sich nicht begnügt, Seine Knechte auszusenden und durch sie den Verlorenen sagen zu laßen: „Kommet, es ist alles bereit!“, wenn Er Selbst unter den Verlorenen wandelt und mit freundlichem Ernste sie von der Welt und Sünde zu sondern und Seiner Heerde beizufügen trachtet; so kann kein Zweifel an Seinem gnädigen Willen sein, zu deutlich spricht Sein Thun dafür, daß Er niemand verloren gehen laßen, sondern einen jeden zur Erkenntnis der Wahrheit bringen und selig machen will. Eine so unverkennbare Offenbarung des göttlichen Gnadenwillens gegen alle Sünder konnte freilich den Pharisäern nicht gefallen. Zufrieden mit sich selber, waren sie der Meinung, der HErr müße, so gewis Er Anspruch darauf machte, für den verheißenen Messias aufgenommen zu werden, ihnen vor allen Sein Wohlgefallen, andern, die nicht wie sie waren, Sein Misfallen bezeigen, Sich mit ihnen verbinden, mit ihnen gemeinschaftliche Sache machen, andere aber, zumal verrufene Sünder und Zöllner von Sich weisen und so wenig mit dergleichen Pöbel Gemeinschaft machen, als sie es selbst thaten. Im Selbstbetrug erheuchelter Gerechtigkeit war es ihnen etwas Unausstehliches, Gott als einen Hort der Verlorenen und Seinen Messias als Sünderheiland zu denken. Selbstgerechte Heuchler lieben das Verlorene nicht, suchen es auch nicht, freuen sich nicht, wenn es gefunden wird; ihr unreines, misgünstiges, neidisches, hochmüthiges Herz weiß in solchem Falle nur zu schelten und zu murren, wie wir denn auch von den Pharisäern und Schriftgelehrten lesen: „Sie murreten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und ißet mit ihnen.“ Daß der HErr durch ein solches Benehmen der Pharisäer und Schriftgelehrten in Seinem Thun nicht irre wird, versteht sich von selbst. Er kann nichts bereuen, was Er begonnen hat, weil all Sein Thun göttliche Weisheit ist und nach unwandelbarem Rath geschieht. Er ist einmal gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, und dabei bleibt es, es widerspreche die Erde oder die Hölle. Er hätte das Murren der Pharisäer und Schriftgelehrten mit| Stillschweigen übergehen können, wie Er ja vieles hörte, ohne es zu besprechen; aber dazu war Er zu sehr Sünderheiland und auch Sein Wunsch, die Pharisäer und Schriftgelehrten von der Straße des Verderbens ab und auf den Weg des Heiles zu rufen, war zu heiß und tief, als daß Er ihnen nicht hätte eine Vertheidigung Seines Thuns gegenüberhalten sollen, die, wenn sie nur nicht boshaft widerstrebten, sie von ihrem hochmütigen Irrtum heilen und zur Verehrung Seiner Wege bringen konnte. Diese Vertheidigung Seiner Sünderliebe ist es, welche wir in unserm Evangelium lesen und welche wir mit einander betrachten wollen. Hoffentlich sind wir nicht auch Pharisäer, sondern zählen uns gerne zu den erlösungsbedürftigen Zöllnern und Sündern. Wie dem aber auch sei, auch wenn wir Pharisäer wären: die Schutzrede, welche der HErr Seiner Sünderliebe hält, wird uns allen heilsam sein und nur um so heilsamer, je genauer und tiefer wir sie erkennen.

 Die ganze Vertheidigung des HErrn, so weit sie in den zwei Gleichnissen von dem verlorenen Schaf und Groschen enthalten ist, gründet sich, es kurz zu sagen, auf das Eigentumsrecht, das Er an alle Menschen, auch an die Verlorenen hat. Aus dem Eigentumsrechte folgt alles Sein Thun, wie Er es gegen die Sünder und Zöllner übte, und wie Er es so überaus schön und lieblich in den zwei Gleichnissen unsers Textes schildert. Was irgend einer seinem verlorenen Eigentume zu Liebe thut, das thut der HErr zu Liebe der verlorenen Sünder. Wie muß es in die Seele der neidischen Pharisäer und Schriftgelehrten eingeschnitten haben, und wie sanft muß es den armen Zöllnern und Sündern gethan, wie tief muß es sie vor dem HErrn in den Staub gebeugt haben, als Er ihre Schuld gar nicht berührte, sondern nur von ihrem Unglück, von ihrer Verlorenheit und von ihrer Wiederbringung zur seligen Heerde, zum sichern Schatze redete! Zwar ließ es der HErr dabei nicht; im strengsten Zusammenhang mit unserm Evangelium steht jenes berühmte Evangelium vom ungerechten Haushalter, das wir am neunten Sonntage nach Trinitatis aus Lucä 16 lesen, und in demselben werden die getrösteten Sünder und Zöllner zur Heiligung angeleitet und ihre Schuld dermaßen ans Licht gekehrt, daß es kein anderer Lehrer in gleichem Maße vermocht hätte. Aber vornherein in Seiner Rede spricht der HErr kein scharfes Wort gegen die verlorenen Schafe, die Er wiedergefunden hatte, − kein Wörtlein, das ein Pharisäer irgend sich und seiner Richtung zu Gunsten und zur Entschuldigung hätte deuten können. Er ist ganz Trost, ganz Liebe zu den verloren gewesenen, nun wieder gefundenen Schafen und die Freude des Himmels über Sünder, die Buße thun, spricht aus jedem Wort und Laute unsers heutigen Textes. So wollen wir denn auch ganz bei Seinen Worten bleiben und nur in Seinem Sinne reden, und wenn sich darüber ein Pharisäer unter euch ärgern will, so soll uns seine Sünde leid sein, aber unsere Freude an diesem süßen Evangelium, das wir alle so sehr bedürfen, soll uns deshalb nicht verkümmert werden. Laßet mich euch unverweilt aus meinem Texte einen Strauß heilsamer und heiliger Gedanken reichen, an dem der Geruch der großen Liebe hafte, die ich nicht schöner für Sünder, nicht ärgerlicher freilich auch für Pharisäerohren nennen kann als Sünderliebe.


 1. In dem ersten Gleichnis redet der HErr von vielen unverlorenen und Einem verlorenen Schafe, in dem zweiten von vielen unverlorenen und Einem verlorenen Groschen. Beide Male meint Er unverlorene und verlorene Menschen, − und beide Male bezeugt Sein heiliger Mund Liebe zu denen, die nicht verloren sind und die es sind. Oder meinen wir etwa, daß der HErr in den beiden Gleichnissen nur Liebe zu dem Verlorenen ausspreche? Geht ihm etwa das Verlorene nur so lange zu Herzen, als ers verloren hat, und wenn ers gefunden hat, achtet ers nicht mehr? Sind denn die unverlorenen andere Menschen als die verlorenen? Waren sie nicht auch zuvor verloren, wurden sie nicht auch gesucht, gefunden und gesichert? Wenn sie aber auch einst verloren, nun aber gefunden und nicht mehr verloren sind, warum soll sich die Liebe des guten Hirten, warum die Liebe des suchenden Weibes, der heiligen Kirche, von ihnen gewendet haben? Unser Gleichnis redet nicht von der Liebe Christi, die sich in der Heiligung, Erhaltung und Vollendung seiner wiedergefundenen Schafe kund gibt; aber damit ist sie nicht geleugnet; der HErr hat nur hier die besondere Absicht, die Liebe zu seinen verlorenen Schafen zu preisen, an anderen Orten weiß er uns genugsam vorzustellen, wie Ihm Seine gefundenen niemand aus den Händen reißen könne, wie Er ihnen das ewige Leben| gebe, sie vollbereite, stärke, kräftige, gründe, sie heilige, auferwecke und kröne. Mütter pflegen oftmals auszusprechen, daß ihnen unter ihren Kindern keines lieber sei, als dasjenige, welches gerade leide oder in einer Gefahr sei. Ich möchte diese mütterliche Schwachheit nicht neben die Liebe JEsu zu den Verlorenen stellen, denn Er ist vollkommen und liebt alle, die Er erlöset, erworben und gewonnen hat, mit himmlischer, gleicher Liebe, wenn Er schon einem jeden diejenige Liebeserweisung zuwendet, die er gerade bedarf. − So sehe ich denn in unsern Gleichnissen ein Bild der Menschheit, wie sie getrennt ist in Gewonnene und noch Verlorene, ein Bild der Kirche, die da ist eine Sammlung der Gewonnenen und eine Rettungsanstalt, ein Sammelplatz der Verlorenen, eine Beschreibung der mancherlei Liebe Christi, die, unabhängig von bisheriger Annahme oder Abweisung Seiner errettenden Hilfe, die reuigen und die stolzen, irrenden Sünder umfaßt, jene hält und heiligt, diese sucht und fröhlich findet. Ich sehe die vollkommene Liebe meines Erlösers zu allen Menschen, weil sie alle Sein sind nicht bloß durch die Schöpfung, sondern auch durch den Kampf am Kreuze, − und diese Erkenntnis macht meine Seele froh und begierig, auch so zu lieben, wie mein HErr geliebt hat.

 2. Was insonderheit die Liebe zu den Verlorenen anlangt, so verwundere ich mich, daß unser HErr nach beiden Gleichnissen Sich ein Suchen zuschreibt. Da Er sucht, um selig zu machen, so liegt dem Suchen ein Sehnen und Verlangen, ein herzliches Wohlwollen und Lieben zu Grunde, − und obwohl das nach dem, was wir bereits vernommen haben, gar nicht anders sein kann; so wird es doch eine Ursache hier auf Erden zunehmender, dort sich vollendender Verwunderung sein. Liebe, Verlangen und Begehren erstreckt sich unter den Menschenkindern insgemein auf das Liebenswürdige, Heilige, Wahre, Schöne, − und wenn ein Mensch sich liebend zu Unwürdigem, Häßlichem, Bösem, Falschem wendet, so sorgt man nicht bloß seinetwegen, sondern man fürchtet, es möchte sein eigenes Gemüth unwürdig, häßlich, böse, falsch geworden sein. Eine solche Scheidung zwischen dem Unwürdigen und der Person, in und an der es haftet, daß man jenes haße, diese aber liebe, liebend diese von jenem zu befreien trachte, ist nicht natürlich, sondern so übernatürlich, daß schon der Gedanke davon in keinem menschlichen Herzen entsprungen ist und die Kraft dazu nimmermehr von der Erde stammen kann. Der wunderbare, heilige Widerspruch zwischen Liebe zur Person und Haß ihrer schlimmen Eigenschaften, der sich am Ende in einer siegreichen Verklärung der geliebten Person und in einer Erlösung und Reinigung derselben von allem Bösen auflöst, ist erst mit dem guten Hirten der verlorenen Schafe in die Welt gekommen und ein herrliches Erbe der Braut des HErrn, welcher Er an all Seiner Güte und Treue und Vollkommenheit Theil gibt. Wir wollen, geliebte Brüder, den HErrn, unsern Hirten, ewig für Seine heilige und heiligende Liebe zu dem Verlorenen loben! − Doch habe ich über diese suchende Liebe unsers HErrn noch etwas zu bemerken, was mir nicht minder wunderbar vorkommt. Der HErr liebt die verlorenen Schafe − und ist allwißend, allgegenwärtig, allmächtig; er könnte also vermöge Seiner göttlichen Kraft die verlorenen Schafe plötzlich erhaschen und umwandeln. Aber das will Er nicht und thut Er nicht. Wie Er allewege die Menschen nicht behandelt, als wären sie Holz oder Stein in Seiner mächtigen, bildenden Hand; wie Er immer dem Menschen fragend, anbietend, überzeugend naht und keine Seiner Segnungen in sein Herz wider seinen Willen oder gar trotz seines offenbaren Widerstrebens legt; so auch hier − Er hascht nicht plötzlich, ändert die Schafe nicht gewaltsam, sondern Seine Liebe zu den Verlorenen gibt sich in einem wunderbaren, angelegentlichen Suchen kund, in einem treuen freundlichen Nachgehen, immer erneutem Annahen, in überzeugenden Reden, in herzlichem Zuruf, in dringender Warnung, in kräftiger Ermunterung. Ein plötzliches Haschen und Umändern schiene wunderbarer, aber das heilige Suchen ist wunderbarer, und in der Welt wüßte ich für die göttliche Liebe zu den verlorenen Sündern keinen herrlicheren, überschwänglicheren Ausdruck als den des Suchens.

 3. Bisher, geliebte Brüder, haben wir aus dem Gleichnis die Darstellung der Sünderliebe genommen; nun kommen wir aber in der Ordnung der Betrachtung zu einem Punkte, in welchem die Sünderliebe JEsu das Gleichnis weit hinter sich läßt. Denn ein Hirte, der ein verlorenes Schaf sucht, muß nicht mit dem Herzen, wohl aber mit der persönlichen Gegenwart die versammelte Heerde verlaßen; ein Weib, welches einen verlorenen Groschen sucht, wird auch kaum, während sie sucht, die neun unverlorenen Groschen in| der Hand behalten; Christus hingegen ist so weit über Hirten und suchende Frauen erhaben, daß Er, indem Er suchen geht, dennoch bei Seinen versammelten Heerden bleibt, und indem Er das Haus nach einem verlorenen Groschen durchspäht, die andern fest in Seiner Hand behält. Da Er immer sucht und ruft bis ans Ende der Tage, so müßte Er um der Verlorenen willen die Gefundenen bis ans Ende alleine laßen; oder umgekehrt, da Er ewig bei den Seinen bleibt, so könnte Er nicht suchen, wenn Er Menschen gleich zu rechnen wäre. Er ist aber allgegenwärtig − im Himmel bei den ewig gewonnenen Schafen, auf Erden bei der Heerde, die ohne Ihn den Weg durchs Todesthal und zum himmlischen Zion nicht findet, in der Welt bei den verlorenen Schafen, die Ihn nicht suchen, die Er Selbst suchen muß, wenn sie gefunden werden sollen. Während wir jetzt von Ihm reden, wird Er im Himmel von allen Engeln und Auserwählten angebetet, − verweilt Er zugleich segnend in der Mitte Seiner Gläubigen auf Erden, − sucht Er auch die verlorenen, von Ihm fliehenden Schafe in ihren verborgensten Schlupfwinkeln auf. Daß Er der Liebe nach keinen versäumt unter allen, die je sein waren und wurden oder es werden können, haben wir oben vernommen. Eben so gewis ist, daß Er mit Seiner Gegenwart und Macht, mit Seinem Werk und Seiner Wohlthat von keinem weicht. Schon da Er auf Erden im Fleische lebte, redete Er von Seiner auch damals andauernden Gegenwart im Himmel; wie viel mehr wird Seine Gegenwart an allen Orten Seiner Herrschaft nun zu predigen und zu preisen sein, da Er über alle Himmel erhöht ist und eingetroffen das Wort: „Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ Vor einem solchen Hirten, liebe Brüder, wollen wir Kniee beugen und nicht zweifeln, daß es Ihm bei vielen gelingen werde mit dem Werke Seiner Liebe, mit Seinem Suchen, Finden und Seligmachen!
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 4. Besondern Preises würdig ist der große Fleiß und die unermüdete Geduld, welche gemäß unsern Gleichnissen der HErr im Suchen verlorener Schafe beweist. Jener, der Fleiß wird besonders im Gleichnis von dem verlorenen Groschen hervorgehoben. Das Weib zündet ein Licht an, kehrt das Haus, durchsucht und durchspäht es mit Fleiß: worauf soll das sonst deuten, wenn nicht auf den großen Fleiß des HErrn im Suchen verlorener Seelen? auf jenen Fleiß, den Er eben damals bewies, als Er die Gleichnisse erzählte, da Er unter Zöllnern und Sündern suchte: um je einen oder etliche zu finden und selig zu machen? Wiewohl es nicht nöthig ist, sich auf den einen Fall zu beschränken, welcher Anlaß so herrlicher Reden im 15. und 16. Cap. St. Lucä wurde! Wir wißen ja, daß der HErr über drei Jahre lang das heilige Land vom Norden bis zum Süden durchzog, durchsuchte und durchspähte, um verlorene Schafe zu finden! Seine heilige Sorgfalt, Seelen zu erretten, hat sich während der ganzen Zeit Seiner Amtsführung so oft und in so hellem Lichte gezeigt, daß ein Hirte, der verlorene Schafe, ein Weib, das einen verlorenen Groschen sucht, nur Schattenrisse seiner suchenden Liebesgestalt sein können. Jetzt freilich ist Er erhöhet, auch Sein menschlich Auge bedarf nun kein Licht mehr, und Er braucht nicht mehr mit Besemen Sein Haus zu kehren, um verlorene Groschen zu suchen. Er weiß Seine Verlorenen und braucht überhaupt nicht mehr so zu suchen, wie Menschenkinder. Aber an Seiner Stelle sucht auf Erden Seine Braut, die heilige Kirche, nach ihres Bräutigams verlorenen Groschen, und wie sie es an Ihm drei Jahre lang gesehen, so thut sie seit Seiner Auffahrt immerzu; sorgfältig, menschlich, unermüdet sucht sie − und so genießt die verlorene Schaar der Sünder zugleich das göttliche Suchen ihres Hirten, der sie erkauft hat, und das menschliche des Weibes, Seiner Braut. Wir könnten euch von dem treuen Suchen JEsu und Seiner Braut, wenn es sein sollte, viel sagen, denn wie ist die suchende Gottes- und Bruderliebe so mannigfaltig und erfinderisch! Indes wird das eurem eigenen Nachdenken überlaßen, und für den Augenblick möchte ich eure Seelen vielmehr also lenken, daß sie die große Geduld des HErrn in Seinem Suchen wahrnehmen. Von dem Hirten heißt es: „Er geht hin nach dem Verlorenen, bis daß ers finde“ und von dem Weibe: „Sie sucht mit Fleiß, bis daß sie den verlorenen Groschen finde.“ Bis daß er finde, bis daß sie finde − diese Worte reden von der unermüdeten Geduld JEsu in Seinem Suchen. Er will diese Geduld von uns erkannt wißen und gepriesen sehen, daher diese Worte; wir aber müßen, um sie richtig zu erkennen und würdiger zu preisen, uns recht klar machen, wie weit hinaus über das Maß des suchenden Hirten und Weibes Seine suchende Geduld geht. Der Hirte, das Weib suchen in Hoffnung zu finden, die Hoffnung hält| ihre Geduld aufrecht; der HErr hofft nicht blos zu finden, sondern Er weiß, daß Er findet, und in so fern ist Sein Suchen viel ruhiger, ohne jene ängstliche Spannung, welche dem Hirten und dem Weibe das Suchen zu einem Leiden macht. Mit dieser Bemerkung, daß Er ruhiger, sicherer, zuversichtlicher sucht, soll übrigens nicht gesagt sein, daß des HErrn suchende Liebe und Erbarmung weniger heiß und brünstig sei. Im Gegentheil, wir sind auf dem Wege, die Glut Seiner Liebe weit, himmelweit über die Liebe eines jeden suchenden Menschen zu erheben. In die Hoffnung des suchenden Hirten und Weibes mischt sich, wie wir bereits vernahmen, eine ängstliche Spannung, welche ihren Grund in der Möglichkeit hat, daß man vielleicht auch nicht findet, was man sucht. In des HErrn Suchen mischt sich keine Angst, denn Er weiß, wen Er finden wird, wer sich wird finden laßen, Er sucht in tiefster Ruhe, mit aller Zuversicht. Aber − und das ist die wunderbare andere Seite − Er weiß auch, wer und wie viele sich nicht werden finden laßen, an wem und wie vielen Sein treuer Fleiß des Suchens keine Frucht bringen wird − und Er sucht doch auch diese, sucht sie unermüdet, sendet ihnen einen Boten Seiner Liebe um den andern, Boten im rosigen Gewande des Friedens und der Freude und Boten im Trauergewande und im rauhen Kleide Eliä, läßt sich durch nichts ermüden, weiß auf tausenderlei Wegen zu nahen − und hört nicht auf, so lange der Hauch in der Brust des Verlorenen aus- und eingeht; ja, je näher das Ihm wohl bewußte Ende des Laufes hier auf Erden, desto eifriger wird Er, desto dringender naht Er, ruft Er, sucht Er, − und weiß doch, daß Er nicht erhört wird mit Seinem Ruf und nicht erkannt, nicht aufgenommen in Seiner Liebe. Das begreife, wer kann! Welcher Mensch strengt seine Kraft an, wenn er zuvor weiß, daß er sie vergeudet? Das ist nicht menschlich, das ist göttlich, lieben und es nicht laßen können und mit Liebe den Verlorenen verfolgen, bis er jenseits des Todes, im Lande des Schauens nicht mehr dem Erbarmen, sondern dem gerechten Gerichte Gottes anheimfällt. Was ist das, o liebe Brüder, für eine Liebesglut des HErrn JEsus, die gleich der Sonne alle Menschen bescheint, die in die Welt kommen, vor deren Hitze wie vor der Sonnenhitze nichts verborgen bleibt! Dieser Liebesglut entziehe sich keiner, und wer sich bisher entzogen hat, entziehe sich nicht mehr, sondern laße sich finden und lohne dem ewigen Erbarmer − ach wie red ich! lohne Ihm durch Annahme Seiner Barmherzigkeit, mach Ihm die Freude des Findens.
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 5. Von dieser Freude des Findens haben wir, theure Freunde, noch einiges zu reden[.] Ihr erinnert euch des Gleichnisses von dem verlorenen Sohne, welches in unserm Textcapitel unmittelbar auf das heutige Evangelium folgt. Schon in diesem Gleichnisse ist die Freude über das Wiederfinden des Verlorenen mit starken Zügen und Farben gemalt. Jedoch da möchte man noch eher der Verwunderung sich entschlagen. Es ist ein Vater, der seinen Sohn wiederfindet. Auffallender aber ist diese Freude über das Finden des Verlorenen in unserm Evangelium geschildert. Ein Hirte findet ein Schaf, ein Weib findet einen Groschen − und doch ist die Freude, welche dies Wiederfinden erregt, so groß, als nur immer die Freude bei dem Wiederfinden des verlorenen Sohnes beschrieben wird. Und wer ist nun das Schaf oder der Groschen? Verlorene, sündenbeladene, fluchwürdige Menschenkinder sind es, die gegenüber ihrem Schöpfer und Erlöser nicht werth sind, Söhne oder Töchter genannt zu werden: Schafe, Groschen möchten sie viel eher genannt werden dürfen, das bezeichnet viel treffender ihren himmelweiten Abstand von dem, der da sucht. Und doch ist über sie bei ihrem Finden eine so große Freude, eine Freude, welche von dem HErrn auf das Finden eines Schafes oder Groschens absichtlich übergetragen wird, damit sie an diesen Beispielen desto auffälliger sei, desto beschämender und lockender auf uns arme Schafe wirke. Wer hätte, wenn wir nicht solche Versicherungen hätten, jemals wagen dürfen, der verlorenen Menschenseele einen solchen Werth in den Augen Gottes beizulegen, daß Gott der HErr sich über ihr Finden freue, daß ihre Heim- und Wiederkehr eine Ursache göttlicher Wonneerregungen werden könne? Und nun diese Freude, wie sie unser Evangelium beschreibt! Nehmt doch der Worte war, welche gebraucht werden, und erwäget sie in eurem Herzen. Der Hirte legt das wiedergefundene Schaf „auf seine Achseln mit Freuden“ − und warum? Gewis nur, um es zu seinen übrigen Schafen zu bringen und es fortan mit ihnen zu leiten und zu weiden. Was liegt nur alles schon in der Anwendung dieser Worte auf JEsum und auf uns! Wiedergefundene Schafe auf den Achseln JEsu, von Ihm zu Seiner Heerde getragen: wer sollte ihr Looß nicht überschwänglich finden! Wie| muß Er Seine verlorenen Menschen lieben, daß Er solche Gleichnisse auf sie macht, auf sie ausdeuten läßt und gemäß diesen Gleichnissen handelt. Wenn von den Israeliten in der Wüste das Gleichnis geschrieben steht, Gott habe sie auf Adlersfittichen getragen: so ist es majestätisch zu lesen, − aber ich ziehe es doch vor, wenn mein Heiland von mir sagt, Er wolle mich auf Seinen Achseln tragen bis zu Seiner sichern Heerde, bis zu Seinen Schafen, die nicht mehr verloren werden. Indes, ich merke, daß meine Freude an dem Benehmen unsers HErrn gegen wiedergefundene arme Sünder mir den Blick für Seine Freude getrübt hat, daß mehr die Erfahrung, als das Anschauen Seiner freudenvollen Liebe mich bewegt! Drum will ich mit Ernst einlenken und die unbegreifliche Freude unsers HErrn fester ins Auge faßen. Im Gleichnis heißt es von dem Hirten: „Wenn er heimkommt, ruft er seinen Freunden und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freuet euch mit mir, denn ich habe mein Schaf funden, das verloren war.“ Und ganz ähnlich heißt es von dem Weibe, das ihren Groschen wieder fand: „Wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihren Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freuet euch mit mir, denn ich habe meinen Groschen funden, den ich verloren hatte.“ Und die Auslegung auf unsern HErrn brauchen wir nicht mühevoll zu suchen, sie ist vom HErrn selbst gegeben, zweimal in den kurzen Worten des einen heutigen Evangeliums. „Ich sage euch, spricht der HErr, also wird auch Freude sein im Himmel über einen Sünder der Buße thut, vor neun und neunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen.“ „Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße thut.“ Es freut sich also der HErr, unser Hirte, wenn Er uns findet, und Seine Heimat, der Himmel, und deßen Bewohner, die Engel, werden zu Seiner Freuden Theilnahme gerufen, es wird ihnen die Kunde von dem Wiederfinden jedes verlorenen Menschen mitgetheilt und die heiligen Engel feiern dann die Stunde des neuen Lebens und der Wiedergeburt eines armen Menschenkindes mit ihrem allerhöchsten König in Jubelklang. − Wenn mir einer sagen würde, der Himmel da droben drehe sich um mich und mir zu Gefallen schienen Sonne, Mond und Sterne, mir sei die Pracht der Erde vom Frühling bis zum Winter vermeint; so würde ich ihn wie einen Menschen ansehen, der mir unbändigen Hochmuth zuschriebe und sich entschloßen hätte, mein Laster zu meinem Unheil zu nähren. Denn was ist der Mensch, der Staub, gegen Himmel und Erde! Und nun höre ich Größeres. Wenn mich mein Heiland findet, freut Er sich mein, − Der freut sich mein, vor Dem sich Erd und Himmel neigt: und die heiligen Engel, die herrlicher sind als Sonnen, kennen mich alsdann, mein Heiland und mein Gott thut ihnen meine Bekehrung kund, und ich Staub, ich Sünder werde eine Ursache, daß sich um den Thron des Hirten und Königs aller Welten ein Freudenpsalm erhebt. Ich, der ich niemand hinieden Freude machen kann, ich Thränensohn, ich Schmerzenskind, ich kann den Himmeln Freude machen, wenn ich mich retten laße! − Wo sind die Engel, meine Brüder? Auf Zion, im himmlischen Jerusalem ist ihr Aus- und Eingang, dort sammeln sie sich ab und zu bei dem Mittler des Neuen Testamentes JEsu und zu Gott, dem Richter über alle. Und wohnen sie allein auf Zion, im himmlischen Jerusalem? Mit Nichten! Dort sind auch die Geister der vollkommenen Gerechten, die Seelen der vollendeten Christen, das sagt mir Ebr. 12. Es ist dort eine Gemeinde, bestehend aus Engeln und erlösten Menschenseelen. Wenn nun die Engel sich über einen Sünder freuen, der gefunden ward und Buße that, − wenn ihnen eine Kunde jedes heimkehrenden Verlorenen zu Theil wird, werden die Seelen der Abgeschiedenen nicht erfahren, warum ihre Nachbarn, die heiligen Engel, sich freuen? Werden sie sich nicht auch mitfreuen können und dürfen, sie, die eines Sünders Errettung näher als Engel angeht, sie, die selbst Sünder waren und gerettet und eine Freude der Engel wurden? Tagtäglich findet der gute Hirte Schafe, tagtäglich freuen sich darüber die Himmel, tagtäglich tönt der Lobgesang dem Lamme, das uns erkauft hat aus allen Geschlechtern und Sprachen und Zungen, − und am immerwährenden Freudenfeste in Zion nähmen die abgeschiedenen, heiligen Seelen nicht Theil, die auch in Jerusalem wohnen? Das sei ferne! Das sei ferne von dem, dem unsre Todten leben, der ein Gott ist der Lebendigen und nicht der Todten! Ich nehme es für gewis dahin, daß ihr, theure Freunde, euern Vätern noch im Himmel Freude machen könnet, wenn ihr euch bekehret! Es ist Freude im Himmel über einen Sünder der Buße thut − das wißen wir. Unsere Väter, unsere Mütter, die vielleicht um uns sorgend aus der Zeit giengen, die jenseits mit dem ewigen Hohenpriester ohne Unterlaß für uns beten, erfahren es, wenn| wir uns bekehren, und wir werden ihnen aufs neue und für ewig gegeben, von ihnen mit tausend Freuden gesegnet, wenn wir uns finden laßen, von ihnen mit Sehnsucht erwartet, mit himmlischer Wonne aufgenommen, wenn wir uns auf unsers HErrn Achsel heimtragen laßen zu den ewigen Hütten! Und wir sollten nicht daran schon Reizung genug zur Umkehr haben? Muß man uns erst wiederholen, wer uns sucht, wie Er uns sucht, wie lang, wie treu, wie fleißig Er uns sucht, − muß man uns erst hinweisen auf die ewige Pein, welche den in jener Welt umfängt, der hier nicht hörte? Zieht uns nicht schon die himmlische Gemeine − Christus, Seine Engel, unser seliges Volk, zu dem wir versammelt werden, zieht uns nicht schon die Freude, die wir ihnen machen, zu unserer Seligkeit?

 Ach, meine Lieben! Es sind vielleicht unter uns nicht neun und neunzig Gewonnene und ein Verlorener. Vielleicht sind neun und neunzig Verlorene da. Sucht der HErr einen Verlorenen so treu, so thut Ers vielen nur desto treuer. Er sucht euch alle von Herzen. Ich weiß, wie sich der Satan und sein Heer, ich weiß, wie sich die Rotte der Verlorenen, die sich nicht mehr finden zu laßen entschloßen haben, wehren, euch ziehen zu laßen, − wie sie mit Spott und Hohn, mit Lieb und Leid euch von dem Einen abzuhalten suchen, daß ihr euch von JEsu finden laßet, Buße thuet und Sein Eigentum werdet. Was achtet ihr aber auf die, welche euer ewiges Unheil wollen? Warum solltet ihr nicht vielmehr auf die achten, die euer ewiges Heil begehren? Habt ihr kein Ohr für den Zuruf JEsu, der euch erkauft hat mit Seinem heiligen und theuern Blute, − kein Ohr für die Stimme der heiligen Kirche, die von eurer Empfängnis an für euch gebetet und gesorgt hat? Wißt ihr nicht, daß der Himmel eine Freude von euch fordern kann, eure Bekehrung, daß die Engel schon die Schalen voll Rauchwerk, die Aeltesten des Himmels schon die Harfen bereit halten, daß alle Auserwählten schon begierig sind, eure Namen im Himmel angeschrieben zu sehen? Ich schwärme? Ist der Himmel öde? Oder nimmt Er keinen Theil an unserm Wohlergehen? Ihr leset ja, daß Freude sein soll über einen Sünder, der Buße thut, vor den Engeln Gottes. So erkennet, was nüchterne, heilige Wahrheit ist − und laßt euch finden. Gestattet eurem ewigen Erlöser, daß Er euch ewig glücklich, ewig selig mache. Gestattet es, die ihr auf euern Knieen darum Tag und Nacht solltet beten! − O HErr, verzeih gnädig uns armen Sündern! Amen.




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